Talare klaut man nicht - Hans-Otto Kaufmann - E-Book

Talare klaut man nicht E-Book

Hans-Otto Kaufmann

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Beschreibung

Kommissar Seele hasst Spätschichten. Mitte fünfzig, verheiratet, eine Tochter im Studium, sucht er nach einer Möglichkeit, seine Dienstzeit in beschaulicher Umgebung ausklingen zu lassen. Der letzte Versetzungsantrag ist endlich positiv entschieden worden. In dem kleinen Kommissariat in Bad Emsstadt sind einige Schnapsleichen und Schlägereien während der vielen größeren und kleineren Karnevalsumzüge seine bisher größen Herausforderungen. Als in der Sakristei einer evangelischen Freikirche ein Schwerverletzter gefunden wird, schickt ihn sein Chef nach Groß-Vortstein, denn Steele ist evangelisch und hat gerade Bereitschaft.

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Seitenzahl: 153

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Ähnliche


Hans-Otto Kaufmann

Talare klaut man nicht

Ein kriminalistisch-humoristischer Roman aus dem freikirchlichen Milieu

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

1. KAPITEL

2. KAPITEL

3. KAPITEL

4. KAPITEL

5. KAPITEL

6. KAPITEL

7. KAPITEL

8. KAPITEL

9. KAPITEL

IO. KAPITEL

11. KAPITEL

12. KAPITEL

13.. KAPITEL

14. KAPITEL

I5. KAPITEL

16. KAPITEL

17. KAPITEL

I8. KAPITEL

19. KAPITEL

20. KAPITEL

21. KAPITEL

22. KAPITEL

23. KAPITEL

24. KAPITEL

25. KAPITEL

26. KAPITEL

27. KAPITEL

28. KAPITEL

29. KAPITEL

30. KAPITEL

31. KAPITEL

32. KAPITEL

Impressum neobooks

1. KAPITEL

„... Amen."

Mit einem wackeligen Durakkord klang die Generalprobe aus.

Neun vorwiegend ältere Damen, fünf in Ehren ergraute Herren und zwei Pastorenkinder

nahmen auf ein Zeichen des Chorleiters wieder auf ihren Stühlen Platz.

Hans-Gert Wedelhand hatte noch ein wichtiges Anliegen.

"Und bitte denkt daran, morgen pünktlich um 9.15 Uhr zum Ansingen in der Kirche zu

sein.

Dann gehen wir die Choräle noch einmal in Ruhe durch."

Um die Dringlichkeit seines Appelles zu unterstützen, erhob er sich ausnahmsweise von

seinem Stammplatz, dem Klavierhocker, und schlich um das Instrument herum auf die

Choristen zu.

"Wenn wir schon die Gelegenheit haben, in einem Synodalgottesdienst zu singen, soll-

ten wir uns möglichst nicht blamieren und einen guten Eindruck hinterlassen. Ich hoffe,

ich habe mich deutlich genug ausgedrückt. Noch Fragen?"

Erika Dedelbrink hob zögerlich die Hand.

"Ja, Erika?"

Sie setzte sich auf ihrem Stuhl zurecht.

"Was sollen wir denn anziehen?"

Erwartungsvoll schaute der Dirigent in die Runde.

"Was schlagt ihr vor?"

Er nutzte die kurze Verlegenheitspause, um Notenstapel auf dem Klavier zu ordnen.

Bassist Bruno Sandkuhl wollte nach Hause und räusperte sich.

"Ich würde sagen, wir halten es wie immer."

"Was heißt 'wie immer'?"

"Wenn wir in Gottesdiensten singen, ist es doch immer so, dass wir festlich, aber nicht

in Einheitsgarderobe erscheinen."

"Sind alle einverstanden?"

Die Chormitglieder nickten.

Damit war dieses manchmal zeitraubende Thema überraschend zügig abgehakt.

"Und vergesst nicht, jetzt sofort alle Noten mitzunehmen. Sie liegen hier auf dem

Klavier. Lasst sie aber bitte morgen früh nicht zu Hause liegen", ermahnte der Chorleiter

noch einmal die Vergesslichen unter seinen Sängern.

Er schaute auf die Uhr.

Es ging auf halb zehn zu. Die meisten machten einen sangesmüden Eindruck und daher

keine Anstalten, noch länger im fußkalten Gemeinderaum zu verweilen. Sie erhoben

sich von ihren Stühlen, pilgerten plaudernd zum Piano, suchten ihre Noten, bevor sie an

der Garderobe in ihre Wintermäntel tauchten und sich voneinander verabschiedeten.

