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Francesca Dukagjini

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Beschreibung

Magisterarbeit aus dem Jahr 2007 im Fachbereich Philosophie - Philosophie des 20. Jahrhunderts, Note: 2,0, Universität Potsdam (Philosophische Fakultät), Sprache: Deutsch, Abstract: Niklas Luhmanns Kritik an der traditionellen Subjektphilosophie ist einmal wegen der Fülle seiner eigenen Werke weitreichend, aber auch dank der philosophiegeschichtlichen Betrachtungen im Rahmen seiner Gesellschaftstheorie. So hat Luhmann deutlich machen können, dass eine Kritik des Subjekts sich ebenfalls gegen die Fundierung in Ontologie und Metaphysik richtet, und die kritische Auseinandersetzung in dieser Arbeit folgt in diesem Sinne seiner gesamtgesellschaftlichen Betrachtung. Die Einleitungen in die Geschichte der Philosophie und in die Systemtheorie der ersten beiden Kapitel sollen verdeutlichen, weshalb gerade eine soziologische Theorie in der Lage sein soll, die Philosophie auf „blinde Flecken“ ihrer Beobachtung aufmerksam zu machen. Der Versuch einer Darstellung der wichtigsten Punkte der Kritik Luhmanns an Ontologie und Subjekt folgt. Wegen der Fülle subjekttheoretischer, aber eben auch metaphysischer und ontologischer Theorien der Philosophie soll im Anschluss – zur detaillierteren Analyse der „Treffsicherheit“ systemtheoretischer Vorwürfe – am Beispiel eines Philosophen - Edmund Husserls - die Erörterung der Kritik stattfinden, einmal, weil Luhmann sich in seiner Kritik mehrfach direkt gegen die phänomenologische Methode wendet, andererseits aber auch ein Reihe von Parallelen im Theoriegerüst aufzufinden sind. Aus eben diesem Grund schließt sich die Frage an, ob Luhmann die von ihm kritisierten Probleme mit den Modifikationen und begrifflichen Verlagerungen selbst überwunden hat. Es handelt sich vor allem um das Problem der Intersubjektivität, die seiner Ansicht nach nicht aus dem Subjekt hervorgehen kann und begrifflich eine Paradoxie darstellt. In die Sprache der Theorie autopoietischer Systeme übersetzt, geht es um die Kopplung des Bewusstseinssystems mit dem Kommunikations-bzw. sozialen System. Auch bei Luhmann ist der Ausgangspunkt das geschlossen operierende System und der Übergang zur Sozialität scheint angesichts der von anderer Seite schon unterstellten monologischen Konstitution der Systeme ebenfalls problematisch. Es wird sich zeigen, dass Luhmann es nicht schafft, den Übergang vom selbstreferenziellen, psychischen System zu einem an Kommunikation teilnehmenden System zu konstruieren, ohne dass nicht das psychische System immer schon teilnehmend bzw. kommunizierend gewesen sein muss. Mit einer Erörterung dieses Sachverhalts und einem Ausblick auf einen möglichen Ausweg aus dem circulum vitiosus endet die Arbeit.

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Veröffentlichungsjahr: 2011

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Inhaltsverzeichnis
Der Begriff der Ontologie
Die Individualisierung des Individuums
System und Umwelt
Selbstreferenz und Fremdreferenz
Evidenz und Bewusstsein
Wahrnehmung und Kinästhesen
Das Problem der Monadengemeinschaft
Der Weg
Alter Ego
Sinn als verbindende Form
Die Erwartung als kontingente Lösung

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VORWORT

Niklas Luhmanns Kritik an der traditionellen Subjektphilosophie ist einmal wegen der Fülle seiner eigenen Werke weitreichend, aber auch dank der philosophiegeschichtlichen Betrachtungen im Rahmen seiner Gesellschaftstheorie recht umfassend. So hat Luhmann deutlich machen können, dass eine Kritik des Subjekts sich ebenfalls gegen die Fundierung in Ontologie und Metaphysik richtet, und die kritische Auseinandersetzung in dieser Arbeit folgt in diesem Sinne seiner gesamtgesellschaftlichen Betrachtung. Dabei verzichte ich auf eine vollständige Darstellung der Positionen der autopoietischen Systeme, sofern es sich um rein soziologisch von Belang seiende Aspekte handelt, die sich eher vom Thema der Komplementarität von Subjekt und System entfernen, als dass sie zur Klärung beitragen.

