Tarakona - J. T. Sabo - E-Book

Tarakona E-Book

J. T. Sabo

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Beschreibung

Seit der Bruder des Dunkelelfenherrschers die Macht an sich gerissen hat, ist das empfindliche Gleichgewicht zwischen Licht und Dunkel in Tarakona gestört und die Finsternis breitet sich unaufhaltsam aus. Die Lichthalbelfe Rebecca und der Dunkelhalbelf Hartron, sind die einzigen, die den Lauf des Schicksals ändern können. Aber wird es ihnen gelingen, die Feindschaft zwischen ihren Völkern zu überwinden, um gemeinsam für das Wohl Tarakonas zu kämpfen?

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Tarakona

Schattenlicht

J.T. Sabo

Copyright © 2017by

Astrid Behrendt

Rheinstraße60

51371 Leverkusen

http: www.drachenmond.de

E-Mail: [email protected]

Lektorat: Alexandra Fuchs

Korrektorat: Michaela Retetzki

Layout: Michelle N. Weber

Umschlagdesign: Marie Graßhoff

Bildmaterial: Shutterstock

ISBN 978-3-95991-119-1

Alle Rechte vorbehalten

Für meine Schwester Tatjana.

Ich hab dichlieb.

Inhalt

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Danksagung

Über die Autorin

Bücher von J.T. Sabo

Prolog

Hartron trat durch die riesige Flügeltür ins Freie. Schlagartig verkrampfte sich sein Magen und der Mund wurde ihm staubtrocken. Er schluckte ein paar Mal, was ihm aber keine Linderung verschaffte. Ganz im Gegenteil breitete sich jetzt auch noch Kälte in seinem Körper aus und ließ ihn zittern. So viele Augen und alle starrten ihn an. Sein erster Impuls war, umzudrehen und in Mutters Arme zu flüchten, doch er unterdrückte ihn. Immerhin war er schon fünf und kein kleines Kind mehr, das sich hinter Mamas Rocksaum verkroch, auch wenn er sich im Moment nichts sehnlicher wünschte. Sein Blick huschte über die anwesenden Krieger, die entlang des Weges dafür sorgten, dass die Schaulustigen nicht näher vorrücken konnten. Keines der Gesichter kam ihm bekannt vor. Dann entdeckte er ganz hinten, als Letzten in der Reihe, Rudok. Der junge Dunkelelfenkrieger wurde häufiger als sein Aufpasser abkommandiert und Hartron mochte ihn, sehr sogar. Rudok zwinkerte aufmunternd und sofort ging es ihm besser. Er nahm allen Mut zusammen und setzte einen Fuß vor den anderen, bis er das Podest erreicht hatte. Die Stufen schienen unüberwindlich, doch mit ein wenig Willenskraft stand er schließlich oben. Da lag es. Nachtschwarz mit einem Perlmuttschimmer, gebettet auf ein rotes Samtkissen. Das Drachenei. Er streckte die Hand aus und berührte mit zitternden Fingern die Schale. Erwartungsvolle Stille senkte sich herab und zerrte an den Nerven. Die Zeit schien dahin zu tröpfeln, während seine Ungeduld wuchs. Doch nichts geschah. Die Schale blieb makellos. Aber das durfte nicht sein. Es müssten Risse entstehen und der Drache sollte schlüpfen. Doch er tat es nicht. Tränen stiegen empor, verengten ihm die Kehle. Tapfer schluckte er sie hinunter.

Schon fingen die Ersten an zu tuscheln. Immer mehr Stimmen erhoben sich, bis die Menge schließlich wild durcheinander sprach. Was gesagt wurde, verstand er im Einzelnen nicht, aber zwei Worte drangen immer wieder an sein Ohr. Halbblut. Unwürdig.

Die Kehle schnürte sich ihm noch mehr zu und er bekam kaum noch Luft. Er hatte die Worte schon oft hinter vorgehaltener Hand gehört. Doch niemand hatte es gewagt, sie laut auszusprechen. Bis jetzt. Er war der erste Thronerbe, der, seit das Bündnis mit den Drachen bestand, von diesen als unwürdig erachtet wurde. Er war eben kein reinrassiger Dunkelelf und somit nicht gut genug für die Krone. Plötzlich stand sein Vater neben ihm, hob ihn auf den Arm und eilte mit ihm ins Schloss. Vor dem privaten Audienzzimmer ließ er ihn runter. Schmerz und Enttäuschung standen deutlich in Vaters Gesicht geschrieben.

»Verdammt, Taladir! Du dämlicher, sturerEsel!«

Mit großen Augen schaute Hartron auf. Noch nie hatte er Mutter in diesem Ton mit Vater reden hören. Energisch schob Vater sie ins Audienzzimmer und schloss die Tür. Dennoch hörte Hartron sie streiten. Zum ersten Mal, seit er denken konnte. Noch nie war zwischen ihnen ein lautes Wort gefallen. Und er war schuld. Er ganz allein. Die Tränen, die er so tapfer zurückgehalten hatte, brachen jetzt hervor, nahmen ihm die Sicht. Er war minderwertig. Unwürdig. Nur ein Halbblut und eine Enttäuschung für seinen Vater. Hartron rannte davon. Versteckte sich im hintersten Winkel des Schlosses. Stundenlang weinte er, bis keine Tränen mehr kamen. Die Nacht hatte sich bereits über das Schloss gesenkt, als er wieder aus dem Versteck kroch. Eine unheimliche Stille lag über den Fluren und nirgendwo brannten die Kerzen in den Lüstern. Nur das silberne Mondlicht fiel durch die Fenster und spendete ein wenig Licht. Auf leisen Sohlen schlich Hartron zum privaten Audienzzimmer und öffnete vorsichtig die Tür. Erleichtert atmete er auf. Hier war es wenigstens hell. Er ging hinein und erstarrte. Am Boden lagen Vater und Mutter inmitten einer Blutlache. Quer über ihren Kehlen klaffte ein Schnitt, aus dem das Leben entwichen war. Er hörte jemand schreien. Es dauerte ein Weilchen, bis er realisierte, dass er selbst es war. Abrupt drehte er um und prallte gegen einen Körper. Hände packten ihn. Das Gesicht seines Onkels schob sich ins Blickfeld.

»Hab ichdich.«

Kapitel1

»Bei allen heiligen Drachen, Veit, ich versteh dich nicht!«

Rebeccas Hand verharrte auf der Türklinke, als sie die ungehaltene Stimme von Lil durch die Tür dringen hörte. Na, das hatte nicht lange gedauert. Tante Lil war erst gestern Abend angekommen und bereits heute stritt sie mit Vater. Und das noch vor dem Frühstück. Dabei hatte sie gehofft, die beiden würden sich vertragen, so wie früher. Sie vermisste ihre Tante schrecklich. Seit sie denken konnte, war Lil regelmäßig zweimal im Jahr für vier Wochen zu Besuch gekommen. Das hatte sich vor drei Jahren schlagartig geändert. Weshalb? Keine Ahnung, sie wusste nur, dass ein heftiger Streit vorausgegangenwar.

»Warum kannst du das nicht verstehen?«, hörte Rebecca jetzt die aufgebrachte Antwort ihres Vaters. »Ich will nicht, dass Skandis von Rebeccas Existenz erfährt und einen Haufen verdammter Dunkelelfen auf sie ansetzt.«

Wieso, bei Tarakonas dreizehn Höllenpforten, sollte der Herrscher das tun? Wie kam Vater auf eine solch abstruse Idee? Um Skandis’ Interesse zu wecken, war sie zu unbedeutend. Nur die Tochter eines einfachen Mannes, von der kaum jemand Notiz nahm oder wusste. Dafür lebten Vater und sie viel zu sehr wie Einsiedler. Ihr Hof lag fernab von allem. Mitten im Nirgendwo. Man brauchte drei Stunden mit dem Pferd, um ins nächste Dorf zu gelangen.

»Das ist nicht deine Entscheidung, sondern Rebeccas.«

»Aber ich bin ihr Vater und für sie verantwortlich.«

»Blödsinn. Rebecca ist achtzehn und somit volljährig. Sie kann allein bestimmen, was sie tunwill.«

»Nicht in dieser Angelegenheit. Rebecca hätte keine Ahnung, in welche Gefahr sie sich begeben würde.«

»Glaubst du nicht, sie würden alles daransetzen, Rebecca zu beschützen?«

Von wem war jetzt die Rede? Eigentlich sollte sie sich bemerkbar machen, denn Lauschen war nicht die feine Art, aber die Neugierde war stärker und verdrängte das schlechte Gewissen.

