Stuttgart 21 - Nadja - Michaela Harich - E-Book
Beschreibung

Stuttgart 2021 – die Landeshauptstadt ist abgeriegelt. Niemand kommt hinein, niemand kommt heraus, die Einwohner wurden evakuiert. Nur haben nicht alle Stuttgarter die Stadt verlassen. Nadja kämpft sich als Sechsjährige durch die Reihen der Einsatzkräfte und erhält Hilfe von Tobias. Zumindest scheint es im ersten Moment so. Schnell stellt sich für das verängstigte Kind heraus, dass Tobias vielmehr seinem eigenen Vater zu gefallen versucht, wobei er geradezu unfreiwillig den letzten Willen von Nadjas Vater aushebelt und den Initiatoren des Virus in die Karten spielt. Nadja ist jedoch trotz ihres Alters nicht völlig hilflos.

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Seitenzahl:92

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Vollständige E-Book-Ausgabedes mehrteiligen Stuttgart 21-Zyklus‘

Nadja

Copyright © 2017 Papierverzierer Verlag

Deutsche Erstausgabe 2017 by Papierverzierer Verlag, Essen

Covergestaltung: Mark Freier

Lektorat, Herstellung: Papierverzierer Verlag

ISBN 978-3-95962-104-5

www.papierverzierer.de

Inhaltsverzeichnis
Stuttgart 21 – Nadja
Impressum
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Michaela Harich

Kapitel 1

»Nadja? Ich bin es, Tobias. Ich kann dir nicht versprechen, dass alles gut wird, aber du bist jetzt in Sicherheit. Deine Mama und dein Papa schlafen jetzt. Aber du, du musst leben. Komm, wir gehen weg. Wir gehen weit, weit weg und bringen uns in Sicherheit.«

Nadja hörte die Stimme, wollte und konnte aber nicht reagieren. Ihr Blick ruhte noch immer auf ihren Eltern, die leblos vor ihr lagen. Sie war wie hypnotisiert und beobachtete, wie sich das Blut ihrer Eltern unter ihren Körpern ausbreitete. Ein unerklärlicher Schock lähmte sie. Kälte breitete sich in ihr aus.

Ihre Eltern waren tot, das war ihr klar, ganz egal, was Tobias erzählte, um sie zu beruhigen. Sie war trotz ihres Alters reif genug, um zu wissen, was geschehen war. Dass sie als Sechsjährige so anders war, war für ihre Mutter nie ein Problem gewesen. Tatsächlich war ihre Mama stolz gewesen, eine so schlaue und reife Tochter zu haben, die gerne ermittelte und »sich nicht andauernd erschreckte«, wie sie anderen Eltern immer wieder erzählt hatte. Nadja wusste aber, dass sie das nie wieder aus dem Mund ihrer Mutter hören würde. Das Gras raschelte unter seinen Füßen, als Tobias nähertrat. Widerstandslos ließ sie sich von ihm auf den Arm heben, sagte aber immer noch kein Wort zu ihm. Als er sie von den Leichen ihrer Eltern wegbrachte, fühlte sie nichts. Die Kälte hatte sie betäubt. Tobias schien davon nichts zu merken. Wie auch? Es waren ja nicht seine Eltern. Beruhigend strich er ihr über den Kopf und murmelte ihr Worte ins Ohr, die sie nicht verstand. Nadja konnte nur an den letzten Wunsch ihres Vaters denken: Sie musste den Rucksack beschützen. Durfte ihn nur jemandem geben, dem sie vertrauen konnte. Tobias trug sie weg, wie er gesagt hatte. Brachte sie an einen Ort, den er für sicher hielt. Nadja starrte auf die leblosen Körper ihrer Eltern, die in immer weitere Ferne rückten, und ihr Verstand weigerte sich, die Wahrheit anzuerkennen.

Motorengeräusche drangen zu ihr durch.

»Schau, sie holen uns ab. Wir bringen dich zu den anderen und dann bekommst du erst einmal Schokolade. Mit Schokolade wird alles besser.«

Nadja hörte Tobias’ Worte, begriff sie aber nicht. Sie klammerte sich an den Wunsch ihres Vaters und das eigene Verlangen, nach Hause zu gehen. Doch … es gab kein Zuhause mehr. Es gab niemanden mehr, der auf sie wartete.

