Super-Pulp 05: Notruf aus dem Scherbenviertel - r.evolver (Hrsg.) - E-Book

Super-Pulp 05: Notruf aus dem Scherbenviertel E-Book

r. evolver (Hrsg.)

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Beschreibung

Das legendäre Wiener Literaturmagazin setzt zum nächsten trashigen Höllenflug an. Bitte anschnallen und Rauchen einstellen! Diesmal mit dabei sind … Daniel Weber - Der die Toten liebt Der Held dieser grusligen Story wäre gern ein Herzensbrecher, ist aber nur ein Nerd, der vom schönen Geschlecht ignoriert wird. Um dagegen etwas zu unternehmen, treibt er sich nachts herum – aber nicht etwa in Bars oder Diskotheken, sondern auf Friedhöfen. Faye Hell - Die Bitch und der Jesusfreak Die Grand Dame in spe des extremen deutschsprachigen Horrors entführt uns in ihrer blutigen Story um einen spirituell durchgeknallten Serienkiller in den literarischen Untergrund der Bücherstadt Leipzig. Erik R. Andara - Notruf aus dem Scherbenviertel In dieser spannenden Melange aus Weird Fiction und Hard Boiled Detective Story folgt ein namenloser Detektiv einem verzweifelten Notruf, der ihn aus dem übelsten Viertel der Stadt erreicht. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt … Martin Compart - Spys Like Us Seit Jahrzehnten schleichen Spione in unterschiedlichsten Medien durch die düsteren Gassen der Populärkultur. Martin Compart hat sich an ihre Fersen geheftet und startet in SUPER PULP eine Serie über die „Pioniere“ des Spionageromans. Stefan Hensch - Cullen 2/Die Schutzzone Ein tödlicher Virus sorgt in Kalifornien für bürgerkriegsähnliche Zustände. Als die Krise ausbricht, befindet sich der Wirtschaftsanwalt Cullen gerade auf Dienstreise. Im allgemeinen Chaos versucht er zu seiner Familie zurückzukehren. Eine gefährliche Odyssee beginnt. Thomas Williams - Sheriff Backwood 2/Hexengift Ein kriminelles Netzwerk aus Kannibalen und Hexen infiltriert Deutschlands Unterwelt. Zusammen mit einem geheimnisvollen Mann namens Lars Backwood nimmt Detektiv Michael Bergmann den Kampf gegen die Höllenbrut auf. Markus Kastenholz - Tod im Schnee In dieser winterlichen Geschichte um Schuld und Sühne geht es – im wahrsten Sinne des Wortes – um eiskalten Mord und darum, dass nicht alles so ist, wie es scheint. Charly Blood - Agnesbründl-Saga 2/In der Wirtsstube der Verdammnis Düstere Bestien greifen das einsame Gasthaus im Wienerwald an. Dort verbarrikadieren sich Karl und Franz mit der rätselhaften Frau, die sie vor dem Kältetod bewahrt haben. Jetzt sind alle Fluchtwege abgeschnitten … „In gewohnt trashiger Aufmachung wird dem Leser eine ebenso anspruchsvolle wie unterhaltsame Lektüre offeriert. Bitte mehr davon!“ Florian Hilleberg (LITERRA)

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SUPER PULP

Band 5 – Notruf aus dem Scherbenviertel

 

In dieser Reihe bereits erschienen

 

3601 – Suicide New!

3602 – Yellow Cab From Hell

3603 – Die heilige Hure

3604 – Easy Money

3605 – Notruf aus dem Scherbenviertel

3606 – Feed Me!

3607 – Der Komplex

3608 – Wolf und die Zombie-Insel

 

NOTRUF AUS DEM SCHERBENVIERTEL

 

In diesem Band:

Daniel Weber

Faye Hell

Erik R. Andara

Martin Compart

Stefan Hensch

Thomas Williams

Markus Kastenholz

Charly Blood

 

 

 

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

© 2020 Blitz Verlag, Hurster Straße 2a, 51570 Windeck

Titelbild: Erik R. Andara

Redaktion: Julia Götzl, Martha Panetta, Saskia Draxler

Produktion: Robert Draxler

Alle Rechte vorbehalten

www.blitz-verlag.de

www.super-pulp.com

ISBN 978-3-95719-978-2

 

EDITORIAL

 

 

Hier kommt SUPER PULP Nr. 5! Zum Abflug in phantastische Höhen bereit, hat unser sympathisches Magazin wieder tollen Stoff geladen.

 

So lesen Sie nicht nur, wie das Horror-Abenteuer unseres Bielefelder Ermittler-Duos Michael und Backwood weitergeht. Auch Stefan Henschs spannender Biohazard-Thriller „Cullen“ sowie Charly Bloods Wienerwald-Grusel um das mysteriöse Agnesbründl erfahren ihre Fortsetzungen.

