[sub]optimal - A.C. Lelis - E-Book

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A.C. Lelis

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Beschreibung

Pleite und ohne Aussicht auf ein festes Engagement schlägt sich Tänzer Boris mit Nebenjobs durch und auch sein Liebesleben läuft alles andere als rund. Als er sich notgedrungen als Fitnesstrainer in einem Kraftstudio bewirbt, ahnt er noch nicht, dass sein Leben bald völlig auf den Kopf gestellt wird. Denn er hat nicht nur Probleme mit dem viel zu dominanten Studiobesitzer Kai, sondern auch eine Vergangenheit, die ihn unverhofft einzuholen droht... Buch 2 der »[kinky] pleasures«-Reihe

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Seitenzahl: 734

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Deutsche Erstausgabe (ePub) Oktober 2013

©2013 by A.C. Lelis

Verlagsrechte © 2013 by Cursed Verlag,

Inh. Julia Schwenk, Fürstenfeldbruck

Alle Rechte vorbehalten, insbesondere das der Übersetzung,

des öffentlichen Vortrags, sowie der Übertragung

durch Rundfunk und Fernsehen, auch einzelner Teile,

Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit

Genehmigung des Verlages.

Umschlagillustration: Marek Purzycki

Bildrechte Umschlagillustration: Astra Potocki

vermittelt durch Shutterstock LLC

Satz Layout: Hannelore Nistor

ISBN ePub: 978-3-95823-527-4

Besuchen Sie uns im Internet:

www.cursed-verlag.de

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Klappentext:

Pleite und ohne Aussicht auf ein festes Engagement schlägt sich Tänzer Boris mit Nebenjobs durch und auch sein Liebesleben läuft alles andere als rund. Als er sich notgedrungen als Fitnesstrainer in einem Kraftstudio bewirbt, ahnt er noch nicht, dass sein Leben bald völlig auf den Kopf gestellt wird. Denn er hat nicht nur Probleme mit dem viel zu dominanten Studiobesitzer Kai, sondern auch eine Vergangenheit, die ihn unverhofft einzuholen droht...Buch 2 der»[kinky] pleasures«-Reihe

[Kapitel 1]

Nicht Fitnessstudio. Auf dem Schild über der Tür steht tatsächlich Kraftstudio. Irritiert werfe ich einen letzten kritischen Blick auf den Post-it-Zettel, den Julian mir in die Hand gedrückt hat. Seine Sauklaue ist nicht gerade leserlich… Aber nein, ich bin ziemlich sicher, dass er diese Adresse gemeint hat.

Was er sich dabei gedacht hat, mir ausgerechnet hier einen Job vermitteln zu wollen, kann ich mir jedoch nicht erklären. Manchmal misstraue ich seinen Deutschkenntnissen. Dass in einem Kraftstudio Bedarf an Aerobic und Konditionstraining besteht, bezweifle ich stark. Kraft steht hier im Vordergrund. Muskelaufbau. Nicht Fitness. Kraft!

Seufzend gebe ich mir einen Ruck und trete ein. »Hey«, grüße ich die Frau am Empfangstresen. »Ich habe einen Termin mit…« Ich gucke auf meinen Zettel. »Kai…« Kein Nachname. Typisch Julian.

»Neuanmeldung?«, erkundigt sich die große Blondine, deren Schultern ebenso breit sind wie meine. Sie ist in ihren frühen Vierzigern, würde ich sagen. Erst auf den zweiten Blick bemerke ich ihren Adamsapfel.

»Ähm, nein…« Ich versuche es mit einem Lächeln. »Eigentlich habe ich eine Art Vorstellungsgespräch für einen Job.«

»Dann bist du Boris?«, erkundigt sie sich überrascht.

»Ja, genau.« Keine Ahnung, was sie erwartet hat, mich jedenfalls nicht. Vielleicht eher jemanden wie Julian. Ich bin einen Tick zu groß für das Stereotyp eines Tänzers. Eigentlich nur ein bisschen über dem Durchschnitt der Normalbevölkerung, aber alles über eins fünfundachtzig sticht eben heraus.

»Okay, ich sehe mal nach, ob ich ihn auftreiben kann«, sagt sie und tippelt auf High Heels an mir vorbei. »Warte eine Sekunde.«

Als sie aus meinem Sichtfeld verschwunden ist, sehe ich mich zum ersten Mal um. Hier im Eingangsbereich führen mit Männlein und Weiblein gekennzeichnete Türen zu den jeweiligen Umkleidekabinen.

Daneben befindet sich eine Glastür, die in den Trainingsraum mit den Geräten führt. Blondie ist die Treppe ins Obergeschoss hochgegangen, also gehört das wahrscheinlich auch noch zum Studio. Außerdem gibt es noch eine Treppe, die in den Keller zu führen scheint. Zur Sauna, wie auf einem Schild vermerkt steht. Cool.

Nach einer Weile höre ich wieder Schritte auf der Treppe. Diesmal nicht nur High Heels. Die anderen sind deutlich schwerer und männlich. Keine Ahnung, ob sich Schritte männlich anhören können – diese tun es jedenfalls. Als Erstes sehe ich große Sportschuhe, dann Beine, lange, muskulöse Beine, schlanke Hüften und – heilige Scheiße – breite Schultern. Der Typ ist riesig. Ich schlucke. Gott, ist der Typ riesig. Neben ihm wirkt die Blonde vom Empfang sogar ultrafeminin.

»Hallo, Boris«, grüßt mich seine tiefe Bassstimme. »Ich bin Kai.«

»Hi«, grüße ich lächelnd zurück und reiche ihm die Hand. »Freut mich.«

»Mich auch.« Er ist nicht ganz so ein Muskelprotz, wie ich befürchtet habe. Ich meine, er hat definitiv viel Muskelmasse, aber es wirkt noch stimmig. Er ist eben groß. Zwei Meter. Mindestens. Fuck. Eindeutig zu groß für meinen Geschmack. Mir wird ein bisschen mulmig.

»Kommst du mit rauf, dann können wir uns kennen lernen«, schlägt er pragmatisch vor. »Ich erzähl dir etwas übers Studio und wie wir hier arbeiten und du kannst mir etwas über dich erzählen.«

»Klar, gern.« Ich folge ihm die Treppe hinauf. Hier oben gibt es eine Bar mit einigen Sitzgelegenheiten. Wirkt ziemlich gemütlich. Doch Kai beachtet die bequemen Sessel nicht. Stattdessen gehen wir in ein Tanzstudio mit einer komplett verspiegelten Wand. Oh, okay, vielleicht doch nicht nur Kraft, sondern auch ein bisschen Fitness. Ich bin erleichtert.

»Hier.« Lässig rollt er einen Gymnastikball in meine Richtung. »Ist ein bisschen unkonventionell, aber hier sind wir wenigstens ungestört.« Er lässt sich ebenfalls auf einem Ball nieder, der aber zu klein für ihn ist. Es wirkt zunächst lustig, doch der Eindruck vergeht rasch, da sich Kai überhaupt nichts daraus zu machen scheint.

»Ist völlig in Ordnung.« Ich setze mich auf meinen Ball und wippe ein bisschen nervös.

»Also, ich war überrascht, dass sich Julian bei mir gemeldet hat«, gibt Kai zu und lächelt verhalten. Eigentlich heben sich nur seine Mundwinkel etwas. Das Lächeln erreicht seine wachsamen, dunklen Augen nicht, aus denen er mich intensiv mustert. »Aber es passt ganz gut, denn ich habe tatsächlich vor, das Programm des Studios in die Richtung auszubauen.«

»Woher kennt ihr euch eigentlich?« Darüber hat Julian mich im Dunkeln gelassen und ich bin nicht auf die Idee gekommen, ihn zu fragen, da Henrik, sein Freund, in der Nähe gewesen ist. Julian kennt verdammt viele Leute und mit den meisten hat er geschlafen. Doch ich hoffe nicht mit diesem Riesen. Kai entspricht nicht seinem üblichen Typ. Julian steht auf blonde Männer: Kai ist brünett, das Haar auf wenige Millimeter kurz geschoren.

