Verlag: Blanvalet Taschenbuch Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

Tattoo E-Book

Ashley Dyer  

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E-Book-Beschreibung Tattoo - Ashley Dyer

Dein Körper ist seine Leinwand – und seine Absichten sind mörderischLiverpool: Ein perfider Frauenmörder hält die Stadt in Atem. Seine Opfer findet man stets sorgfältig arrangiert und von Kopf bis Fuß mit kryptischen Tätowierungen bedeckt – die ihnen vor ihrem Tod mit einem Dorn beigebracht wurden. Detective Greg Carver und seine Kollegin Ruth Lake machen seit Monaten Jagd auf den »Dornenkiller« – ohne Erfolg. Dann wird erneut eine tätowierte Leiche gefunden. Das Opfer sieht Carvers Frau zum Verwechseln ähnlich, und Carver wird klar: Der Killer jagt auch ihn …

Meinungen über das E-Book Tattoo - Ashley Dyer

E-Book-Leseprobe Tattoo - Ashley Dyer

Ashley Dyer

TATTOO

Thriller

Deutsch von Bettina Spangler

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel »Splinter in the Blood« bei Corsair, an imprint of Little, Brown Book Group, London.

Das Zitat stammt aus William Shakespeare: »Macbeth«, in der Übersetzung von Dorothea Tieck.

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1. Auflage

Copyright der Originalausgabe © 2018 by Margaret Murphy

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2018 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Susann Rehlein

Umschlaggestaltung und -motiv: © www.buerosued.de

WR · Herstellung: sam

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-22749-4V001

www.blanvalet.de

Für Murf

1

Die Frau steht im Wohnzimmer von Detective Chief Inspector Greg Carver. In ihrer Hand ein Colt 1911. Nach außen hin wirkt sie ruhig, gefasst. Sie hat einen Job zu erledigen. Sie stellt sich auf die Zehenspitzen, dreht sich einmal im Kreis und nimmt jedes einzelne Detail ihrer Umgebung in sich auf. Nichts wurde verändert. Eine leere Whiskyflasche liegt umgekippt auf dem Boden. Greg Carver sitzt zusammengesackt in einem Sessel, ein Bein angewinkelt, das andere ausgestreckt. Während sie auf ihn hinunterschaut, empfindet sie Wut und Verachtung, aber auch eine gewisse Portion Mitleid. Seine Augen sind geöffnet, Blut sickert aus der Schusswunde in seiner Brust. Sie verlagert das Gewicht der Pistole in ihrer behandschuhten Hand und sichert die Waffe. Ein beißender Geruch nach Alkohol, Pistolenrauch und Blut liegt in der Luft, ihr Magen rebelliert. Sie atmet kräftig aus und befreit so ihre Nase von dem Gestank.

Sie geht weiter in die Küche. Sein Laptop steht aufgeklappt da, Unterlagen sind über den Tisch verstreut. Der Boden ist übersät mit zusammengeknülltem Papier. Auf einem Stuhl neben dem Tisch steht eine Archivbox aus Pappe. Die Frau wirft zwei der Aktenordner vom Tisch hinein und schlägt anschließend die Pistole vorsichtig in einen Bogen Papier ein. Behutsam legt sie die Waffe obenauf in die Archivbox.

Zwischen den über den Tisch verteilten Dokumenten entdeckt sie ein gerahmtes Foto, das umgekehrt daliegt. Es zeigt DCI Carvers Ehefrau Emma auf der gemeinsamen Hochzeitsreise. Sie sitzt auf einem Felsvorsprung unweit eines Wasserfalls. Emma ist blond und schlank. Sie trägt eine enge Jeans, dazu Sandalen mit Keilabsatz und ein blaues Folkloreoberteil. Ihre langen, seidig glänzenden Haare sind in der Mitte gescheitelt. Sie lächelt. Die Frau trägt das Foto in Carvers Wohnzimmer, wischt ihre Fingerabdrücke ab und stellt es oben auf den Schrank, wo es immer steht.

Im Schlafzimmer hängen mehrere Bögen im Format A3 an der Wand. Auf einem sieht man fünf Fotos von fünf lächelnden Frauen, daneben handgeschriebene Notizen.

