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Marcel Prousts Buch 'Tage der Freuden' entführt den Leser in eine Welt voller reicher und detaillierter Beschreibungen. Das Werk zeichnet sich durch seinen introspektiven Charakter und seine tiefen Einblicke in die Psyche der Charaktere aus. Proust nutzt eine fließende und poetische Sprache, um die Emotionen und Gedanken seiner Figuren zum Leben zu erwecken. Das Buch ist ein Meisterwerk der modernen Literatur und steht im Kontext des literarischen Impressionismus des frühen 20. Jahrhunderts. Marcel Proust, ein bekannter französischer Schriftsteller, war für seine tiefgründigen Romane und sein feines Gespür für Menschlichkeit bekannt. Proust selbst war ein Mann, der die menschliche Natur intensiv studierte und großen Wert auf die Darstellung von Emotionen und Beziehungen in seinen Werken legte. 'Tage der Freuden' ist das Ergebnis seiner langjährigen Beobachtungen und Reflexionen über das menschliche Dasein. Für Leser, die an tiefsinniger Literatur interessiert sind und sich für die inneren Gedanken und Gefühle von Charakteren begeistern, ist 'Tage der Freuden' von Marcel Proust ein absolutes Muss. Dieses Buch bietet eine faszinierende Reise in die Psyche und die Emotionen der Charaktere und regt zum Nachdenken über die Komplexität des menschlichen Geistes an. In dieser bereicherten Ausgabe haben wir mit großer Sorgfalt zusätzlichen Mehrwert für Ihr Leseerlebnis geschaffen: - Eine umfassende Einführung skizziert die verbindenden Merkmale, Themen oder stilistischen Entwicklungen dieser ausgewählten Werke. - Die Autorenbiografie hebt persönliche Meilensteine und literarische Einflüsse hervor, die das gesamte Schaffen prägen. - Ein Abschnitt zum historischen Kontext verortet die Werke in ihrer Epoche – soziale Strömungen, kulturelle Trends und Schlüsselerlebnisse, die ihrer Entstehung zugrunde liegen. - Eine knappe Synopsis (Auswahl) gibt einen zugänglichen Überblick über die enthaltenen Texte und hilft dabei, Handlungsverläufe und Hauptideen zu erfassen, ohne wichtige Wendepunkte zu verraten. - Eine vereinheitlichende Analyse untersucht wiederkehrende Motive und charakteristische Stilmittel in der Sammlung, verbindet die Erzählungen miteinander und beleuchtet zugleich die individuellen Stärken der einzelnen Werke. - Reflexionsfragen regen zu einer tieferen Auseinandersetzung mit der übergreifenden Botschaft des Autors an und laden dazu ein, Bezüge zwischen den verschiedenen Texten herzustellen sowie sie in einen modernen Kontext zu setzen. - Abschließend fassen unsere handverlesenen unvergesslichen Zitate zentrale Aussagen und Wendepunkte zusammen und verdeutlichen so die Kernthemen der gesamten Sammlung.
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Seitenzahl: 314
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Tage der Freuden versammelt unter dem Namen Marcel Proust eine Reihe kürzerer Prosatexte, die gemeinsam ein Mosaik aus Gesellschaft, Gefühl und Wahrnehmung bilden. Die hier zusammengeführten Stücke stehen jeweils für sich, entfalten im Nebeneinander jedoch eine eigene Dramaturgie: von den Salons der Weltlichkeit bis zu Momenten stiller Innenschau. Ziel dieser Sammlung ist es, die Spannweite eines Autors sichtbar zu machen, dessen Genauigkeit der Beobachtung und musikalische Prosa früh jene Konstellationen entwirft, die Leserinnen und Leser bis heute faszinieren. Dabei bleibt jedes Stück ein eigenständiger Raum, der ohne Vorwissen betreten werden kann.
Die Sammlung präsentiert unterschiedliche Gattungen und Tonlagen: Erzählungen und Novellen, Prosaskizzen, Miniaturen und Passagen von essayistischer Reflexion. Manche Texte umspielen eine dramatische Situation, andere entfalten eine Folge von Stimmungsbildern. Komisches und Elegisches, Gesellschaftssatire und psychologische Studie stehen einander gegenüber und ergänzen sich. So entsteht ein Repertoire an Formen, das den Facettenreichtum von Prousts Schreibweise hörbar macht. Die Vielfalt ist kein Zufall, sondern Methode: Sie erlaubt, Themen aus mehreren Blickwinkeln zu variieren und Nuancen der Empfindung ebenso präzise zu fassen wie die Rituale einer Epoche.
Ein verbindender Zug dieser Werksammlung ist ihr Blick auf die Weltlichkeit, die nicht als bloße Kulisse erscheint, sondern als Laboratorium sozialer Gesten. Titel wie Violante oder die Weltlichkeit, Weltlichkeit und Melomanie oder Das große Diner führen in Räume, in denen Rang, Rede und Blick regieren. Ihnen zur Seite stehen Texte, die innere Erschütterung, Träume und Eifersucht erkunden, etwa Trauer und Träume in allen Regenbogenfarben oder Das Ende der Eifersucht. In dieser Spannung zwischen öffentlicher Szene und privatem Zittern eröffnet sich ein weites Feld, in dem Proust die feinsten Vibrationen der Seele registriert.
Stilistisch verbindet die Texte eine prosaische Musik, die aus langen Perioden, überraschenden Bildern und einer behutsam dosierten Ironie besteht. Proust setzt auf präzise Metaphern, auf Übergänge, die wie kaum merkliche Modulationen wirken, und auf Nuancierungen, die Hell-Dunkel, Duft und Farbe in Sprache verwandeln. Das Ergebnis ist ein Gewebe aus Motiven und Motivenwiederkehr, in dem ein Wort oft eine Melodie anklingen lässt. Die Erzählstimme bleibt stets aufmerksam, nie laut; sie spürt dem Zwielicht zwischen gesprochenem und ungesagtem Sinn nach und lässt Gesten zu Zeichen werden, die über sich hinausweisen.
Zeit und Erinnerung bilden ein leises Rückgrat dieser Sammlung. Viele der hier versammelten Texte kreisen um Augenblicke, deren Nachklang in der Erinnerung größer scheint als ihr Anlass. Begegnungen, die flüchtig sein könnten, gewinnen Dauer in der Form; kleine Verschiebungen der Wahrnehmung öffnen ganze Landschaften des Gefühls. Das Erzählen ist dabei oft mehr Tastbewegung als Verlautbarung: Es prüft, was von einer Stunde bleibt, wenn sie vergangen ist, und wie sich Gegenwart im Erinnern verwandelt. So werden Momentaufnahmen zu Studien darüber, wie die Empfindung sich in Zeit einschreibt.
