Tartaros Stock 58 - R. B. Frank - E-Book

Tartaros Stock 58 E-Book

R. B. Frank

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3,99 €

Beschreibung

"Als die Menschen auf mir Fuß fassten, nannten sie mich Tartaros. Ich war so gnädig und nahm dieses neue Volk auf, zusätzlich zu all jenen, die bereits existieren. Damit sie sich anpassten, veränderte und formte ich sie nach meinem Willen. Ich liebe alle meine Völker, die neuen wie die alten. Und ich lausche den Geschichten, die sie mir erzählen. Ich wende meinen Blick zu den Melisaden. Dies ist die Geschichte einer jungen Drohne mit der Nummer 666, genannt Montgomery. Er ist etwas Besonderes, denn er träumt in einer traumlosen Gesellschaft. Und weil er dies tut, kann er zur Gefahr des gesamten Systems werden, das seit fast eintausend Jahren über die Wüste herrscht. Ich bin gespannt, wohin der Weg dieser jungen Drohne führen wird. Ich beobachte. Und lausche. Und greife ein, falls es notwendig wird ..."

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Seitenzahl: 670

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Für alle Bienen dieser Welt

Inhaltsverzeichnis

Geschmolzenes Honigbonbon

Kapitel 1: Drohnenleben

Erstes Honigbonbon

Zweites Honigbonbon

Drittes Honigbonbon

Viertes Honigbonbon

Fünftes Honigbonbon

Sechstes Honigbonbon

Siebtes Honigbonbon

Achtes Honigbonbon

Erstes Gelee Royal - Bonbon

Kapitel 2: Pollenregen

Neuntes Honigbonbon

Zehntes Honigbonbon

Elftes Honigbonbon

Zwölftes Honigbonbon

Dreizehntes Honigbonbon

Vierzehntes Honigbonbon

Fünfzehntes Honigbonbon

Sechzehntes Honigbonbon

Siebzehntes Honigbonbon

Zweites Gelee Royal - Bonbon

Kapitel 3: Teufelsdrohne

Achtzehntes Honigbonbon

Neunzehntes Honigbonbon

Zwanzigstes Honigbonbon

Einundzwanzigstes Honigbonbon

Zweiundzwanzigstes Honigbonbon

Dreiundzwanzigstes Honigbonbon

Vierundzwanzigstes Honigbonbon

Fünfundzwanzigstes Honigbonbon

Drittes Gelee Royal - Bonbon

Kapitel 4: Blütentraumland

Sechsundzwanzigstes Honigbonbon

Siebenundzwanzigstes Honigbonbon

Achtundzwanzigstes Honigbonbon

Neunundzwanzigstes Honigbonbon

Dreißigstes Honigbonbon

Einunddreißigstes Honigbonbon

Zweiunddreißigstes Honigbonbon

Dreiunddreißigstes Honigbonbon

Vierunddreißigstes Honigbonbon

Fünfunddreißigstes Honigbonbon

Sechsunddreißigstes Honigbonbon

Siebenunddreißigstes Honigbonbon

Achtunddreißigstes Honigbonbon

Viertes Gelee Royal-Bonbon

Kapitel 5: Hochzeitsflug

Neununddreißigstes Kapitel

Vierzigstes Honigbonbon

Einundvierzigstes Honigbonbon

Zweiundvierzigstes Honigbonbon

Dreiundvierzigstes Honigbonbon

Vierundvierzigstes Honigbonbon

Fünfundvierzigstes Honigbonbon

Sechsundvierzigstes Honigbonbon

Siebenundvierzigstes Honigbonbon

Achtundvierzigstes Honigbonbon

Neunundvierzigstes Honigbonbon

Fünfzigstes Honigbonbon

Fünftes Gelee Royal-Bonbon

Honigsüße Danksagung

Honigsüße Informationen über die Autorin

Kapitel 6: Nektarmahl

Leseprobe aus Stock 58 - Drohnenschlacht

Geschmolzenes Honigbonbon

Die Gesellschaft, in der ich lebe, ist falsch.

So verdammt falsch.

Der heiße Sand verbrannte seine Füße, doch er merkte es kaum. Schritt für Schritt kämpfte er sich weiter vorwärts, während die Sonnen – vier große, helle Scheiben am trügerisch azurblauen Himmel – auf ihn hinabstarrten, als wollten sie ihn für sein Handeln bestrafen. Die Brandblasen an seinen Füßen, die die gleiche Farbe besaßen wie die eines Hummers, wenn er in kochendes Wasser geworfen wurde, platzten auf. Exsudate, gemischt mit Blut, liefen über seine empfindliche Haut, nur, um mit einem leisen Zischen im Sand zu versickern. Die kleinen Sandkörner, die durch eine leichte Brise aufgewirbelt wurden, fühlten sich wie Schmirgelpapier auf seiner Haut an. Seine Kehle war ausgedörrt und sehnte sich nach Wasser, sein Körper war erschöpft und verlangte nach der sicheren Kühle, die ihn sein ganzes Leben lang begleitet hatte. Doch er konnte nicht mehr zurück, nie wieder.

Die Gesellschaft, in der ich lebe, ist falsch.

So verdammt falsch.

Er fragte sich, was aus ihm geworden wäre, wenn er einfach geblieben wäre. Die Antwort war so klar, und doch so schwer auszusprechen: tot. Man hätte ihm sein Leben geraubt, so, wie man es ihm jahrelang gestohlen hatte.

Winzige Parasiten in Form von ständig gepredigten Worten, die sich in seinem Kopf festgesetzt hatten, hatten ihn verpestet, so, wie jeden anderen auch.

Doch irgendwann hatte er es geschafft, seine Scheuklappen herunter zu nehmen und die Augen zu öffnen. Er hatte gesehen, was wirklich geschah, er hatte erfahren, was es eigentlich hieß, wahrhaftig zu leben.

Die Gesellschaft, in der ich lebe, ist falsch.

So verdammt falsch.

Er fragte sich, ob es noch mehr Abschriften von dem Text gab, der ihm die Wahrheit präsentiert hatte. Aber selbst wenn nicht, Elaine war entkommen und würde ihn mit Sicherheit übergeben, damit jedem einzelnen von ihnen die Augen geöffnet werden konnten, so, wie es bei ihm der Fall gewesen war.

Ein raues Lachen entrang seiner Kehle. Es schmerzte und er kniff die Augen zusammen, dann spürte er, wie er stolperte und mit den geschwollenen Fingern voran in den Sand fiel. Er stützte sich mit zitternden Schultern ab und spürte, wie die Tränen in ihm hochsteigen wollten, doch sie kamen nicht, denn sein Körper war zu ausgetrocknet, um noch weinen zu können. Der Gedanke an Elaine schmerzte ihn und gleichzeitig erfüllte er ihn mit Hoffnung. Er durfte nicht aufgeben, durfte nicht seiner eigenen Schwäche erliegen.

Die Gesellschaft, in der ich lebe, ist falsch.

So verdammt falsch.

Worte, die ihm Kraft schenkten. Sein ewiges Mantra, was er vor sich hin wisperte, immer und immer wieder, mit trockenen und aufgerissenen Lippen. Beim Sprechen schmerzte es, doch dieser Schmerz erinnerte ihn daran, dass er noch lebte. Dass sein Leben kein frühzeitiges Ende genommen hatte. Und, dass er der Gesellschaft, dem Kollektiv, entkommen war. Es gab nur wenige, die so dachten, wie er oder Elaine. Und doch wusste er, dass alle ihr Leben umwerfen würden, sobald sie die Gelegenheit dazu bekommen würden. Sie mussten etwas ändern. Nichts, aber auch gar nichts an dem, was getan wurde, war richtig.

Zumindest hörte es sich, seit er die seine Seele bereinigenden Worte gelesen hatte, falsch an.

Die Gesellschaft, in der ich lebe, ist falsch.

So verdammt falsch.

Es waren nicht einmal seine eigenen Worte, doch er musste sie sich immer wieder ins Gedächtnis rufen. Er keuchte auf und hustete. Dabei schwenkte sein Blick zu seinem rechten Arm, auf dem die schwarzen Zahlen eintätowiert waren, Zeugen seines begrenzten Daseins in dem Goldenen Käfig. Sein ganzer Körper war am Zittern und er schaffte es nicht, sich wiederaufzurichten. Er hatte seit Tagen nichts mehr gegessen, war nur gelaufen und spürte allmählich die Auswirkungen der Drogen, die man ihm tagein, tagaus in sein Essen gemischt hatte, um ihn unter Kontrolle zu halten. Wann hatte ihm sein Leben so derart aus den Fingern gleiten können? Die Antwort war einfach, aber genauso schwer auszusprechen, wie die vorherige: seit seiner Geburt. Noch einmal warf er einen verschwommenen Blick auf die schwarzen Zahlen.

39.35.12.725

Zahlen, die ihn verspotteten, je länger er sie betrachtete. Er wünschte sich, er könnte sie entfernen, aber sie würden auf ewig sein ständiger Begleiter sein. Ihn bis an sein Lebensende an das erinnern, was er darstellte. Was er sein ganzes Leben lang dargestellt hatte und dem er nun versuchte, zu entkommen.

Die Gesellschaft, in der ich lebe, ist falsch.

So verdammt falsch.

Er schaffte es nicht.

Niemals würde er den Weg, den er sich vorgenommen hatte, bewältigen können. Elaine war nicht mehr an seiner Seite. Dabei war sie es immer gewesen, die ihm wieder hochgeholfen hatte. Immer und immer wieder. Doch jetzt war sie nicht da und er drohte, in den ewigen Sandmassen zu versinken, bis die quälende Hitze ihn schlussendlich zu sich geholt hatte. Er wusste nicht, wie lange er regungslos im Sand hockte, doch irgendwann spürte er den Schmerz, den die heißen Körner verursachten, nicht mehr. Und dann drangen Stimmen an sein Ohr. Ein leichter Hauch von Tönen, dennoch Sprache, die er verstand. Er spürte, wie seine Mundwinkel sich gegen seinen Willen nach oben verzogen, wie seine Lippen weiter aufrissen und anfingen, frisches Blut über sein Kinn laufen zu lassen.

