Tasten auf dünnem Eis - Karin Linsi - E-Book
Beschreibung

Mara, Patientin und zugleich genaue Beobachterin, nimmt den Leser mit in die psychosomatische Klinik Dornhof und lässt ihn diese eigene Welt miterleben: Gruppentherapie, Familienaufstellungen, tiefe Gespräche, widersprüchliche Gefühle, Situationskomik? Dazwischen zeichnen Erinnerungsszenen Maras Weg vom dünnhäutigen, begabten Mädchen zur vielversprechenden Pianistin, die an ihren Ängsten scheitert und nicht zurechtkommt mit dieser Welt. Sie gibt ihren Beruf auf und gerät auf der Suche nach einem sinnvollen Weg in eine Spirale von Angst, Depression und Magersucht. Bis sie mit dreißig in die Klinik "Dornhof" eintritt und dort zaghaft neue Schritte wagt. Mit präziser Sprache, empfindsam, berührend nah, doch ohne zu psychologisieren erzählt Karin Linsi Maras Geschichte.

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Sammlungen



Karin Linsi, 1967 in Basel geboren, aufgewachsen in Liestal bei Basel. 1989 Lehrdiplom für Violoncello an der Musikhochschule Luzern, danach Weiterstudium am Utrechts Conservatorium (NL). Sprachdiplome für Deutsch und Englisch. Lebt seit 1999 in Luzern.

Der Panther

Im Jardin des Plantes, Paris

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

so müd geworden, dass er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

und hinter tausend Stäben keine Welt.

Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,

der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,

in der betäubt ein großer Wille steht.

Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

sich lautlos auf –. Dann geht ein Bild hinein,

geht durch der Glieder angespannte Stille –

und hört im Herzen auf zu sein.

Rainer Maria Rilke

Mara spürt die wartenden Blicke der Patientengruppe und der beiden Betreuerinnen auf sich.

«Ich heiße Mara – ich bin dreißig, ich habe Probleme mit dem Essen – und mit einigen anderen Dingen.» Zögernd sieht sie in die Runde. «Muss ich noch etwas sagen?»

Rosanna legt ihren Notizblock nieder.

«Setz ruhig deine eigenen Grenzen! Du brauchst dich hier in deinem ersten Gruppengespräch nur so weit zu öffnen, wie es für dich stimmt.»

Mara lächelt die Betreuerin dankbar an. Dann fürchtet sie, ihr hämmerndes Herz könnte durch ihre Leinenbluse zu bemerken sein, und verschränkt eilig die Arme.

«Wir machen hier Schluss für heute», schaltet sich Bernadette ein. «Mara – in fünf Minuten beginnt dein Eintrittsgespräch. Zimmer 408. Hier, deine Termine.»

Sie streckt Mara einen Zettel hin, bevor sie mit Rosanna zur Tür hinausgeht.

Der Raum leert sich, draußen im Flur verliert sich das Lachen und Schwatzen der anderen.

Mara bleibt allein zurück und lässt ihren Blick über die Einrichtung des lang gezogenen, durch eine Trennwand unterteilten Zimmers gleiten. Pflanzenkübel stehen bei den Fenstern am Boden, unter dem Clubtisch inmitten der Sitzgruppe liegen zerlesene Zeitschriften, die Sofabezüge sind ganz zerknittert.

Maras Augen kehren immer wieder zum Esstisch zurück, der sich fast über die ganze Fensterfront erstreckt. Wie viele Personen mögen daran Platz finden, zwanzig? Mit zwanzig Leuten zusammen essen …?!

Sie reißt sich aus ihren Gedanken, prüft auf dem Zettel nochmals die Zeit und die Zimmernummer, dann rennt sie in die oberste Etage der psychosomatischen Klinik.

In dem kleinen Zimmer unter dem Dach riecht es nach einem eleganten Parfum. Wie damals bei den Großeltern, durchzuckt es Mara.

«Willkommen in der Klinik Dornhof, Mara! Ich bin die Monique, deine Therapeutin. Wir duzen uns hier alle.» Mit ausgestreckter Hand kommt Monique auf Mara zu, Mara drückt ihre Hand und bemerkt dabei, wie eisig sich ihre eigene anfühlt, dann setzen sich beide hin.

Kurz danach hetzt ein südländisch aussehender Mann um die vierzig ins Zimmer.

«Mara! Freut mich! Ich bin Silvio, deine Bezugsperson!» Er nimmt ihr gegenüber Platz und betrachtet sie prüfend, während Monique ihre Unterlagen studiert.

Moniques Gesicht mit der faltenlosen Haut erinnert Mara an eine Porzellanpuppe. Alles an ihr ist braun: die Augen, das Haar, sie ist in Brauntönen gekleidet, seltsam neutral, unangreifbar.

Monique blickt hoch und sagt: «Du bist Korrektorin?» «Ja, aber ich habe vor einem halben Jahr meine Stelle gekündigt. Ursprünglich bin ich Musikerin, doch das ist eine andere Geschichte.» Maras Herzklopfen verstärkt sich wieder.

Monique sieht sie wartend an. «Mh. Lassen wir das mal so stehen», sagt sie nach einer Weile, macht sich eine Notiz, dann fährt sie fort: «Wir schließen hier mit den meisten Patienten Verträge ab.»

