Beschreibung

Der englische Nr.1-Thriller von Sam Bourne: Vor dem UN-Gebäude wird ein ›Attentäter‹ erschossen. Dann der Schock: der Tote war ein unschuldiger Mann und ein Überlebender des Holocaust. Der Anwalt Tom Byrne soll die Familie des Opfers beruhigen. Doch der alte Mann war nicht so harmlos, wie es scheint. Tom entdeckt eine geheime Bruderschaft, die seit über sechzig Jahren weltweit für mysteriöse Todesfälle verantwortlich ist. Es geht um die letzten Täter des Zweiten Weltkrieges – und der Tag der Abrechnung ist jetzt erst da.

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 606


Sam Bourne

Tag der Abrechnung

Thriller

Roman

Aus dem Englischen von Rainer Schmidt

Fischer e-books

Für Sarah: Ani l’dodi, v’dodi li.

Prolog

Schon oft hat meine Feder über diesen Seiten geschwebt. Ich habe mich so sehr danach gesehnt, meine Geschichte hier niederzuschreiben – aber ich habe gezögert. Immer wieder fange ich einen Satz an und weiche dann zurück. Auch jetzt liegt die Feder schwer in meiner Hand.

Aber ich habe nicht viel Zeit; das sehe ich jetzt. Mir ist klar: Wollte ich diese Seiten leer lassen, wäre alles, was ich miterlebt habe, vergessen. Unsere Geschichte wäre für immer verloren.

Verzeih mir, wenn es dich hart ankommt, was du hier liest, wenn es dich verfolgt, wie es mich verfolgt. Aber es wird keine Übertreibungen geben, keine Lügen. Ich werde vielleicht nicht alles erzählen, aber was ich erzähle, ist die Wahrheit. Es ist geschehen. Einiges davon weißt du bereits. Einiges auch nicht. Jetzt ist es meine Geschichte, aber bald wird es die deine sein.

1

Der Tag, der ein Leben verändert oder ein Leben beendet, kommt selten mit Vorankündigung. Es gibt keine Zeichen am Himmel, keine schwarzen Raben auf einem Pfahl, keine Begleitmusik in Moll. Für Felipe Tavares, Security Officer im Gebäude der Vereinten Nationen in New York, hatte der 23.September als normaler Montag begonnen.

Er war mit dem 6:15-Zug über den Long Island Expressway gekommen, hatte sich unterwegs einen Cappuccino und ein Muffin besorgt – ein kümmerliches, mit Blaubeeren, als Zugeständnis an seine Frau –, den Jungs am Eingang mit seinem Passierschein zugewunken und war weiter ins Untergeschoss des UN-Gebäudes gegangen, in die Zentrale der Institution, in deren Dienst er seit drei Jahren stand. Dort schloss er seinen Spind auf, nahm die blaue Uniform der UN Security Force mit dem Schulterriemen und dem Messingabzeichen heraus – was noch immer ein stolzes Kribbeln bei ihm auslöste – und zog sich für die Schicht um.

Als Nächstes ging er in die Waffenkammer, um seine Dienstwaffe abzuholen. Er legte seinen Ausweis vor, eine Smartcard mit Foto, und erhielt dafür eine 9-mm-Glock, die Standardwaffe für die meisten aktiven Angehörigen dieser Miniaturpolizei, zuständig für den Schutz des internationalen Territoriums des UN-Gebäudes mit allem, was darin war. Felipe nahm die Munition aus der Gürteltasche und lud die Waffe; dabei hielt er sie gewissenhaft in den Kugelfang gerichtet – eine Sicherheitsmaßnahme für den Fall, dass sich versehentlich ein Schuss löste. Dann schob er die Waffe in den Halfter an seinem Gürtel neben seinem Schlagstock, einem P38 mit Griff, dem Pfefferspray und den Handschellen und begab sich in den »Ready Room«, um seinen Platz in der Appellreihe einzunehmen, wo er und seine Kollegen von einem Officer gemustert werden würden, der sich vergewisserte, dass seine Männer und Frauen tipptopp, nüchtern und einsatzfähig waren.

Als das erledigt war, kehrte er zurück zum Haupteingang an der 1st Avenue zwischen 45th und 46th Street. Wieder würde es, nahm er an, ein langer Tag werden, den er damit zubrachte, Passierscheine zu kontrollieren und die Fragen der Touristen zu beantworten. Warm genug war es, aber es lag Regen in der Luft; also zog er sein orange-schwarzes wasserdichtes Cape über. Die Arbeit war bestimmt wieder recht langweilig, aber das machte ihm nichts. Felipe Tavares hatte sich danach gesehnt, der Plackerei in der portugiesischen Kleinstadt zu entkommen, in der er geboren und aufgewachsen war und in der er, wenn er nichts unternommen hätte, auch gestorben wäre. Und er hatte es geschafft. Er war in New York, und das allein war aufregend genug.

 

Zur selben Zeit, auf der anderen Seite der Stadt in einer Nebenstraße in Tribeca, eher einer Gasse, folgte Marcus Mack seiner eigenen morgendlichen Routine: Afro-Amerikaner, Ende zwanzig, in weiten, ausgefransten Jeans und mit einem Wust von Dreadlocks, eine schmuddelige Crumpler-Computertasche über der Schulter. Er überprüfte seinen geparkten Wagen, und wer ihn beobachtete, würde vermuten, dass er lediglich stolz auf seinen aufgemotzten, wenn auch betagten Pontiac sei. Es sah aus, als sehe er nach dem Reifendruck, als er vor dem Hinterrad an der Fahrerseite niederkniete. Wahrscheinlich hätte niemand gesehen, dass er über dem Rad im Radkasten herumtastete, bis er ein mit Klebstreifen befestigtes Handy fand. Er nahm es heraus und ging weiter.

Etwa eine Minute später klingelte das Telefon, wie Marcus es gewusst hatte. Die Stimme, die er hörte, kannte er, aber er vermied es, hallo zu sagen. Er hörte vier Worte – Athens Coffeeshop, halb acht –, und dann war die Verbindung beendet. An der nächsten Ecke warf Mack das Telefon ohne weitere Umstände in den Mülleimer.

Das Café war voll, wie sein Agentenführer es gern hatte. Marcus sah ihn sofort; er saß auf einem Hocker vor dem Fenster, ein ganz gewöhnlicher Mann im grauen Anzug, der seine Zeitung las. Marcus setzte sich neben ihn und zog seinen Laptop heraus. Sie nahmen keinen Blickkontakt auf.

Das Telefon des Agentenführers klingelte, und er tat, als melde er sich, aber in Wahrheit sprach er mit Marcus, dessen Blick starr auf den Computerbildschirm gerichtet blieb.

»Wir haben Bewegung in Brighton Beach registriert. Der Russe.«

Mehr brauchte er nicht zu sagen. Marcus wusste so gut wie sein Kollege in der Einheit bei der Geheimdienstabteilung des NYPD, wer der Russe war: ein Waffenhändler, der ein Jahr zuvor entdeckt worden war. Die Abteilung hatte genug in der Hand, um ihn auf der Stelle hochzunehmen, aber von ganz oben war der Befehl gekommen: »Lasst ihn im Spiel.« Das war eine bekannte Taktik: Lass einen Schurken im Geschäft bleiben, beobachte, wer da kommt und geht, und mit etwas Glück wird er dich zu ein paar größeren Schurken führen. Wirf die Elritze wieder ins Wasser, und du fängst den Hai.

»Die Überwachungskamera hat einen Mann in Schwarz aufgenommen, der gestern Abend das Haus des Russen betreten und nach einer Stunde wieder verlassen hat. Haben ihn zum Tudor Hotel verfolgt, 42nd Street, Ecke Second.«

Marcus reagierte nicht; er klapperte weiter auf seinem Keyboard wie ein Großstadttyp herum, der gerade seine iTunes-Sammlung umsortierte. Aber er wusste, was aus dieser Lage zu schließen war. Das Tudor-Hotel lag in unmittelbarer Nachbarschaft des UN-Gebäudes, und dies war die große Woche der UN. Regierungschefs aus der ganzen Welt waren nach New York gepilgert, um vor der Vollversammlung zu sprechen. Es wimmelte von Agenten des amerikanischen Secret Service, die den Besuch des Präsidenten vorbereiteten, der in ein paar Tagen kommen würde, und schon jetzt waren mehr als hundert hochrangige Zielpersonen hier, allesamt für gefahrvolle zweiundsiebzig Stunden dicht zusammengedrängt auf eine Handvoll Blocks in Manhattan. In einer solchen Woche war alles möglich. Ein Kurde, der zu einem Anschlag auf den türkischen Ministerpräsidenten entschlossen war, ein baskischer Separatist mit der Absicht, den spanischen Premierminister in die Luft zu sprengen, und zwar vorzugsweise live im Fernsehen – alles war denkbar.

»Haben gestern Abend die Telefonzentrale im Tudor Hotel angezapft. Heute Morgen hat ein Gast bei der Rezeption angerufen und sich nach den Besuchszeiten im UN-Gebäude erkundigt. ›Stimmt es, dass Touristen den Sitzungssaal des Sicherheitsrates betreten dürfen?‹«

»Akzent?« Es war das erste Wort, das Marcus sprach.

