Tage wie diese - John Green - E-Book
Beschreibung

Jubilee hat den perfekten Freund. Sie ahnt nicht, dass sie ihn in dieser Nacht verlieren wird - weil sie sich Hals über Kopf in einen Fremden verliebt. Manchmal vergisst Tobin völlig, dass der Herzog eigentlich ein Mädchen ist. Bis zu jenem magischen Moment im Schnee. Addie würde alles dafür geben, wenn Jeff ihr verzeihen könnte. Dabei ist er ihr längst viel näher als sie denkt ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl:368


John Green · Maureen Johnson · Lauren Myracle

Tage wie diese

Aus dem Amerikanischen von Barbara Abedi

 

1. Auflage als Sonderausgabe 2017 Die Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel Let It Snow. Three Holiday RomancesBei Speak, einem Imprint der Penguin Group (USA) Inc. The Jubilee Express Copyright © Mercury Girl, Inc., 2008 A Cheertastic Christmas Miracle Copyright © John Green, 2008 The Patron Saint of Pigs Copyright © Lauren Myracle, 2008 Published by Arrangement with John Green, MERCURY GIRL INC., and Lauren Myracle © für die deutschsprachige Ausgabe: 2010 Arena Verlag GmbH, Würzburg Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen Alle Rechte vorbehalten Aus dem Amerikanischen von Barbara Abedi Umschlaggestaltung: Frauke Schneider ISBN 978-3-401-80693-8

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Inhalt

DER JUBILEE-EXPRESS

Maureen Johnson

EIN CHEER UNGLAUBLICHES WEIHNACHTSWUNDER

John Green

DER SCHUTZHEILIGE DER SCHWEINE

Lauren Myracle

DER JUBILEE-EXPRESS

Maureen Johnson

 

 

 

Für Hamish, den Verfechter der »Renn-den-Hügel-so-schnell-runter-wie-du-kannst-und-wenn-sich-dir-etwas-in-den-Weg-stellt-kehr-um«-Lehre, der mir beigebracht hat, mit einem verschneiten Abhang fertig zu werden. Und für alle, die sich in Unternehmen mit verkrusteten Regeln abschuften müssen, für alle, die dreitausend Mal am Tag Grande Latte sagen müssen, für jeden armen Teufel, der gezwungen ist, sich im Weihnachtsstress mit einem kaputten Kartenlesegerät herumzuschlagen . . . das hier ist für euch.

KAPITEL EINS

Es war Heiligabend.

Genauer gesagt, es war der Nachmittag vor dem Heiligen Abend. Bevor ich dich jedoch ins pulsierende Herz des Geschehens mitnehme, will ich zunächst eine Sache klarstellen. Wenn ich sie erst später erwähne, lenkt sie dich erfahrungsgemäß so sehr ab, dass du dich auf nichts anderes mehr konzentrieren kannst.

Ich heiße Jubilee Dougal. Nimm dir einen Moment Zeit, um die Information zu verarbeiten.

Siehst du, wenn du sie erst einmal verinnerlicht hast, ist es ganz in Ordnung. Jetzt stell dir vor, du wärst schon mitten in dieser langen Geschichte (die ich dir gleich erzählen werde) und hättest es dann erst erfahren. »Übrigens, mein Name ist Jubilee.« Es hätte dich umgehauen.

Mir ist schon klar, dass Jubilee irgendwie nach Stripperin klingt. Vielleicht denkst du jetzt an eine dunkle Bar und eine Stange auf der Tanzfläche. Nein. Wenn du mich sehen könntest, würdest du auf der Stelle erkennen, dass ich keine Stripperin bin (glaube ich jedenfalls). Ich habe kurze schwarze Haare. Meistens trage ich eine Brille, den Rest der Zeit Kontaktlinsen. Ich bin sechzehn, singe im Chor und beteilige mich an Mathewettbewerben. Ich spiele Hockey, ein Sport, dem die schlangenartige, mit Babyöl eingeschmierte Anmut abgeht, die zum Handwerk einer Stripperin gehört. (Ich habe nichts gegen Stripperinnen, falls eine Stripperin das hier lesen sollte. Ich bin nur keine. Mein Hauptproblem, was Strippen betrifft, ist das Latex. Ich glaube, dass Latex schlecht für die Haut ist, weil sie darin nicht atmen kann.)

An Jubilee stört mich, dass es gar kein Name ist – es ist eher eine Art Party. Aber was für eine, weiß kein Mensch. Hast du schon mal gehört, dass jemand eine Jubilee-Party schmeißt? Und falls ja, würdest du hingehen? Ich jedenfalls nicht. Es klingt nach einer Veranstaltung, für die man ein großes aufblasbares Objekt mietet, Fähnchen aufhängt und einen komplizierten Müllentsorgungsplan ausarbeitet.

Oder nach einem großen Abend der Volksmusik.

Wie auch immer, mein Name spielt in dieser Geschichte eine wichtige Rolle und, wie gesagt, es war der Nachmittag von Heiligabend. Für mich war es einer dieser Tage, an denen man das Gefühl hat, dass das Leben . . . es gut mit einem meint. Die Abschlussprüfungen waren vorbei und wir hatten Ferien bis nach Neujahr. Ich war allein zu Hause und fühlte mich wohl und zufrieden. Ich hatte mich schon für den Abend umgezogen und trug die neuen Klamotten, für die ich gespart hatte – einen schwarzen Rock, Strumpfhosen, ein glitzerndes rotes T-Shirt und neue schwarze Stiefel. Ich trank ein Glas selbst zubereiteten Eierpunsch. Die Geschenke waren eingepackt und fertig zum Mitnehmen. Alles war bereit für die große Party: Um sechs Uhr sollte ich bei Noah sein – Noah Price, meinem Freund – zum Smörgåsbord der Familie Price.

Dieses jedes Jahr an Weihnachten stattfindende Smörgåsbord spielt eine große Rolle in unserer Beziehung. Weil wir bei dieser Gelegenheit zusammengekommen waren. Davor war Noah Price nur ein Stern an meinem Himmel gewesen . . . immer da, vertraut, strahlend und hoch über mir. Ich kannte ihn schon seit der vierten Klasse, aber ich kannte ihn so, wie man Leute aus dem Fernsehen kennt. Ich wusste, wie er hieß. Ich beobachtete ihn aus der Ferne. Na gut, ein bisschen näher dran war ich an Noah schon . . . aber irgendwie, im realen Leben und wenn es sich um dein eigenes handelt . . . dann kann eine Person noch weiter weg und noch unerreichbarer sein als ein echter Promi. Nähe bedeutet nicht automatisch Vertrautheit.

Ich hatte ihn immer schon gemocht, aber ich hatte mir nie vorgestellt, wie es wäre, ihn auf diese Art zu mögen. Ich hatte das einfach nie für möglich gehalten. Er war ein Jahr älter als ich und einen Kopf größer, hatte breite Schultern, strahlende Augen und dicke, kräftige Haare. Noah war einfach umwerfend – sportlich, gebildet und ein hohes Tier in der Schülermitverwaltung –, ein Typ, von dem man unwillkürlich annimmt, er würde sich ausschließlich mit Models treffen oder mit Spionen oder mit Leuten, nach denen Institute benannt werden.