 

Obendrein dürfen wir vier neue Edelfedern mit höchst ungewöhnlichen Gänsehautstorys in unserer Familie begrüßen. Begleiten Sie also Daniel Weber auf den grusligen Friedhof modriger Lüste und begeben sie sich mit Markus Kastenholz auf eine höchst fatale Winterfahrt.

 

Lernen Sie dazu Faye Hells provokante Ermittlerin „Bitch“ kennen und lassen Sie sich von Erik R. Andaras spannender Titelstory im Pulp-Noir-Stil in die unglaubliche Welt der Weird Fiction entführen. Viel Spaß dabei wünscht

 

Ihr r.evolver

DER DIE TOTEN LIEBT

 

Das künstlerische Multitalent Daniel Weber macht diesmal den Anfang und erfreut unser nach Geschichten gierendes Herz mit einem äußerst absonderlichen Horror der erotischen Art. So wie es andere zur abendlichen Stunde in Bars verschlägt, um dort vielleicht – Tinder hin oder her – das eine oder andere Herz zu erobern, so findet Herrn Webers namenloser Held sein Liebesglück auf düsteren Friedhöfen. Mit Nekrophilie hat das Ganze aber nichts zu tun, schon vielmehr mit einer Art Voodoo-Talent, das dem jungen Mann nicht nur die Haare hart zu Berge stehen lässt …

 

Ich habe eine eigentümliche Gabe.

Es mag zwar scheinen, als sei ich verrückt. Ich bin es nicht. Es hat einen Grund, warum man mich dort auf dem Friedhof fand, neben dem geöffneten Grab. Schreiend und … nackt.

Lassen Sie mich mit meiner Gabe anfangen.

Ich weiß nicht, warum ich die Toten aufwecken kann. Aber ich kann es. Für eine gewisse Zeit zumindest, wie lange, ist verschieden. Eine halbe Stunde ist es meistens; das reichte mir immer. Sie kennen vielleicht diese Serie, wo der Detektiv die Toten aufweckt, um zu erfahren, wer sie umgebracht hat. Die muss er aber nach einer Minute wieder zurück ins Reich der ewigen Träume schicken, damit kein anderer für sie ins Gras beißt.

Klingelt’s? Egal, Sie wissen, was ich meine.

Bei mir ist das ein bisschen anders. Ich muss die Toten nicht wie er berühren, ich muss mich einfach auf sie konzentrieren. Dann krabbeln sie aus ihren Gräbern und ich kann mit ihnen machen, was ich will. Weil ich habe auch Kontrolle über sie, verstehen Sie?

Na, was werde ich schon mit meiner Fähigkeit gemacht haben? Ich bin Anfang 20, ein Nerd – bei den Damen nicht heiß begehrt – und de facto bin ich sexuell tendenziell unausgelastet.

Ein Klischee meinen Sie? Pah! Die Mädels stehen auf die muskelbepackten Kerle wie die Helden in den Comicverfilmungen. Aber nicht auf die männlichen Fans mit Spaghetti-Figur.

Vergessen Sie’s!

Können Sie mir wirklich vorwerfen, wie ich meine Gabe verwendete?

Zuerst war’s ja harmlos. Da habe ich einen toten Igel auf der Straße gesehen. Platt gewalzt und zermatscht. Ich war zehn Jahre alt. Ich hockte mich neben den Kadaver und stellte mir vor, er würde noch leben. Siehe da: Das tote Ding zappelte plötzlich.

Leider blieb es beim Zappeln, weil ja alle Knochen in dem kleinen Körper gebrochen sein mussten. Haut und Fleisch waren aufgeplatzt und durch die frenetischen Bewegungen quollen letzte Blutreste und Gedärme aus den Rissen. Ich bekam es mit der Angst zu tun und lief weinend zu meiner Mutter.

Damals glaubte ich, das Ding sei einfach noch nicht tot gewesen.

Aber solche Vorfälle häuften sich.

Ein andermal war’s ein Vogel, den ich wiederbelebte. Hatte ein gebrochenes Genick. Er brauchte ein paar Minuten, bis er sich daran gewöhnte, dass sein Köpfchen unkontrolliert hin und her pendelte auf dem labberigen Hals. Er spreizte die Flügel – die waren ja heil – und flatterte davon. Aber nicht lange, dann stürzte er leblos zu Boden und klatschte auf den Asphalt. Wumm! Jetzt war sein Köpfchen noch verdrehter als vorher.