1. Tali Tredwin – Todestag: 3. Januar. Alter: 27, 1,62 groß, braune Haare, braune Augen. Geschieden, 2 Kinder. Rücken und Schultern tätowiert – blaue Tinte. Tattoo stark verwaschen und unscharf, fleckig. Maori-Symbole & Augen – geschlossen/halb geöffnet. Dorn einer Berberitze.

2. Evie Dodd – Todestag: 10. März. Alter: 25, 1,65 groß, schwarze Haare, grün-braune Augen. Verheiratet, 3 Kinder. Torso, Hals, Arme, Beine, Füße/Sohlen, Hände/Handflächen tätowiert – blaue Tinte. Stilisierte Pflanzen, Sigillen & Augen – geschlossen/halb geöffnet/geöffnet. Tattoo verwaschen. Dorn einer Berberitze.

3. Hayley Evans – Todestag: 6. Juni. Alter: 28, 1,60 groß, braune Haare, braune Augen. In einer Beziehung, 1 Kind. Torso, Hals, Arme, Beine, Füße/Sohlen, Hände/Handflächen tätowiert. Stilisierte Pflanzen, Dornen, Sigillen & Augen – geschlossen/halb geöffnet/geöffnet. Blaue Tinte. Tattoo weniger verwaschen. Pyracantha-Dorn.

4. Jo Raincliffe –Todestag: 2. September. Alter: 35, 1,68 groß, braunes Haar, braune Augen. Verheiratet, 2 Kinder. Torso, Hals, Arme, Beine, Füße/Sohlen, Hände/Handflächen tätowiert – blaue Tinte. Stilisierte Pflanzen, Dornen, Sigillen usw. Tinte nicht verwaschen. Pyracantha-Dorn.

5. Kara Grogan – Todestag: 22. Dezember. Alter: 20, 1,78 groß, blonde Haare, blaue Augen. Torso, Hals, Arme, Beine, Füße/Sohlen, Hände/Handflächen tätowiert – schwarze Tinte. Keine Unschärfe. Stilisierte Pflanzen, Dornen, Sigillen & Augen – sehr viele Augen. Pyracantha-Dorn.

Sie nimmt die Bögen von der Wand, faltet sie zusammen und nimmt sie mit in die Küche. Dort sammelt sie die restlichen Unterlagen ein – inklusive der zusammengeknüllten Notizen –, legt sie ebenfalls in die Box und schließt den Deckel.

Sie wischt über Türklinken, Lichtschalter, den Sessel. Dann hebt sie den Karton hoch und verlässt das Haus. Vorsichtig steigt sie die Feuerleiter an der Rückseite des Gebäudes hinunter und geht über die Einfahrt. Obwohl erst kürzlich geräumt wurde, sind ihre Fußabdrücke im frisch gefallenen Schnee deutlich zu erkennen. Es ist stockdunkel, in den meisten Häusern entlang der Straße sind die Vorhänge zugezogen. Sie ist sich so gut wie sicher, dass niemand sie gesehen hat.

Wenige Minuten später kehrt sie ohne Handschuhe und ohne die Box zurück und geht die Stufen zur Haustür hoch. Dort wischt sie die Klingel sauber. Dann presst sie ihren Daumen darauf. Ohne abzuwarten zieht sie ein Schlüsselbund aus der hinteren Hosentasche und sperrt mit einem der beiden Schlüssel daran auf. Im Haus folgt sie ihrem Weg von vorhin, berührt bedächtig die Oberflächen, die sie eben erst gesäubert hat. Sie beendet ihren Rundgang vor Carvers Sessel, und als ihr Blick erneut auf die leere Flasche fällt, zupft etwas am Rande ihres Bewusstseins, eine Art Jucken, an das sie nicht herankommt. Doch für all das hat sie keine Zeit – was geschehen ist, ist geschehen.

Sie geht in die Hocke, hält sich an den Armlehnen fest und starrt ihm ins Gesicht. Ein kurzes Schnappen nach Luft, dann schnellt sie wieder hoch.