Als Noah mich also im vorigen Jahr zum Smörgåsbord einlud, fielen mir vor lauter Aufregung und Verwirrung fast die Augen aus dem Kopf. Als ich die Einladung bekam, konnte ich drei Tage lang nicht mehr geradeaus laufen. Es wurde so schlimm, dass ich buchstäblich in meinem Zimmer laufen üben musste, bevor ich zu ihm gehen konnte. Ich hatte keine Ahnung, ob er mich eingeladen hatte, weil er mich mochte oder weil seine Mom ihn dazu gezwungen hatte (unsere Eltern kannten sich) oder weil er eine Wette verloren hatte. Meine Freundinnen waren genauso aufgeregt wie ich, sie schienen es nur besser verstehen zu können. Sie versicherten mir, dass er mich beim Mathewettbewerb beobachtet und über meine Versuche gelacht hatte, trigonometrische Witze zu machen, und dass er von mir gesprochen hatte.

Das Ganze war total verrückt . . . genauso unglaublich, als hätte ich herausgefunden, dass jemand ein Buch über mein Leben geschrieben hatte oder so etwas.

An dem Abend im letzten Jahr habe ich mich fast die ganze Zeit über sicherheitshalber in einer Ecke verschanzt und mich mit seiner Schwester unterhalten, die (obwohl ich sie wirklich gerne mag) nicht gerade besonders tiefsinnig ist. Auch wenn man ziemlich viel über Lieblingsmarken von Kapuzenshirts sagen kann, wenn es sein muss, irgendwann stößt die Unterhaltung eben doch an ihre Grenzen. Aber sie kann darüber reden wie ein Weltmeister. Elise hat sich wirklich Gedanken über das Thema gemacht.

Schließlich konnte ich mich loseisen, als Noahs Mom eine weitere Platte hereinbrachte, die Gelegenheit für die »Oh-Entschuldigung-aber-das-sieht-einfach-fantastischaus«-Ausrede. Ich hatte keine Ahnung, was auf der Platte war, bis ich es als eingelegten Fisch erkannte. Ich wich einen Schritt zurück, doch da sagte seine Mom auch schon: »Du musst unbedingt ein Stück davon probieren.«

Der Lemming gehorchte. Was eine gute Entscheidung war, weil ich merkte, dass Noah mich beobachtete. Er sagte: »Ich bin froh, dass du davon genommen hast.« Ich fragte, warum, weil ich dachte, es gehörte vielleicht zur Wette. (»Okay, ich lade sie ein, aber ihr schuldet mir zwanzig Mäuse, wenn ich sie dazu bringen kann, eingelegten Fisch zu essen.«)

Und er antwortete: »Weil ich auch davon probiert habe.«

Ich stand da und sah wahrscheinlich wie ein totaler Idiot aus, deshalb fügte er hinzu: »Und ich könnte dich nicht küssen, wenn du nichts davon gegessen hättest.«

Was ebenso unverschämt wie atemberaubend romantisch ist. Er hätte ja genauso gut nach oben gehen und sich die Zähne putzen können, aber er war geblieben und hatte mir neben der Fischplatte aufgelauert. Wir schlichen uns in die Garage und knutschten unter dem Regal mit den Elektrowerkzeugen. So hatte es angefangen.

Dieser besondere Heiligabend, von dem ich jetzt erzählen will, war also nicht irgendein Heiligabend: Es war unser einjähriges Jubiläum. Unglaublich, dass wir schon ein Jahr zusammen waren. Es war alles so schnell gegangen . . .

Noah hat immer unheimlich viel um die Ohren. Als er, winzig und zappelnd und rosa, auf die Welt kam, ließ er vermutlich nur rasch einen Fußabdruck machen, verließ das Krankenhaus auf schnellstem Wege und eilte zu einem Meeting. Als Oberstufenschüler, als Mitglied des Fußballteams und als Präsident des Schülerrates hatte er auch später so gut wie nie Zeit. Ich glaube, in dem einen Jahr, seit wir zusammen waren, hatten wir etwa ein Dutzend richtige Dates gehabt, bei denen Noah und ich allein irgendwohin gegangen waren. Eins pro Monat. Ansonsten gab es eine Menge Gelegenheiten, zu denen wir als Paar erschienen. Noah und Jubilee beim Schülerrat-Kuchenbasar! Noah und Jubilee bei der Fußballtombola! Noah und Jubilee beim Benefizessen, im Nachhilferaum, bei der Versammlung des Klassentreffen-Organisationkomitees . . .

Noah war das durchaus bewusst. Und obwohl der heutige Abend ein Familienfest war, zu dem viele Leute kommen würden, hatte er mir versprochen, dass wir Zeit nur für uns beide finden würden. Er hatte sie erkauft, indem er bei den Vorbereitungen half. Wir müssten nur zwei Stunden auf der Party verbringen, hatte er versprochen, dann könnten wir uns ins Hinterzimmer zurückziehen und unsere Geschenke austauschen und zusammen Wie der Grinch Weihnachten gestohlen hat ansehen. Er würde mich nach Hause fahren und wir würden irgendwo parken . . .

Und ausgerechnet da wurden meine Eltern verhaftet und all unsere Pläne waren im Eimer.

Kennst du das Flobie-Weihnachtsdorf? Das Flobie-Weihnachtsdorf gehört so sehr zu meinem Leben, dass ich einfach immer vermute, jeder müsste wissen, um was es sich handelt, aber vor Kurzem hat mir jemand gesagt, ich würde immer viel zu viel vermuten, deshalb erkläre ich es lieber noch mal.

Das Flobie-Weihnachtsdorf besteht aus Sammelfiguren aus Keramik, die man zu einer Stadt zusammenstellen kann. Meine Eltern sammeln sie schon seit meiner Geburt. Seit ich groß genug bin, auf eigenen Beinen zu stehen, habe ich die kleinen Straßen mit ihrem Kopfsteinpflaster immer wieder betrachtet. Wir haben alles – die Zuckerrohrbrücke, den verschneiten See, den Gummibärchenladen, die Pfefferkuchenbäckerei, die Bonbonallee. Die Stadt hat schon eine gewisse Größe. Um sie aufzubauen, haben meine Eltern extra einen Tisch gekauft, der von Thanksgiving bis Neujahr mitten in unserem Wohnzimmer steht. Damit alles richtig funktioniert, braucht man sieben Steckdosen. Um die Umwelt zu schonen, habe ich sie dazu bringen können, nachts alles auszustöpseln, aber es war ein Kampf.