Er war gefunden worden. Und nun würde er sterben, um für das zu büßen, was er darstellte.

Die Gesellschaft, in der ich lebe, ist falsch.

Aber ich habe versucht, etwas zu ändern.

Mein Name ist Arcus und ich bin keine Drohne.

Ich bin das, was früher einmal als Mensch bekannt gewesen ist.

Kapitel 1:

Drohnenleben

„Was bedeutet es für dich, eine Drohne zu sein?“

„Dem System anzugehören.“

„Und was hältst du von dem System?“

„Es erhält uns alle am Leben. Es ist wichtig für den Planeten.“

„Du weißt, dass andere Völker nicht so leben, wie ihr es

tut?“

„Jedes Volk hat sein Päckchen zu tragen.“

„Wie heißt dein Volk?“

„Wir sind die Melisaden.“

„Und eure Vorfahren?“

„Ich lernte, dass sie Menschen heißen. Und sie leben auf

einem Planeten namens Erde.“

„Und weiter?“

„Die Erde wurde verpestet, also kamen sie nach Tartaros

und bauten ihr eigenes System auf. Der Planet und die Zeit

veränderten sie. Außer dem Aussehen haben wir heute

nichts mehr mit den Menschen gemein.“

„Macht dich das traurig? Würdest du eines Tages gerne einen Menschen kennenlernen?“

„…“

„Arcus?“

„Ich kann es nicht sagen.“

„Wieso nicht?“

„Weil ich Angst vor der Wahrheit habe.“

Erstes Honigbonbon

Die Spitze seines Füllfederhalters kratzte auf dem Papier und war, begleitet von Papierrascheln und einem gelegentlichen Aufseufzen, das einzige zu hörende Geräusch. Es war kühl in dem lichtdurchfluteten Raum. Die weißen Wände reflektierten das elektrische Licht, das dem des Tages so sehr glich, dass man das Gefühl bekam, sich unter freiem Himmel zu bewegen.

4500 Kelvin, dachte sich Montgomery und ein leichtes Lächeln schlich sich auf seine Lippen. Kommt dem Tageslicht am nächsten. 2700 Kelvin ist ein eher warmweißes Licht, während 6500 Kelvin für sehr kaltes Licht mit hohem Blauanteil steht.

Die belehrende Stimme Hektors, als die Lehrerdrohne ihm und den anderen diese Information erzählt hatte, erklang in seinen Gedanken und die junge Drohne schüttelte nur leicht den Kopf über sich selbst.

Er liebte Wissen.

Aber noch mehr liebte er es, dieses Wissen abzurufen und es sich in Gedanken immer und immer wieder vorzusagen, als habe er Angst, er könne es eines Tages vergessen.

In einem kleinen Selbstexperiment hatte Montgomery herausgefunden, dass er selbst liebend gerne las, wenn er eine Lichtfarbe von 2700 Kelvin haben konnte. Es war angenehm und entspannend. Andere hingegen bevorzugten das normale Tageslicht, wiederum andere das kalte Licht.

Ein subjektives Gefühl.

Wie so vieles andere ebenfalls.

Es war wie mit der Mathematik, mit der sich die junge Drohne gerade eben beschäftigte. Persönlich gesehen liebte er Zahlen und Formeln und konnte sich nichts Schöneres vorstellen, als seinen Nachmittag mit komplizierten Berechnungen zu verbringen.

Sein bester Freund Troy hingegen zog es lieber vor, schnarchend auf dem in rotem Leder eingeschlagenen Mathematikbuch zu liegen. Eine kleine Speichelpfütze hatte sich auf dem empfindlichen Einband gesammelt und Hektor würde, wenn er Troy erwischte, wahrscheinlich einen halben Nervenzusammenbruch kriegen.

Und nicht auszudenken, was die Bibliotheksdrohne zu dieser Misshandlung nur sagen würde!

Zögernd ließ Montgomery seinen Stift sinken. Die anderen Drohnen – acht an der Zahl – schrieben immer noch fleißig und brüteten über den Aufgaben, mit denen Hektor sie alleine gelassen hatte, um etwas mit Amme Belinda besprechen zu können. Aber er würde bald wieder da sein und wenn Troy seine Aufgaben nicht beendet hatte, würde er Ärger bekommen. Die Drohne war bereits einmal sitzen geblieben, eine Schande in ihrem System, und ein zweites Mal würde Troy sich nicht erlauben können.

Sie besaßen genug Drohnen, um ihn zu ersetzen.

Einen Augenblick lang ließ Montgomery den Blick durch den Klassenraum schweifen. Ihre Tische waren aus Dhatasanti, einem Metall, das nur im Großen Nichts vorkam, gefertigt worden, mit weißen, sterilen Platten, die sie jedes Mal abputzen und desinfizieren mussten, wenn sie auf den Gang traten.

Der Boden und die Wände bestanden aus dem gleichen Material, kein einziges Fenster schmückte den Raum. Eine große, altmodische Tafel stand am anderen Ende des Raumes, auf deren weißer, glänzender Oberfläche in Hektors schöner Handschrift ihre Aufgaben standen.

Viele andere Stöcke besaßen bereits modernere Anlagen, hoch entwickelte Technologien, doch Stock 58 hatte noch keine Maßnahmen ergriffen, aufzurüsten. Keine ihrer Königinnen hatte den Wunsch verspürt, die Klassenräume so zu gestalten, dass man mit Computern arbeitete oder gar ganze Projektionen erstellen konnte. Diese Programme waren speziell für Stöcke mit anderen Schwerpunkten entwickelt worden. Stöcke, die sich mehr mit Technik und Maschinen beschäftigten.

Stock 58 hingegen betrieb Land- und Tierwirtschaft. Sie benötigten keine hohe Technologie, sondern fleißige Arbeiterinnen und eine gesunde Vegetation.

In den Ecken standen große, weiße Tontöpfe, gefüllt mit Erde, in denen kleine Bäumchen standen, deren Äste sich der Decke entgegenstreckten, doch von ihr behindert wurden, immer weiter nach oben zu wachsen. Stattdessen wanden sie sich an dieser entlang, streckten sich zu allen Seiten aus und hüllten sie in ein wunderschönes grünes Blätterdach, was den Eindruck vermittelte, man würde sich mitten in einem Wald befinden. Wenn der sterile Boden jetzt noch mit Erde oder Gras ausgelegt gewesen wäre und die Tische und Stühle aus Holz bestünden, dann hätte Montgomery sich dieser Illusion glatt hingeben können.

Er war zwar noch nie in einem richtigen Wald gewesen, doch er hatte sehr viel darüber gelesen, in alten Büchern und Romanen. Jedes einzelne Wort hatte er förmlich verschlungen, nur, um dann stundenlang mit geschlossenen Augen dazusitzen und sich vorzustellen, in einem solchen wundersamen Wald spazieren zu gehen.

Beinahe hatte er das federnde Gras unter seinen Füßen gespürt, den Geruch von Tannen und anderen Pflanzen eingesogen und das Plätschern eines Flusses gehört.

Er hatte an wunderschönen Blumen mit betörendem Duft gerochen und den Bienen zugesehen, wie sie süßen Nektar sammelten.

Bienen.

Diese Insekten existierten auf Tartaros nicht, er hatte nur von ihnen gelesen.

Montgomery hatte keine Ahnung, wie der Rest des Planeten es schaffte, seine Flora und Fauna aufrecht zu erhalten, doch hier, im Großen Nichts, waren sie dafür zuständig: Über vierhundert Stöcke, alle zwischen den Sanddünen verteilt und ihre Aufgabe erfüllend. Der gesamte Planet hing von ihnen und ihrer Arbeit ab, ihre erworbenen und gezüchteten Erzeugnisse wurden in die kleinsten Winkel von Tartaros exportiert.

Montgomery war stolz darauf, ein Teil dieses überaus wichtigen Systems, dieser Gesellschaft, zu sein.

Deswegen hatte er sich auch vorgenommen, die beste und gehorsamste Drohne zu werden, die Stock 58 jemals gesehen hatte.

Er grinste in sich hinein, dann wandte er sich zu Troy, um ihn anzustupsen. Sein bester Freund erwachte mit einem lauten Grunzer, der ihm einige pikierte Blicke einbrachte, dann richtete er sich auf und strich sich durch die hellbraunen, mittellangen Haare, sodass sie in alle Richtungen abstanden.

„Ist Hektor schon wieder da?“, fragte er mit verschlafenem Blick und stierte dann auf den Sabberfleck auf seinem Buch. Mit einer schnellen Bewegung seines Arms wischte er ihn weg, dann sah Troy an die Tafel, schlussendlich auf sein leeres Blatt und gab einen schweren Seufzer von sich.

„Nein, ist er noch nicht. Aber bald, und wenn er merkt, dass du deine Aufgaben nicht erfüllt hast, dann will ich nicht wissen, was er anstellen wird!“, zischte Montgomery ihm zu und schüttelte nur den Kopf über seinen Freund. Troy hingegen ließ sich davon nicht beeindrucken, sondern stützte den Kopf auf einem Arm ab. Da er seine Hemdärmel hochgekrempelt hatte, konnte Montgomery sehr gut die mit schwarzer Farbe eintätowierten Zahlen auf seinem rechten, gebräunten Unterarm erkennen.