Mara richtet sich in ihrem Sessel auf.

«Verträge?»

«Wir werden gemeinsam dein Minimal- sowie dein Zielgewicht festlegen, und du sicherst mit deiner Unterschrift zu, auf Tricks zur Gewichtskontrolle zu verzichten sowie dein Zielgewicht anzustreben. Falls du es für angebracht hältst, wirst du auch einen Suizidvertrag unterschreiben, das heißt, dass du dich beim Betreuungsteam meldest, wenn du akute Absichten verspürst.» Mara nickt, nimmt die Papiere, die Monique ihr hinhält, und setzt mit steifen Fingern ihre Unterschrift darunter.

«Du wirst dich hier anpassen und einen Teil deiner Autonomie abgeben müssen, Mara», sagt Silvio, und seine dunklen hervortretenden Augen sehen sie plötzlich streng an. «Außerdem wird bei uns das Gruppenleben stark gewichtet und als wertvolles Übungsfeld betrachtet. Dessen sollst du dir von vornherein bewusst sein.» «Natürlich», sagt Mara und sieht mit angehaltenem Atem an ihm vorbei, während er eine Weile weiterredet und ihr das Nötigste zum Klinikalltag erklärt.

«Jetzt heißt es aber Beeilung – dein Arzttermin!», schaltet sich Monique ein und tippt auf ihre Armbanduhr.

Mara verabschiedet sich hastig und eilt zur Tür hinaus.

«Du kannst mit mir im Aufzug mitfahren!», ruft Silvio hinterher, dann überholt er sie im Flur, grinst über die Schulter und schlägt mit flacher Hand auf den Aufzugknopf.

Mara starrt auf das leuchtende Lämpchen, hört das Surren im Liftschacht, ihr Herz beginnt zu klopfen …

«Ehm – kann ich – muss ich – ich möchte lieber die Treppe nehmen.»

«O-oh, da haben wir noch Arbeit vor uns!», sagt Silvio, dann sieht er ihr fest in die Augen: «Angst? Gut, lassen wir durchgehen, solche Dinge sollst du ja hier lernen.» Mara rast die Treppe hinunter und kommt fast gleichzeitig mit ihm bei der Abteilung an.

«Ciao, Mara. Auf gute Zusammenarbeit!»

Silvio verschwindet durch die Tür, worauf «Teamzimmer» geschrieben steht.

Maras Gummisohlen quieken auf dem Linoleum und hallen durch den langen, gedämpft beleuchteten Flur. Die Patientenzimmer liegen alle auf einer Seite, die Türen sind geschmückt mit bunten Federn, Zeichnungen, Fotografien, nur die letzte, hinter der sich das Arztzimmer verbirgt, ist blank …

«Hallo! Auch Arzttermin?»

Die Stimme der jungen Frau, die neben dem Sprechzimmer wartet, tönt rauchig und überraschend laut.

«Ja. Du auch?»

Die Patientin nickt, und Mara sieht sie ahnungsvoll an.

Ein Trainingsanzug schlottert um ihren mageren Körper, ihr Gesicht ist blass, die Augen sind umschattet, breite schwarze Kajalstriche lassen sie noch dunkler erscheinen.

«Ein neues Medi muss her, eines ohne Nebenwirkungen!

Ich bin übrigens Conny. War vorhin nicht im Gruppengespräch, hatte Kopfschmerzen. Du bist in der Essgruppe?»

«Ja, sieht so aus», sagt Mara und errötet, ohne zu wissen, weshalb.

Conny blickt sie mit ironischem Lächeln an: «Na, dann – willkommen im Club!»

«Danke!», sagt Mara und lacht ganz befreit, wie eine erlösende Welle durchströmt Connys lockerer Spruch ihren angespannten Körper.

Als ein Patient aus dem Zimmer tritt, steht Conny auf.

«Okay, dann geh ich mal in die Höhle des Löwen. Dauert nur zwei Sekunden!»

Nachdem Frau Dr. Gaillard etwas auf der Patientenkarte vermerkt hat, beginnt sie Maras Gesicht zu mustern. Bald verzieht sich ihr Mund zu einem aufmunternden Lächeln.

«Sie sehen gar nicht so magersüchtig aus, Frau Kern?!», bemerkt sie in aufsteigender Melodie.

«Finden Sie?», sagt Mara und denkt: Nicht diesen blöden Spruch! Ich weiß ja, dass ich ein rundes Gesicht habe … «So, Frau Kern, vorerst ein paar Fragen. Welche Psychopharmaka nehmen Sie ein? Seit wann sind Sie anorektisch? Haben Sie irgendwelche Beschwerden?»

«Nicht wirklich, nein.»

Mara spürt sofort wieder ihren hämmernden Puls. Unbehaglich beantwortet sie alle weiteren Fragen, im Wissen, sich in den letzten zweieinhalb Jahren mutwillig geschadet, also schuldig gemacht zu haben.

«Sie sind sehr blass, Ihre Lippen sind bläulich, könnte Eisenmangel sein oder bereits eine Anämie, kommt häufig vor bei Anorektischen, und Ihr Hormonhaushalt wird ziemlich durcheinander sein – alors, morgen gehen Sie ins Labor, danach wissen wir mehr, Ihr Antidepressivum nehmen Sie unverändert weiter, und wegen Ihrer Angststörung verschreibe ich Ihnen ein Beruhigungsmittel, für den Notfall – zudem eine Physiotherapie, Sie werden sehen, die schafft ein besseres Körpergefühl, ist ja besonders wichtig in Ihrer Situation …»

Frau Gaillard redet mit ihrem französischen Akzent in einem solchen Tempo weiter, dass Mara unwillkürlich auch schneller zu sprechen beginnt.

