Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Im Münchner Stadtteil Schwabing wird eine Frau durch die Schüsse eines Scharfschützen kaltblütig ermordet. Ihr Mann, der für den BND arbeitet überlebt. Auf der Suche nach dem Mörder wird er selbst zum Gejagten. Nichts ahnend, dass hinter dem Anschlag der ausgefeilte Plan der Geheimdienste Amerikas steckt, kämpft der Agent zusammen mit seiner Jugendliebe die ebenfalls mit in das Spiel involviert ist gegen Wut, Enttäuschung und Spionage an. Schließlich entschlüsselt sich der Mord als etwas viel Bedeutsameres heraus als gedacht. Ein Geheimnis und die immer tiefer verstrickten Machenschaffen treten zum Vorschein, bis ein Spion am Hongkonger Flughaven festgesetzt wird. Niemand weiß für wen er wirklich arbeitet. Keiner erkennt das der Virus bereits Politiker und andere infiziert und damit zur Bedrohung für alle wird. Ein Spionagethriller wie er sein muss!
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 388
Veröffentlichungsjahr: 2019
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Für jene, die mir zeigte, was sich hinter der Fassade verbarg.
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Die Sehnsucht der Menschen fängt dort an, wo sie niemand erreichen kann. Ebenso wie die Liebe dort beginnt, wo der Tag schon vorüber zu sein scheint.
Ein dunkles Etwas rann meine Wangen hinunter. Mit zittrigen Lidern öffnete ich die Augen. Aus verschwommenen Mustern bildeten sich erst nach und nach vereinzelte Konturen, die sich zu einem vollständigen Bild zusammensetzten. Scherben verteilten sich wie glitzernde Diamanten über das Parkett. Der seichte Windhauch, der vom Fenster herüberwehte, ließ den Staub durch das schimmernde Abendlicht gleiten. Als mein Blick den Trümmern der Bruchstücke, die überall verstreut lagen, folgte, erstarrte ich vor Schreck, als plötzlich etwas Dunkles direkt neben mir ins Sichtfeld rückte. Atemlos rang ich nach Luft. Ein Knoten im Hals raubte mir die Stimme zum Schreien. Neben mir lag sie. Die Person, die ich vor Jahren zu lieben gelernt hatte. Das fahle Gesicht, das einst lächelte, trug jetzt eine weiße, ausdruckslose Maske. Aus ihrer linken Schulter floss Blut, das mittlerweile zu einer Lache angestaute. Die Stirn war von einer Projektilkugel von neun Millimetern zerschmettert und somit von dieser Welt gegangen. Erschossen. Fort für mich. Tot. Als mir dies bewusst wurde, verschwamm wieder alles zu unendlichen schemenhaften Flecken. Was davon zurückblieb, waren Tränen der Trauer, der Wut.
Tot.
Minuten verstrichen, bis ich endlich im Raum hinter der Gardine Schutz suchte. Draußen neigte sich der Tag dem Ende entgegen, doch hier war dieser Tag verloren. Verloren, in der Person, die hier ruhte. Bleischwer hingen meine Schultern hinunter, mein Kopf zu Boden geneigt. Wimmernd und weinend für Minuten.
»Wer war hierfür verantwortlich? Warum musste sie sterben?« Gedanken schwirrten wild in meinem Kopf. Wo war ich hier? Ich wusste nichts mehr. Der Kopf schmerzte und ich zog die Gardine am vergilbten Fenster zurück. Die Einzige in diesem Raum. Unterhalb des Fensters führte eine Straße entlang. Vereinzelnd fuhren Autos vorbei, zwei Männer überquerten den Zebrastreifen. Gegenüber hielt eine Polizeistreife. Beamte stiegen aus. Zu spät sah ich mich um. Schräg gegenüber erschien ein Schatten hinter der Scheibe des Gebäudes. Die Patrone, die abgefeuert wurde, zerriss das Glas. In diesem Augenblick zog jemand hinter mir eine Beretta. Zwei krachende Schüsse. Ich schleuderte zu Boden. Bäuchlings und voller Blut. Das Einzige, was ich noch wusste, war, dass ich schrie, bevor die Ohnmacht über mich kam und mit ihr die Dunkelheit.
Kälte wehte über die Großstadt. Der Abend stellte sich auf Sonnenschein ein, die Wolkenfelder verzogen sich. Tief atmete ich die Luft und sah in den blauen Himmel ohne Wolken. Es war der 22. Juni, 14.41 Uhr. Am Marienplatz, nahe der Frauenkirche, tummelten sich Menschenmengen. Mir waren sie gleichgültig. Genauso wie alles Leid auf Erden.
Umweltkatastrophen, Kriege, Tote. Nur ich zählte. Mein Leben, mein Ich. Das Handy in meinen Händen vibrierte. Seit zehn Minuten hatte ich auf diesen Anruf gewartet. Nein, elf. Zögerlich nahm ich ab, mit dem Wissen, dass eine junge Dame dran sein würde. Ihre Stimme klang mir ins Ohr, als ich abnahm. Es war ihre verrauchte Stimme – dieselbe, die seit Tagen zu mir sprach – als ich sie mit »Hier Robert Lai« begrüßte. Kurz angebunden antwortete sie: »Wir brauchen dich!« Irgendwie bemerkte ich an ihrer Stimme, dass die Frau am Hörer Angst hatte.
»Okay.« Ich legte auf. Auf einmal kam ich mir seltsam alleine vor. Was verunsicherte mich? Unsere Beziehung war geheim. Nicht wie sonst schien das Glück mit mir telefoniert zu haben, sondern der Unsicherheit, Befremdendes lag in der Luft. Sie trug eine Angst in sich, von der ich nicht wusste, woher sie kam. Eine Vorahnung begleitete meine Gedanken, als ich den Marienplatz eilig verließ. Nur drei Straßen weiter nahm ich ein Taxi Richtung Bahnhof. Sie hatte in der Nähe ein Dreizimmer-Apartment im zehnten Stock. Selbst wenn ich nur drei Mal dort gewesen war, so wusste ich genau, wie die Einteilung der Räume auf dem Papier aussah. Keiner würde mich aufhalten können, meinen Auftrag zu erfüllen.
Jeden Tag starben Menschen. Heute würde zweifellos wieder jemand aus dieser Welt scheiden. Der Auftrag war seit Beginn an klar, selbst wenn es nur der Satz: »Wir brauchen dich«, am Hörer vor einigen Minuten gewesen war!
Eine leere Wohnetage erstreckte sich vor seinen Augen. Vor Jahren hätte hier der Hauptsitz einer namhaften Firma einziehen sollen. Die Stadtverwaltung hielt eisern dagegen. Kinder sollten eine Tagesstätte bekommen. Seither verbarg sich hinter den Mauern nichts weiter als verstaubte Büroräume. Möbellos, zum Einzug bereit. Aiden setzte seinen Fuß über die Schwellen des vierten leer stehenden Raumes auf der linken Seite. Fahles Licht fiel durch die breite Fensterfront herein. Direkt gegenüber zogen sich mehrere Wohnbauten in die Höhe. Genau dort, im dritten Gebäude direkt vor seinen Augen, sollte die Frau sterben, die als Zielscheibe dotiert worden war. Viele waren bereits durch ihn gestorben. Nicht zuletzt berüchtigte Terrorchefs persönlich. Nur die Aussicht auf Geld machte ihn zum Killer. Das Präzisionsgewehr in der Leinentasche trug eine Blutspur. Immer.
Ein klickendes Geräusch. Das Gewehr war schussbereit. Mit zittrigen Händen legte der Mann die Mündung auf das Fensterbrett, zum Abschuss bereit, wer auch immer es heute war. Was in diesem Moment zählte, war der Auftrag. Abgeschlossen, decidet, oder ganz einfach tot.