»Teils britisch, teils ›ausländisch‹.«

»Okay.«

»Sie müssen hin. Beschatten Sie ihn.«

»Beschreibung?«

»Weiß, männlich. Eins siebzig. Dicker schwarzer Wollmantel, schwarze Wollmütze.«

»Gewicht?«

»Schwer zu sagen. Der Mantel ist unförmig.«

»Back-up?«

»Ein Team.«

 

Felipe Tavares war jetzt im Freien. Hinter ihm spannte sich das provisorische weiße Vordach, das als Besucherfoyer für die UN diente – nach fünf Jahren war es immer noch da. Aber noch waren wenige Touristen unterwegs; es war noch zu früh. Bis jetzt sah er hauptsächlich normale UN-Mitarbeiter, deren Ausweise wie Halsketten vor der Brust baumelten. Es gab nicht viel zu tun. Er schaute zum Himmel hinauf, der allmählich dunkler wurde. Es würde bald regnen.

 

Marcus postierte sich an der Ecke 42nd Street und Second Avenue – die immer noch Nelson- und Winnie-Mandela-Ecke hieß – und drückte sich in den Eingang von McFadden’s Bar. Diagonal gegenüber war das Tudor Hotel. Die ersten Regentropfen waren hilfreich; sie gaben ihm einen Vorwand, sich hier unterzustellen und nichts weiter zu tun. Außerdem bewirkten sie, dass der Portier vor dem Tudor in Cape und Schirmmütze viel zu sehr mit Regenschirmen und Taxis beschäftigt war, um einen Typen mit Dreadlocks zu bemerken, der auf der anderen Straßenseite herumlungerte.

So war es Marcus am liebsten: unbemerkt bleiben. Das war zu seiner Spezialität geworden, als er im Undercover-Einsatz beim Rauschgiftdezernat des NYPD gearbeitet hatte. Seit er vor einem Jahr zur Geheimdienstabteilung gewechselt hatte, war es geradezu zur Notwendigkeit geworden. Die tausend Männer und Frauen dieser Abteilung, die praktisch nichts anderes war als New Yorks eigener Spionagedienst – eine Hinterlassenschaft des 11.September –, hielten ihre Existenz vor jedermann geheim: vor der Öffentlichkeit, den Schurken und sogar ihren Kollegen bei der Polizei.

Er hatte fünfundzwanzig Minuten gewartet, als er ihn sah: eine schwarze Gestalt, die durch die Drehtür des Hotels kam. Gerade als er sich zu Marcus umdrehte, trat der Portier mit seinem Schirm vor und verdeckte das Gesicht des Mannes. Als der Schirm wieder weg war, hatte die schwarze Gestalt sich nach rechts gewandt. In Richtung des UN-Gebäudes.

Marcus sprach in das Mikro, das aussah, als gehöre es zum Bluetooth-Headset eines Handys. »Person hat Hotel verlassen.« Ohne eine Antwort abzuwarten, ging er los, immer ein paar Schritte hinter dem Mann auf der anderen Seite der sechs dicht befahrenen Spuren der 42nd Street. Eine knisternde Stimme in seinem Ohr kam aus weiter Ferne. »Sicher identifiziert?«

Marcus warf einen Blick hinüber. Der Mann war in den dicken dunklen Mantel eingemummelt, den der Handler erwähnt hatte; er trug eine schwarze Wollmütze, tief in die Stirn gezogen, und er war nicht mehr als einen Meter siebzig groß. Die Person passte hundertprozentig auf die Beschreibung des Mannes, der am Abend zuvor bei dem Russen gesehen worden war. Er drückte auf die Taste an dem Clip an seinem Ärmel. »Positiv. Er ist es.«

Plötzlich blickte sich der Mann in Schwarz mehrmals um, als wolle er sicher sein, dass niemand ihn beschattete. Natürlich ließen sich ausgebildete Terroristen nicht einfach verfolgen. Marcus drehte sich sofort zur Seite und schaute zu der Treppe hinüber, die zu einem kleinen städtischen Spielplatz hinaufführte. Am Rande seines Gesichtsfelds sah er, dass der Mann sich nicht mehr umschaute, sondern zielstrebig weitermarschierte.

Etwas an seinem Gang war merkwürdig. Hinkte er ein wenig? Seine Bewegungen wirkten eingeschränkt; irgendetwas behinderte ihn. Er ging wie ein Mann, der etwas Schweres bei sich trug.

Unvermittelt kam der East River in Sicht. Sie waren jetzt an der Ecke der First Avenue, und vor ihnen lag die UN Plaza. Der Regen wurde stärker, und die Sichtverhältnisse verschlechterten sich.

Der Mann in Schwarz hatte die verkehrsreiche Kreuzung erreicht. Marcus blieb auf seiner Straßenseite ein wenig zurück, aber er behielt den Mann fest im Auge. Dieser war jetzt vor dem ersten Eingang des UN-Gebäudes stehen geblieben und las das Schild: »Mitarbeiter, Delegierte und Regierungsvertreter. Nur für Korrespondenten.« Jetzt ging er weiter. Ein schwarzes Eisengitter trennte ihn von der Reihe der Fahnenstangen, die allesamt leer waren. Weiter hinten ragte das Wahrzeichen aus geschwungenem Glas und Stahl: das UN-Hauptquartier.

Marcus verfluchte seine kurze Lederjacke, die gegen diesen Wolkenbruch nicht viel ausrichten konnte. Er schlug den Kragen hoch, damit der Regen ihm nicht in den Nacken lief. Dem Mann in Schwarz schien das Wetter nichts auszumachen. Er ging am zweiten Portal vorbei, einer Einfahrt für Autos, und an einer zweiten Wachkabine aus grün getöntem Glas.

Marcus trat für einen Augenblick in den Eingang der Chase Bank. Im selben Moment fuhr ein überdimensionierter Touristenbus – zweifellos voll mit überdimensionierten Touristen – in die Zufahrt vor dem UN-Komplex zwischen der 45th und 46th Street.

»Sichtkontakt verloren, Sichtkontakt verloren!«, flüsterte Marcus eindringlich in sein Mikro.

»Ich hab ihn«, antwortete eine andere Stimme aus dem Äther sofort und in ruhigem Ton. »Person ist vor der Haupteinfahrt stehen geblieben.«

Marcus ging weiter und bemühte sich, den Touristenbus zu überholen, ohne sich zu zeigen. In seinem Headset knisterte es wieder.

»Person geht weiter.«

Okay, dachte Marcus erleichtert. Falscher Alarm. Der Mann in Schwarz hatte nicht vor, das UN-Gebäude zu betreten.

Endlich fuhr der Bus wieder ab, und Marcus hatte freie Sicht auf den Mann, der jetzt auf der First Avenue weiterging. Er hatte seinen Schritt ein wenig beschleunigt, weil es hier steil bergab ging. Ein entspanntes Schlendern war es nicht. Marcus sah, dass er die Grünanlage auf der anderen Seite des Gitters aufmerksam studierte. Bei einer großen, heroischen Skulptur – eine Drachentötung, wobei das Ungeheuer offenbar aus einem alten Artilleriegeschütz geformt war – blieb er stehen, als suche er etwas.

Marcus blinzelte. Suchte er einen anderen, unbewachten Eingang in den UN-Komplex? Wenn ja, dann hatte er ihn offensichtlich noch nicht gefunden. Mit neuer Zielstrebigkeit machte der Mann kehrt und ging zum Haupteingang zurück.

 

Felipe Tavares’ Radio war ein klobiges Lowtech-Gerät, und bei diesem Regen war kaum etwas zu verstehen. Nur mit Mühe konnte man das statische Rauschen von den Umgebungsgeräuschen trennen. Aber das Wort »Alarm« war unmissverständlich, zumal da es zweimal wiederholt wurde.

»Wachkommandant an Haupteingänge, hier Wachkommandant an Haupteingänge.« Felipe erkannte den Akzent; es war der Typ von der Elfenbeinküste, der vor drei Monaten hier angefangen hatte. »Wir haben Informationen über eine mögliche Bedrohung am Gebäude. Die Verdachtsperson ist männlich, etwa eins siebzig groß, und trägt einen dicken schwarzen Mantel und eine dunkle Wollmütze. Weitere Details sind vorläufig nicht bekannt, aber bitte halten Sie die Augen offen und nehmen Sie jeden fest, auf den diese Beschreibung passt.«

Felipe hatte die Nachricht kaum verdaut, als er eine schwarze Gestalt sah, die mit gesenktem Kopf auf den Eingang zukam, den er bewachte.

 

Marcus hatte die First Avenue halb überquert, und im Verkehrslärm verstand er nur mit Mühe, was die Stimme in seinem Headset sagte. » … das UN-Gelände nicht betreten. Ich wiederhole: Agenten dürfen das UN-Gelände nicht betreten.«

Am Randstein der Zufahrtsstraße blieb er stehen, jetzt nur noch wenige Schritte entfernt von dem Mann, den er seit zehn Minuten verfolgte und der jetzt mit schnellen Schritten durch das Tor und die paar Stufen zu der kleinen Piazza vor dem weißen Vordach hinaufging. Er hatte UN-Territorium betreten und war somit offiziell außer Reichweite. Marcus konnte nur seinen Rücken sehen, und plötzlich beschlich ihn eine düstere Vorahnung.

 

Aus dem Winkel am Rand der Piazza konnte Felipe nur einen Teil des Gesichts des Mannes im Profil sehen, und auch der war von der Mütze und dem Mantelkragen überschattet. Aber er passte tadellos auf die Beschreibung, die der Wachkommandant durchgegeben hatte.

Felipe sah, wie der Mann stehen blieb, als betrachte er, was da vor ihm war. Er ging drei Schritte weiter und blieb wieder stehen. Was hatte er vor?

Der Wachmann spürte, wie seine Handflächen feucht wurden. Plötzlich war ihm bewusst, wie viele Leute hier unterwegs waren; zu Dutzenden gingen sie zwischen ihm und der schwarzen Gestalt hin und her. So viele Leute. Er überlegte, ob er etwas in sein Funkgerät sprechen sollte, aber er konnte nur wie gelähmt dastehen und diesen schwarzen Mantel anstarren. Es regnete, aber kalt war es nicht. Wieso sah der Mantel so dick aus, so schwer? Die Antwort auf seine eigene Frage ließ Übelkeit in ihm aufsteigen; sie begann in seinem Magen und quoll herauf bis in die Kehle.