»Aus einem Club«, antwortet Kai knapp. Sein Blick verrät, dass er jetzt nicht darüber reden will. Kein Small Talk. Na gut. »Also, bisher konzentrieren wir uns im Wesentlichen auf Muskelaufbau und Gewichtsabnahme durch entsprechende Ausdauertrainings. Wir bieten auch Ernährungskurse und andere von Krankenkassen unterstützte Programme an. Für alles haben wir ausgebildete Experten.« Sein Blick trifft mich abschätzend. »Wir sind kein billiges Studio. Unsere Kunden können daher erwarten, dass wir uns die Zeit nehmen, individuell auf sie abgestimmte Beratungen durchzuführen. Qualität und Professionalität stehen bei uns an erster Stelle. Wir sind sehr serviceorientiert. Es gibt keine illegalen Substanzen. Steroide sind verboten.«

Ich nicke und lausche interessiert. Klingt so weit ganz gut. Es stört mich nur, dass mich seine dunkelbraunen Augen so kritisch ansehen, als würde er mir nicht zutrauen, ebenfalls professionelle Beratungen zu geben. Außerdem habe ich offensichtlich nichts mit Steroiden zu tun. Da soll er sich lieber an die eigene Nase fassen.

»Okay, hast du noch Fragen?«, erkundigt er sich schließlich.

»Nein, oder doch… Habt ihr momentan gar keine Kurse in Richtung Fitness und Kondition?«

»Doch, das heißt, wir hatten einen Trainer, der das angeboten hat, doch der musste uns leider kürzlich verlassen«, erklärt Kai nüchtern.

Das klingt, als hätte er die Stelle nicht freiwillig aufgegeben. Ich wüsste gerne, was der Kündigungsgrund gewesen ist, aber die Frage ist zu indiskret. »Okay. Was musst du in Bezug auf mich wissen?«

»Na ja, weil das hier keine offizielle Bewerbung war und du mir empfohlen wurdest…« Er zuckt mit den breiten Schultern. »Fangen wir von vorn an: Ausbildung und bisherige Berufserfahrungen?«

»Ich habe meine Ausbildung als staatlich geprüfter Tänzer an der Ballettschule in Berlin gemacht. Anschließend habe ich neben einzelnen Engagements mein Studium im Bereich Tanz und Tanzpädagogik fortgeführt und in Ersterem meinen Bachelor gemacht.« Da ich nicht gewusst habe, dass das hier so offiziell wird, habe ich meine Bewerbungsunterlagen natürlich nicht mitgebracht. Ich dachte eher, das wird ein bisschen Palaver wie im Sportverein. »Ich kann dir meine Zeugnisse nachreichen, wenn du sie sehen willst. Jedenfalls habe ich das notwendige Wissen, um Tanz zu lehren. Seit dem Studium habe ich auch immer wieder in Sportvereinen und Studios gejobbt und Kurse in Aerobic, Fitness und Kondition, Jazzdance und Modern Dance gegeben. Wobei ich mir auch noch andere Kurse vorstellen könnte, wie Pilates oder so.«

»Hast du eine Erste-Hilfe-Ausbildung?«

»Ich gebe vor meinen Stunden grundsätzlich eine kleine Einführung und warne die Teilnehmer regelmäßig, dass sie sich nicht überlasten«, antworte ich ernst. »Und natürlich wärme ich sie auf und lasse sie am Ende langsam runterkommen. Bisher ist mir noch keiner zusammengeklappt. Aber ja, notfalls… Ich habe mal so einen Kurs gemacht.«

»Wie lange ist das her?«, hakt er nach.

Ich seufze unterdrückt und rechne nach. Das war, als ich meinen Führerschein gemacht habe. »Mit dreiundzwanzig. Also vor knapp fünf Jahren.«

»Das ist zu lang«, meint er. »Du solltest einen Auffrischungskurs machen, falls du hier anfängst.«

Er stellt mir noch weitere Fragen zu meiner Ausbildung und meiner aktuellen beruflichen Situation. Es entwickelt sich zu einem dieser unangenehmen Vorstellungsgespräche, nach denen man sich völlig bloßgestellt und unsicher fühlt. So etwas mag ich überhaupt nicht, dennoch gebe ich mir Mühe, die richtigen Antworten zu finden und mich in ein positives Licht zu rücken.

»Ich finde, das hört sich gut an«, meint Kai schließlich. »Wie wäre es, wenn du mir demnächst deine Zeugnisse vorbeibringst und dann gibst du mir einen Probekurs. Ich will sehen, wie du arbeitest.«

Das ist wirklich nicht so einfach, wie ich gedacht habe. Ich meine, einerseits gut; andererseits, ich bin Tänzer: Ich will tanzen. Das ist viel Aufwand für einen Job, der nicht mal meine erste Wahl ist. Doch ich zwinge mich zu einem Lächeln. »Klar, können wir so machen. Wann?«

»Kannst du vormittags?«, erkundigt er sich. »Das würde mir am besten passen.«

»Klar, ich bin flexibel.« Solange es nicht zu früh ist.

»Gut. Passt es dir morgen um zehn Uhr?«

»Ja, passt.«

»Okay.« Er erhebt sich. »Dann führe ich dich noch herum und zeige dir alles.«

»Cool.«

Wirklich behaglich fühle ich mich in seiner Nähe nicht. Kai ist zwar nicht unfreundlich, aber so… professionell. Genau. Das ist das Wort. Er ist so sachlich und ernst. Ich traue mich gar nicht, meine üblichen Sprüche zu bringen. Oder zu fragen, ob die Benutzung der Sauna für Mitarbeiter frei ist.

Als ich endlich das Studio verlasse, bin ich beinahe erleichtert. Noch ehe ich mich auf mein Rad schwinge und auf den Weg mache, greife ich nach meinem Handy und drücke die Schnellwahltaste für Julians Anschluss.

»Yeah?«, meldet der sich kurz darauf.

»Gott, was ist denn das für ein Kerl?«, erkundige ich mich ohne Einleitung.

»Who? Kai?«, erkundigt sich Julian und lacht. »Heiß, nicht?«

»Äh… nein! Er ist riesig und hat kurz geschorene Haare. Außerdem war er die ganze Zeit total unpersönlich.«

»Echt? Ich fand ihn sehr nett und superheiß! Wie ist es denn gelaufen? Hast du den Job?«

»Nein, ich muss morgen noch mal hin und ihm meine Zeugnisse bringen! Ich dachte, das wäre nur ein Kennenlernen. Aber es war ein richtiges Vorstellungsgespräch. Total anstrengend und verkrampft.«

»Na ja, es ist sein Studio. Er nimmt die Leute, die er einstellt, wohl etwas genauer unter die Lupe. Ist doch nicht schlimm. Und wie ist das Studio so?«

»Okay. Gut ausgestattet. Es ist definitiv nicht günstig. Das hat er auch gleich gesagt. Die legen viel Wert auf Beratung und so… Er hat verlangt, dass ich einen Erste-Hilfe-Kurs mache, wenn ich da anfangen will.« Das finde ich immer noch übertrieben. Wenn jemand vor mir einen Herzkasper bekommt, kann ich eh nichts machen. Und ansonsten weiß ich, was ich zu tun habe. Glaube ich zumindest.

»Klingt doch gut. Besser als der chaotische Haufen, für den du jetzt arbeitest. Warum klingst du so gereizt, Sweety?«

»Weil ich… Keine Ahnung.« Seufzend umrunde ich einen Fußgänger, der nicht weiß, wo sein Gehweg ist. »Ich will da nicht arbeiten. Ich will tanzen.«

Julian seufzt ebenfalls. »Das weiß ich doch, Sweety. Aber du musst auch von etwas leben und derzeit ist es nicht gerade leicht, eine Anstellung als Tänzer zu finden. Du musst dich global bewerben und dafür brauchst du wiederum Geld.«

»Ich weiß.«

»Na dann… Weißt du, was er dir bezahlt?«

»Darüber haben wir noch nicht gesprochen.« Was mir jetzt ein wenig dumm vorkommt. »Aber so wenig kann es nicht sein, bei den Anforderungen, die der Kerl stellt.«

»Und wie viele Stunden sollst du geben?«

»Haben wir auch noch nicht drüber geredet. Mir ist es egal und er weiß ja noch nicht mal, ob er mich haben will.« Irgendwie habe ich schlechte Laune. Erneut muss ich einem orientierungslosen Fußgänger ausweichen. »Ich glaube, ich rufe Marco an.«

»Das ist wohl keine schlechte Idee«, stimmt Julian zu. »Du klingst so down. Wenn du magst, kannst du auch bei mir vorbeikommen.«

»Ich glaube, Henrik hätte was dagegen, wenn ich dich ficke.«

»So meinte ich das auch nicht. Ich meinte zum Reden.«

»Nein, danke… Ich will lieber Sex.«

»Nachvollziehbar.« Er lacht amüsiert.