Die Einleitungen in die Geschichte der Philosophie und in die Systemtheorie der ersten beiden Kapitel sollen verdeutlichen, weshalb gerade eine soziologische Theorie in der Lage sein soll, die Philosophieauf „blinde Flecken“ ihrer Beobachtung aufmerksam zu machen.Der Versuch einer Darstellung der wichtigsten Punkte der Kritik Luhmanns an Ontologie und Subjekt folgt im Anschluss. Wegen der Fülle subjekttheoretischer, aber eben auch metaphysischer und ontologischer Theorien der Philosophie soll im Anschluss- zur detaillierteren Analyse der „Treffsicherheit“ systemtheoretischer Vorwürfe -amBeispieleinesPhilosophen die Erörterung der Kritik stattfinden. Ich habe zu diesem Zweck Edmund Husserls Phänomenologie gewählt, einmal, weil Luhmann sich in seiner Kritik mehrfach direkt gegen die phänomenologische Methode wendet, andererseits aber auch-im systemischen Vokabular, versteht sich-ein Reihe von Parallelen im Theoriegerüst aufzufinden sind. Aus eben diesem Grund schließt sich ein Kapitel an, in dem ich der Frage nachgehe, ob Luhmann die von ihm kritisierten Probleme mit den Modifikationen und begrifflichen Verlagerungen eigentlich selbst überwunden hat. Es handelt sich dabei vor allem um das Problem der Intersubjektivität, die seiner Ansicht nach nicht aus dem Subjekt hervorgehen kann und begrifflich eine Paradoxie darstellt.

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In die Sprache der Theorie autopoietischer Systeme übersetzt, geht es um die Kopplung des Bewusstseinssystems mit dem Kommunikations-bzw. sozialen System. Auch bei Luhmann ist der Ausgangspunkt-in Analogie zum Husserlschen Subjekt-das geschlossen operierende System und der Übergang zur Sozialität scheint angesichts der von anderer Seite schon unterstelltenmonologischenKonstitution der Systeme (es sollte dabei die Frage gestellt werden:welcherSysteme eigentlich?) ebenfalls problematisch. Es wird sich zeigen, dass Luhmann es nicht schafft, den Übergang vom selbstreferenziellen, psychischen System zu einem an Kommunikation teilnehmenden System zu konstruieren, ohne dass nicht das psychische System immer schon teilnehmend bzw. kommunizierend gewesen sein muss. Mit einer Erörterung dieses Sachverhalts und einem Ausblick auf einen möglichen Ausweg aus demcirculum vitiosusschließe ich die Arbeit schließlich. Francesca Dukagjini Berlin, den 27.11.2007

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EINLEITUNG

DIE ORDNUNGDESKOSMOS

Die Beziehung zwischen Objekt und Subjekt, Gehirn und Geist bildet für das philosophischeSelbstverständnis eine Art „Weltknoten“, wie Schopenhauerdie Triebfeder der Philosophie seit 2500 Jahren einmal nannte. Stand für die griechische Mythologie das Chaos (griech. Gähnen) am Anfang allen Seins, so bildete Thales darauf eine Theorie des Urelementes Wasser ab. Anaximander, mit Thales einer der ersten Naturphilosophen, erklärte daraufhin, die ersten Lebewesen seien aus der Feuchte entstanden und entwickelte eine Evolutionstheorie, nach der Mensch tierische Vorfahren besessen habe. Phytagoras entwickelte aus seiner Vorstellung der Harmonie der Zahlen eine Ordnungder Mathematik, Heraklit den ‚logos‘ als geistiges Prinzip der Welt. Der Kosmos wurde als geordneterkannt und das ohne Bezug auf Göttermythen, wenn auch in Einklang mit ihnen.

LEIBUNDSEELEINATHEN

Im Gefolge der Perserkriege entstand in Athen das Zentrum einer Philosophie, die den Menschen unmittelbar und ohne den Umweg über die Natur betrachtete: Sokrates, Platon und Aristoteles beschäftigte der Weltknoten der Beziehung von Leib und Seele ebenso wie das Verhältnis von Subjekt und Objekt. Aristoteles begründete dabei eine erste Form der Biologie, indem er das Leben als in Fortpflanzung und Ernährung begründet sah1- seien Beobachtungen bezogen sich dabei aber ebenfalls auf Pflanzen. Die enge Beziehung zwischen dem Geistigen und Materiellen, die seine Betrachtungen des Leib-Seele-Problems beherrschten, dehnten sich auch auf seine Teleologie aus. Doch trotz seines Einflusses kam es kurz später zur Entwicklung der Ventrikellehre, die ihre Wiederentdeckung inDescartes‘ Annahmen über die Funktionder Zirbeldrüse erhielten. Aber die wichtigste Annahme im Anschluss an Aristoteles blieb für lange Zeit die Unterscheidung vom Ganzen und den Teilen, deren unreflektierte Einheit, wie später Niklas Luhmann kritisiert, nicht expliziert, sondern nur„verdeckt“