»So wie sie Iridis schützten?«

»Das ist nicht gerecht.«

»Glaubst du, es war gerecht, dass ich plötzlich mit einem vierjährigen Kind allein dastand?«

»Du bist nicht der Einzige, der bei dieser Schlacht einen Verlust erlitten hat. Auch ich habe meinen Mann verloren und trotzdem habe ich unsere Sache nicht verraten.«

»Ich habe sie nicht verraten, sondern mein Kind in Sicherheit gebracht. Und jetzt will ich nichts mehr darüber hören. Wenn du mit meiner Entscheidung nicht einverstanden bist, steht es dir frei, mein Haus zu verlassen.«

»Veit …«

»Kein Wortmehr.«

Das klang unerbittlich. Noch nie hatte Vater in einem solchen Ton gesprochen. Als wäre er ein völlig anderer Mensch.

Die Tür wurde aufgerissen und Rebecca stolperte ins Zimmer, da sie die Hand nicht schnell genug von der Klinke genommen hatte.

»Rebecca!«, entfuhr es Lil erschrocken.

Rebecca startete den Versuch eines unschuldigen Lächelns, was anscheinend misslang.

»Hast du etwa gelauscht?«, wollte ihr Vater in strengem Tonfall wissen.

Sollte sie die Wahrheit sagen? Vielleicht war es besser, ein wenig zu flunkern und zu behaupten, soeben erst gekommen zu sein. »Ich …«,  setzte sie an, doch weiter kam sie nicht.

Ihr Vater hob einhaltgebietend die Hand, während er ans Fenster trat und die Gardine ein Stück zur Seite schob. »Drachendreck, verdammter!«

Rebecca zuckte zusammen. Seit wann fluchte Vater?

Tante Lil eilte zu ihm ans Fenster. »Was gibt’s, Veit?«

Rebecca reckte den Hals, um einen Blick nach draußen zu werfen, konnte aber nichts erkennen. Doch dann hörte sie es. Ein Donnern, das immer lauter wurde. Lil entfuhr ein Keuchen.

»Schnell«, rief Vater und ließ die Gardine fallen, »ins Versteck.«

Fragend blickte Rebecca von einem zum anderen. »Wer kommtdenn?« 

»Krieger des Herrschers«, antworteteLil.

Rebeccas Knie wurden weich und in ihrem Magen breitete sich ein flaues Gefühl aus. Krieger des Herrschers? Hier? Reglos stand sie da, unfähig auch nur einen Muskel zu rühren. Lil packte ihre Hand und zog sie mit sich die Treppe hinauf in Vaters Schlafgemach. Dort riss ihre Tante die Türen des Kleiderschrankes auf, schob Vaters Hosen beiseite und betätigte den verborgenen Mechanismus. Die Rückseite des Schrankes öffnete sich und gab den Blick auf die dahinterliegende Vertiefungfrei.

»Los, rein mitdir.«

Rebecca gehorchte und kletterte durch den Schrank in die Nische. Lil folgte, drehte sich im Kleiderschrank um und zog die Türen zu. Sofort wurde es stockdunkel. Die Kleiderbügel wurden zurück an ihren ursprünglichen Platz geschoben, kurz darauf rastete der Mechanismus der verborgenen Tür ein. Lils Hand tastete an Rebeccas Arm entlang nach oben über die Schulter, dann drückte Lil sie dicht an sich. Rebecca ließ den Kopf auf die Schulter ihrer Tante sinken. Ihr Herz hämmerte wie wild gegen die Rippen und das Blut rauschte ihr laut in den Ohren.

Schon bald polterten schwere Stiefel durchs Haus, schienen überall zu sein. Jetzt betraten ein paar das Schlafgemach. Kamen immer näher. Quietschend schwangen die Schranktüren auf. O heiliger Drache, man würde sie finden. Rebeccas Herz schlug so laut wie eine Trommel. Das konnte unmöglich überhört werden. Die Spitze eines Schwertes schrappte über das Holz des Schrankbodens. Dann entfernten sich die Schritte. Lil löste sanft, aber bestimmt Rebeccas Fingernägel, die sie in den Unterarm ihrer Tante gekrallt hatte. Das musste schmerzhaft gewesen sein. Doch aus Angst, gehört zu werden, brachte Rebecca keinen Ton hervor, obwohl eine Entschuldigung angebrachtwäre.

Stille breitete sich aus. So angestrengt Rebecca auch lauschte, außer ihren beiden Atemzügen war nichts zu hören. Langsam wurde die Stille erdrückend, zerrte genauso an ihr wie zuvor die schweren Schritte. Wenn sie nur sehen könnte, was draußen vor sichging.

»Ich glaube, sie sind weg«, flüsterteLil.

»Meinst du? Ich weiß nicht recht. Vielleicht sind sie imHof.«

»Das werden wir gleich wissen.«

»Nicht. Wir sollten warten, bis Vater uns holen kommt.«

Doch ihr Einwand kam zu spät. Die Schrankwand schwang bereits auf und Lavendelduft und Licht fluteten in die Nische. Vorsichtig lugte Lil ins Zimmer, bevor sie das Versteck verließ. Auf Zehenspitzen schlich ihre Tante zum Fenster und spähte hinunter in den Hof. »Den Drachen sei Dank«, rief sie. »Sie sindweg.«

Rebecca stieß geräuschvoll die Luft aus den Lungen. Dass sie den Atem angehalten hatte, war ihr bis eben überhaupt nicht bewusst gewesen. Sie verließ das Versteck, blieb jedoch wie angewurzelt mitten im Zimmer stehen. Wenn die Krieger wieder fort waren, wieso war Vater dann nicht nach oben gekommen, um Bescheid zu geben? Hatten die Krieger ihn verletzt oder niedergeschlagen? Rebecca wirbelte herum und stürmte aus dem Zimmer. Sie flog die Stufen hinab, dabei rief sie immer wieder nach ihm. Doch es kam keine Antwort. Hastig durchsuchte sie die Zimmer, die allesamt leer waren. Das gab’s nicht. Irgendwo musste Vater stecken.

»Ich glaube, sie haben Veit mitgenommen«, flüsterte Lil hinter ihr tonlos.

Nein! Das durften sie nicht. Rebecca riss die Haustür auf und rannte in den Hof. Kurz vor den Stallungen erwischte Lil sie am Arm. »Wo willst duhin?«

»Vater suchen.« Ihre Stimme brach. Tränen lösten sich aus ihren Augenwinkeln und nässten die Wangen.

Lil schüttelte den Kopf. »Kind, du kannst nicht Hals über Kopf davonstürmen.«

»Ich muss ihn suchen. Ich kann nicht rumsitzen und Däumchen drehen.« Was sie tun sollte, wenn sie die Krieger fand, wusste sie selbst nicht. Aber einfach abzuwarten lag ihr nicht. Vielleicht konnte sie die Situation aufklären. Immerhin handelte es sich um ein Missverständnis, einen Fehler, einen grausamen Irrtum.

Ein mitfühlender Blick traf sie, und als könnte Tante Lil Gedanken lesen, sagte sie: »Und was ist, wenn du deinen Vater gefunden hast? Willst du zu den Kriegern gehen und sagen: ›Tut mir leid, das muss ein Missverständnis sein.‹ Was, glaubst du, tun sie? Veit gehen lassen? Ich sag dir, was sie machen. Sie legen dich in Ketten und werfen dich ins nächstbeste Verlies. Meinst du, damit ist deinem Vater geholfen?«

Sie setzte zu einer Erwiderung an, schloss den Mund aber wieder. Tante Lil hatte recht. Laut ausgesprochen klang ihr Plan mehr als idiotisch. »Was soll ich machen? Ich kann ihn nicht im Stich lassen.«

»Das sollst du auch nicht. Aber wir müssen klug vorgehen und nicht einfach losstürmen.«

»Was schlägst duvor?«

»Wir packen ein paar Sachen, dann suchen wir Freunde von mir auf. Sie können uns bei der Suche helfen.«

Rebecca nickte und folgte Lil zurück zum Haus. Sie brauchten nicht lange mit packen und so standen sie kurz darauf wieder im Hof. »Geh und sattele die Pferde.«

»Und was machstdu?«

Lil deutete ein Lächeln an. »Ich öffne die Gatter, damit das Vieh hinauskann.«

»Du kannst doch nicht einfach unsere Tiere freilassen.«

»Sollen sie vielleicht qualvoll verenden?«

»Aber …«

»Rebecca, es ist niemand da, der sie versorgen könnte. So bekommen sie wenigstens eine Chance zu überleben. Oder hast du gedacht, wir wären morgen wieder zurück?«