Felipe sah sich um und wünschte sich verzweifelt ein halbes Dutzend seiner Kollegen herbei, die jetzt am Schauplatz erscheinen und ihm die Entscheidung durch ihre bloße Anwesenheit abnehmen würden. Er wollte sein Radio benutzen – »Verdachtsperson womöglich mit einer Bombe bewaffnet. Ich wiederhole: Verdachtsperson womöglich mit einer Bombe bewaffnet!« –, aber würde er den Mann damit nicht vielleicht provozieren? Felipe Tavares konnte sich nicht von der Stelle rühren.

Der Mann hatte sich wieder in Bewegung gesetzt und war nur noch wenige Schritte von dem Vordach entfernt. Vielleicht, dachte Felipe, sollte er einfach abwarten und ihn durch die Tür gehen lassen, damit er drinnen von der Security aufgehalten wurde. Dort hätte er keine Chance; niemals würde er an den Detektoren vorbeikommen oder die Durchsuchung überstehen. Aber das war ihm egal. Das war das absolut Furchtbare, erkannte Felipe, und das Blut wich aus seinem Kopf. Nichts konnte diesen Mann abschrecken.

Jetzt wechselte er wieder den Kurs; noch immer wandte er Felipe den Rücken zu, aber er drehte sich zur Straße um. Felipe wollte ihn anschreien, ihm befehlen, stehen zu bleiben und die Hände zu heben. Aber ihm war klar, dass dies ebenso fatal ausgehen konnte. Wenn der Mann sich entdeckt sähe, würde er sofort auf den Knopf drücken, gleich hier an Ort und Stelle. Und hier waren einfach zu viele Leute.

Felipe entschied sich nicht dazu. Daran würde er sich später immerhin erinnern: Eine Entscheidung fand nicht statt. Er griff einfach nach seiner Waffe. Und im selben Moment sah er vor sich hinter dem schwarzen Eisenzaun zwei Männer. Der eine war jung und schwarz und hatte Dreadlocks. Und beide hoben die Hände, die Handflächen nach vorn gewandt, als kapitulierten sie. Der nackte Schrecken in ihren Gesichtern, die tödliche Panik in ihrem Blick – damit war die Sache für ihn klar. In einer einzigen Bewegung zog er die Pistole aus dem Halfter und richtete sie auf den Mann in Schwarz.

Die nächsten Sekunden würde Felipe Tavares bis zu seinem letzten Atemzug immer wieder vor seinem geistigen Auge ablaufen sehen, meistens in Zeitlupe. Für den Rest seines Lebens würde es das letzte Bild sein, das er beim Einschlafen vor sich sah, und das erste, das morgens beim Aufwachen vor ihm stand. Es sollte sich in seine Augenlider einbrennen. Im Mittelpunkt standen die Gesichter dieser beiden Männer. Sie waren fassungslos, nicht nur erschrocken, sondern entsetzt über das, was sie gesehen hatten. Einer von ihnen schrie ein einziges Wort: Nein!

 

Felipe war klar, was passiert war. Der Mann in Schwarz hatte offenbar seinen Mantel geöffnet und den Sprengstoffgürtel darunter gezeigt. Die beiden Männer auf der anderen Seite des Geländers hatten gesehen, dass er sich in die Luft sprengen wollte. Der Aufschrei, der Ausdruck des Entsetzens im Gesicht des Mannes mit der Rasta-Frisur – das alles ließ einen elektrischen Stromschlag durch seinen rechten Arm und in den Finger schießen. Er drückte den Abzug, einmal, zweimal, und sah, wie die Knie des Mannes einknickten und er langsam, ja, beinahe anmutig zusammenbrach wie ein Fabrikschlot, der von unten gesprengt wurde.

Felipe konnte sich nicht rühren. Wie angewurzelt stand er da, die Arme starr erhoben, und zielte immer noch auf den Mann, der jetzt keine fünf Schritte vor ihm am Boden lag.

Eine Zeitlang hörte er gar nichts. Nicht das Echo der Schüsse. Nicht die Schreie der Leute, die auseinanderflatterten wie ein Taubenschwarm. Nicht den Alarm, der im UN-Gebäude losging.

Die erste Stimme, die er hörte, war die einer Kollegin, die auf die Schüsse hin unter dem Vordach herbeigestürzt war. Jetzt stand sie vor dem Toten und wiederholte immer wieder dasselbe Wort. »Nein. Nein. Nein.«

Mit weichen Knien und wie benommen näherte Felipe sich dem Haufen schwarzer Kleider, der jetzt von einer Blutlache umgeben war, die sich immer weiter ausbreitete. Und im nächsten Augenblick hatte er verstanden. Dort zu seinen Füßen lag nicht die Leiche eines Selbstmordattentäters. Da war keine Sprengstoffweste, die diesen Mantel ausfüllte. Unter dem Mantel verbarg sich nichts als das Fleisch und die Knochen eines Mannes, der reglos und zerbrochen am Boden lag. Felipe begriff sogar, warum er im September einen so dicken Mantel getragen hatte. Er verstand auf einmal alles, und das Grauen ließ seine Knie einknicken.

Felipe Tavares und die wachsende Truppe der Security Officers, die ihn umringte, sahen alle dasselbe.

Den Leichnam eines weißhaarigen, sehr alten Mannes.

2

Einen Augenblick, vielleicht zwei Herzschläge lang, war es totenstill. Dann brach der Lärm aus. Geschrei natürlich – als Erstes heulte ein Mann in einer Sprache, die nur wenige um ihn herum verstanden –, und dann das Kreischen von drei Frauen, die für ein Foto vor einer Pop-Art-Skulptur posiert hatten, einer Pistole, deren Lauf zu einem Knoten verschlungen war. Sie hatten sich zu Boden fallen lassen, und eine Zeitlang hatte die Angst ihnen die Kehle zugeschnürt, aber jetzt gellte sie aus ihnen hervor wie Glockenschrillen. Bald wurde überall geweint und geschrien, und mitten darin, kaum hörbar, war die Stimme eines Mannes, der einen menschlichen Knochensplitter vor seinen Füßen betrachtete und in seiner eigenen Sprache murmelte: »Gütiger Gott!«

Ein paar Leute im Foyer gerieten in Panik, und einer löste den Feueralarm aus. Die übrigen erinnerten sich, worauf sie gedrillt waren. Sie verließen ihre Posten an den Durchleuchtungsgeräten, rannten zu den Eingangstüren und bauten sich dort mit gezückten Pistolen auf. Das Hauptquartier der Vereinten Nationen wurde abgeriegelt.

Felipe Tavares sah sich jetzt von zwei Kollegen flankiert; sie führten ihn von der Leiche weg, die noch unbedeckt und unberührt am Boden lag. Tavares plapperte fieberhaft; er redete von den Männern, die er vor dem Gebäude gesehen hatte, und beschrieb das Entsetzen in ihren Gesichtern. Die beiden Officer spähten hinüber, aber da war niemand zu sehen.

Bald wurde es noch lauter. Weniger als neunzig Sekunden nach den Schüssen kamen die ersten von vierzig Streifenwagen des NYPD mit blitzenden Lichtern und heulenden Sirenen auf die UN-Plaza gerast. Das war die »Welle«, die sie nach 9/11 fast ein Dutzend Mal geübt hatten: Die ganze Macht des New York Police Department strömte innerhalb von kürzester Zeit an einer bestimmten Stelle zusammen. Sondereinsatzkommandos sprangen aus mehreren Wagen; gepanzert mit Kevlar-Westen, bewaffnet mit Sturmgewehren, stürmten sie vorwärts wie GIs an der Küste der Normandie. Bald hatten sie den ganzen UN-Komplex umzingelt und richteten ihre Waffen auf die verängstigten Männer und Frauen im Innern.

Die First Avenue war frei von Verkehr; Polizisten mit 50-mm-Maschinengewehren hatten die Straße im Norden und im Süden, von der 30th bis hinauf zur 59th Street gesperrt. Das UN-Hauptquartier lag jetzt im Zentrum einer »sterilen Zone«, die sich über dreißig Blocks erstreckte. Da die First Avenue eine Hauptverkehrsader für die östliche Hälfte Manhattans war, brach mit Sicherheit bald der Verkehr in ganz New York zusammen.

In der Luft schwebten vier Agusta-A119-Hubschrauber des NYPD, ausgerüstet mit hochauflösenden »Superspion«-Wärmebildkameras, und sie sicherten ein sofort eingerichtetes Überf lugverbot über der gesamten Gegend. Gleichzeitig verließen auf dem East River die Polizeiboote ihre Stützpunkte in Frog’s Neck, Brooklyn und am Ufer von Queens. Niemand konnte jetzt noch den Komplex der Vereinten Nationen betreten oder verlassen, weder zu Lande noch zu Wasser.

Wenig später erschien der Chief of Detectives des NYPD mit Blinklicht und Sirene. Zu seiner Genugtuung war er noch vor dem Polizeichef, Commissioner Charles »Chuck« Riley, an Ort und Stelle, dessen Kolonne samt Motorradeskorte erst ein paar Augenblicke später anrollte. Beide nickten zufrieden, als sie sahen, dass das Gelände bereits vollständig abgeriegelt war. Wie ihre Referenten der Presse von jetzt an den ganzen Tag mitteilen würden, hatte ein mutmaßlicher Terroranschlag auf eines der »hochrangigen Ziele« der Stadt stattgefunden, und New York hatte »sofort und mit tödlicher Entschlossenheit« gehandelt.