Neben der inneren Chronik steht die präzise Beobachtung sozialer Szenerien. Das große Diner exponiert Rituale der Gesellschaft, ihre Codes und ihre leise Grausamkeit, während Violante oder die Weltlichkeit die Eleganz und Ermüdung einer Kultur vorführt, die sich an ihren Spiegeln berauscht. Fragmente einer italienischen Komödie erinnert daran, dass Rollen oft geliehen und Masken selten zufällig sind. Diese Perspektive bleibt nie denunzierend; sie vertraut der Intelligenz der Lesenden, das Ungesagte zu ergänzen, und zeigt, wie sehr das Alltägliche bereits Bühne ist, auf der Begehren, Stolz und Verlegenheit ihre Partituren spielen.
Ein weiterer Leitfaden ist das Hören. Weltlichkeit und Melomanie deutet an, wie Musik und gesellschaftliche Szene einander durchdringen: Das Ohr schärft den Blick, Rhythmen ordnen die Zeit, Motive kehren wieder. Die Sammlung entfaltet ein Vokabular des Klanglichen, das vom Gesprächston bis zur inneren Melodie reicht. Auch dort, wo Musik nicht ausdrücklich thematisch ist, scheint sie als Formprinzip auf: Themen werden variiert, Pausen bedeutsam, Crescendi und Diminuendi strukturieren die Wahrnehmung. So verbindet sich das feine Gehör des Autors mit seiner Kunst, aus Worten Resonanzräume zu bauen.
Die Texte dieser Sammlung sind zugleich Erzählungen seelischer Topographie. Die Beichte eines jungen Mädchens und Das Ende der Eifersucht markieren zwei Pole: Selbstoffenbarung und der Versuch, eine Besitzphantasie zu überwinden. Dazwischen liegen Beobachtungen von Unsicherheit und Erwartung, von der zähen Arbeit des Gefühls an sich selbst. Proust zeigt, wie Empfindungen Form annehmen, wie sie sich verbergen, verstärken, verwandeln. Nicht das Spektakuläre interessiert, sondern die mikroskopische Genauigkeit im Registrieren kleiner Abweichungen: ein Blick, ein stockender Satz, ein zu früh oder zu spät, das alles wird bedeutungsvoll.
Sterblichkeit und Trauer geben mehreren Stücken ihren Ernst und ihre Farbe. Der Tod des Baldassar Sylvandre, Freiherrn von Sylvanie verkörpert die Zerbrechlichkeit der Existenz, ohne in pathetische Überhöhung zu fliehen. Trauriger Landaufenthalt der Madame de Breyves zeigt, wie Landschaft zur Projektionsfläche innerer Witterungen wird. Trauer und Träume in allen Regenbogenfarben lässt die Ambivalenz von Schmerz und Imagination durchscheinen. Überall behauptet sich ein taktvoller Ton, der Distanz wahrt und dennoch nahekommt. So entstehen Texte, die Trost nicht behaupten, aber Aufmerksamkeit schenken, und damit eine Form des Trostes überhaupt erst ermöglichen.
Die Kohärenz der Sammlung wächst aus wiederkehrenden Motiven und aus der Kunst der Variation. Was an einem Ort als Episode erscheint, leuchtet an einem anderen als Leitmotiv auf. Fragmente einer italienischen Komödie ist dabei fast programmatisch: Das Fragment steht nicht für Mangel, sondern für Methode. Es erlaubt, das Ganze in Teilen zu denken und die Fülle durch Ausschnitte zu zeigen. Die Lesenden können Fäden aufnehmen, über die Stücke hinweg verfolgen und wieder fallenlassen, um sie später neu zu knüpfen. Auf diese Weise entsteht ein Netz, das sich mit jedem Lesen verdichtet.
In literaturgeschichtlicher Hinsicht zeigt diese Werksammlung, wie früh Proust eine Sprache für Zartheit und Genauigkeit fand, die sein weiteres Schreiben prägen sollte. Viele Motive, die später in größerem Umfang entfaltet wurden, sind hier als Keime zu erkennen: die Verwandlung von Erinnerung in Form, die Aufmerksamkeit für die sozialen Stellungen und Gesten, die Prüfung von Eifersucht, das Gespräch zwischen Kunst und Leben. Zugleich besitzen die Texte Eigenwert: Sie sind in sich geschlossene Gebilde, deren Reiz aus ihrer konzentrierten Form und ihrer rhetorischen Eleganz erwächst.
Diese Ausgabe verfolgt den Zweck, die genannten Stücke so zusammenzuführen, dass ihr Dialog hörbar wird und die Lektüre zugleich frei bleibt. Man kann den Band fortlaufend lesen oder von Text zu Text springen; beides erschließt unterschiedliche Linien. Wer bereits mit Proust vertraut ist, wird Vorahnungen und Resonanzen entdecken; wer ihn neu betritt, findet hier einen zugänglichen Auftakt. Tage der Freuden möchte die Sinne schärfen, nicht festlegen; es lädt ein, die Weltlichkeit und das Innere, das Sichtbare und das kaum Wahrnehmbare, mit derselben Geduld zu betrachten. In diesem Sinn sei der Band als Begleiter angeboten.
Marcel Proust (1871–1922) gilt als einer der prägenden Schriftsteller der Moderne. In der kulturellen Atmosphäre der Belle Époque entwickelt, erneuerte sein Werk die Formen des Romans durch genaue Beobachtung, Erinnerungsarbeit und eine unverwechselbare, weit ausschwingende Satzkunst. International bekannt wurde er mit dem mehrbändigen Romanzyklus Auf der Suche nach der verlorenen Zeit, doch bereits frühe Prosastücke zeigen das Spektrum seiner Themen: Gesellschaft, Eifersucht, Kunst und die Macht der Erinnerung. Die hier versammelten Texte geben Einblick in jene ästhetischen Keime, aus denen sein reifes Werk erwuchs, und verdeutlichen seine besondere Sensibilität für Nuancen des inneren Lebens.
Seine Ausbildung erhielt Proust am Pariser Lycée Condorcet, wo er sich früh für Literatur und Musik begeisterte. Anschließend studierte er in Paris Geistes- und Rechtswissenschaften und bewegte sich in den Salons der Hauptstadt, deren Gespräche und Rituale seine Beobachtung schulten. Prägende intellektuelle Anstöße gewann er aus der Lektüre von Philosophie und Kunstkritik; häufig genannt wird der zeitgenössische Bezug zu Henri Bergson. Besonders nachhaltig wirkte John Ruskin: Proust übersetzte La Bible d’Amiens (1904) und Sésame et les Lys (1906) ins Französische und entwickelte dabei eine präzise, intertextuelle Prosa, die ästhetische Wahrnehmung und moralische Aufmerksamkeit verbindet.
