Super-Pulp 03: Die heilige Hure - r.evolver (Hrsg.) - E-Book

Super-Pulp 03: Die heilige Hure E-Book

r. evolver (Hrsg.)

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Beschreibung

Der dritte Band des Wiener Literaturmagazins. Acht phantastische Beiträge entführen in die Welt des Pulp. Vom knallharten Thriller bis zum irrwitzigen Weltraumabenteuer sorgen diesmal folgende Autoren für fesselnde Unterhaltung … Philipp Schaab - Die Begleiterin Eine Prostituierte rutscht – berufsbedingt – von einer Zwangslage in die nächste, und die hat es wahrlich in sich. Marc Gore - Rat Boy Der kleine Russ ist prädestiniert, im Schulhof vermöbelt zu werden, wären da nicht seine fiependen Freunde aus dem Untergrund der Stadt. Peter Lancester - Avalon Ein spannender Ausschnitt aus dem phantastischen Epos „Die Chroniken der Anderwelten“, die die verwobenen Lebensgeschichten einer Elfe, einer Dämonin und eines Pferdemenschen erzählen. Jürgen Fichtinger - Wer Gewalt sät … Der Wiener Journalist holt Mickey Spillanes Tiger Mann endlich aus dem Schatten seines „großen Bruders“ Mike Hammer. Stefan Hensch - Die heilige Hure Ein Pulp-Thriller der Extraklasse. Der Bulle Spencer Drake hat die Schnauze voll. Und einen gefährlichen Plan. Um den in die Tat umzusetzen gibt es für ihn nur einen Weg: Mit dem Kopf durch die Wand. Marcel Hill - Nachtschattengewächse Die packende Story beginnt – wie viele gute Thriller – an einer Tankstelle und zwar als pulpiges Psychogramm eines herrlich perversen Triebtäters … Andreas Winterer - Das Orakel von Enig M-A XXIII Der siebenschrötige Space-Commander Scott Bradley trickst das mörderische Orakel eines geheimnisvollen Planeten aus … Tony Wood - Surf Nazis Der kultige Porno-Detektiv Frank Diggler auf heißer Spur in der Surf-Szene … „Phantastisch, actiongeladen und kriminell gut.“ Redaktion (evolver dot at)

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SUPER PULP

Band 3 – Die heilige Hure

In dieser Reihe bisher erschienen:

 

3601 – Suicide New!

3602 – Yellow Cab From Hell

3603 – Die heilige Hure

3604 – Easy Money

3605 – Notruf aus dem Scherbenviertel

3606 – Feed Me!

3607 – Der Komplex

3608 – Wolf und die Zombie-Insel

DIE HEILIGE HURE

 

In diesem Band:

Philipp Schaab

Marc Gore

Peter Lancester

Jürgen Fichtinger

Stefan Hensch

Marcel Hill

Andreas Winterer

Tony Wood

 

Impressum

© 2020 BLITZ-Verlag, Hurster Straße 2a, 51570 Windeck

Titelbild: Ron Putzker

Umschlaggestaltung: Arthur Alexander

Satz: Robert Draxler

Alle Rechte vorbehalten

www.blitz-verlag.de

www.super-pulp.com

ISBN 978-3-95719-976-8

EDITORIAL

 

 

Frech und charmant entführt Sie SUPER PULP auch diesmal in die Welt der Pulp Fiction und präsentiert dabei neue Namen und alte Bekannte, wie beispielsweise Philipp Schaab, der uns in „Die Begleiterin“ mit dem grusligen Schicksal einer Prostituierten überrascht.

 

Ebenfalls nicht unbekannt ist Marc Gore. In „Rat Boy“ erzählt er die Story einer mörderischen Tierliebe. Die Science Fiction bedient ­­Andreas Winterer mit einer Episode aus seinem Scott Bradley-Universum und für die Härte sorgt diesmal Stefan Henschs Pulp-Thriller „Die heilige Hure“.