Mit betrübtem Antlitz sah Isabel in den Spiegel. Sie trug ein schmales, figurbetontes Kleid. Ein Hauch von Schminke zierte ihr Gesicht. Die Augen mit Kajal verziert. Rouge, Lippenstift und Wimperntusche. Ihr Haar geglättet und dunkler getönt als sonst, blickte sie ihrem eigenen Spiegelbild entgegen. Jetzt schimmerten die Strähnen dunkelbraun, fast Schwarz. Wie ein Engel erschien Isabel im Spiegel. Wann würde er kommen? Der Mann, den sie liebte, von ganzem Herzen. Seit Anbeginn lag Andrew ihr in der Seele. Dort, wo sonst kein Mensch hingelangen konnte. Verschmolzen zu einem Ganzen. Seufzend wandte sie dem Frisiertisch den Rücken zu. Er würde bald kommen! Mit seinem charismatischen Schmunzeln, welches ihr ebenso ein zauberhaftes Lächeln ins Gesicht zauberte. In sich lächelnd verließ sie das Badezimmer. Gedanken drehten sich im Kreis. Mit Argwohn blickte die junge Frau aus dem Fenster. Auf dem Herd wartete bereits das Essen. Seine Lieblingsspeise. Isabel liebte diesen Mann, der sie verehrte wie Kleopatra selbst, auch darum verwöhnte sie ihn, soweit es ihr möglich war. Er gab ihr so vieles. Momente des Glücks und den unendlichen Sonnenstrahl, der nie verblasste, selbst in schlechter Zeit nicht. Wie die Sterne ihr Leuchten immer zeigen, Jahr für Jahr.
Zielsuchend starrte Aiden durch das Objektiv seiner Waffe. Die Beute verbarg sich weiterhin im Versteck wie ein schüchternes Lamm. Er musste um alles in der Welt zum Schuss kommen. Nervös zuckte der Mann. Mit Erleichtern lächelte der Amerikaner, als die schlanke Figur einer Frau zum Vorschein ins Appartement gegenüber kam. Es war so weit. Ein kurzes, metallisches Klicken des Abzuges ertönte. Der Bolzen wurde abgeschossen.
Was ich noch wahrnahm, war der kühle Luftzug, dessen Kälte mir um den Hals wehte. Irgendwo musste das Fenster offen sein. Was war mit dem Schatten an der Zimmertür? Seit Sekunden bewegte sich dieser finstere Fleck nicht. War dieses Etwas vielleicht nur eine Figur oder ein Gegenstand? Sekunden verstrichen. Keine einzige Reaktion.
»Hey, mein Engel. Ich habe dir was mitgebracht, möchtest du es nicht sehen?« Meine Stimme trug jetzt deutlich zitternde Laute mit sich. Es war Angst.
»Komm schon.«
Schritt für Schritt tastete ich mich vor. Aus den Schatten kristallisierten sich deutlich Umrisse heraus. Die eines Menschen!
Im Finstern ihrer selbst, trug sie das Lächeln nach außen, das sie ausmachte. Seufzend verließ Isabel die Küche. Der Wohnraum erschien leerer im Abendlicht. Des Mannes Anwesenheit fehlte. Jede liebevolle Geste seines Körpers, seiner Worte. Es musste Licht herein. Umgehend zog sie den Vorhang an der langen Fensterfront zurück. Graue Betonbauten versperrten die Sicht über den umliegenden Stadtbezirk. Minutenlang verharrte die Frau an der Glasscheibe. Augen huschten über das gegenüberliegende Gebäude. Zwei kurze Blitze. Dumpfes Gepolter. Stille. Scherben verteilten sich über das Parkett. Zersplittert durch eine Patronenkugel. Nur eine einzige. Blut rann um Isabel, deren Körper jetzt tot das Zimmer verzierte. Sie hatte nur auf ihren Mann Andrew gewartet, aber dieser würde nun nie mehr mit ihr sprechen können. Sie nie mehr warnen, um darin Halt zu finden. Es hatte geendet. Ihr Leben. Inmitten des sorglosen Lebens. Entrissen, um das Glück von jenen, die sie liebte, endgültig zu vernichten.
Atemlos gelangte ich ins Wohnzimmer der Wohnung. Alles Fröhliche zerbrach in Bruchteilen von Hundertsteln. Schwankend hielt ich mich am Rahmen der Tür fest. Schwindel überkam meinen Geist. Tränen schossen in mein Sichtfeld. Erschöpft sank ich zu Boden. Regungslos hob sich die Gestalt vom Rest des Zimmers ab. Keuchend und schluchzend versuchte ich, dort hinzugelangen, doch sie schien so weit entfernt wie noch nie. Das Wichtigste meines Lebens. Isabel. Sie war tot. Durchbohrt von einer einzigen Kugel.
Was war dort drüben los? Aiden zuckte unsicher mit den Augenlidern. Ließ die Knochen der Finger krachen und blinzelte angestrengt in die Ferne. Dort war jemand in der Wohnung. Jemand, dessen Anwesenheit seine Operation jetzt zunichtemachte. Den Plan durcheinanderbringen ließ. Er musste von der Bildfläche verschwinden. Sofort! Schwer atmend öffnete der Mann die Leinentasche. Kurze Zeit hielt Aiden inne. Nein!, raste es ihm durch den Kopf. Diese Person dort drüben musste ebenso sterben.
Zeugenaussagen könnten Spuren verursachen, wo keine waren. Ruckartig brachte er das Präzisionsgewehr erneut in Position. »Jetzt nur keinen Fehler«, murmelte er und legte den Zeigefinger an den Abzug.
Kein Zucken durchstreifte Isabels Körper mehr. Verzweifelt schüttelte ich die Frau, welche dort tot neben mir lag. Meine Schreie verklangen irgendwo im Gebäude. Niemand hörte sie. Dunkles Blut schwamm aus der Wunde. Mit leeren Augen starrten die Pupillen Richtung Decke. Ziellos sah ich mich um. Das Loch des Projektils hatte das große Fenster zerschlagen. Direkt durch den Kopf des Opfers in die dahinterliegende Wand. Überlebenschancen gleich null. »Wir brauchen dich!« Wer war mit ›wir‹ gemeint? Was sollten mir diese Worte sagen. Schwärze nahm mir den Verstand und bewusstlos erlag ich neben ihr liegend. Von einer unendlichen Erschöpfung ergriffen, als drückte mich etwas Schweres zu Boden, um mich nie mehr gehen zu lassen. Gnadenlos zerreißend im Herzen.
Unten an der Straße parkte der schwarze Mercedes. Bauart CLAAMG Limousine. Die hinteren Fenster wiesen eine dunkle Tönung auf. Ohne Zeitverzug nahm der Amerikaner hinter dem Steuer Platz. Beide Personen waren tot. Selbst die zweite Gestalt, deren Anwesenheit hinzugekommen war. Mit einem gezielten Schuss ins Herz. Trotzdem lag ihm der Angstschweiß auf jedem Hautpartikel. Der dritte im Bunde. Zweifellos ein Killer oder Scharfschütze. Gezielt trafen Schüsse Aidens Schulter. Jetzt floss Blut heraus. Aus welchem Winkel hatte man das Geschoss abgefeuert? Gegenüber im Haus in der angegebenen Adresse befanden sich nur zwei Personen. Beide von ihm exekutiert. Wer war der Dritte? Wo war dieser Unbekannte? Mit bebendem Brustkorb zog er das Handy, ein Samsung Galaxy, heraus. Mehrere kurze Piepser. An der anderen Seite wurde abgenommen. »Alles gut gelaufen?«
»Nein, es war jemand hier!«
Nach und nach wuchsen die Schatten zu Konturen heran. Bilder entstanden daraus. Das Zimmer! Von der Gewehrkugel zerbrochenes Glas. Tränen klebten an meinen Wangen. Ich stützte mich von unten ab. Im Blickwinkel erschien das tote Mädchen, das mittlerweile zu einer schönen Frau herangewachsen war. Mein größter Schatz. Wieder verschwommen die Bilder, durchzogen von Tränen. Stille herrschte um mich herum. Nur der schwache Lufthauch gab mir das Gefühl, dass dies die Realität sein musste. Eine brutale und grausame Wirklichkeit. Weshalb musste sie sterben? Erst jetzt bemerkte ich, dass aus meiner linken Schulter Blut strömte. Wo war der Schütze hergekommen und vor allem der Unbekannte mit der Waffe, dessen Anwesenheit mir das Leben rettete. Wo war dieser hergekommen und was geschah hier, inmitten des Appartements, dessen Behausung ich nur ihretwegen aufgesucht hatte. Sie, die Frau, welche mir mehr als mein eigenes Leben bedeutete und deren Körper jetzt kreidebleich und tot vor mir ruhte. Gestorben für diese Welt. Für immer aus mir entrissen.
