Super-Pulp 02: Yellow Cab From Hell - r.evolver (Hrsg.) - E-Book

Super-Pulp 02: Yellow Cab From Hell E-Book

r. evolver (Hrsg.)

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Beschreibung

Die zweite Ausgabe des kultigen Wiener Literaturmagazins hebt mit acht pulpigen Beiträgen in den Lesehimmel ab. Mit an Bord sind … Irene Salzmann - RGX-4 Obwohl die Bedingungen optimal sind, gibt es auf dem Planeten RGX-4 keine Spur von Leben. Ein fataler Irrtum, wie die Raum-Kolonisten, die den Planeten erforschen sollen, bald feststellen müssen. r.evolver - GoGo-Cannibals Nach einer Autopanne wird eine sexy Tanztruppe in den Strudel wahnwitziger Ereignisse rund um ein unheimliches Haus, einen seltsamen Wissenschafter und ein noch viel seltsameres monströses Wesen hineingezogen. Marc Gore - Yellow Cab from Hell Taxifahrer Bernie fährt einen Obdachlosen über den Haufen. Da es keine Zeugen gibt, glaubt er glimpflich davongekommen zu sein, doch sein 89er Chevy hat Blut geleckt … Martin Compart - From Pullach with Love, Teil II Der legendäre Herausgeber und „Krimipapst“ informiert über den deutschen Pulp-Autor C. H. Guenter und seinen Kult-Agenten Mr. Dynamit. Charly Blood - Sie lauern in den Schatten Drei Kleinkriminelle wagen die große Nummer und überfallen eine Bank – ihr erster Fehler. Weil die Polizei schneller als erwartet am Ort des Geschehens eintrifft, nehmen die blutigen Anfänger Geiseln – ihr zweiter Fehler und zugleich ihr letzter … Marcel Hill - This Is Rock ’N’ Roll Der Exzentriker Hill erzählt die gruslige Geschichte einer skurril-monströsen Heimsuchung in einem einsamen Musikclub in der Provinz. Thomas Williams - Fischfilet à la R’lyeh Marc und Abigail betreiben ein Restaurant an der englischen Küste. Ihre Spezialität ist ein ganz besonderes Fischgericht, das nicht nur hervorragend schmeckt, sondern sich auch zu wehren weiß … r.evolver - Tales from the Crypt Herausgeber r.evolver gibt einen kurzen Abriss über die legendären E. C. Comics, die in den 50er-Jahren das Horror-Genre mit Serien wie „Tales from the Crypt“, „Haunt of Fear“ und „The Vault of Horror“ revolutionierte. „Das schnelle Vergnügen für Genre-Freunde.“ Elmar Huber (Phantastik-News dot de) Die Printausgabe umfasst 268 Buchseiten

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SUPER PULP

Band 2 – Yellow Cab from Hell

In dieser Reihe bisher erschienen:

 

3601 – Suicide New!

3602 – Yellow Cab From Hell

3603 – Die heilige Hure

3604 – Easy Money

3605 – Notruf aus dem Scherbenviertel

3606 – Feed Me!

3607 – Der Komplex

3608 – Wolf und die Zombie-Insel 

YELLOW CAB FROM HELL

 

In diesem Band:

Irene Salzmann

r.evolver

Marc Gore

Martin Compart

Charly Blood

Marcel Hill

Thomas Williams

 

Impressum

© 2020 BLITZ-Verlag, Hurster Straße 2a, 51570 Windeck

Titelbild: Erik R. Andara

Umschlaggestaltung: Arthur Alexander

Satz: Robert Draxler

Alle Rechte vorbehalten

www.blitz-verlag.de

www.super-pulp.com

ISBN 978-3-95719-975-1

 

Auf besonderen Autorenwunsch folgen einige Texte

den Regeln der alten Rechtschreibung.

EDITORIAL

 

 

Die zweite Ausgabe unseres frechen Pulp-Magazins ist da. Aber was ist Pulp eigentlich? Ist das der Trash, von dem alle reden – also Sex and Crime ohne dramaturgisches Maß und Ziel? Oder einfach nur routiniert geschriebene Spannungsliteratur?

 

Die Antwort ist einfach: Pulp vereint bekannte Genre-Elemente und mischt sie, wie ein Kaleidoskop, zu immer neuen bunten Mustern zusammen. Da wird gesplattert und mit Raumschiffen neues Terrain erkundet, da ermitteln Detektive und vögeln sich Geheimagentinnen durchs Bild.