Schwer atmend und mit klopfendem Herzen betrachtet sie ihn. Das hast du dir nur eingebildet. Sie beugt sich erneut zu ihm, hält die Luft an, fixiert seinen starren Blick. Greg Carvers Augen sind hellbraun mit goldenen Sprenkeln. Manchmal scheinen diese hellen Flecken zu schimmern, doch nicht jetzt. Stattdessen wirken sie trüb, tot. Sie schiebt sich noch dichter an ihn heran, beobachtet, wagt kaum zu atmen – und wieder sieht sie das eine Augenlid leicht flattern. Sie stößt einen verhaltenen Fluch aus.

2

Tag eins

Die Frau hielt den Sanitätern die Tür zu Greg Carvers Haus auf. Langsam stiegen sie die Stufen hinauf, der Schnee darauf hatte sich durch das viele Rein und Raus in Matsch und dann in Eis verwandelt. Ihre eigenen Fußabdrücke, die von der Feuerleiter an der Seite des Hauses die Einfahrt entlanggeführt hatten, waren dank des stetigen Schneefalls rasch unter einer weißen Decke verschwunden. Der Polizeihubschrauber, der über ihren Köpfen kreiste, schaltete die Suchscheinwerfer aus und drehte unvermittelt ab. Höchstwahrscheinlich war er von der Einsatzleitung zurückbeordert worden, weil der Schneesturm stärker wurde. Die Rettungsfahrzeuge standen mit blinkendem Blaulicht da, die Einfahrt zu Carvers Haus wurde vom Licht der Fahrzeugscheinwerfer erhellt, zu beiden Seiten waren Bereiche mit Absperrband abgeriegelt, um Schaulustige fernzuhalten. Sie folgte den Sanitätern bis zu dem bereitstehenden Rettungswagen und wechselte ein paar Worte mit ihnen. Dann sah sie zu, wie Carver ins Innere des Fahrzeugs geschoben wurde.

Innerhalb der Absperrung stand ein Einsatzwagen der Kriminaltechnik. Zwei CSIs und der Crime Scene Manager standen in voller Montur dahinter, bereit, ins Haus zu gehen, sobald sie grünes Licht bekamen.

Die Frau atmete tief durch, ehe sie auf die beiden Männer zusteuerte. »Sie können dann übernehmen«, teilte sie ihnen mit.

»Ist es wirklich wahr?«, fragte der leitende Beamte.

»Es ist Carver, ja«, bestätigte sie.

»Du lieber Himmel, Ruth.« Sanft berührte er sie am Ellbogen.

Detective Sergeant Ruth Lake wandte sich ab. »Augen überall«, murmelte sie leise vor sich hin. Jenseits der Absperrung hatte sie bereits zwei Vertreter der örtlichen Presse ausgemacht.

»Wo bringen sie ihn hin?«, fragte einer.

»Ins Royal.« Ihr schnürte es die Kehle zu, sie brachte keinen Ton mehr heraus.

»Kann ich irgendetwas für Sie tun?«

»Erledigen Sie Ihren Job bitte gründlich.«

»Das versteht sich von selbst.«

Ruth Lake senkte den Kopf, eine Geste der Entschuldigung. »Ich habe die Türen angefasst – Klinken und Schlösser …« Sie runzelte die Stirn, als versuchte sie, sich weiterer Details zu entsinnen. »Ein paar Lichtschalter und den Sessel – im Wohnzimmer im vorderen Wohnbereich. Er war … dort habe ich ihn …«

Er nickte. »Verstehe. Wir werden Ihre Schuhe benötigen.«

Sie strich sich über die Augenbraue. »Ich lasse sie Ihnen bringen.«

»Wie sind Sie denn reingekommen?«

»Die Tür stand sperrangelweit offen«, gab sie zurück. Doch ihre Finger schlossen sich unwillkürlich um das Schlüsselbund in ihrer Tasche. Sie wandte die Augen ab.

Er senkte den Kopf, um ihren Blick einzufangen. »Wenn es da drinnen Beweise gibt, werden wir sie finden, Ruth.«

Sie blinzelte zweimal. »Ich weiß.« Ein Lächeln brachte sie nicht zustande.