Früh veröffentlichte Proust fein gearbeitete Prosaskizzen, die später in einer Sammlung zusammengefasst wurden. Diese Miniaturen erkunden gesellschaftliche Codes ebenso wie innere Schwankungen. In Der Tod des Baldassar Sylvandre, Freiherrn von Sylvanie mischt sich ironische Distanz mit elegischer Empfindung; Violante oder die Weltlichkeit demaskiert höfische Konventionen als Theater der Eitelkeit. Fragmente einer italienischen Komödie spielt mit Masken, Rollen und Perspektivwechseln, während Weltlichkeit und Melomanie die Verwandlung gesellschaftlicher Eindrücke in musikalische Wahrnehmung studiert. Solche Texte verbinden Beobachtung und Stilisierung zu einer Kunst des Nuancenreichtums, die Prousts späteren psychologischen Tiefenbohrungen den Weg bereitet.
In Trauriger Landaufenthalt der Madame de Breyves untersucht Proust die feine Grammatik des Missverständnisses, das Höflichkeit verdeckt und Sehnsucht vervielfacht. Die Beichte eines jungen Mädchens entfaltet das Ritual des Eingeständnisses als Bühne der Selbstinszenierung. Das große Diner variiert die Choreografie des Zusammenseins und zeigt, wie Geschmack, Klatsch und Status aufeinander reagieren. Trauer und Träume in allen Regenbogenfarben verdichtet Erinnerungsbilder zu Stimmungen, die zwischen Verlust und Verklärung schweben. Das Ende der Eifersucht skizziert die paradoxe Lust am Verdacht. Zusammengenommen bilden diese Stücke eine Werkstatt der Motive, die Prousts spätere Romankunst mit prägten.
Nach Experimenten mit Essays und Erzählungen wandte sich Proust dem großen Romanprojekt zu, an dem er über Jahre arbeitete. Der erste Band, Du côté de chez Swann, erschien 1913, nachdem zuvor Verlage abgelehnt hatten; Proust verfolgte die Veröffentlichung mit außergewöhnlicher Sorgfalt und Revision. Der Fortgang wurde durch den Krieg verzögert. 1919 wurde À l’ombre des jeunes filles en fleurs mit dem Prix Goncourt ausgezeichnet, was die Resonanz erheblich steigerte. Die folgenden Bände erschienen bis in die frühen 1920er Jahre, teils posthum, und entfalteten eine literarische Untersuchung von Erinnerung, Wahrnehmung, gesellschaftlicher Prägung und künstlerischer Selbstwerdung.
Prousts öffentliche Stellungnahmen waren selten, doch sein Einsatz zugunsten Alfred Dreyfus’ während der Affäre ist belegt und verweist auf sein Verständnis von Gerechtigkeit und Wahrheit. Seine Poetik verbindet sinnliche Detailfülle, intertextuelles Echo und eine Analyse sozialer Mechanismen; die langen, modulierten Perioden zielen weniger auf Handlung als auf Bewusstseinsbewegungen. Eine chronische Atemwegserkrankung beeinträchtigte ihn seit der Jugend und führte zu einem zurückgezogenen Arbeitsrhythmus, der minutiöse Revisionen begünstigte. Musik, Malerei und Architektur lieferten dauernde Vergleichsmodelle; die Salonkultur blieb Beobachtungsfeld und Labor seiner Figurenrede, ohne dass seine Prosa den Menschen hinter Konventionen aus dem Blick verliert.
In seinen späten Jahren konzentrierte Proust sich auf die Durcharbeitung seines Romanzyklus und die Ordnung der Manuskripte. 1922 starb er in Paris; die Edition seiner hinterlassenen Teile wurde fortgesetzt und prägte die Rezeption nachhaltig. Sein Vermächtnis liegt in einer neuen Grammatik des Erzählens, die Erinnerung, Wahrnehmung und Gesellschaft als ineinandergreifende Kräfte zeigt. Übersetzungen haben seine Wirkung international vertieft; Forschung und Leserinnen und Leser entdecken in den frühen Prosastücken dieser Sammlung Vorformen von Motiven und Verfahren, die er später auslotete. Prousts Werk bleibt ein Prüfstein der Moderne, ohne seine Rätselhaftigkeit preiszugeben.
Die Sammlung Tage der Freuden gehört zu Prousts Frühwerk und erschien 1896, inmitten der französischen Belle Époque. Sie entstand aus Texten, die in den Jahren zuvor in Pariser Zeitschriften und Salons kursierten. Ein Vorwort von Anatole France rahmte die Erstveröffentlichung, die durch ihre luxuriöse Ausstattung Aufmerksamkeit erregte. Historisch bildet das fin de siècle in Frankreich den Hintergrund: kulturelle Blüte, wirtschaftlicher Aufschwung und eine Mischung aus Optimismus und latenter Unruhe. Die hier versammelten Prosastücke und Erzählminiaturen spiegeln jene Epoche, in der aristokratische Rituale, bürgerliche Ambitionen und ästhetische Kultivierung das gesellschaftliche Leben prägten und zugleich erste Risse im Selbstbild der Dritten Republik sichtbar wurden.
Politisch hatte sich die Dritte Republik nach den Krisen der 1870er und 1880er Jahre stabilisiert, doch die Zeit blieb konfliktreich. Nationalismus, Kolonialexpansion und soziale Spannungen prägten den öffentlichen Diskurs. Ab 1894 erschütterte die Dreyfus-Affäre das Land, spaltete die Intellektuellen und machte die Rolle der Presse zentral. Obwohl die Stücke in Tage der Freuden überwiegend die Sphäre der Salons zeigen, sind sie in einer Atmosphäre entstanden, in der gesellschaftliche Zugehörigkeit, Loyalitäten und Reputation hohes Gewicht hatten. Diese Hintergrundspannung bildet den Resonanzraum, in dem Etikette, Anspielung und Schweigen als soziale Techniken besondere Bedeutung erlangten.