Ich wurde nach dem Flobie-Weihnachtsdorf-Gebäude Nummer vier benannt: Jubilee Hall. Die Jubilee Hall ist das größte Gebäude von allen. In diesem Gebäude werden Geschenke hergestellt und verpackt. Es ist mit bunten Lichtern geschmückt und hat ein Fließband mit Geschenken darauf und davor stehen sich drehende kleine Elfen, die es be- und entladen. Jede der Elfen in der Jubilee Hall trägt ein auf die Hand geklebtes Geschenk – sodass sie aussehen wie eine Horde gefolterter Wesen, die dazu verdammt sind, dasselbe Geschenk immer wieder aufs Neue hochzuheben und abzustellen – bis in alle Ewigkeit oder bis der Motor kaputtgeht. Ich weiß noch, wie ich das als kleines Mädchen zu meiner Mutter gesagt habe, worauf sie nur erwiderte, ich hätte keine Ahnung, worum es dabei geht. Vielleicht stimmte das sogar. Bei diesem Thema waren wir eindeutig unterschiedlicher Meinung, vor allem unter dem Gesichtspunkt, dass diese kleinen Bauwerke ihr so wichtig waren, dass sie ihren einzigen Sprössling danach benannt hat.

Flobie-Sammler neigen zu einer leichten Besessenheit. Es gibt Kongresse, etwa ein Dutzend ernsthafte Websites und vier Zeitschriften. Manche versuchen, ihre Leidenschaft durch die Behauptung zu rationalisieren, dass Flobie-Figuren eine Investition seien. Das ist insofern richtig, als sie tatsächlich eine Menge Geld kosten. Vor allem die nummerierten Stücke. Diese Teile kann man exklusiv nur an Heiligabend im Flobie-Ausstellungsraum kaufen. Wir wohnen in Richmond in Virginia, nur etwa fünfzig Meilen davon entfernt – und so laden meine Eltern jedes Jahr am Abend des Dreiundzwanzigsten Decken, Stühle und Essensvorräte ins Auto und machen sich auf den Weg, um sich anzustellen und zu warten.

Bisher hatte Flobie bei diesen Gelegenheiten immer hundert nummerierte Teile angeboten, erst voriges Jahr haben sie die Anzahl auf zehn heruntergefahren. Seitdem ist der Teufel los. Schon hundert Teile waren nicht annähernd genug, und als sich die Anzahl auf ein Zehntel reduzierte, begannen die Leute, mit Zähnen und Klauen darum zu kämpfen. Im letzten Jahr gab es ein Problem wegen der Plätze in der Schlange – ein Problem, das schnell zu einer Schlägerei wurde, als einige der Wartenden anfingen, sich gegenseitig mit zusammengerollten Flobie-Katalogen zu verprügeln, sich mit Keksdosen zu bewerfen, über fremde Liegestühle zu trampeln und lauwarmen Kakao über weihnachtsmannbemützte Köpfe zu kippen. Die Schlägerei war heftig und lächerlich genug, es in die lokalen Nachrichten zu schaffen. Die Firma Flobie sagte, es würden »Maßnahmen ergriffen«, damit sich so ein Vorfall nicht wiederholte, aber das glaubte kein Mensch. Diese Art von Publicity war einfach unbezahlbar.

Aber daran dachte ich nicht, als meine Eltern losfuhren, um sich für Sammelstück Nummer 68 anzustellen, das Elfenhotel. Und auch, als ich meinen Eierpunsch trank und die Zeit totschlug, bis ich mich auf den Weg zu Noah machen konnte, verschwendete ich noch keinen Gedanken daran. Obwohl mir auffiel, dass meine Eltern, anders als sonst, noch nicht nach Hause gekommen waren. Normalerweise kehrten sie um die Mittagszeit an Heiligabend von ihrem Flobie-Ausflug zurück und jetzt war es schon fast vier Uhr. Um etwas zu tun zu haben, lenkte ich mich mit weihnachtlichen Dingen ab. Noah konnte ich nicht anrufen . . . ich wusste, dass er mit Vorbereitungen für das Smörgåsbord zu tun hatte. Also dekorierte ich seine Geschenke mit ein paar extra Schleifen und Stechpalmenzweigen. Ich stöpselte alle Kabel für das Flobie-Weihnachtsdorf ein und setzte die Elfensklaven in Bewegung. Dann legte ich eine CD mit Weihnachtsliedern auf. Gerade wollte ich nach draußen gehen, um die Außenbeleuchtung anzumachen, als ich sah, wie Sam mit Riesenschritten auf unser Haus zukam.

Sam ist unser Anwalt – und wenn ich »unser Anwalt« sage, meine ich damit »unseren Nachbarn, der zufälligerweise ein überaus einflussreicher Anwalt in Washington, DC« ist. Sam ist genau der Richtige, wenn man einen Rechtsbeistand für einen großen Konzern sucht, jemanden, von dem man sich vertreten lassen will, wenn man auf eine Million Dollar Schadenersatz verklagt wird. Aber ein Kuscheltyp ist er nicht. Ich wollte ihn hereinbitten und ihm ein Glas von meinem köstlichen Eierpunsch anbieten, aber er fiel mir ins Wort.

»Ich habe schlechte Nachrichten«, sagte er und schob mich vor sich her ins Haus. »Im Flobie-Showroom hat es wieder eine Schlägerei gegeben. Drinnen. Nun komm schon.«

Ich dachte einen Moment lang ernsthaft, er würde mir gleich mitteilen, dass meine Eltern ums Leben gekommen waren. Er hatte diesen Tonfall drauf. Vor meinem inneren Auge sah ich Berge von Elfenhotels, die vom Fließband flogen und alle Anwesenden unter sich begruben. Ich hatte Fotos vom Elfenhotel gesehen – mit diesen scharfkantigen Zuckerstangensäulen, an denen man sich ganz leicht verletzen konnte. Und wenn es jemanden gab, der jemals durch ein Elfenhotel ums Leben kam, dann wären es meine Eltern.

»Sie sind in Gewahrsam genommen worden«, sagte er. »Sie sind im Gefängnis.«

»Wer ist im Gefängnis?«, fragte ich, weil ich nicht besonders schnell von Begriff bin und weil mir die Vorstellung, dass meine Eltern von einem fliegenden Elfenhotel getroffen worden waren, leichter fiel als die Vorstellung, dass man sie in Handschellen abgeführt hatte.

Sam sah mich nur an und wartete, dass der Groschen fiel.

Nach einem Moment des Schweigens erklärte er: »Als heute Morgen die Teile präsentiert wurden, kam es wieder zu einer Schlägerei. Es ging darum, wer wem in der Schlange einen Platz frei gehalten hatte. Deine Eltern waren daran nicht beteiligt, aber sie sind auch nicht weggegangen, als die Polizei sie dazu aufforderte. Man hat sie festgenommen. Fünf Leute sind eingebuchtet worden. Die Nachrichten sind voll davon.«

Ich spürte, dass meine Beine anfingen zu zittern, deshalb setzte ich mich aufs Sofa. »Warum haben sie nicht angerufen?«, wollte ich wissen.