58.28.17.664

Troy war zwei Jahre älter als er selbst. Bei Drohnen war es nicht verwunderlich, dass große Altersunterschiede bestanden. Es gab nur sechsundvierzig von ihnen in Stock 58, jedes Jahr wurde eine weitere von ihnen geboren, um ihren Fortbestand zu sichern. Zwar wurden sie in verschiedene Altersgruppen eingeteilt, und Troy wäre eigentlich schon ein Jahr weiter, wenn Hektor ihn nicht sitzen gelassen hätte. Die Lehrerdrohne war der Meinung, die Wiederholung täte Troy gut, doch Montgomery war der Ansicht, dass Troys Faulheit nicht zu besiegen war, egal, mit welchen Mitteln Hektor auch versuchte, dagegen anzukämpfen.

Montgomery war froh, einen Freund wie Troy an seiner Seite zu haben. Auf die Drohne konnte er sich immer verlassen, egal, was passierte, auch wenn sie von Grund auf verschieden waren. Aber vielleicht verstanden sie sich ja deswegen so gut.

„Darf ich mal deine Lösung sehen?“ Troy linste auf Montgomerys Blatt – oder versuchte es zumindest, denn die Drohne legte ihren Arm über ihr fein Geschriebenes und antwortete: „Auf gar keinen Fall! Das machst du alleine!“

Troy zog ein langes Gesicht. „Ach, komm schon, Monty!“, bettelte er. „Du weißt, dass ich das nicht kann.“

„Dann lerne es. Du sitzt hier nicht zum ersten Mal“, erwiderte Montgomery und schob seinen Zettel weiter von Troy weg, damit dieser nicht noch einmal in Versuchung geriet.

Troy spielte mit seinem Füllfederhalter herum, dann wollte er wieder ansetzen, als die beiden Drohnen von einem Zischen aus der hinteren Reihe aufgehalten wurden:

„664! 666! Leise sein! Einige wollen hier immerhin arbeiten.“

Montgomery rollte mit den Augen, während Troy sich schwungvoll nach hinten drehte.

„Also, Monty ist bereits fertig, 667“, erwiderte er und setzte sein charakteristisches, breites Lächeln auf. „Und wie ich sehe, bist du noch nicht einmal halb so weit gekommen. Da fragt man sich wirklich, wer der Bessere von euch beiden ist.“

„Troy!“, empörte Montgomery sich, und wandte sich ebenfalls um, um seinen Freund strafend anzusehen. Dieser jedoch setzte nur eine unschuldige Miene auf und meinte: „Ich spreche nur das aus, was alle denken.“

„Hmpf“, machte Drohne 667 und sah dann auf ihr Blatt. „Mein Bruder ist vielleicht in Mathe besser, dafür ist meine Schrift eindeutig schöner.“

Montgomery knirschte mit den Zähnen, aber er riss sich zusammen, erinnerte sich an die Verwandtschaft und fragte: „Brauchst du Hilfe, Montasser?“

„Nein, danke“, kam die hochmütige Antwort. „Ich brauche keine Hilfe von meinem großen Bruder.“

Wobei groß relativ war, denn sie beide unterschieden sich in dieser Hinsicht überhaupt nicht. Zudem waren sie auch gleich alt. Immer, wenn Montgomery die andere Drohne ansah, dann war es so, als ob er in einen Spiegel gucken würde.

Zwillingsdrohnen.

So wurden sie im Stock genannt.

Meistens wurde in jedem Jahr nur eine einzige Drohne geboren, doch manchmal kam es vor, dass sich die Natur etwas Anderes erdacht hatte.

Auch wenn sie mit ihrem Essen den melisadischen Körper weitestgehend unter Kontrolle hatten, ein Ausrutscher passierte immer wieder. Und als vor einundzwanzig Jahren zwei Drohnen geboren worden waren, gab es in Montgomerys Jahrgang im Endeffekt eine Drohne zu viel. Die meisten Stockbewohner störten sich nicht daran; sie brauchten ein paar zusätzliche Drohnen, um, wie Hektor es tat, die jüngeren von ihnen zu unterrichten oder andere Dinge zu erledigen, zu denen die Arbeiterinnen nicht fähig waren, wie Lesen, Schreiben oder mathematische Berechnungen. Es war gut, wenn es mehr als die vierzig Drohnen gab, die Pflicht waren und jeder Stock im Großen Nichts erfüllte diese Quote mit Zufriedenheit.

Mehr als fünfzig Drohnen waren aber nicht erlaubt. Montgomery hatte allerdings noch nie in der Geschichte von einem solchen Fall gelesen, außer zu den Anfängen der Stöcke, in denen vieles sehr chaotisch gewesen war. Aber selbst diese Hürde hatten sie gemeistert und heute stellten sie ein stabiles System dar, das bereits knapp eintausend Jahren überdauerte.

Für Montasser, der als zweites geboren war und deswegen die höhere Drohnennummer erhalten hatte, war es manchmal nicht so einfach. Natürlich wurden sie als Zwillingsdrohnen ständig miteinander verglichen und eine Art Konkurrenzkampf war zwischen ihnen entstanden: Wer würde letzten Endes die bessere Drohne von beiden sein? Für wen würde sich die Königin am Hochzeitsflug entscheiden? Und würde einer von ihnen übrigbleiben, weil es unsinnig war, die gleichen Gene ein zweites Mal zu benutzen?

Manchmal konnte Montgomery die starke Abneigung von Montasser verstehen. Oft allerdings ärgerte er sich nur darüber, denn Montasser war selbst eine hervorragende Drohne und hatte eigentlich keinen Grund, so biestig zu seinem Bruder zu sein.

Troy wollte etwas erwidern, doch Montgomery legte seinem besten Freund beschwichtigend eine Hand auf die Schulter. Die Drohne schloss ihren Mund wieder und wandte sich grummelnd nach vorne, starrte auf die Tafel mit Hektors Aufgaben.

Montgomery drehte sich ebenfalls wieder um und schrieb die letzten Ergebnisse in schöner, geschwungener Handschrift auf. Immer noch war es sehr ruhig in dem Raum, selbst ihr leises Geflüster hatte die anderen Drohnen in ihrer Arbeit nicht gestört. Dennoch spürte Montgomery den einen oder anderen forschenden Blick auf sich liegen. Selbst nach einundzwanzig Jahren waren sie als Zwillingsdrohnen etwas Besonderes, etwas, was man nie müde wurde, anzugucken.

Er hasste es und wünschte sich nicht zum ersten Mal, er würde keinen Zwilling besitzen. Aber Montasser existierte nun mal und Montgomery würde sich mit seinem Bruder arrangieren müssen. Zwar teilten sie sich zwangsweise ein Zimmer, doch ansonsten sahen sie sich meistens nur im Unterricht und zu den Essenszeiten – und selbst da sprach Montasser nur dann mit ihm, wenn es wirklich nötig war.

Die Tür des Klassenraumes öffnete sich. Montgomery hob den Blick und sah Hektor reinkommen, der, wie es für ihn üblich war, ein paar dünne Bücher unter dem Arm trug und diese geistesabwesend auf seinem Schreibtisch ablegte, ohne sie weiter zu beachten.

Hektor war einst selbst eine Zwillingsdrohne gewesen, die vierundzwanzig Jahre lang von der Königin beim Hochzeitsflug verschmäht worden war.

Daher unterrichtete er die jüngeren Drohnen, eine einerseits sehr ehrenvolle Aufgabe, anderseits jedoch würde Hektor niemals den Sinn seines Lebens erfüllen können.

Es musste deprimierend sein, wenn man auf ewig in der Schmach leben musste, nicht gut genug für die Königin gewesen zu sein. Montgomery hoffte, dass er niemals selbst in dieser Lage sein würde. Es war egoistisch von ihm, so zu denken, und die Drohne bekam sofort ein schlechtes Gewissen. Doch der Hochzeitsflug und die anschließende Vereinigung von Drohne und Königin war das wichtigste Ereignis in den Stöcken und von Anfang an wurde ihnen gepredigt, was für eine Ehre es sei, die Königin befruchten zu dürfen, um für neuen Nachwuchs im Stock zu sorgen. Und wenn man dies erfüllt hatte, wurde man von seinem Leben befreit, um seinen Platz an die neugeborene Drohne abzutreten. Ein ewiger Kreislauf, der niemals unterbrochen wurde.

So funktionierte ihre Gesellschaft.

Es war ein gutes System, wie Montgomery fand. Leben und Tod im Gleichgewicht, eine sich kaum verändernde Anzahl von Drohnen, viele fleißige Arbeiterinnen, die ihren Beitrag jeden Tag aufs Neue lieferten und eine Königin, die über alles wachte.

So ähnlich hatten es die Bienen auf der Erde ebenfalls gehandhabt. Ihr System glich dem ihren und es funktionierte, seit bereits knapp eintausend Jahren. Montgomery war stolz, Teil des Systems und des Volkes zu sein. Doch er war nicht der Einzige, der so dachte. Ausnahmslos jeder Melisad vertrat die Ansicht, dass ihr Volk das produktivste und bei Weitem am besten organisierteste auf ganz Tartaros war. Die Melisaden waren ein besonderes Völkchen, das für Außenstehende emotionslos und äußerst skurril anmutete. Niemand verstand, was für Überlegungen hinter ihrer Gesellschaft steckten und dass alle an einem Strang ziehen mussten, damit es auch weiterhin gut lief.

Ganz Tartaros war von ihrem System abhängig.

Und deswegen waren die Melisaden unentbehrlich.

Zweites Honigbonbon

Hektor wartete noch einen Moment, ehe er mit dem Unterricht fortfuhr. Die alte Drohne sah sich stumm die Aufgaben auf der Tafel an und machte sich ein paar Notizen auf einem Zettel.

Montgomery, der Troy immer noch nicht abschreiben ließ, sah sich in dem Raum um. Einen Moment lang blieb sein Blick an den Varroamilben kleben, die am Eingang Wache standen.

Ihre weißen Anzüge passten perfekt in die Umgebung und sie schienen beinahe mit der Wand zu verschmelzen. Noch nie hatte jemand gesehen, wie eine Varroamilbe tatsächlich aussah.