Die Pariser Salonwelt fungierte in den 1890er Jahren als Ort der Repräsentation, des Netzwerks und des Geschmacksurteils. Gastgeberinnen, Mäzene und Künstler verhandelten dort informell kulturelles Kapital. Rituale des Dabeiseins – Besuche, Dîners, Konzerte – strukturierten eine Öffentlichkeit eigener Art. Texte wie Das große Diner oder Weltlichkeit und Melomanie gewinnen vor diesem Kontext Kontur: Sie thematisieren, wie Konversation, musikalische Vorlieben und Rangsignale soziale Hierarchien formen. Die Salons boten zugleich Schutzräume und Bühnen, in denen subtile Machtspiele, ästhetische Schulen und literarische Karrieren entstehen konnten. Prousts Beobachtungsgabe trifft hier auf eine codierte, doch höchst lebendige Gesellschaft.
Ein charakteristisches Merkmal der Belle Époque war die Verschiebung zwischen altem Adel und aufsteigender Bourgeoisie. Titel, Vermögen und kulturelles Kapital mischten sich neu. Etikette blieb verbindlich, doch wirtschaftliche Dynamik und Presseöffentlichkeit verschoben Gewichte. In Violante oder die Weltlichkeit lässt sich diese Durchlässigkeit als kulturelles Thema fassen: Weltlichkeit erscheint sowohl als Distinktionsinstrument als auch als Unsicherheitsfaktor. Prousts Figuren agieren in einem Feld, in dem Schein und Sein, Zugehörigkeit und Nachahmung eng verwoben sind. Die Sammlung dokumentiert damit eine historische Situation, in der die Grenzen der Ständeordnung zwar fortbestehen, aber täglich performativ neu behauptet werden müssen.
Ästhetisch steht die Sammlung im Zeichen des Symbolismus und der Décadence, Strömungen, die seit den 1880er Jahren die französische Literatur prägten. Kostbare Metaphern, Sinnlichkeit der Oberfläche und musikalische Prosa kennzeichnen die Tonlage. Der Rückzug ins Ästhetische war zugleich Antwort auf beschleunigte Modernisierung und moralische Unsicherheit. Anspielungsreiche Miniaturen, feine Psychologie und stilisierte Szenen zeigen, wie literarische Formen auf gesellschaftliche Überfeinerung reagieren. Prousts frühe Texte betonen Nuancen und Wahrnehmungsmodi, die in der Epoche als Zeichen kultivierter Bildung galten – und die zugleich die Fragilität sozialer Rollen und Empfindungen freilegen.
Musik war ein entscheidender Marker für Geschmack und Zugehörigkeit. Die 1890er Jahre kannten eine starke Wagner-Begeisterung, zugleich dominierten Pariser Opern- und Salonrepertoires. Mélomanie, das leidenschaftliche Hören, wurde sozialer Distinktionsgewinn und Identitätsangebot. Prousts Nähe zu musikalischen Kreisen und sein Interesse an der Wirkung von Musik auf Erinnerung und Gefühl spiegeln sich in Stücken der Sammlung. Komponisten wie Reynaldo Hahn prägten die Klanglandschaft der Salons; Liederabende waren Orte subtilen Wettstreits und gemeinschaftlicher Erregung. Musik erscheint so nicht nur als Kunst, sondern als soziale Praxis, die Nähe, Sehnsucht und Rivalität ordnet.
Formell experimentiert die Sammlung mit Prosa-Idyllen, Dialogskizzen, Parabeln und Erzählfragmenten. Fragmente einer italienischen Komödie etwa knüpfen an europäische Theatertraditionen an und spielen mit Masken, Rollen und galanten Konstellationen. Diese formale Vielfalt entspricht der kulturellen Vielstimmigkeit der Zeit: Zeitungen, Feuilletons und Lesekreise verbreiteten Kurzformen, die rasch rezipierbar waren und zugleich Raffinement erlaubten. Proust prüft in diesen Miniaturen die Möglichkeiten einer literarischen Beobachtung, die weniger über Handlung als über Ton, Perspektive und soziale Geste Wirklichkeit entwirft – eine Vorstufe seiner späteren, weitgreifenden Analysen.
Die Geschlechterordnung der Belle Époque war widersprüchlich: Bürgerliche Tugendideale standen neben salonfähiger Freizügigkeit der Rede. Heiratsstrategien, diskrete Affären und Reputationsmanagement strukturierten das private Leben der Eliten. Die Beichte eines jungen Mädchens und Das Ende der Eifersucht verhandeln Gefühle als kulturell geprägte Praktiken, deren Ausdrucksformen von Anstandscodes reguliert sind. Dabei geht es weniger um Sensation als um die feinen Abstufungen zwischen Sehnsucht, Selbstbeherrschung und öffentlicher Rolle. Die Texte spiegeln so die historischen Normen der Intimität, in denen Ehrbarkeit, Diskretion und Selbstinszenierung zusammenfallen.
Zeitgleich erlebte die Psychologie einen Aufschwung. In Paris forschten Ärzte wie Charcot zu Hysterie und Suggestion; Debatten über Neurasthenie und Gedächtnis prägten das intellektuelle Klima. Diese Diskurse stärkten literarische Verfahren der Introspektion. Eifersucht, Melancholie und Träume erscheinen in der Sammlung weniger als moralische Kategorien denn als Zustände des Bewusstseins. Prousts genaue Aufmerksamkeit für Wahrnehmung, Stimmung und Erinnerung passt in eine Epoche, die psychische Feinabstimmungen zum Gegenstand machte. Die Texte antworten damit auf ein breiteres Interesse an inneren Vorgängen, ohne den ästhetischen Rahmen mondäner Szenen zu verlassen.
Religiöse Bezüge treten in der Belle Époque ambivalent auf. Die laizistischen Schulgesetze hatten die Stellung der Kirche verändert; zugleich blieben katholische Rituale kulturell präsent. In der Gesellschaft der Salons fungierten religiöse Anspielungen oft als Symbolreservoir für Stil, Moral oder Sentiment. Prousts Stücke nutzen solche Bildwelten nicht programmatisch, sondern als Anspielungskosmos, in dem Gewissen, Reue und Erhöhung literarisch formbar werden. Diese Haltung entspricht einer Epoche, die religiöse Sprache ästhetisch sublimierte, während die politische Ordnung sich weiter säkularisierte – ein Spannungsfeld, das die Moral der Figuren indirekt konturiert.
Die Modernisierung der Infrastruktur veränderte Lebensrhythmen und Aufenthaltsorte. Eisenbahn und Fernmeldeverkehr verdichteten Paris mit Kurorten und Provinzstädten; Saisonaufenthalte wurden Teil des mondänen Kalenders. Der traurige Landaufenthalt der Madame de Breyves gewinnt vor diesem Hintergrund Konturen: Stadt und Land stehen nicht schlicht als Gegensätze, sondern als komplementäre Bühnen, auf denen Erwartungen und Stimmungen unterschiedlich getragen werden. Die neue Mobilität erzeugte zugleich Beschleunigung und Langeweile, Nähe und Entfremdung. Prousts Beobachtungen zeigen, wie geographische Milieuwechsel nicht nur Kulissen, sondern affektive Ökonomien mitprägen.