Das war der Zeitpunkt, wo ich langsam realisierte, was ich konnte. Zuerst wühlte mich das auf. Ich hatte Angst, es meinen Eltern zu verraten. Die glaubten ohnehin, ich verbrächte zu viel Zeit vor dem Computer und mit Comic-Heften. Die Eröffnung, ich könne Tote auferwecken, hätten sie wahrscheinlich nur zum Anlass genommen, mir wieder einmal irgendwas zu verbieten, um mir „den ganzen Blödsinn“ auszutreiben. Und mich zu schlagen, aber darum geht’s hier ja nicht.

Weil ich mit niemandem darüber reden konnte, betete ich.

Aber von oben kamen keine Antworten auf meine Fragen, also ging ich beichten. Der Pfarrer hielt meine Geschichte für einen schlechten Scherz und meinte, ich solle mir überlegen, ob es sich gehöre, einen Priester zu veralbern. Zuerst solle ich jedoch ein paar „Vaterunser“ beten. Kniend vor dem Altar.

Tja, ich musste selbst mit dem Problem klarkommen.

Deshalb entschied ich mich, mir bei einem toten Tier nicht mehr vorzustellen, dass es noch lebte. Ganz einfach.

Dann kam die Pubertät.

Sie wissen schon. Die Hormone schießen ein, in der Nacht passiert ein „Unglück“. Frauen werden interessant, zumindest ihr Äußeres. In der Hose regt sich was und Pornos sind der Augenöffner für den neugefundenen Sexualtrieb.

Irgendwann will man eine Freundin. Aber als Fußabtreter der Klasse, als Witzfigur, ist man nicht die Nummer eins beim weiblichen Geschlecht, sondern viel eher die Nummer Nicht-mal-wenn-du-der-letzte-Junge-auf-der-ganzen-Welt-wärst.

Da ist es doch nachvollziehbar, dass ich verzweifelt war? Oder?

Sehen Sie, irgendwo müssen wir uns ja einig sein.

 

*

 

Dann fiel mir ein Artikel in der Zeitung auf. Über ein Mädchen in meinem Alter, das kürzlich bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. Es war ein Bild abgedruckt. Pardauz! Ich kannte sie vom Sehen. Sie war eine aus der Nebenklasse. Die Geschichte machte bald die Runde durch die ganze Schule. Jeder wusste, was passiert war. Auch den Beerdigungstermin sagte man uns.

Was soll ich sagen? Mir fiel meine Gabe wieder ein.

Ich zögerte. Zwei Wochen. Wälzte mich im Bett. Jede Nacht. Bis mir klar wurde, ich wollte es. Sofort! Zumindest probieren.

Also schlich ich um Mitternacht aus dem Haus. Das war riskant. Meine Eltern hassten es, wenn ich ihnen Ärger machte. Beim ersten Mal merkten sie es nicht. Danach erwischten sie mich manchmal. Das war dann unschön.

Aber weiter.

Ich kam zum Friedhof und ging zum Grab von – wie hieß sie nochmal? – Anna oder Emma? Ella? Irgendwas mit einem Doppelbuchstaben in der Mitte.

Es war eine kühle Frühlingsnacht, aber der Himmel war klar, der Mond halb voll und alles mucksmäuschenstill. Horrorfilm-Szenario. Ich hatte schon ein bisschen Angst, war nervös, Schauder fuhren mir ins Mark. Ich war neugierig, wie es wohl sein würde und ob ich es überhaupt schaffte, sie aufzuwecken.

Auf dem Grab lagen immer noch die Kränze und Buketts. Keine Ahnung, wie lange sowas da oben bleibt. Zuerst überlegte ich, ob ich die Erde wegschaufeln sollte, aber ich hatte in meiner Aufregung kein Werkzeug mitgenommen; also beschloss ich, es einfach so zu versuchen.

Ich stellte mich hin. Breitbeinig, das weiß ich noch genau. Und starrte auf den größten Kranz auf dem Erdhaufen. Dabei rief ich mir das Gesicht der Toten in Erinnerung.

Keine Ahnung, wie lange ich so dastand. Schweiß stand mir auf der Stirn vor lauter Anstrengung, ich hatte Gänsehaut und meine Zehen waren kalt – ich Idiot hatte nur dünne Chucks angezogen. Aber was soll’s! Ich wollte es weiterprobieren, ich war besessen von der Idee.

Auf einmal bewegten sich die Kränze.

Ich erschrak so heftig, dass ich zurückstolperte. Ich stürzte hart auf den Boden. War wie gelähmt, als der Blumenschmuck vom Grab rutschte. Im Zentrum hob sich die Erde wie ein Maulwurfshügel.

Zuerst kamen die Fingerspitzen raus, dann die ganze Hand. Sie tastete wie suchend umher.