»Julian?«

»Ja?«

»Du bist nicht echt mit diesem Riesen ins Bett gegangen, oder?«

»Oh doch«, bestätigt Julian wieder lachend. »Ich wollte es hard and good und ich fand, dass Kai der Richtige für den Job war. Hatte richtig getippt.«

»Okay. Erspar mir die Details.« Ich krause die Nase. »Du bist echt…« … mutig, denke ich. Ich belasse es jedoch bei einem Schnauben. »Wir sehen uns morgen Abend.«

»Ich experimentiere nun mal gerne«, behauptet er glucksend. »Bis morgen!«

Wir legen auf und ich konzentriere mich darauf, niemanden umzufahren. Werden diese blöden Fußgänger jemals lernen, dass rote Pflastersteine Radfahrweg bedeuten? Ich schätze nicht.

***

Als ich heimkomme, ist eine Nachricht von Ulrich auf meinem AB. Leider habe ich ein altes Gerät, das mir nicht anzeigt, von wem die Nachricht ist, ehe es sie abspielt. Eventuell hätte ich sie andernfalls gar nicht abgehört. Okay, wahrscheinlich doch. So trifft es mich aber unvermutet, seine Stimme zu hören.

»Hey, Boris. Ich bin es, Ulrich. Bist du vielleicht doch da? … Anscheinend nicht. Wir haben schon so lange nichts mehr voneinander gehört, daher wollte ich einfach mal anrufen und wissen, wie es dir jetzt geht. Ruf mich doch zurück, wenn du Zeit hast… Mach's gut und bis dann.«

Lange. Ich rechne nach und komme auf siebzehn Tage. Man könnte denken, das wäre lang. Doch ich weiß, dass es nicht lang genug ist. Nicht annähernd. Ich brauche mehr – viel mehr – Abstand. Solange sich mein Kopf anfühlt, als wäre er mit Watte gefüllt, wenn ich seine Stimme höre, ist das ein klares Zeichen, dass es noch nicht gereicht hat. Ich bin immer noch nicht über ihn hinweg.

Es liegt mir nicht, um meine Liebe zu kämpfen. Ich bin eher der Typ, der geduldig wartet, bis der andere realisiert, was er an mir hat. Problem: Ulrich weiß ein wenig zu genau, was er an mir hat, weil er mich so gut kennt. Besser noch als Julian. Ich weiß, Ulrich mag mich sehr, aber es gibt ein paar Aspekte, die ihn abschrecken, es mit mir zu versuchen. Und ich kann ihm noch so oft versichern, dass ich es überwunden habe. Er glaubt mir nicht.

Ich habe Ulrichs Nummer gewählt, ehe ich mich bewusst dazu – beziehungsweise dagegen – entschieden habe. Es klingelt. Und klingelt. Unruhig zähle ich die Freizeichen in der Leitung. Noch fünfmal, dann lege ich auf. Eins. Zwei. Drei. Vier. Fünf. Okay, noch eine letzte Chance… Ich beiße mir auf die Unterlippe, schüttle den Kopf und drücke schließlich mit einem tiefen Seufzen die Abbruchtaste. Kein Glück. Natürlich nicht.

Mit einer Schale Müsli setze ich mich vor den Fernseher, dabei fällt mir wieder ein, dass ich Marco anrufen wollte. Er könnte mich wunderbar von Ulrich ablenken. Momentan will ich jedoch nicht abgelenkt werden. Ich will Ulrichs Stimme hören. Außerdem will ich wissen, warum er sich plötzlich meldet. Er ruft mich doch nicht nur an, um sich nach meinem Wohlbefinden zu erkundigen. Nein, so ist er nicht. Meistens steckt mehr dahinter.

Ulrich meldet sich in der Regel, wenn er etwas Bestimmtes von mir will. Aktbilder zum Beispiel. Damit hat die ganze Misere schließlich angefangen. Hätte er nicht diese beschissenen Bilder von mir gemacht… Hätte er mich dabei nicht so angesehen… Ich hätte mich garantiert nicht in ihn verliebt.

Nach meiner unzureichenden Zwischenmahlzeit versuche ich es noch einmal bei ihm. Diesmal ist besetzt. Also ist er da und eben nicht ans Telefon gegangen, oder? Vielleicht hat er es sich anders überlegt und will jetzt doch nicht mehr mit mir sprechen. Frustriert suche ich nach Marcos Nummer und rufe ihn an. Er meldet sich nach dem dritten Freizeichen. »Pronto!«

»Ciao Bella«, necke ich ihn.

»Bello«, verbessert er mich leiser. Er ist Italiener und arbeitet als Kellner in einem Eiscafé. Eigentlich ist er in Deutschland aufgewachsen und spricht unsere Sprache akzentfrei. Aber nach einem ganzen Tag unter Landsleuten…

»Klingt wie ein Hund«, entgegne ich grinsend. »Ich hoffe, du meinst nicht mich damit.«

Er lacht. »Du hast angefangen. Was gibt's?«

»Arbeitest du gerade?«

»Ja… Noch bis acht.«

»Und was machst du anschließend?«, hake ich lauernd nach.

»Mich von dir verwöhnen lassen?« Sein Grinsen ist bei diesem Vorschlag deutlich herauszuhören. Er hat ein strahlendes, breites Grinsen. Damit hat er mich herumgekriegt.

»Das klingt ausgezeichnet«, stimme ich mit einem Lächeln zu.

»Finde ich auch.« Er schnurrt nahezu ins Telefon. »Also komme ich nach der Arbeit zu dir. Bekomme ich etwas zu essen oder muss ich mich selbst darum kümmern?«

»Was magst du denn?«

»Ich bin nicht wählerisch, aber ich werde sehr hungrig sein.«

»Vielleicht sollte ich das ausnutzen… Ich lasse mir was einfallen«, verspreche ich.

»Marco!« Eine männliche Stimme erhebt sich im Hintergrund. Ich verstehe nur seinen Namen, der Rest ist ein Schwall Italienisch. Es hört sich nicht gerade freundlich an.

»Ich muss weiterarbeiten«, erklärt Marco dann etwas kleinlaut. »Bis später.«

»Ja, bis dann… Sorry für die Störung. Ich wollte nicht, dass du…« Aber da höre ich schon das Klicken in der Leitung.

Armer Kleiner. Ich runzle besorgt die Stirn, schüttle den negativen Gedanken jedoch ab und beschließe, es mit einem schönen Abendessen wiedergutzumachen. Ich mag es, jemanden verwöhnen zu können. Wobei Marco so leicht zufriedenzustellen ist, dass es keine große Herausforderung ist.

***

Es klingelt an meiner Tür, als ich gerade das Gratin in den Ofen schiebe. Schmunzelnd eile ich zur Tür und öffne ihm. Wie erwartet, ist es Marco, der mir prompt strahlend um den Hals fällt. Zufrieden erwidere ich seinen Kuss, den er mir zur Begrüßung aufhaucht.

Als er sich von mir löst, mustert er mich fröhlich. »Hey, cool, dass du heute Zeit hast. Ich wollte dich ohnehin anrufen.«

»Ist ja auch schon so lange her«, necke ich ihn schmunzelnd, ehe ich ihn in meine Wohnung ziehe, um die Tür hinter ihm zu schließen. Meine Nachbarin ist eine alte Hexe. Ich will nicht unnötig Stress mit ihr haben. »Das Essen habe ich aber noch nicht fertig. Braucht noch so dreißig Minuten.«

»Kann ich dir was helfen, Bello?«, erkundigt er sich mit leisem Schalk in der Stimme.