Die Medienlandschaft der 1890er Jahre expandierte rasant. Tageszeitungen, illustrierte Magazine und literarische Revueformate etablierten neue Publikumssegmente. Autoren präsentierten Texte zunächst im Feuilleton oder in Zeitschriften, bevor sie in Buchform erschienen. Tage der Freuden profitierte von dieser Öffentlichkeit, zugleich markierte die aufwendig gestaltete Buchausgabe eine Distanz zur Massenware. Das Vorwort von Anatole France rahmte die Texte als Kunst der Nuance. Die Rezeption war gemischt: Bewundert wurde die Eleganz, kritisch gesehen der Luxus des Tons. In der Rückschau erscheint diese Spannung als Symptom einer Epoche, die Hochkultur und Markt neu austarierte.
Die Bildkünste der Zeit, insbesondere der dekorative Stil des Art Nouveau, beeinflussten das Verständnis von Buch als Kunstobjekt. Salonmalerinnen wie Madeleine Lemaire prägten den visuellen Geschmack, in dessen Umfeld Prousts frühe Texte kursierten. Das Verhältnis von Text, Illustration und musikalischer Aufführung war in der Belle Époque enger, als es später üblich wurde. Diese Intermedialität unterstützt die minutiöse Ästhetik der Sammlung: Prosasätze, die wie Ornament wirken, korrespondieren mit einer Kultur, die Interieur, Mode und Druckgrafik als zusammenhängende Zeichenordnung verstand. So wird das Buch selbst zum Artefakt einer historischen Sinnlichkeit.
International prägte ein erneuertes Italienbild die Bildungseliten: Renaissanceverehrung, Opernleidenschaft und die Tradition des Grand Tour blieben lebendig, nun erleichtert durch moderne Reisemittel. Fragmente einer italienischen Komödie knüpfen an diese Faszination an, weniger als Bericht denn als stilisierte Erinnerung an Maskenspiel und Grazie. Italien fungiert als Projektionsfläche für Eleganz, List und Gefühl – Eigenschaften, die der Belle Époque als kultivierte Tugenden galten. Prousts Rekurs auf italienische Formen zeigt, wie nationale und transnationale Kulturcodes ineinandergriffen und den Pariser Geschmack durch ein europäisches Repertoire veredelten.
Die medizinischen Diskurse der Jahrhundertwende – von Keimtheorie bis Nervenleiden – formten die Sprache der Empfindsamkeit. Begriffe wie Reizbarkeit, Müdigkeit oder Überfeinerung wanderten aus Kliniken in Salons. Prousts lebenslange gesundheitliche Anfälligkeit war bekannt und verstärkte sein Gespür für Innenräume, Schonhaltungen und Wahrnehmungsnuancen. In der Sammlung treten Figuren häufig als feinsinnige Sensoren auf, deren Weltwahrnehmung durch körperliche Dispositionen gefiltert ist. Diese Sensibilität verweist auf eine Epoche, die Vitalität pries und zugleich die Fragilität moderner Subjektivität diagnostizierte – eine doppelte Bewegung, die die Texte subtil begleiten.
Zwischen 1896 und den 1900er Jahren verschob sich Prousts Werkhorizont. Seine späteren Übersetzungen und Studien zu John Ruskin vertieften kunsttheoretische Interessen; sein öffentliches Engagement in der Dreyfus-Affäre ordnete ihn intellektuell zu. In der Rückschau lassen sich in Tage der Freuden Keimformen der großen Themen erkennen: soziale Choreografien, Mechanismen der Eifersucht, die Wirkung von Musik und Kunst. Die Sammlung ist somit kein Vorläufer im skizzenhaften Sinn, sondern ein eigenständiges Dokument, das zeigt, wie ein Autor im Klima der Belle Époque die Werkzeuge entwickelt, mit denen er die Moderne literarisch befragen wird.
Die späteren Lesarten der Sammlung wurden durch die epochalen Brüche des 20. Jahrhunderts geprägt. Nach dem Ersten Weltkrieg erschien die Belle Époque als verlorenes Paradies, zugleich als Labor einer gefährdeten Zivilisation. Kritikerinnen und Kritiker lasen Prousts frühe Texte als Kommentar zu Ritualen, deren Eleganz soziale Härten und Ausschlüsse überdeckt. Neuere Interpretationen betonen, wie die Sammlung die Verflechtung von Öffentlichkeit und Intimität, von Kunstgenuss und Macht, sichtbar macht. In den Texten – von Der Tod des Baldassar Sylvandre bis Das Ende der Eifersucht – wird die Belle Époque nicht verklärt, sondern mit präziser Ironie und historischer Treue befragt.
Diese Gruppe (Violante oder die Weltlichkeit; Weltlichkeit und Melomanie; Das große Diner) zeichnet die feine Choreografie der Salons, in denen Ansehen, Wortwitz und musikalische Sensibilität über Nähe und Ausschluss entscheiden. Der Blick ist elegant-ironisch: hinter dem Glanz mondäner Rituale zeigt sich, wie Gefühle sich in Rollen mischen und Authentizität an Konventionen scheitert.
Diese Texte (Die Beichte eines jungen Mädchens; Das Ende der Eifersucht) verfolgen die inneren Bewegungen von Begehren, Schuld und Besitzanspruch mit nüchterner Genauigkeit. Proust seziert die Logik der Eifersucht und die Versuchung des Geständnisses, wobei die Klarheit der Analyse die Instabilität der Gefühle umso deutlicher macht.
Zwischen elegischer Erzählung und poetischem Prosabild entfalten diese Stücke (Der Tod des Baldassar Sylvandre, Freiherrn von Sylvanie; Trauer und Träume in allen Regenbogenfarben) eine Meditation über Endlichkeit und Erinnerung. Die Wahrnehmung färbt die Welt – Musik, Farbe und Symbol verwandeln Schmerz in Bilder, ohne ihn zu tilgen.
Eine zurückgezogene Heldin erlebt in der ländlichen Stille die Ausweitung einer zarten, unerwiderten Erwartung. Die Distanz der Gesellschaft verlagert sich in Briefe, Blicke und Gedankengänge; der Ton bleibt gedämpft, die Landschaft spiegelt eine höfliche, beherrschte Melancholie.