 

Darüber hinaus freuen wir uns über den exzentrischen Marcel Hill, Tony Woods Porno-Detektiv Frank Diggler, einen Ausschnitt aus Peter Lancesters Fantasy-Epos „Avalon“ sowie den Journalisten Jürgen Fichtinger und seinen tollen Mickey Spillane-Beitrag. Das müssen Sie lesen. Viel Spaß dabei wünscht

 

Ihr r.evolver

DIE BEGLEITERIN

 

Philipp Schaab ist unserem Publikum seit den Urtagen von SUPER PULP ein Begriff. Sein zombieeskes „Schamanenerbe“ erschien 2011 in der ersten Ausgabe unseres spannenden Magazins.

Mit „Die Begleiterin“ eröffnet der Autor, der einst im sagenumwobenen Odenwald das Licht der Welt erblickte, diesmal unseren phantastischen Reigen: Eine attraktive junge Frau rutscht – quasi berufsbedingt – von einer üblen Zwangslage in die nächste, und die hat es wahrlich in sich.

 

Und beim dritten Mal sagte sie: „Seht dort, ich sehe meinen Herrn im Paradies sitzen und das Paradies ist farbig und grün und zusammen mit meinem Herren sind Männer und junge Diener. Er ruft nach mir. Lasst mich zu ihm gehen!“ Und so gingen sie mit ihr zum Schiff. (Ahmad ibn Fadlān)

 

Wirtschaftlicher Erfolg äußert sich auf vielfältige Weise. Für Menschen, die in Milenas Branche arbeiten, bedeutet er, einen Kunden zu finden, der sie großzügig bezahlt, gut behandelt und für eine ganze Nacht mietet. Solche Kunden versprechen nicht nur reichlich Geld, sondern manchmal sogar ein sauberes und bequemes Bett. Wenn sie älter sind, erledigt sich der geschäftliche Teil der gemeinsamen Nacht außerdem relativ rasch, und ihre übrige Arbeit besteht aus einigen Stunden angenehmen Schlafs und einem Blow Job beim Morgenkaffee. Voraussetzung ihres Glücks ist natürlich, dass ihre Kunden auch zahlen, was nicht immer der Fall ist …

 

*

 

Hat sie heute Glück? Sie betet für den Erfolg, ohne zu wissen, an wen sie da eigentlich ihre Gebete richtet. Sie geht zum vereinbarten Treffpunkt, eine unauffällige Straßenkreuzung, abseits vom Strich, abseits von jeder Aufmerksamkeit, abseits von der Polizei. Der Abend ist still, der Lärm verhallt in der Leere der abbruchreifen, regendurchnässten Häuser. Der Gestank von vermoderten Tapeten und Pisse in der Luft; der Geruch ihrer Heimat, hier und jetzt. Ein vergessener Fleck auf dem Stadtplan, ein vergessener Ort auf der Welt, anus mundi.

Das ist ihre Heimat, ein Keller, eine durchgelegene, schwarzfleckige Matratze, eine Schublade, mit einem Vorhängeschloss gesichert, ein vergilbtes Bild von Mami und Papi und dem kleinen Bruder, Relikt aus Irkutsk, dem Daheim von gestern. Der Armut, der sie dort entflohen ist, den beengten Verhältnissen in der elterlichen Wohnung, wo sie ein kleines Kinderzimmer mit ihrem Bruder teilte. Der Stadt, wo es keine Arbeit für sie gibt, nur reichlich Wodka um sich die arbeitsfreie Zeit zu vertreiben. Flucht zum verheißungsvollen Reichtum der westlichen Welt.

Ein Wagen hält, Metallic-Lackierung, Kombimodell, gepflegter Mittelklassewagen, unauffällig, so war es besprochen, ein Fenster wird geöffnet, fragende Augen schauen sie an. „Wie heißt du?“

„Milena“, sagt sie, steigt ein, lächelt.

Er begutachtet sie während der Fahrt. Weibliche, aber schlanke Figur, langes lockiges Haar, blond, große blaue Augen, schmale Nase, spitzes Kinn. Das Mädchen stimmt exakt mit den Vorgaben überein. Sie schaut gedankenverloren hinaus, schweigt. Wozu auch reden?