Ein Fahrzeug kam in die Straße gebogen und hielt an, ein stämmiger Mann stieg aus. Er knöpfte seinen Mantel zu und bahnte sich mit weit ausholenden Schritten seinen Weg durch die Menge der Schaulustigen, als wären sie Luft für ihn. Detective Superintendent Jim Wilshire war der Presse nicht sonderlich zugetan.

Die beiden Journalisten an der Absperrung drehten sich einen Sekundenbruchteil zu spät um, um ein brauchbares Foto schießen zu können. Der Polizeibeamte hatte sich bereits darunter durchgeduckt und war schon ein ganzes Stück weiter, ehe sie sich wieder gefangen hatten.

»Superintendent«, rief einer von ihnen. »Sir – war es der Dornenkiller?«

Ruth Lake wechselte einen Blick mit dem Crime Scene Manager. »Ich komme später auf Sie zu«, sagte sie.

Während die CSIs ins Haus gingen, drückte sie den Rücken durch und wartete auf den Superintendent.

»Detective Sergeant Lake«, begrüßte Wilshire sie.

»Sir.«

»Kommen Sie mit mir.« Er ging ans andere Ende der äußeren Absperrung, wo weniger Leute standen. Dort spannte er einen riesigen schwarzen Regenschirm auf, mehr, um sie beide vor den neugierigen Blicken der Umstehenden abzuschirmen, wie sie annahm, und nicht so sehr als Schutz vor dem garstigen Wetter. »Greg Carver?« Seine Stimme klang heller, als man es von einem so massigen Kerl erwartet hätte.

Sie nickte.

»Wer war der erste Officer vor Ort?«

Sie sah ihn mit möglichst argloser Miene an. »Das war ich.«

»Sie waren aber schnell hier.«

»Ich habe ihn gefunden.«

Er runzelte die Stirn. »Das ist jetzt wie lange her … dreißig Minuten?«

»In etwa, ja.«

Er sah auf die Uhr. Sie wusste, dass es zehn Minuten nach Mitternacht war.

»Eigenartige Zeit für einen Freundschaftsbesuch, Sergeant, es ist mitten in der Nacht.« Er klang, als lüde er sie höflich ein, ihm eine Erklärung zu liefern, nicht als verlangte er ausdrücklich eine.

»Er wollte mit mir über den Fall sprechen.«

»Trotzdem, seltsame Zeit und seltsamer Ort für ein solches Gespräch«, sagte er, jetzt in etwas schärferem Tonfall.

Sie nickte und spürte, wie ihre Augenbraue zu zucken begann, sparte sich aber jede weitere Bemerkung.

Einige Augenblicke musterte er sie eindringlich, sodass sie sich zwingen musste, langsam und regelmäßig zu atmen, um Ruhe zu bewahren.

Plötzlich war die Straße hinter ihr in helles Licht getaucht. Sie hörte, wie sich ein Wagen näherte, Motorengeräusche und das Knirschen von Reifen auf dem frisch gefallenen Schnee. Sie warf einen Blick über die Schulter, als das wuchtige Gefährt abbremste und zum Stehen kam. Mersey View – ein lokaler Kabelsender. Wilshire hasste diese Typen mehr als irgendjemand sonst.

»Sir?«, sprach sie ihn an.

Er spähte an ihr vorbei zu dem Fernsehteam, das aus dem Van geklettert kam. »Na schön, lassen wir das vorerst auf sich beruhen«, lenkte er ein. »Aber Sie haben diese Presseheinis bei meiner Ankunft ja gehört. Die wollen wissen, ob das hier das Werk des Dornenkillers ist. Sie müssen mich also schnellstmöglich mit den Einzelheiten vertraut machen.«

Sie holte tief Luft, atmete langsam aus und sammelte sich mental so weit, um ihrem Chef die nötigen Details mitzuteilen.

»Er saß im Wohnzimmer in seinem Sessel«, erklärte sie. »Man hat ihm aus nächster Nähe in die Brust geschossen.« Sie räusperte sich. »Sieht mir nach einer Kleinkaliberkugel aus.«

»Und Sie folgern das woraus …?«

»Ich war früher selbst CSI«, teilte sie ihm mit. »Ich hatte schon mit der einen oder anderen Schusswunde zu tun. Außerdem … war da nur eine geringe Menge Blut.«

Allerdings hatte sie es deutlich gerochen. Der kupfrige Gestank drohte, ihr erneut in die Nase zu steigen.

