Super-Pulp 04: Easy Money - r.evolver (Hrsg.) - E-Book

Super-Pulp 04: Easy Money E-Book

r. evolver (Hrsg.)

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Beschreibung

Vorhang auf für den nächsten Akt unseres packenden Lesevergnügens. Acht schnelle Geschichten von A wie „Action“ bis Z wie „zähnefletschend“ offenbaren den Mutigen die abenteuerliche Welt der Pulp Fiction … Marco Rauch - Eiskalt Liebe, Hass und Angst, wenn große Gefühle im Spiel sind, kennt Denise nur einen Weg – und der führt über Leichen … Thomas Williams - Freudenhaus der Kannibalen Was passiert, wenn in NRW ein junger Privatschnüffler auf einen Kannibalen-Jäger trifft? Richtig, dann agiert das explosivste Duo seit es Bielefeld nicht gibt. Jan Gardemann - Im Affekt Hauptkommissar Satorius ermittelt gemeinsam mit seinem robotischen Partner Fred (Neun-von-neunundneunzig) in einem verzwickten Mordfall. Nick Granit - Easy Money Bühne frei für Nick Granit! Der Wiener Privatermittler auf Spurensuche in einem besonders heißen Fall. Es geht um eine Entführung in der Casual Dating-Szene – und um Mord im Porno-Milleu. r.evolver - Video Killed the Pornstar Der Herausgeber über das kultige Portfolio des berüchtigten Erotik-Verlags von Franz Decker. Stefan Hensch - Cullen/Der Ausbruch Was passiert, wenn ein Killervirus Angst und Schrecken verbreitet? Die Bevölkerung versucht zu fliehen. Nur „Finisher“ Cullen begibt sich ins Zentrum der Gefahr. Charly Blood - Die Bestien vom Hermannskogel 1985 in Ostösterreich. Der Halleysche Komet steht als Unheilbringer am Himmel und das Böse erwacht im tief verschneiten Wienerwald … Michael Sonntag - Die Letzte Jagd Wildwest-Grusel pur: Wenn die Fäden eines historischen Mysteriums, einer alten Indianerlegende und eines der düstersten Kapitel der amerikanischen Geschichte in einer blutigen Story zusammenlaufen, ist Gänsehaut angesagt. „Hervorragend und durchgeknallt.“ Alexander Dolezal (Kultplatz dot net)

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SUPER PULP

Band 4 – Easy Money

In dieser Reihe bisher erschienen:

 

3601 – Suicide New!

3602 – Yellow Cab From Hell

3603 – Die heilige Hure

3604 – Easy Money

3605 – Notruf aus dem Scherbenviertel

3606 – Feed Me!

3607 – Der Komplex

3608 – Wolf und die Zombie-Insel

EASY MONEY

 

In diesem Band:

Marco Rauch

Thomas Williams

Jan Gardemann

Nick Granit

r.evolver

Stefan Hensch

Charly Blood

Michael Sonntag

 

Impressum

© 2020 BLITZ-Verlag, Hurster Straße 2a, 51570 Windeck

Titelbild: Walter Fröhlich

Umschlaggestaltung: Arthur Alexander

Satz: Robert Draxler

Alle Rechte vorbehalten

www.blitz-verlag.de

www.super-pulp.com

ISBN 978-3-95719-977-5

EDITORIAL

 

 

In SUPER PULP Nr. 4 ermitteln gleich drei Detektive: Thomas Williams Schnüffler Michael investigiert im kannibalenverseuchten Bielefeld. Jan Gardemann lässt Hauptkommissar Satorius einen verzwickten Mordfall klären und das Wiener Private Eye Nick Granit wird Zeuge eines Mordes in der Pornoszene.

 

Der Schwerpunkt der Nr. 4 liegt also beim Thriller, der aber auch ohne Detektive wunderbar funktioniert. So erzählt Marco Rauch über eine Gratwanderung zwischen Liebe, Hass und Gewalt und Stefan Hensch liefert einen packenden Piloten zur Serie „Cullen“, um einen Mann und seinen Kampf gegen ein tödliches Virus.