 

Ja, Pulp ist schnelle Literatur, die durchaus spekulativ, manchmal grauslich aber stets so charmant daherkommt, dass wir sie auch beim Abendessen rezipieren können ohne dass uns nämliches aus dem Gesicht fällt. Vor allem aber ist Pulp sympathische Lektüre für den Augenblick. Und die müssen Sie lesen. Viel Spaß dabei wünscht

 

Ihr r.evolver

RGX 4

 

Die Science Fiction ist auf den Hund gekommen. Statt ausgesprochen unheimlichen Begegnungen auf fernen Welten serviert man uns heute oft nur noch Seifenopern auf öden Raumstationen, bei denen der „Sense of Wonder“ in höfischen Intrigen untergeht. 

Nicht alle Autoren wollen das so hinnehmen. Irene Salzmann liefert uns gleich klassischen SF-Pulp, in dem die Menschheit auf dem fernen Planeten „RGX-4“endlich wieder einmal auf das Unheimliche und Unerklärliche trifft. Setzen Sie mit ihr zur Landung an – aber lassen Sie den Alarmstart sicherheitshalber schon mal warmlaufen.

 

Eine turbulente Wolkendecke überzieht den bräunlichroten Planeten, der sich einsam um die weiße Sonne RG-4 dreht. Zwei kleine Monde umkreisen ihn. Einer, Alpha, kaum mehr als ein bizarr geformter Trümmer-, der andere, Beta, fast schon selbst ein Kleinplanet. Der Planet ist unter der Bezeichnung RGX-4 registriert worden, wobei R den Raumsektor bezeichnet, G den Typ der Sonne angibt, X bedeutet, dass die Lebensbedingungen für Menschen geeignet sind, und 4 verrät, dass es sich um das vierte System dieser Art handelt.

Snikt!

Im Zeitraffer drehen die Wolkenformationen irre Pirouetten, werden von den Windströmungen auseinandergerissen oder lösen sich zu Regentropfen auf. Seltsamerweise regnet es jeden zweiten Tag kurz nach elf Uhr Ortszeit – ein erstaunlicher Kreislauf.

Snikt!

Eine Detailaufnahme zeigt, dass der Planet aus einer einzigen Landmasse besteht. Es gibt keine Meere, keine Seen oder Flüsse, zumindest nicht auf seiner Oberfläche. Der Regen wird sofort von der Landmasse aufgesogen und verdunstet allmählich wieder. Nennenswerte Erhebungen sind nicht zu entdecken, der Planet ist eine einzige weite Ebene.

Snikt!

Die nächste Vergrößerung lässt etwas erkennen, das an Vegetation erinnert. In unregelmäßigen Abständen ragen dunkelbraune Wälder, borstenähnliche Bäume und Sträucher aus dem planen Land. Doch die Analyse hat ergeben, dass es sich nicht um Pflanzen handelt, sondern um anorganische Gebilde.

Snikt!

Vorkommen organischen Lebens: negativ.

 

*

 

Negativ!

Reilly lachte lautlos in die Nacht, die niemals richtig dunkel wurde, da die Sterne nahe des Milchstraßenzentrums so dicht stehen, dass sich die Zwischenräume zu schmalen Korridoren reduzieren.

Negativ! Alle hatten sich geirrt: Die Sonde, die nach bewohnbaren oder rohstoffreichen Planeten suchte, der erste Landungstrupp des ihr folgenden Forschungsraumschiffs, das genauere Untersuchungen anstellte, und auch die Wissenschaftler ihres Pionierraumers, die sich hatten täuschen lassen. Es war ein Irrtum, der tödliche Folgen hatte.

Trotz Müdigkeit reckte Reilly ihre verspannten Glieder, ging einige Schritte und musterte besorgt den Rest ihrer Truppe. Zwei waren vor Erschöpfung eingeschlafen, einer aß eine Kleinigkeit, die übrigen hockten nur da und stierten vor sich hin, zu nervös, um zu schlafen oder gar etwas zu essen.

Im Moment hatten sie Ruhe, man gönnte ihnen eine kleine Pause, aber wahrscheinlich nur, um die Jagd im nächsten Augenblick erneut aufzunehmen und sie weiter gnadenlos zu hetzen wie schon in den letzten paar Stunden. Es war ein Wunder, dass sie überhaupt noch lebten, dass Reilly nicht mehr Leute verloren hatte. Doch welchen Sinn hatte diese Flucht überhaupt, flüsterte eine resignierende Stimme in ihrem Innern. Irgendwann mussten sie zwangsläufig dem Gegner unterliegen, denn es gab keinen Ort, an dem sie sicher wären.