»Alles in Ordnung mit Ihnen?«, erkundigte sich Wilshire.

»Alles gut«, versicherte sie ihm. »Nur …«

Er nickte, dann verlagerte er kaum merklich sein Gewicht, und ihr wurde bewusst, dass er dem Fernsehteam die Sicht verstellte. »Verständlich. Aber nehmen Sie sich bitte zusammen. Sie sind verantwortlich für diesen Tatort, bis der befehlshabende Officer eintrifft.«

»Ich sagte, alles ist gut.«

Als er die Augen missbilligend zusammenkniff, wurde ihr bewusst, dass ihre Antwort viel zu schroff geklungen hatte. Ach, verdammt.

»Wer ist denn der befehlshabende Officer?« Wilshire blähte die Nasenflügel, weshalb sie hinzufügte: »Wenn Sie mir die Frage erlauben, Sir.«

»DCI Jansen«, antwortete er steif. »Spätestens in zwanzig Minuten sollte er eintreffen. Er wird wissen wollen, ob Sie am Tatort irgendetwas verändert haben.«

Kurz stockte ihr das Herz, dann setzte es wieder ein, das langsame, dumpfe Pochen in ihrer Brust. »Ich bin ausgebildeter CSI«, erwiderte sie.

»Trotzdem, im Eifer des Gefechts …«

»Ich war vorsichtig«, versicherte sie ihm wahrheitsgetreu.

»Hat er irgendetwas gesagt?«

»Carver?«, fragte sie törichterweise.

»Ja, Carver. Hat er irgendetwas geäußert?«

»Ich hielt ihn für tot.« Mit Schrecken stellte sie fest, dass ein Lachen in ihrer Brust nach oben drängte. Krampfhaft umklammerte sie das Schlüsselbund in ihrer Tasche, so fest, dass die scharfen Kanten in ihre Handfläche schnitten.

»Das ist nicht die Antwort auf meine Frage.«

Sie biss sich auf die Unterlippe.

»Sergeant Lake?«

Ruth schluckte das beschämende Bedürfnis zu lachen hinunter und schüttelte den Kopf. Stattdessen konzentrierte sie sich auf eine Stelle mit strahlend weißem Schnee, der das Licht der Einsatzfahrzeuge reflektierte, abwechselnd rot und blau. Im Geiste sah sie Carvers Augen vor sich, die sie fixierten, das Flackern des Blaulichts rief ihr das leichte Zucken seines Lids in Erinnerung, der Moment, als sie erkannt hatte, dass er immer noch atmete.

Sie fing an zu zittern.

»Sergeant«, zischte Wilshire und stellte sich so dicht vor sie, dass sie unwillkürlich einen Schritt zurückwich. Sie sah ihm ins Gesicht, und sofort hörte das Zittern auf.

»Hören Sie, der Rettungswagen wird jeden Moment losfahren. Begleiten Sie ihn, wenn Sie möchten – diese Medienclowns werden sonst nicht lockerlassen, ehe sie nicht einen Kommentar von Ihnen kriegen.« Nach und nach trafen noch weitere Vertreter der Presse ein – zu den örtlichen Journalisten gesellten sich landesweite Übertragungsteams von Fernsehsendern, die wegen der Berichterstattung im Fall Kara Grogan ohnehin in der Stadt waren. Sie bauten ihre eigenen Scheinwerfer auf und riefen ihnen vom Rande der Absperrung aus Fragen zu, ungeduldig auf ein Update zur aktuellen Lage hoffend.

»Ich muss an die Arbeit«, sagte sie.

»Sie können hier am Tatort nichts mehr tun, und an den Ermittlungen können Sie sich in diesem Fall auch nicht beteiligen, das wissen Sie genau.«

»Aber i-ich bin eher von N-nutzen, wenn ich etwas tue«, stammelte sie, dann machte sie lieber den Mund zu, weil ihre Zähne so unkontrolliert klapperten.