 

Die „Abweichler“ dieser Ausgabe sind Charly Bloods cooler Wienerwald-Grusel „Die Bestien vom Hermannskogel“ und Michael Sonntag überrascht mit einem Horror-Western. Das müssen Sie lesen! Viel Spaß dabei wünscht

 

Ihr r.evolver

EISKALT

 

Diesmal eröffnet der Wiener Autor und Redakteur Marco Rauch unseren phantastischen Reigen. Und zwar mit einer gefühlvollen wie gleichermaßen eiskalten Variation des gute alten „Rape-and-Revange“-Motivs, wo aber die Rollen irgendwie auf originelle Weise vertauscht sind. Lesen Sie also auf den nächsten Seiten eine atmosphärische Geschichte über Liebe, Angst, Gewalt und – vor allem – Rache, und vergessen Sie über die spannende Lektüre bitte auf keinen Fall, die Rechnungen am Monatsersten einzuzahlen. Ihren Zehen zuliebe …

 

Sie kippte Eiswürfel in die Badewanne. Er zitterte vor Kälte. Seine Lippen waren so blau, wie die Prellungen an seinem Körper. Das Gesicht und der Bart waren mit Blut verkrustet, die Nase schief und gebrochen, die Augen geschwollen. Jedes Mal, wenn ein Eiswürfel gegen ihn schlug, durchzuckte ihn der Schmerz.

Denise setzte sich auf den Badewannenrand. „Mein armer Mario.“

Vorsichtig streichelte sie ihm über den Kopf, vermied die Beule, die Platzwunde am Hinterkopf.

Die haben ihn ganz schön fertig gemacht, dachte sie.

Er hatte sich wieder mit den falschen Leuten eingelassen. Wieder zu viel getrunken und gespielt. Anstatt zu schreiben, am nächsten Roman oder an einer Geschichte, war er wieder saufen gegangen, hatte einen weiteren Stein auf die Mauer des Untergangs gelegt – und die Rechnung badete er jetzt aus. Im wahrsten Sinne des Wortes.

„Wie viele waren es denn?“, fragte Denise.

„Zwei. Mindestens.“ Die aufgeplatzten, mit Blut benetzten Lippen bewegten sich leicht.

„Nur zwei?“ Denise blickte an seinen Beinen hinab. Zu seinem linken Fuß. Anstelle des kleinen Zehs war dort nur mehr ein roter Stummel.

Er streckte drei Finger nach oben und griff sich an den Mund. Seine Finger kamen rot gefärbt zurück. „Mit einem allein wäre ich ja fertig geworden.“ Das Reden fiel ihm schwer. Der Kiefer war mindestens angeknackst. „Zwei haben mich festgehalten und der andere …“

„Hat zugeschlagen.“

Mario nickte. „Zwei hätte ich sicher geschafft …“

Sie glaubte ihm. Er war nicht schwach, zumindest nicht in dieser Hinsicht. Er war in genug Schlägereien verwickelt gewesen, hatte genug ausgeteilt und eingesteckt, das reichte für mehr als ein Leben, aber diesmal hatten sie ihn übel erwischt. Diesmal war es nicht fair abgelaufen. Das war nicht in Ordnung. Das akzeptierte sie nicht. Sie streichelte ihm über die Haare. „Weißt du, wer es war?“

Mario nickte. Denise spürte, dass er seine Tränen zurückhielt. Sie kannte ihn gut genug. Diesmal war er nicht einfach nur verprügelt worden, etwas war in ihm zerbrochen. Aber da war noch mehr, nicht nur der Schmerz allein. „Willst du mir nicht erzählen, was passiert ist?“

Mario zögerte. Schluckte frisches Blut. Die Wunde im Mund war wieder offen. „Hab ich doch gesagt, zwei haben mich festgehalten und der Dritte hat mich verprügelt und mir dann …“ Er deutete hinunter auf die fehlende Zehe.