Eine Folge szenischer Miniaturen, die mit Maskenspiel, knappen Pointen und der Leichtigkeit des Theaters die Mechanik von Anziehung und Täuschung vorführen. Hinter der spielerischen Oberfläche blitzt Skepsis gegenüber glatten Gefühlen auf, während Form und Rhythmus wichtiger werden als Handlung.
Die Sammlung variiert die Wechselwirkung von sozialer Rolle, Erinnerung und Sinnlichkeit: Gefühle entstehen im Blick der anderen und werden in Musik, Farben und Gesten wahrgenommen. Charakteristisch sind präzise Psychologie, geschmeidige Perioden und ein Wechsel aus Ironie und elegischem Ernst; das Beobachten selbst wird zum erzählerischen Motor.
Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis
Apoll, so melden die Poeten, hütete jeden Tag die Herden des Admet; jeder Mensch ist auch ein verkleideter Gott, der den Narren spielt[1q].
»Herr Alexis, weinen Sie doch nicht so! Vielleicht bekommen Sie vom Herrn Baron von Sylvandre ein Pferd geschenkt.«
»Ein ganz großes, Beppo, oder ein Pony?«
»Vielleicht wird es ein großes Pferd wie das des Herrn Cardenio. Aber weinen Sie doch nicht so ... an Ihrem dreizehnten Geburtstag!«
Die Aussicht, ein Pferd zu bekommen, und der Gedanke, daß er dreizehn Jahre alt war, machten Alexis' Augen durch die Tränen aufleuchten. Aber er war noch nicht getröstet, denn er mußte seinen Onkel Baldassar Sylvandre, Freiherrn von Sylvanie, besuchen. Er hatte ihn allerdings schon öfter gesehen seit dem Tage, an dem er gehört hatte, die Krankheit seines Onkels sei unheilbar. Aber wie hatte sich alles seitdem geändert!
Baldassar hatte sich über seine Krankheit völlige Klarheit verschafft und wußte, daß er höchstens noch drei Jahre zu leben hatte. Alexis konnte natürlich nicht begreifen, daß diese kummervolle Gewißheit seinen Onkel nicht getötet oder in den Wahnsinn getrieben hatte. Er fühlte sich nicht stark genug, den Schmerz zu ertragen, wenn er ihn sah. Er war durchaus überzeugt, daß er dann mit ihm von seinem nahen Ende sprechen müsse. Wie sollte er sich die Stärke zutrauen, den Onkel zu trösten oder wenigstens das Schluchzen in seiner Kehle zu unterdrücken? Er hatte seinen Onkel immer verehrt, fast angebetet. Für ihn war er der größte, der schönste, der jüngste, der feurigste und gütigste von allen Verwandten. Er liebte seine grauen Augen, seinen blonden Schnurrbart, seine Knie; dies war für den Knaben der tiefe und wonnige Zufluchtsort, solange er noch ganz klein war. Damals waren die Knie ihm uneinnehmbar erschienen wie eine Festung, von der einen Seite belustigend wie Holzpferde, von der andern unverletzlich wie ein Tempel. Alexis, der an seinem Vater die dunkle, strenge Kleidung offenkundig mißbilligte und von einer Zeit der Zukunft träumte, in welcher er, stets zu Pferde, eine Eleganz wie eine Dame und eine Pracht wie ein König entfalten wollte, sah in Baldassar das höchste Ideal, das er sich von einem Manne bilden konnte. Sein Onkel war schön, das wußte Alexis, und er selbst sah ihm ähnlich. Und dann war sein Onkel klug, großherzig, seine Macht war mindestens ebensogroß wie die eines Bischofs oder eines Generals. Um die Wahrheit zu sagen, hatte er zwar aus dem Urteil seiner Eltern auch herausgehört, daß der Freiherr nicht ganz ohne Fehler war. Er hatte noch nicht vergessen, wie furchtbar zornig der Onkel hatte werden können, als sein Vetter Jean Galéas sich über ihn lustig gemacht hatte, und er dachte daran, wie das Aufflackern seiner Augen den Triumph seiner befriedigten Eitelkeit verraten hatte, als der Herzog von Parma ihm die Hand seiner Schwester anbieten ließ. (Der Oheim hatte damals, um nur ja seine Freude nicht offen zu zeigen, die Zähne zusammengebissen und eine Grimasse geschnitten, die ihm zur Gewohnheit geworden war und die Alexis mißfiel.) Er erinnerte sich noch des Tons der Verachtung, mit dem er zu Lucretia sprach, als sie eingestand, seine Musik nicht zu lieben.
Des öfteren spielten seine Eltern auf andere Handlungen seines Onkels an, die er nicht kannte, aber die er heftig tadeln hörte.
Aber jetzt waren alle Fehler Baldassars und seine banale Grimasse verschwunden. Wie sehr mußten die Spötteleien von Jean Galéas, die Freundschaft des Herzogs von Parma und seine eigene Musik einem Manne gleichgültig geworden sein, der sich dessen bewußt war, daß er in zwei Jahren vielleicht schon unter der Erde sein würde. Alexis stellte sich ihn vor, genauso schön, aber viel feierlicher und noch vollkommener, als er es vorher gewesen. Ja, feierlich und nicht mehr ganz von dieser Welt. Daher kam zu seinem trostlosen Leid noch ein wenig Unruhe und Schaudern. Die Pferde waren seit langem angeschirrt, man mußte aufbrechen; so stieg er denn in den Wagen. Aber er verließ ihn wieder, um seinen Erzieher um einen allerletzten Rat zu fragen. Kaum hatte er begonnen zu reden, als er tief errötete.
»Herr Legrand, darf mein Onkel merken oder nicht, daß ich weiß, daß er sterben muß?«
»Nein, er soll nichts merken, Alexis!«
»Aber wenn er davon spricht?«
»Er wird nicht davon sprechen.«
»Er wird nicht davon sprechen?« sagte Alexis betroffen. Das war die einzige Möglichkeit, die er nicht vorausgesehen hatte. Denn sooft er sich den Besuch bei seinem Onkel in der Phantasie ausgemalt hatte, hatte er ihn über den Tod mit der Sanftheit eines Priesters sprechen gehört.
»Ja, aber wenn er doch davon spricht?«
»Dann sagen Sie ihm, daß er sich täuscht.«
»Und wenn ich weine?«
»Sie haben heute morgen schon zu viel geweint, Sie werden in seiner Gegenwart nicht weinen.«
»Ich werde nicht weinen?« rief Alexis verzweifelt aus. »Dann muß er ja glauben, daß ich keinen Kummer fühle, daß ich ihn nicht mag... mein lieber armer Onkel...« Und er brach in Tränen aus. Seine Mutter mochte nicht länger geduldig warten, sie kam, um ihn zu holen, und die Reise ging los.