1Heute würde man sagen: Autopoiese oder auch Reproduktion und Stoffwechsel

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worden wäre durch die Aussage: „Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile“.Das mysteriöse„Mehr“ zeige einen nie eingelösten Explikationsbedarf an.2

DIEHELLENISTISCHENNATURWISSENSCHAFTEN

In der hellenistischen Folgezeit stechen vor allem naturwissenschaftliche Entdeckungen hervor: Aristarch von Samos lehrt die Kreisbewegungen von Erde und Planeten um di Sonne, Erosthenes von Alexandria ermittelt mit Winkelbeziehungen und dem Stand der Sonne einen durchaus genauen Erdumfang und Heron von Alexandria entwickelt dampfgetriebene Turbinen und Maschinen, die den Impuls des Wassers nach dem Jet-Prinzip nutzen. In der Spätantike kommt es mit der großen religiösen Erlöserbewegung jedoch zu einem Einbruch der wissenschaftlichen Erkenntnis: angesichts der Vergänglichkeit von Welt und Leben und im Hinblick auf die Erlösung im Jenseits erscheinen wissenschaftliche Bemühungen des Diesseits wie Salomos'„Eitelkeit und ein Haschen nach Wind“3.

GRENZENDERERKENNTNIS

Um 1400 gibt es mit Nikolaus von Kues und seiner„docta ignorantia“ bahnbrechende Einsichten,deren Bedeutung jedoch erst später und mit weiteren Entdeckungen zu ihrer vollen Tragweite gelangen: von Kues gelang die Einsicht in unüberwindliche Grenzen der Erkenntnis bezüglich wissenschaftlicher Genauigkeit wie auch theoretischer Zusammenhänge.„Zum einen stößt jedemessende Bestimmung auf unvermeidliche Grenzen der Genauigkeit:„Wir finden Gleichheit in gradweiser Näherung … Deshalb wird Maß und Gemessenes trotz allerAngleichung immer verschieden bleiben.“Zum anderen ist es grundsätzlich unmöglich voraussetzungslos zu denken.Vielmehr ist Erkenntnis jeweils auf etwas bezogen, das stillschweigend oder ausdrücklich schon alsbekannt vorausgesetzt wird.“4Erst in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts gewinnt die Einsichtin die „Unbestimmtheit“ der modernen Physik (in einem Wort:Unschärferelation)auch in philosophischer Sicht an Bedeutung-dann aber in der vollen Wucht einer alles mit sich reißenden Lawine. Etwa zur gleichen Zeit können Gödels Sätze über die Grenzen mathematischer

2Niklas Luhmann 1998, 413.

3Die Bibel, Altes Testament, Prediger 1:Der Prediger Salomo-Alles irdische ist eitel

4N. v. Kues in Alfred Gierer 1998, 35f. Nach A. Gierer 1998 schloss Cusanus daraus auf einedurchaus positive Einsicht: „Die Grenzen der Erkenntnis, ergründet durch Reflexion des Denkens über sich selbst, geben die „Schau“ auf intuitive Zusammenhänge frei“ (ebd.) Vgl. auchN. Luhmann 1998, 406.

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Entscheidbarkeit zeigen, dass sich die Voraussetzungen formalen Denkens nicht vollständig durch formales Denken fassen lassen, was in der Konsequenz einmal auf die notwendig vorhandenen Voraussetzungenjeder(immanenten, evidenten usw.) Erkenntnis verweist und weiterhin die Vermutung stärkt, das Bewusstsein lasse sich nicht in mechanistisch-reduktionaler Weise naturwissenschaftlicher Betrachtung erklären.