»Nur ein Anruf«, sagte er. »Sie haben mich angerufen, weil sie dachten, ich könnte sie rausholen. Aber das kann ich nicht.«

»Wie meinen Sie das, Sie können es nicht?«

Die Vorstellung, dass Sam meine Eltern nicht aus dem Bezirksgefängnis herausholen konnte, war lächerlich. Als würde ein Pilot über Bordlautsprecher verkünden: »He, Leute. Mir ist gerade eingefallen, dass ich nicht besonders gut bei Landungen bin. Deshalb fliege ich einfach so lange im Kreis herum, bis jemand eine bessere Idee hat.«

»Ich habe alles versucht«, fuhr Sam fort, »aber der Richter will nicht nachgeben. Er hat diese Flobie-Vorfälle satt, also will er ein Exempel statuieren. Deine Eltern haben mich angewiesen, dich zum Bahnhof zu bringen. Ich habe nur eine Stunde Zeit, um fünf Uhr muss ich zum Weihnachtsliedersingen und Plätzchenessen zurück sein. Wie schnell kannst du packen?«

All das wurde in demselben rauen Ton vorgetragen, mit dem Sam wahrscheinlich einen Angeklagten einschüchtert, wenn er ihn dazu befragt, warum er blutüberströmt vom Tatort weggelaufen ist. Er schien nicht besonders glücklich darüber zu sein, dass man ihn an Heiligabend mit dieser Aufgabe betraut hatte. Trotzdem – ein Hauch von Oprah hätte der Situation gutgetan.

»Packen? Bahnhof? Was?«

»Du fährst nach Florida zu deinen Großeltern«, sagte er. »Ich konnte keinen Flug buchen – wegen des Schneesturms sind alle Flüge gestrichen.«

»Was für ein Schneesturm?«

»Jubilee«, sagte Sam sehr langsam, nachdem er wohl zu dem Schluss gekommen war, dass ich der unbedarfteste Mensch auf Erden sein musste, »uns steht der schlimmste Schneesturm seit fünfzig Jahren bevor!«

Irgendwie arbeitete mein Hirn nicht richtig – ich begriff immer noch nichts.

»Ich kann nicht wegfahren«, sagte ich. »Ich bin heute Abend bei Noah eingeladen. Und es ist Weihnachten. Was ist mit Weihnachten?«

Sam zuckte mit den Schultern, als wollte er sagen, dass Weihnachten jetzt nicht in seinen Kompetenzbereich gehörte und dass selbst das Gesetz nichts daran ändern könnte.

»Aber . . . warum kann ich nicht einfach hierbleiben? Das ist doch bescheuert!«

»Deine Eltern wollen nicht, dass du über Weihnachten zwei Tage ganz allein bist.«

»Ich kann doch zu Noah gehen! Ich muss zu Noah gehen!«

»Hör mal«, sagte er, »es ist alles arrangiert. Wir können deine Eltern jetzt nicht erreichen. Ihre Verhandlung steht unmittelbar bevor. Ich habe deine Fahrkarte schon gekauft und ich habe nicht viel Zeit. Du wirst jetzt packen, Jubilee.«

Ich drehte mich um und blickte auf die erleuchtete kleine Szenerie neben mir. Sah die Schatten der armen Elfen, die in der Jubilee Hall arbeiteten, das warme Licht aus Mrs Muggins Konditorei, die langsame, aber fröhliche Fahrt des Elfenexpress über die kleinen Eisenbahngleise.

Und ich stellte die einzige Frage, die mir noch einfiel: »Aber . . . was ist mit dem Dorf?«

KAPITEL ZWEI

Ich war noch nie mit einem Zug gefahren. Er war größer, als ich es mir vorgestellt hatte, mit einer Fensterreihe im ersten Stock, hinter der ich die Schlafwagenabteile vermutete. Das Licht im Inneren war trübe und die Leute in den vollgestopften Abteilen sahen aus wie gelähmt. Ich hatte gedacht, dass der Zug puffende Dampfwolken ausstoßen und losschießen würde wie eine Rakete, weil ich in meiner Kindheit zu viel Zeit mit dem Anschauen von Zeichentrickfilmen verbracht hatte, und da ist das so bei Zügen. Dieser Zug jedoch fuhr ganz unspektakulär los, als hätte ihn das Herumstehen gelangweilt.

Natürlich rief ich Noah sofort nach der Abfahrt an. Damit verletzte ich zwar die »Bis-sechs-Uhr-habe-ich-vielum-die-Ohren-und-wir-sehen-uns-erst-bei-der-Party«-Vorschrift, aber das war in Anbetracht der Umstände wohl mehr als nachvollziehbar. Als er sich meldete, war im Hintergrund fröhlicher Lärm zu hören. Weihnachtslieder und das Klappern von Geschirr – ein deprimierender Kontrast zu der gedämpften, klaustrophobischen Atmosphäre im Zug.

»Lee!«, sagte er. »Es ist gerade sehr ungünstig. Wir sehen uns in einer Stunde?«

Er gab ein leises Ächzen von sich. Es klang, als würde er gerade etwas Schweres hochheben, vermutlich einen der gigantischen Schinken, die seine Mutter immer für das Smörgåsbord besorgte. Wahrscheinlich bekommt sie sie von irgendeiner Versuchsfarm, wo die Schweine mit Laserstrahlen und Superdrogen behandelt werden, bis sie neun Meter lang sind.

»Äh . . . darum geht’s ja«, sagte ich. »Ich komme nicht.«

»Wie meinst du das, du kommst nicht? Was ist passiert?«

Ich erklärte ihm die Eltern-im-Gefängnis/ich-wegen-Schneesturm-im-Zug/das-Leben-läuft-nicht-wie-geplant-Situation so gut ich konnte. Ich versuchte, es möglichst lässig klingen zu lassen, so als fände ich es komisch, aber das tat ich in erster Linie, damit ich in diesem dunklen Zug voller benommener Fremder nicht in Tränen ausbrach.

Noch ein Ächzen. Es hörte sich an, als würde er etwas durch die Gegend schleppen.

»Alles wird gut«, sagte er nach einer Weile. »Sam kümmert sich drum, oder?«

»Na ja, wenn du damit meinst, dass er sie nicht aus dem Gefängnis herausholen kann, dann ja. Er schien sich nicht mal richtig Sorgen zu machen.«

»Wahrscheinlich ist es nur ein kleines Bezirksgefängnis«, entgegnete er. »So schlimm wird es schon nicht sein. Und wenn Sam sich keine Sorgen macht, dann wird wohl alles in Ordnung sein. Es tut mir leid, dass das passiert ist, aber wir sehen uns ja in ein bis zwei Tagen.«

»Ja schon, aber es ist doch Weihnachten«, sagte ich. Meine Stimme war belegt und ich schluckte eine Träne hinunter. Er schwieg einen Moment.

»Ich weiß, dass das schwer für dich ist, Lee«, sagte er dann, »aber alles wird wieder gut. Das ist einfach nur dumm gelaufen.«

Mir war klar, dass er mich beruhigen und trösten wollte, aber trotzdem. Dumm gelaufen? Das war nicht dumm gelaufen. Dumm gelaufen ist, wenn dein Auto eine Panne hat oder du dir den Magen verdirbst oder deine kaputte Lichterkette Funken sprüht und deine Hecke in Brand setzt. Das sagte ich ihm und er seufzte, als ihm klar wurde, dass ich recht hatte. Dann ächzte er schon wieder.

»Was ist denn los?«, fragte ich schniefend.