»Wo steht Ihr Wagen?«

Lake deutete mit einer ruckartigen Bewegung ihres Kopfs auf den Renault Clio, der innerhalb der Absperrung gegenüber von Carvers Haus parkte. Carvers Akten und die Pistole befanden sich nach wie vor im Kofferraum. Sie hätte ihn wegfahren sollen, nachdem sie den Notruf abgesetzt hatte. Denn nun musste der Wagen offiziell als Bestandteil des Tatorts betrachtet werden.

»Kommen Sie.« Wilshire nahm sie sachte am Ellbogen. »Wir unterhalten uns da drin weiter.«

»Wie bitte?« Die Unterlagen. Die Waffe. »Nein!« Panisch riss sie sich von ihm los.

»Mäßigen Sie Ihre Stimme, Sergeant«, fauchte Wilshire.

»Entschuldigen Sie, Sir. Ich … ich denke, ich sollte vor Ort bleiben.«

»Sie zeigen typische Anzeichen eines Schocks«, stellte ihr Vorgesetzter fest. »Wir müssen Sie hier wegschaffen, bevor der Sturm über uns hereinbricht.«

Natürlich meinte er den Schneesturm, und dennoch kam ihr der Gedanke, dass er selten etwas gesagt hatte, das mehr der Wahrheit entsprochen hätte.

»Steigen Sie in den Wagen, ich lotse Sie unmittelbar hinter dem Krankenwagen raus. Es sei denn, Sie möchten lieber, dass Sie jemand nach Hause fährt? Dann organisiere ich einen Fahrer.«

Eine Welle der Erleichterung überkam sie. »Nein. Ich kann fahren, kein Problem. Vielen Dank.« Sie kramte in ihrer Manteltasche nach dem Autoschlüssel und setzte sich ans Steuer. Eine Weile starrte sie wie benommen geradeaus, während uniformierte Polizeibeamte die Fernsehvans aus dem Weg scheuchten, damit der Rettungswagen durchkam. Das Blaulicht des Fahrzeugs und die blinkenden Kameras schmerzten in ihren Augen wie Stroboskoplicht und blendeten sie derart, dass sie kaum etwas sah. Doch sie umklammerte so entschlossen das Lenkrad, dass es knarzte, und biss die Zähne zusammen. Dann gab sie Gas und fuhr hinter dem Krankenwagen her.

3

Die verschiedensten Geräusche sirren Carter in den Ohren wie Störgeräusche aus dem Radio oder wie fremdartige Klänge von einer Art Fernmesssystem eines anderen Planeten.

Er liegt auf dem Rücken. Was nicht recht Sinn ergibt: Schließlich sollte er in seinem Sessel sitzen, ein Glas in der Hand. Hat er nicht genau das gerade noch getan? Ja, er ist sich sicher und freut sich darüber, als könnte die Erinnerung diesem chaotischen Durcheinander aus Licht und Lärm eine feste Substanz verleihen. Er war am Trinken. Whisky – in nicht geringen Mengen.

Dann steht die Welt plötzlich kopf, und er weiß nicht mehr, wo oben und unten ist. Er spürt den Luftzug unter sich, vernimmt das Tosen der Triebwerke und verspürt ein panisches Flattern in der Brust. Ich sollte nicht hier sein, sondern in einem Fall ermitteln. Über ihm jagen Lichter vorbei, sie erinnern an die Pistenfeuer einer Landebahn. Was natürlich Unsinn ist, die Befeuerung einer Landebahn ist nicht auf dieser Höhe. Und egal, ob oben oder unten, eigentlich dürfte da nichts Vergleichbares sein. Denn um das zu sehen müsste er sich schließlich außerhalb des Flugzeugs befinden.

Himmel, Carver, du bist betrunken. Allerdings spürt er das dumpfe Pochen sich anbahnender Kopfschmerzen, was darauf hindeuten könnte, dass er gerade aus einer Ohnmacht erwacht ist. Möglicherweise ist längst ein neuer Tag angebrochen.

Ein Schatten bewegt sich durch das Licht: ein Mensch, aber seltsam formlos.