«Uuuuuh, Sie müssen sich beeilen, das Abendessen hat bereits begonnen, vorne im Salon, wie wir hier alle den Ess- und Aufenthaltsraum nennen», sagt Frau Gaillard plötzlich, und ihr Gesichtsausdruck lässt ahnen, dass in diesem Haus mit Unpünktlichkeit nicht zu spaßen ist.

Draußen vor der Tür atmet Mara tief durch. Sie kommt sich vor wie auf einem Hindernislauf, sehnt sich nur noch nach einer Pause, doch sie muss weiter, eilt durch den Flur zum Salon und lauscht kurz nach drinnen.

Nur das Klappern von Besteck dringt durch die weit offen stehende Tür. Bestimmt bin ich die Letzte!, denkt Mara und hält den Atem an.

Dann geht sie hinein, nickt drinnen der Tischrunde zu und lässt sich auf dem nächsten freien Stuhl am Tischende nieder.

«Die Patienten von der Essgruppe sitzen grundsätzlich alle beieinander. Damit ihr euch gegenseitig beim Essen unterstützen könnt», sagt Bernadette und deutet mit dem Kopf ans andere Ende des Tisches.

Mara schnellt hoch, doch Bernadette winkt ab, für dieses eine Mal. Sie schiebt Mara eine Servierplatte bis vor den Tellerrand.

«So, nun lass es dir aber schmecken!»

Mara starrt die Fleischstücke auf der Platte an.

«Eigentlich bin ich Vegetarierin –»

«Sorry, wir gehen bei Neueintretenden davon aus, dass sie Fleisch essen», entgegnet Bernadette knapp.

Nicht weiter schlimm, Kalorien sparen, denkt sich Mara und streckt den Arm nach der Salatschüssel aus –.

«Beim Fleischmenü ist kein Salat dabei, nur beim vegetarischen!», sagt die Patientin schräg gegenüber.

Mara zieht sofort ihre Hand zurück.

«Entschuldigung!»

Sie schielt auf die anderen Teller, die alle bald leer gegessen zu sein scheinen, malt sich aus, wie sie als Letzte allein zu Ende isst, jede Bewegung von vielen Augenpaaren verfolgt … Fluchtgedanken tauchen auf …

«Magst du etwas vom Vegetarischen?», ertönt plötzlich eine fast märchenhaft lieb klingende Stimme vom anderen Tischende. «Bei uns sind noch Reste übrig.» Die schwarz gekleidete Frau, die Mara schon vorhin im Gruppengespräch aufgefallen ist, sieht sie geduldig an.

Maras Kehle krampft sich zusammen vor Dankbarkeit.

«Elena!», ruft Bernadette. «Hast du abgeklärt, ob bei euch alle satt sind, bevor du anfängst, Essen in der Weltgeschichte herum zu verteilen?» Elena sieht im Essgruppensektor um sich und erntet zustimmendes Kopfnicken.

Mara lächelt ihr zu, ehe sie einen Blick auf die Platte werfen kann, die bis zu ihr weitergereicht wird.

Zwei schlappe dünne Auberginenscheiben mit einem Klecks rostroter Sauce liegen da – und die Aubergine ist das einzige Gemüse, das Mara nicht mag. Zögernd beginnt sie zu essen. Diese erkalteten Auberginentranchen sollen nun also das Ende der Hungerzeit einläuten …?

Mara stellt ihren leer gegessenen Teller auf den Geschirrberg in der Abwaschküche und eilt am Salon vorbei in ihr Zimmer. Als ob ihr ein Verfolger auf den Fersen wäre, drückt sie die Tür hinter sich zu, und sofort rinnen Tränen über ihre Wangen.

Sie setzt sich auf die durchgelegene Matratze und weint eine Weile still vor sich hin.

Nachdem sie sich etwas beruhigt hat, fragt sie sich, was für ein Mensch dieses Zimmer vor ihr bewohnt haben mag. Sie beginnt den Raum abzusuchen, als könnte sie irgendwelche Spuren entdecken. Es riecht nach frischer Bettwäsche und Möbelpolitur. Ein schlichter Holzschrank steht in der Ecke, an der längeren Wand ein schmaler Schreibtisch, gegenüber das Bett. Die wenigen Möbelstücke füllen das Zimmer beinahe aus, lassen zwischen Bett und Schreibtisch nur einen engen Durchgang. Doch es ist ein Einzelzimmer, das ist die Hauptsache.

Gedankenverloren dreht Mara den Radiowecker an. Als ein Klavierwerk von Mozart aus dem Lautsprecher tönt, zuckt sie zusammen, schaltet wie elektrisiert die kristallklare Musik wieder aus, jene Sonate, die sie einmal auf einem Wettbewerb hätte spielen sollen, wenn sie ihrer Klavierlehrerin auf der Musikhochschule diese Idee nicht vor lauter Lampenfieber ausgeredet hätte.