Ihre Gesichter waren von einer weißen, gesichtslosen Maske verhüllt, die über den gesamten Kopf gingen, mit großflächigen und feinmaschigen Netzen auf der oberen Hälfte, dass sie wie die Facettenaugen eines Insektes aussahen. Sie trugen schwere Stiefel und Handschuhe in derselben Farbe. In ihren Händen hielten sie, stets angriffsbereit, ein Gewehr mit langem Lauf, um möglichen Gefahren sofort zu begegnen.

Es waren ihre Aufpasser, ihre Wächter, diejenigen, die sie beschützten und nicht zögerten, sofort einzuschreiten. Jeder Melisad fühlte sich sicherer, wenn Varroamilben in der Nähe waren, denn sie waren es, die es schafften, in einem Stock die Ordnung aufrecht zu erhalten, sollte einer von ihnen ins Wanken geraten.

Und, wie Montgomery gelernt hatte, gingen sie dabei gnadenlos und effizient vor. Er fand es beruhigend, dass es Aufpasser gab, sie sämtliche Gefahren von ihnen abwendeten.

Sie wurden von Stock Alpha entsendet, dem ersten Stock, der jemals existiert hatte, sprachen nie ein Wort und wirkten wie Statuen, so, wie sie steif dastanden und sich kaum bewegten.

Im Unterricht hatten sie gelernt, dass Varroamilben auf der Erde der Familie der Parasiten angehört hatten. Sie hatten in der Brut der Bienen gelebt und sich ausgebreitet. War eine Biene mit ihnen infiziert, blieb sie meistens kleiner als die anderen, ihre Lernleistung ging runter und sie kehrten viel häufiger in ihren Stock zurück. Zudem war ihre Lebensspanne verkürzt gewesen. War ein Bienenvolk befallen, wurde dies als Varroose bezeichnet – ein Begriff, der auch auf Tartaros Verwendung fand, sobald ein Stock von Varroamilben übernommen werden musste, bis der Feind eliminiert wurde.

Ein erschreckendes Ereignis, dem Montgomery niemals beiwohnen wollte. Wieso Stock Alpha entschlossen hatte, ihren Aufpassern einen solch schrecklichen Namen zu verpassen, das hatte selbst Hektor ihm nicht beantworten können. Doch irgendwie, so fand die Drohne, passte er auch zu ihnen.

Zumindest waren sie so unheimlich wie die Geschichten über den Parasiten.

Montgomery wandte sich langsam wieder nach vorne und sah, wie Hektor seine Brille von der Nase nahm, die er zum Lesen benötigte, und sich dann zu der Klasse umdrehte.

Das leise Kratzen der Schreibfedern wurde ruhiger, auch das Rascheln von hin und her geschobenen Blättern immer leiser, bis es schlussendlich ganz verstummte. Montgomery blickte in Hektors dunkle Augen und sah aus dem Augenwinkel, wie Troy versuchte, noch schnell ein paar Zahlen hinzuschreiben.

Mathe war wirklich nicht seine Stärke.

„Entschuldigt, dass es so lange gedauert hat“, fing die alte Drohne an und ging ein paar Schritte auf und ab. „Aber dafür hattet ihr genug Zeit, die richtige Lösung zu finden. Möchte jemand freiwillig seine Ergebnisse präsentieren?“

Mit Ausnahme von Troy meldeten sich alle fleißigen Drohnen. Hektor ließ seinen forschenden Blick über sie alle gleiten, dann blieb er bei Troy hängen. Armer Kerl, dachte sich Montgomery. Er hätte sich melden sollen, um nicht aufzufallen.

„Drohne Nummer 664. Sie scheinen nicht erpicht darauf zu sein, am Unterricht teilzunehmen. Vielleicht sollten Sie nach vorne kommen, um uns Ihre Berechnung zu zeigen. Dann kann ich auch gleich überprüfen, ob Ihre Handschrift besser geworden ist!“

Troy warf Montgomery einen flehenden Blick zu, während er sagte: „Aber natürlich!“

Er stand auf und tat so, als würde er seine Blätter kurz ordnen.

Montgomery seufzte innerlich schwer; er schaffte es einfach nicht, Troy so auszuliefern, immerhin war er sein bester Freund.

Also schob er seinen Zettel mit den Aufgaben zu ihm hin, damit dieser einen raschen Blick darauf werfen konnte.

Auf Troys Lippen erschien ein sanftes Lächeln, dann drückte er Montgomerys Schulter kurz, als er an ihm vorbei nach vorne ging.

Hektor erwartete ihn bereits und hielt ihm ein Stückchen Kreide entgegen.

„Also“, fing Troy an und stellte sich so, dass jeder die Tafel sehen konnte. „Zuerst habe ich angefangen, mir die wichtigsten Daten herauszuschreiben …“

Während die Drohne rechnete und Hektor ihn dabei genauestens beobachtete, um notfalls an seiner Handschrift rummeckern zu können, hörte Montgomery hinter sich ein Flüstern: „Der hat mit seinem Gedächtnis wirklich Glück gehabt!“

„Und trotzdem ist er einmal sitzen geblieben.“ Das war Montasser und man hörte ihm die Abneigung gegenüber Troy regelrecht an. „Zu schade, dass er so hübsch ist, sodass Königin Anita bestimmt Interesse an ihm bekunden wird.“

Montgomery musste an sich halten, sich nicht umzudrehen und seinem Bruder die Meinung zu sagen. Ja, Troy war faul und ja, wahrscheinlich lag es tatsächlich an seinen Fähigkeiten, dennoch war es kein Grund, so schlecht über ihn zu sprechen.

Doch er konnte sich Montasser jetzt nicht zuwenden, denn ansonsten würde Hektor wahrscheinlich auf ihn aufmerksam werden.

„Troy. Wir hatten das doch schon oft genug, mit dem Schwung“, meinte die ältere Drohne gerade, als sie die krakeligen Buchstaben des an der Tafel Stehenden verzweifelt betrachtete. „So werden Sie nie für ein offizielles Schreiben eingesetzt.“

„Ich bin sowieso lieber bei den Tieren“, antwortete Troy mit seinem breiten, charakteristischen Grinsen. „Strichlisten kriege ich hin.“

Hektor erwiderte nichts. Immerhin kannte die Drohne ihre Schüler bereits gut genug und Troy war nun wirklich niemand, den man leicht vergessen konnte. Montgomery verglich die Lösung. Da er Troys Gekrakel bereits so oft hatte entziffern müssen, fiel es ihm nicht schwer, dem Aufgeschriebenen zu folgen – das leise Fluchen hinter sich allerdings bedeutete ihm, dass nicht alle derselben Meinung waren. Fasziniert verfolgte er, wie sein bester Freund sich anscheinend alles innerhalb des kurzen Blicks hatte merken können, um am Ende das richtige Ergebnis aufzuschreiben. Die Drohne legte die Kreide auf den Tisch und schlenderte dann wieder zurück zu ihrem Platz.

„Nun“, meinte Hektor und sah noch einmal drüber. „Eine gute Leistung, Troy. Haben Sie das auch auf Ihrem Zettel stehen?“

„Sie kennen mich doch“, antwortete die Drohne, „ich mache das alles gerne im Kopf.“

Wortwörtlich, dachte sich Montgomery und ignorierte den dankbaren Blick, den sein Kumpel ihm zuwarf. Manchmal fragte er sich, wo Troy eigentlich landen würde, wenn er ihn nicht mitziehen würde. Oder wenn er einem anderen Volk angehören würde, bei denen eine solche Schulbildung am Ende zu einer großen Prüfung führte und die man bestehen musste, um weiterzukommen.

Sie als Drohnen lernten zwar viel und die meisten saugten auch jegliches Wissen in sich auf, damit sie sich im Stock so nützlich wie möglich machen konnten, doch im Endeffekt war ihre Bildung nur eine Beschäftigungstherapie. Immerhin besaß jeder Stock genug Arbeiterinnen, die sich um alles kümmerten, und die Drohnen würden oft wohl nur im Weg stehen, bei den ganzen geregelten Abläufen, die existierten.

„Das nächste Mal schreiben Sie es auch in Ihre Unterlagen auf“, meinte Hektor zum Schluss und begann, die Tafel mit einem gelben, großporigen Schwamm zu putzen. „Sonst wird Ihre Bewertung schlecht ausfallen und Amme Belinda wird nicht mehr lange Gnade mit Ihnen walten lassen.“

Troy kam mit Vielem durch, aber manchmal riss der Geduldsfaden der ältesten Amme einfach. Nicht zum ersten Mal hatte Troy schon die eine oder andere Strafarbeit erledigen müssen und Montgomery fragte sich immer wieder, woher dieses rebellische Verhalten bei ihm eigentlich kam.

Troy nickte, doch Montgomery sah an dessen Blick, dass es ihn nicht wirklich interessierte, was Belinda ihm zu predigten hatte.

Deswegen beugte er sich zu ihm hin und wisperte: „Du solltest das ernst nehmen. Dank Montasser und mir bist du ersetzbar.“

„Ich nehme alles ernst“, flüsterte Troy zurück und setzte sich mit beiden Armen auf der Tischplatte auf. „Aber ich hasse Mathe, das weißt du. Viel lieber beschäftige ich mich mit Sprachen oder Geografie.“

Dank seines unglaublichen Gedächtnisses war Troy, was fremde Sprachen anging, ein kleines Genie. Ein Grund mehr, wieso man bei den anderen Fächern ein Auge zudrückte, denn sprachbegabte Drohnen waren selten in den Stöcken und nicht nur einmal hatte Troy bei offiziellen Gesprächen dabei sein müssen, um zu dolmetschen.