»Es würde mir helfen, wenn du mir keine Hundenamen geben würdest«, entgegne ich lachend und zwicke ihn in die Seite. »Ansonsten bin ich soweit fertig. Das Essen ist schon im Ofen und muss nur gar werden.«

»Bello heißt so viel wie Hübscher«, klärt mich Marco auf und schüttelt den Kopf angesichts meiner mangelnden Italienischkenntnisse.

»Tatsächlich?«, feixe ich. »Möchtest du mir noch ein bisschen mehr Italienisch beibringen oder womit wollen wir die Zeit verbringen, bis das Essen fertig ist? Bleibst du über Nacht?«

»Hm, nein, aber den Abend habe ich Zeit. Muss nur morgen früh raus und schlafe dann lieber bei mir.« Er lässt sich in meinem Wohnzimmer auf das Sofa nieder. »Was kannst du für Fremdsprachen?«

»Ich kann Deutsch ganz gut«, meine ich.

»Fremdsprache.« Seine Augenbraue zuckt spöttisch. »Etwa keine?«

»Deutsch ist eine Fremdsprache für mich. Ich komme aus Russland«, erkläre ich und setze mich zu ihm. Mit einer Hand streiche ich durch sein dichtes, schwarzes Haar.

»Tatsächlich? Du hast gar keinen Akzent.«

»Du doch auch nicht.«

»Die Russen, die ich kenne, bleiben ziemlich unter sich und sprechen ungern Deutsch.«

»Die Italiener, die ich kenne, auch.« Ich schmunzle und nähere mich seinem Mund, um die Unterhaltung zu beenden. Mir ist nicht nach Small Talk. Erst recht nicht über meine und seine Herkunft. Ist ohnehin völlig irrelevant. Das mit Marco und mir ist nur Sex.

Nach dem Kuss sehe ich ihm verschmitzt in die dunklen Augen. »Aber weißt du was? Ich mag Griechisch ziemlich gern. Und in Französisch bin ich auch nicht schlecht.«

»Echt?«, fragt er erstaunt und sieht mir ebenfalls in die Augen. Manchmal ist er ein bisschen naiv und hat eine herrlich lange Leitung.

Ich muss lachen. »Ja, ehrlich. Soll ich's dir zeigen?«

»Ja, klar.« Er hat immer noch nicht kapiert, worauf ich anspiele.

Lächelnd greife ich nach dem Verschluss seiner Hose und löse geschickt den Knopf. »Ich starte mit Französisch, okay? Das Griechisch heben wir uns für nach dem Essen auf.«

»Oh!«, haucht er begreifend und lacht. »Von Französisch verstehe ich sogar auch was.«

Schmunzelnd rutsche ich von der Couch auf den Boden zwischen seine Beine.

[Kapitel 2]

»Hi, ich kenne deinen Namen noch gar nicht«, begrüße ich die Dame am Empfang, als ich am nächsten Vormittag pünktlich um zehn das Kraftstudio betrete. Ich habe vieles nicht gefragt, was ich vielleicht hätte fragen sollen. Heute bin ich mental besser darauf eingestellt.

»Yvonne«, antwortet sie lächelnd. »Hi, Boris. Kai ist oben in seinem Büro. Soll ich dich hochbringen oder findest du den Weg allein?«

»Schaffe ich.« Ich zwinkere ihr zu. »Danke, Yvonne.«

Beschwingt laufe ich die Treppe hinauf und wende mich zur entsprechenden Tür. Nachdem ich noch einmal tief durchgeatmet habe, klopfe ich an. Ich brauche den Job. Ich brauche das Geld. Sonst fliege ich noch aus meiner Wohnung, weil ich die Miete nicht mehr bezahlen kann. Bin eh schon im Verzug und habe eine Mahnung bekommen. Also Arschbacken zusammenkneifen und durchstarten.

»Herein!«, ruft Kais Bassstimme sofort.

»Hallo!« Als ich dem Befehl Folge leiste und eintrete, wedele ich mit meiner Mappe. »Meine Zeugnisse.«

Sein Büro erinnert mich an eine Arztpraxis. Ein großer Schreibtisch aus dunklem Holz, zwei Besucherstühle in ähnlichem Stil und eine Liege. Keine Ahnung, wozu er die braucht. Vielleicht gehört ein allgemeiner Fitness-Check zu seinem Job, wenn er mit Neuzugängen die ersten Trainingspläne aufstellt.

»Cool, danke.« Kai erhebt sich von seinem Platz hinter dem Schreibtisch. Er ist immer noch so riesig. Seine Hand, die er mir reicht, ist auch riesig. »Hi. Wie wäre es, wenn ich sie mir kurz ansehe und du gehst dich umziehen, damit wir gleich mit der Probestunde anfangen können. Wir treffen uns dann im Tanzstudio.«

Es klingt nicht wirklich nach einem Vorschlag. Es ist eine Anweisung. Ich habe keine Wahl, als zu nicken. »Klar, aber lass dir Zeit. Ich habe es nicht eilig.«

»Okay.« Kai schlägt meine Mappe sofort auf und vertieft sich darin, ohne mich weiter zu beachten. Sieht nicht so aus, als würde er sich viel Zeit lassen wollen.

Mir auch recht. Ich gehe direkt ins Tanzstudio. Da sich ohnehin niemand darin aufhält, kann ich mich ebenso gut hier umziehen. So muss ich nicht extra zur Umkleidekabine runtergehen.

Achtlos lasse ich meine Tasche in eine Ecke fallen und schlüpfe aus meinen Straßenschuhen. Erst jetzt wird mir bewusst, dass ich sie am Vortag anbehalten habe. Eigentlich ein Unding. Es ist jedoch auch ein ungewöhnlicher Ort für ein derartiges Gespräch. Wir hätten das ebenso gut in seinem Büro führen können. Ich ziehe eine Grimasse in Richtung der Spiegel, ehe ich die mitgebrachte CD aus der Tasche krame und sie schon mal in die Anlage lege. Mit Musik geht alles besser. Auch Umziehen.

Während ich leise mitsumme, schlüpfe ich zunächst aus meinen engen Jeans. Ein schwieriges Unterfangen. Vielleicht hätte ich gleich in Trainingsklamotten kommen sollen. Schließlich gelingt es mir, sie loszuwerden, und ich wühle in meiner Tasche nach meinen Shorts. Eine original Adidas-Sporthose aus den 80ern. Blau, glänzend und kurz. Ich liebe die Dinger. Passend dazu habe ich weiße Socken an und entsprechende Turnschuhe im Retrolook.

Gerade als ich mein Hemd ausziehe, bemerke ich eine Bewegung an der Tür und blicke unwillkürlich auf. Kai lehnt eben dort und beobachtet mich mit leicht gerunzelter Stirn. Die muskulösen Arme hat er vor seiner Brust verschränkt. »Wir haben auch eine Umkleidekabine.«

»Ich weiß.« Mit frechem Grinsen wende ich mich ihm zu. »Du hast sie mir gestern gezeigt. Aber hier ist doch keiner.«

Außer er selbst, natürlich. Jetzt kommen mir meine Shorts doch ziemlich knapp vor. Mir wird zum ersten Mal bewusst, dass Kai tatsächlich schwul ist. Es ist kein bewundernder Blick, den er mir zuwirft – nicht mal interessiert –, aber dennoch: Keine Hete würde so gucken.

Ich bücke mich hastig zur Sporttasche hinunter, um mein Tanktop herauszufischen und es mir überzuziehen. Auf die Schweißbänder für meine Handgelenke verzichte ich ausnahmsweise, weil ich Kais Geduld nicht unnötig strapazieren will. »Und? Zufrieden mit meinen Unterlagen?«

Er steht immer noch am Eingang und wartet anscheinend darauf, dass ich das Zeichen gebe und wir loslegen können. Sein Outfit besteht aus Sweatpants und einem schwarzen Shirt, das seine Muskeln betont, dabei aber nicht wirklich eng ist. Er müsste schon einen Sack tragen, um sie zu verbergen.

Jetzt zuckt er mit den Schultern und macht einen Schritt in den Raum. »Sind okay, nehme ich an. Ich kenne nichts Vergleichbares…«

»Wenn du Fragen hast…«, biete ich leichthin an.