Sie tastete seinen Körper im kalten Wasser ab, fuhr dann vorsichtig mit ihrer Hand über die Blessuren. Dann legte sie ihre Finger um seine Hände. „Du hast dich nicht gewehrt.“

Mario sah sie an. Er blickte abwechselnd in ihr linkes und rechtes Auge. Hin und her. In diese grüne Unendlichkeit, in der er sich so gerne verlor.

Schweigen.

„Ist schon gut.“ Sie drückte ihn sanft gegen ihre Brust. Seine nassen Haare klebten an ihrer Bluse. Ein feuchter Fleck breitete sich aus. Wieso hatte er sich nicht gewehrt? Das sah ihm nicht ähnlich. Selbst wenn sie zu dritt gewesen waren, Mario gab nicht einfach so auf. Er war hartnäckig. Genau das mochte sie ja so an ihm. Deshalb waren sie damals überhaupt zusammengekommen.

 

*

 

Drei Jahre hatte es gedauert.

Drei Jahre hatte er immer wieder mit ihr geflirtet und versucht mit ihr auszugehen, war für sie da. Nie aufdringlich oder unangenehm. Er war zuerst ihr Freund und dann ihre Liebe. Weil er eben die Hoffnung nie aufgegeben hatte.

„Sie haben mich festgehalten“, sagte er.

„Ja, aber trotzdem, du wehrst dich immer. Das weiß ich.“ Sie küsste seine nassen Haare.

„Diesmal … Ich konnte nicht. Wenn ich es getan hätte, dann … Es wäre nur schlimmer gewesen.“ Er zischte einen Schmerzenslaut durch die Zähne.

„Was wäre schlimmer gewesen?“

„Es ist mir … peinlich.“ Da war fast der Anflug eines Lächelns auf seinem Gesicht.

„Du sitzt blutüberströmt, verprügelt, nackt und mit einem Zeh weniger in einer Badewanne voller Eiswürfel und dir ist es peinlich mir zu erzählen, was passiert ist?“ Denise bewahrte zumindest nach außen hin eine ruhige Fassade. Während sie sich bemühte, nicht die Geduld zu verlieren, erwiderte sie sein Lächeln.

Mario konnte nicht widerstehen. Egal, wie weh es tat, jetzt lächelte er richtig. Dann platzte seine Lippe eben wieder auf, das machte ihm nichts aus, er spürte es beinahe nicht.

„Da hast du recht“, sagte er.

Er atmete tief ein und aus, spürte einen Stich in der Lunge. Vielleicht war doch eine Rippe gebrochen? „Ich schulde denen Geld. Nicht gerade wenig. Aber ich schwöre, ich war heute eigentlich nur dort, um sie zu bezahlen. Einen Teil davon zumindest. Da war ich noch nüchtern … aber … je länger ich gewartet hab …“

„Desto mehr hast du getrunken?“

Er erstickte die Träne auf seiner Wange mit Eiswasser. „Am Schluss war nur mehr wenig von der Kohle übrig, zu wenig. Also … gebe ich ihnen das bisschen Geld, das ich noch bei mir habe, aber natürlich reicht es ihnen nicht und … sie fangen an, mich in die Mangel zu nehmen.“ Er schüttelte den Kopf.

Denise kannte diese Verzweiflung. Diesen Schock, das Erlebte wieder und wieder im Kopf durchzuspielen.

„Dann, als sie fertig sind, drücken mich die zwei auf den Boden und der Typ … dieser Gernot, der Besitzer von dem Lokal …“

„Der dich auch verprügelt hat?“

Mario nickte. „Er zieht mir den Schuh aus und … er schneidet mir den kleinen Zeh ab und sagt, mit jeder Woche im Verzug schneidet er eine weitere ab, dann einen Finger nach dem anderen und am Ende …“ Mario deutete mit einem Nicken zwischen seine Beine. Auf das vor Kälte ganz mickrige kleine Teil.