„Sanchez, Bauer“, wies Reilly zwei Soldaten an, die einen weniger mitgenommenen Eindruck machten, „halten Sie Wache und wecken Sie die anderen, sobald es wieder losgeht. Lassen Sie sich nach einer Stunde ablösen.“

Sie setzte sich wieder, lehnte sich an den elastischen Stamm eines dieser Auswüchse, die sie der Einfachheit halber als Bäume bezeichneten, und zog den linken Stiefel aus. Noch immer schmerzte das Gelenk nach einem Fehltritt. Eine Weile massierte sie den geschwollenen Fuß, dann schlüpfte sie mühsam in den Stiefel und schloss die Augen, um ein wenig zu schlafen. Der Boden war angenehm warm, wärmer als sonst, und schien sich den Konturen ihres Körpers anzupassen, als wolle er es ihr besonders bequem machen. Wenn sie Glück hatten, konnten sie bis zum nächsten Abend den Stützpunkt erreichen und die nahende Siedlerflotte warnen – sofern der Stützpunkt überhaupt noch existierte.

 

*

 

„Die Arbeit geht besser voran als erwartet“, stellte Andersen zufrieden fest, als er in Begleitung seiner beiden ranghöchsten Offiziere die Fortschritte am Bau des Stützpunkts besichtigte.

„Diesmal müssen wir unsere Kräfte auch nicht darauf vergeuden, Eingeborene, wilde Tiere oder fleischfressende Pflanzen abzuwehren“, erwiderte Molo und ließ seinen Blick über die langgezogenen Baracken schweifen, in denen bald ein Teil ihrer Crew und die ersten Siedler einziehen würden.

Daneben ragten die silbrigen Sendetürme und Radaranlagen der Funkstation in den bewölkten Himmel. Hinter ihnen erstreckten sich die Hangars mit den landwirtschaftlichen Nutz- und Transportfahrzeugen sowie die gerade im Bau befindlichen Silos und Verarbeitungsstätten für Feldfrüchte und Rohstoffe.

„RGX-4 ist ein schöner Planet, wie man ihn leider nur selten findet“, stimmte ihm Andersen zu. „Eigentlich ungewöhnlich, dass es keine Pflanzen, keine Tiere und nicht einmal niedriges Leben gibt, bedenkt man, wie ideal die Umweltbedingungen sind. Seht nur, wie das Getreide und der Kohl bereits wachsen! Solche Erträge erzielen wir anderswo nicht einmal mit den besten Düngern. Abgesehen von den fehlenden Gewässern ist RGX-4 durchaus vergleichbar mit der Erde.“

„Wann wird der Planet einen Namen erhalten?“, erkundigte sich Reilly.

Für sie war dies der erste Flug auf einem Pionierraumer, und sie war ein wenig enttäuscht. Eigentlich hatte sie es sich ganz anders vorgestellt, von einem tropischen Planeten geträumt, der mit urweltlichen Sauriern und halbmenschlichen Wilden bevölkert war, den sie unter Aufbietung all ihrer Kräfte für die Menschheit in Besitz nehmen würden. Stattdessen bot sich ihr eine stille Welt bar jeglichen organischen Lebens.

Da es seit der Landung keinerlei Probleme gegeben hatte, war der Bau des Stützpunkts rasch fortgeschritten. Man hatte Zisternen errichtet, um das Regenwasser aufzufangen, hatte auf das Klima abgestimmte Pflanzen in den mineralienreichen Boden gesät und den Funkspruch an die wartende Siedlerflotte ausgestrahlt, sodass diese in wenigen Wochen eintreffen würde. Sie brachte Vieh und weiteres Saatgut mit, aber auch frischen Proviant und neue Ladung für den Pionierraumer, dessen Crew man zum Teil austauschen würde. Dann sollte das Schiff zum nächsten Planeten starten, dessen Koordinaten ihm von der Sonde und dem Forschungsraumer bereits mitgeteilt worden waren.

„In fünf Jahren“, erklärte Andersen, „sofern bis dahin keine nennenswerten Schwierigkeiten auftauchen, wegen denen wir die Welt doch noch aufgeben müssten.“

Plötzlich begann eine Sirene in Intervallen zu heulen. Sofort spurtete Reilly los, wie sie es im Training gelernt hatte. Auch die anderen eilten an ihre Plätze im Schiff und in den Schutzräumen.