Alexis traf im Vorraum einen grün- und weißlivrierten Diener, der auf den Knöpfen der Livree das Wappen von Sylvanien trug, und übergab ihm seinen kleinen Mantel. Nun blieb er mit seiner Mutter einen Augenblick stehen und lauschte dem Geigenklang, der aus einem Nachbarzimmer drang. Dann führte man sie in einen sehr großen, runden Saal, der ganz verglast war und in dem der Freiherr sich oft aufhielt. Man sah gleich beim Eintritt das Meer vor sich; man mußte nur den Kopf wenden, um Rasenplätze, Wiesen und Wälder zu erblicken. In der Tiefe des Gemaches gab es zwei Katzen, ferner Rosen, Mohnblumen und viele Musikinstrumente.
Sie warteten einen Augenblick.
Alexis stürzte sich auf seine Mutter, sie dachte, er wolle sie küssen, aber er flüsterte ihr zu, seinen Mund an ihr Ohr gepreßt: »Wie alt ist mein Onkel?«
»Er wird im Juni sechsunddreißig Jahre alt.«
Er wollte fragen: »Glaubst du, daß er jemals sechsunddreißig Jahre alt wird?«, aber er wagte es nicht.
Eine Tür ging auf, Alexis zitterte, ein Diener sagte: »Der Herr Baron erscheint sofort.«
Bald kam der Diener wieder und ließ zwei Pfauen und ein Zicklein herein, die der Freiherr immer bei sich hatte. Dann hörte man wieder Schritte, die Tür öffnete sich noch einmal. Es ist nichts, sagte sich Alexis. Sein Herz schlug jedesmal höher, sooft er ein Geräusch hörte. Es ist wahrscheinlich nur ein Diener, ja, es kann nichts anderes sein als ein Diener. Aber in diesem Augenblick hörte er eine sanfte Stimme: »Guten Tag, mein kleiner Alexis, ich wünsche dir Glück zum Geburtstag.« Aber sein Onkel machte ihm angst, als er ihn umarmte, was unvermeidlich war. Nachher beschäftigte er sich nicht weiter mit dem Knaben, er wollte ihm Zeit lassen, sich zu beruhigen, und begann nun lustig mit Alexis' Mutter, seiner Schwägerin, zu plaudern. Seit dem Tode seiner Mutter war sie der Mensch, den er am meisten auf der Welt liebte.
Jetzt hatte sich Alexis gefaßt und fühlte nur noch eine große Zärtlichkeit für diesen jungen Mann, der immer noch so bezaubernd war, der kaum blasser schien als zuvor und der sein Leiden so heldenhaft trug, daß er in dieser tragischen Minute eine Komödie der Lustigkeit spielen konnte. Er hätte sich ihm gern an den Hals geworfen, aber er wagte es nicht. Denn er fürchtete, er könne die Energie seines Onkels lähmen, und wie sollte er sich dann noch beherrschen? Vor allem war es der traurige, sanfte Blick des Freiherrn, der ihm Sehnsucht nach Tränen gab. Alexis wußte, diese Augen waren nie anders als traurig, und selbst in den glücklichsten Augenblicken schienen sie um einen Trost zu flehen für Schmerzen, die lange schon vergangen waren. Aber in diesem Augenblick war sich Alexis bewußt, die Traurigkeit seines Onkels (mit aller Tapferkeit aus dem Gespräch verbannt) habe sich in die Augen geflüchtet, die mit seinen abgemagerten Wangen allein die Wahrheit sprachen.
»Ich weiß, daß du gern einen Wagen mit zwei Pferden fahren würdest, mein kleiner Alexis«, sagte Baldassar, »man wird dir morgen ein Pferd bringen. Zum nächsten Jahr werde ich das Paar vervollständigen, und in zwei Jahren werde ich dir den Wagen schenken. Aber vielleicht könntest du dieses Jahr immerhin das Pferd reiten, wir werden es nach meiner Rückkehr ausprobieren. Denn ich bin entschlossen, morgen zu reisen«, sagte er, »aber nicht auf lange. In kaum einem Monat will ich zurück sein, und wir werden zusammen in die Vormittagsaufführung gehen, weißt du, und das Schauspiel ansehen, wie ich es dir versprochen habe.«
Alexis wußte, daß sein Onkel einige Wochen bei einem Freunde verbringen wollte, auch wußte er, daß es jenem noch erlaubt war, ins Theater zu gehen; aber wenn er vor diesem Besuch bei dem Onkel von niederschmetternden Todesgedanken durchdrungen war, so empfand er doch jetzt bei seinen Worten ein tiefes und schmerzliches Erstaunen.
Ich will nicht hingehen, sagte er sich. Denn nur unter Qualen würde sein Onkel das Witzereißen der Schauspieler und das Lachen der Zuschauer anhören können.
»Was war denn das für eine hübsche Melodie, die du spieltest, als wir hereinkamen?« fragte Alexis' Mutter.
»Ah, findest du sie hübsch?« sagte Baldassar freudig erregt. »Es ist die Romanze, von der ich dir sprach.«
Ist das echt? fragte sich Alexis. Kann der Beifall, den man seiner Musik zollt, ihm noch Freude machen?
In diesem Augenblick nahm das Gesicht des Freiherrn den Ausdruck tiefen Schmerzes an; seine Wangen erblaßten, er zog die Lippen und Brauen zusammen, seine Augen füllten sich mit Tränen.
Mein Gott, schrie es in Alexis, diese Rolle geht über seine Kraft. Mein armer Onkel! Aber warum hat er solche Angst, uns traurig zu machen? Warum bezwingt er sich so sehr?
Aber schon war der Anfall der allgemeinen Lähmung verflogen. Manchmal konnten diese Schmerzen Baldassar mit einer eisernen Rüstung von derartiger Gewalt zusammenpressen, daß sein Körper Wundmale trug und daß unter ihrer Wucht sein Gesicht sich unwillkürlich zur Fratze verzerrte, wie eben jetzt.
Trotzdem trocknete er die Augen und begann sich von neuem gutgelaunt zu unterhalten.
»Es scheint, der Herzog von Parma ist seit einiger Zeit nicht mehr so liebenswürdig gegen dich«, bemerkte Alexis' Mutter ungeschickt genug.