„Wo ist die Zehe? Vielleicht kann man die im Krankenhaus noch annähen.“

Mario schluckte schwer. Lange würde er die Tränen nicht mehr zurückhalten können. Denise sah es an seinem Gesicht, fühlte seinen Oberkörper leicht zucken.

„Er hat mir dann meine Zehe …“ Er würgte leicht. „Gernot hat mir die Zehe in den Mund gesteckt und sie haben mir so lange die Nase und den Mund zugehalten, bis ich …“

„Sie haben dich gezwungen, deine eigene Zehe zu … fressen?“

Jetzt brachen bei ihm endgültig die Tränen aus. „Ich weiß nicht, wie ich das ganze Geld so schnell zurückzahlen soll … die werden mich vorher noch in Stücke schneiden …“

Das war es also, dachte sie. Er hatte Angst. Denise wusste, für jeden Menschen gab es irgendwann den Punkt, an dem er sie nicht mehr ertragen konnte. An dem die ganze Angst zu viel wurde.

Sie dachte an ihren Vater.

 

*

 

Denise war wieder dreizehn Jahre alt. Sie saß mit ihrem Papa im Auto. Vor einem Gasthaus.

Er klammerte sich am Lenkrad fest, daran erinnerte sie sich noch deutlich. Er griff so kräftig ans Steuer, Denise fürchtete, er könnte es ausreißen und dann wäre das Auto kaputt und sie würden nicht übers Wochenende wegfahren können. Dann hätte sie ganz umsonst ihre Sachen gepackt. Dabei hatte sie sich so darauf gefreut.

„Weißt du, wovor ich Angst habe?“, fragte er und öffnete eine Bierflasche. „Ich meine, so wirklich, richtig Angst?“

Denise wusste es nicht, aber sie versuchte es trotzdem. „Fürchtest du dich auch davor, dass in der Nacht ein Mann vor deinem Bett steht?“

Ihr schauderte alleine bei dem Gedanken daran. Deshalb schlief sie, nach der Scheidung der Eltern, immer so gerne bei ihrem Vater. Bei ihm war sie sicher, fühlte sie sich geborgen. Bei ihm stand nie ein fremder Mann vorm Bett.

Er nahm einen großen Schluck aus der Flasche und grinste. Doch in Wahrheit war er traurig. Sie fühlte es.

„So in der Art“, sagte er dann und trank wieder. Sein Atem roch nach Bier, aber das störte sie nicht. „Es gibt da etwas … oder jemand, vor dem ich wirklich große Angst habe.“

„Tut er dir was?“

„Nein, mir nicht, aber anderen. Ich fürchte mich davor, dass er jemandem weh tut, der mir sehr wichtig ist.“

Er drehte sich um, sah durch die Autoscheibe zum Gasthaus.

Denise folgte seinem Blick. Dort saß ihre Mutter mit Stefan, ihrem neuen Mann, beim Abendessen. Mit dabei waren auch Stefans Kinder, die Stiefgeschwister von Denise.

„Erzählst du es Mama?“, fragte sie.

„Das hab ich schon.“ Ihr Vater trank das Bier aus. „Sie glaubt mir leider nicht.“

„Mir glaubt sie auch nie, wenn ich ihr sage, dass ein Mann bei uns im Zimmer war.“ Ihre Finger spielten mit dem Buch auf ihrem Schoß. Sie las gerne während dem Auto fahren. Besonders wenn sie vorne neben ihrem Vater saß.

„War er in deinem Zimmer?“ Ihr Vater legte eine Hand auf ihren Kopf und streichelte ihr sanft die Haare. Er brachte ihre Frisur nie durcheinander. Nur deshalb durfte er sie am Kopf streicheln und sonst niemand, nicht einmal ihre Mutter.