Aber als die beiden jetzt aus ihren Wagen stiegen und einander die Hand gaben, sahen sie sofort, dass sie vor einem Problem standen. Sie konnten bis an das inzwischen verschlossene Stahltor vor dem UN-Gebäude herangehen, jedoch keinen Schritt weiter. Sie hatten die Zuständigkeitsgrenze des NYPD erreicht, ja, die Grenze der Souveränität der USA. Sie konnten den beiden Männern im Eingang in die Augen sehen, der eine ein Polizist aus Montenegro, der andere ein Belgier. Der Polizeichef war sich sicher, dass ihre Hände zitterten.

 

Drinnen, im vierunddreißigsten Stock, hörte der Unter-Generalsekretär für Rechtsangelegenheiten den Feueralarm, bevor er irgendetwas anderes bemerkte. Henning Münchau sprang auf und warf einen Blick in sein Vorzimmer: niemand da. Zu früh. Er wählte die Nummer der Security im Eingangsbereich, aber das Telefon klingelte und klingelte, ohne dass jemand sich meldete. Er schaute aus dem Fenster, und einen Moment lang fragte er sich, ob er gleich eine 747 sehen würde, die durch die Luft heranschwebte, größer und tiefer, als sie sein dürfte, und die im nächsten Augenblick die gläserne Haut des UN-Hauptquartiers durchbohren und die achttausend Menschen töten würde, die dort arbeiteten, und dazu eine stattliche Anzahl von Regierungschefs aus der ganzen Welt.

Die Tür flog auf, und sein Stellvertreter, ein Brasilianer, stürzte herein. Er war bleich und konnte kaum sprechen – nicht nur, weil er außer Atem war. »Henning, ich glaube, Sie müssen sofort kommen.«

 

Achtzehn Minuten, nachdem Felipe Tavares seine tödlichen Schüsse abgefeuert hatte, stand Henning Münchau dicht vor der leblosen Gestalt. Noch immer hatte niemand die Leiche angerührt; man hatte nur ein wasserfestes Cape darübergebreitet, denn es regnete noch immer.

Neben ihm stand der Unter-Generalsekretär für Sicherheitsangelegenheiten, sprachlos vor Entsetzen. Sie beide waren soeben kurz über die Sachlage informiert worden; in groben Umrissen hatte man ihnen berichtet, was passiert war. Münchau sah die Diskothek aus blitzenden Lichtern rings um den UN-Komplex und die kleine Armee von NYPD-Personal, die sie umzingelt hatte, und er kam sich vor wie der Bewohner einer mittelalterlichen Burg am ersten Tag einer Belagerung.

Und jetzt sah er auf der anderen Seite des Geländers ein Gesicht, das er kannte und das nur selten einmal nicht auf der Titelseite der Zeitungen zu sehen war. Es war der Mann, den man »The Commish« nannte. Diese juristische Besprechung würde im Freien stattfinden müssen, im Stehen und im Regen.

»Commissioner, ich bin Henning Münchau, leitender Justitiar der Vereinten Nationen.«

»Freut mich, Sie kennenzulernen, Henning«, sagte der Commissioner, aber sein Gesicht und sein Tonfall vermittelten keine Spur von Freude. »Wie es aussieht, haben wir ein Problem.«

»Das haben wir.«

»Wir dürfen dieses Gelände nicht betreten und auf den Zwischenfall reagieren, solange Sie uns nicht formell darum ersuchen.« Die Sprache war die eines Beamten, der Akzent der eines bodenständigen Südstaatlers.

»Anscheinend haben Sie bereits in ziemlich großem Umfang reagiert, Commissioner.« Münchau war Deutscher, aber sein fast verwirrend flüssiges Englisch hatte einen australischen Unterton sowohl im Klang als auch in der Ausdrucksweise – UN-Gerüchten zufolge ein Vermächtnis seines Dienstes an der UN-Gesandtschaft in Ost-Timor.

Riley zuckte die Achseln. »Wir dürfen das Gelände ohne Ihre Zustimmung nicht betreten. Und ich nehme an, Sie verfügen nicht über die nötigen Ressourcen für den Umgang mit einem Terror-Zwischenfall.«

Henning bemühte sich, seine Erleichterung zu verbergen. Das NYPD wusste noch nichts von dem Toten. Das gab ihm etwas Zeit.

»Sie haben ganz recht.« Münchau spürte plötzlich, wie merkwürdig es war, im Regen durch ein Metallgitter zu sprechen – wie bei einem Gefängnisbesuch unter freiem Himmel. Er beneidete den Commissioner um seinen Schirm. »Aber ich glaube, wir müssen uns über ein paar Bedingungen einigen.«

Der Polizist lächelte matt. »Schießen Sie los.«

»Das NYPD kommt herein, aber nur auf Ersuchen und innerhalb des Ermessensspielraums der Vereinten Nationen.«

»Kein Ermessensspielraum. Wenn Sie uns reinlassen, ist es unsere Ermittlung. Alles oder nichts.«

»Okay, aber nichts von dem da.« Er deutete auf die Sondereinsatzkommandos mit ihren schussbereiten Sturmgewehren. »Das sind nicht die Methoden der UN. Wir sind hier nicht in Kabul.« Münchau sah, dass Riley sich die Nackenhaare sträubten, und gleich ging er noch einen Schritt weiter. »Und auch nicht in Bagdad.«

»Okay, also mit minimaler Machtdemonstration.«

»Ich rede von einem oder zwei Bewaffneten als Begleiter Ihrer Detectives.«

»Okay.«

»Und bei Ihren Ermittlungen wird ständig ein UN-Vertreter anwesend sein.«

»Ein Vertreter?«

»Ein Jurist. Aus meinem Team.«

»Ein Jurist? Herrgott –«

»Das sind die Bedingungen.«

Münchau sah, dass der Commissioner seine Optionen überdachte, doch ihm war klar, dass er kaum nein sagen konnte. Bei einem mutmaßlichen Terroranschlag in New York musste das NYPD einbezogen werden. Der Commissioner konnte sich nicht vor die Fernsehkameras stellen und erklären, das Police Department sitze die Sache aus – ganz gleich, mit welcher Begründung. Das wusste Münchau: Riley würde innerhalb der nächsten Stunde im Fernsehen erscheinen und den New Yorkern versichern wollen, er habe alles im Griff.

Jetzt rollte eine schwarze Limousine an, begleitet von einem weiteren Bataillon von Blinklichtern und Sirenen. Dahinter kamen zwei TV-Satelliten-Übertragungswagen, offensichtlich mit einer speziellen Anfahrterlaubnis. Der Bürgermeister war da.

»Okay.« Der Commissioner warf einen Blick über die Schulter. »Einverstanden.«

Münchau streckte die Hand durch das Gitter, und der Polizeichef drückte sie hastig. Münchau nickte dem UN-Posten am Tor zu, und der fummelte am Schloss herum, bis er es geöffnet hatte.

Münchau sah den Fernsehreporter, der auf ihn zukam, und sprach absichtlich lauter: »Mr.Commissioner, willkommen bei den Vereinten Nationen.«

3

Es dauerte eine Weile, bis der Kabinettschef des Generalsekretärs der Vereinten Nationen das Meeting einberufen hatte. Abgesehen von Münchau und seinem für Sicherheitsfragen zuständigen Kollegen war der Rest des Elite-Quintetts von UGS – Unter-Generalsekretären – auf dem Weg zum Gebäude gewesen, als die Schüsse fielen. (Bei den UN arbeitete man bis spät in den Abend hinein, aber man fing nicht besonders früh an.) Wegen der Sperrung der First Avenue erreichte fast niemand die UN-Plaza vor zehn Uhr.

Aber jetzt endlich waren sie im Lagezentrum versammelt. Die Zyniker im Gebäude grinsten immer, wenn dieses Wort fiel. Erbaut während der Nachwehen des 11.September, war dieser schwer gepanzerte, luxuriös eingerichtete und strenggeheime Sitzungsraum offensichtlich dem legendären Lagezimmer im Weißen Haus nachempfunden. Aber natürlich durften die UN sich nicht dabei ertappen lassen, dass sie die Amerikaner nachäfften; das würden die zahlreichen Feinde der USA in den Vereinten Nationen nicht hinnehmen. Ebenso wenig durften die Amerikaner glauben, der Generalsekretär habe Flausen im Kopf, die ihm nicht zukamen, und bilde sich ein, er stehe auf einer Stufe mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten. Deshalb hatten die Vereinten Nationen kein Lagezimmer, sondern ein Lagezentrum, und das war ein großer Unterschied.

Sein Herz bildete ein massiver, blankpolierter Tisch. Jeder Platz ringsum war diskret ausgestattet mit Anschlüssen und Schaltern, die sämtliche Kommunikationsformen einschließlich der Simultanübersetzung ermöglichten. Eine Wand vor diesem Tisch enthielt hochmoderne Videokonferenztechnik: Ein halbes Dutzend Plasma-Breitbildschirme konnte im Handumdrehen über abhörsichere Satellitenverbindungen mit den UN-Gesandtschaften überall in der Welt verlinkt werden. Der Generalsekretär war mindestens ein Drittel des Jahres auf Reisen, aber das Lagezentrum ermöglichte ihm, mit seinen Leuten von Angesicht zu Angesicht zu sprechen, ohne New York verlassen zu müssen. Vor allem jedoch existierte es für den Fall einer Katastrophe.