Ich schwöre Ihnen, das war wie im Film. Mein Herz raste, der Atem ging flach und ich dachte: Mann! Lauf weg! Das ist es nicht wert.

Aber ich konnte nicht.

Ich konnte nur zusehen, wie sich der Arm herausschob, der zweite dazukam und wie sich der erdige Haarschopf aus dem Boden wühlte, bis sie schließlich vor mir stand: dreckig, aufgedunsen, von Würmern übersät. Es war dunkel, also weiß ich nicht mehr genau, wie ihre Augen ausschauten. Vielleicht hab ich’s auch verdrängt. Ihr Kleidchen war jedenfalls noch intakt, cremeweiß unter feuchter Erde und einzelnen Sargsplittern. Ich sah deutlich die unförmige Stelle an der Seite ihres Kopfes. Da musste sie auf den Asphalt aufgeknallt sein.

Sie machte den Mund auf. Es kam nur ein matschiger Laut heraus. Irgendetwas Helles war da in ihrer Mundhöhle, es bewegte sich. Ich glaube, es waren kleine Viecher, die sich von Leichen ernähren. Mein Magen rebellierte kurz und ich sah nicht mehr hin.

Sie stand einfach nur da.

Bewegungslos.

Mehrere Minuten lang.

Ich fragte mich, ob ich etwas tun sollte? Ich versuchte, mich zurückzuerinnern, was ich damals bei den toten Tieren getan hatte. Beim Igel hatte ich erwartet, dass er weiter über die Straße läuft, der Vogel hatte fliegen sollen … Bei ihr stellte ich mir nur vor, dass sie aus dem Grab herauskam.

Meine Gedanken waren Befehle für die Toten. Ich wusste, was ich von ihr wollte. Aber … war das richtig? Würde es überhaupt funktionieren?

Natürlich hätte ich zuerst versuchen können, sie auf einem Bein stehen zu lassen. Aber dann hätte mich vielleicht der Mut verlassen.

Also ging ich in meiner Vorstellung gleich zur Sache. Verdammt, ich war fünfzehn damals. Da geht man noch Risiken ein und ist der Überzeugung, man sei unverwundbar.

Es funktionierte.

Soll ich Details erzählen oder die Hauptsache überspringen?

Na, so angewidert wie Sie dreinschauen, überspringe ich’s lieber. Ich weiß ja von meiner Diagnose, hab’s ja auch vor Gericht zu hören gekriegt: Nekrophilie. Ein scheußliches Wort. Außerdem stimmt es gar nicht, weil ich vergnüge mich nur dann mit toten Frauen, nachdem ich sie kurzfristig wieder zum Leben erweckt habe.

Aber Sie glauben mir ja sowieso nicht.

Meine Geschichte wollen Sie trotzdem weiterhören. Von mir aus.

Jedenfalls war das eine geile Erfahrung, das muss ich sagen. Ich war ja bis zu diesem Zeitpunkt noch Jungfrau gewesen und – wow! – die hatte was drauf. Das Dumme war, dass sie danach … also, dass sie einfach umgefallen und vor dem Grab liegengeblieben ist. Da bekam ich Panik und lief weg. Mit offener Hose.

Erst zuhause merkte ich, wie verdreckt ich und meine Kleidung waren. Und besonders meine … Genitalien.

Ich stellte mich unter die Dusche und dankte Gott dafür, dass meine Eltern nichts von alledem mitbekommen hatten.

Am übernächsten Tag stand es in der Zeitung. Natürlich war das ganze Dorf schockiert. Sie wissen ja, wie diese Schundblätter schreiben. Grabschändung und so und polizeiliche Ermittlungen und so. Da ging mir noch mehr die Muffe.

Aber ich flog nicht auf.

Ich fragte mich, ob ich das alles nochmal riskieren sollte. Aber natürlich wollte ich es noch einmal machen. Das gab auch Nervenkitzel, oh ja. Außerdem war der Sex – auf seine Art halt – sensationell gewesen. Wahrscheinlich, weil er genau nach meinen Vorstellungen abgelaufen war. Sie können sich erinnern, dass ich Ihnen erzählt habe, ich hätte Kontrolle über meine Toten? Ja.

Aber ich musste in Zukunft vorsichtiger sein und besser vorbereitet.

Ich durfte mir vor allem nicht so viel Zeit lassen. Obwohl der Sex an sich extrem geil war, hat mir damals noch nicht so gefallen, dass sich ihre Haut schwammig und käsig angefühlt hat und Würmer überall herumkrochen. Vom Geruch aus ihrem Mund ganz zu schweigen. Und von dem Gefühl, als würde ich in modrige Schlacke eindringen.