Sie hatte überhaupt noch keinen Gedanken daran verschwendet, wie lange sie unterwegs sein würden oder wohin ihre Tante wollte. Irgendwie hatte sie angenommen, Lils Freunde lebten im nahegelegenen Dorf. Was aber anscheinend nicht der Fall war. Als Nächstes käme Ignis Urbs, die legendäre Feuerstadt, infrage. Tarakonas größter Handelsmarkt war dort beheimatet. Doch die befand sich sechs Tagesritte von hier entfernt. Alle anderen Städte oder Dörfer lagen noch wesentlich weiter weg. Mit anderen Worten, das Vieh freizulassen, war wohl das Beste, was sie für die Tiere tun konnten. Also nickte Rebecca, dann wandte sie sich zum Stall. Als sie mit den Pferden nach draußen kam, hatte Lil sämtliche Verschläge geöffnet und das Vieh hinausgescheucht. Schweigend schwangen sie sich in die Sättel. Lil führte Vaters Braunen am Zügel, auf dessen Rücken die Bündel gepackt waren. Rebeccas Blick schweifte zum Abschied über das Anwesen. Ein komisches Gefühl bemächtigte sich ihrer. Als sehe sie ihr Heim heute zum letzten Mal. Unsinn. Sobald Vater frei war, würden sie nach Hause und in die Normalität zurückkehren.

Kapitel2

Hartrons Blick schweifte über die Grasebene. Was für eine trostlose Gegend. Soweit das Auge reichte, nur vertrocknete Halme. Nicht ein schattenspendender Baum, nur hin und wieder ein dürrer Busch. Den ganzen Tag brannte die Sonne erbarmungslos vom Himmel und trieb den Schweiß aus sämtlichen Poren. Das einzig Positive an der Landschaft, niemand konnte sich ungesehen anschleichen und so ging die Gefahr eines Hinterhaltes gegen null. Was aber nicht hieß, dass er an Wachsamkeit verlieren durfte. Immerhin hatte er den Fang der letzten beiden Jahrzehnte gemacht und die Rebellen würden das nicht einfach hinnehmen. Der Herrscher war hocherfreut gewesen, als er ihm über die transportable Informationskristallkugel die Nachricht übermittelt hatte, dass er Janusch, das Oberhaupt der Riesen, und den Zwergenkönig Tumbik gefangen genommen hatte. Es war reiner Zufall gewesen, der es ihm ermöglicht hatte, die beiden festzusetzen. Natürlich hatte er das Skandis nicht verraten. Eigentlich sollte er Lil Silvam fangen. So zumindest hatte sein Befehl gelautet, als er aufgebrochen war. Dass es ihm nicht gelungen war, die Frau aufzuspüren und in Gewahrsam zu nehmen, war ein Wermutstropfen. Aber da sie nur ein unbedeutendes Glied in der Rebellenkette darstellte, machte er sich deshalb nicht allzu große Sorgen. An ihrer Stelle hatte er ihren Bruder mitgenommen und aus ihm würde er schon Lil Silvams Aufenthaltsort herauskitzeln. Sollte Veit Silvam wider Erwarten nichts preisgeben, eignete er sich hervorragend als Köder. Es war also nur eine Frage der Zeit, bis sie in seinem Netz zappelte.

Hartron warf einen Blick zum Horizont. Die Sonne stand bereits tief und verfärbte sich zu einem glutroten Ball. Nicht mehr lange und der Mantel der Dunkelheit würde sich über ihnen ausbreiteten. Sie sollten rasten, die Männer waren erschöpft und verdienten eine Pause.

»Soll ich das Lager aufschlagen lassen, Milord?«, fragte Rudok in seine Gedanken hinein.

Er nickte. Wie immer besaß Rudok ein untrügliches Gespür dafür, was er wollte. Wie der Dunkelelfenkrieger das anstellte, blieb ihm ein Rätsel. Aber wenn er ehrlich war, wollte er es auch gar nicht wissen. Denn dann müsste er zugeben, dass zwischen ihnen ein tiefes Band der Freundschaft existierte, dessen Anfang sie vor langer Zeit geknüpft hatten, als die Welt noch in Ordnung gewesen war. Doch das konnte er nicht. Weil er dann generell Gefühle eingestehen müsste und das durfte er unter gar keinen Umständen. Gefühle waren schlecht. Egal welcher Art. Sie gaben zu viel von einem preis und machten angreifbar. Das hatte er auf die harte Tour gelernt. Skandis hatte ihm sämtliche Gefühle ausgetrieben. Gründlich. Die erste Lektion hatte er kurz nach dem Tod seiner Eltern erhalten, als er es gewagt hatte, Skandis Onkel zu nennen. »Ich bin der Herrscher und so wirst du mich gefälligst ansprechen, du kleiner Bastard.« Skandis hatte seine Worte mit Peitschenschlägen unterstrichen. Danach hatte Hartron wochenlang mit dem Tod gerungen, da sich die Striemen entzündet hatten. Rudok war der einzige gewesen, der sich seiner angenommen und ihn gesund pflegt hatte. Wenn er nicht gewesen wäre, hätte er es nicht überlebt. Warum musste er ausgerechnet heute ständig an die Vergangenheit denken? Das hatte angefangen, als er am Morgen Silvam zum ersten Mal gegenübergestanden hatte. Eine Erinnerung aus längst vergangenen Tagen, als er noch ein unbeschwerter Knabe gewesen war, hatte sich da an die Oberfläche gedrängt. Er hatte sie weder zuordnen können, noch hatte er das gewollt. Im Gegenteil, er hatte sie sofort unterdrückt. Und auch jetzt hatte er nicht vor, dem Ganzen auf den Grund zu gehen. Lieber schloss er die Erinnerung weg und begrub sie tief im Strom der Vergessenheit.

Kapitel3

Die ersten zaghaften Sonnenstrahlen weckten Rebecca aus einem unruhigen Schlaf. Vorsichtig reckte sie die steifen Glieder. Im Freien auf dem Boden zu nächtigen war lange nicht so romantisch, wie es in den Abenteuerbüchern, die sie liebte, dargestellt wurde. Nachdem sie Lil geweckt und sie ein schnelles Frühstück eingenommen hatten, ritten sie in westlicher Richtung weiter querfeldein. Als sie ihre Tante gestern gefragt hatte, warum sie nicht die Straße nahmen, hatte Lil geantwortet, sie würden damit zwei Tage einsparen. Außerdem wolle sie nicht Skandis’ Kriegern in die Arme laufen, die auf jeden Fall auf der Straße reisten, da sie einen Gefängniswagen mit sich führten, der so groß sei, dass ein Riese darin Platz finde.

Die Tage zogen in gleichbleibender Eintönigkeit vorbei. Gelegentlich sorgte eine Schar türkisgefiederter Adsurgauis für Abwechslung. Die kleinen gefiederten Gesellen erinnerten an eine Horde ausgelassener Kinder, wenn sie mit lautem Gezwitscher über ihren Köpfen hinwegflogen. Mittlerweile spürte Rebecca jeden einzelnen Muskel und Knochen im Leib. Dermaßen lange war sie noch nie unterwegs gewesen. Das hieß, eigentlich war sie überhaupt noch nicht verreist. Außer für die spärlich gesäten Besuche im nahegelegenen Dorf hatte sie den väterlichen Hof niemals verlassen.

Die anfänglich freudige Erregung hatte sich bereits im Laufe des zweiten Tages gelegt. Die Landschaft bot denselben kärglichen Anblick wie die heimatliche Umgebung und die Reise nichts weiter als Staub, Hitze und Unbequemlichkeit. Das Wasser musste streng einteilt werden, da sich ihnen unterwegs keine Möglichkeit bot, die Schläuche aufzufüllen, weshalb Rebecca das erste Mal in ihrem Leben ständig Durst hatte. Eine Erfahrung, auf die sie durchaus hätte verzichten können. Kurz nachdem Rebecca, am dritten Tag, in den Sattel gestiegen war, entdeckte sie in der Ferne die Silhouette eines Gebirges. »Ist das da vorne das Draconisgebirge?«

»Ja. Morgen um die Mittagszeit sehen wir auch die Mauern der Stadt.«

Lil behielt recht und am späten Nachmittag erreichten sie die Tore von Ignis Urbs. Ein feines Beben erfasste Rebecca, als sie unter dem gewaltigen Eisengitter hindurchritt und sich plötzlich mitten in einem Flammenmeer wiederfand. Die ganze Stadt war in den unterschiedlichsten Farbabstufungen von Gelb-, Orange- und Rottönen gehalten. Sonnenstrahlen malten flirrende Lichtzungen auf Hauswände und Straßen, die mit den Schatten tanzten und scheinbar alles in Brand steckten, was sie berührten. Ein überwältigender Anblick. In ihren kühnsten Träumen hätte sie es sich niemals so vorgestellt. Genauso wenig wie das bunte Treiben auf den Straßen. Zwerge, Gnome, Elfen, Menschen, Trolle und sogar ein Riese tummelten sich hier. Die meisten strebten auf den großen Marktplatz zu. Ein riesiger, runder Platz mit Hunderten von Ständen, an denen Händler eine Vielzahl der unterschiedlichsten Waren feilhielten. Stimmengewirr vereinte sich mit Tierlauten und Geräuschen verschiedenen Ursprungs zu einem wilden Durcheinander. Von überall strömten Gerüche herbei und vermischten sich zu einer verwirrenden Note. Liebend gern wäre Rebecca jetzt über den Platz geschlendert, um die Waren zu bestaunen.