Diesmal bestand keine Notwendigkeit, eine Videokonferenz zu schalten; die Gefahr drohte hier in New York. Der Kabinettschef, ein Finne wie sein Boss, gab als Erstes bekannt, dass das Gebäude vorläufig weiter abgeriegelt bleibe und nur mit Genehmigung betreten und verlassen werden dürfe. Ohne die ausdrückliche Erlaubnis des Justitiars komme niemand herein oder hinaus. Darauf habe man sich mit dem New York Police Department geeinigt, das jeden Zeugen befragen wolle, selbst wenn das bedeutete, das gesamte UN-Personal zu befragen.

Der Kabinettschef bestätigte, dass der Generalsekretär selbst sich derzeit nicht im Gebäude befinde. Er sei bei einem Frühstück im Four Seasons-Hotel gewesen, das ihm zu Ehren stattgefunden habe, und jetzt sei er auf dem Weg durch den katastrophalen Verkehr zum UN-Gebäude. Er habe seinem Publikum mitgeteilt, er habe sich bewusst dafür entschieden, wie geplant bei der Veranstaltung zu bleiben, denn andernfalls »überlasse man denjenigen den Sieg, die versuchen, unseren Way of Life zu sabotieren«. Anscheinend hatte er dafür Ovationen bekommen, aber Henning Münchau verzog gequält das Gesicht. Nicht nur, weil es nach einer plumpen Anbiederung an die New Yorker klang, wie ein Echo ihrer trotzigen Rhetorik nach dem 11.September, und weiterhin, weil er fand, es wäre politisch gescheiter gewesen, wenn der neue Generalsekretär sich zu seinen eigenen Leuten gestellt hätte, nachdem sie anscheinend angegriffen worden waren. Nein, vor allem hatte der GS eine Kluft zwischen der öffentlichen Wahrnehmung dieses Ereignisses – als tapfer vereitelter, empörender Terroranschlag – und dem geschaffen, was, wie Henning wusste, in Wirklichkeit der Fall war.

Der Kabinettschef teilte mit, die Techniker seien dabei, eine Telefonverbindung mit dem Generalsekretär herzustellen.

»Einstweilen schlage ich vor, dass wir zusammentragen, was wir wissen, und dann ein paar Optionen ausarbeiten, die wir dem Generalsekretär präsentieren können. Darf ich mit Ihnen anfangen, Henri?«

Der für die Sicherheit der UN-Mitarbeiter weltweit zuständige Untersekretär warf einen Blick auf seine Notizen, die er hastig hingekritzelt hatte, als der Wachkommandant ihm Bericht erstattete, und übersetzte sie aus dem Französischen.

»Nach unseren Informationen wurde heute Morgen um acht Uhr einundfünfzig vor dem Besucherhaupteingang zwischen der 45th und 46th Street durch einen Mitarbeiter der UN Security Force ein Mann erschossen. Der Mann war von der mit uns in Verbindung stehenden Geheimdienstabteilung des NYPD überwacht worden, und dort hatte man Grund zu der Annahme, er stelle eine unmittelbare Bedrohung für die Vereinten Nationen dar. Diese Erkenntnisse wurden an den Wachkommandanten weitergegeben, und dieser informierte seine diensthabenden Wachtposten, also auch den Officer, der dann von der Schusswaffe Gebrauch machte, weil er die Verdachtsperson für einen Selbstmordattentäter hielt.«

»Und der Mann ist tot?«

»Ja.«

»Was wissen wir sonst noch? Ist das Gebäude bedroht?«

»Die Abriegelung wurde plangemäß vollzogen. Das Gebäude ist jetzt gesichert. Wir haben keinen Grund zu der Annahme, dass es sich um den Beginn einer Serie von Anschlägen handelt.«

»Warum nicht?«

Henri Barr zögerte und warf einen Blick zu Henning hinüber, der kurz nickte. »Weil wir den starken Verdacht haben, dass der Getötete nicht dem vom NYPD zusammengestellten Profil entspricht.«

»Was zum Teufel wollen Sie damit sagen?« Das war der UGS für Humanitäre Angelegenheiten, ein weißer Ex-Kommunist aus Südafrika, der sich in der Anti-Apartheid-Bewegung einen Namen gemacht hatte. Sein leistungsfähiger Phrasendetektor war berühmt.

»Ich will damit sagen, dass der Mann, der erschossen wurde, alt war.«

»Alt?«

»Ja, er war ein sehr alter Mann.« Am Ende seines Satzes ging Barr die Luft aus, und er japste. »Aber seine Kleidung paßte auf die Beschreibung und sah aus wie die Kleidung eines Selbstmordattentäters.«

»Hören Sie auf. Er war angezogen wie ein Selbstmordattentäter, und darum haben wir ihn umgebracht?«

Der Kabinettschef schaltete sich ein. Dies war nicht die Zeit für Posen und Streitereien, auch wenn der Adrenalinpegel im Raum spürbar anstieg. »Wenn Sie ›alt‹ sagen, Henri – was meinen Sie damit?«

»Wir schätzen den Mann auf siebzig, vielleicht älter.«

»Sah er wenigstens muslimisch aus?« Diese Frage hatte mehreren anderen auf der Zunge gelegen, aber sie hatten nicht gewagt, sie zu stellen. Aber Anjhut Banerjee, die indische Untersekretärin für Friedenssicherung, kannte solche Hemmungen nicht.

»Nein.« Barr warf einen Blick auf seine Notizen. »Anscheinend nicht.«

»O Gott.« Banerjee ließ sich auf ihrem Stuhl zurückfallen. »Sie wissen, was das bedeutet, oder?« Sie sah den Kabinettschef an. »Ich war in London, als Polizisten einen brasilianischen Elektriker in der Bahn erschossen, weil sie fanden, er sehe aus wie ein Selbstmordattentäter. Einen völlig unschuldigen Mann.« Ihr scharfes Ausatmen ließ sich mit einem Satz übersetzen: Sie haben keine Ahnung, wie tief die Scheiße ist, in der wir stecken.

»Wie verwundbar sind wir, Henning?« Der Kabinettschef sah den Justitiar an.

»Sie meinen, was unsere Haftung angeht?«

»Ja.«

»Das lässt sich feststellen, aber ich glaube, wir sollten uns nicht allzu sehr den Kopf über Schadenersatzansprüche und dergleichen zerbrechen. Unser Problem ist von anderer Art.« Er schwieg und zwang damit den Mann am Kopf des Tisches, ihn zum Weiterreden zu drängen.

»Von welcher Art ist dann unser Problem?«

»Wie die meisten juristischen Probleme in diesem Haus. Es ist kein juristisches Problem, sondern ein politisches.«

»Und was schlagen Sie vor? Was sollen wir unternehmen?«

»Ich glaube, ich weiß genau, was zu tun ist. Und was noch besser ist: Ich kenne den richtigen Mann dafür.«

4

Tom Byrne wurde von einem ebenso unbekannten wie unangenehmen Geräusch aus dem Schlaf gerissen. Wenn er heutzutage überhaupt den Wecker stellte, dann benutzte er den an sein Bose-Nachttischradio angeschlossenen iPod und ließ sich von den sanften Klängen eines Stücks aus seiner eigenen Sammlung wecken. Gestern war es Frank Sinatra gewesen, der den Morgen mit I’ve Got You Under My Skin begrüßt hatte. Das war unendlich viel besser als damals, als er den Tag mit dem öden Geschwafel des verdammten BBC World Service begonnen hatte.

Aber dieses Geräusch war schlimmer als das Radio. Es war ein gleichmäßiges, nachhallendes Klingeln, das lange in der Luft schweben blieb. Tom spürte das Klopfen seines Herzens in der Brust. Und dann entdeckte er den Übeltäter: Es war sein neuer BlackBerry, frisch aus der Schachtel. Er hatte ihn gestern erst ausgepackt und war nicht dazu gekommen, ihn stummzuschalten.

Blinzelnd spähte er auf die Uhr. Halb elf vormittags. Das war okay – er war erst um fünf ins Bett gekommen, nachdem er die Nacht hindurch an dem Dubai-Vertrag gearbeitet hatte. Dann fiel es ihm ein: Er hatte nicht die ganze Nacht gearbeitet.

»Hey, Miranda. Aufwachen.«

Ein Stöhnen kam aus dem Berg von brünetten Haaren auf dem Kopfkissen neben ihm. Dann hob sich ein Kopf und brummte: »Ich heiße Marina.«

»Sorry.« Tom schwang die Beine aus dem Bett und tappte zum Fenster, um die Jalousie zu öffnen. Licht flutete ins Zimmer. »Okay, Marina, ich mein’s ernst. Auf, auf.«

Die Frau im Bett richtete sich auf. Sie machte sich nicht die Mühe, sich zuzudecken, und Tom konnte die großzügigen Brüste, mit denen er sich ein paar Stunden zuvor vergnügt hatte, bei Tageslicht betrachten. Brünette von der Upper East Side mochten ihre Nachteile haben, aber im Moment konnte er keinen entdecken. Vielleicht könnte er doch noch für ein halbes Stündchen ins Bett zurückkrabbeln …

Der BlackBerry klingelte wieder; diesmal war es ein einzelner, lauter Ton, der eine eingetroffene Nachricht signalisierte. Das mussten seine Klienten sein. Er hatte ihnen mitten in der Nacht den ersten Entwurf der Unterlagen zugeschickt, und jetzt waren sie schon da und verlangten Änderungen. Über das organisierte Verbrechen konnte man sagen, was man wollte, aber eins musste man den Leuten lassen: Sie arbeiteten fleißig.