Altistin Hannelore Feldmann öffnete die Außentür und schnupperte in die kalte

Februarluft hinaus. "Es kann Frost geben heute Nacht", murmelte sie ihrer Sangesschwester Dorothea Brinkerhoff zu.

Vorsichtig schritten sie zum Parkplatz, der auf einem freien Grundstück neben dem

Pfarrhaus völlig im Dunkeln lag.

"Hoffentlich wird es nicht glatt auf den Straßen. Wir sollten zusehen, dass wir loskom-

men, Dorle."

Sich unterhakend tasteten sie sich langsam weiter Richtung Auto.

"Ach, 'Befiehl du deine Wege' ist doch ein himmlischer Choral, nicht wahr, Dorle? Ich

singe den Bach-Satz immer wieder zu gerne."

"Mir geht es genauso, Hanne, die Melodien gehen mir manchmal die ganze Nacht nicht

aus dem Kopf."

Sie hatten das Auto erreicht, Frau Feldmann schloss die Fahrertür auf, klemmte sich hin-

ter das Steuer, lehnte sich zur Beifahrertür hinüber, entriegelte und ließ ihre langjährige

Chorfreundin einsteigen.

"Wenn nur der Tenor nicht manchmal so unrein singen würde, dann wäre es noch schö-

ner. Aber wir vom Alt, wir tun schon, was wir können, nicht wahr?"

Frau Brinkerhoff ließ sich auf dem Beifahrersitz nieder.

"Schnall dich bitte an."

Das klickende Geräusch nahm die Fahrerin zum Anlass, den Anlasser zu betätigen.

"Du hast wirklich noch ein gutes Gehör, Hanne. Ich bin immer so mit meiner Stimme

beschäftigt, dass ich gar nicht mitkriege, was die anderen singen."

Der Motor heulte auf.

"Mach dir nichts draus, Dorle", antwortete Frau Feldmann, die eine Schwäche für

humorvoll-lakonische Bemerkungen hatte. "Wir werden alle älter. Aber du weißt ja, der

Kirchenchorsänger geht so lange zur Probe, bis die Stimme bricht."

Ihre Nachbarin prustete los, während Frau Feldmann wuchtig den Rückwärtsgang rein-

krachte.

"Für mich, Dorle, ist jeder Auftritt eine neue Herausforderung. Solange ich noch klar-

komme, bin ich mit von der Partie."

"Und wenn wir die Höhe im Alt nicht mehr schaffen, werden wir eben Tenoretten",

ergänzte Frau Brinkerhoff.

"Soweit ist es noch lange nicht, Dorle."

Langsam fuhren sie vom Parkplatz herunter, winkten ohne erkennbare Reaktion anderen

Choristen zu, die ebenfalls zu ihren Autos strebten, und bogen bedächtig in die

Hauptstraße ein.

Gemeinsam mit dem Pastorensohn hatte Chorleiter Wedelhand das Klavier in die Ecke

geschoben und seine eigenen Noten in die Umhängetasche gesteckt. Er überflog und sor-

tierte einige Restexemplare, die er schnell in den Notenschrank legte.

"Kleinen Augenblick noch, wir können gleich starten", sagte er zu seinen zwei

Mitfahrerinnen, Agnes Ackermann und Hedwig Holzner, die er, wie es seine

Gewohnheit war, nach der Probe nach Hause brachte.

"Geht schon mal zum Auto vor, ich komme sofort."

Die beiden Damen nickten kurz und verschwanden im Dunkel der Winternacht.

"Haben sie schon die Lieder für den Gottesdienst?", fragte aufgeregt Werner Paselmann

den Pastor, der es sich zusammen mit seiner Frau und seinen beiden ältesten Kindern

nicht nehmen ließ, auch im Chor mitzusingen.

"Aber natürlich, das hätte ich fast vergessen", erwiderte er.

"Willst du sie denn jetzt noch haben? Es ist schon spät."

"Dann kann ich heute schon alles vorbereiten, Herr Pastor."

"Na gut, wie du willst. Ich hole sie sofort aus meinem Amtszimmer. Die müssen dort auf

dem Schreibtisch liegen."

Pastor Hans-Heinrich Knothe verschwand im Nebenraum.

Nachdem Chorleiter Wedelhand alle Chorbücher und Kopien ordentlich im

Notenschrank verstaut hatte, schloss er ab und gab der Pastorenfrau, den Kindern und

seinen Tenorsängern kurz die Hand.