»Nadja, alles wird gut. Irgendwie. Du bist jetzt erst einmal in Sicherheit. Niemand wird dir etwas tun, nichts wird dir geschehen.«

Ob er seine Worte selbst glaubte? Nadja konnte es jedenfalls nicht. Nichts würde wieder in Ordnung kommen. Ihre Eltern – das würde nie wieder gut werden. Sie ließ sich von ihm in eines der Fahrzeuge setzen und anschnallen, der Rucksack drückte ihr unangenehm in den Rücken. Doch als er versuchte, ihn ihr wegzunehmen, hatte sich ihr Herzschlag beschleunigt. Tobias hatte die Veränderung wohl gespürt, denn er hatte davon abgelassen, ihn ihr abnehmen zu wollen. Nun saß sie ihm also gegenüber, während er versuchte, ihr ein Gespräch aufzudrücken, um sie auf andere Gedanken zu bringen. Doch sie konnte keinen Gedanken festhalten, die Leere, die der Schock mit sich brachte, füllte sie aus.

»Nadja, ich bringe dich zu meinem Vater. Er wird dich untersuchen – nur zur Sicherheit, natürlich. Und dann bring ich dich zu meiner Mutter. Du kennst sie ja. Dein Papa und sie waren gute Freunde.«

Nadja hob den Kopf und sah Tobias an. Freunde? Seine Mutter hatte ihren Vater angegriffen!

»Du erinnerst dich sicher an diesen einen schrecklichen Dia-Abend, als Mama ihre Forschungsergebnisse präsentiert hat. Juli hat damals Popcorn gemacht und ihr habt mit Sirup Figuren gemalt. Das war, glaube ich, das einzig wirklich Interessante und Lustige an diesem Abend. Sogar Papa war gelangweilt – und der ist ja immerhin Forscher, wie du weißt. Du wirst sehen, das wird schon werden. Mama und Juli werden sich gut um dich kümmern. Das haben sie schon immer getan, wenn du bei uns warst.« Er lächelte sie an, doch sie schaffte es nicht, das Lächeln zu erwidern. »Nadja, ich kann mir nicht vorstellen, was du durchmachst, aber … du bist nicht allein. Das verspreche ich dir. Dafür sorge ich.« Er griff nach ihrer Hand.

Doch Nadja zuckte zurück. »Was geschieht jetzt mit mir? Was mach ich denn jetzt?«, murmelte sie. Sie sah Tobias, seit er sie aus dem Wald gebracht hatte, das erste Mal richtig an. »Ich will nach Hause. Aber … es gibt kein Zuhause mehr. Und auch du kannst es mir nicht zurückgeben.« Tobias zuckte zusammen, als träfen ihn ihre Worte mitten ins Herz. Sie wandte den Kopf, sah aus dem Fenster, beobachtete, wie die Landschaft vorbeiflog, und fühlte sich allein und verloren. Sie wollte bei ihrem Papa sein, bei ihrer Mama, und nicht bei jemandem, der mit der Situation überfordert war.

»Nadja, es … ich weiß nicht, was ich sagen soll.« Tobias seufzte.

Nadja ignorierte ihn. Sie wollte mit ihren Gedanken alleine sein. Im Glas der Fensterscheibe konnte sie sehen, wie er unter den Sitz griff und etwas hervorzog. Einen Teddy – aber warum? Und warum war er hier, in diesem Auto? Wem hatte er gehört? Wer hatte ihn hier vergessen? Ihre Neugier war geweckt und sie rutschte auf ihrem Platz herum. Den Umständen zum Trotz ließ ihr Entdeckungstrieb sich nicht kontrollieren.

»Woher kommt er? Wem gehört er?« Ihre Stimme klang fremd, so völlig anders. Tobias senkte den Blick, den Teddy in beiden Händen. Nadja beugte sich vor, so weit es eben der Sicherheitsgurt zuließ.

»Der Teddy gehörte einem Mädchen, so alt wie du. Sie hat auch viel durchgemacht, aber sie hat verloren. Leider war sie krank, sehr, sehr krank. So wie deine Mama. Deswegen konnte sie den Bären nicht behalten. Magst du dich an ihrer Stelle um ihn kümmern?« Er hielt ihr das Stofftier hin. Ein Ohr war angerissen, er sah mitgenommen aus. Zögernd, um etwas zu haben, woran sie sich festhalten konnte, ergriff sie ihn. »Solange er bei dir ist, bist du nicht allein. Vielleicht könnt euch ja gegenseitig beschützen, findest du nicht?«

Nadja hielt den Bären in den Händen und musterte ihn. Es war ein gewöhnlicher Bär, nicht mehr, nicht weniger. Wie sollte er sie beschützen?

»Schau nicht so skeptisch. Natürlich ist er nicht Schwert oder Schild, aber er wird die Einsamkeit von dir fernhalten, und du musst ihn davor beschützen, erneut zurückgelassen zu werden. Du kannst ihm doch ein guter Freund sein.«

»Ein Freund?«, wiederholte sie leise. Sie brauchte keine neuen Freunde, sie brauchte ihre Eltern. Ihre Hände verkrampften sich um den Körper des Plüschbären. Eine einzelne Träne rollte ihre Wange hinab und tropfte auf sein Fell.