Seine neuen Klienten waren das, was man als »Familie amerikanisch-italienischer Herkunft mit tiefen, historischen Wurzeln in der New Yorker Bauindustrie« bezeichnen könnte, wenn man ihr Anwalt war. Jetzt planten sie eine Expansion ins Immobiliengeschäft am Persischen Golf – alles ganz legal und seriös, aber es gab Berge von internationalen Unterlagen und Anträgen, die dazu eingereicht werden mussten. Der Freund eines Freundes hatte ihn empfohlen, und die Familie hatte ihn mit Vergnügen engagiert; sie ließen sich gern von einem international angesehenen Anwalt vertreten, einem Briten, dessen Lebenslauf mehrere Jahre im Dienst der Vereinten Nationen vorzuweisen hatte. Und er hatte mit Vergnügen akzeptiert; er verdiente jetzt in einer Woche mehr als in einem ganzen Jahr bei den Blauhelmen der UN-Plaza.

Er sah zu, wie Marina sich aus dem Bett rollte, deutete mit dem Kopf zur Dusche und schaute wieder auf seinen BlackBerry. 1 entgangener Anruf. Er drückte auf eine Taste, und ein Name erschien auf dem Display: Henning.

Das war eine Überraschung. Henning Münchau, Justitiar der Vereinten Nationen, hatte Tom nicht allzu oft über sein privates Handy angerufen, als er sein Chef gewesen war, und das war jetzt mehr als ein Jahr her.

Tom wollte zuerst die Nachricht abhören, ehe er zurückrief; das hatte er sich bei den Vereinten Nationen angewöhnt, einer Institution, deren Organisationsprinzip sich mit drei Worten zusammenfassen ließ: Abwarten und Teetrinken. Als er noch jünger war, hatte er es immer sehr eilig gehabt, aber von den Besten hatte er gelernt, dass es sich auszahlte, sich Zeit zu nehmen, einen Augenblick lang nachzudenken und den andern seine Karten zuerst auf den Tisch legen zu lassen, selbst – und vor allem – wenn dieser andere dein Chef war. Oder dein ehemaliger Chef. Von ein paar Sekunden des Nachdenkens konnte alles andere abhängen. Verflixt, diese Regel galt in dem Laden sogar für Unterredungen von Angesicht zu Angesicht. Es war, als habe Harold Pinter den Dialog geschrieben, wenn UN-Beamte immer wieder innehielten, um den Gesichtsausdruck ihres Gegenübers zu deuten und seine Beweggründe zu entschlüsseln.

»Hi, Tom. Henning hier. Wir müssen miteinander reden. Ich weiß, was du gesagt hast, als du … Komm in diesen Coffeeshop, so schnell du kannst. Tom, ich … ruf mich nicht zurück.«

Nicht mal ein »Lange nichts gehört«. Dieser Scheißkerl.

Der oberste Jurist der UN hatte also eine so brisante Angelegenheit zu besprechen, dass er nicht wagte, es am Telefon oder in seinem eigenen Büro zu tun. Das war kaum etwas Neues: Alle Welt wusste, dass an der UN-Plaza kein einziges Wort gesprochen wurde, das nicht abgehört wurde – von den Yankees der NSA, von den Briten des GCHQ, und der Himmel mochte wissen, von wem sonst noch. Aber »Komm in diesen Coffeeshop« – das war besonders interessant. Es bedeutete, dass Henning nicht einmal den Treffpunkt verraten wollte. Und warum um alles in der Welt hatte er nach dem, was passiert war, ausgerechnet Tom angerufen? Wenn es irgendjemand anders dort gewesen wäre, hätte Tom die Nachricht gelöscht und keinen weiteren Gedanken daran verschwendet. Aber es war Henning.

Er ging zum Wandschrank und musterte die Anzüge, die dort aufgereiht waren wie Rekruten bei einer Parade. Ein bedeutendes Meeting wie dieses erforderte normalerweise Prada oder Paul Smith. Aber Tom wollte Henning nicht dessen Beamtengehalt unter die Nase reiben; also musste es etwas Schlichteres sein. Pinkfarbenes Hemd und Manschettenknöpfe? Nein, ein einfaches blaues würde genügen. Er sah sich kurz im Spiegel: auf der falschen Seite der Vierzig, aber er konnte sich immer noch ansehnlich aufbrezeln. Zum Duschen war allerdings heute keine Zeit. Er sprühte sich zwei Spritzer »Hugo Boss«-Aftershave an den Hals und zerstrubbelte sein kurzgeschnittenes, aschblondes Haar.

Auf dem BlackBerry blinkte jetzt eine neue Email. Betreff: Dubai. Richtig – die Fantonis hatten das Kleingedruckte gelesen. Sie hatten die gesetzliche Verpflichtung zur Zahlung von Schadenersatz an die Fischer entdeckt, deren Dörfer sie zerstören würden, um Platz für ihre Luxus-Hochhäuser zu schaffen. »Können wir diese Klausel verschwinden lassen?«

Tom fing an, eine Antwort zu entwerfen, in der er darlegte, dass jeder Bauunternehmer moralisch verpflichtet sei, sicherzustellen, dass diejenigen, die durch seine Projekte obdachlos wurden, in angemessener Höhe …

Scheiß drauf. Mit dem Daumen tippte er: »Überlassen Sie es mir: Sie ist schon weg.«

Er sammelte seine Sachen ein und warf noch einmal einen bewundernden Blick durch die endlos offene Weite seines Loft-Apartments. Er überlegte, ob er den Plasma-Fernseher einschalten und sich die Nachrichten ansehen sollte, aber dann ließ er es bleiben: Henning wartete. Er streckte nur rasch den Kopf durch die Badezimmertür und rief in die Dampfwolke hinein: »Du findest allein raus, Miranda.«

5

Der Taxifahrer schüttelte den turbanumwickelten Kopf und brummte, er werde so weit fahren, wie er könne, aber die Straße sei seit einer Stunde völlig blockiert. »Im Radio kam was über einen Terroranschlag. Waren Sie an 9/11 hier?«

Tom gab ihm einen Zehn-Dollar-Schein, stieg an der 39th Street aus und ging zu Fuß, so weit es ging. Er sah das Aufgebot der Polizeiwagen, die roten Blinklichter und dahinter die gleißenden Scheinwerfer des Fernsehens, die ein Gewirr von Trucks mit Satellitenschüsseln anstrahlten. An sich war das in der Woche der Generalversammlung nichts Außergewöhnliches. Vermutlich war der russische Zar – wie sollte man den Mann sonst nennen? – in der Stadt, oder es ging um irgendeinen aus der üblichen Riege von afrikanischen, zentralasiatischen und nahöstlichen Despoten, die nach New York kamen, um sich im Glanz des Podiums der Generalversammlung zu sonnen, während sie von Glück sagen konnten, dass sie nicht in Den Haag im Knast saßen.

Aber jetzt sah er eine Polizistin, die am vordersten Eingang zur UN-Plaza stand und die Leute zurückwies. Am Zaun entlang spannte sich mehrere Blocks weit ein gelb-schwarzes Plastikband; es sah aus, als umschließe es den gesamten Komplex wie die Schleife an einem Weihnachtsgeschenk: POLIZEILICHE ABSPERRUNG ZUTRITT VERBOTEN.

Er ging weiter und sah, dass auch alle folgenden Eingänge verschlossen waren. Am Publikumseingang drängte sich eine Meute von Reportern, Fotografen und Kameraleuten. Tom war groß genug, um über ihre Köpfe hinwegsehen zu können: Mitten auf der mit Steinplatten gepflasterten Fläche vor dem Eingangsfoyer der Security stand ein kleines Zelt aus grüner Plane. Ringsherum bewegten sich Polizisten, ein einzelner Fotograf und ein Spurensicherungsteam in Overalls, Masken und weißen Latexhandschuhen.

Tom schlängelte sich zwischen den Autos hindurch über die Straße. Vor ihm erhob sich der Trump World Tower, ein Phallussymbol aus Beton, und ein Hochhaus mit einer feucht und schlaff herabhängenden schwarz-rot-goldenen Flagge: die deutsche UN-Gesandtschaft. Das Nation’s Café war gleich nebenan.

Er sah Henning Münchau sofort: Mit ernster Miene studierte er die Weltkarte im Kunststoff der Tischplatte. Komisch, wie leicht es war, mächtige Männer schrumpfen zu lassen. Im UN-Gebäude war Münchau eine Gestalt, die von jedem, der ihr begegnete, mit ehrerbietigem Kopfnicken begrüßt wurde, wenn sie die Korridore durcheilte. Aber setzte man ihn woanders hin, war er ein ganz gewöhnlicher New Yorker Anzugträger mit Aktenkoffer und schütterem Haar.

Zu Toms Überraschung erhob Henning sich sofort beim ersten Blickkontakt und ließ seinen Kaffee stehen, ohne ihn anzurühren. Er schaute zur Tür: Komm mit. Was zum Teufel war hier los?

Als sie draußen waren, zog Henning fragend die Brauen hoch. Es dauerte zwei Sekunden, bis Tom die mimische Gebärde verstanden hatte. »Natürlich«, sagte er schließlich. Münchau war ein Raucher von der Sorte, die niemals eigene Zigaretten bei sich hatte: Wenn man keine kaufte, dann rauchte man eigentlich auch nicht – das war seine Überzeugung. Tom zog eine Packung Drum-Tabak – eine der wenigen Konstanten in den letzten Jahren seines Lebens – aus der Jackentasche. Er nahm einen kleinen blauen Umschlag mit Zigarettenpapier heraus, und mit wenigen geschickten Bewegungen seiner Finger hatte er ein glattes, dünnes Stäbchen gezaubert, das er Henning reichte. Er drehte eine für sich, und dann zündete er beide mit einem einzigen Streichholz an.