»Ich habe einen riesigen Schinken im Arm«, sagte er. »Ich muss weitermachen. Hör mal, wir feiern Weihnachten nach, sobald du wieder da bist. Versprochen. So viel Zeit muss sein. Mach dir keine Sorgen. Ruf mich an, wenn du da bist, okay?«

Ich versprach es und er legte auf und ging mit seinem Schinken weiter. Ich starrte auf das jetzt schweigende Telefon.

Seit ich mit Noah zusammen war, hatte ich manchmal Mitleid mit Leuten, die mit Politikern verheiratet waren. Man weiß zwar, dass sie auch ein eigenes Leben haben, aber aus Liebe zu der Person, mit der sie zusammen sind, werden sie unweigerlich zu einem Teil der Maschinerie – und bald stehen sie winkend und ausdruckslos lächelnd vor den Kameras, man sieht, wie ihnen Luftballons auf den Kopf fallen und wie Mitarbeiter sie beiseiteschubsen, um an den megawichtigen Entscheidungsträger, Mr Perfect, heranzukommen.

Ich weiß, dass kein Mensch perfekt ist, dass sich hinter jeder noch so glatten Fassade ein ganzes Gewirr aus Täuschungen und heimlichen Sorgen verbirgt . . . aber selbst mit diesem Wissen kam Noah der Perfektion in meinen Augen ziemlich nahe. Ich hatte nie gehört, dass jemand etwas Schlechtes über ihn gesagt hatte. Er war wie die Schwerkraft über jeden Zweifel erhaben. Indem er mich zu seiner Freundin gemacht hatte, bewies er, dass er an mich glaubte und dass ich seine Überzeugungen teilte. Mein Gang war aufrechter geworden. Ich war selbstsicherer, positiver, wichtiger. Er mochte es, sich mit mir zu zeigen, und deshalb mochte ich es, mit ihm zusammen gesehen zu werden – falls das einen Sinn ergibt.

Klar, seine zahlreichen Verpflichtungen waren manchmal lästig. Aber ich hatte Verständnis. Zum Beispiel dafür, dass man für seine Mom einen großen Schinken transportieren muss, weil gleich sechzig Leute zum Smörgåsbord auftauchen werden. Es muss einfach gemacht werden. In guten wie in schlechten Tagen. Ich zog meinen iPod hervor und nutzte den Rest des Akkus, um mir ein paar Fotos von ihm anzusehen. Dann war der Akku leer.

Ich fühlte mich sehr einsam in diesem Zug . . . eine schreckliche, unnatürliche Art von Einsamkeit, die mir total zusetzte. Es war ein Gefühl jenseits von Angst und irgendwie auch jenseits von Traurigkeit. Ich war müde, aber es war nicht die Art von Müdigkeit, die durch Schlafen vergeht. Es war dunkel und die Stimmung war düster, trotzdem glaubte ich nicht, dass die Dinge besser werden würden, wenn das Licht anginge. Wenn überhaupt, hätte ich dann nur einen besseren Überblick über die unerfreuliche Situation, in der ich steckte.

Ich überlegte, ob ich meine Großeltern anrufen sollte. Sie wussten, dass ich kam. Sam hatte gesagt, er hätte sie angerufen. Sie würden sich über meinen Anruf freuen, aber ich hatte irgendwie trotzdem keine Lust dazu. Meine Großeltern sind sehr nett, aber leicht aus dem Konzept zu bringen. Es reicht, dass im Supermarkt die in der Reklame angepriesene tiefgekühlte Pizza oder die Suppe ausverkauft ist, wegen der sie extra in diesen Supermarkt gegangen sind. Dann diskutieren sie eine halbe Stunde lang darüber, was sie tun sollen. Wenn ich sie jetzt anriefe, müsste jeder Aspekt meines Besuches bis in die kleinste Einzelheit besprochen werden. Was für eine Bettdecke brauchte ich? Aß ich immer noch gern Cracker? Sollte Grandpa noch Shampoo kaufen? Es wäre bestimmt nett gemeint, aber im Moment war es mir zu viel.

Eigentlich halte ich mich für einen Problemlöser. Und deshalb würde mich jetzt ein bisschen ablenken. Ich wühlte mich durch meine Tasche, um zu sehen, was ich in der Eile alles eingepackt hatte, als ich so schnell von zu Hause wegmusste, stellte aber leider schnell fest, dass ich für meine Reise beklagenswert schlecht ausgestattet war. Ich hatte nur das unbedingt Notwendige bei mir – ein bisschen Unterwäsche, Jeans, zwei Pullover, ein paar T-Shirts, meine Brille. Mein iPod war leer. Ich hatte nur ein einziges Buch dabei. Northanger Abbey, Bestandteil meiner Leseliste für die Winterferien. Es gefiel mir zwar, aber es ist nicht ganz das Passende, wenn einen gerade ein furchtbares Schicksal ereilt.

Deshalb schaute ich ungefähr zwei Stunden lang nur aus dem Fenster, sah zu, wie die Sonne unterging, wie der bonbonrosa gefärbte Himmel langsam silbern wurde und die ersten Schneeflocken fielen. Ich wusste, dass das alles wunderschön war, aber es ist ein großer Unterschied, ob man nur weiß, dass etwas wunderschön ist, oder ob man es fühlt. Und ich fühlte nichts. Der Schnee fiel immer dichter und immer heftiger, bis nichts anderes mehr zu sehen und alles nur noch weiß war. Die Flocken kamen aus allen Richtungen gleichzeitig, sogar von unten. Vom bloßen Zuschauen wurde ich ganz benommen und mir war leicht übel.

Leute kamen den Gang hinunter und hatten etwas zu essen in den Händen – Chips, Limoflaschen und verpackte Sandwiches. Offenbar gab es irgendwo in diesem Zug eine Nahrungsquelle. Am Bahnhof hatte Sam mir fünfzig Dollar zugesteckt, ein weiterer Fünfziger, den meine Eltern ihm schuldeten, sobald sie wieder frische Luft atmen konnten. Da ich nichts anderes zu tun hatte, stand ich auf und ging in den Bistrowagen, wo man mir lediglich mitteilte, dass bis auf ein paar schlappe Pizzastücke aus der Mikrowelle, zwei Muffins, einige Schokoriegel, eine Tüte Nüsse und einen Rest traurig aussehender Früchte alles ausverkauft war. Ich wollte ihnen eigentlich ein Kompliment machen, weil sie sich so gut auf den Feiertagsandrang vorbereitet hatten, aber der Typ hinter dem Tresen sah echt mitgenommen aus, auch ohne meinen Sarkasmus. Ich nahm ein Stück Pizza, zwei Schokoriegel, die Muffins, die Nüsse und einen heißen Kakao. Wenn die Sachen so schnell ausverkauft waren, hielt ich es für klüger, mich für den Rest der Reise ein bisschen einzudecken. Ich legte einen Fünf-Dollar-Schein in seinen Trinkgeldbecher und er bedankte sich mit einem Kopfnicken.