„Ich hab kein eigenes Zimmer mehr.“ Sie teilte es sich mit Stefans Kindern.

„War er in eurem Zimmer?“

„Wer?“

„Na, der Stefan … dein Stiefpapa.“

„Ich weiß nicht, wer es war, aber es war schon mal wer bei uns. Ein Mann.“

„Und deine Mama hat dir nicht geglaubt?“

„Sie sagt, das bilde ich mir nur ein und ich soll mich nicht wie ein kleines Baby anstellen.“

„Hat dir der Mann in eurem Zimmer was getan?“

„Wie getan?“

„Dich angefasst? Dich geschlagen? Dir irgendwie weh getan?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Nein. Aber einmal, da hat er mich so erschreckt, da bin ich aufgewacht und er steht ganz groß neben meinem Bett, da hab ich dann so geschrien und zu weinen angefangen, ich glaub, ich war dann die ganze Nacht munter. Zum Glück war der Stefan gleich im Zimmer bei uns und hat mich beruhigt, bis dann auch die Mama gekommen ist.“

„Und sonst ist nichts passiert?“

„Nein.“

Ihr Vater löste das Etikett von der Bierflasche und stellte sie ab.

„Glaubst du mir?“ Sie sah ihn mit ihren grünen, großen Kinderaugen an. Noch so voller Hoffnung und Unschuld.

„Natürlich tue ich das, meine Kleine.“ Er legte einen Arm um Denise. „Ich weiß, du wirst das jetzt vielleicht nicht ganz verstehen, aber dein Stiefpapa – Stefan – ist kein netter Mensch, auch wenn Mama das glaubt. Ein Privatdetektiv hat was für mich herausgefunden über ihn. Ich war dann bei der Polizei, aber sie glauben mir dort nicht, so wie Mama dir nicht glaubt, und jetzt wohnt ihr alle zusammen und er ist bei dir und …“ Die Hand auf ihrer Schulter, starrte er aus dem Fenster. „Die Welt ist wie ein Dschungel, meine Kleine. Und manchmal muss man selbst das gemeinste und wildeste Tier von allen sein. Es genauso machen wie die Raubtiere in der Wildnis: dem Opfer auflauern, es beobachten, sich anpirschen und dann …“ Er schlug mit der geschlossenen Faust in die offene Handfläche.

Denise erschrak über das laute Geräusch, aber lachte vergnügt. Vor ihrem Vater hatte sie noch nie Angst gehabt.

„Und dann muss man zuschlagen“, sagte er. „Sie überraschen, wenn sie es am wenigsten erwarten. Das ist das Wichtigste.“ Plötzlich ließ er sie los und nahm die leere Bierflasche. „Hör zu, ich muss jetzt kurz aussteigen und zur Mama gehen. Es wird was passieren, aber du brauchst dich nicht fürchten. Ich bin gleich wieder da, dann fahren wir endlich weg, okay?“

„Okay.“

„Versprich mir, dass du im Auto wartest!“

„Versprochen.“

„Brave Maus.“ Er gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Die Lippen waren noch feucht vom Bier.

Dann stieg er aus dem Auto, mit der leeren Flasche in der Hand, und ging hinüber zum Gastgarten, wo ihre Mama mit Stefan und den zwei Kindern beim Essen waren.

Entschlossen marschierte ihr Vater auf den Tisch zu. Noch im Gehen schlug er Stefan die leere Bierflasche über den Hinterkopf. Überrascht und geschockt drehte der sich um. Als Stefan erkannte, wer ihn da angriff, schlug ihr Vater erneut zu. So lange, bis er das Gesicht zerstört hatte. So lange, bis er keine Angst mehr spürte …

Das war das letzte Mal, dass Denise ihre Mutter und Stiefgeschwister gesehen hatte. Danach war nichts mehr wie vorher. Ihr Vater nahm sie mit auf eine „lange Reise“, wie er es nannte. Erst später realisierte sie, dass er mit ihr auf der Flucht war.