„Du musst mir später noch mit der Übersetzung ins Agr‘Chomaiische helfen“, murmelte Montgomery ihm zu. „Die haben doch immer so komische Akzente auf ihren Buchstaben, die dem Wort je nach Richtung eine andere Bedeutung geben. Und bevor ich stundenlang die Bücher wälze, wäre es lieb, wenn du drüber gucken könntest.“

Nicht, dass er das ungerne machte, aber er hatte auch noch ein paar andere Hausaufgaben zu erledigen und Troy würde ihm zumindest in dieser Hinsicht eine große Hilfe sein.

„Gerne.“ Troy grinste ihn an. „Ich schulde dir immerhin etwas, nicht wahr?“

Darauf antwortete Montgomery nicht, denn Hektor trat wieder vor die Klasse.

„Dann wären wir heute durch mit dem Unterricht. Denkt daran, eure Aufsätze fertig zu schreiben und bis zum Abendessen abzugeben.“

Montgomery nickte. Er hatte seinen Aufsatz über die Geschichte der Stöcke natürlich schon lange fertig geschrieben und würde nur noch ein paar Feinkorrekturen machen, ehe er ihn abgab. Neben sich hörte die Drohne ein Stöhnen. Troy hatte sich eine Hand über die Augen gelegt und die Lippen zwischen die Zähne gezogen.

„Lass mich raten: Du hast es vergessen“, bemerkte Montgomery, während er anfing, seine Sachen einzupacken.

„Robert hat mich zum Training überredet“, antwortete Troy mit einem entschuldigenden Schulterzucken, packte ebenfalls zusammen und stand schlussendlich auf, als könnte er es nicht erwarten, so schnell wie möglich den Klassenraum zu verlassen.

„Deswegen bist du gestern nicht in der Bibliothek gewesen. Wir waren verabredet.“ Montgomerys Stimme klang schärfer, als er eigentlich gewollt hatte.

„Höre ich da Eifersucht heraus?“ Troy knuffte ihm gegen die Schulter. „Du brauchst keine Angst zu haben, ich würde meinen Lieblingsstreber niemals ersetzen wollen!“

Montgomery strich mit den Fingern über die glatte Oberfläche des Tisches, dann sagte er: „Ich bin doch nicht eifersüchtig. Aber ich habe gewartet und du hast es nicht einmal für nötig gehalten, dich zu entschuldigen!“

Troy gab einen schweren Seufzer von sich und lehnte sich mit verschränkten Armen an die Tischkante. „Du hast Recht. Das war wirklich unschön von mir. Entschuldige.“

Seine Worte klangen aufrichtig, aber Montgomery war generell kein nachtragender Melisad.

„Mach es das nächste Mal bitte nicht. Oder gib zumindest Bescheid“, meinte er nur und schulterte seinen moosgrünen Rucksack.

„Versprochen.“ Troy strahlte ihn an. „Dafür gehe ich heute mit dir in die Bibliothek, versprochen! Wir haben sechzehn Uhr und Abendessen findet ja erst in drei Stunden statt. Genug Zeit für dich und mich, uns an unsere Aufgaben zu setzen.“

Montgomery nickte. Er war gerne in der Bibliothek, auch wenn diese recht klein war. Aber die Stille, die ihn umgab, wenn er zwischen den Regalen umherschritt, war die schönste Musik, die er sich vorstellen konnte. Wenn er sich genau konzentrierte, dann hörte er das Wispern der Buchseiten, deren Geschichten zu ihm sprachen.

Die Fantasien von Jahrhunderte alten Autoren, schon längst auf der Erde verstorben, waren es, die ihn begeisterten. Sie erzählten nicht nur von einem anderen Ort, nein, sondern von einem ganz anderen Planeten.

Sie erzählten viel von der Blühenden Zeit.

Montgomery hatte viele Bücher verschlungen und all das Wissen in sich aufgesogen. Sämtliche Märchen und Mythen, Beschreibungen von Alltagssituationen und schlussendlich dem Fall der Erde. Auf Tartaros, das hatten sich ihre Vorfahren geschworen, sollte alles besser werden.

Und das wurde es auch.

„666. 667.“

Hektors Stimme riss Montgomery aus seinen schwärmenden Gedanken. Die Drohne blinzelte, dann wandte sie sich ihrem Lehrer zu. Montasser gesellte sich zu ihnen. Hektors ergraute Haare klebten an seiner Stirn, denn heute war es besonders warm im Stock. Auch Montgomery hatte darauf verzichtet, sein langärmliges Hemd zu tragen, sondern sich stattdessen für das weiße kurzärmelige entschieden, das farblich gesehen sehr gut zu seiner einfachen, braunen Lederhose passte. Montgomery mochte schlichtere Kleidung, während Troy hingegen lieber auf knalligere Farben stand. Heute trug er eine kurze, blaue Hose, gepaart mit einem roten Hemd, dessen grelle Farbe denen der Blumen Konkurrenz machten.

„Ja?“, fragten die Zwillingsdrohnen wie aus einem Munde. Montgomery verspürte immer eine gewisse Verbundenheit zu seinem Bruder und er vernahm es auch, wenn dieser sich ihm näherte. Jetzt, wo sie so nahe beieinanderstanden, fiel Montgomery der leichte Geruch nach Lavendel auf, der Montasser umgab.

Troy sagte, ich rieche ebenfalls nach Lavendel, schoss es ihm durch den Kopf. Und auch ihre Stimmen hörten sich vollkommen gleich an. Einzig und allein ihre Augenfarbe unterschied sich voneinander: Montassers Augen schimmerten in einem sanften Blauton, der an Wasser erinnerte, während Montgomerys Iriden einen saftigen Grünton besaßen, der dem Wüstenefeu glich, der an den Außenwänden des Stocks hochkletterte.

„Ich hatte ja gerade ein Gespräch mit Amme Belinda und sie bat mich, euch zu ihr zu schicken“, meinte Hektor. „Ihr solltet euch sofort auf den Weg machen. Ihr wisst, dass sie nicht mit großer Geduld gesegnet ist, wenn es Angelegenheiten zu regeln gibt.“

Sie wurden zu Amme Belinda gerufen?

Montgomery wurde noch wärmer als so schon und er umklammerte den Riemen seines Rucksacks ein wenig stärker. In Troys Gesicht erschien ein breites Grinsen und auch Montasser wirkte erfreut.

„Wir werden uns sofort auf den Weg machen“, versprach Montgomery. Sein Bruder nickte bestätigend und Hektor lächelte zufrieden, dann wandte er sich ab.

„Monty!“ Troy drängelte sich an seine Seite und legte ihm einen Arm um die Schulter. „Du wirst zu Amme Belinda gerufen! Du weißt, was das bedeutet.“

„Ach komm“, wehrte Montgomery ab und versuchte, die aufsteigende Röte auf seinen Wangen zu verstecken. „Das ist doch nichts Besonderes … oder?“

Troy lachte auf. „Du und dein Bruder werdet zum Hochzeitsflug zugelassen! Dein einundzwanzigstes Lebensjahr ist beendet. Das ist das größte Ereignis in unserem Leben und endlich darfst du daran teilnehmen!“

Troy packte seinen Arm und zerrte ihn mit sich. „Na los, komm schon. Amme Belinda wartet in dieser Hinsicht wirklich nicht gerne.“ Sein Freund war ja schon fast aufgeregter als er selbst. Doch Montgomery konnte nicht abstreiten, dass er sich ebenfalls freute. Man wurde nur zu besonderen Anlässen zu Amme Belinda gerufen und die Zulassung zum Hochzeitsflug war eine davon.

Endlich durfte er teilnehmen!

Ansonsten hatte Montgomery immer nur zugucken dürfen, und danach den Erzählungen von Troy, der immerhin schon zwei Mal teilgenommen hatte, sehnsuchtsvoll gelauscht.

Das war es, wofür sie als Drohnen geboren wurden. Der Hochzeitsflug stellte ihr Lebensziel dar, jede Drohne strebte danach, daran teilzunehmen und erwählt zu werden.

Montgomery konnte gar nicht wirklich glauben, dass bereits einundzwanzig Jahre vergangen waren, so schnell, wie die Zeit verflogen war. Doch die Zahlen an seinem eigenen Arm sprachen genug Bände:

58.28.19.666

Die erste Zahl stand immer für die Nummer ihres Stocks.

Die zweite Zahl zeigte die Königin an, die ihn geboren hatte.

Und die dritte, in welchem Hochzeitsflug dies geschehen war.

Die letzte Zahl hingegen war nur seine eigene Drohnennummer.

Montassers Tätowierung glich der seinen genau, bis auf die letzte Zahl. Nach ihnen waren nur noch einzelne Drohnen geboren worden, sodass die zuletzt geborene Drohne die Nummer 688 besaß. Man konnte sich sein Alter also recht leicht ausrechnen, solange man Zwillingsdrohnenjahre beachtete.

„Montasser?“ Montgomery schulterte seinen Rucksack noch einmal richtig und wandte sich zu seinem Bruder um. „Du hast Hektor gehört, wir sollten …“ Er stockte mitten im Satz, denn er sah seinen Bruder nirgends stehen.

„Da hat der Kerl sich tatsächlich einfach aus dem Staub gemacht.“

Troy rollte übertrieben mit den Augen und klopfte ihm auf die Schulter. „Nun, es ist nicht deine Schuld, wenn er zu spät kommen sollte. Du hast es versucht.“

„Ich bin der Ältere von uns und Amme Belinda reitet ziemlich gerne darauf herum“, erwiderte Montgomery zähneknirschend. „Aber es ist egal. Lass uns einfach gehen.“

Montgomery setzte sich in Bewegung, Troy im Schlepptau.