Sie fühlt sich plötzlich unendlich müde. Wie gelähmt legt sie sich hin, schließt die Augen.

Doch die ganzen Eindrücke des Tages stürmen auf sie ein, die Gesichter all der fremden Menschen starren sie an, nehmen ihr fast den Atem. Mit Unbehagen denkt sie an das Gruppengespräch zurück und an alle bevorstehenden. Wie unerbittlich die Betreuer nachhakten, keine vagen Formulierungen akzeptierten! Und wie offen alle waren, als ob nichts zu persönlich, zu unbedeutend wäre!

Und Essgruppe – das klingt, als ob man da den ganzen Tag nichts anderes tun würde als essen! – Zwölf Wochen hier bleiben?

Die anderen sitzen jetzt vielleicht alle unten im Klinikcafé, im «Intermezzo», und haben es schön zusammen … Wenn Lischka doch jetzt hier nebenan läge, schnurrend, voller Liebe und Liebebedürftigkeit!

Am Morgen, als die Katze zu ihr unter die Bettdecke gekrochen kam und sich an ihren Bauch schmiegte, hat Mara ihr nochmals erklärt, sie müsse sich voraussichtlich drei Monate lang vorwiegend von den Nachbarn versorgen lassen …

Ich kann hier jederzeit wieder austreten, überlegt Mara plötzlich, mir geht’s sowieso zu gut für diese Klinik, jemand anderer von der Warteliste bräuchte meinen Platz sicher dringender, ich hätte ebenso gut zu Hause bleiben und dort meine Therapie weiterführen können …

Sie hält inne. Erinnerungen an die Zeit vor der Klinik tauchen vor ihr auf, als tiefschwarze Wand schieben sich die vergangenen Jahre vor ihre gerade konstruierte heile Kulisse. In ihre Gedankenkette mischt sich Erleichterung, es nun doch nicht länger allein schaffen zu müssen.

Sie steht vom Bett auf und tritt auf den winzigen Balkon hinaus.

Vom Untergeschoss dringt ein dumpfes Brummen herauf, Dampf strömt unaufhörlich aus dem Luftabzug der Wäscherei. Der Park um das frisch renovierte vierstöckige Jugendstilgebäude liegt fast im Dunkeln, gusseiserne Laternen legen schwache Lichtkegel auf die Kieswege.

Im Restaurant neben der Klinik sitzen die Menschen miteinander an gedeckten Tafeln, bei Kerzenlicht, sie reden, lachen, essen.

Mara späht durch die vorhanglosen Fenster des Lokals, spürt, dass schon wieder Tränen in ihre Augen drängen, wie so oft an diesem Tag, Tränen, die ihr das Gefühl vermitteln, allein und verloren zu sein, ein Kind, das ins Internat verpflanzt worden ist und sich mit seinen zarten Wurzeln am neuen Ort festzuhalten versucht.

Die St-Honoré-Torte mit dem gebrannten Zucker und den lustigen Kugeln schmeckt gut, und der französische Name klingt so vornehm. Die Torte stammt aus der besten Konditorei der Stadt. Hat die Großmutter gesagt, die jetzt neben Großvater in ihrem Fauteuil sitzt.

Mara rutscht weit vorne auf das samtene Sofapolster, damit sie mit ihren Lackschuhspitzen den Boden erreichen kann. Die weiße Strumpfhose ist unbequem, und am Hals zwickt der Ausschnitt ihres Kleidchens. Hinter den Ohren drückt der Haarreif, der ihr fliegendes hellblondes Haar aus dem Gesicht halten soll. Großmutter sagt, das sehe anständiger aus.

Mit Mara auf dem Sofa sitzt ihre Mutter und ihr drei Jahre älterer Bruder Roman, der schon in die Schule geht. Er hat von Großvater ein Buch über Flugzeuge in die Hand gedrückt bekommen und zeigt mit seinen zusammengezogenen Brauen, dass er unerreichbar in seine Flugzeugwelt vertieft ist. Vater sitzt auf dem Sessel daneben. Wenn er bei seinen Schwiegereltern zu Besuch ist, stellt Mara immer fest, dass sein kurzes gerades Haar noch strenger gekämmt ist und seine Bewegungen steifer sind als sonst.

Einen Moment lang ist nur das Geräusch von Dessertgäbelchen auf Porzellantellerchen zu hören.

Mara passt auf, dass sie keinen Krümel auf den Teppich fallen lässt und erst recht keine Creme. Ab und zu nimmt sie einen Schluck Tee aus der hauchdünnen Tasse mit Goldrand. Mit dem Silberlöffelchen hat sie heimlich ganz viel Zucker hineingestreut, der sich jetzt auf dem Tassenboden absetzt wie ein Sandberg. Sie wird nicht umrühren, damit sie am Schluss die ganze Süße auslöffeln kann.

Großmutter klopft mit einem Zinken ihrer Silbergabel auf ihr Tellerchen und sieht die anderen zufrieden an.

«Sie ist halt doch die Beste, nicht wahr? Der Gout ist einfach delikater, verglichen mit der St-Honoré der Confiserie Kempfert, das muss man doch einfach sagen.» Alle pflichten ihr bei, bevor sie sich wieder ihrem Tortenstück zuwenden.

«Möchte jemand noch St-Honoré?», fragt Großmutter.