"So, dann werde ich mal starten. Lest euch in einer ruhigen Minute wenigstens die Texte

der Choräle durch, dann könnt ihr euch besser auf die Noten konzentrieren", konnte er

sich nicht verkneifen, ihnen noch zuzurufen, bevor er zu seinem Auto lief.

"Ja, ja, ja, immer die Tenöre."

Norbert Leisesang fühlte sich sanft auf den Sängerschlips getreten.

"Der soll froh sein, dass er überhaupt noch welche hat", stimmte ihm sein Sangesbruder

Siegfried Kussow zu.

"Andere Dirigenten können von Glück reden, wenn sie Tenoretten finden."

Ungeduldig wartete Werner Paselmann auf den Liederzettel und zog es daher vor, kei-

nen Kommentar abzugeben

Im Gemeideraum war auch fünf Minuten später noch keine Ruhe eingekehrt. Auf

Wunsch von Frau Knothe hatten die Sänger und die Pfarrerskinder begonnen, die Stühle

an den Wänden zu stapeln, damit vor dem morgigen Großereignis noch einmal gründ-

lich durchgefegt werden konnte. Mit Besen und Kehrblech bewaffnet kam die Pfarrfrau

aus der Sakristei und machte sich an die Arbeit.

Als die letzten Stühle an der Seite standen, schaute man ihrem Putzeifer interessiert zu,

studierte die Terminübersicht an der Pinnwand oder mit Händen in den Taschen die

bekannten Bilder an den Wänden.

Auf einem großformatigen Farbposter waren aus der Vogelperspektive ein sommerli-

ches Getreidefeld und ein Bauer mit einer Sense zu sehen. Am unteren Bildrand stand in

goldenen Lettern:

DU WIRST DICH NÄHREN VON DEINER HÄNDE ARBEIT, WOHL DIR, DU HAST'S GUT.

Psalm 128,2

Gereizt machte Frau Knothe Druck.

"Hans-Wilhelm, Miriam, aus dem Weg bitte! Geht schon mal vor in die Küche. Ich

komme sofort nach."

"Was liegt denn jetzt noch an?", nörgelte ihr Sohn.

"Ihr wisst genau, dass wir noch das Geschirr für den Stehkaffee zurechtstellen müssen."

"Macht das nicht der Frauenkreis?"

"Nein. Das macht nicht der Frauenkreis."

"Kommen die morgen gar nicht?"

"Doch, aber ich habe sie erst für zehn Uhr bestellt. Sie bringen die belegten Brötchen

mit."

"Aber Mama, morgen früh ist doch auch noch Zeit!"

"Nein. Das wird sofort erledigt. Was du heute kannst besorgen, das..."

"..verschieb' getrost auf morgen", variierte routiniert die Tochter.

"Werd' nicht noch aufsässig, Miriam! Morgen ist vor dem Gottesdienst genug Hektik.

Wollt ihr lieber gleich auf eure Zimmer?"

"Es ist doch noch gar nicht so spät", maulte die Älteste.

"Keine Diskussionen jetzt! Gehorcht eurer Mutter und dann ab ins Bett!", meldete sich

Pastor Knothe, der mit dem Liederzettel in der Hand herein gerauscht kam. Die letzten

Sätze des Wortwechsels hatte er mitbekommen. Anlass für ihn, seine Kinder in ver-

nehmlichem Ton zu ermahnen.

"Und keine Widerrede bitte! Wir haben hier noch einiges zu besprechen."

Vor seinen halbwüchsigen Kindern hatte er sich in voller Lebensgröße aufgebaut und

schaute sie mit Autorität heischendem Blick an.

Hans-Wilhelm und Miriam schienen wenig beeindruckt.

"Los, kommt mit!"

Frau Knothe, die Kehrblech und Besen wieder in die Sakristei gebracht hatte, schob die

nörgelnden Kinder vor sich her in die Küche.

"So, hier sind die Lieder. Ich hab' mir noch eine Abschrift gemacht."

"Vielen Dank, Herr Pastor."

Begeistert nahm Werner Paselmann den Zettel in Empfang und verschwand, seines

Küsteramtes waltend, in Richtung Sakristei.

"Kommt doch mit in mein Amtszimmer. Dort sprechen wir in Ruhe alles durch. Es wird

auch nicht zu lange dauern."

Norbert Leisesang und Siegfried Kussow schlenderten hinter dem Pastor her in den

Nebenraum.