Also: Ich musste kurz nach der Bestattung einer Frau vor Ort sein, am besten in der ersten oder zweiten Nacht. Ich brauchte Kleidung zum Wechseln und feuchte Taschentücher, um mich zumindest oberflächlich zu reinigen.

Das war ja alles recht einfach zu bewerkstelligen. Alles bis auf den ersten Punkt: Rechtzeitig bei einem frisch ausgehobenen und mit neuer „Mieterin“ ausgestatteten Grab zu sein. Das war schwer, aber ich verzagte nicht und entwickelte ein reges Interesse an Todesanzeigen in der lokalen Presse und in den Auslagen der Bestatter in der näheren Umgebung.

Die Sterblichkeitsrate von jungen Menschen ist nicht besonders hoch. Aber die Sterblichkeitsrate von Mädchen zwischen fünfzehn und achtzehn ist verschwindend gering.

Mir wurde bald bewusst, dass ich so nicht weiterkam. Zwar starben schon ab und zu Frauen, die in mein Jagdschema passten, doch dies geschah meistens bei Unfällen. Anna oder Emma oder wie sie hieß, war ein Glücksfall gewesen. Etwas ekelhaft zwar, aber immerhin. Doch ich hatte keine Lust, mit einer zur Hälfte verbrannten Wiedererweckten zu schlafen, als Beispiel nur. Ich hatte damals ja auch noch keine Ahnung, wie gut oder schlecht die Leichen heutzutage hergerichtet werden. Der Begriff „Thanatopraxie“ war mir erst bei meinen späteren Recherchen über den Weg gelaufen und da wusste ich dann: Die ästhetische Wiederherstellung des Leichnams ist nur oberflächliche Kosmetik.

Natürlich konnte ich bei Nichtgefallen, die Tote wieder zurückschicken, aber das wäre Zeitverschwendung gewesen. Ich mache mir doch nicht mitten in der Nacht solche Mühen, um dann unverrichteter Dinge wieder abzuziehen.

In zwei oder drei Monaten fand ich über meine Quellen also nur zwei potentielle Kandidatinnen. Einmal Tod durch Ertrinken im Hallenbad – perfekt, weil da der Körper eher unversehrt bleibt – und einmal Sturz aus großer Höhe mit Genickbruch – da würde halt der Kopf wie bei dem Vogel damals wackeln. Sei’s drum.

Nummer Eins ging mir durch die Lappen, weil sich meine Eltern einbildeten, spontan einen Wochenendausflug zu machen. Am Montag darauf kam eine harte Phase in der Schule, wo ich ein Zeitlang ausgeschlafen sein musste. Das hinderte mich daran, nachts rauszuschleichen, bis so viel Zeit vergangen war, dass eine Erweckung der Leiche wieder unappetitlich gewesen wäre.

Nummer Zwei erwischte ich aber super. Der Kopf wackelte wirklich ziemlich heftig, was sie aber nicht einschränkte bei … Ja, schon gut, keine Details.

Was ich erzählen möchte, ist, dass ich diesmal nicht die Nerven wegwarf und danach einfach davonlief. Ich stellte mir fest vor – und es war nicht einfach, mich zu konzentrieren, weil mir noch ganz flau im Magen von den paradiesischen Momenten war, wie sie sich zurück ins Grab wühlte.

Ich klopfte die aufgelockerte Erde wieder zurecht, richtete die Kränze aus und säuberte mich, bevor ich meine Kleidung wechselte und flüchtete.

Leider bemerkten mich meine Eltern, als ich nach Hause kam. Das gab Ärger, Hausarrest, Computerverbot … und Schläge.

 

*

 

Wie viel Zeit haben wir noch?

Was? Nur noch fünfzehn Minuten? Na gut, ich beeile mich.

Ich erholte mich von den Prügeln und schmiedete Pläne für weitere Exkursionen. Durchschnittlich zwei potentielle Kandidatinnen in zwei Monaten waren mir auf Dauer zu wenig. Vor allem, wenn man bedachte, dass ich ja nicht jede besuchen können würde. Also weitete ich mein Beuteschema aus. Es bereitete mir viele schlaflose Nächte, bis ich mich dazu überwand, Frauen bis vierzig in Betracht zu ziehen. Und es war eine gute Entscheidung, wie sich bald herausstellen sollte. Ich hätte nicht geglaubt, wie viele lustvolle Optionen ich plötzlich in meiner näheren Umgebung fand, und sogar halbwegs gut erhalten.