 

*

 

Jetzt erinnerte sie sich daran. Wieder einmal. An die einzige Lektion, die sie von ihrem Vater mit auf den Weg bekommen hatte. Und sie spürte wieder, wie es in ihr brodelte. Ein elektrischer Schauer nach dem anderen jagte ihr über den Rücken. Bilder rauschten ihr durch den Kopf. Deutliche Bilder. Sie spiegelten die Angst wider, die von ihr Besitz ergriff. Die Angst vor diesem Gernot und seinen bezahlten Schlägern, und davor, was sie ihrem Mario antun würden.

„Kennst du die Leute, die für Gernot arbeiten?“, fragte sie.

Er nickte.

„Wer sind sie? Wie heißen sie?“

„Wozu? Ich will nicht, dass du was mit denen zu tun hast.“ Mario rang sich ein Lächeln ab, bei dem sich eingetrocknetes Blut von seinem Bart löste und ins eiskalte Wasser rieselte. Er versuchte sich aufzusetzen. Doch der Schmerz ließ ihn erstarren.

Sie gab ihm einen Kuss auf die Stirn. Es schien die einzige Stelle zu sein, die ihm nicht wehtat.

„Ich hol dir noch ein Schmerzmittel und dann sagst du mir, wer diese Typen sind.“

„Nein, das ist …“ Sein Rücken verkrampfte und raubte ihm die Luft zu sprechen.

Sie steckte ihm eine Schmerztablette in den Mund und führte vorsichtig ein Glas Wasser an seine geschwollenen Lippen.

„Also komm, raus damit! Oder willst du dir eine neue Krankenschwester zulegen?“ Diesmal war sie es, die lächelte.

Auf den richtigen Zeitpunkt zu warten, war gar nicht so einfach. Denise war so geladen, sie wäre am liebsten gleich losgefahren, um diese Typen zur Rechenschaft zu ziehen. Am besten alle drei gleichzeitig. Aber das wäre unklug gewesen. Nein, nur einen würde sie sich gleich schnappen – den, der zugeschlagen hatte: den Lokalbesitzer, diesen Gernot. Der hatte ihrem Mario die Zehe abgeschnitten und der wollte ihn in Stücke schneiden, bis nichts mehr von ihm übrig war.

„Ich kann’s dir nicht sagen, Denise.“

„Dann verrat mir wenigstens, welches Lokal das ist.“ Obwohl sie keine Ahnung hatte, wo sich die dramatische Situation abgespielt haben könnte, sah sie die Szene ganz deutlich vor sich. Den schlecht beleuchteten Innenhof, den Hinterausgang, wo die Mistkübel standen, wo die Küchenhilfe die Speisereste wegschmiss und die Putzfrauen das Schmutzwasser ausschütteten.

Die schwere Tür zum Hof ging vehement auf. Gernot schritt voran. Die beiden anderen, wahrscheinlich bezahlte Schläger und Knochenbrecher, zogen Mario hinaus. Ihren Mario.

Gernot wich der Taubenscheiße aus. Dann gab er Anweisungen, Mario schön festzuhalten, damit er ihm eine „Lektion“ erteilen konnte. Und das tat er dann auch, reagierte sich ab. An ihrem Schatz.

Vielleicht hatte er seinen Spießgesellen ja sogar den einen oder anderen Schlag gegönnt? Vielleicht hatten sie ihren Mario aber auch nur gegen den überfüllten Mistkübel schleudern oder zu Boden werfen dürfen, genau in die Taubenscheiße hinein? Dort hatten sie ihn dann festgehalten, während dieser Gernot sich an seiner Zehe zu schaffen machte.

Womit hatte er sie abgeschnitten? Mit einer Schere? Es war verdammt schwer, mit einer normalen Schere einen Knochen zu durchtrennen.