2. KAPITEL

... Ich hasse Spätschichten ... Ich hasse Spätschichten … Ich hasse Spätschichten …

Immer wieder leierte Kommissar Knut Steele diesen Satz herunter, während er lustlos

Daten in seinen PC einspeicherte.

Das Kommissariat lag im zweiten Stock des Polizeigebäudes von Bad Emstadt. Ein

Altbau, der erst vor einem Jahr generalsaniert wurde. Moderne Stahlschränke, elegante

Schreibtische, ergonomisch konstruierte Stühle, neueste Telefon- und Computeranlagen

ergaben im Zusammenspiel mit hohen, hellen Räumen und zum Teil noch stuckbelas-

senen Decken eine gelungene Verbindung von Alt und Neu.

Knut Steele bediente seine Tastatur und biss gelegentlich ein Stück vom Schokoriegel

ab.

Mitte fünfzig, verheiratet, eine Tochter im Studium, angegrautes Haar, halbwegs trai-

nierte Figur trotz Bauchansatz, war er erst vor einem halben Jahr auf eigenen Wunsch

auf diese Dienststelle versetzt worden. Aufgewachsen in einem kleinen norddeutschen

Dorf, zog er mit seinen Eltern zweimal in andere Bundesländer um, sammelte lange

Jahre in einer Großstadt kriminalistische Erfahrungen, wenn auch eher am

Büroschreibtisch als auf dem heißen Asphalt, und suchte dann nach einer Möglichkeit,

seine Dienstzeit in etwas beschaulicherer Umgebung ausklingen zu lassen. Es hatte sich

als schwierig herausgestellt, eine Stelle in einem kleineren Kommissariat zu ergattern.

Fast zwei Jahre lang versuchte Steele vergeblich, sich versetzen zu lassen. Der

Dienstweg war lang, unübersichtlich und hindernisreich, immer wieder fanden sich

Gründe, seine Anträge abzulehnen. Der letzte war endlich positiv beschieden worden.

Seine erste, allerdings harmlose, Bewährungsprobe an neuer Wirkungsstätte hatte er vor

einigen Wochen bestanden, als sich in verschiedenen größeren und kleineren Orten der

Umgebung Karnevalszüge durch die engen Straßen quälten. Viele Aktivisten und

Schaulustige konnten dem hohen Erwartungsdruck und den niedrigen Temperaturen nur

mit mehr oder weniger, meistens mehr, Alkohol standhalten. Das Ergebnis war zwar

nicht Mord und Totschlag, aber einige Schnapsleichen, versuchte Vergewaltigungen und

Kneipenschlägereien mit Körperverletzungen hatten bei den Ordnungshütern für ein

unruhiges Wochenende gesorgt. Nun wusste Knut Steele auch, wo sich die

Ausnüchterungszellen befanden.

... Warum können nicht ein paar Sekretärinnen mehr eingestellt werden? ... Dieser

ewige Bürokram! ... Wenn ich mir vorstelle, dass andere seit Stunden Feierabend haben

und vor der Glotze hocken! ... Na ja, Dienst ist Dienst ... Ich hasse Spätschichten ... Es

gibt doch Sinnvolleres, als die Zeit mit Berichten und Statistiken totzuschlagen? ... Da

steckt doch System dahinter! ... Pass auf, Knut, du...

"Du bist doch evangelisch, oder?"

Er zuckte zusammen.

Hinter ihm stand sein Chef Theo Flachkötter und blies ihm eine Zigarettenwolke in den

Nacken.

"Seit wann interessierst du dich für meine Konfession?", stotterte Steele und drehte sich

um.

"Es könnte für deinen nächsten Fall von Bedeutung sein, oder gehst du nicht mehr in die

Kirche?"

"Na ja, ... sagen wir`s mal so ..."

"Keine Ausflüchte, bitte. Machen wir`s kurz", unterbrach Flachkötter, "wir haben eben

einen Anruf von den Kollegen aus Groß-Vortstein bekommen."

"Groß-Vortstein?"

"Netter, kleiner Ort, wirst du bald kennenlernen. In der Sakristei einer evangelischen

Kirche ist ein Schwerverletzter gefunden worden ..."

"Moment, Sakristei?", versuchte Steele einzuwerfen.

"Was das ist, wirst du bei deinem Intelligenzquotienten schon rauskriegen."

"Sehr witzig, weißt es wohl selber nicht, was?"

"Lass mich bitte ausreden, Knut. Es sieht nach versuchtem Mord oder Raubmord aus.