Mit Verweis auf die schlanke Linie lehnen die Großen ab.

«Aber ihr nehmt den Rest mit nach Hause?» Mara freut sich schon darauf, der Katze davon abzugeben, Minkas raues, feuchtes Katzenzünglein auf ihrer Hand zu spüren.

Großmutter sieht klein aus, in sich zusammengesunken, ein Gobelinkissen stützt ihren gekrümmten Rücken, damit er nicht zu schmerzen beginnt. Sie trägt einen knielangen grauen Flanelljupe, eine weiße Bluse mit Spitzenkragen, einen rosa Kaschmirpullover, und um den Hals eine Perlenkette. Sie riecht nach Puder und Parfum, und jedes Haar liegt an seinem Platz. Immer sieht sie so aus. Außer wenn sie im Garten arbeitet, dann trägt sie ausgebeulte Hosen, verwaschene Blusen; ihr Haar ist zerzaust, manchmal verfangen sich winzige Zweigteile darin, auf die Mara dann immer starren muss.

Großvater beginnt mit seinem Schwiegersohn ein Gespräch über hohe Steuern, unverschämte Linke, seine und Vaters Stimmen klingen empört.

Großvaters goldene Uhr mit den dicken Zeigern hängt an einer Kette und liegt im Westentäschchen. Er weiß immer, wie spät es ist, kann Unpünktlichkeit nicht ertragen.

Seine Pupillen in der hellgrauen Iris sind so klein wie Nadelköpfe, und er wird vielleicht eines Tages erblinden, hat Mara kürzlich gehört. Sie findet das schrecklich, hat viel Mitleid mit ihm, und sie weiß nie so recht, wie viel er von ihrem Gesicht überhaupt noch sehen kann.

Die Mutter unterhält sich unterdessen mit Großmutter über Rosenpflege, Dünger, Schädlinge, lebhaft sprechen sie von Gärtnereien und deren Sonderangeboten. Und Roman ist noch immer ganz und gar mit seinen Flugzeugen verschmolzen.

Mara ist müde. Mit verlorenem Blick verfolgt sie die endlosen Ranken auf dem Seidenteppich, dann sieht sie durchs Fenster, beobachtet die Wolken, die am Himmel fahren, und stellt sich vor, sie würde auf einer großen weißen Wolke hoch oben über das Haus der Großeltern schweben.

Mara legt ihr Sitzkissen neben den Heizkörper direkt bei der Tür und blickt unsicher um sich. Sie spürt eine Schwere im Raum, der sie nichts entgegensetzen kann.

Die anderen haben sich bereits entlang den Wänden im Gruppenraum eingerichtet und sehen aus, als wären sie schon ewig da.

Irgendwann reißt Agnes ein Fenster auf. Die feuchte Kälte des Herbstmorgens erfüllt das Zimmer und treibt die verbrauchte Luft hinaus. Mara gräbt sich tiefer in ihren weiten schwarzen Pullover, den sie sich damals für ihre Konzertauftritte gestrickt hat, umschlingt ihre Knie und lehnt sich an den warmen Radiator. Durchs Fenster sieht sie in den nebligen Tag hinaus und verliert sich in ihren Gedanken …

«Guten Morgen allerseits!»

Mara zuckt zusammen und blickt zur Tür – Georg.

Von der zehnköpfigen Gruppe ertönen bloß vereinzelte gemurmelte «Hallo».

Hinter Georg treten Monique, Rosanna und Lars vom Betreuungsteam gelassen ins Zimmer und mischen sich unter die Patienten.

Georg lässt seine Unterlagen und den Schlüsselbund aus halber Höhe auf den Teppich fallen, streift sich seine Mokassins ab und ordnet sie in die Hausschuhreihe an der Wand ein. Dann stellt er sich hin und reibt sich die Hände.

«Und? Schlaft ihr alle noch oder liege ich da gänzlich daneben? Ha, ich rede auch schon vom Liegen. Ihr steckt mich an mit eurer Schläfrigkeit!» Er schwingt ein Kissen aus dem Einbauschrank, pflanzt sich im Schneidersitz darauf und sieht in die Runde.

«Conny, neuer Pulli, was? Lustiger Aufdruck, ha. Und Felix, der guckt andauernd auf seine Fußspitzen – gibt es da was Spannendes zu sehen? Hast die schnellen rutschfesten Socken angezogen? Damit du rascher verschwinden könntest, hm?» Mara wirft einen Blick auf ihre Socken und ist froh, dass sie heute nicht die selbst gestrickten bunten trägt, die Georg zu einem Kommentar anstacheln könnten.

«Uuund, was meint ihr anderen? Möchte Felix flüchten?» Flüchten? Mara fühlt sich angesprochen. Ja, sie würde gerne flüchten, wie immer, wenn sie sich eingesperrt oder zum Bleiben verpflichtet fühlt.

Niemand macht den Mund auf. Sobald Georgs umherschweifender Blick auf einem Gesicht ruht, verziehen sich die Mundwinkel zu einem unverbindlichen Lächeln.

«Nein, ich denke nicht, dass Felix flüchten möchte.» Mit dünner Stimme hat Mara das Schweigen gebrochen.

Georg reckt sich ihr entgegen.