DER ZWEIFEL

Zuvor bedingte eine Abkehr von der religiösen Fundierung der Wissenschaften jedoch eine Verlagerung des Göttlichen als Letztbegründung und Möglichkeit absoluter Erkenntnis in dasBewusstsein, das nun als ein „über Empirizitäten hinausgehender ‚transzendentaler‘ Sachverhalt, als ‚Subjekt‘ der Welt“5begriffen werden musste. So konnte das Subjekt als Quelle der Erkenntnis gelten und gleichzeitig die Voraussetzungen seiner selbst als Bedingung der Quelle der Erkenntnis bilden:„An die Stelle der (‚religiös interpretierbaren) Ewigkeit tritt die unendliche SukzessiondesEndlichen“.6Descartes hatte als erster den Zweifel so weit ausgedehnt, bis nur dieser übrig blieb: aus seinemdubito ergo sumließ sich nur noch folgerncogito ergo sum.Diese Selbstgewissheit hatte jedoch die Verabsolutierung der Rationalität zur Folge. Die Abkehr von aristotelischer, ganzheitlicherDenkweise zeigt sich auch in dem Bestreben Descartes‘ ein Organ auszumachen.An dem der Geist, dieRes cogitans,auf die von ihm getrennt existierende Materie, dieRes extensa,einwirkte-er entdeckte die Ventrikeln wieder und zog die Zirbeldrüse für diese Funktion in Betracht.

DAS SUBJEKTIN HUMANISTISCHERTRADITION

In der humanistischen Tradition ist das Subjekt immer in Begriffen des Bewusstseins gefasst: das Subjekt denkt, nimmt wahr, fühlt usw. Dabei wird-in Differenz zum Tier (oder früher auch anderen Wesen)-der Mensch alsrationalverstanden, vernunftbegabt, mit einer Vernunft ausgestattet, die nurder „Ent-Wickelung“7bedarf. Während bei Kant die Freiheit des Selbst der praktischen Vernunft unterworfen ist, setzt es sich bei Fichte und Hegelabsolut.Allerdings kann das rationale Selbst auch in Form eines Ordnungsprinzips gedeutet werden. Die Differenz von Subjekt und Objekt lenkt das

5Stefan Krempel 1995

6Niklas Luhmann 1998, 452

7Vgl. Kant 1999

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Augenmerk auf die Differenz von Schein und Wirklichkeit, in der der Mensch die Fähigkeit zur Schau des wahren Seins erlernen kann und, so etwa in der hegelschen Dialektik, zu einer Einheit von„Subjektivem“ und Objektivem“ gelangen kann.

DASMORALISCHESUBJEKT

Mit dem Zerfall der alten Welt und der Auflösung stratifikatorischen Gesellschaftsordnung verliert die Selbst-Vorstellung ihre Rückgebundenheit an die Natur, die ihre Perfektion oder die Entwicklung dazu garantierte. Das liberaleNaturrecht des späten 17. Und 18. Jahrhunderts „hält mit seinerDoppelemphase von Vernunft und Individualität zwar am Postulat einer moralischen Integration der Gesellschaft fest, aber es entzieht zugleich der aus hauspflichten und Stratifikation gestützten alten Ordnung die moralische Legitimation, nämlich die Möglichkeit sich auf die Natur des Menschen zuberufen.“8Eine Ironie, dass gerade die Moral in ihrer Binärschematisierung des Verhaltens ingutoderschlechtdie Freiheit des Individuums konstatiert: „Nur frei gewähltesVerhalten könne moralischbeurteilt werden“9, so begründet sich fortan die Verantwortlichkeit des autonomen Subjekts.

SUBJEKTIVITÄTUNDINDIVIDUALITÄT

Mit der Verabschiedung der „alteuropäischen Semantik“ entwickelte sich das Subjekt von derMensch-Tier-Unterscheidung zum in-Differenz-zur-Welt stehenden Subjekt. Erst um 1800 verschmelzen aberSubjektivitätundIndividualität:„Der Mensch wird als ein Wesen bestimmt, dassich selbst individualisiert: als selbstbezügliches Subjekt, das sich selbsttätig so viel Welt als möglich aneignet und sich dadurch selbst bestimmt.“10Diese Selbststeigerung wurde als das Allgemeine imMenschen identifiziert, als die Aufgabe, „sich seines transzendentalen Selbst zu bemächtigen, das ich seines Ich zugleich zu sein.“11

DER BEGRIFFDERONTOLOGIE

Um 1800 entwickelten sich aber auch naturphilosophisch neue Leitgedanken. Bei Schelling findensich um 1800 Gedanken zur Selbstbezüglichkeit wie auch zur „kreisproduktionalen Geschlossenheit

8Luhmann 1998, 428

9Ebd.