Er bereut es bereits, dass er sie nach ihrem Namen gefragt hat. Er ist nur der Fahrer. Graue kurze Haare, graues Hemd, ausgewaschene Jacke, vermutlich einmal schwarz. So unauffällig wie das Auto.

Draußen immer hellere Straßen, saubere, freundlichere Häuser. Sie vergisst das Klo im Keller ihrer Behausung, 30 Benutzer, kaum jemand, der es einmal saubermacht. Ein Polizeiwagen nähert sich auf der Gegenfahrbahn, Blaulicht leuchtet auf, Sirenen heulen, Autos machen den Weg frei. Milena wird nervös. Sie will nicht erwischt werden. Polizeikontrolle bedeutet Abschiebung, versuchte Bestechung vielleicht Knast.

Die Agentur würde ihr das nicht verzeihen. Immerhin schuldet Milena der Organisation noch über 10.000 Euro Reisekosten fürs Einschmuggeln in den EU-Raum. Die Agentur ist fair, sie bietet gute Konditionen, verkauft ihre Klientinnen nicht an Mädchenhändler, um sie in Bordellen verschwinden zu lassen, jedenfalls nicht, wenn sie sich als intelligent und selbstständig erweisen.

Ein Mädchen wie Milena lässt sie frei arbeiten, denn Milena bezahlt jeden Monat pünktlich ihre Rate, gibt den drei Vertretern der Agentur mit den breiten Schultern, die sie alle vier Wochen fast auf die Minute genau zur gleichen Zeit in ihrem Keller besuchen, brav den geforderten Anteil.

Milena hat die breitschultrigen Vertreter der Agentur nie enttäuscht und wird das auch gewiss nie tun. Dafür schützt die Agentur die Mädchen sogar, hält die Schläger anderer Organisationen von ihnen fern, ja, wacht über ihre schönen Kapitalanlagen.

Auch der Keller, den sie bewohnt, das abbruchreife Haus, soll der Agentur gehören, aber das ist nur ein Gerücht, das sie von den anderen Mädchen gehört hat.

 

*

 

Der Polizeiwagen rauscht vorbei, der graue Fahrer lächelt, seine Zähne so grau wie seine Kleidung. Er ist von Milena beeindruckt, so jung und doch so eine Ausstrahlung, so einen Ehrgeiz im Blick, ungebrochene Hoffnung, das gefällt ihm. Der Kunde wird zufrieden sein. Ihre Furcht vor der Polizei zeigt ihm die Grenzen des Mädchens, ihre Angst vor der Abschiebung. Wahrscheinlich haben die Schleuser ihr den Pass abgenommen. Im Falle einer Kontrolle wird sie als illegale Einwanderin ohne Papiere in ein sogenanntes „sicheres Nicht-EU Land“ abgeschoben, wo es seit Verabschiedung des Gesetzes preisgünstige Internierungslager für Fälle wie sie gibt. Die neueste Regelung der Regierung, um „kriminelle Einwanderer“ loszuwerden und an den Stammtischen zu punkten. Offiziell wird in solchen EU-finanzierten Lagern streng die UN-Menschenrechtskonvention eingehalten, aber merkwürdigerweise ist ihr Ruf trotzdem nicht der beste.

Das Zwielicht verdunkelt sich, wird Nacht allmählich, sternenklar. Keine Häuser, stille Landstraße. Milena ist überrascht, kein teures Appartement in einem Wolkenkratzer, keine elegante Vorstadtvilla. Sie fahren mitten ins Nirgendwo.