„Sag bloß, du willst sie auf deine Liste mit verbotenen Lokalen setzen.“

„Genau das will ich, du Kasperl.“ Sie griff in das eiskalte Wasser. „Und jetzt komm, du musst da mal raus.“ Sie hob ihn leicht an.

„Warte. Nur noch ein paar Minuten.“ Er legte die vor Kälte zitternden Hände an ihre Wange. Denise berührte sie. Er sollte sie zum Schreiben benutzen, um Worte zu kreieren, die so schön waren, dass sie Denise dazu gebracht hatten, sich in ihn zu verlieben, mit ihm zusammenzubleiben, selbst als er schon lieber trank, statt zu schreiben.

„Ich liebe dich“, sagte er.

„Ich liebe dich auch.“ Denise küsste ihn vorsichtig auf die Lippen und schmeckte sein Blut.

Als er aus der Badewanne gestiegen war und aufs Klo ging, schnappte sie sich sein Notizbuch. Sie wusste, er schrieb alles auf. Jeden Tag. Alles konnte irgendwann zu einer Geschichte werden. Sie fand den Namen des Lokals und eine ziemlich genaue Beschreibung von Gernot und seinen „Mitarbeitern“. Sie bewunderte ihn für seine Gabe, Dinge und Menschen mit wenigen Worten treffend zu beschreiben.

Die Klospülung rauschte. Schnell legte sie das Notizbuch an seinen Platz zurück. Er merkte nichts und legte sich ins Bett.

Denise hielt ihn fest, bis er schlief. Dann stand sie leise auf, Mario war so erschöpft, dass er das Quietschen des Bettes und die Verlagerung des Gewichts gar nicht bemerkte.

Diesmal war sie dankbar für seinen guten Schlaf. Diesmal beneidete sie ihn nicht, weil er selbst beim lautesten Bauarbeiterlärm schlafen konnte, während sie hellwach war. Mehr als einmal war sie deshalb neidisch auf ihn gewesen. Oft hatte sie ihn auch für sein lautes Schnarchen verflucht, aber nur heimlich und immer irgendwie liebevoll.

Sie löste ihre Umarmung. Seine Lippen waren noch ganz blau, obwohl es Sommer war und er unter einer dicken Decke lag. Dabei war er doch ihr Heizkörper. Wenn ihr kalt war, kuschelte sie sich an ihn und er wärmte sie.

Diesmal nicht. Diesmal war er genauso erfroren, wie sie.

Mit leisen Schritten holte Denise ein großes Messer aus der Küche. Dann verließ sie die Wohnung, stieg unten auf ihr Motorrad und fuhr davon. Ihr Vater hatte ihr einmal erklärt, dass sie immer das Überraschungsmoment für sich nutzen sollte. „Die Natur gibt uns alles vor“, hatte er ihr gepredigt, „halte dich einfach an die Raubtiere, schau wie sie es machen. Jagen, anpirschen, aufspüren, auflauern, das ist alles nichts ohne den richtigen Zeitpunkt. Wenn du den einen erwischst, dann erwischst du jeden, egal wie stark oder schwach du bist.“

Auch ihren Vater hatten sie eines Tages erwischt …

 

*

 

Denise war neunzehn, als die Behörden ihren Vater verhafteten. Nach den sechs Jahren mit ihm hatte sich ihr Leben komplett verändert, doch erst als der Staatsanwalt die Anklageschrift verlas, realisierte sie, wie sehr er sie geprägt, ihr Denken und Fühlen beeinflusst hatte. Während der Einvernahme der Zeugen malte sie sich aus, wie sie den Richter und den Staatsanwalt töten würde. Weil sie Angst vor ihnen hatte und vor dem, was sie ihrem Vater antun würden.