Tod durch Ertrinken kam zwar nicht so oft vor, dafür andere Dinge. Selbstmord war und ist immer noch ein heißer Tipp. Aufgeschnittene Pulsadern verunstalten weder Gesicht noch Körper. Erhängen ist auch akzeptabel. Oder wenn sie sich in der Garage einschließen und ordentlich aufs Gas steigen. Herzinfarkte und Schlaganfälle kommen in dieser Altersgruppe auch schon vor. Nicht zu vergessen, die eine oder andere Überdosis, wobei man da auch die Arschkarte ziehen kann, weil manche Drogen ja nicht gerade sanft mit der äußeren Erscheinung umgehen. Da bin ich dann oft mit Sachen konfrontiert gewesen … zerfallende Gesichter, ausgemergelte Brüste, intime Biotope.

Entschuldigen Sie, ich vergaß.

Ich kultivierte also meinen Geschmack, mein Vorgehen, meinen Stil im Allgemeinen. Immer seltener wurde ich von meinen Eltern beim Rausschleichen oder Heimkommen erwischt. Und ich schaffte es immer schneller, meine Partnerinnen zu erwecken, dabei ein Gespür dafür zu entwickeln, wie lange es ungefähr dauerte, bis ich sie wieder zurück ins Grab schicken musste, bevor sie von selbst zusammenbrachen.

Und dann kam es zu dieser einen blöden Sache.

Ach, verdammt, schauen Sie, wie meine Hände plötzlich zittern. Das hat mich fertiggemacht, aber am Anfang hat es so ausgesehen, als würde das mein bisher bester „Fang“ sein: Eine Prostituierte aus dem Nachbarort, Ende zwanzig, Tod durch einen angeborenen Herzfehler. Ich googelte nach dem Etablissement, in dem sie gearbeitet hatte – man findet ja alles im Internet – und ich sage Ihnen, das war eine Granate: Rehaugen, Brüste größer als Melonen, dabei stramm stehend, ein Bauchnabel zum Verrücktwerden, runder Hintern und wahnsinnig lange Beine. Wahrscheinlich hat bei diesem Körper die plastische Chirurgie nachgeholfen, aber das war mir ja einerlei.

Mit zweiundzwanzig hatte ich jetzt schon eine eigene Wohnung und brauchte mich gar nicht rausschleichen, sondern konnte tun und lassen, was ich wollte. Also packte ich meine Ausrüstung in der ersten Nacht nach dem Begräbnis zusammen und machte mich auf den Weg zum Friedhof.

Es war kühl und bewölkt, nicht das beste Wetter. Aber die Vorhersagen für die nächsten Tage waren noch schlechter, wodurch ich mehr oder weniger genötigt war, im leichten Nieselregen das Grab zu suchen. Aber ich wollte mir diese Frau nicht entgehen lassen. Sie hieß Linda. Im Puff nannte sie sich Lucy. Lucy. Puh, der Name an sich machte ja schon scharf.

Das Grab war schnell gefunden. Es lag natürlich abseits des Hauptweges auf den matschigen Seitenpfaden, wo meine Schuhe rasch feucht und dreckig wurden. Ich ärgerte mich darüber, fluchte aber nur ganz leise. Ein bisschen Pietät musste sein, ich war schließlich auf einem Friedhof. Übrigens genoss ich auch die Akte immer sehr leise, weil ich finde, dass es sich nicht schickt, zu laut und lustvoll zu stöhnen, über all den Toten.

Ich legte meinen Rucksack ab und stellte mich vor das frische Grab. Viele Kränze lagen da nicht. Aber noch mehr irritierten mich die seltsamen Symbole auf zweien von ihnen. Pentagramme und so Zeug. Der Priester hätte sowas nie zugelassen, also musste die jemand wohl nach dem Begräbnis dort hingelegt haben. Ich war es jedenfalls nicht, wie die Zeitungen und der Staatsanwalt behaupten. Wirklich nicht. Hab ich ja auch sonst nie gemacht.

Da wurde mir mulmig. Mit meiner Gabe hätte ich mir denken müssen, dass es auch anderes Übernatürliches gibt. Aber vielleicht war ich auch zu geil, um richtig nachzudenken?

Meine Haare waren feucht vom Nieselregen. Mond und Sterne, die durch die Wolken schienen, gaben genug Licht. Ich konzentrierte mich und – Tada! – zwei Minuten später wühlte sich schon etwas von unten nach oben. Bewegung kam in die Erde, ein Hügel bildete sich, die Kränze rutschten runter.

Wie immer erschien die Hand zuerst.

Linda oder Lucy – ich sage lieber Lucy – wühlte sich aus dem Grab. Ein Traum in verdrecktem Weiß, sage ich Ihnen. Die Brüste sprangen beinahe aus dem Kleid, als sie sich aufrichtete. Blondes, fast unbeschädigtes Haar, mit ein paar Erdklumpen zwischen den Strähnen. Das Gesicht war intakt. Ein Prachtweib, wirklich wahr. Nirgends waren Würmer zu sehen; aber sie war ja auch erst gestern begraben worden.