Die Kollegen bitten daher uns um Amtshilfe. Sie nehmen dich dort in Empfang. Stell'

den PC ab und kümmere dich mal um die Sache."

"Kann das wirklich kein anderer übernehmen?"

"Red' dich nicht raus. Klostermann bleibt hier, macht die Stallwache."

Knut Steele schluckte.

"Wo soll es sein?"

"In Groß-Vortstein."

"Das habe ich bereits mitgekriegt. Aber wo da?"

Der Chef schien kurz angebunden und sog hastig an seiner Zigarette.

"Hier ist die Anschrift."

Flachkötter drückte seinem Untergebenen einen Zettel in die Hand und verschwand so

schnell wie er gekommen war Richtung Tür.

"Gute Fahrt und halte mich auf dem Laufenden."

Weg war er.

... Ich hasse Spätschichten! Entweder ist gar nichts los oder es wird sofort hektisch...

Steele schaute auf den Zettel: SENK, Krümelkämpe 7, Groß-Vortstein.

... Was ist das denn für ein Verein? ...

Verwirrt schaltete er den PC aus, zog seinen Mantel über, schob den Rest vom

Schokoriegel in den Mund und ging zu seinem Dienstwagen in der Tiefgarage.

... Volltreffer ... Da haben sie den Bock zum Gärtner gemacht! ... Nur, weil ich evange-

lisch bin, bin ich dran? ... Dass ich nicht lache! ... Alles Vorwände! ... Nur, weil ich

Spätschicht habe, bin ich dran! ... Sind die etwa alle katholisch? ... Die gehen bestimmt

nicht häufiger zur Kirche als ich ... Ich wüsste nicht, dass ich jemals in kirchlichen

Kreisen ermittelt hätte ... Kann mich beim besten Willen nicht erinnern ... Dass so etwas

überhaupt in diesen Kreisen vorkommt: Gewalttaten, Verletzte, Tote!? ... Die Kirche ist

doch immer erst nach Mord und Totschlag an der Reihe, nicht vorher! ... Das ist schon

ziemlich ungewöhnlich ... Andererseits sind es auch nur Menschen wie du und ich, ob

nun evangelisch oder katholisch.... Lass dich überraschen, Knut... Und behalt 'nen kla-

ren Kopf ...

3. KAPITEL

Nach zwanzig Minuten Autofahrt hatte er den Ort erreicht.

... Wie heißt die Kirche nochmal? ... Ist gerade gemütlich warm in meinem Auto ... Hab'

eigentlich keine Lust, bei der Kälte auszusteigen... Da! ... Eine Tankstelle ... Mal anhal-

ten ... Die müssen es wissen ... Gar keine Bedienung hier? ... Gehen auf Nummer sicher

... Gegensprechanlage ... Sicherheitsglas ... Wie in einer Bank ... Haben vielleicht mal

schlechte Erfahrungen bei einem Überfall gemacht ... Aussteigen...

"Sagen sie, wie komme ich am schnellsten zur SENK-Kirche?"... Der scheint mich gar

nicht zu bemerken ... Mikrophonanlage nicht eingeschaltet? ... "Wissen sie, wo die

SENK-Kirche ist?“... Aha, er merkt, dass ich mit ihm spreche... "Krümelkämpe!!" ...

"Was du wollen?“... Der hat aber 'ne lange Leitung ... "Wo finde ich die SENK-Kirche,

Krümelkämpe?" ... Scheint nur Bahnhof zu verstehen ... "Ich Aushilfe, was du wollen?"

... Hat keinen Sinn ... "Geben sie mir einen Schokoriegel!“... Das hat er verstanden...

Ab ins Auto ... Weiterfahren ... Ein Ehepaar ... Spaziergänger ... Bei der Kälte! ...

Anhalten ... Rechts ran ... Scheibe runter kurbeln...

"Können sie mir sagen, wo ich die SENK-Kirche finde?“... "Wie soll die heißen?“...

"SENK!“... "Nie gehört. Du, Elfriede?" ... "Moment ... Ist das nicht `ne evangelische?"

... "Ja, eine evangelische, liegt in der Krümelkämpe.“... "Moment, Karl, das ist doch die

beim Bäcker" ... "Bei welchem Bäcker?" ... "Na, bei Faltermeyer um die Ecke" ... "Da

ist 'ne Kirche?" ... "Das ist doch die andere evangelische, Karl ... Also ... Da fahren sie

jetzt an der nächsten Kreuzung rechts ab, dann links, dann wieder links und dann wie-

der rechts, dann sind sie da" ... "Danke."