„Ich freue mich so“, meinte sein bester Freund, als sie aus der Tür auf den Gang traten, dessen Wände ebenfalls in einem hellen Weißton gehalten waren. „Unser Doppel-M beim Hochzeitsflug … das wird so spannend!“

„Nenn uns bitte nicht so“, stöhnte Montgomery und legte sich eine Hand auf die Augen. „Es reicht schon, wenn die älteren Drohnen das machen!“

Troy hingegen grinste nur und fuhr enthusiastisch fort: „Das wird der beste und interessanteste Hochzeitsflug, den ich wohl je erleben werde: Eine neue Königin und die Zwillingsdrohnen haben ihr Debüt! Herrlich!“

Montgomery schaffte es kaum, die Begeisterung von Troy zu teilen. Natürlich, er freute sich ebenfalls, aber gleichzeitig … was, wenn Anita, die Königin, Montasser ihm vorzog?

Es würde ihm wohl den Boden unter den Füßen wegreißen. Montgomery wusste, dass es verboten war, Gefühle zu entwickeln, und er war sich sehr unsicher, was das eigentlich war, wenn er an Anita dachte, aber die Wärme in seinem Bauch und das Kribbeln auf seiner Haut, was er spürte, wann immer er Anita aus der Ferne sah, sprachen dafür, dass er sich danach sehnte, sie besser kennenzulernen.

Sie ist deine Königin, rief er sich ins Gedächtnis. Sie tut ihre Pflicht, genau, wie du es tun musst.

Das wusste er.

Und deswegen war ihm klar, dass er alles daran setzen musste, um Anitas Aufmerksamkeit zu erregen. Damit er eines Tages nicht so endete, wie Hektor, denn die Gefahr war dank Montasser bei ihm besonders groß.

Drittes Honigbonbon

Die beiden gingen durch die Gänge des Stocks. Außerhalb der Klassenräume war es ein wenig kühler, außerdem gab es große Fenster, durch die das Licht der vier Sonnen – Gala, Koknos, Kitrini und Lefka – schien. In den metallenen, aus Dhatasanti gefertigten Wänden waren in regelmäßigen Abständen Einbuchtungen eingelassen worden, in denen die Arbeiterinnen kleine Setzlinge heranzüchteten, bis sie groß genug waren, um im Großen Garten eingepflanzt zu werden.

Montgomery sah, wie sich Minze, Salbei, Rosmarin, Petersilie, Lavendel und sogar eine Bergamotte in ihren Töpfen räkelten und ihre zarten Blätter und Blüten in die Höhe streckten. Ein paar Arbeiterinnen liefen an den Wänden auf und ab, prüften die Sprösslinge, beschnitten und gossen sie akribisch.

Als die beiden Drohnen vorbeigingen, ernteten sie warnende Blicke, die besagten: Bleibt bloß weg von den empfindlichen Pflanzen!

Allerdings, das musste Monty zugeben, galten die Blicke eher Troy, denn der hatte es in der Vergangenheit schon einmal geschafft, eine dieser Pflanzen zum Eingehen zu bringen, nachdem er es gewagt hatte, ein kleines Blättchen abzurupfen. Drohnen waren einfach nicht für die Gartenarbeit geeignet, auch wenn Montgomery schon häufiger im Großen Garten unterwegs gewesen war, um bei Zählungen zu helfen.

Er liebte den Großen Garten, der sich in einer riesigen Kuppel neben ihrem Stock befand.

Dort drinnen herrschten die perfekten Temperaturen, um die Pflanzen zum Gedeihen zu bringen und sie besaßen mehrere Obstbaumplantagen, hunderte von kleinen Gemüsefeldern und mehrere Beete und Sträucher, um die sich ungefähr die Hälfte aller Arbeiterinnen des Stocks kümmern mussten.

Das andere Viertel wurde bei den Kornfeldern und den Ställen eingesetzt, in denen sie ihre Tiere züchteten und dem Rest waren andere, ebenso wichtige Aufgaben innerhalb des Stocks zugeordnet. Arbeiterinnen besaßen ein vollkommen anderes Leben als die Drohnen und durchliefen mehrere Stationen, bis sie ihr vierzigstes Lebensjahr erreicht hatten und sich anschließend für einen dauerhaften Posten entscheiden durften.

Amme Belinda war eine dieser Arbeiterinnen, die sich mit ihrem gesamten Herzblut und ihrem Engagement in die Aufzucht der neuen Drohnen und Arbeiterinnen gestürzt hatte. Mit knapp siebzig Jahren war sie eine der ältesten Arbeiterinnen überhaupt und zudem die engste Vertraute ihrer ehemaligen Königin Gloria. Amme Belinda hatte schon einige Königinnen kommen und gehen sehen und würde auch Anita tatkräftig zur Seite stehen.

Wenn einer Drohne oder einer Arbeiterin irgendetwas nicht passte (was selten vorkam) oder es sogar Streit gab (was nun wirklich nicht häufig passierte), dann war Amme Belinda die erste Anlaufstelle. Es gab nichts, was sie nicht regeln konnte, das hatten die Ammen Montgomery immer zugeflüstert, während sie mit ihm und den anderen jungen Drohnen gespielt hatten.

Eine junge Arbeiterin kam ihnen entgegen. Ihre blonden Haare trug sie zu einem festen Flechtzopf, der wie ein goldenes Tau über ihrer Schulter lag, und sie hielt einen Korb in ihren Händen, in dem einige Körner lagen. Als ihre wasserhellen Augen Montgomery erblickten, nickte sie ihm zu und lächelte ein wenig. Die Drohne erwiderte den Gruß und Troy fragte: „Eine deiner Schwestern?“

„Ja. Ich glaube, ihr Name ist Alicia oder so. Ich habe so viele Schwestern, ich kann mir das alles gar nicht merken!“

„Es wurden aber auch viele neue Melisaden in deinem Jahr geboren. Als wollte Königin Amanda bei ihren letzten Hochzeitsflügen noch einmal so richtig Gas geben!“ Troy lachte ein wenig.

Es war normal, dass mehrere Kinder geboren wurden, sobald eine Königin schwanger war. Doch abgesehen von Zwillingsdrohnen hatte Amanda auch noch zehn neue Arbeiterinnen gebärt – beinahe schon ein neuer Rekord in Stock 58, denn zwölf kleine Kinder gab es selten auf einen Schlag. Daher war Montgomery also mit elf Geschwistern gesegnet, während Troy gerade einmal sieben hatte. Aber selbst er konnte sich nicht alle Namen seiner Schwestern merken, vor allem, da sie sich alle ja auch ziemlich ähnlich sahen.

Amanda war schon lange nicht mehr im Stock zugegen. Sie war gegangen, nachdem ihre Tochter Gloria erfolgreich ihren zweiten Hochzeitsflug absolviert hatte, denn zwei Königinnen waren nie wirklich gut für einen Stock. Die alte trat irgendwann immer ab und ging nach Stock Alpha, um dort zu leben.

Sobald Anita ihren zweiten Hochzeitsflug meistern würde, würde auch ihre ehemalige Königin Gloria gehen, denn dann konnte man meistens sicher sein, dass die neue ihren ganzen Aufgaben gänzlich gewachsen war.

Montgomery und Troy hatten ihre Mutter nie wirklich persönlich kennengelernt. Es waren die Ammen, die sie auf- und erzogen und abgesehen von ein paar knappen Worten war Amanda nie präsent in ihrem Leben gewesen; vor allem, weil sie viel zu jung gewesen waren, um wirklich zu verstehen, was eigentlich passierte.

Troy hatte mehr mitbekommen als er, aber eine Königin schaffte es kaum, sich um ihre weit über hundert Kinder zu kümmern und sie durfte keines von ihnen bevorzugen – außer dem, das sie zur nächsten Königin erwählte, natürlich. Als sie gegangen war, hatte sich Amanda einmal von ihnen allen verabschiedet, doch Montgomery hatte nur verschwommene Erinnerungen an seine Mutter.

Er vermisste sie aber auch nicht.

Amme Natascha war ein sehr guter Ersatz gewesen und hatte sich liebevoll um ihn und Montasser gekümmert. Mittlerweile war sie zu den Wachen gewechselt und er sah sie nicht mehr so häufig, aber wenn sie sich mal begegneten – auf dem Gang oder zu den Essenszeiten – dann hielt Natascha immer gerne für einen kurzen Plausch an.

Die beiden Drohnen gingen weiter den lichtdurchfluteten Gang entlang, wichen den herannahenden Arbeiterinnen aus und grüßten hin und wieder die ein oder andere Drohne, die ebenfalls an ihnen vorbeiging.

Zwei Arbeiterinnen trugen einen kleinen Apfelbaum in einem Topf an ihnen vorbei, um ihn in den Garten zu bringen. Troy und Montgomery machten ihnen Platz, dann gingen sie durch eine schwere Schwingtür, um die sich dahinter befindende, steril-weiße Treppe nach unten zu nehmen.

Die Stöcke waren denen von den einst lebenden Bienen nachempfunden: Sechseckige, riesige Gebäude mit ebenfalls sechseckigen Räumen in unterschiedlichen Größen. Die Orientierung war sehr einfach, hatte doch alles seinen festen und angestammten Platz. Die Klassenräume befanden sich auf einer der mittleren Etagen, während die Kinderbetreuungsräume sich etwas weiter unten befanden. Im Erdgeschoss befand sich die Speisewabe, in der alle knapp fünfhundert Bewohner des Stocks Platz fanden und der beinahe das gesamte, untere Stockwerk für sich selbst einnahm. Wer Stock 58 betrat, kam zunächst in einen langen, spärlich beleuchteten Gang, in den Montgomery stets nur flüchtig einen Blick hineinwarf, der in einen kleinen Vorraum führte. Von dort aus gelangte man entweder zum Speisesaal oder, über zwei weitere Türen, zu den Treppenhäusern, die rings um den gesamten Stock gebaut waren und von wo aus man zu jeder Etage gelangen konnte: sei es nach ganz oben, wo sich der Hochzeitsflugsaal befand oder zu ihren Schlaf- und Arbeitsräumen, die auf allen Zwischenetagen verteilt waren.