Lil führte sie aber weg von dem pulsierenden Gedränge, in eine weniger belebte Gegend, die am südlichen Stadtrand lag. Hinter der großen Stadtmauer erhob sich majestätisch das Draconisgebirge. Vor einem kleinen Gasthof, der sich eng an die Stadtmauer schmiegte, blieben sie stehen und stiegen ab. Ein stämmiger Zwerg trat auf sie zu. »Wurde auch Zeit, dass du dich blicken lässt, Lil. Arwin ist schon ganz außer sich vor Sorge«, brummte er, nahm die Zügel der Pferde und stapfte davon.

Rebecca schaute dem Zwerg ungläubig nach. »Der ist aber unfreundlich.«

Lil brach in Lachen aus. »Aber nein, Mobak war sogar recht freundlich.«

»Das nennst du freundlich?«

»Man merkt, dass du noch keinen Umgang mit Zwergen hattest.«

Rebecca zog die Augenbrauen in die Höhe. Na, wenn die alle so waren, verzichtete sie gerne auf weitere Bekanntschaften. Lil ergriff ihre Hand und zog sie mit in den Gasthof.

Der Wirt, ein fülliger Mann, dessen Gesicht einiges an Falten aufzuweisen hatte, schob sich erfreut hinter seinem Tresen hervor, als er Lil erblickte. Mit ausgebreiteten Armen kam er auf sie zu gewatschelt, riss Lil ungestüm an seinen dicken Wanst und schmatzte rechts und links einen Kuss auf ihre Wange. »He, Lil, altes Mädchen, du hast dir ja eine halbe Ewigkeit Zeit gelassen. Holla, und was haben wir da für eine Schönheit?«

»Arwin, das ist meine Nichte Rebecca. Rebecca, das ist Arwin«, stellte Lil sie einandervor.

Noch bevor Rebecca es verhindern konnte, ereilte sie derselbe Willkommensgruß. Da sie nicht wusste, wie sie darauf reagieren sollte, brachte sie lediglich ein dünnes »Hallo« zustande.

»Ihr seht aus, als könntet ihr ein heißes Bad gebrauchen und was Anständiges zu essen.«

Lil nickte.

»Pauline«, rief Arwin über die Schulter in die Küche, »begleite die beiden Damen nach oben, Kind, und lass ein Badein.«

Kurz darauf erschien eine junge Frau, unverkennbar Arwins Tochter, mit zwei Eimern dampfenden Wassers und führte sie in den ersten Stock.

Rebecca genoss das Bad und hätte die Zeit im Zuber durchaus noch ausgedehnt, wenn Lil nicht zur Eile gedrängt hätte. So standen sie schon bald wieder unten. Pauline führte sie an einen abseitsstehenden Tisch im hintersten Winkel der Schankstube und brachte einen kräftigen Gemüseeintopf und ein frischen Laib Brot. Kurz darauf gesellte sich Arwin mit einem Krug Apfelwein und drei Bechern zu ihnen.

»Menschenskind, Lil, wo hast du nur gesteckt?«

»Ich habe meinen Bruder besucht.«

»Und ich hatte schon Angst, du seist Skandis’ Kriegern in die Hände gefallen.«

Lil ließ den Löffel sinken. »Wie kommst du drauf, die könnten Interesse an mir haben?«

Arwin riss die Augen auf. »Sag bloß, du hast es noch nicht gehört?«

»Was habe ich noch nicht gehört?«

Arwin beugte sich nach vorn und stützte die Arme auf der Tischplatte ab. »Sie haben den Händler Cotio verhaftet. Der Trottel hat Buch über all unsere Bestellungen geführt. Außerdem hat er deinen Namen als Kontakt eingetragen, seitdem suchen siedich.«

Lils Löffel polterte in den Teller und verspritzte etwas von dem Eintopf. »O heiliger Drache!«, stieß sie aus und schlug sich die Hand vor denMund.

Rebecca blickte erschrocken in Lils kalkweißes Gesicht. Sie verstand kein Wort. Worüber redeten die beiden? Seit wann war es ein Verbrechen, bei einem Händler einzukaufen? Doch bevor sie die Frage laut stellen konnte, sprach ihre Tante weiter.

»Dann war das gar kein Zufall. Sie sind mir gefolgt. Meinetwegen haben sie meinen Bruder mitgenommen.«

»Das tut mir leid, Lil. Wirklich. Doch wir müssen alle Opfer bringen.«

»Du verstehst nicht, Arwin. Skandis würde ihn erkennen und das wäre eine Katastrophe.«

Wie meinte Tante Lil das? Selbst wenn Vater dem Herrscher in der Vergangenheit schon einmal begegnet sein sollte, war es eher unwahrscheinlich, dass Skandis sich an sein Gesicht erinnern konnte. Welcher Herrscher merkte sich schon das Aussehen eines unbedeutenden Mannes? Keiner. Und selbst wenn, war das keine Katastrophe. »Weshalb sollte das eine Katastrophe sein, TanteLil?«

»Das kann ich dir jetzt nicht erklären.«

»Aber …«

Lil schüttelte vehement den Kopf. »Hier ist nicht der richtige Ort.« Sie wandte sich wieder dem Wirt zu. »Wir müssen auf dem schnellsten Weg zu Periklas. Deswegen bin ich hier, Arwin.«

Arwin kratzte sich den kahlen Schädel. »Ich kann dir zwar nicht folgen, aber ich kenne dich gut genug und vertraue deinem Urteil. Halte dich bereit. Sobald alles schläft, komme ich euch holen.«

Lil nickte. Schwerfällig stemmte sich Arwin vom Stuhl und verschwand hinter der Theke.

Kapitel4

Gedämpftes Klopfen weckte Rebecca aus einem unruhigen Schlummer. Das musste Arwin sein. Sofort war sie hellwach. Lil war bereits auf und öffnete die Tür. Schweigend folgten sie dem Wirt, der sich für sein Volumen erstaunlich leise bewegte. Er führte sie die Treppe hinab, durch die Schankstube nach hinten in die Küche und von dort eine Steintreppe hinunter in den Keller. Vor einem der Weinregale, an der hintersten Wand, blieb er stehen und griff zielsicher zwischen die Flaschen. Knirschend setzte sich das Regal in Bewegung und legte eine sechseinhalb Fuß hohe Öffnung frei. Kälte strömte aus dem Durchgang, zupfte sanft an den Spinnweben und brachte den Geruch modriger Erde mit sich. Rebecca rümpfte die Nase. Arwin zog zwei Fackeln aus einer Wandhalterung und hielt die pechgetränkten Enden an die Flamme der Kerze. Sofort vergrößerte sich der Lichtschein und drängte die Dunkelheit ein gutes Stück zurück. Flackernde Schatten tanzten über die Felswände und eine schmale Steintreppe wurde sichtbar. Arwin reichte Lil eine der Fackeln, dann verschwand er im Durchgang.