Im Bunker schwang sich Reilly auf den freien Sitz vor einem Monitor, stülpte sich die Kopfhörer über und schaltete die Überwachungsoptiken ein. Der Bildschirm wurde hell und zeigte ihr nach einem Kameraschwenk die Ursache des Alarms.

Aus dem dichten dunkelbraunen Wald näherten sich langsam einige humanoide Gestalten.

 

*

 

Reilly war sofort hellwach, als sie das leichte Beben wahrnahm.

„Aufwachen!“, hörte sie Sanchez rufen.

„Wir müssen verschwinden!“, warnte Bauer aufgeregt die Kameraden, die schlaftrunken auf die Beine taumelten. „Mann, mach die Augen auf!“ Er zog Tanaka hoch, der leicht benommen wirkte.

Reilly erinnerte sich, dass der Mann schon zu Beginn ihres Unternehmens über die ersten Anzeigen einer Grippe geklagt hatte, aber da waren sie schon zu weit vom Stützpunkt entfernt gewesen, um ihn zurückschicken zu können. Fest biss sie die Zähne zusammen, als sie den schmerzenden Fuß belasten musste, und verdrängte die Befürchtung, dass sie mit dieser Verletzung den anstrengenden Marsch nicht lange durchhalten würde.

„Schnell“, trieb sie die Leute an, „wir müssen von hier weg, ehe die Welle hier ist.“

Aufmerksam betrachtete sie den Boden, der unter jedem Schritt kaum merklich nachfederte, etwa wie ein sandiger Waldboden, der dick mit Laub und Nadeln bedeckt ist. Er zitterte leicht, schien sich an einer Stelle zusammenzuziehen und an einer anderen auszudehnen. Einige weiche Wogen näherten sich ihrem Standort, sodass es aussah, als stünden sie am Ufer eines braunen Meeres, dessen Brandung auf sie zukräuselte. Die Wellen wuchsen immer höher und immer riesiger, und am Horizont nahmen sie bereits die gigantischen Dimensionen einer Springflut an.

Reilly schluckte und riss sich von diesem Anblick los. Die Frauen und Männer hasteten an ihr vorbei und hofften, der mächtigen Welle zu entgehen, die wie ein böser Alptraum unaufhaltsam näherrollte. Der Boden schien nachzugeben, schien sie verschlingen zu wollen, und alle wussten, dass das keine Einbildung war.

 

*

 

Das Verhalten der Eingeborenen, zwei Frauen und zwei Männer, zeigte keine Spur von Aggressivität; sie standen nur da und warteten ab. Tatsächlich sahen sie aus wie Menschen, nur ihre Haut schimmerte in einem matten Rötlichbraun, die Haare und Augen waren dunkel. Sie waren weder bekleidet noch bewaffnet.

„Es ist kaum zu fassen!“, wunderte sich Andersen. „Wir sind viele tausend Lichtjahre von der Erde entfernt und begegnen erstmals Wesen, die uns völlig ähnlich sind.“

„Es gibt Unterschiede“, korrigierte LaRoche, der Anthropologe, und drehte sich eine Zigarette. „Damit meine ich nicht ihre äußerliche Erscheinungsform, sondern die Tatsache, dass sie über kein Skelett und keine inneren Organe verfügen. Jedenfalls keine, wie wir sie kennen – und wenn Ultraschall- und Röntgenbilder stimmen, woran ich nicht zweifle. Es ist, als habe man Wachspuppen vor sich. Sie sehen aus wie wir, aber ihr Inneres ist leer.“

„Oder eine Masse Wachs“, warf Reilly ein.

„Ich möchte sie näher untersuchen“, verlangte LaRoche, ohne auf den Einwurf zu achten.

„Abgelehnt.“ Andersen schüttelte den Kopf. „Vielleicht ist das später möglich, wenn wir einen Weg gefunden haben, mit ihnen zu kommunizieren. Jetzt könnte sie jeglicher Annäherungsversuch verängstigen, schlimmstenfalls sogar Feindseligkeiten provozieren.“

Reilly schaltete den Bioscanner ein, um selbst einige Daten über die Eingeborenen einzuholen, und hielt überrascht den Atem an. Ein zweites Mal las sie die Resultate, um sicher zu sein, dass sie sich nicht getäuscht hatte. Das Gerät arbeitete offensichtlich fehlerfrei. Es musste stimmen.