»Verdammt, so ist es besser«, sagte Henning. Noch immer sog er die Wangen ein und wollte den ersten Zug nicht ausatmen. Er schaute Tom durchdringend an, als sehe er ihn zum ersten Mal. »Ist lange her. Geht’s gut?«

»Ging nie besser.«

»Freut mich.« Henning nahm noch einen tiefen Zug. »Denn du siehst beschissen aus.«

Tom lachte, was bei Henning ein breites Grinsen auslöste. Dieses Lächeln war der Grund gewesen, weshalb Tom den Mann sofort gemocht hatte, als sie einander vor all den Jahren kennenlernten. Das und die spezielle Münchau-Mundart, ein makelloses Englisch mit australischer Melodie und der dazu passenden derben Ausdrucksweise. Tom hatte miterlebt, wie sie entstanden war: Sie waren zusammen bei der von Australien geleiteten Ost-Timor-Mission gewesen. Ihre Freundschaft war ein Erbe dieser gemeinsamen Erfahrung. Dass aus dem Justitiar ein sehr seltener Vogel geworden war – ein hessischer Doktor der Jurisprudenz mit dem Mundwerk eines Bondi-Surfers – war ein Zweites.

»Du vermisst deinen alten Laden also nicht? Die Arbeit für die Staatenfamilie und all das?«

»Nein, ich vermisse ihn nicht. Also, Henning, wir haben beide viel zu tun. Was brauchst du?«

»Es geht um diesen … « Er zögerte. »Um das, was heute Morgen hier passiert ist.«

»Was ist denn los? Ich hab die Polizeiabsperrung gesehen und –«

»Du weißt es nicht? Mein Gott, Tom, all diese fetten Industriehonorare, und du kannst dir kein Radio leisten? Vor ungefähr zwei Stunden wurde hier ein Mann erschossen, ein mutmaßlicher Terrorist.«

»Okay.«

»Nicht okay.« Henning blies eine Rauchwolke von sich und spähte dann nach links und rechts. Flüsternd und mit eindringlichem Blick fuhr er fort. »Hat sich herausgestellt, dass wir den Falschen erwischt haben.«

»Er war kein Terrorist?«

»Anscheinend haben wir einen Rentner im Wintermantel erschossen.«

»Was heißt ›wir‹?«

»Komm ja nicht auf die Idee, zu quasseln, Tom. Das meine ich ernst, Alter. Kein verdammtes Wort, zu niemandem. Die Medien wissen noch nichts.«

»Ist doch klar.«

»Der Schütze gehört zu unserer eigenen verdammten Security.«

»Oha.«

»Das kann man wohl sagen.« Henning nahm einen langen letzten Zug und sog das Leben aus der dünnen, handgedrehten Zigarette. Dann warf er den Stummel weg. »Ein unglaubliches Pech. Der Geheimdienst des NYPD hat uns auf eine Verdachtsperson aufmerksam gemacht, die einen Waffenhändler aufgesucht hatte. Dicker schwarzer Mantel, schwarze Mütze. Zufällig das, was der alte Knabe anhatte, als er seinen Morgenspaziergang machte.«

»Pech für alle Beteiligten, würde ich sagen.«

Henning funkelte Tom an. »Das hier, Tom, wird der größte Albtraum werden, der seit dem verfluchten Oil-for-Food-Programm über diesen Laden hereinbricht. Kannst du dir vorstellen, was die Amerikaner daraus machen werden? Kannst du dir vorstellen, was morgen in der New York Post steht? ›Die Vereinten Nationen – jetzt töten sie Greise auf den Straßen von New York.‹«

»Ihr habt euch genau die richtige Woche ausgesucht.«

»Na ja, wir haben ja nur jeden Regierungschef der Welt hier, vom König von Preußen an abwärts. Ist nicht gerade der Anfang, den Viren sich gewünscht hat, was? Stell dir vor, wie der neue Generalsekretär seine erste Vollversammlung auf den Knien verbringt und sich entschuldigt.«

»Er weiß es?«

»Ich hab dich gleich von da aus angerufen. Die letzte Stunde haben wir mit seinem Kabinettschef und sämtlichen UGS im Lagezentrum gesessen. Der Generalsekretär war nicht da; er hat sich auf irgendeinem Society-Frühstück den Schwanz lutschen lassen. Das Gebäude ist komplett abgeriegelt. Nur UGS dürfen raus.«

»Und was hast du vor?«

»Tja, darüber wollte ich mit dir sprechen.«

»O nein!«

»Warte, bis ich fertig bin, Tom. Ich weiß, du hast gesagt, du arbeitest nie wieder für uns. Das verstehe ich.«

»Gut. Dann wirst du auch verstehen, wenn ich sage: ›War nett, dich wiederzusehen, Henning, aber jetzt muss ich gehen.‹«

»Aber du sollst nicht für die UN arbeiten.«

»Sondern?«

»Sondern für mich. Betrachte es als eine persönliche Gefälligkeit. Ich glaube, ich habe das Recht, dich darum zu bitten.«

Tom sah Henning prüfend ins Gesicht. Dies war das einzige Argument, dem er nichts entgegenzusetzen hatte, die gleiche unabweisbare Tatsache, die ihn veranlasst hatte, die freudenspendende Miranda/Marina im Stich zu lassen und geradewegs herzukommen. Es stimmte: Er stand in Hennings Schuld. »Was brauchst du?«

»Das einzig Gute an dieser Situation ist: Der Tote war Brite.«

»Wieso ist das gut?«

»Die Briten werden als Einzige keinen Affenzirkus veranstalten, weil die Amis einen ihrer Staatsbürger umgebracht haben. Innerhalb der USA sind es die roten Schwuchteln von den UN, die hier Mist gebaut haben. Überall anderswo auf der Welt wird man Amerika die Schuld geben. Schießwütige Cowboys und das ganze Zeug. Aber nicht die britische Regierung. Eure Jungs werden den Schwanz einziehen und das Ganze schlucken.«

Tom hätte gern widersprochen, aber das konnte er nicht. Er erinnerte sich an die Kampagne zur Freilassung britischer Staatsbürger in Guantánamo. Die britische Regierung hatte dazu kaum einen Piep von sich gegeben, um die Amerikaner nicht zu verärgern.

»Und? War es denn ein Amerikaner, der geschossen hat?«

»Nein. Ein Portugiese. Er heißt Tavares.«

Tom überlegte. »Und was soll ich für dich tun?« Er sah die komplexe Dokumentation vor sich, die anlässlich eines Tötungsfalls auf dem internationalen Territorium der UN erstellt werden müsste. Er konnte sich vorstellen, welche Zuständigkeitsprobleme sich dabei auftaten: Wer würde die Ermittlungen übernehmen, das NYPD oder die Sicherheitsorgane der UN? Wer würde die Leitung haben? Hennings Antwort überraschte ihn.

»Als Erstes möchte ich, dass du die Jungs vom NYPD, die an dem Fall dran sind, im Auge behältst. Inzwischen dürften sie den Toten gesehen haben; sie werden wissen, dass wir Mist gebaut haben. Du musst ihnen über die Schulter gucken. Nur für diesen ersten Tag: Ich hab meine Eier da rausgehängt und ein Riesending daraus gemacht; also kann ich jetzt keinen Grünspecht damit beauftragen, wenn wir nicht wie Blödmänner aussehen wollen. Verschaff dir einen Eindruck von dem, was sie machen, und dann gibst du die Sache ab.«

»Und dann?«

»Dann musst du diese ganze Kiste zunageln, Tom. Schaff sie aus der Welt. Die Blamage ist einfach zu groß. Es darf nicht sein, dass die trauernde Familie ein Foto ihres Großvaters in die Fernsehkameras hält und verlangt, dass der verdammte Generalsekretär und alle möglichen anderen Leute ins Gefängnis kommen. Du musst nach England fliegen, die Familie ausfindig machen und tun, was nötig ist, um die Sache aus der Welt zu schaffen. Leg dir einen englischen Akzent zu. Das volle Programm.«

»Ich brauche mir keinen englischen Akzent zuzulegen.«

»Noch besser. Spiel den charmanten Briten, bitte sie überschwänglich um Entschuldigung, biete ihnen eine fette Entschädigung – was immer sie wollen. Sie sollen nur keinen Wirbel machen. Keine Fotos vom Generalsekretär oder ähnlicher Blödsinn. Der Mann ist neu. Wir dürfen ihn nicht damit in Verbindung bringen.«

Tom zog an seiner Zigarette. Er sah, welche Interessen dahintersteckten: Nach seinem Weggang gab es im Büro des Justitiars keinen Briten mehr. Außerdem war es wahrscheinlich hilfreich, einen externen Anwalt dafür zu gewinnen: Es brachte eine Armlänge Distanz, so dass die UN weniger Schmutz abkriegen würden, wenn Tom zu miesen Tricks greifen müsste, um Resultate zu erzielen.

Dabei war es kaum ein hochklassiger juristischer Auftrag. Er brauchte nicht mit Juristen des Außenministeriums oder Diplomaten zusammenzuarbeiten. Wahrscheinlich würde er es nur mit irgendeinem Londoner Aasgeier zu tun bekommen, einem Anwalt, der verzweifelt darauf aus war, den Vereinten Nationen einen Topf voll Bargeld abzuluchsen. Eine ziemliche Verschwendung angesichts seiner beruflichen Laufbahn: elf Jahre als Anwalt für internationales Recht bei den Vereinten Nationen, und vorher unter anderem Prozessanwalt bei einer Firma in der Londoner City und drei Jahre Dozent am University College in London.

»Es gibt jede Menge Briten, die das übernehmen könnten, Henning. Vielleicht nicht auf dem Toplevel, aber gleich darunter. Absolut fähige Anwälte. Warum ich, Henning?«

»Weil du zuverlässig bist.«

Tom zog die Brauen hoch. Ein Anwalt, der aus dem UN-Dienst ausgeschieden war, wie er es getan hatte, war nicht das, was man dort als zuverlässig bezeichnen würde. Komm schon, sagten seine Augenbrauen. Sag die Wahrheit.