Dann setzte ich mich auf einen der leeren Plätze an einem an der Wand befestigten Tisch. Der Zug wackelte jetzt ziemlich stark, obwohl er langsamer fuhr. Der Wind kam von beiden Seiten. Ich ließ die Pizza liegen und verbrannte mir die Lippen am Kakao. Das war das Spannendste, was ich ihnen zurzeit bieten konnte.

»Darf ich mich hierhin setzen?«, hörte ich eine Stimme fragen.

Ich blickte hoch und sah einen unglaublich gut aussehenden Typen vor mir stehen. Wieder sah ich etwas, nahm es aber nicht richtig wahr. Trotzdem machte er einen stärkeren Eindruck auf mich als der Schnee. Seine Haare waren so dunkel wie meine, das heißt, sie waren schwarz. Aber seine waren länger als meine, die nur bis knapp übers Kinn gehen. Er trug sie zum Pferdeschwanz zusammengebunden. Mit den hohen Wangenknochen sah er aus wie ein Ureinwohner. Seine dünne Jeansjacke war nicht annähernd warm genug für dieses Wetter. Doch das eigentlich Auffallende war sein Blick – er sah bekümmert aus und so als hätte er Mühe, die Augen offen zu halten. Er hatte sich einen Becher Kaffee gekauft, den er fest umklammert hielt.

»Na klar«, sagte ich.

Er hielt den Kopf gesenkt, als er sich hinsetzte, aber ich merkte trotzdem, wie er einen Blick auf all meine Essensvorräte warf. Irgendwie ahnte ich, dass er sehr viel hungriger war als ich.

»Bedien dich«, sagte ich. »Ich hab mir nur einen kleinen Vorrat angelegt, bevor alles ausverkauft ist. Die Pizza hab ich noch gar nicht angerührt.«

Einen Augenblick lang zögerte er, aber ich schob sie ihm hin.

»Ich weiß, es sieht eher aus wie ein Bierdeckel als eine Pizza«, fügte ich hinzu. »Aber was anderes hatten sie nicht. Nimm ruhig.«

Er lächelte ein wenig. »Ich heiße Jeb«, sagte er.

»Ich heiße Julie«, antwortete ich. Ich hatte keine Lust auf die alte Leier: »Jubilee? Du heißt Jubilee? Was brauchst du für deinen Job – Babyöl oder eher Nussöl? Und wischt jemand danach die Stange ab?« All das, was ich dir am Anfang erklärt habe. Die meisten Leute nennen mich Julie. Noah hat Lee daraus gemacht.

»Wo fährst du hin?«, fragte er.

Ich hatte keine Ausrede parat für meine Eltern oder den Grund, warum ich hier war. Aber die volle Wahrheit erschien mir ein bisschen viel für einen Fremden.

»Ich besuche meine Großeltern«, sagte ich. »Irgendwie haben sich im letzten Moment die Pläne geändert.«

»Und wo wohnen sie?«, wollte er wissen und schaute durchs Zugfenster auf die durcheinanderwirbelnden Schneeflocken. Man konnte nicht erkennen, wo der Himmel aufhörte und die Erde anfing. Die Schneewolken über uns hatten ihre Schleusen geöffnet.

»In Florida«, sagte ich.

»Ganz schön weit weg. Ich fahre nur bis zur nächsten Haltestelle, nach Gracetown.«

Ich nickte. Den Namen Gracetown hatte ich schon mal gehört, aber ich wusste nicht, wo es lag. Irgendwo auf diesem weiten, verschneiten Weg zwischen mir und dem Nirgendwo. Ich hielt ihm noch einmal meine Schachtel mit Essbarem hin, aber er schüttelte den Kopf.

»Schon okay«, sagte er. »Aber danke für die Pizza. Ich war schon halb verhungert. Wir haben uns einen schlechten Tag zum Verreisen ausgesucht. Obwohl man es sich manchmal nicht aussuchen kann. Dann muss man einfach etwas tun, ohne sicher zu sein . . .«

»Wen willst du denn besuchen?«, fragte ich.

Wieder senkte er den Blick und faltete den Pappteller zusammen, auf dem die Pizza gelegen hatte.

»Meine Freundin. Na ja, sie ist so was Ähnliches wie meine Freundin. Ich wollte sie eigentlich anrufen, aber ich kriege kein Netz.«

»Hier«, sagte ich und zog mein Handy hervor. »Nimm meins. Ich habe noch jede Menge Gesprächsguthaben für diesen Monat übrig.«

Jeb nahm das Handy mit einem breiten Lächeln. Als er aufstand, sah ich, wie groß er war und wie breit seine Schultern waren. Wenn ich nicht so total auf Noah fixiert gewesen wäre, hätte ich ihn umwerfend gefunden. Er machte ein paar Schritte auf die andere Seite des Waggons. Ich sah, wie er die Nummer eintippte und wartete, aber dann klappte er das Handy wieder zu, ohne etwas gesagt zu haben.

»Sie meldet sich nicht«, sagte er, setzte sich wieder hin und gab mir das Handy zurück.

»Aha«, erwiderte ich und lächelte. »Sie ist also so was Ähnliches wie deine Freundin? Du weißt nicht, ob ihr schon richtig zusammen seid?«

Ich konnte mich noch gut an die Zeit erinnern, als Noah und ich ganz frisch zusammen waren und ich nicht sicher wusste, ob ich auch wirklich seine Freundin war. Ich war furchtbar aufgeregt und gleichzeitig unglaublich glücklich gewesen.

»Sie hat mich betrogen«, sagte er geradeheraus.

Oh, da hatte ich wohl falsch gelegen. Sehr falsch. Ich spürte den stechenden Schmerz, der ihn durchfuhr, mitten in meiner Brust. Ehrlich.

»Es ist nicht ihre Schuld«, sagte er einen Moment später. »Nicht ausschließlich. Ich . . .«

Ich erfuhr nie, was passiert war, weil plötzlich die Tür des Abteils aufflog und ein Kreischen ertönte, das sich so ähnlich anhörte wie das Geräusch, das Beaker immer gemacht hat – der grässliche, ordinäre Kakadu, den wir in der vierten Klasse in Pflege hatten. Jeremy Rich hatte Beaker beigebracht, ganz laut Arsch zu sagen. Beaker liebte das Wort Arsch und konnte es wirklich gut brüllen und kreischen. Man hörte ihn durch die ganze Eingangshalle bis in die Mädchentoilette. Später zog Beaker ins Lehrerzimmer, wo man vermutlich seine schmierigen Flügel ausbreiten und so lange »Arsch« brüllen darf, wie man will.

Aber hier handelte es sich nicht um den Arsch brüllenden Beaker. Sondern um vierzehn Mädchen in identischen, eng anliegenden Jogginganzügen mit dem Aufdruck RIDGE CHEERLEADING auf dem Hintern. (Auch eine Art, Arsch zu brüllen, nehme ich an). Bei jeder stand ein Name auf dem Rücken ihrer schicken wärmenden Fleecejacke. Sie versammelten sich um die Snackbar und schrien aus vollem Hals. Ich hoffte und betete, dass sie nicht alle gleichzeitig »Oh mein Gott!« sagen würden, aber meine Gebete wurden nicht erhört, vielleicht weil Gott damit beschäftigt war, ihnen zuzuhören.