»Sei vorsichtig, Mädel«, hallte es aus der Öffnung. »Die Stufen sind tückisch und wurden schon manchem zum Verhängnis.«

Wunderbar. Eine Hand an der rauen Felswand liegend, stieg Rebecca Stufe um Stufe hinab. Bereits nach wenigen Fuß fühlte sie die Finger nicht mehr. Das feuchte Gestein strahlte eine Kälte aus, wie der Schnee im Winter, doch sie wagte es nicht, die Hand fortzunehmen, aus Angst, den Halt zu verlieren. Die Gefahr, hier auszurutschen und sich das Genick zu brechen, schwebte wie ein drohendes Unheil über jedem ihrer Tritte. Endlich nahm die Treppe ein Ende und Rebecca stand in einem Gewölbe. Sie zog den Umhang enger und schob die schmerzenden Finger unter die Achseln. Von hier gingen zwei Tunnel ab. Arwin führte sie in den kleineren der beiden. Im Gänsemarsch wanderten sie schweigend durch die feuchte Dunkelheit. Schon bald verlor sie jedwedes Zeitgefühl. Dumpf hallten die Schritte vom Gestein und der Gang schien enger und enger zu werden, während die Luft zusehends dünner wurde und ihre Lungen nicht mehr ausreichend versorgte. Das hier war eine Gruft und sie lebendig darin begraben.

Plötzlich endete der Tunnel. Weder eine Abzweigung noch ein Ausgang lag vor ihnen. Nur massives Gestein. O nein. Arwin hatte sich doch nicht verlaufen? Allerdings machte der Wirt nicht den Eindruck, als wäre er beunruhigt. Seelenruhig bückte er sich nach einem größeren Stein, hob ihn auf und klopfte rhythmisch gegen die Wand. Ein Zittern ging durch den Felsen und ließ die Erde unter Rebeccas Füßen beben. Ein unangenehmes Knirschen folgte. Der Fels rumpelte unendlich langsam zur Seite und gab den Blick in eine gewaltige Tropfsteinhöhle frei. Nach der Enge des Tunnels war die weitläufige Größe der Höhle befreiend. Überall wuchsen abstruse Steingebilde von der Decke, während andere sich vom Boden in die Höhe reckten. Manche spitzer als die Eiszapfen, die im Winter von den Dachkanten ihres Heimes hingen. Andere wiederum trafen sich in der Mitte und bildeten eine bizarre Säule. Von überallher erklang leises Tröpfeln. Durch ein Loch in der Decke fiel ein Lichtstreifen und erhellte die Höhle. In der Mitte leuchtete ein See in tiefem Türkis und dort, wo die morgendlich einfallenden Sonnenstrahlen die Wasseroberfläche trafen, glitzerte er geheimnisvoll. Am hinteren Höhlenende verjüngte sich der See zu einem Fluss, der in den einzig anderen Tunnel mündete.

Ein Zwerg, dessen graumelierter Bart ihm bis zu den Knien reichte, schob sich ins Blickfeld.

»Molik, wie geht es dir?«, rief Lil erfreut.

»Bestens«, kam die knappe Antwort.

»Also, ihr zwei Hübschen, ich muss zurück. Ich wünsche euch viel Glück.« Arwin zog zuerst Lil, dann Rebecca in eine Umarmung. Dem Zwerg winkte er kurz zu, bevor er in dem Tunnel verschwand, aus dem sie zuvorgekommen waren.

Molik schloss die Öffnung, dann führte er sie zum See, an dessen Ufer ein kleines Boot lag. Während Lil einstieg, starrte Rebecca das hölzerne Gefährt an. Was sollte das darstellen, eine Nussschale?

»Komm schon«, forderte Lil sieauf.

Das konnte ihre Tante nicht ernst meinen. Diesem schwankenden Etwas sollte sie vertrauen? Lil klopfte ungeduldig auf den Platz neben sich. Widerwillig kletterte Rebecca zu ihr und ließ sich auf dem schmalen Brett nieder. Molik stieß das Boot ab und hüpfte mit einem Satz hinein. Das brachte es besorgniserregend zum Schwanken. Rebecca krallte die Finger um das Holz der Umrandung. Allmählich wurden die Schaukelbewegungen sanfter und Rebecca entspannte sich ein wenig. Mit gleichmäßigen Ruderschlägen steuerte Molik auf den Tunnel zu. Sie hatten bereits etliche Fuß hinter sich gelassen, als die Decke immer niedriger wurde. Kurz bevor sie sich die Köpfe stoßen konnten, glitt das Boot hinaus ins Freie. Wenig später pflügte die Spitze des Bugs knirschend über Kies. Molik sprang an Land und zog sie noch ein gutes Stück weiter aufs Ufer, dann nahm er ein Horn vom Gürtel und blies zweimal hinein. Der Ton prallte zwischen dem Felsgestein hin und her, kletterte stetig höher, erreichte schließlich die Bergspitze, rollte darüber hinweg und verhallte.

»Was jetzt?« Fragend blickte Rebecca zuLil.

»Jetzt warten wir auf unseren weiteren Transport. Den Molik mit dem Horn gerufen hat. Denn zu Fuß würde es zu lange dauern.«

»Und woher wollen die wissen, wie viele wirsind?«

»Auch das hat Molik ihnen mit dem Horn verraten. Pro Ton eine Person, die transportiert werdensoll.«

Rebeccas Blick glitt übers Gestein. Plötzlich traten zwei Gestalten hinter einem Felsen hervor. Sie zuckte zusammen. Heiliger Drache! Bergtrolle. Die standen im Ruf, gefährlich zu sein, und genau so wirkten sie auch. Zweieinhalb Mannslängen voll bepackt mit gewaltigen Muskelbergen. Die Haut in Grautönen und zerklüftet wie Gestein. Gekleidet waren sie in grün-braune Tuniken, die eine Handbreit überm Knie endeten. Ein breiter Strick schlang sich um ihre Hüften, an dem jeweils eine riesige Holzkeule baumelte. Rebeccas Handflächen wurden feucht, während ihr Puls sich mit jedem Schritt, den die Bergtrolle näherkamen, beschleunigte. Vielleicht sollten sie besser die Flucht ergreifen. Sie warf einen Blick über die Schulter zum Boot. Es war weg. Rebecca wirbelte herum und entdeckte es schon fast an der Öffnung zum Tunnel. Das durfte nicht wahr sein. Molik ließ sie einfach im Stich.

»Hallo, Freunde, schön, euch zu sehen«, rief Lil in diesem Moment.

»Gleichfalls«, kam die Antwort mit einer Stimme, die an aufeinander reibende Steine erinnerte.

Das sollte doch nicht etwa ihr weiterer Transport sein? Anscheinend schon. Denn soeben gingen die beiden Bergtrolle auf die Knie, während der Sprecher mit dem Daumen nach hinten auf seinen Rücken zeigte und: »Aufsteigen, bitte«, sagte.

Das war ein Scherz. Sie sollte da hinaufklettern? Lil machte es sich bereits in dem Sitz, den die Bergtrolle auf dem Rücken trugen, bequem.

»Mach schon, wir haben nicht ewig Zeit.« Lil unterstrich ihre Worte mit einem auffordernden Wedeln derHand.

Zögernd nahm Rebecca auf dem Polster Platz und legte den Gurt um. Schon erhob sich der Bergtroll und setzte sich in Bewegung. In den folgenden Stunden wurde Rebecca ordentlich durchgerüttelt. Als der Tag sich seinem Ende zuneigte, hielten die Bergtrolle an und ließen sie absteigen. Einer der beiden entlockte einer Pfeife eine knappe Tonfolge. Die Felswand vor ihnen erzitterte. Es knackte und knirschte. Dann erschien ein senkrechter Riss, der immer größer wurde, bis ein Spalt entstand, in dem ein Zwerg mit karottenroten Haaren auftauchte. Er nickte ihnen knapp zu, drehte sich um und verschwand wieder. Mit einer Kopfbewegung forderte Lil Rebecca auf, dem Zwerg zu folgen. 

Auf der anderen Seite breitete sich ein riesiger, kreisrunder Talkessel aus. Saftiges Grün bedeckte den Boden. Sträucher und Bäume wuchsen an mehreren Stellen und in der Ferne glitzerte das klare Blau eines Bergbaches. Überall standen Zelte und dazwischen brannten Lagerfeuer. Kinder rannten umher, spielten Fangen oder schlugen epische Schlachten mit Holzstöcken. Hinter Rebecca schloss sich die Spalte und versperrte den einzigen Ausgang, den es gab. Der Zwerg führte sie in die Mitte des Zeltplatzes. Mit der flachen Hand schlug er gegen die Plane eines runden Zeltes und rief: »Periklas, Lil isthier.«

Die Plane schwang zur Seite und ein gertenschlanker Lichtelf kam zum Vorschein. Sein flachsblondes Haar leuchtete golden in der untergehenden Sonne.

»Lil, wie schön. Ich war in Sorge, du könntest dem Feind in die Hände gefallensein.«

Feind? Heiliges Drachenei, das hier war ein Rebellenlager. Und Tante Lil war … eine Rebellin. Kein Wunder, dass Vater sich mit ihr gestritten hatte. Er hatte sich stets bemüht, den Konflikt zwischen Dunkelelfen und Lichtelfen zu ignorieren. Er war der Meinung, sich einzumischen brachte nur Leid und war völlig sinnlos.