»Okay, du bist nicht im konventionellen Sinn zuverlässig. Aber du bist jemand, auf den ich mich verlassen kann.«

Toms Gesicht verriet, dass Schmeicheleien hier nicht weiterführten.

Henning seufzte resigniert. »Du weißt, wie sie sind, die jungen Anwälte hier, Tom. Herrgott, vor nicht allzu langer Zeit waren wir beide doch genauso. Voll von idealistischem Bullshit über die UN als ›ultimativem Garant der Menschenrechte‹ und diesem ganzen Quatsch.«

»Und?«

»Und davon können wir im Moment nichts gebrauchen. Wir brauchen jemanden, der tut, was getan werden muss.«

»Du brauchst einen Zyniker.«

»Ich brauche einen Realisten. Außerdem hast du keine Angst davor, das Buch der Regeln hin und wieder zur Seite zu legen. In diesem Fall könnte es nötig sein.«

Tom sagte nichts.

»Vor allem weiß ich, dass die Interessen der Vereinten Nationen für dich an oberster Stelle stehen.« Die Andeutung eines Lächelns, das um Hennings Mundwinkel spielte, verriet, wovon er redete. Er konnte nicht riskieren, sich mit einem britischen Anwalt einzulassen, der – wie sollte man es ausdrücken? – seine beruflichen Bündnispflichten aus den Augen verlor. Es bestand immer die Gefahr, dass ein Brite einen seiner alten Kommilitonen im Außenministerium oder im Commonwealth Office anrief, nur um sie auf dem Laufenden zu halten. Ein Lunch in Whitehall, eine kleine Plauderei – was schadete das? Aber bei Tom Byrne, dem Absolventen der Sheffield Grammar School und der University of Manchester, bestand diese Gefahr nicht. Man konnte sich darauf verlassen, dass er die Vereinten Nationen nicht an das Netzwerk seiner Old Boys verriet, und zwar aus einem einfachen Grund: Er hatte kein Netzwerk von Old Boys.

»Du kennst mich: Ich bin ein Weltbürger.«

»Ich wusste, ich kann mich auf dich verlassen, Tom.«

»Du hast eine Menge für mich getan, Henning. Das hab ich nicht vergessen.«

»Danach sind wir quitt. Wirklich. Und das soll übrigens nicht heißen, dass du nicht anständig bezahlt wirst.«

»Nicht nach dem beschissenen UN-Tarif?«

»Hierfür gibt es einen separaten Etat, Tom. Aus dem Notfallfonds.«

»Ich soll der Familie also geben, was sie haben will.«

»Yep. Deine Aufgabe ist es, dafür zu sorgen, dass nach dem heutigen Tag kein Mensch je wieder etwas über den toten alten Mann hört. Wenn er begraben wird, will ich, dass die ganze Geschichte mit ihm begraben wird.«

6

Der Weg durch das Gedränge der Presseleute war ein Spießrutenlauf; Henning ging voran, und beide benutzten ihre Schultern, um sich einen Weg zu bahnen. Die Reporter schleuderten Henning ihre Fragen entgegen, obwohl sie offensichtlich keine Ahnung hatten, wer er war, aber er sagte kein Wort, bis sie das provisorische Zelt erreicht hatten, das den Leichnam des alten Mannes barg.

»Tom, das ist Jay Sherrill. Der Commissioner sagt, er gehört zu seinen besten First Grade Detectives.«

»First Grade? Das klingt nach Anfänger.« Es war nicht zu leugnen: Der Junge sah aus, als sei er gerade neunzehn. Anfang dreißig, höchstens. Sauber gebügeltes Hemd, betont abwesende Krawatte, ein glattes, haarloses, hübsches Gesicht. Tom hätte an Ort und Stelle ein Profil von Jay Sherrill erstellen können: Absolvent einer Eliteuniversität an der Ostküste, ein Senkrechtstarter, wie er heutzutage von allen Großstadtpolizeibehörden bevorzugt wurde. Diese jungen Kanonen redeten und kleideten sich eher wie Unternehmensberater, nicht wie Cops. Er hatte wahrscheinlich vierzehn Tage Streifendienst gemacht und war dann in die obersten Ränge katapultiert worden. Tom hatte im New York Magazine einen Artikel über diese Männer gelesen: Sie trugen niemals Uniform und bestimmten ihre Dienstzeiten selbst. Eine neue Klasse von Polizisten.

»Jung ist er, ja. Aber er hat eine Aufklärungsquote von sechsundneunzig Prozent.« Es war der Akzent der Bostoner Gesellschaft; der Mann klang wie ein Kennedy.

»Sechsundneunzig Prozent, ja? Wer ist ihm denn entwischt?«

»Der mit dem besten Anwalt.«

Henning schaltete sich ein. »Okay. Wie Sie wissen, haben Commissioner Riley und ich vereinbart, dass die UN und das NYPD in dieser Sache eng zusammenarbeiten werden. Und das betrifft Sie beide. Haben wir uns verstanden?«

»Wir haben uns verstanden.« Sherrill versuchte es mit der abgeklärten Haltung des reifen Mannes. »Mr.Byrne, ich will gerade zum Chef der Sicherheitsabteilung in diesem Gebäude. Sie können gern mitkommen.«

Tom folgte ihm pflichtschuldig, und er bemerkte Hennings Schulmeisterblick. Ja, er würde sich benehmen. »Hoffentlich sind Sie der Erste, mit dem er spricht«, sagte er in einem Ton, der wie ein Waffenstillstandsangebot klingen sollte.

»Befürchten Sie, er könnte mit der Presse gesprochen haben?«, fragte Sherrill.

»Nein, ich befürchte, er könnte mit jemandem im Gebäude gesprochen haben. Das Gebäude ist undicht.« Tom dachte an seine eigene London-Mission und an das, was er der Familie sagen würde. Dass eine Menge Gerüchte sie vor ihm erreichte, konnte er nicht gebrauchen.

Als sie durch die jetzt für die Öffentlichkeit geschlossene Eingangshalle für Besucher in das gespenstisch stille Foyer des Hauptgebäudes gingen, hob Tom die Hand, um sich von Henning zu verabschieden. Henning hatte ein Meeting auf der Führungsebene. Es war ein Kinderspiel gewesen, erkannte er. Der Tom Byrne, den er vor zehn Jahren gekannt hatte, wäre entsetzt gewesen. Aber diesen Tom Byrne gab es längst nicht mehr.

Sie fuhren mit einem leeren Aufzug in den ersten Stock. Wieder in diesem Gebäude zu sein, war für Tom sofort ein vertrautes Gefühl, aber nach einem Jahr der Abwesenheit empfand er zugleich eine seltsame Nostalgie – als komme er nach einer langen Auslandsreise wieder in seine Heimatstadt.

Harold Allen erwartete sie. Tom hatte noch nie mit ihm gesprochen, aber er erkannte ihn. Er war einmal der hochrangigste afroamerikanische Officer des NYPD gewesen, aber dann war er dadurch berühmt geworden, dass er seine eigene Behörde wegen Rassendiskriminierung verklagte. Er war einmal als künftiger Polizeichef im Gespräch gewesen, aber jetzt war er für ein winziges Eckchen der Stadt verantwortlich, über die er einmal hätte herrschen können – und selbst auf diesem Fleckchen hier, dachte Tom, war es ihm gelungen, bis an die Ohren in einen Skandal um Schusswaffengebrauch zu geraten. Seine Besorgnis stand ihm ins Gesicht geschrieben. Er führte seine Gäste zu einem runden Tisch in der Mitte des Raums, ein paar Schritte weit von seinem eigenen Schreibtisch entfernt. Tom sah etliche gerahmte NYPD-Ehrenurkunden wegen Tapferkeit an der Wand.

Sherrill verschwendete keine Zeit mit Belanglosigkeiten. »Wie Sie sich denken können, habe ich ein paar Fragen an Sie, Mr.Allen.«

»Ja, Sie und jeder hier in diesem verdammten Gebäude.«

Tom hörte zu und machte sich Notizen, während Allen die Abfolge der Ereignisse schilderte: Zunächst ein Hinweis des NYPD auf den Russen, dann ein abgehörtes Telefonat zwischen Hotelzimmer und Rezeption. Er hatte die Wachkommandanten angewiesen, nach einem Mann Ausschau zu halten, auf den die polizeiliche Beschreibung passte. Diese Anweisung war an die Posten bei den Eingängen weitergegeben worden, zu denen ein gewisser Felipe Tavares gehörte. Schließlich waren die Schüsse gefallen und das Chaos ausgebrochen. Ein tragischer Fall von Verwechslung.

»Wo ist Officer Tavares jetzt?«

»Er ist bei einem der NYPD-Officer, die uns hier unterstützen.«

Toms Stirnfalten bildeten ein Fragezeichen.

»Zur psychologischen Beratung.«

»Zur psychologischen Beratung? Aha.« In der Daily News würde das fabelhaft aussehen. »Minuten nach der Erschießung eines Rentners schritten die Behörden zur Tat und spendeten dem Mörder Tee und Mitgefühl.«

»Ja, Mr.Byrne – zur psychologischen Beratung. Ich nehme an, Sie haben die polizeiliche Arbeit noch nie an vorderster Front miterlebt. Tavares hat einen schweren Schock. Er ist ein guter Mann. Ich war eben bei ihm.«

»Wie hält er sich?«

»Er jammert unaufhörlich. ›Das hätte mein Vater sein können. Das hätte mein Vater sein können.‹ Es geht ihm schlecht.«

»Wissen wir, wie alt der Tote war?«