Letzte Sonnenstrahlen verblassten am Himmel. Die Wolken der Nacht vergruben das letzte Fleckchen Helligkeit des einbrechenden Abends. Stille breitete sich über die Welt aus. Nichts hätte mich retten können. Egal, was es wäre. Verstummt spülte ich die Wunde mit Wodka aus. Schmerzhaft knurrte ich, nahm dann Nadel und Faden und stach zu. Krampfhaft biss ich die Lippen zusammen, um das Schreien zu verhindern. Fleischkrater verschwanden unter frisch vernähten Hautlappen. Keuchend knipste ich das Ende des Fadens ab. Mit zittrigen Fingern verband ich das Einschussloch. Dann kam ein neues Hemd über meine Brust. In Gedanken lud ich die Walther PPK nach. Wie in Trance fixierte ich die Pistole, bevor ich zurück zum Wohnzimmer schritt. Zurück an jenen Ort, an dem alles auf so tragische Weise begonnen hatte.
Schwärze brach über Berlins Hochhausbauten herein. Nächtliche Schleier verfinsterten das untergehende Tageslicht. Kühle kam auf. Das Garagentor öffnete bereits automatisch, als Aiden einfuhr. Regentropfen setzten sich nieder. Nasse Bahnen ließen die klare Sicht der Windschutzscheibe verschwimmen. Surrend erstarb der Motor. Er hatte versagt. Seinen Auftrag nicht wie geplant beendet. Was nun? Ächzend erreichte der Mann das Mietshaus. Es war ein flacher Betonbau. Modern und mit vielen Fenstern versehen.
Nachts herrschte hier Totenstille. So wie gerade. Keine Nachbarn, die herübersahen. Nur ab und zu ein Wagen. Nachdenklich schloss Aiden die Tür zum dahinterliegenden Flur auf. Kahle Wände. Zwei Rembrandt-Gemälde mit darunter stehenden Kommoden. Dieses Zuhause bot keine Sicherheit.
Jetzt nicht mehr. Die Sporttasche wurde aus dem Schrank gerissen. Reiseutensilien landeten darin.
Kleidung, Waschutensilien, Bargeld und restliches Arbeitsmaterial für das bevorstehende Wochenende.
Nicht hier, sondern in L.A.. Dort sollten neue Erkenntnisse über den gescheiterten Vorfall ausgewertet und neu behandelt werden. Der Zeuge würde ebenfalls nicht überleben.
Das Herz, welches mir jeden Tag Leben schenkte, schwieg. Ich hatte vergessen, Tage, Stunden, Minuten.
Alles, was das Leben ausmachte. Weinend sank ich in mich zusammen. Zitternd und vollkommen verlassen auf dieser Welt. Der einzige Mensch, der mir jemals etwas bedeutete, hatte die Erde, das Dasein meines Hierseins verlassen. Von hier gegangen. Noch einmal nahm ich sie an mich. Wiegte diese Frau wie ein eigenes Kind, das mir nie selbst geschenkt werden konnte. Mit ihr starb ich. Innerlich vergessen, wer ich selbst war. Nichts weiter als ein Niemand. Erst jetzt begriff ich, wie sie fehlte. »Ich werde diesen Kerl finden und dann wird es keinen guten Ausweg mehr geben!«
Sanft wanderte meine Hand durch ihr seidig schwarzes, glänzendes Haar. Schluchzend rang ich nach Luft. Warum durchbohrte mich der Pfeil des unendlichen Wehleides. Ihr Lächeln, das Glitzern ihrer Augen, Worte der Liebe, Umarmungen, die mir Halt gaben. Fort für immer. Wieder und wieder brachten mich Gedanken an sie zu Fall. Zum Niederschmettern.
Ließen das Herz entzweireißen, meine Wut und Trauer aufbrechen, mit weinenden Erschütterungen untergehen. Fest umklammerte ich die Waffe, bis sich die Haut um die Knöchel weiß färbte. Millionen Stiche drangen durch mein Zwerchfell. Schmerzen breiteten sich aus. Verschwommene Schleier wischte ich weg.
Es durfte keine vergossenen Tränen mehr geben.
Taten mussten folgen. Baldmöglichst.
»Um was ging es in dem Petterson-Fall? Warum musste diese Frau sterben?« Aidens Stimme klang verärgert. »Sie sollten das sauber über die Bühne bringen, das war deutlich genug gesagt! Der Vorgang stand fest, über Einzelheiten sollten sie nie unterrichtet werden! Zur eigenen, ihrer eigenen Sicherheit.«
»Wieso? Bei all meinen vorherigen Zielobjekten bekam ich Bescheid«, knurrte der Mann wütend. »Warum also dieses Mal nicht?«
»Ich bin nicht befugt, ihnen das mitzuteilen.«
»Dann informieren sie gefälligst ihren Vorgesetzten!«
Kurze Stille trat ein. Eisernes Schweigen, das wie eine Mauer zwischen der Leitung schlummerte. »Ich warte auf ihre Antwort!«
Es war der Mann gewesen, durch dessen Gewehr zwei Menschen starben und viele davor ebenso. Piepend ertönte das Freizeichen, als Aiden auflegte. L.A. wartete schon.
»Weshalb musste dich jemand umbringen? Warum? Weshalb klangst du so unsicher am Telefon? Was wolltest du von mir?«
Während ich diese Fragen tonlos der Frau stellte, deren Körper von Blässe durchzogen war, hob ich die dunkelblaue Sporttasche hoch und schwang sie mir über den Rücken. »Was hier begann, dem ist nun nicht mehr.«
Das Sterben, etwas Alltägliches im Leben. Jetzt aber brach dieses schmerzvolle Etwas mitten durch mich hindurch. Tiefste Sehnsucht nach ihr ergriff mich. Traurig verließ ich den Raum. Dunkelheit umgab mein Herz. Was brachte das Leben? So viel Tod, inmitten der Seele, die zusammengezogen schien. Eingeengt wie eine zusammengepresste Apfelsine. Nur schwer Luft bekommend. Schnellstmöglich musste ich diesen Ort verlassen. Doch wohin? Eilig nahm ich die Treppenstufen abwärts. Der Audi parkte am Gehsteig. Nächtlicher Verkehr herrschte um diese Uhrzeit kaum. Die Armaturen leuchteten beim Zünden des Motors weiß auf. Quietschend schoss das Kraftfahrzeug ins nächtliche Straßennetz. Bunte Lichter flogen vorbei. Wenig Passanten, die unterwegs waren. Keiner würde fragen, wohin die Reise ging. Meine Schwester wusste selbst noch nicht, dass ich ihr einen Besuch abstattete. Als Nächstes sollte ich Isabels Privatbehausung aufsuchen, dessen Schränke vielleicht Hinweise enthielten, weshalb der Tod sie erwartet hatte. Der Tod im Zeichen des entflohenen Killers. Zudem rang ich mit der Frage, wer zurückgeschossen hatte. Dieser Jemand verschwand ebenso spurlos wie alle Spuren um Isabels gelebtes Leben. Es musste ein Weg gefunden werden, doch wie?