Ganz unter uns: Wenn man so lange das macht, was ich getan habe, dann lernt man irgendwann, die Attraktivität von Erde, Schlamm, Gras und Wurzeln und sogar Kleingetier auf einem sexy Körper zu schätzen. Und die Weiblichkeit hat dann eine Duftnote, ich kann’s gar nicht beschreiben.

Ich durfte mich aber nicht zu lange mit der Betrachtung aufhalten, weil ich spürte plötzlich, dass mir diesmal nicht allzu viel Zeit für mein Vorhaben bleiben würde – eine Vorahnung. Also stellte ich mir vor, wie sie gleich zur Sache ging.

Aber Lucy bewegte sich nicht. Sie stand nur da und starrte mich aus leeren toten Augen an. Das war übrigens immer das Einzige, was ich ein bisschen ungut fand. Der tote Blick der Toten. Da kann einem die Gänsehaut aufsteigen.

Vermutlich war ich abgelenkt von Lucys Erscheinung, also versuchte ich noch einmal intensiver, mir vorzustellen, was sie machen sollte.

Aber sie bewegte sich immer noch nicht. Starrte nur.

Ihr erdiges Haar flatterte im kühlen Nachtwind.

Ich bildete mir ein, dass ihr Mundwinkel nach oben zuckte.

Das mulmige Gefühl meldete sich wieder. Stärker. Irgendwas stimmte nicht. Es funktionierte nicht. Sie stand da, als würde sie mich beobachten. Aber das konnte nicht sein. Noch nie hatten meine „Partnerinnen“ Zeichen von Persönlichkeit oder verbliebenem freien Willen gezeigt.

Das Ganze wurde mir zu viel. Ich entschied mich, Lucy wieder zurück ins Grab zu schicken.

Aber sie bewegte sich immer noch nicht.

Als ich dann unwillkürlich einen Schritt zurückwich, nahm ich Bewegungen aus den Augenwinkeln wahr. Der Schreckensschrei, den ich dabei ausstieß, sprengte mir fast die Kehle.

Dutzende tote Frauen wankten auf mich zu, in verschiedenen Verwesungsgraden. Ich glaubte, Anna oder Emma darunter zu erkennen, und andere auch, die ich schon einmal hier erweckt hatte. Aber sie waren zu verfallen, um es mit Sicherheit sagen zu können.

Augenhöhlen starrten mich an, halb offengelegte Kiefer grinsten mir entgegen, Arme baumelten nutzlos an den Seiten, Beine wurden nachgeschleift im Schlamm. Fingerknochen klapperten in verführerisch bedrohlichen Gesten.

Wenn ich sage, ich bekam Panik, beschreibt das meine Empfindungen nicht einmal annähernd. Schweißausbruch, Herzrasen. Mein Magen hatte sich zusammengezogen und mit dem gordischen Knoten verschnürt – aber das alles sind nur schlechte Beschreibungen für meine Furcht.

Ich ließ den Rucksack liegen und wirbelte herum, prallte dabei gegen zwei Leichen, die mir ihren Todeshauch ins Gesicht knurrten. Sie packten mich an den Armen und drängten mich zurück.

Ich schüttelte mich, wand mich hin und her, schrie sie an, sie sollten mich loslassen. Aber die Kraft dieser zerfledderten Leichenweiber war enorm. Ich wollte sie treten, hatte aber keinen Platz, denn sie drängten immer näher. Der Gestank von Moder, Verwesung und feuchter Erde stieg mir in die Nase.

Weitere Frauenleichen kamen – junge, alte –, umringten mich, schlossen mich ein und begannen, an meinen Kleidern zu zerren. Mit Knochenfingern und verfaulten Zähnen. Sie zogen mir die Jacke vom Leib, zerrissen Hemd und Hose. Als die erste an meine Unterwäsche wollte, konnte ich irgendwie meinen Arm freibekommen, um ihr ins schwammige Gesicht zu schlagen. Sie taumelte zurück, aber das war’s auch schon. Ich wurde von anderen Knochenfrauen gepackt und war bald vollkommen entkleidet.

Ich glaube, ich schrie zu diesem Zeitpunkt nicht einmal mehr. Es kann durchaus sein, dass ich weinte, als ich von den Toten zu Lucy gezerrt wurde, die mich und meine Nacktheit mit gebrochenem Blick von oben bis unten musterte.

Dann nickte sie zu ihrem Grab.

Ein paar meiner untoten Häscherinnen begannen, Lucys Erdloch zu vergrößern. Sie arbeiteten schnell. Das Loch wurde größer und größer, bis das Grab vollständig freigelegt war und der zersplitterte Sarg vom Mond beleuchtet dalag.