«Sieh an, sieh an, Mara verlässt ihren Olymp, steigt zu uns Normalsterblichen herunter und spricht zu uns! Wie steht’s denn um deine eigenen Fluchtimpulse? Die Tür ist nah, du könntest die Klinke sogar im Sitzen runterdrücken – hast du natürlich bewusst so arrangiert.»

Mara lächelt und fixiert auf dem hellen Spannteppich jenen großen Fleck, den sie in den drei Wochen, seit sie hier ist, so oft angestarrt hat, um einem Blick auszuweichen. Sie streicht eine Haarsträhne ihrer Pagenfrisur hinters Ohr und sieht Monique an, die in den Gruppengesprächen nur stumme Beobachterin ist. Als sie deren aufmunterndes Lächeln sieht, sagt sie: «Nein, ich glaube nicht, dass ich Fluchtimpulse habe, notfalls könnte ich ja hinausgehen.»

«Ah? Könntest du? Mutig, mutig. Doch. Würdet ihr euch auch getrauen, einfach mitten aus der Stunde zu spazieren? Also ich finde das ganz schön unverfroren.»

Maras Kehle krampft sich zusammen. Sie wollte doch vorhin bloß Felix helfen! Niemand soll jetzt etwas Verletzendes sagen …

«Nein, ich finde das überhaupt nicht unverfroren», ertönt Elenas sanfte Stimme. «Ich würde auch hinausgehen, wenn mir unwohl wäre.»

Mara sieht Elena dankbar an. Trotz der schwarzen Kleidung und ihrer fünfzig Jahre wirkt Elena mädchenhaft, auf dem dunklen Plüschpullover leuchten ihre blonden Locken und umspielen ihre weichen Gesichtszüge.

«Soso, Mara, du bekommst Schützenhilfe. Ihr seid mir ja zwei ganz Hinterlistige! Tut immer so zahm und schüchtern und entpuppt euch dann als zwei ganz kühne Damen!»

Mara und Elena tauschen verstohlene Blicke aus.

«Was sagen die anderen dazu? Ihr seid wieder ungeheuer zurückhaltend! Habt ihr Angst vor Mara?»

Gespielt ungläubig blickt Georg in die Runde, fährt sich mit den Fingern durch sein kurzes angegrautes Haar, bis er plötzlich mit ganz entschlossener Stimme sagt: «So, lassen wir das, steigen wir richtig ein und beginnen zu sammeln! Wer hat einen Antrag, wer eine Arbeitsgrundlage zu präsentieren? Wer etwas vor der Gruppe sagen will, meldet sich jetzt an, wie gewohnt. Struktur ist etwas sehr Wichtiges, das wird leider allzu gerne unterschätzt!» Mara sieht neben sich auf den Boden, auf ihr blaues Mäppchen mit den vorbereiteten schriftlichen Aufgaben.

«Arbeitsgrundlage – Therapieziele» steht auf dem obersten Blatt. Georg könnte gerade heute danach fragen … Sie atmet einmal durch, dann meldet sie ihre Arbeitsgrundlage an.

«Bei dir wurde es allmählich Zeit», sagt Georg. «Heißt das, du konntest dich nun zum Hierbleiben durchringen?» Mara sucht eilig nach einer Antwort, die ihre Zweifel gegenüber der Klinik vertuschen könnte.

Doch Georg macht eine zackige Handbewegung.

«Lassen wir das nun. Wer will noch etwas ankündigen?» Mehrere Patienten melden Anträge an, Sonderbewilligungen, Abschiedsgestaltungen. Nachdem festgelegt ist, wer wann an die Reihe kommt, faltet Georg die Hände und sieht Mara auffordernd an.

Sie beginnt vorzulesen, ohne den Blick zu heben. Zuerst die Gründe für den Klinikeintritt. Dann die inneren Ziele: die Hintergründe der Angst erkennen, Gefühle wagen statt in Depressionen verfallen, Magersucht aufgeben, stattdessen neue Inhalte suchen und den Körper akzeptieren, sich nicht länger radikal zurückziehen, lernen, nein zu sagen, sich abzugrenzen, Beziehungen zu pflegen.

Die Länge ihrer Liste wird Mara peinlich, während sie die äußeren Ziele vorliest: Kontakt zur Familie verbessern und Freundeskreis aufbauen, Arbeit suchen, Lebensunterhalt verdienen, Kreativkurse besuchen, das auf Eis gelegte Klavierspiel wieder aufnehmen …

«Das ist wieder Mara live, analytisch, durchdacht, klug formuliert – jetzt wär’s nur wunderbar, du würdest das Ganze weniger theoretisch bringen!»

Fast körperlich kann Mara wieder diesen Stempel spüren, den Georg ihr aufgedrückt hat. Mara, die Intellektuelle, die gerne abstrahiert, die etwas Abgehobene, die nicht einmal genügend Bodenhaftung besitzt, um sich ausreichend zu ernähren.

«War das jetzt wirklich zu theoretisch? Ich wüsste gar nicht recht, wie ich das anders ...»

Georg sieht sie nur wortlos an, dann schaltet er die Gruppe ein, Maras Auflistung wird hinterfragt und mit fachmännischer Sicherheit auf ihre Praxistauglichkeit geprüft.

Danach sagt Georg: «Du schreibst das ins Reine, Mara – diesmal bitte so, dass es auch ohne Lupe lesbar ist – dann übergibst du es in dreifacher Ausführung dem Team.