»Periklas.« Lil ergriff die dargebotene Hand. »Nein. AberVeit.«

»Sie habenVeit?«

Das klang ehrlich entsetzt, fast, als berührte Vaters Schicksal den Lichtelf persönlich. Aber das war unmöglich. Er kannte Vater überhaupt nicht.

Lil nickte. »Und nicht irgendwer, sondern die rechte Hand des Herrschers höchstpersönlich hatihn.«

»Lord Hartron, bist du sicher?«

»Ja, ich sah ihn vom Fensteraus.«

»Drachendreck!«

»Wir müssen ihn so schnell wie möglich befreien.«

»Du hast Glück. Morgen früh bricht eine Gruppe Männer auf. König Tumbik und Janusch, das Oberhaupt der Riesen, befinden sich ebenfalls in Lord Hartrons Fängen.«

»Was wohl bedeutet, mein Vater ist nicht das primäre Ziel der Männer, nichtwahr?«

Periklas’ türkisfarbene Augen hefteten sich auf Rebecca.

»Entschuldige mein Versäumnis«, sagte Lil. »Darf ich dir meine Nichte Rebecca vorstellen? Rebecca, das ist Periklas, Anführer der Rebellen.«

»Milady«, grüßte Periklas mit einer Verbeugung. »Habt keine Sorge, soeben hat sich das primäre Ziel der Männer erweitert.«

Rebecca runzelte die Stirn. Was sollte die Anrede und die Ehrerbietung? Sie war nicht von Adel. »Ich glaube, du verwechselst mich mit jemandem.«

Periklas’ Blick schnellte zu Lil. »Sie hat keine Ahnung?«

Lil schüttelte den Kopf. »Veit war dagegen. Rebecca wäre nicht mal hier, hätte Lord Hartron ihn nicht verschleppt.«

»Wovon, bei allen dreizehn Höllenpforten, sprechtihr?«

»Das kann ich dir nicht sagen, Kind.«

»Verdammt, Tante Lil! Ich denke doch, dass ich ein Recht darauf habe, zu erfahren, was hier gespieltwird.«

Lils Schultern sackten nach unten. »Ich habe deinem Vater mein Wort gegeben. Obwohl ich ganz deiner Meinung bin. Dennoch …« Lil hob resigniert dieArme.

»Nun, dann werde ich es Euch verraten, Milady. Ich gab Eurem Vater niemals ein solches Versprechen. Aber nicht hier. Lasst uns ins Zelt gehen. Bei einem Glas Wein spricht es sich besser.«

Periklas hielt ihnen die Plane zur Seite, damit sie eintreten konnten, und Rebecca folgte Lil ins Zelt. Was immer sie im Inneren erwartet hatte, auf keinen Fall einen solchen Luxus und Komfort. Mehrere dicke Teppiche bedeckten den Boden. In der Mitte des Zeltes prunkte ein schwerer Eichentisch, umgeben von sechs gepolsterten Stühlen. Eine passende Anrichte, versehen mit aufwendigen Verzierungen, befand sich auf der rechten Seite. Gleich daneben entdeckte Rebecca ein kleines Weinregal und in der Ecke stand ein Sekretär, auf dem kreuz und quer Karten und Schriftrollen sowie erlesene Bücher lagen. Die gegenüberliegende Ecke wurde durch mehrere Bahnen Stoff abgeteilt, vermutlich handelte es sich um Periklas’ Schlafstätte. Vier kupferne Kohlebecken verströmten eine behagliche Wärme.

»Nehmt Platz.« Periklas trat zur Anrichte, nahm drei Gläser, füllte Wein ein und reichte jedem eins, dann setzte er sich Rebecca gegenüber. »Nun denn, erlaubt mir zuerst eine Frage. Was wisst Ihr über die Herrscher Tarakonas, Milady?«

»Ich dachte, du wolltest mir verraten, was mein Vater mir nicht sagen wollte. Und keinen Geschichtsunterricht abhalten.«

»Milady, bitte. Es vermittelt mir einen Eindruck davon, wie weit ich ausholenmuss.«

Rebecca seufzte. »Also gut. Normalerweise wird Tarakona von zwei Herrschern regiert. Jeweils einen aus dem Dunkelelfenhaus Umbra und einen aus dem Lichtelfenhaus Lumen.«

»Genau. Mit fünf Jahren erhalten die Thronanwärter ein Drachenei. Sofern der Anwärter würdig ist, schlüpft der Drache. Bei Antritt ihrer Amtsperiode verschmelzen beide Drachen zu einem einzigen Drachen mit zwei Köpfen.«

»Ja, das weiß ich. Diese Verbindung stellt das Gleichgewicht zwischen Licht und Finsternis sicher.«

Periklas nickte. »Dann wisst Ihr sicher auch, dass immer nur ein Nachkomme in den Herrscherhäusern zur Welt gebrachtwird?«

»Ja. Das heißt, normalerweise. Immerhin hatte der letzte Dunkelelfenherrscher Taladir einen Zwillingsbruder.«

»Stimmt. Es wurde als ein böses Omen gedeutet, dass im Dunkelelfenhaus Umbra Zwillinge zur Welt kamen. Aber die Herrscher taten es als Aberglaube ab und benannten den Älteren der Zwillinge zum Anwärter. Alles lief gut und die Stimmen im Volk, die Unheil vorhersagten, verstummten allmählich. Bis zu jenem Tag, an dem Taladir seine zukünftige Braut vorstellte. Einen Menschen. Als sich wenig später auch die Lichtelfenherrscherin Iridis in einen Menschen verliebte, war das Volk endgültig entsetzt. Die zukünftigen Herrscher beider Häuser wären nicht mehr reinen Blutes, sondern Halbelfen. Doch das kümmerte weder Iridis noch Taladir. Sie schlugen sämtliche Warnungen in den Wind.« Periklas griff nach dem Glas und hob es an die Lippen, um einen Schluck zu trinken, dann stellte er es zurück. »Als sich im Lichtelfenhaus kein Erbe einstellen wollte, wurden die Gegenstimmen immer lauter. Taladirs Bruder Skandis kam das sehr gelegen. Er schürte die Empörung im Volk, und als die Drachenzeremonie von Taladirs Sohn fehlschlug, nutzte Skandis seine Chance zum Aufstand. Er tötete seinen Bruder und dessen Frau. Mit Sicherheit hätte er auch die Lichtelfenherrscherin und ihren Mann umgebracht, wäre ihnen nicht mithilfe der Drachen die Flucht gelungen.«

O Mann. Wollte der Lichtelf ihr eine Geschichtsauffrischung erteilen oder endlich mal mit der Sprache herausrücken? »Nun, ich glaube, das ist jedem ausreichend bekannt. Aber was hat das mit dem zu tun, was Vater mir verheimlicht?«

»Geduld, Milady, Geduld. Soweit der offizielle Teil. Was niemand wusste, der Mann der Lichtelfenherrscherin hatte eine ältere Schwester und zu ihr flohen die beiden. Ein Jahr nach ihrer Flucht bekamen sie eine Tochter. Kurz darauf traf die Lichtelfenherrscherin ihren Kommandanten. In seinem Gefolge befanden sich etliche, die Skandis wieder vom Thron stoßen wollten. Die Herrscherin übernahm die Führung und die Rebellengruppe wuchs. Vier Jahre sammelten sie ihre Kräfte, dann schlugen sie zu … und verloren. Iridis fiel in der Schlacht, ihr Mann jedoch überlebte. Er sollte das Kommando übernehmen und neue Kräfte sammeln, um erneut zu versuchen, Skandis zu entmachten. Doch er weigerte sich. Er wollte von all dem nichts mehr wissen und auf keinen Fall das Leben seiner Tochter riskieren, so verließ er die Rebellen und tauchte unter. Er nahm den Namen seiner Schwester an und nannte sich fortan Veit Silvam.«

Rebecca blinzelte, versuchte Luft in die Lunge zu pumpen, während Kälte durch die Adern kroch. Sie krallte sich an der Tischplatte fest. Die Welt drehte sich. Nichts ließ sich fokussieren, alles verschwamm. Das war nicht wahr. Das konnte nicht wahr sein. Das hieße ja, Vater wäre Vizeherrscher. Die zweitmächtigste Position Tarakonas. Nein. Er war ein einfacher Mann, der Ställe ausmistete, Gemüse anbaute, Zäune reparierte, Kälber auf die Welt brachte. Sie hatte sich bestimmt verhört.