Jeder Melisad besaß seinen angestammten Platz und so würde es auch immer bleiben. Es gab noch einige leere Räume, denn Stock 58 war für eine Bevölkerung von knapp siebenhundert Melisaden ausgelegt. Sollten sie wider Erwarten zu viele werden, würden sie einige Auserwählte entsenden, um einen der frisch erbauten Stöcke neu zu besiedeln.

Es war ein ausgeklügeltes System, was sich Stock Alpha vor knapp eintausend Jahren erdacht hatte. Es funktionierte einwandfrei, kein Stock fiel in Armut oder besaß gar einen arbeitslosen Melisaden. Sie alle schufteten gemeinsam wie ein Kollektiv an der Aufrechterhaltung ihrer Wirtschaft, ihres Systems, und sie alle waren stolz darauf, ein Teil davon zu sein.

Und bald würde Montgomery seine wahre Bestimmung erfüllen können.

„Wie ist der Hochzeitsflug?“ Die Worte verließen seinen Mund, ehe er sie aufhalten konnte. Troy, der neben ihm die sterilen, weißen Treppenstufen hinabging und dabei einer der putzenden Arbeiterinnen auswich, sah ihn an und ein kleines Lächeln schlich sich auf seine Mundwinkel.

„Es ist ein seltsames Gefühl, zum ersten Mal dabei zu sein“, gab er schließlich zu.

„Und ich bin ja auch angetreten, als Gloria noch Königin gewesen ist und sie ist ja schon erfahren gewesen. Sie hat einem das Gefühl gegeben, die einzige Drohne auf der Welt zu sein. Die einzige besondere Drohne, die nur für sie lebt.“

Das hörte sich wundervoll an. Montgomery lauschte Troys Erzählungen mit großen Augen und hielt dabei sogar kurz die Luft an.

„Mit Anita wird es wahrscheinlich anders werden. Ich kann mir vorstellen, dass sie bei ihrem ersten Hochzeitsflug nervös ist. Also könnt ihr gemeinsam nervös sein!“ Sein bester Freund lachte auf und knuffte Montgomery gegen die Schulter.

„Sie wurde ihr ganzes Leben darauf vorbereitet“, wehrte die Drohne ab. „Sie wird nicht nervös sein.“

Troy zuckte nur mit den Schultern. „Ich weiß ja nicht. Immer, wenn ich Anita aus der Ferne sehe, wirkt sie mir sehr unsicher.“

„Sag das nicht!“ Montgomery blieb entrüstet stehen, dann sah er sich um, ob nicht eine der Arbeiterinnen Troys harsche Worte gehört hatte. „Sie ist unsere Königin. Sie ist die perfekte Herrscherin für unseren Stock. Gloria persönlich hat sie erwählt.“

„Königinnen werden als Babys erwählt“, erwiderte Troy nur. „Man kann nie wissen, wie sie sich entwickeln. Ich sage ja auch nicht, dass Anita eine schlechte Königin ist“, lenkte sein Kumpel ein, um ihn zu beruhigen. „Ich sage nur, dass sie mir nicht so selbstsicher wirkt, wie sie sein sollte.“

„Es ist ihr erstes Jahr.“ Montgomery setzte sich wieder in Bewegung und öffnete die Tür, die aus dem Treppenhaus herausführte. „Gib ihr noch drei weitere und sie ist wie ihre Mutter.“

Auf dieser Etage war mehr Treiben als auf der oberen. Mehrere Ammen gingen umher, kleine Kinder auf dem Arm oder schon ältere, die sie an die Hand genommen hatten. Hier gab es keine Einbuchtungen, damit die Kleinen nicht auf die Idee kamen, an den wertvollen Pflanzen zu zupfen, doch die Wände waren mit selbst gemalten Bildern der Kinder behängt worden, damit die Etage nicht ganz so trostlos aussah.

Montgomery folgte Troy, der sich zielsicher einen Weg durch die Massen bahnte, hielt dann aber eine der Arbeiterinnen mit schokoladenbraunen Haaren an, die ein einfaches, blaues Kleid trug.

„Weißt du, wo sich Amme Belinda gerade befindet?“, fragte er und hielt nach Troy Ausschau, der ein wenig weiter vorne stehen geblieben war und auf ihn wartete.

Die Arbeiterin blinzelte ihn mit großen, grauen Augen an, dann antwortete sie mit rauer Stimme: „Wabe zwei. Große Kinderwabe. Und jetzt entschuldige mich, aber ich muss weiter.“ Sie drängelte sich an ihm vorbei, vollkommen in Gedanken bei ihrer Arbeit. Die meisten Arbeiterinnen nannten ihre Räume Waben, während die Drohnen eher zu den Begriffen tendierten, die auch ihre Vorfahren genutzt hatten, da Hektor sie ihnen beibrachte, um besser mit anderen Völkern kommunizieren zu können. Montgomery fand, dass es sich ein wenig eleganter anhörte, auch wenn die Bezeichnung Wabe die offizielle war.

„Amme Belinda ist nicht in ihrem Büro“, teile Montgomery Troy mit, der sich lässig an eine Wand gelehnt hatte. Mit Schwung stieß er sich davon ab und strich seine Haare aus der Stirn.

„Nun, das ist fast zu erwarten gewesen. Sie kann ihre Schützlinge ja auch nur schlecht alleine lassen“, antwortete dieser. „Große Kinderwabe?“

Montgomery nickte und die beiden Drohnen machten sich auf den Weg. Die Große Kinderwabe kam schnell in Sicht und als sie vor der Tür standen, deren weiß gestrichenes Metall eine große, blaue Zwei anzeigte, verneigte Troy sich vor ihm und machte eine einladende Geste zur Tür.

„Bitte, der Herr“, sagte er und Montgomery hörte aus seinen Worten das breite Grinsen heraus, auch wenn er es nicht sehen konnte.

„Vielen Dank“, antwortete die Drohne, sah sich aber vorher noch einmal um. „Wo bleibt Montasser?“

„Wahrscheinlich kommt er mit Absicht zu spät, um dich schlecht dastehen zu lassen“, sagte Troy, während er sich wiederaufrichtete. „Lass dich von deinem kleinen Bruder nicht ärgern, Monty.“

Montgomery stieß einen genervten Seufzer aus, dann streckte er die Hand nach der Klinke aus, um sie herunterzudrücken. Sofort empfing ihn der Lärm von lachenden Kindern. Die Große Kinderstube war der Hauptversammlungsort der Ammen und den kleinen Arbeiterinnen bis acht Jahre.

Drohnen durften nur bis sechs Jahre bleiben. Danach wurden sie für ihre ersten Tätigkeiten eingeteilt oder kamen, in den Fällen der Drohnen, in die Schule.

Montgomery sah ungefähr zwei Dutzend Kinder verteilt in dem Raum sitzen. Die meisten saßen um ein paar Ammen herum, puzzelten, spielten mit Bauklötzen oder malten auf einem niedrigen Tisch.

Der gesamte Boden war ausgelegt mit einem weichen, grünen Teppich, in den sechs Ecken des Raumes standen kleine Bäume, deren violette Blüten einen beruhigenden Duft verströmten. Die Decke war blau angemalt worden und weiße Schäfchenwolken in Form von Wattebauschen baumelten an dünnen Seidenfäden hinab. Aus versteckten Lautsprechern drangen sanftes Vogelgezwitscher und das Rauschen des Windes durch die Blätterwerke eines Waldes.

Schon als kleines Kind hatte Montgomery diesen Raum geliebt. Er vermittelte ihnen den Eindruck, als ob sie sich tatsächlich im Freien befanden, in einer wundervollen Umgebung mit einer angenehmen Temperatur. In den Räumen für die Kinder wurde besonders penibel darauf geachtet, dass die Grade nicht zu hoch stiegen, denn ihre Körper entwickelten sich erst noch und konnten den ungeheuren Temperaturen noch nicht standhalten.

Die Kinder trugen alle hellgraue Kleidung, während die Ammen in ein hübsches Blau gekleidet waren, das ihren Stand im System deutlich machte. Zwar besaßen nicht alle Gruppen von Arbeiterinnen eine eigene Farbe, aber die meisten. Überhaupt war ihre Gesellschaft stark von Farben abhängig, denn die waren leicht zu unterscheiden, sodass die meisten Arbeiterinnen sich noch einfacher zurechtfinden konnten. Während des Hochzeitsflugs wurde auch mit Farben gearbeitet, um es der aktuellen Königin leichter zu machen, zu erkennen, welche Drohne sich in welchem Jahr befand.

„Das ist ein Schaf“, hörte Montgomery eine jüngere Amme sagen. „Es macht mäh!“

Das kleine Kind, das auf ihrem Schoß saß und mit großen Augen in das Buch guckte, zeigte mit dem Finger darauf und imitierte das Geräusch. Die Amme lächelte liebevoll und strich der kleinen heranwachsenden Arbeiterin eine der blonden Strähnen aus dem Gesicht. „Wenn du älter bist, kannst du sie in den Stallungen besuchen.“

Montgomery betrachtete das süße Schauspiel einen Augenblick, dann hörte er, wie er gerufen wurde.

„Drohne 666. Wie schön, dass du hier bist.“

Er wandte sich um und sah am Ende des Raumes, in einem weinroten Sessel, dessen Stoff an den Armlehnen bereits ganz abgewetzt war, Amme Belinda wie eine Königin thronen.

Ihre Haare waren bereits vollständig ergraut und sie trug sie zu einem langen Flechtzopf gebunden, der ihr über die Schulter fiel. Ihr dunkelblaues Kleid saß perfekt an ihrem schmalen Körper, war hoch zugeknöpft und wurde von schmalen, silbernen Borten am Rocksaum verziert. Amme Belinda trug eine dünnrandige Metallbrille auf der großen Nase, die aus einem von unzähligen Fältchen durchzogenen Gesicht herausragte. Obwohl sie meistens sehr streng guckte, befand sich stets ein warmer Zug um ihre Mundwinkel, wenn sie sich in der Nähe der Kinder befand.