Danke. Und? Wer kommt jetzt?»

Nachdem noch jemand seine Arbeitsgrundlage vorgetragen hat und drei Patienten um verschiedene Sonderbewilligungen gebettelt haben, sagt Georg: «Nun lasst uns aber in tiefere Sphären eintauchen, ins trübe Wasser, wo man auf Unbekanntes stoßen kann. – Wer möchte ein Thema einbringen?» Das Schweigen der Gruppe knistert in der Luft. Georg richtet seinen Rücken kerzengerade auf, seine Augen wandern durch die Runde, suchen in den Gesichtern nach Bereitschaft, sich zu öffnen. Schließlich bleibt sein Blick auf Bruno haften.

«Du willst etwas erzählen? Frag aber bitte zuerst, ob alle einverstanden sind, dass du nun den Raum für dich beanspruchst.» Sofort kommt aus allen Ecken zustimmendes Nicken.

Bruno setzt sich aufrecht hin und verschränkt die Hände, als möchte er unverletzlich wirken. Er trägt eines dieser T-Shirts, die er bei jedem Wetter anzieht und die Mara in ihren Pullovern beim bloßen Anblick frösteln lassen.

«Also … am Samstag. Ich fühlte mich zu Hause so einsam, leer. Da hätte ich fast einen Fressanfall bekommen, ich hätte nur noch in mich hineinstopfen können.» Bruno sieht Georg unverwandt an. Das Obelixcomic auf seinem T-Shirt sieht aus, als wollte er damit den Ernst seiner Geschichte herunterspielen.

«Kannst du diese Einsamkeit in deinem Körper lokalisieren?», fragt Georg.

«Lokali...? Na, im Bauch wohl. – Ich hab halt vom Fenster aus gesehen, wie alle Nachbarn Besuch bekommen und so – und ich hockte alleine da. Da dachte ich, mit vollem Magen würde ich die Leere weniger merken …» «Das kennst du, oder? Mit grenzenlosem Essen hast du früher die Leere erfolgreich bekämpft?» Das funktioniert auch mit Hungern, denkt Mara bei sich.

«Hat ja am Anfang auch geholfen», sagt Bruno. Allmählich löst sich seine angespannte Haltung, seine Stimme wird weicher.

«Hast du nun gegessen am Samstag? Oder – gefressen?

Darf ich diesen Ausdruck gebrauchen?», fragt Georg.

«Klar. – Nein, diesmal habe ich nicht nachgegeben. Ich wollte dieses miese Gefühl aushalten.»

«Toll! Finde ich ganz toll! Das war für dich eine neue Erfahrung, nicht?»

Bruno nickt zögerlich.

«War es eine gute oder eine schwierige Erfahrung?» Bruno überlegt eine Weile, dann sagt er: «Eine gute – aber hart war es trotzdem.» «Das ist mir klar. Und wohin hast du dann deine Einsamkeit und deinen Frust verlagert?»

Bruno blickt angestrengt vor sich auf den Boden. Dann sieht er Georg wieder an.

«Es ging alles nach einiger Zeit von selbst weg, ich beruhigte mich. Und – ich versuchte, traurig zu sein, aber ich schaffte es nicht.»

«Genau da liegt der Schlüssel zum Ausstieg aus der Sucht begraben. Wenn du den Mut dazu aufbringst, deine Emotionen kommen zu lassen, dann verschwindet diese Leere. Statt der Leere empfindest du vielleicht Trauer, Wut, Ärger, aber auch Freude, Liebe. Gefühle sollen dich erfüllen, nicht bloß Nahrungsmittel! Verstehst du?»

«Klar. Aber herzaubern kann ich meine Gefühle doch auch nicht!»

«Nein, dafür brauchst du viel Zeit. Und Vertrauen, zuallererst in dich selbst. Denn letztlich sind wir alle allein.» Georg sieht Bruno eindringlich an.

«Aber du kannst lernen, so viel Vertrauen in dich und in die Menschen, die dir wichtig sind, aufzubauen, dass der Boden bereitet ist, auf dem Gefühle keimen und wachsen dürfen. Sei geduldig mit dir.»

Georg überzieht wie gewohnt die Gruppentherapie, obwohl das anschließende Mittagessen jeweils pünktlich beginnen sollte.

Irgendwann starrt er verblüfft auf seine Uhr und beendet die Stunde in plötzlicher Entschlossenheit.

Er ist wahrscheinlich der Einzige, der sich wundert, wie rasch die Zeit vergangen ist, denkt Mara, während sie in all die matten Gesichter blickt.

«Den Legehennen bleibt eine Fläche, die etwa der Größe eines DIN-A4-Blattes entspricht …»

Mara schielt auf die Abbildung nebenan und sieht gleich wieder weg. Sie sitzt in ihrer Schulbank in der Primarschule, vor ihr liegt eine Broschüre über Käfighaltung von Hühnern. Kahle Hühnerhälse, wüstes Federkleid, überall Gitter.

Mara hält den Atem an. Sie weiß gar nicht, wohin sie mit ihrem Mitleid soll.

«So, jeder Schüler liest jetzt einen Satz vor», befiehlt die Lehrerin, «das vorderste Pult fängt an …» Unbekümmert beginnen die Schulkameraden, vorzulesen.