Doch er schüttelt den Kopf. Seine Hände schiebt er unschlüssig in die weiten Taschen seiner Hose. »Interessantes Foto, nebenbei bemerkt. Ich hätte mich aber auch mit einem normalen Bewerbungsfoto zufrieden gegeben.«

»Habe ich nicht«, gebe ich mit verlegenem Lächeln zu. »Sorry, bei Castings muss ich immer Ganzkörperportraits abgeben. Sei froh, dass ich darauf überhaupt etwas anhabe.«

Seine dichten Augenbrauen zucken kurz, ansonsten geht er aber nicht darauf ein. Immer noch ganz der Profi. Er lässt sich nicht aus der Reserve locken. »Also gut, fangen wir an? Die Stunde gehört dir. Tu einfach so, als wäre ich eine Horde Kursteilnehmer.«

Ich nicke notgedrungen. »Gut, ich dachte, ich mache mit dir eine gute Mischung aus allem. Im Normalfall würde ich es mehr trennen, aber ich denke, es geht auch in der Kombi ganz gut, und du erhältst einen besseren Überblick über die Breite.«

»Ich glaube dir, dass du ein breites Angebot leisten kannst«, entgegnet er. »Ich will wissen, wie du mit Menschen umgehst. Mir wäre es lieber, wenn du eine realistische Stunde absolvierst.«

»Muss ich so tun, als wäre das ganze Studio voller Leute, oder reicht es, wenn ich mit dir umgehe, als wärst du ein Kursteilnehmer?« Ich versuche, den Spott in dieser Frage zu unterdrücken. Ehrlich, es ist ja schön, dass er seinen Job ernst nimmt, nur komme ich mir dabei etwas albern vor.

»Du musst nicht mit unsichtbaren Menschen sprechen, aber du sollst auch nicht individuell auf mich eingehen, es sei denn, du schaffst das auch, wenn es zwanzig Personen sind.«

Nickend mache ich mich auf den Weg zur Musikanlage, um einen geeigneten Song auszuwählen. Als ich fertig bin, zwinge ich mich zur Konzentration. »Okay, wie immer am Anfang meiner Stunden möchte ich wissen, ob es neue Kursteilnehmer gibt, die bisher noch keinen Kurs bei mir gemacht haben?« Ich wende mich ihm lächelnd zu. Gott, das ist so bescheuert.

Jetzt hebt er auch noch todernst die Hand. In der Realität macht das kaum einer. Es kommt höchstens verschüchtertes Nicken vor oder erwartungsvolle Blicke.

»Okay, dann herzlich Willkommen!«, grüße ich ihn lächelnd. »Mein Name ist Boris und das hier ist der Anfängerkurs in Fitness und Konditionstraining. Wir werden heute Übungen durchgehen, die vor allem die Ausdauer und Beweglichkeit verbessern sollen. Ein bisschen Muskelaufbau ist auch dabei.« Das braucht er freilich nicht, aber den Fakt ignoriere ich einfach. »Alle, die das erste Mal dabei sind, möchte ich darauf hinweisen, dass es keine Schande ist, wenn euch mal die Puste ausgeht. Ihr könnt jederzeit kleinere Pausen einlegen. Aber bleibt nie stehen. Bewegt euch einfach an eurem Platz weiter. Wenn ihr kurz vorm Verdursten seid, könnt ihr natürlich immer unterbrechen, um zu eurer Flasche zu gehen. Ich lege aber auch regelmäßige Trinkpausen ein.«

Jetzt rede ich ja doch mit unsichtbaren Menschen. Ich verdrehe die Augen, kaschiere es jedoch, indem ich mich von Kai abwende und zum Spiegel gehe. »Wir fangen mit einem leichten Warm-Up an. Auf geht's!«

Ich beginne mit einfachen Side Steps und mache es nur langsam komplizierter, da ich schnell merke, dass Kai keine herausragenden Koordinationsfähigkeiten besitzt. Er bekommt die Armbewegungen beim ersten Versuch nicht hin, als ich sie ihm vormache.

»Versucht es erst nur mit den Beinen. Wenn ihr die Schritte richtig beherrscht, könnt ihr die Arme hinzunehmen.«

Er schnauft leise und versucht es dennoch. Es klappt nicht, was ihn merklich frustriert. Aber er hat gesagt, dass ich nicht extra auf ihn eingehen soll. Daher ignoriere ich seine missglückten Versuche, stattdessen versuche ich, es so simpel wie möglich zu halten.

Nachdem wir unsere Muskeln aufgewärmt haben, gehe ich in verschiedene Dehnpositionen, die er immerhin zu kennen scheint. »Okay, sind wir jetzt warm?«

Er nickt.

»Ich kann nichts hören«, stelle ich schmunzelnd fest.

»Ja«, brummt er.

»Dann bringen wir jetzt unseren Puls in Schwung«, erkläre ich und drehe mich wieder zu ihm um. »Ich bin jetzt der Spiegel. Macht es mir einfach nach. Side Steps!«

Offensichtlich hat er noch nie Aerobic gemacht, denn ich muss ihm jeden Schritt einzeln vormachen. Mit den Bezeichnungen kann er nichts anfangen. Automatisch stelle ich mich auf ihn ein, fordere viel Kraft, aber wenig Raffinesse von ihm. Dennoch wirkt er wieder überfordert, als ich ihm beim fünften Durchgang die passenden Armbewegungen zeige. Überfordert und frustriert.

»Gott«, knurrt er unterdrückt.

Ich gluckse verhalten und gehe nach dem Durchgang zu reinem Auspowern über. »Okay. Jumping Jack! Ich zähle von acht runter.«

»Früher haben wir das Hampelmann genannt.« Immerhin kann er den zumindest.

»Du bist der Boss. Ich kann auch Hampelmann dazu sagen. Acht…«

»Ach nee.« Er schnappt nach Luft. »Schon okay.«

»Noch sechs.« Ich zwinkere ihm zu. »Und fünf…«

Die letzten Übungen bewältigt er besser als die Choreografie. Er ist dennoch erleichtert, als ich zum Work-out übergehe und ihn verschiedene Bauch-Beine-Po-Übungen machen lasse. Sein Hemd ist am Hals und das Brustbein hinab bereits durchgeschwitzt. Ich dagegen halte mich gut, aber ich mache das auch jeden Tag. Es ist etwas anderes, als stupid Gewichte zu stemmen.

Ihm bei den Muskelübungen zuzusehen, beeindruckt mich dennoch. Er ist beinahe wie eine Maschine. So viel Kraft! Erotisch wirkt es nicht, dafür ist er zu pragmatisch dabei. Dennoch… Sein Körper ist…

»Ups, wo war ich?«, necke ich ihn, als er den Oberkörper bei den Sit-ups im kritischen Winkel halten muss und die Muskeln vor Anstrengung unter seinem Hemd zucken.

»Zwei.«

»Ich weiß nicht«, entgegne ich. »Nicht erst bei vier?«

»Mir egal.« Er schnauft spöttisch.

»Sind alle Kursteilnehmer so durchtrainiert?«

»Vermutlich nicht, wieso?«

»Das macht gar keinen Spaß, wenn ich sie nicht ein bisschen quälen darf. Vier.«

Er schmunzelt belustigt und macht ohne Widerspruch weiter.

»Ich glaube, ich brauche Hanteln für solche wie dich«, stelle ich fest. »Noch zwei. Eins. Okay, streck dich einmal lang und leg anschließend die Matte weg. Wir machen das Cool-down.«

»Ich denke echt, wir sollten uns deutsche Bezeichnungen ausdenken.«

»Wieso?«, hake ich nach.

»Passt besser zum Studio-Image.«

»Aha?« Ich runzle die Stirn. Heißt der Schuppen daher Kraftstudio und nicht Fitness? »Aber das ist kein rechtes Image, oder?« In dem Fall würde ich hier nicht arbeiten wollen. Allerdings hat er mit Julian geschlafen. Unwahrscheinlich, dass er etwas gegen Ausländer hat. In meinem Zeugnis steht als Geburtsort St. Petersburg, also würde er mich auch nicht einstellen.