10Luhmann 2005, 123

11Ebd. Auf die Problematik einesallgemeinen Individuumskomme ich in Kap. 4 zurück.

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organismischer Systeme, wie sie für […] die Autopoiesistheorie typisch sind“12, und Darwin verfasst sein Werk über die Evolution durch natürliche Auslese. Die dominierende Welteinstellung Alteuropas kann man zu dieser Zeit schon als Ontologie bezeichnen, die Entwicklung nötigte jedoch erst jetzt dazu, dieses Paradigma auch zur Kenntnis zu nehmen: Im 17. Jahrhundert entwickelte sich deshalb der Begriff derOntologie.Der Naurbegriff hatte bis dahin alles abgedeckt, was nicht hergestellt war under enthielt „Naturdinge, die ihre eigene Natur kennen - eben Menschen und andere höhere Wesen.“13Alles Erkennen hatte in aristotelischer Tradition seintelosin der Feststellung des Seins. „Selbst einenoch so weit getriebene Auflösung des Seins ins einzeln Seiende, etwa in der Monadologie vonLeipniz“14verließ sich noch auf die ontologische Rückversicherung in der „prä-stabilierten Harmonie“der Natur.

DIFFERENZEN

Mit der evolutionären Kosmologie leitete sich das Seiende nun nicht mehr aus einem transzendenten Prinzip ab, sondern aus der Evolution und Selektion, aus der Geschichte, aus dem Gewesenen. In der Neuzeit relativiertsich das ‚Dingschema‘ in mehreren Disziplinen -und mit ihm das Subjekt, Selbst, Bewusstsein usw. Die Differenz von Subjekt und Objekt zerrt an ihrem Zweifel am ontologischenObjekt ebenso wie an der Vorstellung von der Identität des ‚Ich‘. In der Linguistikentwickelt sich das Interesse an der Differenz von Wort und Bedeutung, das Wort wird als Zeichen oder Stellvertreter identifiziert und der Sinn schiebt sich, etwa bei Saussure, zwischen die Worte. Sprache wird als ein System von Differenz beobachtet.Rimbaud bezeichnet das ‚Ich‘ als einen Anderen.15Die Psychoanalyse subsumiert mit Freud Bewusstsein als einen Sonderfall unter das Unterbewusstsein, Nietzsche feiert den Sieg des Dionysischen über das Apollinische im Leben. Lacan entwickelt die Thesen Freuds weiter und entdeckt das Subjekt als sich ewig ver-kennend zwischen Spiegelung (imago) und Realität gefangen.

12Zülicke 2000, 18f

13Luhmann 1998, 411

14Ebd.

15„Je est un autre“: Ich ist ein Anderer. Vgl. Henning Boëtius1997

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ZEITUNDUNORDNUNG

Derweil entwickeln sich Ansätze für ein neues Verständnis des Menschen in der Naturwissenschaft. Bertalanffy entwickelt erste Vorstellungen zu einer Systemtheorie, basierend auf dem Begriff des Fließgleichgewichts. Der Fluss der Dinge war schon bei Heraklit von grundlegender Bedeutunggewesen (man denke an sein „panta rhei“ - „alles fließt“), und auch aktuell ist derFlussnoch im Gespräch16(oder auch: das Gespräch noch im Fluss). Die Zeit erlebt mithin in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einen Symmetriebruch in der Entdeckung der Entropie durch Clausius und Boltzmann: Der zweite Hauptsatz der Thermodynamik besagt, das Universum (genauer:abgeschlossene Systeme) ginge mit wachsender „Unordnung“ dem sicheren Wärmetod entgegen17. Aber auch die Quantenmechanik hatte, wie schon angesprochen, ihre Wirkung. Neben der Kopenhagener Deutung wurden die Parallelwelttheorie, vor allem aber die Verantwortung desWissenschaftlers diskutiert. Heisenberg schreibt dazu: „Als man denken konnte, die Physik werdeweite Teile der Philosophie über den Haufen werfen, war die Philosophie in ihren ersten Repräsentanten schon Phänomenologie, war sie wieder Ethik, praktische Philosophie, war sie endlich analytische und Sprachphilosophie geworden, erhob sie nicht mehr den Anspruch, Ganzheitsmodelle zu begründen, weder für die wirkliche Welt, noch fürirgendeine denkbare.“18

DASÖKONOMISCHESUBJEKTUND SEINEAUFLÖSUNG