„Er hat ein eigenes Schloss, das Anwesen ist enorm groß.“ Er weist mit dem Finger in die umliegenden Wälder, die an den Scheiben vorbeirauschen, schwarz und bedrohlich. „Wir sind schon auf seinem Besitz.“ Keine Laterne, keine Beleuchtung mehr, nur noch Waldödnis. Wie lange fahren sie schon durch dieses finstere Märchenland? Stunden? Minuten? Lange dunkle Äste tauchen vor der Scheibe auf, schlagen fast dagegen, die Straße verschwindet hinter den langen Armen der Bäume. Merkwürdige Rhythmen erwachsen aus den Umgebungsgeräuschen und dem Takt, den der Motor vorgibt, Kratzen, Rauschen, Raunen. Traum oder Alptraum, guter oder böser Zauber?

Milena ist gebannt, ihr Herz rast. Alles fügt sich zusammen, welch außergewöhnlicher Tag.

Ich habe einen wirklich reichen Kunden erwischt.

Sie kann ihr Glück kaum fassen, aber da ist auch ein anderes Gefühl, das bedenkliche. Der Wald macht ihr Angst, ist das ein Zeichen? Ist das nicht zu viel, nicht eine Nummer zu groß für sie? Aber er zahlt wirklich gut.

Nein, keine Angst vor dem, was kommt. Die Zukunft liegt vor ihr. Mag Böses lauern im Wald, so wie es ihre Großmutter immer erzählt hat; sie sitzt sicher im Auto, fährt ins Licht. Dort am Horizont ist es schon, sie kann es sehen.

„Wir sind da.“ Im Schein der brennenden Fackeln erhebt sich ein gewaltiges Gebäude, ein Schloss vermutlich.

Sie steigen vor einer Treppe aus, die zu mächtigen dorischen Säulen führt, dahinter sind eine schwere Tür und hohe Fenster erkennbar, die von innen nur schwach von flackerndem Licht beleuchtet werden.

Glück, denkt sich Milena, vielleicht habe ich heute wirklich Glück.

Der Fahrer führt sie durch die Reihen der Wächter, schwer bewaffnete, schweigsame Gestalten, in das gewaltige Haus. In der Vorhalle wird sie in einer Art Zelt empfangen, rot gefärbte Seide, bemalt mit schwarzen Ornamenten und Kreaturen, die entfernt an Tiere erinnern. Eine alte, dickliche Frau tritt aus dem Schatten des von einer Feuerschale spärlich beleuchteten Zeltes. Rotunterlaufene, seltsam kaltmilchige Augen werfen ihren Blick auf Milena. Schwermütig, abschätzend, sieht sie auf das Mädchen, das ihr gerade gebracht worden ist.

 

*

 

„Zieh dich aus!“ Sie deutet auf Milenas schwarzes Kleid und ihre hochhackigen, rotlackierten Schuhe, die besten, die sie besitzt. „Das brauchst du hier nicht. Du erhältst neue Kleidung.“

Milena fröstelt ob des Erscheinungsbildes der Frau. Ob das eine Lesben-Party war? Wie eine Bedienstete sah dieses unheimliche Weib in der grauen Kutte jedenfalls nicht aus. Es muss eine Art Kostümfest sein. Vielleicht auch eine Fetisch-Party der seltsameren Sorte.

Aus einer reich verzierten Holzkiste, deren Deckel die alte Frau mit einem lauten Knarren öffnet, holt sie ein weißes Kleid hervor, dazu eine metallene Halskette, an der ein schweres, hammerartiges Gebilde hängt und einen breiten, reich mit Tierornamenten und Muschelschalen verzierten Ledergürtel.

Milena gehorcht widerwillig, zieht sich aus. Zuerst die Schuhe, dann das Kleid.

„Die Unterwäsche ebenfalls!“ Die Alte ist gnadenlos, Milena muss sich fügen, aber was hat sie nicht schon alles für Geld gemacht.

„Arme nach vorne!“

Milena zittert leicht, der weiße Leinenstoff fällt locker über ihren nackten Körper fast bis zum Knöchel. Er fühlt sich angenehm an und teuer ist er gewiss, vor der kalten Luft im Zelt schützt er aber nicht.