»Unsinn«, meint Kai. »Wir haben nur viele Biker – nicht nur aus Deutschland. Die Sprache steht für eine gewisse Härte. Intolerant sind wir deshalb aber nicht.«

Natürlich nicht. Er ist schwul und seine Empfangsdame eine Transe. Dumm von mir. Aber bei so etwas bin ich lieber vorsichtig. Ich schalte ein ruhigeres Lied ein. »Gut. Dann kommen wir eben langsam runter und entspannen unsere Muskeln.«

Er nickt nachgiebig und folgt meinen weiteren Anweisungen kommentarlos.

»Das war's dann… Die Stunde ist um«, verkünde ich anschließend.

»Oh, okay.« Er scheint überrascht.

»Du hast so einen Kurs noch nie mitgemacht, oder?«, erkundige ich mich.

»Nein, wirklich noch nie«, gibt er zu und reibt sich über die kurzen Stoppeln auf seinem Kopf. Bis auf die leichten Geheimratsecken hat er dichtes Haar. Allerdings ist es komplett auf drei Millimeter gestutzt. Wie auch sein Barthaar, wobei er entweder einen wirklich gleichmäßigen Bartwuchs hat oder ihn noch weiter in Form trimmt.

»Hab ich dich stark gehemmt?«, erkundigt er sich unumwunden.

»Na ja, ich habe mich auf dich eingestellt. Ich kann schlecht Schrittfolgen von dir verlangen, die du nicht hinbekommst«, gebe ich zu. »Ich passe mich ja auch den Kursteilnehmern an, wenn sie nicht mitkommen. Für gewöhnlich kann die Mehrheit aber die üblichen Schritte und die Kombination fällt ihnen nicht sonderlich schwer. Alles, was ich darüber hinaus erfinde, lockert die Sache zusätzlich auf. In deinem Fall bin ich bei den Basics geblieben.«

»Okay, ich setze aus und du machst mir etwas vor«, schlägt Kai vor. »Nur damit ich einen Eindruck davon bekomme, wie die Schrittfolgen in einem Fortgeschrittenen-Kurs aussehen.«

»Hm. Sollte noch drin sein.« Meine Muskeln sind noch schön warm. Ich gehe noch einmal zur Musikanlage und suche ein neues Lied mit einem harten Beat. »Ich zeige dir erst einmal eine normale Aerobic-Folge. Wenn du willst, kann ich dir auch noch im Kontrast dazu Dance-Aerobic und Karate-Aerobic zeigen.«

»Klar, wenn du noch Lust hast.«

»Ich habe immer Lust«, behaupte ich lachend. »Als Basic gibt es eigentlich immer den Side Step…« Ich zeige ihm den Schritt noch einmal, dann einige Variationen davon und andere Steps mit verschiedenen Armkoordinationen dazu. Dann kombiniere ich sie frei nach Schnauze und spiegle sie nach einem Durchgang auf die andere Seite. »Durch die Wiederholung wird es dann richtig anstrengend.«

»Kann ich mir vorstellen. Okay, und was zum Teufel ist Karate-Aerobic?«

»Härter. Weniger tänzerisch. Es werden vor allem Kicks und Schläge eingemischt. Es hat aber nicht wirklich etwas mit Karate zu tun.« Ich zeige ihm verschiedene Kombinationen. »Aber durch die Kraft hinter den Schlägen ist es anstrengender.«

»Okay, und Dance-Aerobic ist dann wohl noch komplizierter«, vermutet er. »Ich meine als das, was du vor dem Karate-Zeug gemacht hast.«

Ich schmunzle und stemme die Hände in die Hüfte. »Ja. Das, was wir gemacht haben, war eher Fitness und Gymnastik. Wie gesagt, ich kann außerdem auch noch Pilates-Stunden geben. Also, was denkst du? Meinst du, deine harten Typen haben überhaupt Interesse an so was?«

»Meine harten Typen bringen auch ihre Frauen mit«, erklärt Kai schulterzuckend. »Es wird vermutlich keine Schwierigkeiten geben, die Kurse voll zu bekommen. Wobei ich denke, dass dieses Karate-Aerobic auch bei den Männern ankommen würde. Nennen wir es aber lieber Kampf-Aerobic…«

»Du bist der Boss.« Mir ziemlich egal, wie er es nennen will. »Also, bin ich engagiert?«

»Was hältst du von vier Kursen die Woche, bei einer Probezeit von einem Monat?«, erkundigt er sich. »Für den Anfang. Wenn die Nachfrage größer ist, wäre ich bereit, die Stundenzahl zu erhöhen. Wenn es keine gibt, brauche ich dich nicht.«

»Was zahlst du?«

»Erst einmal einen festen Satz von fünfzehn Euro die Stunde. Du bist Freiberufler, oder? Um die Steuern kümmerst du dich selbst, ich zahle auf Rechnung. Nach dem ersten Monat können wir neu verhandeln und die Kurse nach Kursteilnehmerzahl bewerten und entsprechend gewichten.«

Das wären sechzig Euro pro Woche. Zweihundertvierzig Euro pro Monat. Zusammen mit meinen anderen Nebenjobs würde mir das enorm helfen. Allerdings erfordert es auch ein verstärktes Zeitmanagement.

»Dir ist schon klar, dass ich mich auf die Kurse auch vorbereiten muss, oder?«

»Du willst mehr Geld?« Er runzelt überrascht die Stirn. »Was anderes zahle ich anderen Trainern auch nicht.«

»Aber die kommen her und arbeiten hier. Ich muss mir die Choreografien ausdenken.«

»Na schön. Was willst du haben? Ich kann dir nicht viel mehr zahlen. Ich denke, das ist schon ein ganz guter Stundenlohn, der weitere Aufwände abdeckt.«

»Zwanzig.« Ich bin vorsichtig. Eigentlich wollte ich fünfundzwanzig sagen, möchte aber nicht riskieren, dass er mich dann ganz ablehnt.

Auch jetzt zögert er ziemlich lange. Seine dunklen Augen mustern mich kritisch. »Okay. Zwanzig. Aber wehe, wenn du das nicht wert bist.«

Ich nicke und versuche, möglichst selbstsicher zu wirken. »Und die Zeiten der Kurse? Kann ich die selbst festlegen?«

»Meinetwegen, aber schnell, damit wir sie noch bis Monatsanfang publik machen können. Und sie sollten in den Hauptzeiten liegen. Das Studio ist meistens eh nicht belegt, außer am Wochenende für Workshops.« Er runzelt die Stirn. »Fang mit Basiskursen an. Nichts zu Ausgefallenes. Und dann abends nach Feierabend. Also zwischen sechs und acht Uhr. Die Wochentage sind mir egal. Einen Kurs kannst du auch auf Samstagvormittag legen, wenn du willst.«

»Yes, Sir.« Ich kann die Termine selbst festlegen und dann sagt er mir doch, wie ich sie einplanen soll. Gott, ist der Kerl dominant. »Wie sieht's mit einem Vertrag aus?«

»Ich lasse was Schlankes aufsetzen.«

»Cool.«

»Am besten kommst du… Freitag noch mal kurz zum Unterschreiben vorbei und gibst mir dann die Zeiten und Kursbeschreibungen durch.«

»Super. Wann genau?«

»Zehn Uhr. So wie heute.« Er geht in Richtung Tür. »Gibst du mir deine Telefonnummer? Falls was dazwischen kommt?«

»Steht in meinen Unterlagen.« Ich sehe ihm irritiert nach. Er ist immer noch so nüchtern. Was genau fand Julian an ihm sehr nett und superheiß? Wahrscheinlich hat er einen großen Schwanz. Davon lässt Julian sich leicht beeindrucken.

»Oh, gut. Dann haben wir alles. Weißt du noch, wo die Duschen sind? Du kannst die für Mitarbeiter benutzen, wenn du magst.«

»Hm, danke, aber ich habe kaum geschwitzt und muss eh noch Fahrradfahren.« Außerdem dusche ich lieber zu Hause.