Züge rollten über sie hinweg. Dunkel hob sich die Silhouette eines mehrstöckigen Bürohauses vom Himmel ab. Keine Sterne leuchteten. Finster wie selten erschien diese Nacht, als läge etwas Böses darin, das alles noch dunkler erschienen ließ. Helena blies gräulichen Zigarettenrauch ins Mondlicht. Dröhnende Zuggeräusche verblassten langsam. »Ich habe ihn verloren und er mich!«, murmelte sie laut nachdenkend. »Es gibt kein Zurück, bis auf dieses eine Mal!«
Was würde daraus wachsen? Helena wusste die Antwort darauf nicht. Gefühle waren verschlossen und zurückgedrängt worden. Emotionen verloren.
Geschichten, die dreizehn Jahre zurücklagen und deren Inhalt nur diesen Mann mit sich führten. Damals, Anfang Mai 2004. Der Achte war es gewesen. Es musste ein Ende aller Plagen geben. Ein Ende ihrer Verletzungen, die sie Jahre hatte mit aushalten müssen. Böse Worte, Beleidigungen, Gewalt in Form von Schlägen und psychischen Spielen, die sie jede Minute innerlich weiter zerstörten. Darum lief Helena wie eine verwahrloste Gestalt herum. Der einzige Halt blieben ihre Zigaretten. Sie gaben Ruhe und ein Gefühl des Momentes von unendlicher Freiheit.
Ansonsten blieb ihr nichts Wertvolles übrig. Jetzt aber wollte sie nicht mehr leiden. Helena hatte mehr Macht, als viele es zu glauben wagten. Das Ende stand bevor.
Unmittelbar nach diesem Gedanken klingelte das Handy.
Keinen Moment zögerte Aiden. Noch nie war etwas schiefgelaufen. Jemand musste Bescheid gewusst haben. Sein Auftrag unerfüllt, zum Stehen gebracht.
Abrupt bremste der Mann das Auto herunter. Die Straße führte zum Franz-Josef-Strauß-Flughafen inmitten des Hallbergmooses, um diese Zeit weitgehend leer. Wenige Passagiere warteten auf einen Flieger. Er würde seine eigene Maschine, einen Privatjet, bekommen. Terminal 15. Der Abflug startete um halb elf. Am Morgen sollte L.A. erreicht sein.
»Willkommen, Sir!«
Abwehrend winkte er mit der Hand. Über die kurze Treppe kam Aiden an Bord. Rotoren starteten.
Langsam rollte die Propellermaschine von der Landebahn. Das Fluggefährt hob in den klaren Sternenhimmel ab. Sechs Ziffern wurden gewählt.
Zeitloses Piepen ertönte. Kurz danach ertönte eine Stimme. Es war die einer Frau. Das Einzige, das er wusste, war ihr Name. Helena. Ihre Tonlage bebte bei jedem Laut, den sie von sich gab, erheblich.
»Wie … wie ist es ge… gelaufen?«
Kalt zischend und mit möglichst ruhiger Stimme antwortete er: »Sie ist tot, er ebenso, wie sie es wünschten. Leider ist mir ein Fehler unterlaufen.
Jemand lebt. Jemand, der mit in der Wohnung war, der sich besser auskannte als ich. Sie müssen Bescheid gewusst haben und ich möchte wissen woher?«
»Sie können das nicht verstehen, aber es geht hier um etwas viel Größeres … um …« In diesem Augenblick brach der Kontakt ab. Plötzlich verstummte das Telefonat. Die Leitung auf einmal schlagartig unterbrochen. Erloschen wie verbrannter Kerzenschein.
Von außen strahlte das Haus Geborgenheit aus. Dunkler Naturstein zierte die Außenfassade. Weiße Fensterläden brachten einen passenden Kontrast zwischen hell und dunkel. Tagsüber wirkte das Haus einladend. In diesen Minuten aber etwas gespenstisch, unheimlich und nicht bewohnt. Hier lebte also meine Schwester. Seit acht Jahren. Mit Mann und Kindern.
Sollte ich wirklich klingeln? Sie schliefen bestimmt. Mit dem Augenblick dieser Stille kamen erneut Tränen.
Ich, die sonst so fest im Leben stehende Persönlichkeit, zerbrach an ihrem Fortgehen. An Isabels Tod. Sie war es eigentlich gewesen, deren Dasein mich zu dem formte, der ich war. Stark und lebendig. Haltlos zerbrach die Stütze ohne Wiederkehr. Unterstützend für jede Zeit. Ruhig versuchte ich, einige Male tief durchzuatmen.
Kühlende Nachtluft drang mir in die Nase. Zwei Schritte lagen zwischen mir und der Klingelvorrichtung. Mit allem Mut drückte ich vorsichtig den Messingknopf. Fröstelnd vor Kälte verharrte ich. Dann kam jemand.
Regentropfen nieselten immer mehr vom schwarzen Himmelszelt. Der Kontakt brach ab. Das Telefonat vorbei. Missmutig nahm Helena das Mobiltelefon näher in Augenschein. Kein Netz. Gerade jetzt! Musste das sein? Der Ausdruck in ihrem Gesicht verwandelte sich in bittere Hoffnungslosigkeit. Ein letztes Licht, überzogen von Dunkelheit. Zwar waren die Menschen gestorben, welche ihr Leben zerstört hatten, dennoch lebte ein dritter weiter. Ein Zeuge. Ein unsichtbares Phantom. Angst überkam sie. Die Furcht raubte ihr den Sinn für ihre sonst herrschende Gelassenheit. Kopfschmerzen nahmen ihren Denkprozess ein.
Schwindel lag in ihr wie Gift. Circa hundert Meter vom Bahnhof. Helena musste dort hin. Sie musste um alles in der Welt diesen neuen Weg einschlagen. Bald möglichst.
Licht grellte hinter der Milchglastür blendend auf. Ein dunkler Schatten rückte vor die helle Flurlampe. Mit metallischem Laut öffnete sich das Schloss und damit die Tür vor meinen Augen. Gealtert sah sie aus.
Gräulich schimmerte ihr Haar. Einige Sorgenfalten zierten das Gesicht. »Wer ist da?«, nuschelte Loren gähnend.
Ich bemerkte, dass ich sie aus ihren Gedanken gerissen hatte. »Ich sollte wieder gehen. Tut mir leid, dass ich gekommen bin. Du bist wahrscheinlich sehr müde und beschäftigt.«
Gähnend antwortete sie: »Dann hättest du nicht klingeln brauchen. Nun bist du schon da. Komm rein, sonst wirst du noch mehr nass.«
Vor Kälte schüttelte ich mir die triefnassen Klamotten ab. Innen bewohnten helle Möbel mit dunklen Böden die Behausung. Moderner Landhausstil verband Großstadtbauten. Irgendwie fühlte ich mich willkommen, obwohl ihr Erscheinen nicht gerade Wachheit zeigte. »Störe ich wirklich nicht?«, fragte ich vorsichtig und folgte meiner Schwester in die gemütliche Wohnstube.
Loren schüttelte den Kopf.
Kurz dachte ich nach. »Wie geht’s dir, Loren?« Sie drehte sich um. Stück für Stück erfüllten sich die Augen mit Tränen. »Ich … ich …« Fröstelnd flüsterte sie mir entgegen: »Simon … er … er …«
»Was ist los?«
»Er … er …« Tränen erbrachen aus ihren Augenhöhlen. »… tot!«
»Nein!« Ich rang nach Atem. Innerlich mussten meine Tränen verdrängt werden. Isabel rückte ins Gedächtnis zurück. Auch sie war gestorben.
Gedanken rasten. »Wann?« Die Frage schoss aus meinen Mund, schneller, als ich überlegte. Mit matten Augen sah die Frau zu mir. Ihr Mund öffnete sich.