Er hatte einen Menschen getötet, eine Familie zerstört. Er hatte zum letzten verzweifelten Mittel gegriffen, weil er wusste, was andere nicht wahrhaben wollten. Ihm war klar, was Stefan seinen Kindern angetan, wie er sie körperlich und psychisch missbraucht, vergewaltigt hatte. Und aus verständlichen Gründen war es seine größte Angst gewesen, dass er Denise das Gleiche antat. Seiner Denise. Also hatte er für Gerechtigkeit gesorgt, für seine Art von Gerechtigkeit. Vor Justitias Augen zählte das nicht. Vor ihren Augen schon. Noch am Abend des ersten Verhandlungstages machte sich Denise auf die Jagd …

 

*

 

Zuerst verfolgte sie den Richter.

Sie kaufte ein, wo er einkaufte, tankte an der gleichen Tankstelle und saß in seinem Lieblingsrestaurant am Nebentisch. Sie wurde zum tödlichen Schatten seines Alltags.

Denise lauerte auf ihre Chance. Wenn er frühmorgens die Zeitung holte oder spätnachts nach Hause kam und allein von seinem Auto zum Haustor ging. Gelegenheiten gab es genug, trotzdem wartete sie und stellte dabei überrascht fest, dass die Angst nicht verschwand, sondern mit jedem ungenutzten Moment größer wurde. Bis sie letztlich explodierte.

Trotz aller Vorbereitungen kam das Überraschungsmoment unerwartet. Früh am Morgen, als der Richter joggen war, schlug sie zu, sprang wie ein Raubtier hinter einer Hausecke hervor und versperrte ihrer Beute den Weg. Sie im schwarzen Motorradoutfit, er in verschwitztem ­T-Shirt und kurzer Jogginghose. Und genau diese auffällige weiße Markenhose mit den roten Streifen hatte wohl den Ausschlag gegeben. Stefan hatte die gleiche getragen.

Gerade als der Richter etwas sagen wollte, zog Denise den Hammer aus dem Gürtel und schlug zu. Fest. Er hatte keine Zeit, die Arme schützend vor den Kopf zu heben. Immer wieder sauste der Hammer auf seinen Schädel nieder. So wie Vaters leere Bierflasche auf Stefans Gesicht.

 

*

 

Ein paar Tage später erwischte sie den Staatsanwalt.

So wie schon beim Richter folgte sie ihrer Beute in alltäglichen Situationen, beobachtete sie und wartete auf den richtigen Moment. Und wieder war es eine intuitive Entscheidung.

Diesmal schlug sie in der Tiefgarage eines Einkaufszentrums zu. Sie hatte ihn davor auf seiner Einkaufstour beobachtet, im Schuhgeschäft, im Supermarkt, im Sexshop, wo er sich überraschenderweise eine Hundeleine zulegte. Wem er die wohl anlegen wollte?

Unten in der Tiefgarage war weit und breit niemand zu sehen und zu ihrer großen Freude stand der Wagen des Staatsanwaltes im toten Winkel der Überwachungskameras. Kaum verstaute er die Einkäufe im Kofferraum, stand Denise schon hinter ihm, ein Messer in jeder Hand. Als er sich umdrehte, stach sie ihm mehrmals kraftvoll ins Gesicht und in die Brust. Bei den letzten beiden Stichen drehte sie die Klingen im Fleisch und zog die Waffen rasch aus klaffenden Wunden. Selbst wenn er den Angriff überlebte, diese Verletzungen würden nie wieder verheilen.

Doch er überlebte nicht und das letzte was er wohl sah, war eine Hundeleine, die aus der großen Einkaufstasche genau auf sein Gesicht gefallen war …

 

*

 

Beide Morde wurden dank einer unfähigen Ermittlungsbehörde nie aufgeklärt und wenn sie auch ihren Vater nicht vor dem Gefängnis bewahrten, so fühlte sich Denise danach besser. Ihr war klar geworden, dass ihre Feinde angreifbar waren und somit war auch endlich die Angst verschwunden.

---ENDE DER LESEPROBE---