»Wie oft tanzt du so pro Woche?«

»Du meinst, wie viele Stunden?«, hake ich nach. »Jeden Tag so vier bis fünf im Durchschnitt. Dehnübungen nicht mitgerechnet.«

Seine Augenbrauen zucken. Doch dann reißt er sich zusammen. »Hm, okay, ist ja auch dein Beruf. Also dann… Lass dir von Yvonne unsere Telefonnummer geben, für den Fall, dass dir noch etwas einfällt. Oder hast du jetzt noch Fragen?«

»Ähm…« Ich habe einige Fragen, aber keine wirklich wichtigen, daher schüttle ich den Kopf. »Die kommen wahrscheinlich noch, wenn wir am Freitag die Kurse besprechen.«

»Gut, komm da gerne auf mich zu«, bittet er ziemlich förmlich und nickt mir noch einmal zu. »Bis dann… Du findest den Weg nach draußen allein, wenn du fertig bist?«

»Klar, bloß keine Umstände«, versichere ich ihm und schalte die Musik aus. »Bis Freitag.«

Nach einem weiteren Nicken wendet er sich endgültig ab und verlässt den Raum. Ich sehe ihm nach und schnaufe leise, als er die Tür hinter sich geschlossen hat. Wir haben eine Stunde miteinander verbracht, ohne ein einziges privates Wort zu wechseln. Okay… Ist ja nicht so, als müssten wir miteinander klarkommen. Es ist völlig ausreichend, wenn er mich pünktlich bezahlt und ich einen guten Job mache.

***

Eigentlich habe ich für heute genug vom Training, aber es ist Mittwoch. Mittwochs gehe ich immer zu Julian, um gemeinsam mit meinen Freunden eine Stunde an Julians neuen Choreografien zu arbeiten und Spaß zu haben. Meistens besteht unsere Runde aus etwa zehn Leuten. Da wir uns dreimal die Woche sehen, kennt man sich inzwischen sehr gut, auch wenn ich ursprünglich nur drei von ihnen näher kannte: Viola, Ralf und eben Julian. Und Letzterer liegt mir auch am meisten am Herzen.

Ich gehe extra zeitiger zu seiner Wohnung, um ihn noch vor den anderen ein wenig für mich zu haben. Allerdings erfolglos. Henrik ist mir zuvorgekommen. Um das zu erkennen, benötige ich nur einen Blick auf Julians gut durchblutete Lippen, als er mir die Tür öffnet. Einige Strähnen haben sich aus seinem langen, schwarzen Zopf gelöst. Dazu sein etwas dunklerer Teint, den er von seiner hawaiianischen Mutter geerbt hat… Er sieht auf eine leicht verdorbene Art sehr schön aus.

Impulsiv lehne ich mich vor, um ihm zu seiner Überraschung einen trockenen Kuss auf den roten Mund zu geben. Er wirkt so einladend.

»Hey!«, empört sich Julian lachend und weicht zurück. »Bist du lebensmüde? Henrik ist da!«

»Ach nein.« Mit einem spöttischen Grinsen schlüpfe ich an ihm vorbei in die Wohnung. Immer noch amüsiert über meine geglückte Attacke stecke ich den Kopf ins Wohnzimmer, wo Henrik auf der Couch sitzt. Auch er wirkt ein wenig neben der Spur. Sein blondes Haar ist ungewöhnlich verstrubbelt. Junge Liebe. Demnächst fliegen sie sogar in ihren ersten gemeinsamen Urlaub nach Hawaii zu Julians Eltern. Ich wette, selbst vor denen können sie die Finger nicht voneinander lassen.

»Himmel, Jungs…«

»Was?« Henrik streicht sich durchs Haar. »Wieso bist du so früh da?«

»Eigentlich wollte ich dir zuvorkommen, um meinen besten Freund mal eine Minute für mich allein zu haben.«

»Pech gehabt.« Henrik erhebt sich und geht auf Julian zu, der mir gefolgt ist, um ihn besitzergreifend in den Arm zu nehmen. »Ich war eher da…«

Julian schnurrt zufrieden und schmiegt sich an Henrik, wirft mir aber einen aufmerksamen Blick aus seinen grauen Augen zu. »Gibt's einen Anlass, weshalb du mich allein sprechen wolltest?«

»Nee, nicht so wichtig«, antworte ich schulterzuckend. »Nur mal so… Oh, übrigens, ich hab den Job.«

»Bei Kai?«

Ich nicke.

»Cool.« Julian strahlt. »Und? Wie viele Stunden? Was bekommst du?«

»Es ist erst einmal nur einen Monat zur Probe und insgesamt sind es nur vier Stunden pro Woche zu je zwanzig Euro.« Ich zucke mit den Schultern.

»Hm, klingt okay«, meint Julian und nickt zuversichtlich.

Henrik hebt skeptisch eine Augenbraue. »Wer ist Kai? Und was sollst du in den vier Stunden tun?«

»Kai gehört ein Fitnessstudio und Boris gibt da Trainingsstunden«, erklärt ihm Julian.

»Kai – dieses Tier aus dem Club damals?« Henriks Augen verengen sich gefährlich und es fühlt sich so an, als würde die Temperatur im Raum um einige Grad sinken.

Interessanterweise scheint Julian dagegen nur noch mehr Hitze auszustrahlen. Er lächelt Henrik amüsiert an. »That's the one. You still remember?«

»Ernsthaft, der Kerl ist ein Riese«, mische ich mich wider besseres Wissen ein. »Da bin ich wirklich mal auf Henriks Seite: Wie konntest du nur, Julian?«

Julian lacht ungerührt und schüttelt den Kopf. »Ihr seid beide solche Spießer. Und oberflächlich.«

»Ich bin nicht oberflächlich«, entgegne ich. »Der Typ ist nicht mal sonderlich freundlich zu mir gewesen. Die ganze Zeit voll geschäftlich. Deine Empfehlung hat gar nichts geholfen, er hat mich genauestens geprüft und hätte mich ohne Frage abgelehnt, wenn ich den kleinsten Fehler gemacht hätte.«

»Ich denke, er nimmt sein Studio eben nicht auf die leichte Schulter.« Julian zieht eine Schnute. »Aber du hast doch jetzt den Job.« Er wendet sich an Henrik. »Und du hast mich. Also, warum müsst ihr euch über ihn aufregen?«

»Ich rege mich nicht über ihn auf. Und wenn doch, ist es mein gutes Recht, schließlich ist er mein neuer Boss. Aber abgesehen davon, ich denke schon, dass er okay ist.«

»Moment.« Henrik sieht Julian streng an. »Hast du ihm den Job vermittelt? Heißt das, du hast noch Kontakt zu diesem Kerl?«

»Ach, du bist so scharfsinnig«, haucht Julian bewundernd und küsst seinen Freund auf die Nasenspitze. »Und eifersüchtig. Und beides so völlig grundlos. Boris brauchte einen Job und ich habe mich daran erinnert, dass ich jemanden kenne, dem ein Fitnessstudio gehört. Ich hab die Nummer aus dem Internet.«

Das scheint Henrik einigermaßen zu beruhigen. Aber er sieht immer noch nicht sonderlich erfreut aus. Jetzt schenkt er mir einen abschätzenden Blick. »Ich gehe mich mal umziehen. Dann hast du einen Moment mit deinem besten Freund.«

»Du bist ein Schatz«, meine ich spöttisch.

Daraufhin trifft mich nur ein weiterer kühler Blick und nach einem Kuss, der Julian atemlos zurücklässt, verschwindet Henrik Richtung Schlafzimmer. Der dekadente Typ benutzt inzwischen gar nicht mehr den Umkleideraum. Nun, das ist wohl der Vorteil, wenn man mit dem Trainer schläft.