»Rebecca.«

Nur allmählich schälte sich ihr Name dumpf aus dem Rauschen in den Ohren.

»Rebecca, Kind.«

Sie wandte den Kopf. Langsam manifestierte sich das Gesicht ihrer Tante. »Unmöglich«, flüsterte sie. »Tante Lil, sag Periklas, erirrt.«

Tante Lils Hände legten sich auf ihre Schultern und drehten sie ganz zu sich um. »Kleines, es ist wahr. Ich wollte damals nicht an den Hof und deshalb bat ich deinen Vater, meine Existenz geheim zu halten. Wer hätte ahnen können, dass es einmal von Nutzen sein würde. Niemand. Dein Vater schnitt sich das Haar ganz kurz und ließ sich einen Vollbart stehen. Aus Veit Lumenor, dem Vizeherrscher, wurde Veit Silvam, der Einsiedler. Ich fand seine Entscheidung gut, entgegen Periklas, der alles daransetzte, Veit umzustimmen. Doch so konntest du in Sicherheit aufwachsen, da nur eine Handvoll Personen von deiner Existenz wussten. Doch jetzt bist du erwachsen und es wird Zeit, dein Erbe anzutreten.«

Was? Nein! Unmöglich. Rebecca hatte doch überhaupt keine Ahnung von Politik, Strategien oder wie man etwas führte, außer einem Haushalt. »Ich … ich muss mit Vater reden.«

»Natürlich, Milady«, sagte Periklas sanft. »Doch bitte denkt darüber nach, Euren rechtmäßigen Platz einzunehmen. Euer Volk braucht Euch.« Periklas stand auf. »Ich werde Euch beide jetzt allein lassen. Ihr schlaft heute Nacht hier.« Er verbeugte sich, dann verließ er dasZelt.

Kapitel5

Vorsichtig trat er von der Zeltplane zurück und warf einen schnellen Blick über die Schulter. Niemand hier. Die Schatten nutzend huschte er zum Zelt und schlüpfte hinein. Er nahm einen tiefen Atemzug. Zu lauschen barg stets das Risiko, entdeckt zu werden, doch es hatte sich gelohnt. Er rieb die Hände aneinander und konnte einen erfreuten Lacher nicht unterdrücken. Was er soeben erfahren hatte, war eine Sensation und würde ihm die langersehnte Beförderung einbringen. Eine Stellung im Schloss.

Lange genug hielt er es schon hier aus. Er hatte es satt. Immer musste er sich verstellen, Dinge tun, die ihm nicht gefielen. Gut, er hatte so manchen Vorteil der Rebellen verhindert, doch musste er auch häufig dafür sorgen, dass eine Mission gelang, um seine Deckung nicht zu gefährden. Und dafür hasste er das Pack umso mehr, genauso wie er es hasste, hier sein zu müssen. Er bekleidete zwar eine hohe Position bei den Rebellen, aber dieses Leben lag weit unter seiner Würde. Er verfluchte den Tag, an dem der Alte sich diesem Gesindel angeschlossen hatte. Dadurch hatten sie alles verloren. Die Ländereien, das Anwesen, den Einfluss bei Hofe, nichts war geblieben. Jetzt holte er sich alles zurück. Stück für Stück.

Er ging in die Hocke und schlug das Ende des Teppichs beiseite. Hastig schaufelte er die Erde fort und legte eine kleine Holzkiste frei. Mit den Fingern fuhr er am Rand entlang und entfernte den Deckel. Vorsichtig entnahm er den in Samt eingeschlagenen Gegenstand und wickelte ihn aus. Die etwa faustgroße Kugel passte genau in seine ausgestreckte Handfläche. Er schüttelte den Kopf. Wie zum Henker war es Skandis nur gelungen, die normalerweise mehr als kopfgroßen Informationskristallkugeln in eine handliche Form bringen zu lassen? Es war eine Frage, die ihn jedes Mal aufs Neue beschäftigte, sobald er das kleine Wunderwerk in Händen hielt, das ihm seit knapp einem Jahr die Arbeit erleichterte. Egal. Irgendwann löste er das Rätsel, aber nicht heute. Es gab Wichtigeres. Er aktivierte die Kugel und rief Skandis.

Kapitel6

»Ich werde auf jeden Fall mitgehen!« Rebecca blickte in die Runde.

Lils Gesicht spiegelte blankes Entsetzen, während Periklas’ Miene Unentschlossenheit ausdrückte.

»Kind, das kannst du nicht machen, es ist viel zu gefährlich. Wenn dir etwas zustößt, reißt Veit mir den Kopf ab.« Lil rang aufgebracht mit den Händen.

»Jetzt übertreibst du, Tante Lil. Ich bin mir sicher, Vater hat in seinem ganzen Leben noch niemandem den Kopf abgerissen. Dazu ist er überhaupt nicht in der Lage. Je länger wir hier unsere Zeit mit sinnloser Diskussion vergeuden, desto größer wird der Vorsprung von Lord Hartrons Trupp. Also lasst uns endlich aufbrechen.«

»Milady, wenn ich etwas dazu äußern dürfte?«, mischte sich Randolar ein. Der Hauptmann, der den Befreiungstrupp anführen würde, hatte bis dahin mit unbewegter Miene zugehört.

»Sicher, Randolar.«

»Es wird kein Spaziergang und Ihr seid keine ausgebildete Kämpferin.«

Rebecca schaute zu Boden. Das wusste sie selbst. Aber sie konnte nicht hierbleiben. Sie wollte mit. Hier ging es immerhin um ihren Vater. Wenn er verletzt war … Schon allein der Gedanke … Nein, sie konnte nicht anders. Es war wie ein starker Drang, dem sie sich nicht entziehen konnte. »Das ist mir bewusst. Trotzdem. Ich verspreche, mich im Hintergrund zu halten und dir nicht im Weg zu stehen.«

Randolar tauschte einen Blick mit Periklas, der zuckte kaum merklich mit den Schultern. Der stumme Austausch der Männer verdeutlichte mehr als alles andere, dass sie ihr ein Mitgehen nicht verbieten konnten. Letztendlich war es Rebeccas Entscheidung und die Männer mussten diese akzeptieren, ob sie wollten oder nicht.

»Kind, ich halte das für eine schlechte Idee«, versuchte Lil erneut, ihr die Sache auszureden.

»Ich bin kein Kind mehr, Tante Lil. Und mir ist klar, auf was ich mich da einlasse.«

Periklas’ Mundwinkel zuckten kaum merklich, als er sich an Lil wandte. »Lass es gut sein, Lil. Milady hat die unbeugsame Entschlossenheit ihrer Mutter und die gigantische Sturheit ihres Vaters geerbt. Du wirst sie nicht umstimmen.« Sein Blick wanderte zu Rebecca zurück. »Gut, Milady, packt etwas für die Reise ein. In zehn Minuten brechen Hauptmann Randolar und seine Männer auf, egal, ob Ihr fertig seid. Beeilt Euch, wenn Ihr mitwollt.« Mit einer Kopfbewegung forderte Periklas Randolar auf, ihm zu folgen.

Rebecca wirbelte herum, packte hastig ihr Bündel und eilte nach draußen. Fünf Lichtelfen, zwei Menschen, ein Zwerg und zwei Bergtrolle warteten bereits. Eilig trat sie zu dem Trupp. »Ich bin soweit.«

Periklas schenkte ihr ein gequältes Lächeln und reichte ihr die Zügel eines Schimmels. »Seid vorsichtig, Milady.«

»Selbstverständlich.«

Er wandte sich Randolar zu. »Viel Glück, Hauptmann.«

Die Männer nickten knapp, dann gab Randolar das Zeichen zum Aufbruch.

Das karge Felsgestein des Draconisgebirges wich allmählich zurück und machte der grasbewachsenen Ebene Platz. Doch Rebecca nahm es nur am Rande zur Kenntnis. Seit dem Aufbruch gestern früh wuchs der Knoten im Magen stetig. Ob es Vater gut ging? Er befand sich bereits seit knapp einer Woche in der Gewalt von Skandis’ Männern. Hoffentlich misshandelten sie ihn nicht. Lord Hartrons Ruf diesbezüglich verhieß nichts Gutes. Er galt als hart und unnachgiebig. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn er herausfand, dass Vater der Vizeherrscher der Lichtelfen war. Vater. Vizeherrscher. Einfach unvorstellbar. Und sie? Noch vor ein paar Tagen war sie nichts weiter als die Tochter eines einfachen Mannes gewesen und nun sollte sie plötzlich die zukünftige Herrscherin sein. Das zog eine Menge Verantwortung mit sich. War sie dem gewachsen? Sie hatte doch überhaupt keine Ahnung, was es hieß, ein Land zu regieren. Heiliges Drachenei, ein ganzes Land. Und ein großes noch dazu. Mit unterschiedlichen Völkern, Kulturen, Sitten und Gebräuchen. Übelkeit kroch an den Magenwänden empor. Warum musste sie sich damit auseinandersetzen? Würde ihre Entscheidung etwas ändern? Vielleicht, vielleicht aber auch nicht. Doch darüber nachzudenken brachte im Moment nichts außer Kopfschmerzen.