„Umdrehen!“ Der Gürtel ist hübsch, aber die Alte zurrt ihn so fest, dass Milena fast die Luft wegbleibt. Dann die Kette; der goldschimmernde Hammer ruht schwer auf ihrer Brust. Sie erschrickt, als ihr die Augen verbunden werden, der Fahrer, der immer noch in ihrer Nähe ist, nimmt ihre Hand. „Nicht erschrecken, das ist einfach ein Teil des Spiels.“

Das hätte er auch mal früher sagen können.

Ein Vorhang wird zurückgezogen, Milena kann das leise Rauschen des Stoffes hören. Tatsächlich darf sie jetzt, mit verbundenen Augen, das Zelt verlassen, folgt dem Fahrer, der noch immer ihre Hand hält. Sie glaubt, in einem großen Saal zu sein, sie fühlt den glattpolierten, kühlen Boden unter ihren bloßen Füßen, den Wind, der ihr leicht durch das Haar weht, riecht den Brandgeruch aus den Feuerschalen, hört das Geflüster aus der Dunkelheit. Sie wird offenbar aufmerksam beobachtet.

Eine Tür öffnet sich, noch ein paar Schritte, ihre Hand wird losgelassen, die Tür wieder geschlossen.

Der Fahrer nimmt ihr die Binde ab.

Sie steht in einem Schlafzimmer, marmorierter Boden, silberne Kerzenleuchter, bestückt mit sanft brennenden Wachskerzen. Vor ihr ein großes Bett mit vergoldetem Rahmen, Baldachin, samtenen Kissen, auf einem Tischchen steht eine Schale mit Obst und eine mit Wasser gefüllte Karaffe, daneben ein volles Glas.

„Nicht schlecht, oder?“ Der Fahrer grinst. „Dort drüben“, er weist nach rechts, „ist ein kleines Bad, falls du dich frisch machen möchtest.“

Milena sagt nichts, dreht sich sprachlos im Kreis, bis ihr Blick an einer Bronzeskulptur hängen bleibt, die in der dunkelsten Ecke des Zimmers ihren Platz gefunden hat. Sie zeigt eine mannshohe, muskelbepackte menschliche Gestalt, die mit wutverzerrtem Gesicht zum tödlichen Schlag gegen eine schlangenartige Kreatur ausholt, die seinen Körper umschlungen hält. Milena fällt die Waffe auf, die der Krieger schwingt, ein gewaltiger Hammer.

„Das ist Thor, der Donnergott bei den Wikingern“, erklärt ihr der Fahrer, „du weißt schon, diese Kerle mit den Drachenschiffen und den Hörnerhelmen.“

Milena nickt.

„Der Besitzer des Schlosses hat ein Faible für Wikinger. Deswegen trägst du auch dieses Kleid.“

„Gegen wen kämpft er?“

„Wer kämpft?“ Er ist irritiert.

Sie zeigt auf die Skulptur.

Der Fahrer grinst, entschuldigt sich, überlegt. „Er kämpft immer gegen irgendwelche bösen Ungeheuer, dafür ist er bekannt. Diese Schlange nennt man, glaube ich, Midgardschlange, aber ich weiß es nicht genau.“ Er hebt entschuldigend die Hände. „Ich bin kein Experte auf diesem Gebiet. Du kannst deinen Kunden ja mal fragen, er weiß es bestimmt.“ Er deutet auf das Bett, „Ruh’ dich jetzt aus, man wird dich rufen, wenn es an der Zeit ist. Auf dem Tisch findest du eine kleine Erfrischung. Greif’ ruhig zu, du wirst sie brauchen.“ Er grinst wieder. „Also gut, ich denke, du bist hier versorgt. Ich muss jetzt weiter. Ich wünsch’ dir eine … angenehme Nacht.“ Er dreht sich um, geht zur Tür hinaus.

„Warte mal!“

Er dreht sich noch einmal um. „Was gibt’s denn?“

Sie lächelt. „Danke für deine Hilfe!“

„Kein Problem!“ Ein letztes Lächeln, dann verlässt er das Zimmer.