Kaum hörbar formte sie Buchstaben zu einem Satz. »Heute!«
Niedergedrücktes Schweigen trat ein. Wortlose Minuten verstrichen. Etwas zerriss tief in mir.
Erinnerungen an den Menschen, der immer bei mir war. Dessen Liebe in mir lebte. Irgendetwas gab mir das Gefühl, dass hier etwas geschah! Isabel und nun Simon, der jüngste Sohn der Frau, die vor mir stand.
Mit fahlem Ausdruck auf dem Gesicht und Tränen auf den Wangen. Nachdenklich starrte ich Loren an. Was passierte in dieser Welt? Warum zerfiel alles inmitten der Erde meines Lebens?
Die klare Sternennacht leuchtete grenzenlos über den dunklen Regenwolken. Kaum spürbar überquerte das Flugzeug den grenzenlosen Himmel. Unter ihm schimmerte das Meer. Unsicher blickte Aiden den Laptop vor seinen Augen an. Zwei Videochatfenster erschienen. Aus Berlin und New York sprachen die Mittelsmänner. Sein Urteil würde folgen. Hart wie ein Hammerschlag. Der Verbindungsaufbau verzögerte das Gespräch um einige Sekunden, bis die Leitung endlich stand. Unsicher räusperte er sich und begann dann, zu reden. »Sir, das Zielobjekt Nummer eins ist nicht wie geplant eliminiert worden. Ich allein komme dafür auf. Das Objekt lebt.«
Stille Sekunden, dann erwiderte ein Mann in Englisch: »Sehen Sie zu, dass sie hierherkommen. Wir werden jemand anderen für das Problem beauftragen. Was Sie betrifft, so sind Sie nicht länger zu gebrauchen. Ihre Suspendierung ist nur eine Folge Ihres Fehlers. Sie haben es verspielt. Ich möchte keinerlei Ausrede haben. Geben Sie ihre Dienstmarke ab und sehen Sie zu, dass Sie verschwinden. Ihr Dienst ist beendet. Ab sofort!« Kälte kroch auf einmal an Aiden empor. Alles war verloren. Alles kaputt, auf einen einzigen Schlag. Zertreten von denen, die höher saßen und die Macht in ihren Händen hielten. Sein Leben wegen einer Lappalie ruiniert. Krampfhaft suchte der Mann eine Möglichkeit, seine innerliche Verbitterung loszubekommen. Verzweifelt. Schließlich drückte Aiden den Off-Knopf des MacBook Air. Die kalte Realität ergriff ihn und zog ihn hinab. Keinen Lichtschimmer mehr erblickend. Zerbrochen wegen einer einzigen Nachricht. Nur einer, die seine Existenz auslöschte und ihn mit ihr tötete. Pläne beendete. Ihn wegwarf wie vergammelten Müll, als wäre er Dreck.
Nutzlos in seinem Können, dem Einzigen, das ihm Mut gegeben hatte. Das Treffen der Menschen, um diese zu ermorden. Ins Jenseits zu schicken.
Manchmal erschien ihr alles wie ein nicht endender Traum. Ein Albtraum, der sich nicht nur in ihrem Herzen, sondern auch im Kopf festsetzte wie ein Tumor. Bereit weiterzuwachsen, um den Rest, der ihr blieb, weiter einzunehmen, um danach alles kontinuierlich, strategisch zu vernichten. Ihr Wille aber, erhielt sie am Leben. Helena siegte bereits, als der Mann, der sie einst immer wie Dreck behandelte, durch die Hand ihres beauftragten Scharfschützen zugrunde ging. Weshalb aber war dort ein weiterer Scharfschütze gewesen, dessen Anwesenheit des Killers Pläne durchkreuzten? An ihm lag es jetzt, den Rest zu beenden. Stillschweigend überquerte die Frau den leeren Parkplatz zum alten Güterbahnhof. Hier fuhren nur ab und zu Züge. Hier sollte sie eintreffen.
Die Person, mit welcher sie diese grauenhafte Geschichte teilte. Bald würde alles gut sein. Seufzend setzte sich Helena an den Bahnsteig. Kurz vor Mitternacht. Noch circa 15 Minuten bis zum vereinbarten Zeitpunkt.
Worte kamen mir nur schwer über den Mund, als ich sprechen wollte. Sie erschienen so, als wollte das Gehirn das Reden erst erlernen.
»Was ist passiert?«
Selbst wenn ich mich zusammenriss, füllten sich die Augen mit Tränen. Mein Leben zerbrach und ich konnte nichts von dem aufhalten. Die Menschen, welche mir auf meinem Weg begegnet waren, schienen untergegangen zu sein. Alle Zufriedenheit, mit der ich jeden begeistern konnte, das Verständnis, welches den Menschen ein gutes Wort oder ein zuhörendes Ohr schenkte, starb. Traurig warf sie mir einen Blick zu. »Weißt du, wie sich das anfühlt?«
Stumm nickte ich. Zögerlich fuhr sie fort. »Er war doch nur ein Junge. Ein ganz gewöhnlicher Junge, der sein Leben lebte. Es genoss, es liebte.« Einzelne Laute brachen nun bruchstückhaft hervor, als wäre sie an Stottern erkrankt. »Und dann! Als ich heute aus dem Haus ging, lebte er noch. Glücklich winkte er mir nach. Er saß in der Küche am Frühstückstisch. Doch beim … beim Hereinkommen sah ich das Blut. Überall Blut. Mit einer Rasierklinge … er schnitt sich mit ihr den Arm auf. Er nahm sich das Leben. Ich hätte da sein müssen. Für ihn sorgen. Mit ihm über die Sorgen sprechen, die ihn belasteten. Aber er ist tot. Er ist nicht mehr hier. Einfach gestorben. Er schnitt …«
Schluchzend senkte Loren den Kopf und ergab sich ihren Tränen. Der Raum wurde mit diesem Augenblick kühler. Die Behausung verbreitete keine Harmonie mehr. Jetzt lag kalte Angst, Wut und Trauer an dessen Wänden. Um meine Gedanken zu ordnen, setzte ich mich neben Loren auf die blau-weiß gemusterte Couch. Ab und zu erhellten die Gewitterblitze das Zimmer. Mir war es in diesem Moment egal. Egal, wie vorher die Menschen auf dem Platz. Es hätte von mir aus auch schneien können. Sanft strich ich ihr tröstend über die Wange, ehe ich sie umarmte. Obwohl der Tod eines Menschen mich selbst fast zerstörte, war ich für sie da, auch wenn keiner meine Last beseitigte. Auch wenn mein Kopf selbst im schmerzenden Leid zerriss.
In diesem Moment zählte nicht ich, sondern meine geliebte Schwester. Sie würde das Gleiche für mich tun, dachte ich. Schützend an meine Brust gedrückt, Liebe spendend, flüsterte ich ihr tröstende Worte ins Ohr. Wenigstens für kurze Zeit in dieser hoffnungslosen Nacht.
Unter ihm verbreitete das Lichtermeer der Millionenmetropole unendliche, leuchtende, bis an den Horizont glänzende Punkte. Kurz war Aiden eingenickt. Am Flughafen würde ein Vermittlungsmann warten.
Zweifellos im schwarzen Anzug. Nur einer der vielen. Gähnend rieb er sich die Augen. Mit der Zeit senkte sich der Flieger unter das Wolkendach. Rote Landebahnmarkierungen blinkten auf. Morgendliche, orangerote Sonnenstrahlen dämmerten bereits.