Die Monotonie der Landschaft trug nicht unbedingt zur Besserung der Stimmung bei und die Nacht war alles andere als erholsam. Im Laufe des folgenden Tages durchbrachen immer mehr Bäume die Eintönigkeit der Grasebene, bis sie schließlich an den Rand eines Waldes gelangten.

»Wo sind wirhier?«

Der Krieger neben ihr drehte den Kopf und blickte sie kurz an, bevor er wieder nach vorne schaute. »Das ist der Argenteawald, Milady.«

»Wann, glaubst du, werden wir auf Lord Hartrons Trupp stoßen?«

»Eventuell im Laufe des morgigen Tages, Milady.«

»Danke.« Sie verfiel in Schweigen. Die Anrede empfand sie als unangenehm, genauso wie die übertrieben respektvolle Behandlung, die man ihr gegenüber an den Tag legte. Das war sie einfach nicht gewohnt. Am Anfang hatte sie noch versucht, die Männer zu überreden, sie mit ihrem Namen anzusprechen. Ohne Erfolg. Einmal hatte einer der Krieger es getan, das brachte ihm sofort einen strengen Blick von Hauptmann Randolar ein und seitdem wagte es niemand mehr. Schließlich hatte sie aufgegeben und nahm es hin, dass die Männer sie wie eine Adlige behandelten.

Am Abend gab es zum ersten Mal kein Lagerfeuer, da es sie an den Feind verriete, so lautete jedenfalls Randolars Erklärung, als sie ihn fragte. Ungehindert kroch die Feuchtigkeit und Kälte unter die Decke und drang in die Kleidung, was die Nacht noch schlimmer machte als die vorangegangenen.

Im Laufe des nächsten Morgens entdeckte Rebecca in der Ferne Lord Hartrons Trupp, der aus dreißig Dunkelelfenkriegern bestand. In ihrer Mitte fuhr ein riesiger Eisenkäfig, der von zwei rostbraunen Pochs gezogen wurde. Während Rebecca am liebsten auf der Stelle losstürmen wollte, um Vater aus den Klauen Hartrons zu befreien, gab Randolar Befehl, zurückzufallen und den Abstand zwischen den Dunkelelfenkriegern und ihnen zu vergrößern. Im ersten Moment wollte Rebecca sich auflehnen, doch sie hatte versprochen sich im Hintergrund zu halten und sie vertraute darauf, dass Randolar wusste, wie er die Gefangenen am besten befreien konnte.

Unruhig lief Rebecca auf und ab. Geduldiges Warten, nicht unbedingt eine ihrer Stärken. Sie seufzte. Dabei waren die Männer erst vor Kurzem aufgebrochen. Sie dürften das Dunkelelfenlager noch nicht einmal erreicht haben. Rebecca schlang die Arme um den Oberkörper und warf einen Blick zum Blätterdach. Trotz Vollmond herrschte fast undurchdringliche Schwärze. Nur vereinzelt durchbrach ein silberner Strahl das dichte Geäst und erhellte mehr schlecht als recht den Waldboden.

Eigentlich hatte sie die Männer begleiten wollen, doch Randolar war unbeugsam geblieben. Lediglich bei der Frage, ob er einen Mann zum Schutz dalassen sollte, hatte sie einen Sieg davongetragen. Und so war sie allein mit den Pferden zurückgeblieben. Hoffentlich lief alles glatt. Wie es Vater wohl ging? Wenn sie nur schon wieder zurück wären. Diese Warterei machte sie noch verrückt.

Ein Knacken im Unterholz ließ Rebecca innehalten. Was war das? Sie starrte in die Richtung, aus der der Laut gekommen war. Doch sie konnte nichts erkennen. Nur Dunkelheit. Angestrengt lauschte sie in die Stille. Außer ihrem beschleunigten Herzschlag konnte sie nichts Verdächtiges hören.

Du Hasenfuß. 

In einem Wald knackte es eben ab und an. Das war nichts Besonderes. Es gab hundert harmlose Gründe dafür. Und ebenso viele gefährliche Gründe. Ein Schauer rann ihr den Rücken hinab und richtete die feinen Härchen auf. Sie blickte sich um. Verflucht, wo waren die Pferde? Sie war viel zu sehr in Gedanken versunken gewesen und hatte nicht darauf geachtet, wie weit sie sich von ihnen entfernt hatte. Sie sollte zurückgehen.

Da. Sie wirbelte herum. Schon wieder. Doch dieses Mal wesentlich näher. Und hatte sich dort zwischen den Bäumen nicht etwas bewegt? Sie schluckte. Jetzt fand sie den Gedanken, einen der Krieger hier zu haben, gar nicht mehr so unsinnig wie vorhin. Sie hatte nicht mal ein Messer bei sich, um sich zu verteidigen.

Keine drei Schritte entfernt schälte sich eine Gestalt aus den Schatten und trat in das vom Mondlicht einigermaßen erhellte Stück des Weges. Rebecca zuckte zusammen. Ihr Herz setzte einen Schlag aus, dann trommelte es wild gegen die Rippen, als wollte es dem Brustkorb entfliehen. Wo zum Drachennimbus kam der Kerl her? Finsternis umgab ihn und das lag nicht an der Dunkelheit. Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück. Er folgte ihr. Sie zog den Umhang fester und suchte verstohlen nach einem Fluchtweg.

»Was machst du alleine in dieser Gegend?«

Seine Stimme überraschte sie. Sie war dunkel und es lag Härte darin, aber auch etwas Sanftes, Hypnotisches, was nicht zur restlichen Ausstrahlung passen wollte.

Er trat einen weiteren Schritt näher. »Hast du deine Stimme verloren?« 

Hastig wich sie zurück und schüttelte den Kopf. »Ich … ich bin auf der Durchreise.« Verdammt. Etwas Besseres fiel ihr nicht ein? Die Ausrede war jämmerlich. Außerdem klang ihre Stimme ängstlich.

»Alleine?« Er schien überrascht.

»Ja.« Zur Bekräftigung nicktesie.

»Die Gegend ist nicht unbedingt sicher.«

»Ich kann auf mich aufpassen.«

»Wirklich?« Das klang nicht überzeugt.

Wieder nicktesie.

»Wenn du meinst.« Belustigung schwang in seiner Stimme. »Du kannst dich aber auch mir und meinen Männern anschließen. Wir lagern nicht weit von hier und können dich bis zur nächsten Ortschaft mitnehmen.«

O verdammt! Er gehörte dem feindlichen Trupp an. Was machte er so weit von seinem Lager entfernt? Egal. Sie musste ihn loswerden. »Danke, aber ich reise lieber alleine.«

Er setzte zu einer Erwiderung an, kam aber nicht mehr dazu sie auszusprechen. Torban, ein Krieger Randolars, brach mit gezücktem Schwert aus dem Unterholz. Laut krachte Metall auf Metall. Wie hatte der Dunkelelf so schnell blankziehen können? Sie musste weg. Konnte sich aber nicht bewegen. Ihre Füße waren mit dem Boden verwachsen und ihr Blick vom Kampf gefesselt. Es sah aus, als tanzten die Männer miteinander. Vor und zurück. Drehung. Umeinander kreisen. Zugegeben, es war ein tödlicher Tanz, dennoch lagen Schönheit und Anmut darin. Hin und wieder blitzte der Stahl der Schwerter in den vereinzelten Strahlen des einfallenden Mondlichts auf. Die Bewegungen des Dunkelelfen erinnerten an ein Raubtier, geschmeidig und kraftvoll. Schon bald geriet Torban in Bedrängnis. Immer weiter trieb der Dunkelelf ihn zurück. Plötzlich strauchelte Torban. Der nächste Hieb brachte ihn endgültig aus dem Gleichgewicht. Er stürzte und schlug mit dem Kopf gegen einen Baumstamm. Reglos blieb er liegen.