„Haben Sie eigentlich Ihren Bioscanner einmal eingeschaltet, Doc?“, wandte sie sich an LaRoche.

Den Rauch aus der Nase blasend, lächelte er geringschätzig.

„Sie sehen doch, dass da draußen Eingeborene stehen, Reilly. Was zum Teufel brauchen Sie dann noch den Bioscanner? Das Ding kann ohnehin nur …“

Andersen beugte sich über ihre Schulter und sog hörbar die Luft ein.

„Organisches Leben – negativ!“

 

*

 

„Es kommt immer näher“, sagte Bauer und griff besorgt nach Reillys Arm, um sie zu stützen, da der verletzte Fuß unter ihr nachzugeben drohte. „Die Leute sind fertig, wir können nicht länger weglaufen. Und Tanaka …“, er senkte die Stimme. „Er gefällt mir nicht.“

Reilly nickte verbissen und hinkte noch einige Schritte, bevor sie stehenblieb. Flüchtig drehte sie sich zu Tanaka um, dessen schweißüberströmtes Gesicht sich hitzig gerötet hatte. Bauer hatte recht, der Mann war ernsthaft krank. Aber im Moment konnten sie nichts für ihn tun, da sie den Sanitäter samt seiner Ausrüstung verloren hatten.

„Okay, in Stellung gehen. Wenn die Welle fünfzig Meter entfernt ist, Granaten werfen. Hält sie das nicht auf, Flammenwerfer einsetzen.“

„Das Ding ist verdammt groß, größer als die anderen“, murmelte Tanaka unsicher. „Hoffentlich schaffen wir es.“

Die Soldaten kauerten sich nieder und nahmen die Waffen von den Schultern. Die gigantische Welle, die sich am Horizont aufgetürmt hatte, war keinen Kilometer mehr entfernt und bewegte sich schnell auf sie zu. Wie hoch sie war, vermochte keiner abzuschätzen; es mussten gut hundert Meter sein. Sie ragte bedrohlich in den Himmel, der sich im Licht der aufgehenden Sonne allmählich orange färbte. Der ungewöhnlich heiße Boden war aufgewühlt und in ständiger Bewegung, wie ein lebendiges Wesen in Agonie.

Reilly löste eine Handgranate von ihrem Schulterriemen, riss den Bügel ab, schleuderte sie der Welle entgegen und warf sich zu Boden. Die anderen taten es ihr gleich. Dann explodierten die Wurfgeschosse unter Donnern und grellen Blitzen, die trotz geschlossener Augen blendeten. Sofort begann es, nach verbranntem Fleisch zu stinken.

„Flammenwerfer: Feuer!“, schrie Reilly.

Die Granaten hatten riesige Löcher in die dunkle Wand gerissen, doch noch immer rollte sie auf sie zu, zwanzig Meter, fünfzehn, zehn …

Die armlangen Waffen spuckten gleißende Feuerzungen, unter deren Hitze die Welle zu schmelzen begann, aber nicht schnell genug. Neben Tanaka schrie ein Mann voller Entsetzen auf, als ihn die verbleibenden Wogen erfassten, um ihn herumflossen, ihn einhüllten und zu begraben versuchten.

„Schießen Sie endlich, Tanaka!“, bellte Reilly heiser.

„Ich … ich kann nicht“, stöhnte er und fingerte nervös am Abzug seines Flammenwerfers. „Er würde verbrennen.“

Reilly stieß ihn zu Seite und bestrich die Masse mit Feuer, aber es war zu spät, der Mann versank unaufhaltsam im Boden. Sie fluchte und feuerte erneut, als sie die Masse an ihrem Bein spürte.

 

*

 

„Bedauerlich, dass sie nicht sprechen können“, bemerkte Bauer. „Sie sind uns so ähnlich, aber sie können nicht reden. Eine merkwürdige Sache, dass der Bioscanner sie als – hm – tot einstuft. Eine vergleichbare Lebensform ist uns nicht bekannt.“

„Sie zeigen nicht die geringste Angst, als würden sie jeden Tag von Raumfahrern besucht werden“, meinte LaRoche. „Ob sie uns in ihr Dorf führen?“

„Wir haben kein Dorf gesehen“, knurrte Reilly. „Der ganze Planet wurde von Sonden kartographisch erfasst, doch nirgends entdeckte man eine Siedlung.“

„Sie kann sich unter der Oberfläche befinden, oder sie leben in den Wäldern und kennen keine Hütten in unserem Sinn“, spekulierte LaRoche.