 

*

 

Milena ist fasziniert von dem seltsamen Schmuck, den die schreckliche Alte ihr angelegt hat. Wirklich tragbar ist er nicht, dieser kitschige Goldhammer, aber sicher wertvoll und vielleicht darf sie ihn sogar behalten, könnte ihn verkaufen.

Der Kunde würde sich diesen Schmuck bestimmt hundertfach herstellen lassen können, vielleicht gönnt er ihr diesen Extra-Obolus? Sie würde dafür auch ganz besonders fleißig sein.

Milena hatte sich für frühere Kunden schon des Öfteren verkleidet, kannte die Rolle der Zofe genauso wie die der Domina, hatte dicken alten Männern Windeln angelegt und sich auspeitschen lassen.

Ein Wikingerspiel bei einem schwerreichen Schlossbesitzer, das ist wahrhaftig etwas anderes. Das Unbekannte interessiert sie, aber noch mehr interessiert sie sich für das Geld, das sie für ihre Dienste bekommen wird. Und für mögliche Folgeaufträge.

Genug vielleicht, um sich von der Agentur freizukaufen? Ja, genug um auszusteigen, ein anderes Leben anzufangen. Eine Arbeit zu finden, die in der Regel tagsüber stattfinden wird, ein Studium an irgendeiner Universität, sie ist sprachbegabt, vielleicht Linguistik.

Sie beobachtet die holzgeschnitzten Tierornamente, die Schlangen und Drachen, die sich an den Wänden entlang schlängeln, isst, trinkt geistesabwesend ein Glas Wasser, lässt sich auf das weiche Bett fallen, schaut auf einen unsichtbaren Punkt in der Mitte des Baldachins, träumt wunderliche Tagträume, von strömenden Goldmünzen, die eine freundliche Sonne niederregnen lässt, von prächtigen Villen, die aus dem Boden wachsen und ihr gehören, von ihrer weißen Stute auf der Koppel, von einer Milena, die über sich und die ganze Welt hinauswächst, über die Spitzen der Bäume, die Gipfel der Berge, bis in die schwärzesten Tiefen des Alls.

Sie wacht wieder auf, ihre Träumerei war zum Traum geworden, aber warum hat man sie noch nicht gerufen? Ist es nicht schon Morgen? Wie lange soll dieses Spiel noch dauern?

Sie trinkt noch ein Glas Wasser. In ihr wächst der Wunsch, das Zimmer zu verlassen. Man hat es ihr eigentlich nicht explizit verboten. Warum also nicht mal einen Blick nach draußen wagen? Das Schloss muss enorm groß sein, sie kann sich gar nicht erinnern, wie viele Treppen und Korridore sie gelaufen sind. Andererseits waren ihre Augen verbunden gewesen und das Gefühl einer langen Wanderung möglicherweise nur ein Produkt ihrer eingeschränkten und verunsicherten Sinneskräfte.

Hinter der Tür erstreckt sich ein langer Korridor, nur sporadisch beleuchtet vom Licht kleiner Feuerschalen, die flackernde Schattenspiele über die, auch dort allgegenwärtigen, Tierornamente auf den Wänden werfen. Zu ihrer Linken erkennt sie in einiger Entfernung ein Fenster. Als sie sich nähert, erkennt sie eine Art Pfosten, der das Fenster verriegelt. Er reicht fast bis an die gewölbeartige Deckenkonstruktion des Korridors. Auf diesem Pfahl steckt ein Rinderschädel, dessen Stirn mit seltsamen Zeichen verziert ist. Rote Flüssigkeit tropft von ihm auf den Boden.