Lucy schritt mit wiegenden Hüften zu dem Grab, stieg hinein und legte sich hin.

Ich wusste nicht, was das alles sollte, hatte auch nicht mehr die Kraft, nachzudenken.

Die toten Frauen packten mich fester. Sie schoben mich zum Rand der Grube.

Lucy breitete unten die Arme aus. Leckte sich mit aufgedunsener Zunge über die Lippen.

Einmal schrie ich noch, dann stießen sie mich ins Grab.

Zu ihr.

Was dann passierte … Es ist verschwommen. Ich bin mir nicht sicher. Manchmal habe ich Alpträume. Das ist, wenn ich so laut schreie in der Nacht und die Pfleger kommen müssen, um mich ruhig zu stellen. Lucy war … eine Virtuosin. Das matschige Glitschen ihrer Bewegungen unter mir höre und spüre ich heute noch. Und hier endet meine Erinnerung. Aber darum geht es nicht. Sie brach mich – als Mann. Als Mensch …

Das nächste, an das ich mich erinnern kann, ist, dass ich da vor dem aufgewühlten Grab hockte, zwischen heruntergerutschten Kränzen, nackt, voller Erde und mit Schürfwunden übersät. Und ich schrie. Vor Befriedigung und Grauen gleichermaßen.

Dann kamen Polizei und Rettung.

Den Rest kennen Sie.

Herr Doktor? Was schauen Sie denn jetzt so verschreckt? Ach, mein Ohr fällt ab. Ich habe Ihnen ja gesagt, Lucy hat mich umgebracht. Während wir es trieben. Sie murmelte in einer rhythmischen Art und Weise. Ich bin … eine lebende Leiche. Jedenfalls zerfalle ich. Ganz langsam.

Das Wichtigste ist schon weg. Ich hab’s im Klo runtergespült.

 

DANIEL WEBER, geboren 1993 in Wien, hat Deutsche Philologie studiert und ist diplomierter Schauspieler. Als leidenschaftlicher Autor bewegt er sich im Genre der Phantastik. Seit 2016 veröffentlicht er regelmäßig Texte in Zeitschriften und auf seiner Website www.weberdaniel.at. Weber lebt und schreibt im romantischen Örtchen Wolkersdorf, im nördlichen Niederösterreich.

 

DIE BITCH UND DER JESUSFREAK

 

Offen für alle literarischen Neigungen, wagen wir einen Trip in die Welt des extremen Horrors. Die liebe Faye Hell entführt uns in ihrer blutigen Story um einen spirituell durchgeknallten Serienkiller in den literarischen Untergrund der Bücherstadt Leibzig. Sollten Sie, liebe Leserinnen und Leser, einige Figuren der Geschichte wiedererkennen, so sei hier und jetzt angemerkt, dass Ähnlichkeiten zu lebenden Personen (und auch Tieren) ganz und gar nicht zufällig, sondern durchaus beabsichtigt sind. Aber wen sie wohl mit dem „Jesusfreak“ gemeint haben könnte?

 

„Heilige Scheiße“, raunte Roland Moskowitz, den im Dezernat Eins der Kriminalpolizeiinspektion alle nur das Monster nannten.

„Du sagst es. Heilige Scheiße“, bestätigte Patrizia Binder, besser bekannt als die Bitch. Jemand hatte mit brauner Farbe JESUSFREAK an die Wand geschmiert. Bloß konnte man die krakeligen Buchstaben kaum entziffern, und die braune Farbe war keine braune Farbe.

„Dabei war Leipzig mal so eine schöne Stadt“, erklang die nasale Stimme des Gerichtsmediziners.

„Leipzig? Sie machen sich ernsthaft Sorgen um Leipzig? Mir sterben gemeinsam mit jedem dieser Psychos die Wichsvorlagen weg. Jesusfreak hat schon wieder einen meiner Lieblings-Autoren erwischt“, fauchte die Bitch den blassen, schmallippigen Doktor Todesstern an und stieß heftig gegen seine Schulter, als sie an ihm vorbei Richtung Ausgang stürmte. „Ich muss eine qualmen.“

„Hat sie tatsächlich gerade Wichsvorlagen gesagt?“, erkundigte sich der Gerichtsmediziner und starrte der Kriminalbeamtin mit offenem Mund hinterher.

„Ja“, erwiderte das Monster, „sie hat Wichsvorlagen gesagt. Auch Frauen verwenden dieses Wort. Und sie wichsen.“

 

*

 

Er fürchtete sich.

Pisste sich in die bunten Satin-Boxershorts.

---ENDE DER LESEPROBE---