»Sir, draußen warten einige Männer auf Sie!« Die Stewardess, welche durch den Vorhang zwischen Cockpit und Passagierraum gekommen war, trug ein blaues Kostüm. Honigsüß lächelte die junge Frau. Sie musste um die 24 Jahre sein. Seicht lächelnd nickte er erwidernd, nahm dann den Metallkoffer an sich, und stieg über die Treppe hinunter auf das Rollfeld, nachdem die Boeing 747 still auf der Bahn stand. Drei gepanzerte Limousinen parkten bereits dort. Nicht mal der Kanzler aus Deutschland bekam so viel Aufmerksamkeit beim Staatsbesuch. Muskelbepackte Bodyguards umstellten die Fahrzeuge. Zögerlich schritt er darauf zu. Hinter dem Fenster des zweiten Wagens, einem schwarzen Landrover bewegte sich etwas. Jemand saß darin. Die Stunde der Wahrheit würde warten, dachte er. Wenn nicht hier, dann spätestens im Pentagon.
Woanders hatte der Morgen mittlerweile zweifellos begonnen. Ihr Puls raste. Finsternis umgab sie wie ein großes, schwarzes Tuch, das über der Welt lag. Selbst der Mond versteckte heute sein Licht, nachdem dunkle Wolkenfelder aufgezogen waren. Wann würde der Mann kommen? Der restlich verbliebene Regenschauer verschwand allmählich Richtung Osten.
Knirschend gab der Kiesweg zwischen Bahngleis und Güterbahnhof nach. Etwas Dunkles kam den Weg entlang. Endlich! Erleichtert erhob sie sich. »Haben Sie den Zeugen erwischt?« Tonlos klang ihre Stimme, als berühre kein Gefühl ihr Innenleben.
»Wenn du so fragst«, brummte es raunend.
»Ich bin der Zeuge!«, antwortete der Schatten zischend.
Schlagartig prallte der Schock wie Beton gegen ihr Gesicht. Verängstigt wich sie zwei Schritte rückwärts.
Im nächsten Bruchteil von Sekunden rückte die Gestalt ins Licht der vergilbten Laterne. Atemlos erstickte ihr Schrei in der Nacht. Für keinen anderen auf der Welt mehr hörbar.
»Wo ist dein Mann?« Selbst, wenn ich wusste, dass meiner Schwester Mann den Polizeidienst tätigte und wohl Streife fuhr, entsprang mir die Frage. Ein Vater musste nach Hause kommen, wenn sein eigener Sohn starb. Weshalb aber hielt er sich jetzt nicht hier auf, sondern war fort?
»Er muss arbeiten!«
»Er muss arbeiten … er muss arbeiten«, platzte ich röchelnd heraus, wobei ich mich fast verschluckte.
»Sein Job ist ihm wichtiger als der Sohn. Als sein Kind!« Hartnäckig schüttelte ich den Kopf und warf meinen Blick dann der Frau zu, mit welcher ich einst im Kindesalter ein Zimmer teilte. Starr blickte sie zurück. Dann wollte sie murmelnd wissen: »Und weshalb arbeitest du heute nicht?«
Wieder blieb die Welt stehen. Ich vergaß jede Bewegung um mich herum. Mein Atem stockte. Mein Herz gefror zu Eis. Rasend schnell war es wieder in mir. Das Gefühl von unendlicher Verlorenheit.
Aufbrechende Erinnerungen, derentwegen ich hierhergekommen war. Weswegen ich hier vor Minuten geklingelt hatte. Leid, Tod, Mord. Isabels Tod. Ihr Gehen aus dieser Welt. Die Liebe, die jetzt auf so tragische Weise zerrissen worden war. Durch die Hand des unbekannten Mörders. Durch einen gefühlskalten Menschen.
Hohe Mauern, mit Stacheldraht versehen. Hunderte Kameras und alle fünfzig Meter ein Wachposten. Im Schritttempo rollte die Wagenkolonne ins abgeriegelte Sperrgebiet des Hofes am Hauptgebäude. Maskierte Scharfschützen hielten mögliche Gefahrenquellen im Zielfernrohr fest. Der Fahrer öffnete ihm. »Sie werden bereits erwartet.«
Automatisches Nicken seinerseits. Als er das Fahrzeug verließ, blendete ihn morgendliches Sonnenlicht. Vor einem breiten Eingangsportal innerhalb des fünfeckigen Würfels warteten mehrere Gestalten. Bei genauerem Hinsehen erspähte er drei in schwarz gekleidete Personen. Eine Frau war dabei.
Sie musste der CIA angehören. Zwischen den Agenten wartete ein Militäroffizier. Auszeichnungen prangten an seiner Brust und die Uniform passte wie maßgeschneidert. »Willkommen im Pentagon Mr …«
Hart klang er, als er antwortete: »Lassen Sie die Förmlichkeiten.« Er schüttelte dem gegenüberstehenden Mann die Hand.
»Folgen Sie mir.«
Wortlos folgte er der Kleingruppe. »Sie wissen ja, warum Sie hierhergerufen wurden. Es geht um Ihre Suspendierung«, meinte die Frau neben dem Offizier, ohne ihn anzusehen.
»Und warum dann so ein großes Aufgebot an Sicherheit? Denken Sie, ich sprenge hier irgendwas in die Luft?«
Zum ersten Mal wandte er sich direkt an die Agentin und seine Stimme fühlte sich trocken an. »Es ist notwendiger, als Sie glauben!«
Schmal war der Gang, den sie einschlugen. Türen führten jetzt nach links ab, ebenso weitere unendliche Flure. Graue Betonwände drückten aufs Gemüt. Zügig folgte er. An seiner Seite flankierten zwei Security-Männer. Niemand wechselte ein Wort. Wieder bogen sie ab. Zur linken Seite eröffneten spärliche Fenster Blicke über eine Wiese zur Schnellstraße, rechts lagen unzählige Büros und unbekannte Räumlichkeiten. Vor ihm kam nun der Haupteingang in Sicht. Eilig wurde dieser hinter sich gelassen. Links führte ein Gang erneut weiter ins Gebäude hinein. Diesen Flur nahmen sie bis zur zweiten Abzweigung rechts. Vor einer Tür blieb die Truppe stehen. Darunter er, dessen Puls mittlerweile erheblich gestiegen war. Was lag dort hinter der Tür. Dort drinnen in diesem Zimmer. Er wusste es nicht.
Kläglich wimmernd faltete sie die Hände zusammen und stieß dutzende Stoßgebete zum geschwärzten Himmelszelt hinauf. Warum tat sie das überhaupt?, überlegte der Unbekannte. Röchelnd flüsterte er: »Du hast gewusst, dass Risiken auf dich zukommen. Jetzt ist es so weit.« Der Mann richtete die Waffe an ihren Kopf. »Wer ist er?«
Energisch schüttelte sie den Kopf. Bleich wie eine Wand fiel die Frau auf die Knie. Fast als wäre sie ein Bettler, streckte sie die Hände aus. Hilflos verharrte sie. Ihre Augen glänzten vor bitterlicher Tränenflüssigkeit. Hinter ihr fuhr ein Güterzug ein. Für einen kurzen Moment erhellte der Bahnsteig, ehe seine Gleise mit den anliegenden Gebäuden wieder verdunkelten.
»Bitte«, keuchte ihre Stimme flehentlich nach außen, als sie den Mund öffnete. »Ich habe nur mit ihm telefoniert, keine Ahnung, wer und wo er ist! Bitte lassen Sie mich gehen!« Ein hämisches Grinsen stahl sich auf des Schattenhaften Gesichtsumrisse. Bis auf zwei Zentimeter kam er an ihr Gesicht heran.