Die Fahrt war nicht lang, aber sie kam ihr wie eine Ewigkeit vor. Als das Fahrzeug hielt und Tobias sich abschnallte, reagierte Nadja für einen Moment nicht. Den Bären fest in den Armen schluckte sie die Tränen hinunter, die sich vereinzelten ihren Weg freigekämpft hatten. Sie brauchte wohl zu lange, denn Tobias lehnte sich vorn und löste ihren Gurt.

»Komm. Keine Angst, das ist nur eine Zwischenstation. Das ist vielleicht ein wenig unheimlich hier, aber du musst echt keine Angst haben. Niemand wird dir hier etwas tun. Hier sind nur Ärzte und Überlebende – so wie du.« Er half ihr, aus dem Wagen zu klettern. »Sieht alles nicht sehr einladend aus, das weiß ich, aber glaub mir, es ist wie zelten.« Er nahm sie an der Hand, den Teddy hielt sie mit der anderen fest, und führte sie zu einer Reihe von großen, weißen Zelten. Soldaten salutierten ihm, und als er das Zelt betrat, wurde er freudig begrüßt. Er führte Nadja in die Mitte des Zeltes, so dass die Ärzte sie sehen konnten, sie aber nicht in die durch Vorhänge getrennten Kabinenblicken konnte.

»Meine Lieben, das ist Nadja. Sie ist eine Überlebende. Seid ein wenig nachsichtig. Das, was sie durchgemacht hat, ist echt beschissen.« Er zwinkerte ihr zu. »Sorry für die Ausdrucksweise. Lass bloß niemanden hören, dass ich fluche. Musst es dir ja nicht angewöhnen.«

Nadja erwiderte nichts. Sie fühlte sich unwohl, da alle sie anstarrten. Sie verstärkte den Griff um den Bären – und um Tobias‘ Hand. Angst breitete sich in ihr aus. Hier stimmte etwas nicht.

»Nadja, ich sagte dir doch, du brauchst keine Angst haben. Niemand hier wird dir etwas tun.« Er führte, nein, zog sie zu einer der Kabinen und deutete mit einem Nicken auf den Stuhl, der dort stand. »Setz dich, Nadja. Gleich kommt jemand und nimmt dir Blut ab, um zu schauen, ob du gesund bist. Das ist nun mal Pflicht. Ja, es ist nervig und tut auch weh, aber es muss sein. Das kann ich leider nicht verhindern. Es ist aber auch nur ein kleiner Piks, dann ist es schon auch wieder vorbei.«

Nadja blieb stehen. Sie wollte nicht, dass jemand ihr Blut abnahm oder sie pikste. Sie wollte gar nichts von alldem. »Nadja, bitte. Ich weiß, das ist wohl der schlimmste Tag deines Lebens, aber, glaub mir, keiner von uns will dir wehtun. Ich hol dir auch gleich etwas zu essen und einen Kaba, dann sieht die Welt gleich ein wenig besser aus.«

Nadja hielt ihn fest, wollte nicht, dass er ging. Wenn er sie jetzt hier alleinlassen würde, und wenn es auch nur für einen kurzen Moment war, wäre sie den anderen hilflos ausgeliefert. Und was geschehen konnte, wenn sie allein war, wusste sie. Bilder drängten sich ihr auf. Valerie erschien vor ihrem Auge, wahnsinnig und bedrohlich. Ein Schluchzen drängte sich aus ihrer Kehle. Nadja schlug sich eine Hand vor den Mund und sprang unter den Untersuchungstisch. Dort kauerte sie sich weinend zusammen, den Teddy fest an sich gedrückt.

Kapitel 2

Tobias fiel es schwer, Nadja alleine zurückzulassen. Ihm war nicht entgangen, wie sie ihn angesehen hatte, dass sie nach seiner Hand gegriffen hatte, sich daran festgeklammert hatte. Entsetzen, Angst und eine Traurigkeit, die ihm durch Mark und Bein gingen, hatten ihre Augen zum Spiegel ihres Inneren gemacht. Es brach ihm das Herz, sie so zu sehen. Das kleine Mädchen aus seiner Erinnerung verhielt sich ganz anders, als Nadja es jetzt tat. Neugierig, frech, wissbegierig und voller Energie. Hätte ihn der Verlust seiner Eltern auch so verändert? Er wollte sich das lieber nicht vorstellen. Mit großen Schritten ging er ins Versorgungszelt und bat einen der Köche, eine heiße Schokolade und einige Kinderriegel zu bringen. Er erinnerte sich noch gut daran, wie sie die dunkle Schokolade um die Milchkammern herum abgeknabbert hatte. Vielleicht würde sie ja das aufheitern.

Sein Telefon klingelte. Sein Vater rief an.

»Ja?«