Sollte man ihr allerdings mal außerhalb der Kinderwabe begegnen, sollte man lieber Reißaus vor ihr nehmen, denn häufig konnte sich ihre Laune schlagartig ändern.

Montgomery lief zu ihr und kniete sich dann vor ihr auf den weichen Teppich. Die Fasern fühlten sich kühl an seinen Beinen an und Erinnerungsfetzen schossen durch seine Gedanken, wie er als kleines Kind genau an der gleichen Stelle gesessen und den Geschichten der ältesten Amme gelauscht hatte.

„Amme Belinda. Ich freue mich, Sie zu sehen.“ Montgomery neigte respektvoll den Kopf und wartete, bis die Amme antwortete.

„Ich freue mich auch. Ich habe in den letzten Jahren sehr viel Positives von dir gehört.“ Belinda duzte jeden von ihnen, egal, in welchem Alter er sich befand. Da sie selbst die wahrscheinlich älteste Arbeiterin im gesamten Stock war, war es ihr gutes Recht.

„Ich bin bestrebt, eine gute Drohne zu sein.“ Montgomery spürte, wie er lächelte, als er die Worte von sich gab. Amme Belinda schenkte ihm ein zufriedenes Lächeln, dann wandte sie sich an Troy, der ebenfalls langsam zu ihnen geschlendert kam.

„Bist du Drohne 667?“, fragte sie ihn mit schneidender Stimme.

„Öhm.“ Troy stolperte, fand sein Gleichgewicht wieder und lächelte die Amme dann an. Einige Blicke waren auf ihn gerichtet und viele der Kinder starrten die älteren Drohnen mit offenen Mündern an. „Nein. 664, Amme Belinda …“, fing er an.

„Ich kenne deine Nummer, Troy.“ Amme Belinda unterbrach ihn, sodass der Angesprochene den Blick demütig zu Boden senkte. Troy besaß zwar eine große Klappe, aber selbst er traute sich nicht, sie bei die Belinda einzusetzen und konnte plötzlich ganz lammfromm sein.

„Aber ich bat 666 und 667 zu mir. Was hast du dann hier zu suchen?“

„Ich muss Monty moralische Unterstützung bieten“, verteidigte Troy sich mit einem charismatischen Lächeln. „Er ist doch so nervös!“

„Zu gütig.“ Amme Belinda hörte sich allerdings nicht so an, als würde sie das ernst meinen. „Was hältst du davon, draußen vor der Tür zu warten?“

„Um ehrlich zu sein nicht wirklich viel …“

„Raus!“

„Bin schon weg.“ Troy lächelte Montgomery aufmunternd zu, dann verschwand er schnellstens. Montgomery sah ihm nach und seufzte innerlich schwer. Dann spürte er Amme Belindas stechenden Blick auf sich liegen und er drehte sich wieder zu ihr um.

„Nun, 666“, fing die Amme mit harter Stimme wie bei einem Verhör an. „Wo ist dein Bruder?“

Viertes Honigbonbon

Montgomery bewegte sich beim Sitzen peinlich berührt hin und her.

Seine Schultern sanken nach unten und er wich ihrem Blick aus.

„Ähm …“, machte er, nicht wissend, was er erwidern sollte.

„Artikuliere dich richtig! Sitz aufrecht! Hör auf, wie ein kleines Kind zu zappeln! Oder versagt Hektors Unterricht bei dir?“, schnauzte Amme Belinda ihn an.

„Nein.“ Montgomery setzte sich starr wie ein Baum hin, drückte den Rücken durch und räusperte sich. „Ich weiß nicht, wo Montasser ist, Amme Belinda.“

„Und wieso nicht? Er ist dein jüngerer Bruder, du solltest auf ihn aufpassen.“

„Ich wollte ihn begleiten, aber er ist schon verschwunden, und …“

„Montgomery.“ Belindas Stimme klang vernichtend und die Drohne musste sich beherrschen, nicht wieder ihre Haltung zu verlieren. „Als der Ältere von beiden bist du verpflichtet, auf Montasser aufzupassen.“

„Uns trennt eine halbe Stunde“, murmelte Montgomery vor sich hin.

„Es ist egal, ob eine halbe Stunde, ein halber Tag oder ein ganzes Jahr. Du hast Pflichten“, erinnerte Belinda ihn mit gestochen scharfer Stimme.

Da Montgomery wusste, dass eine Diskussion mit ihr zwecklos war, senkte er nur den Kopf und starrte auf seine Hände.

„Natürlich, Amme Belinda. Entschuldigt mein Verhalten, es wird nicht wieder vorkommen.“

Ein kleines Lächeln breitete sich auf ihren schmalen, runzeligen Lippen aus.

„Einsichtigkeit ist eine Tugend, Montgomery. Deswegen habe ich nur Gutes von Hektor über dich gehört. Sehr fleißig. Immer höflich und zuvorkommend. Äußerst intelligent. Du bist eine Vorzeigedrohne, von der sich andere eine Scheibe abschneiden könnten.“

Es war klar, dass sie mit Letzterem Troy meinte.

„Ich bin mir sicher, dass auch diese Drohnen eines Tages einsichtig sein werden“, behauptete Montgomery, wobei seine zweifelnden Gedanken an Troy diese Worte eine Lüge straften.

Amme Belinda schien noch etwas sagen zu wollen, aber da wurde ihre Aufmerksamkeit von etwas Anderem gefesselt.

„Ah, Drohne 667. Wie schön, dass du ebenfalls eingetroffen bist.“

Montgomery sah, wie sein Bruder neben ihn trat und sich ebenfalls hinkniete. Die Hände sittsam auf die Oberschenkel abgelegt und den Kopf gesenkt, saß Montasser da und sagte: „Entschuldigt meine Verspätung, Amme Belinda. Aber ich wartete auf meinen Bruder, doch mir war nicht bewusst, dass er bereits ohne mich losgezogen war!“

Dieser miese …!

Wenn Troy jetzt hier wäre, würde er Montasser anfahren und ihn dazu auffordern, die Wahrheit zu sagen, egal, ob Amme Belinda zuhörte oder nicht. Und auch Montgomery wären die Worte beinahe von der Zunge gehüpft, doch schnell genug hielt er sich im Zaum und schluckte seine aufkeimende Wut herunter. Seine Hände hatten sich zu Fäusten geballt und die Drohne zwang sich dazu, sich wieder zu entspannen. Montasser tat alles, um ihn in ein schlechtes Licht zu rücken, doch glücklicherweise verhielt Montgomery sich so vorbildlich, dass es kaum etwas ausmachte.

„Ich habe das Gefühl, die Kommunikation zwischen euch beiden ist nicht so, wie sie sein sollte“, schalt Amme Belinda sie beide. „Ihr seid Zwillinge. Ihr solltet miteinander auskommen.“

Keine der beiden Drohnen antwortete. Belinda war sehr geschickt darin, einem das Wort im Mund umzudrehen und man musste bei ihr äußerst vorsichtig sein

„Ich weiß, der Konkurrenzkampf unter euch beiden ist besonders groß“, fuhr die Amme fort und lehnte sich in ihrem Sessel zurück, faltete die Hände in ihrem Schoß. „Eine Zwillingsdrohne zu sein ist wahrlich kein einfaches Leben, wenn man ständig mit seinem eigenen Spiegelbild verglichen wird. Aber ihr dürft euch nicht als Konkurrenten sehen. Wir sind eine Gemeinschaft, ein Kollektiv. Jeder stützt den anderen.

Fällt eine Säule, droht alles zusammenzubrechen. Ihr befindet euch in einer speziellen Situation, aber ihr seid nicht die Ersten, denen es so geht. Es ist euch bewusst, dass am Ende eine Drohne übrigbleiben wird – aber dies muss keine von euch sein.“

„Bisher blieb immer eine Zwillingsdrohne übrig“, wagte Montasser es, zu bemerken und sprach dabei genau die Gedanken Montgomerys aus.

„Vielleicht ist es dieses Mal anders. Jeder Stock schreibt seine eigene Geschichte“, meinte Amme Belinda mit sanfter Stimme. „Euer Konkurrenzdenken ist Gift für das Kollektiv. Legt dies ab, kommt miteinander klar. Und alles andere wird sich ergeben. Lebt im Hier und Jetzt, nicht in der Zukunft. Und selbst, wenn einer von euch übrigbleibt, dann wird demjenigen die ehrenwerte Aufgabe übertragen, die neuen Drohnen auszubilden. Das ist ein wichtiger Aspekt im System und darf niemals vernachlässigt werden.“

Es war beruhigend, den Worten der Amme zu lauschen. Ihre Stimme klang mit einem Mal so einlullend und beruhigend wie eine warme Decke um seine Schultern, nicht mehr so eisig wie die Temperaturen, die in dem fernen Land Pagonos herrschten.

„Wir verstehen, Amme Belinda“, sagten die beiden knienden Drohnen im Chor. Dennoch bezweifelte Montgomery, dass Montasser sein Verhalten ihm gegenüber ändern würde. Es war nicht nur das Konkurrenzdenken, das zwischen ihnen stand, sondern die grundsätzliche Antipathie, die sie füreinander hegten.

Sie waren nur wenige Drohnen, doch alle von einem sehr unterschiedlichen Charakter. Und auch, wenn ihnen beigebracht wurde, sich gegenseitig zu mögen, war das nicht einfach. Manchmal war es unter den Drohnen so, als würden zwei verschiedene Welten aufeinanderprallen und teilweise entbrannten große Diskussionen aufgrund von Meinungsverschiedenheiten.