Schweißgeruch drang ihre Nase empor. Vor Angst war ihr Körper wie gelähmt. Jeder Partikel des Gesichtsfeldes wurde nun erkennbar. Der Mann trug kurze blonde Haare. Sein Gesicht zeigte den Ansatz eines Bartes. Dunkelbraune Pupillen blitzen aus seinen engen Höhlen entgegen. Das Kinn lief kantig zu. Ebenso stand die Nase verformt von seinem Antlitz ab, als hätte sie schon mehrere Operationen erleben müssen. »Hast du Angst?« Energisch drückte er die Pistole an die Schläfe ihres Kopfes. Vor Schmerz schloss sie beide Augen zu einem Blinzeln. »Sie können nichts aus mir herausholen. Ich habe keine Information, deren Inhalt Sie weiterbringen könnte.«
»Dann mögen Sie Pech gehabt haben. Diese Frau war mein Zielobjekt und ihre rechte Hand zerschoss einfach vor meinen Augen. Sie sind daran schuld, dass hier bald nicht nur einer gestorben ist. Ihre Schuld ist es, dass hier bald alles ins Chaos fällt und damit zum weltumspannenden Krieg. Es ist Ihre alleinige Schuld. Ihre Dummheit bestimmt jetzt das Schicksal vieler Menschen. Also zählen Sie bis drei, dann mögen Ihre Fehler vergessen sein.«
Die Mündung der Waffe drückte der Mann nun an die Stirn der Frau. Sie atmete tief durch. Es war vorbei. Sie sollte sterben. Das Dasein auf dieser Welt schien beendet. Ein für alle Mal, obwohl sie gedacht hatte, endlich gewonnen zu haben. Zum ersten Mal in ihrem Leben.
Ziellos brachten mich die Füße durch das halbdunkle Zimmer. Gedanken umkreisten unbeantwortete Fragen. Erschöpft war Loren, meine Schwester, eingeschlafen. Weshalb geschahen solche grauenhaften Ereignisse plötzlich und unvorhergesehen? Unruhig erhaschte ich mit den Augen das Mobiltelefon auf dem Eckschränkchen.
Leise steuerte ich darauf zu. Warum kam ihr Mann nicht? Sollte ich bei ihm anrufen? Wusste mein Schwager überhaupt Bescheid? Hinderte ihn nur ein lebensbedrohlicher Einsatz, und keine bösen Absichten, um hierher zu gelangen? Ich griff zum Hörer. Zuckend fuhr die Hand reflexartig zurück, als es klingelte. Die Nummer am Display zeigte einen unbekannten Anrufer an. Zwei weitere Male gab das Gerät seinen Signallaut von sich. Vielleicht rief er an, um zu sagen, dass nun seine Schicht beendet war.
Tief fing ich die Luft ein und atmete noch einmal durch.
Als ich den Hörer abnahm und ihn ans Ohr hielt, zitterte meine Stimme. »Wer ist da?« Mehr brachte ich nicht heraus. Restliche Worte verschluckte ich ohne Wiederkehr.
»Collin Breaker vom Central Intelligence Agency, CIA. Ist Ihre Schwester zu Hause?« Abermals stockte mir der Atem. Woher wusste diese Frau, dass nicht ihr Mann am Hörer war, sondern ich als ihr nahestehender Verwandter? Fast flüsternd erwiderte ich: »Woher wissen Sie das?«
»Stellen Sie keine Fragen und holen Sie sie ans Telefon. Es geht hier nicht nur um irgendwelche Kleinigkeiten, sondern blutigen Ernst. Jetzt gehen Sie schon!« Die Stimme der Frau wechselte in einen härteren Unterton. Förmlich spürte ich, dass es jetzt besser sein würde, Folge zu leisten. »Einen Moment, ich wecke sie auf. Bleiben Sie am Hörer. Sie … sie kommt gleich.« Was ich machte, wusste ich im Nachhinein nicht mehr. Mein Körper reagierte, ohne zu überlegen, ob der Sinn hinter dem Handeln Gutes zeigte. Schweißperlen zeigten sich bereits, als ich das Telefon weitergab. Nicht einmal, wer dran war, brachte ich heraus. Es war einfach zu absurd, dass die CIA bei morgendlicher Dämmerung in einem kleinen Haus mitten in Berlin anrief. Das gehörte doch nicht zum Einzugsbereich des Geheimdienstes der Vereinigten Staaten. Hierfür waren doch Polizei, BKA oder BND verantwortliche Gruppen auf deutscher Seite. Lorens Murmeln ließ mich nur wenige Sekunden konzentriert bleiben. Sie nickte, schüttelte den Kopf und schlug die linke Hand vor ihren Mund. Mit ängstlicher Mimik blickte sie mich an. Die Augen zusammengezogen, als blinzelte sie. Das Augenmerk auf mein Gesicht versteift, während ihre Finger unruhig an der Lippe verweilten. Spielend daran zupften. »Natürlich werde ich die Anweisungen befolgen. Bis gleich!«
Irgendetwas stimmte hier nicht. Ganz und gar nicht. Weshalb schaltete sich die CIA bei dem Tod eines Jungen ein? Oder verbarg sich etwas ganz anderes dahinter? Wo war der Mann meiner Schwester nur?
Immer noch hatte dieser keine Nachricht hinterlassen. Unruhe nahm meinen Geist ein. Nicht ahnend, in welchen Strudel ich bald fallen würde, folgte ich ihr durch die Tür in die Küche. Hier warteten zwei Reisetaschen. In Trance nahm ich eine davon. Sie war schwer. Was, um Gottes Willen, war nur los hier? Ich bekam weiterhin keine Antwort.
Wie ein verschlüsseltes Geheimnis trennte die Tür ihn von dem Büro. Der Offizier schob eine Schlüsselkarte in den Schlitz und gab mit verdeckter Hand einige Zahlen ein. Daraufhin surrte es und der Mahagoni-Eingang öffnete sich nach innen. Das Büro dahinter lag im Halbdunkeln. Morgendliche Sonnenstrahlen erreichten keinen einzigen Quadratmeter des Raumes.
An den Fenstern verhinderten heruntergelassene Rollos das Eintreten des Lichtes. Kurz verfielen seine Gedanken zurück an das Hotelzimmer von vorgestern Abend.
Der Anruf kam um kurz nach sieben.
»Sind Sie allein?«, hatte der Mann am anderen Ende gesagt. Er bestätigte mit einem Ja.
»Sehr schön«, antwortete die Stimme mit einem leichten französischen Akzent und fuhr fort. »Das Geheimnis liegt in der Wahrheit und nicht im Schatten.«
Nach diesen Worten brach die Leitung ab. Als er jetzt dem Trupp an Agenten folgte, durchlief ihn ein kalter Schauer. Das Geheimnis liegt in der Wahrheit und nicht im Schatten. Was meinte dieser Unbekannte wohl damit? Welches Geheimnis? Welche Wahrheit?
»Bitte setzten Sie sich«, bat die Frau im schwarzen Jackett. »Es wäre besser für alle Beteiligten, jetzt konzentriert zu sein. Also schnallen Sie sich an und sehen Sie zu, dass nichts aus diesen vier Wände dringt.« Schweigen trat ein. Niemand rührte auch nur einen Finger. Pulsschläge stiegen empor. Er sah sich um. Alle schienen konzentriert, außer das Gehirn in seinen Kopf. Das Gefühl der innerlichen Zerstreutheit ließ nicht los. Etwas geschah hier. Die Zeit war gekommen. Eine letzte Minute verstrich.
Das Geheimnis liegt in der Wahrheit und nicht im Schatten. Der Knall, welcher die morgendliche Stille zerschlug, hallte einige Sekunden nach. Ihr Gesicht erbleichte in Sekundenschnelle. Die restlich gebliebene Farbe der Haut wich ganz und ließ eine Spur von kahlem Weiß zurück. Qualmend gab die Pistole Rauch aus der Mündung ins Freie. Der Mann unterhalb ihrer Knie bettelte nach Gnade. Aber keiner würde ihm mehr helfen. Niemand.