Es war die falsche.

Nach weiteren zehn Minuten Fragerei und Sucherei bog Kommissar Steele langsam in

die Krümelkämpe ein und sah hinter einem alten VW-Polo den Polizeiwagen auf dem

Parkstreifen stehen. Bei Dunkelheit und leichtem Nebel war von der Kirche nicht viel zu

erkennen. Vorsichtig stieg er aus, ging zum Streifenwagen, in dem ein telefonierender

Kollege saß, dann schritt er weiter auf eine spärlich beleuchtete Eingangstür zu. Kaum

hatte er sie geöffnet, wurde er von einem Polizisten begrüßt.

"N' Abend. Sie sind der Kollege von der Mordkommission?"

Steele nickte.

"Oskar Beller."

Sie gaben sich die Hand.

"Kommen sie doch sofort mit zum Tatort."

Fast im Laufschritt durchmaßen sie den geräumigen Flur.

Vor der Tür zur Sakristei stoppte der Polizist.

"Der Verletzte ist natürlich längst ins Krankenhaus gebracht worden."

"Was ist ihm denn passiert?"

" Zwei schwere Kopfverletzungen.“

"Vernehmungsfähig?"

"Nein. Er war bewusstlos. Frühestens morgen Vormittag werden sie etwas aus ihm her-

ausbekommen. Der Notarzt ist mitgefahren. Er wird ihnen einen Bericht zukommen

lassen."

"Wo ist es genau passiert?"

"Hier in der Sakristei."

Beller öffnete behutsam die Tür, als ginge es in den Tresorraum der Schweizer Bank.

Steele hatte Gelegenheit, sich umzuschauen.

... Das also ist eine Sakristei...

... Sieht aus wie in einer Rumpelkammer ... Eine Art Miniküche mit Einbauschränken

Ein schlichter Resopaltisch, darauf ein Bierkasten und mehrere Notenständer ... Tür

zu einem Nebenraum ... Oberlicht voller Spinnweben ... Offener, niedriger Schrank mit

merkwürdigen Handtüchern, Bastel- und Malsachen ... Wer ist denn das? ... Vergoldeter

Holzrahmen, neben dem großen Schalterkasten. ... Das Portrait eines Mannes, der so

etwas wie eine Baskenmütze trägt ... Er lächelt sympathisch, bartlos ... Daneben auf

gleicher Höhe ein Rasierspiegel in dunkelroter Plastikfassung ... An einem Nagel ein

Kleiderbügel ...Ein Kruzifix an der einen Wand, an der anderen ein gerahmter Spruch:

ICH HABE MICH MÜDE GESCHRIEN

MEIN HALS IST HEISER.

MEINE AUGEN SIND TRÜBE GEWORDEN,

WEIL ICH SO LANGE HARREN MUSS AUF MEINEN GOTT.

Psalm 69,4

"Wohin führt die andere Tür?"

"In den Gemeinderaum."

"Haben sie den Namen des Verletzten?"

"Werner Paselmann."

"Angehörige?"

"Er lebt allein. Wohnt aber im gleichen Haus wie sein Bruder. Der ist bereits informiert

worden."

"Und wie hat man sich den Tathergang vorzustellen?"

"Da fragen sie am ..."

Sie vernahmen schwere Schritte aus dem Flur. Ein Hüne von mindestens zwei Metern

Körpergröße schritt langsam und händeringend auf die Polizisten zu.

'wenn man vom Pastor spricht, dann kommt er', dachte Oskar Beller.

"Das ist der Pastor der Gemeinde", flüsterte er.

"Hab' ich mir fast gedacht", raunte Steele.

"Er hat den Verletzten gefunden und uns angerufen. Er kann ihnen alles erzählen.

Brauchen sie mich noch? Mein Kollege wartet im Auto auf mich."

"Eigentlich nicht. Aber sagen sie, ist etwas entwendet worden? Man sagte mir, dass auch

ein versuchter Raubmord nicht auszuschließen sei."

"Ja, stimmt, es fehlen der Talar und die Abendmahlsgeräte."

"Merkwürdig!..."

Steele grübelte.

"Der Talar ist doch das, was der Geistliche immer im Gottesdienst anhat, oder?"

"Kann man so sagen."

"Irgendwelche Hinweise auf ein Tatwerkzeug?"

"Komplette Fehlanzeige. "

"Spuren?"

"Nur von Schuhen, aber ziemlich unbrauchbar."