»Der Herzog von Parma«, rief Baldassar wütend aus, »der Herzog von Parma und weniger liebenswürdig als vorher? Aber, meine Liebste, wohin versteigen sich deine Gedanken? Noch heute morgen hat er mir geschrieben und mir sein Schloß in Illyrien zur Verfügung gestellt, falls die Gebirgsluft mir wohltun sollte.« Er erhob sich schnell, aber damit erweckte er von neuem den schauderhaften Schmerz und mußte einen Augenblick stehenbleiben; kaum hatte sich der Schmerz beruhigt, als er rief: »Bringen Sie mir den Brief, der neben meinem Bette liegt.« Nun las er eilig und voller Leben: »Mein lieber Baldassar, ich kann gar nicht sagen, wie sehr Sie mir fehlen usw. usw.« In dem Maße, als sich dann die Liebenswürdigkeit des Prinzen strahlender enthüllte, wurde auch Baldassars Gesicht friedlich, und es begann sogar aufzuleuchten in glücklicher Zuversicht. Plötzlich fiel es ihm offenbar ein, es sei besser, eine Freude zu verbergen, die ihm nicht viel Ehre machte, deshalb preßte er die Zähne zusammen und machte die hübsche, banale, kleine Grimasse, die Alexis für immer aus diesem todbeschatteten Antlitz verbannt glaubte.
Diese kleine Grimasse, die ganz so wie früher den Mund Baldassars kräuselte, diese Grimasse öffnete Alexis' Augen. Denn er hatte, seit er bei seinem Onkel war, geglaubt (und er wollte es auch so), er werde das Gesicht eines Sterbenden vor sich sehen, das aller vulgären Wirklichkeit entrückt war und dessen Mund nur noch ein Lächeln hätte umschweben dürfen, ein Lächeln, heldenhaft sich selbst abgezwungen, traurig und liebevoll, himmlisch und entzaubert zugleich. Jetzt zweifelte Alexis nicht mehr daran, daß die Neckereien eines Jean Galéas seinen Onkel ganz ebenso wie früher in Wut bringen konnten, er war überzeugt, daß in der Heiterkeit des Kranken, in seinem Wunsch, ins Theater zu gehen, weder Heuchelei noch Heroismus zum Ausdruck kamen und daß selbst in der unmittelbaren Nähe des Todes Baldassar nicht einen Augenblick aufgehört hatte, an das Leben zu denken.
Auf dem Heimweg war Alexis tief betroffen bei dem Gedanken, auch er würde eines Tages sterben; und wenn er persönlich auch sehr viel mehr Zeit vor sich hatte als sein Onkel, so würden doch keinesfalls der alte Gärtner Baldassars und seine Base, die Herzogin von Aléncourt, diesen lange überleben. Und doch: obwohl Rocco, der Gärtner, reich genug war, um sich zurückzuziehen, arbeitete er doch ununterbrochen weiter, um noch mehr Geld zu verdienen, und bemühte sich, einen Preis in der Ausstellung für seine Rosen zu gewinnen. Die Herzogin (trotz ihrer siebzig Jahre) gab sich große Mühe, sich zu schminken, und bezahlte den Zeitungen Artikel, worin man die Jugendlichkeit ihres Ganges, die Eleganz ihrer Empfänge und die Gepflegtheit ihres Tisches und ihres Geistes in den höchsten Tönen feierte.
Diese Beispiele waren nicht dazu angetan, das Staunen zu mindern, in das die Haltung seines Onkels ihn versetzt hatte: sie ließen ihn vielmehr noch viel tiefer betroffen sein, dies Staunen griff immer weiter um sich, steigerte sich zur massiven Verblüffung über den allgemeinen Skandal all dieser Existenzen (wobei er seine eigene nicht ausnahm), denn es waren Existenzen, die im Krebsgang dem Tode näherrückten, ohne das Leben aus den Augen zu lassen. Er war entschlossen, eine so empörende Verirrung nicht nachzuahmen, und entschied sich dahin, nach dem Beispiel der alten Propheten, von deren Ruhm man ihm erzählt hatte, sich mit einigen seiner kleinen Freunde in die Wüste zurückzuziehen. Bald machte er hiervon seinen Eltern gebührende Mitteilung. Doch zu seinem großen Glück bot ihm das Leben, dessen kräftige und milde Milch stärker war als aller Spott, die Brust, um ihn davon abzubringen. Er sog in vollen Zügen, mit freudenvoller Gier, während seine leichtgläubige und reiche Phantasie naiv die Klagen anhörte und großzügig den schlechten Nachgeschmack wieder abzuschwächen strebte.
Inhaltsverzeichnis
Am Tage nach Alexis' Besuch war der Freiherr von Sylvanie nach einem Nachbarschloß verreist, in welchem er drei Wochen verbringen wollte und wo die Anwesenheit zahlreicher Gäste die Traurigkeit, die seinen Krisen folgte, zerstreuen konnte.
Bald erschienen ihm alle Freuden des Lebens vereinigt in der Gesellschaft einer jungen Frau, die sie ihn doppelt tief empfinden ließ, indem sie diese mit ihm teilte. Es war ihm, als empfände er etwas wie Liebe für sie, doch blieb er ihr gegenüber zurückhaltend. Er kannte sie als vollkommen tugendhaft, und im übrigen erwartete sie ungeduldig die Ankunft ihres Gatten; und dann war er nicht sicher, ob er sie wahrhaft liebe, er ahnte in der Tiefe seines Herzens, wie sündhaft es wäre, sie zum Bösen zu verführen. Von wann an ihre Beziehungen zueinander sich gewandelt hatten, konnte er sich niemals entsinnen. Doch jetzt küßte er ihr wie nach einer gemeinsamen Übereinkunft (deren Ursprung er nicht feststellen konnte) die Handgelenke und legte ihr den Arm um die Schultern. Sie schien so glücklich, daß er eines Abends mehr tat: er begann sie zu küssen, dann streichelte er sie lange, um sie dann von neuem zu küssen, ihre Augen, ihre Wange, ihre Lippen, ihren Hals und die Flügel ihrer Nase. Der Mund der jungen Frau kam seinen Küssen lächelnd entgegen, und ihre Augen leuchteten in den Tiefen wie stilles Wasser in der Sonne. Die Liebkosungen Baldassars wurden kühner: nun blickte er sie einen Augenblick an; er erschrak vor ihrer Blässe, vor der grenzenlosen Verzweiflung, die ihre tote Stirn ausdrückte, vor ihren herzzerreißenden, müden Augen, vor den Blicken, die trauriger als Tränen weinten, denn es war, als wenn sie die Tortur der Kreuzigung erlitte oder unwiderruflich ein geliebtes Wesen verlieren sollte. Er betrachtete sie einen Augenblick; und da, in der höchsten Anspannung, erhob