»Du hast es nicht verdient, zu leben. Das Geheimnis liegt in der Wahrheit und nicht im Schatten«, keuchte sie kühl, wobei die Walther PPK ständig auf des Mannes Kopf zielte. »Diese Wahrheit wird an dem heutigen Tag zu Licht kommen, aber du, Wächter, wirst sie nicht mehr beschützen, sondern ins Finstere dieser Welt fallen! Ich habe dich besiegt, obwohl du zuerst deine Waffe gegen mich richtetest, wirst du sterben!« Krampfhaft presste sie die Lippen zusammen. Kurz schloss die Frau ihre Augen. Sie bebte am ganzen Leib. »Was diese Nacht birgt, wird der kommende Abend offenbaren, an dem du nicht mehr sein wirst.« Erneut krachte ein Schuss. Und der unbekannte Mann sank endgültig zu Boden. Mit aufgespaltenem Kopf. Zerschmettert durch das Projektil der Pistole.
Hundert Meter aus der Gartenpforte, links des Gehsteiges, wartete der Wagen. Ein dunkler Van. »Wo gehen wir hin? Was ist nur los mit dir?« Ruckartig riss ich meine Schwester herum und zog sie zu mir. Ich spiegelte mich in ihren Pupillen, ehe das Bild sich zu den dunkelbraunen Regenbogenfarben ihrer Augen umwandelte. »Wohin wollen wir?«, flüsterte ich innerlich erregt. Mein Atem ging schwer und meine Pupillen zuckten über ihr zartes Wesen. »Wir müssen hier weg!« »Die CIA ruft dich an. Was soll das? Mit diesen Geheimdiensten ist nicht zu spaßen und wer weiß, was …«, murrte ich krächzend hervor. Immer noch in ihre Augen sehend, auf der Suche nach einer Bedeutung des Ganzen.
Argwöhnisch fiel sie mir ins Wort. »Lass mich! Du kannst ja hierbleiben! Sie brauchen mich!«
»Hör mir jetzt mal zu.« Die Wut, welche ich bisher unterdrückt hatte, schwoll in großen Wellen meinen Brustkorb empor und entlud sich als schreiende Worte.
»Meine Freundin wurde ermordet, dein Sohn getötet.
Was ist mit der CIA? Warum verschweigst du mir etwas? Ich bin dein Bruder! Und was ist mit deinem Mann passiert?« Augenblicklich verwandelte sich ihr Gesicht zu einer ausdruckslosen, nicht deutbaren Maske. »Suche nicht bei jenen, die noch leben«, hauchte sie flüsternd, wobei sie Richtung des Hauses spähte, aus dem ich mit ihr vor wenigen Minuten gekommen war. »Such bei den Toten, denn nur sie werden dir eine Lösung offenbaren!«
Kaum schloss meine Schwester mit den Worten ab, als zwei Männer in langen Trenchcoats der Karosserie entstiegen, die am Gehsteig parkte, und herankamen. »Geh jetzt! Sie kommen!«
»Alle haben schon davon gehört. Die Wahrheit ist es. Das Geheimnis liegt nur in ihr!« Bedrückendes Schweigen nahm den Raum inmitten des Pentagons ein. Es war bereits Tag geworden.
»Was soll das heißen?«, brach er dazwischen, wobei seine Worte sich erst auf seinen Lippen zu dieser Frage formten. Verärgert bat der Mann am Schreibtisch um Ruhe. Sofort verstummten die beteiligten Anwesenden des Gespräches. Mit diesem geradezu greifbaren Moment begriff er auf einmal, worum es hier ging. Fragen lösten sich auf.
Pulsschläge stiegen an. Es ging hier um weitaus mehr, als nur um die ermordete Frau aus der Münchner Wohnung vor wenigen Stunden. Die er mit seiner Kugel ins Jenseits geschickt hatte. Es war etwas tief Verborgenes! Ein Geheimnis, das sie in sich trug und welches jetzt für immer verloren gegangen war. Dem Schlüssel des Lichts.
Sollte hier alles geendet haben? Vorbei ohne Wiederkehr? Auf dem Boden rann dunkles Blut unter dem Kopf des getöteten Mannes hinaus. Wie versteinert ruhte sie da, den Blick auf das Opfer gerichtet. Schweigend. Weiter hinten am Gleis 8 des Güterbahnhofes setzte ein Zug seine Reise fort. Das grelle Scheinwerferlicht drängte dunkle Nachtschleier zurück. Keinesfalls durfte der Lichtkegel ihren Körperumriss erreichen. Mit schwerem Atem steckte die Frau die Waffe in das Mantelinnere. Ihre Füße trugen sie den Weg unter der Unterführung hindurch, dessen Tunnel sie vor einiger Zeit passierte. Nichts hielt die junge Frau davon ab, dem Plan Taten folgen zu lassen. Was die Nächste betraf, so musste der Wohnblock alle Geheimnisse lüften. Die Wohnung, welche durch das blutige Vorkommnis verschmutzte. Den Mord, in welchem sie selbst vorkam. Als jene die Schuld für vergangene Menschenleben trug. Dem Tod ihres ehemaligen Mannes und dessen neuer Freundin.
Kein Verstand brachte einen weiter, wenn das Chaos Denkstrukturen zum Einsturz brachte. Wenn logische Schlussfolgerungen verblassten, Menschenvertrauen brach, oder für den Menschen Surreales eintrat.
Genau dies alles passierte soeben. Mit aufgerissenem Mund rang ich um den Verstand. Mir hätte sowieso niemand geglaubt, dass meine Schwester mit zwei Geheimagenten der amerikanischen Regierung davonfuhr. Keiner hätte meine Geschichte für bare Münze gehalten. Mord, Elend, Tod. »Such bei den Toten, denn sie werden dir eine Lösung offenbaren!«
Wie hartnäckiger Klebstoff blieben die Worte in meinem Gedächtnis hängen. Wiederholten sich immer wieder und versuchten, die Bedeutung darin zu entschlüsseln. Gab es eine? Natürlich gab es sie! Isabel. Nur dort konnten weitere Entscheidungen erreicht werden. Lösungen mussten endlich folgen. Sie war dafür gestorben und wer wusste, wer noch daran untergehen würde.
Ängstlichkeit erfüllte seine Gesichtszüge. Jede Lebendigkeit war aus den Grimassen verschwunden.
»Was wir nun besprechen, meine Damen und Herren, ist für keinen außerhalb dieses Raumes bestimmt«, brummte der grauhaarige Mann, der in der Zwischenzeit um den großen Arbeitstisch herumschritt.
Den einen Fuß bedacht vor den anderen setzend. »Sie alle haben bestimmt schon von der Operation Dark Warrior gehört, vom dunklem Krieger.« Zustimmendes Nicken. Auch er gab eine Gestik der positiven Rückmeldung ab. Der unbekannte Mann des Pentagons nahm auf der Schreibtischplatte Platz. »Für jene, für die dieses Vorkommnis vergessen scheint, erzähle ich den Ablauf des Vorfalls erneut.« Niemand widersprach. Mit einem letzten, tiefen Luftholen faltete der Mann die Hände zusammen und begann, zu berichten.
Motorengeräusche verstummten, als sie den Schlüssel abzog. Polizeiwagen rasten mit blinkenden Blaulichtern und Sirenengeheul an der verdreckten Windschutzscheibe vorbei. Der Güterbahnhof war hinter ihr gelassen worden. Münchens Innenstadt ins Visier ihres Interesses gestoßen. Dort, wo der Killer ihn umbrachte. Ihn, dem sie nicht mehr vertraute, dessen Dasein ihre Existenz zerstörte. Jetzt lag die Behausung kaum 500 Meter weit weg. Polizisten riegelten die Umgebung großräumig ab. Stellten Sperrschilder auf und zogen lange weiß-rot gestreifte Sperrbänder mit der Aufschrift Polizei über die Wege.
Das würde diesen kleinen Beamten nichts nützen. Sie kam von höherer Stelle hierher und konnte ohne Weiteres den Tatort heimsuchen, ohne befürchten zu müssen, dass etwas Unvorhergesehenes geschah. Schmunzelnd betrachtete sie sich im Rückspiegel.
Jetzt oder nie. Sogleich verließ die Frau den 5er BMW. Das Ziel kaum weniger als einen halben Kilometer entfernt, eilte sie los.