Plötzlich durchfährt Mara etwas Unbekanntes, seltsame Gedanken jagen durch sie hindurch. Ich kann nicht sprechen, wenn ich dran bin, ich bekomme keine Luft, wahrscheinlich habe ich gar keine Stimme mehr, alle werden auf mich warten und ich bringe keinen Ton heraus, alle werden sich nach mir umdrehen und werden denken, ich sei übergeschnappt, vielleicht ersticke ich – wenn ich nur ersticken würde …

Mara starrt auf den Text, der so harmlos bereitliegt, um durch ihre Stimme zum Leben erweckt zu werden. Sie fühlt sich angekettet, gefangen, wie die armen Hühner.

Wie eine Lawine rollen die Sätze auf sie zu. Nur noch sechs Schüler, noch fünf … Hastig liest sie für sich ihren Satz durch: «Die Hühner beginnen sich gegenseitig zu verletzen, weil sie nicht genug …» Der Text verschwimmt vor ihren Augen, ihr Herz rast, sie will nur noch weg.

Endlich kommt sie an die Reihe. Wie betäubt liest sie die Wörter, die für sie keinen Sinn ergeben. Ihre Stimme zittert, doch sie bringt ihren Satz ohne Stocken zu Ende.

Hoffentlich ist niemandem etwas aufgefallen, denkt sie nur und fühlt sich plötzlich ganz kraftlos.

In dieser Nacht malt sie sich aus, wann, wo und wie das Leben sie noch zwingen könnte, vor Leuten zu reden.

Irgendwann nach Mitternacht drückt sie vom Bett aus die Klinke der Zimmertür hinunter und flüstert den Namen der Katze in den Flur. Ein helles Gurren ertönt aus der Dunkelheit.

Zielstrebig springt Minka aufs Bett, Mara stellt ihren Arm als Stützpfeiler unter die Decke, die weiche warme Katze kriecht in die Höhle und drückt sich an Maras Bauch. Mara erzählt ihr vom Vorlesen, während Minka schnurrend, mit geschlossenen Augen daliegt, die runden Vorderpfötchen vor der Brust eingerollt, sodass sie unter den langen Haaren ganz verschwinden.

Mara wünscht sich nur noch, eine Katze zu sein. Eine stumme Katze.

Der Geruch von gekochtem Blumenkohl, Kürbis und Bratensauce breitet sich im Salon aus. Stimmengewirr erfüllt den hohen Raum, Stühle werden mit einem grollenden Geräusch über den Holzboden geschoben.

Mara holt die letzte Servierplatte aus dem Küchenlift und bringt sie in den Salon. Dann setzt sie sich ans Tischende und sieht zum Fenster hinaus. Durch die offene Balkontür dringt das Rauschen und Hupen des Mittagsverkehrs. Die Geräusche der normalen Leute, denkt Mara, die leisten etwas, verdienen Geld, statt Kosten zu verursachen, die haben ihr Mittagessen verdient …

«Hier noch frei?», fragt Bruno und setzt sich neben Mara, nachdem sie ja gesagt hat, obwohl sie sich in seiner Nähe immer merkwürdig eingeengt fühlt. Sie beginnt, millimeterweise Besteck und Teller von ihm wegzuschieben, bis ihr Ellbogen über die Tischplatte hinausragt.

Brunos Teller ist bereits randvoll beladen mit einem Steak, einem Teigwarenberg und einem einzigen Blumenkohlröschen, das nur der Betreuer wegen dazuliegen scheint. Auf das vegetarische Gericht deutend, wendet er sich Mara zu: «Sieht lecker aus, hm?»

«Hm, wirklich, sehr.»

Mara seufzt. Kleine kugelige Kürbisse, mit Gemüse und Tofu gefüllt, stehen neckisch auf der Platte, wie Kobolde, die einen auffordern, sie zu verschmausen, dazwischen liegt Bulgur. Hoffentlich muss ich nicht gegen Birgit um den Salat kämpfen, überlegt sie. Dieses Essen könnte sich nach der ersten Miniportion als unwiderstehlich entpuppen! Wie viel Fett mag da drin sein?

Sie trinkt zwei Gläser Wasser, um ihren Magen zu füllen, dann häuft sie Blattsalat auf ihren Teller und wirft dabei einen prüfenden Blick auf Birgit.

«Was ist das denn? Schweinefleisch?» Bruno wedelt sich mit der Hand den Dampf über seinem Teller zu.

«Mach mich nicht fertig!», ruft Conny. «Ich ess doch eh fast nur Kalbfleisch, alles andere ist mir zu fett und ungesund. Und die ganzen Hormone, das ist doch sowieso eine extreme Schweinerei!» «Das ganze Zeug hast du auch im Kalbfleisch drin», gibt Bruno mit drohend gesenkter Stimme zu bedenken.

«Klar! Heutzutage kannst du so gesehen überhaupt nichts mehr essen. Aber ich lass mir das Fleischessen nicht vermiesen!»

Mara hält den Atem an, möchte sich am liebsten beide Ohren zuhalten, weglaufen vor dieser Unterhaltung über umgebrachte Tiere.

Verzückt neigt Bruno den Kopf zur Seite.

«Mmmhh, wenn ich an den Kaninchenbraten meiner Großmutter denke – den hat sie immer so super hingekriegt!»