»Es gibt nichts mit fettarmem Protein«, hörte ich eine von ihnen sagen.

»Ich hab’s dir gesagt, Madison. Du hättest diesen Salatwrap nehmen sollen, als es noch möglich war.«

»Ich dachte, sie würden wenigstens Hühnerbrust haben!«

Zu meiner anhaltenden Bestürzung musste ich feststellen, dass die Mädchen, die diese Unterhaltung führten, beide Madison hießen. Schlimmer noch: Drei weitere hießen Amber. Ich hatte das Gefühl, in einem Experiment festzustecken, bei dem irgendetwas aus dem Ruder gelaufen war – es musste etwas mit geklonten Menschen zu tun haben.

Ein paar Mädchen aus der Gruppe wandten sich uns zu. Wirklich, ich meine uns. Sie wandten sich mir und Jeb zu. Na gut, genau genommen wandten sie sich nur Jeb zu.

»Oh, mein Gott!«, sagte eine der Ambers. »Ist das nicht die schlimmste Reise, die man je erlebt hat? Hast du den Schnee gesehen?«

Sie war eine ganz Schlaue, diese Amber. Was würde ihr als Nächstes auffallen? Der Zug? Der Mond? Die lächerlichen Tücken der menschlichen Existenz? Ihr eigener Kopf?

Ich sagte nichts davon laut, denn Tod durch einen Cheerleader ist nicht wirklich meine bevorzugte Art zu sterben. Außerdem hatte Amber das nicht zu mir gesagt. Amber wusste gar nicht, dass es mich gab. Sie sah nur Jeb. Man konnte die roboterhaften Bewegungen ihrer Hornhäute förmlich sehen, wie sie alle nötigen Anstrengungen unternahmen, seinen Blick einzufangen.

»Ziemlich schlimm«, sagte er höflich.

»Wir fahren nach Florida?«

Sie sagte es genau so, als wäre es eine Frage.

»Da ist es bestimmt schöner«, sagte er.

»Ja, falls wir es bis dahin schaffen? Wir fahren zu den Cheerleader-Regionalwettbewerben? Was hart ist während der Feiertage? Aber wir haben Weihnachten einfach vorgezogen? Wir haben gestern schon gefeiert?«

In dem Moment fiel mir erst auf, dass alles an ihnen brandneu aussah. Glänzende Handys, auffallende Armbänder und Ketten, mit denen sie herumspielten, frisch lackierte Fingernägel und iPods, wie ich sie noch nie gesehen hatte.

Amber eins setzte sich zu uns – sie nahm sehr sorgfältig Platz, die Knie aneinandergelegt und die Füße nach außen gestellt. Die selbstbewusste Sitzhaltung von jemandem, der es gewohnt ist, von seinem gesamten Umfeld bewundert zu werden.

»Das ist Julie«, sagte Jeb und stellte mich freundlicherweise unserer neuen Freundin vor. Amber teilte mir mit, dass sie Amber hieße, und ratterte dann die Namen der anderen Ambers und Madisons runter. Es gab noch andere Namen, aber für mich hießen sie alle Amber und Madison. Ich fand, dass ich damit irgendwie auf der sicheren Seite war. Ich hatte wenigstens die Chance, richtig zu liegen.

Amber fing an zu schwatzen und erzählte uns alles über den Wettbewerb. Sie schaffte es tatsächlich, mich ins Gespräch einzubeziehen und gleichzeitig zu ignorieren. Außerdem teilte sie mir telepathisch mit – natürlich äußerst unterschwellig –, dass sie wollte, dass ich aufstand und meinen Platz für ihre Sippe frei machte. Dabei hatten sie sich ohnehin schon auf jedem verfügbaren Platz im Abteil breitgemacht. Die eine Hälfte telefonierte, die andere Hälfte machte sich über die Vorräte an Wasser, Kaffee und Cola light her.

Ich beschloss, dass ich das alles nicht unbedingt brauchte, um meinem Leben einen Sinn zu geben.

»Ich geh zurück an meinen Platz«, sagte ich.

Kaum war ich aufgestanden, verringerte der Zug so plötzlich die Geschwindigkeit, dass wir alle nach vorn geschleudert und mit heißen und kalten Flüssigkeiten übergossen wurden. Die Räder erzeugten ein kreischendes Protestgeräusch auf den Schienen und dann kamen wir zum Stehen. Ich hörte, wie überall im ganzen Zug das Gepäck von der Ablage herunterknallte, und dann fielen die Leute reihenweise um. Ich auch. Ich landete auf einer der Madisons und prallte mit Kinn und Wange gegen irgendeinen Gegenstand. Ich weiß nicht, was es war, weil in dem Moment die Lichter ausgingen, was den Schrecken noch viel größer machte. Ich fühlte, wie Hände mir auf die Beine halfen, und ich wusste auch ohne Licht, dass es Jeb war.

»Bist du in Ordnung?«, fragte er.

»Ja, ich glaube schon.«

Es flackerte und dann gingen die Lichter eins nach dem anderen wieder an. Einige Ambers klammerten sich an die Snackbar wie an eine Rettungsleine. Der Boden war mit Essbarem übersät. Jeb bückte sich und hob etwas auf, das einmal sein Handy gewesen und jetzt ordentlich in zwei Teile zerbrochen war. Er hielt es in der Hand wie ein verletztes Vogeljunges.

Es knisterte im Lautsprecher und eine Stimme ertönte, die richtig erschüttert klang – nicht der coole, überhebliche Tonfall, in dem üblicherweise die Haltestellen ausgerufen werden.

»Meine Damen und Herren«, sagte die Stimme, »bitte bewahren Sie Ruhe. Ein Schaffner geht jetzt durch die Abteile, um festzustellen, ob jemand verletzt wurde.«

Ich drückte mein Gesicht an die kalte Scheibe, um zu sehen, was passiert war. Wir standen neben einer breiten, vielspurigen Straße, einer Art Autobahn. Dahinter sah man ein gelbes Schild leuchten, das hoch über der Straße hing. Durch den Schnee war es schwer, überhaupt irgendetwas auszumachen, aber schließlich erkannte ich Farbe und Form. Es gehörte zu einem Waffelhaus. Direkt neben den Gleisen kämpfte sich ein Bahnmitarbeiter durch den Schnee und leuchtete mit einer Taschenlampe unter die Waggons.

Eine Schaffnerin riss die Tür zu unserem Abteil auf und sah jeden von uns prüfend an. Sie hatte ihre Mütze verloren.

»Was ist passiert?«, fragte ich, als sie zu uns kam. »Sieht so aus, als würden wir feststecken.«

Sie bückte sich, starrte angestrengt durchs Fenster und pfiff leise.

»Wir können nicht mehr weiterfahren, Schätzchen«, sagte sie leise. »Wir sind kurz vor Gracetown. Von hier an werden die Gleise abschüssig und sie sind total verschneit. Vielleicht kann man uns morgen früh ein paar Rettungswagen schicken. Aber genau weiß ich es nicht. Ich würde jedenfalls nicht drauf wetten. Seid ihr verletzt?«

»Mir geht’s gut«, versicherte ich ihr.