Seufzend wende ich mich an Julian. »Ulrich hat gestern angerufen.«

»Oh… Und?«

»Ich war nicht da.«

»Gut. Aber?«

»Ich habe ihn zurückgerufen und dann war er nicht da, wobei beim nächsten Mal besetzt war, also war er vielleicht doch da und ist nur nicht rangegangen.«

Jetzt seufzt Julian und nimmt mich prompt in den Arm. »Ich dachte, du hast jetzt Marco. Wieso rufst du bei Ulrich an?«

»Marco war gestern auch noch bei mir«, berichte ich wahrheitsgetreu. »Er ist sexy und eine schöne Ablenkung, aber so… so platt…«

»Platt?«

»Na ja… Er reizt und fordert mich nicht genug. Ich meine, er ist ein lieber Junge, aber er hat nichts, was mich fesselt.« Ich seufze. »Ulrich ist so herrlich kompliziert. Ich kann mich Tage mit ihm beschäftigen, ohne dass mir langweilig wird.«

»Aber er ist ein Feigling«, entgegnet Julian und entlässt mich aus der Umarmung. Stattdessen führt er mich Richtung Küche. »Er hat nicht mal gute Gründe, warum er es nicht mit dir versuchen will.«

»Unsere Freundschaft. Weniger Gefühle für mich als ich für ihn.« Plus Details über mein bisheriges Liebesleben, die Julian nicht kennt. Die niemand aus meinem jetzigen Freundeskreis kennt außer Ulrich, und der weiß sie nicht von mir, sondern von Lars.

»Eure Freundschaft liegt zurzeit auf Eis. Und wieso ruft er dich an? Ich dachte, ihr habt abgemacht, dass ihr euch eine Weile nicht mehr beieinander meldet.« Ungefragt beginnt Julian, für mich einen Tee aufzubrühen.

»Wir haben das nicht direkt abgemacht…« Verlegen senke ich den Blick. »Eigentlich habe ich mir das nur mal so vorgenommen.«

»Oh, Boris…«, stöhnt Julian. »Du musst dich echt mal entscheiden, was du willst.«

»Ich weiß, was ich will. Aber ich weiß, dass ich es momentan nicht bekomme, also will ich Freundschaft und damit stecke ich eben in dieser beschissenen Situation.«

»Es gibt nicht so viele Optionen, die erträglich sind: Kein Kontakt oder viel Kontakt. Dieses sporadische Hin und Her bringt doch nichts.«

»Aber viel Kontakt resultiert in keinem Kontakt. Also ist das gar keine Option. Das ist genauso unerträglich wie jetzt.«

Julian mustert mich ungeduldig. »Okay… Aber wie wäre es dann mit kurz unerträglich, statt ständig unerträglich?«

»Es wäre nicht kurz. Gefühle sind kein Pflaster, das man mal eben schnell abziehen kann, damit es weniger wehtut.«

»Es tut mir leid, das zu sagen, aber du bist hoffnungslos, Boris«, meldet sich plötzlich wieder Henrik zu Wort. Anscheinend braucht er nicht so lange zum Umziehen, wie ich gehofft habe.

»Na danke.« Ich sehe ihn beleidigt an. Eigentlich ist es egal, ob er dabei ist oder nicht. Ich bin sicher, dass er ohnehin über alles bestens im Bilde ist. Das Meiste habe ich ihm sogar selbst erzählt. Er ist allerdings nicht so feinfühlig wie Julian und mir ist gerade nicht nach der ungeschminkten Wahrheit. Ich weiß, wie hoffnungslos das alles ist. Hören will ich es dennoch nicht.

»Wie wäre es, wenn du dir noch ein bisschen mehr Ablenkung suchst«, schlägt Julian vor und grinst. »Wenn Marco dich nicht fesselt, musst du dich halt nach etwas anderem umschauen. Wieso nicht Kai?«

»Hmpf!«, entweicht es mir und ich schüttle entschieden den Kopf. Das ist so, als hätte ich Lust auf Cola und er setzt mir Kaffee vor die Nase. Es könnte beides den Zweck erfüllen, aber ich mag keinen Kaffee. Punkt. Habe mir einmal zu oft den Mund verbrüht. »Da ist nicht der leiseste Hauch von Anziehung zwischen uns. Aber danke für den Tipp. Ich sehe mich weiter um.«

»Willst du, dass ich dich auf ein Blind Date schicke?«, schlägt Henrik vor. »Ich kenne da einen Typen, der scheint ganz okay zu sein.«

Sofort wird Julian hellhörig. »Einen Schwulen? In Hamburg? Single? Du? Woher?!«

Ich muss mir ein Lachen verkneifen.

Und auch Henrik schmunzelt gleichermaßen überrascht wie belustigt über die eifersüchtige Neugier. »Durchatmen, Süßer. Es ist ein Freund von Patrick. Der Einzige in der Clique, der zurzeit nicht in einer festen Beziehung steckt. Und ich hatte nichts mit ihm.« Er sieht Julian kritisch an. »Was du von Kai nicht behaupten kannst.«

»Der einzige Single in einer Pärchenrunde?«, hake ich nach. »Gott, klingt nach verzweifeltem Klammersex. Nein, danke.«

»Vielleicht ist er auch überzeugter Single und hält gar nichts von Klammersex«, entgegnet Julian vernünftig klingend.

Mit nachsichtigem Lächeln zupft er an Henriks Hose herum. Eine hellgraue Trainingshose aus Baumwolle. Ich glaube, es ist Julians eigene. Dessen Eifersucht scheint nun ebenso schnell verflogen zu sein, wie sie aufgekommen ist. Gerade baut sich wieder eine enorme sexuelle Spannung zwischen den beiden auf. Man könnte dabei glatt rot werden.

Henriks Reaktion auf Julians Vermutung wirkt hingegen ein wenig skeptisch. Scheint nicht so, als wäre er von seinem Blind-Date-Vorschlag überzeugt. Daher schüttle ich den Kopf. »Ich würde es vielleicht versuchen, wenn Henrik mit ihm geschlafen hätte. Aber so gesehen ist der Typ bestimmt eine Flasche.«

»Er war nicht mein Typ«, entgegnet Henrik und fängt Julians Hände ein, um sie festzuhalten. Dabei sieht er Julian tief in die Augen. »Hatte andere Dinge im Kopf.«

Jetzt ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis sie ins Schlafzimmer verschwinden – und auch nur, wenn sie gnädig sind. Ich bin froh, als es gerade in diesem Augenblick an der Tür klingelt. »Ich geh schon.«

***

Donnerstag habe ich viel Zeit, Ulrich nicht anzurufen. Natürlich scheitere ich. Abgesehen von dem morgendlichen Kurs im Sportverein habe ich nichts zu tun. Ich trainiere wie üblich, aber dann halte ich es nicht mehr aus und versuche es doch noch einmal. Diesmal habe ich Glück – oder auch nicht –, es wird tatsächlich abgehoben.

»Bei Sommer«, meldet sich eine fremde Männerstimme.

Scheiße. Eigentlich wohnt Ulrich allein. Es ist gerade mal Nachmittag. Wieso hat er da Besuch? Und wieso geht der ans Telefon? »Hey, ich wollte Ulrich sprechen.«

»Der ist ähm… gerade verhindert«, erklärt mir der Unbekannte.

Diese offensichtlich ausweichende Antwort reizt mich sehr. »Aha, interessant. Inwiefern verhindert? Ist er auf dem Klo, zu sehr in seine Arbeit vertieft oder bläst er dir gerade einen?«

Kurze Stille am anderen Ende. »Wer bist du überhaupt?«

»Boris. Ein guter Freund.«

»Hm, okay. Ulrich ist unter der Dusche. Kann ich ihm etwas ausrichten?«

»Ulrich wollte, dass ich ihn zurückrufe.« Er duscht mitten am Tag. Okay. Ich glaube, ich kann aufhören, zu spekulieren, und den Tatsachen ins Auge blicken: Ulrich hat eine neue Affäre. Das habe ich auch. Aber Marco würde bei mir nicht ans Telefon gehen. Dann ist es bei Ulrich wohl ernster. Gott, Julian hat recht. Das hier funktioniert einfach nicht. Es tut verdammt weh.

Kurz schließe ich die Augen und versuche, mich zu besinnen. »Du könntest ihm ausrichten, dass ich angerufen habe. Mir geht's gut, aber ich bin zurzeit ziemlich beschäftigt… Also, er braucht nicht zurückzurufen. Ich probiere es ein anderes Mal.«

»Okay, richte ich ihm aus«, verspricht der andere und legt auf.

Einen Moment starre ich auf den Hörer, dann pfeffere ich ihn frustriert in die Ecke. Vielleicht wollte mir Ulrich das erzählen, als er am Vortag bei mir angerufen hat: Er hat jemand Neues. Na, herzlichen Glückwunsch. Erwartet er etwa, dass ich mich für ihn freue? Verdammte Scheiße!

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