Reilly zuckte mit den Schultern. LaRoche hatte immer eine Antwort parat. Bauer schien hingegen ihre Skepsis zu teilen, während Tanaka und die übrigen Männer nur Augen für die weiblichen Eingeborenen hatten. Mit anmutigen Bewegungen eilten die Gestalten dem Fahrzeug voraus und wiesen den Raumfahrern den Weg. Offensichtlich waren sie und ihre Begleiter außerordentlich ausdauernd, da sie schon seit Stunden in einem raschen Tempo marschierten, ohne zu ermüden.

Unwillkürlich fragte sich Reilly, was sie erwarten mochte. Ein unangenehmes Gefühl sagte ihr, dass sie trotz der zehn Soldaten, die unter ihrem Kommando standen, im Ernstfall hilflos waren.

Der Stützpunkt befand sich schon fast eine Tagesfahrt entfernt, als vor ihnen einige Bauten sichtbar wurden.

„Das gibt es nicht!“, entfuhr es Sanchez verblüfft. „Seht doch, die Hütten … sie sehen aus wie … wie …“

„Wie exakte Kopien unseres Stützpunkts“, vollendete Reilly nicht minder überrascht, und LaRoche war ausnahmsweise sprachlos.

 

*

 

Es war knapp gewesen, doch die Welle war unter dem heißen Atem der Flammenwerfer zusammengebrochen. Die restlichen Ausläufer konnten mühelos abgewehrt werden. Sie hatten einen Mann verloren und waren somit nur noch sieben. Noch immer bebte der Boden unter ihnen und versuchte, ihre Füße festzuhalten.

„Nicht stehenbleiben“, ordnete Reilly an, „sonst sinken wir ein. Laufen, immer laufen. Vielleicht erreichen wir bis zum Abend den Stützpunkt. Wir müssen die anderen warnen.“

„Wenn es nicht zu spät ist“, ergänzte Tanaka dumpf.

Sie blickte zu ihm hinüber und biss sich auf die Unterlippe. Normalerweise hätte sie ihn zurechtgewiesen wegen seines fahrlässigen Verhaltens, das einen Kameraden das Leben gekostet hatte. Doch war er in diesem Zustand überhaupt zurechnungsfähig?

 

*

 

„Eine Kopie unserer Station?“, fragte Andersen. Dann verzerrte sich sein Bild, die Stimme riss ab, der Monitor wurde schwarz.

„Die Verbindung ist unterbrochen“, bedauerte Bauer, „ich kann nichts machen. Wahrscheinlich Störungen im Magnetfeld.“

„Versuchen Sie es in zehn Minuten nochmal.“

Reilly glitt vom Fahrersitz und sprang auf den weichen Boden.

„Ist es Ihnen auch aufgefallen?“, fragte LaRoche, der lässig am Fahrzeug lehnte und sich eine Zigarette anzündete. „Es gibt weder Kinder noch Greise, nur Erwachsene, alle ungefähr zwischen fünfundzwanzig und fünfzig Jahre alt, nach unseren Maßstäben. Und die Häuser, waren Sie in einem drin? Nein? Sie haben zwar Eingänge und Fenster, aber drinnen ist nichts. Das heißt, sie sind nicht hohl, sie sind voll mit dieser rotbraunen Masse. Alles ist übrigens rotbraun.“

„Vermutlich haben sie uns beobachtet und ahmen alles nach“, vermutete Reilly, „Aber bin ich kein Verhaltensforscher. Haben Sie eine Theorie?“

„Wenn ich einen von den Jungs untersuchen könnte …“

„Sie wissen, was Andersen angeordnet hat. Haben Sie sonst noch etwas festgestellt?“

„Genügt das nicht?“, antwortete LaRoche gereizt. „Wir haben es hier mit einer erstaunlichen Spezies zu tun, und Sie verbieten mir Untersuchungen, wollen aber trotzdem Antworten hören. Verlangen Sie nicht etwas zuviel?“

Reilly ließ ihn stehen und kehrte zum Wagen zurück.

„Was Neues?“

Bauer schüttelte den Kopf.

„Vielleicht ist das Ding auch kaputt. Tanaka soll es sich mal anschauen.“

„Wo ist er überhaupt?“

Reilly fiel ein, dass sie ihn schon seit geraumer Weile nicht mehr gesehen hatte.

 

*

 

„Können Sie noch laufen?“, fragte Reilly mitfühlend.

---ENDE DER LESEPROBE---