Amber eins hielt sich das Handgelenk.

»Amber!«, rief eine andere Amber. »Was ist los?«

»Es ist verstaucht«, stöhnte Amber eins. »Schlimm.«

»Das ist deine Stützhand für den Basket Toss!«

Sechs Cheerleader gaben mir zu verstehen (nicht unterschwellig), dass ich Platz machen sollte, damit sie ihrer verletzten Kollegin aufhelfen konnten. Jeb war zwischen ihnen eingeklemmt. Die Lichter wurden trüber, die Heizung knackte hörbar und es kam die nächste Lautsprecherdurchsage.

»Meine Damen und Herren«, sagte die Stimme, »wir müssen die Elektrizität ein wenig drosseln, um Energie zu sparen. Wenn Sie eine Decke bei sich haben oder Pullover, dann nehmen Sie sie bitte jetzt heraus. Wenn jemand von Ihnen eine zusätzliche Wärmequelle braucht, werden wir uns bemühen, sie zur Verfügung zu stellen. Wenn Sie mehr als eine Decke haben, geben Sie sie bitte an ihren Abteilnachbarn weiter.«

Ich sah noch einmal auf das gelbe Leuchtschild und dann zurück auf die Gruppe Cheerleader. Ich hatte genau zwei Alternativen – ich konnte entweder hier in diesem kalten, dunklen, feststeckenden Zug bleiben oder ich konnte etwas tun. Und diesen Tag, der mir mehrere Male entglitten war, vielleicht wieder in den Griff bekommen. Es musste doch möglich sein, die Straße zu überqueren und das Waffelhaus zu erreichen. Dort war es vermutlich warm und es gab genug zu essen. Einen Versuch war es jedenfalls wert und ich dachte, dass Noah der Plan gefallen hätte. Aktives Handeln. Vorsichtig bahnte ich mir einen Weg durch die Ambers hindurch zu Jeb.

»Drüben auf der anderen Straßenseite ist ein Waffelhaus«, erklärte ich ihm. »Ich geh rüber und seh nach, ob es geöffnet ist.«

»Ein Waffelhaus?«, entgegnete Jeb. »Wir müssen direkt vor der Stadt sein, an der I 40.«

»Sei doch nicht verrückt«, sagte Amber eins. »Und wenn der Zug nun losfährt?«

»Tut er nicht«, erwiderte ich. »Die Schaffnerin hat es mir gerade gesagt. Wir stecken hier die ganze Nacht lang fest. Da drüben ist es wahrscheinlich warm und es gibt was zu essen und genug Platz, um sich zu bewegen. Was sollen wir denn sonst tun?«

»Wir könnten unsere Anfeuerungsrunden proben«, schlug eine der Madisons mit dünnem Stimmchen vor.

»Willst du allein gehen?«, fragte Jeb. Ich sah ihm an, dass er gern mitgegangen wäre, aber Amber klammerte sich an ihn, als ob ihr Leben davon abhinge.

»Das geht schon in Ordnung«, sagte ich. »Es ist ja direkt gegenüber. Gib mir mal deine Telefonnummer, dann . . .«

Wortlos hielt er die beiden zerbrochenen Handyteile hoch. Ich nickte und nahm meinen Rucksack.

»Ich bin nicht lange weg«, sagte ich. »Ich muss ja wiederkommen, oder? Wo sollte ich sonst auch hin?«

KAPITEL DREI

Als ich aus dem kalten Abteilvorraum, der wegen der offen stehenden Zugtür ganz zugeschneit war, nach draußen spähte, konnte ich gerade noch die Bahnarbeiter mit ihren Taschenlampen erkennen. Sie waren ein paar Waggons weit entfernt und so machte ich mich auf den Weg.

Die eisernen Stufen waren hoch und steil und vollständig mit gefrorenem Schnee bedeckt. Außerdem betrug der Abstand zwischen Zug und Erdboden mehr als einen Meter. Die Schneeflocken fielen auf meinen Kopf, als ich auf der untersten nassen Stufe saß und mich ganz vorsichtig abstieß. Ich landete auf allen vieren im etwa dreißig Zentimeter hohen Schnee, der meine Strumpfhose durchnässte, aber sonst war alles in Ordnung. Ich musste nicht weit gehen. Wir standen nur etwa sechs Meter von der Straße entfernt. Ich musste sie nur überqueren, unter einer Überführung hergehen und dann wäre ich da. Länger als ein oder zwei Minuten konnte es nicht dauern.

Ich war noch nie zu Fuß über eine sechsspurige Autobahn gelaufen. Das hatte sich bisher nie ergeben, und wenn doch, dann wäre es mir als keine besonders gute Idee vorgekommen. Aber es waren weit und breit keine Autos zu sehen. Ich hatte das Gefühl, am Ende der Welt zu sein, am Anfang eines ganz neuen Lebens, wo die alten Regeln nicht mehr galten. Wegen des heftigen Sturms und der Schneeflocken in meinen Augen dauerte es fünf Minuten, bis ich auf der anderen Seite war. Nachdem ich die Autobahn hinter mir gelassen hatte, musste ich einen weiteren Abschnitt überqueren. Es hätte Gras sein können oder Zement oder eine weitere Straße – jetzt war es einfach nur weiß und tief. Was auch immer es war, darunter befand sich ein Bordstein, über den ich stolperte. Ich war pitschnass, als ich schließlich an der Tür ankam.

Im Inneren des Waffelhauses war es warm. Mehr noch, es war derartig überheizt, dass die Fenster beschlagen waren und die großen weihnachtlichen Fensterbilder aus Plastik, die darauf klebten, sich wellten und ablösten. Sanfter weihnachtlicher Jazz ertönte aus den Lautsprechern, ungefähr so fröhlich wie ein allergischer Schub. Es roch hauptsächlich nach Fußbodenreiniger und altem Bratfett, aber es mischte sich auch etwas anderes, Verlockendes hinein. Vor nicht allzu langer Zeit waren hier Kartoffeln und Zwiebeln gebraten worden – und das roch lecker.

Gästemäßig sah es ziemlich bescheiden aus. Von ganz hinten aus der Küche hörte ich zwei Männerstimmen, durchsetzt von klatschenden Geräuschen und Gelächter. In der hintersten Ecke des Raums hockte eine Frau, eingehüllt in eine Wolke ihres eigenen Elends. Vor ihr stand ein abgegessener Teller, der mit Zigarettenkippen übersät war. Der einzig sichtbare Angestellte war ein Typ in meinem Alter, der an der Registrierkasse Wache hielt. Sein langes Waffelhaus-Uniformhemd hing über der Hose und unter der ins Gesicht gezogenen Schirmmütze quollen stachelige Haare hervor. Auf seinem Namensschild stand DON-KEUN. Er las in einem Comic, und als ich hereinkam, leuchteten seine Augen kurz auf.

»Hey«, sagte er. »Du siehst aus, als ob dir kalt wäre.«

Gut beobachtet. Als Antwort nickte ich nur.