Eine hängende Feuerschale leuchtet den Schädel an. In ihm lodert ebenfalls eine kleine Flamme. Ihr Schein flackert hinter den Augenhöhlen. Es scheint, als würde ein böser Geist Milena anstarren. Sie versteht die Botschaft, dreht sich um, geht in die andere Richtung, zum Ende des Korridors. Dort erblickt sie ein gewaltiges marmornes Treppenhaus mit mächtigem Kreuzgewölbe, in dessen Mitte eine Skulptur aus Metall steht. Es ist ein mit Speer und Schild bewaffneter, bärtiger Krieger, einäugig, auf einem achtbeinigen Pferd, umgeben von Sturmwolken und Raben, der hasserfüllten Blickes auf einem Berg von Totenschädeln in die Schlacht reitet. Ein Bildnis, das in seiner Plastizität und unverhohlenen Wut ein Gefühl tiefster Beklemmung in Milena hervorruft. Ihr Kunde hat eine Vorliebe für martialische Kunst. Deckt sich das mit seinen Sexfantasien? Sie hofft auf einen Sub.

Schritte lassen sie aus ihren Gedanken fahren, jemand kommt die Treppe hoch. Sie versteckt sich hinter einem der riesigen Strebepfeiler, die das Gewölbe stützen. Im schemenhaften Licht der Feuerschalen erkennt sie eine dunkle, seltsam gekleidete Gestalt, eingehüllt in einen schwarzen Umhang. Etwas schimmert auf ihrer Brust, ein Kettenpanzer, wie Milena zu erkennen glaubt, auch ein Schwert kann sie ausmachen. Die Gestalt, ein Mann mittleren Alters mit von Trauer und Sorge gezeichneter Miene, geht weiter nach oben.

Milena atmet auf, die Maskerade und Düsternis des Mannes ängstigen sie und sie überlegt, ob sie nicht wieder auf ihr Zimmer zurückkehren soll? Der Fahrer hat es ihr zwar nicht verboten, aber sie fühlt, dass sie sich an diesem Ort besser nicht allein bewegen sollte. Wenn sie sich verläuft und nicht mehr zurückfindet, wird das vielleicht eine unangenehme Situation nach sich ziehen.

Allmählich beschleicht sie auch das Gefühl, dass sie mit dem Besitzer dieses Hauses besser keinen Ärger bekommen sollte. Noch mehr Sorgen aber bereiten ihr seine absonderlichen Präferenzen. Je reicher ihre Kunden sind, desto empfindlicher reagieren sie, wenn man sich nicht ihren Wünschen gemäß verhält, und desto tiefgreifender können die Folgen sein.

Ein Stöhnen lässt sie aufhorchen, es kommt vom anderen Ende des Korridors, der über die Treppe zu ihrem eigenen Zimmer führt. Dieser Gang ist wesentlich kürzer, er führt rasch zu einer schweren, von mächtigen Scharnieren gehaltenen Tür aus dunklem Eichenholz, die sich in beide Richtungen öffnen lässt wie das Tor einer Burg. Milena nähert sich der Tür, wieder ein Stöhnen. Sie wird unruhig. Liegt dort ein kranker Mann, vielleicht gar ihr Kunde? Sie drückt die Türklinke, es ist offen, sie tritt in einen gewaltigen Saal, getragen von mächtigen Pfeilern, die von eindrucksvollen Ornamenten fauchender Schlangen geschmückt werden. Eine Vielzahl von Feuerschalen erhellt den quadratischen Raum, dessen Grundseite eine Länge von mindestens 30 Metern haben muss. Was aber befindet sich dort in der Mitte? Ein Kreis aus weißen Wachskerzen, der einen von Tüchern abgedeckten Tisch umgibt. Sie kommt näher und sieht, es ist kein Tisch, es ist ein Bett. Ein Bett, das nicht leer ist. Vorsichtig nähert sie sich der merkwürdigen Installation.

Tatsächlich, dort liegt ein alter Mann, ein Greis mit grauem, eingefallenem Gesicht und langen, fast vampirartigen Zähnen, die der offene Mund freigelegt hat. Ein Schädel, eng umspannt mit ledriger grauer Haut, über der Stirn sorgfältig zurückgekämmtes, noch volles graues Haar. Ein breitschultriger Oberkörper, weder bedeckt, noch bekleidet, ein ausgezehrtes Gerippe.

---ENDE DER LESEPROBE---