Wie eigenartig, denkt er, und auf einmal steht er auf dem St. James’s Cemetery. Die groben Sandsteinmauern des in einer Senke gelegenen Friedhofs ragen zu beiden Seiten fast fünfzehn Meter empor, errichtet auf einem großflächigen, ebenen Areal – dem Grund des einstigen Steinbruchs. Von hier stammt der Sandstein, aus dem im achtzehnten und neunzehnten Jahrhundert der Großteil Liverpools erbaut worden war. In westlicher Richtung reicht die steil ansteigende Böschung bis zur Liverpool Cathedral heran. Ein schneidender Wind fegt vom Mersey herüber, der eine Meile entfernt liegt, und gewinnt noch einmal an Kraft, sobald er den höchsten Punkt erreicht hat und zur Sohle des alten Steinbruchs abfällt.

DS Lake neben ihm betrachtet versonnen den Leichnam einer jungen Frau, der auf einem Hochgrab aufgebahrt liegt. Scharf zeichnet der Körper sich gegen den groben Sandstein der Friedhofsmauern ab.

»Wie eigenartig«, sagt sie und bedient sich seiner eigenen gedanklichen Formulierung. Nur dass sie auf das erste Opfer des Dornenkillers blickt, das war vor einem Jahr, also bedient er sich in Wirklichkeit ihrer Worte. Ach ja, und war er nicht vor einer Minute noch ganz woanders? Mit Rotorenlärm im Hintergrund und grellen Lichtern, die über ihn hinwegjagten?

Das Opfer ist vollständig bekleidet, doch es ist genug nackte Haut zu sehen, um zu erkennen, was man ihr angetan hat. Die Muster sind in ihre Haut geätzt: Augen, die etwas verbergen, halb geschlossen. Die etwas verbergen? Wie kommt er denn darauf? Tali – Tali Tredwin lautet ihr Name. Zu dem damaligen Zeitpunkt kannten sie ihn noch nicht, aber jetzt erscheint er ihm wichtig.

Jemand ruft: »Greg. Greg Carver?«

Im ersten Moment denkt er, es sei Ruth.

»Verdammt, nicht so laut«, will er brüllen. »Merkst du nicht, dass ich höllische Kopfschmerzen habe?« Doch unvermittelt ist er in Dunkelheit gehüllt, und Ruth ist verschwunden. Ein gleißender Blitz, gefolgt von stechenden Schmerzen hinter den Augäpfeln.

»Beide Pupillen sind gleich groß und reagieren auf Licht«, sagt jemand.

Die Stimme kommt Carver nicht bekannt vor. Er versucht zu sprechen.

»Relativer afferenter Pupillendefekt positiv, linkes Auge«, stellt die Stimme fest. »Können wir bitte einen mobilen CT-Scanner bekommen?«

Carver hat das Gefühl, antworten zu müssen, kriegt aber immer noch keinen Ton heraus.

Die Schatten huschen geisterhaft über ihn hinweg. Wenigstens sind die Triebwerke verstummt. Irgendetwas stimmt hier nicht. Er war in seiner Wohnung und trank. Da war noch jemand. Eine Frau. Er weiß noch, dass sie Sex hatten. In der Wohnung? Nein, woanders, aber der Ort fühlt sich vertraut an. Er schreit die Frau an. Eine Waffe. Hatte ich eine Pistole in der Hand? Wieder dieses grelle Blitzen, dann weitere Schatten. Jemand geht durch seine Wohnung. Jetzt – oder damals? Die Zeiten geraten durcheinander. Außerdem warst du nicht in der Wohnung – nicht mit dieser Frau.

Aber wo dann? Plötzlich trifft ihn die Erkenntnis: da/nicht da; geisterhafte Gestalten; Düsentriebwerke; und die Landebahnbefeuerung über seinem Kopf – das alles folgt der wirren Logik eines Traums. Er braucht nur aufzuwachen.

Im nächsten Augenblick ist er wieder in der Wohnung, die Präsenz im Raum ist greifbar, ein vager Umriss, ein dunkles Etwas, das sich seinem Sichtfeld entzieht. Er will den Kopf drehen, ist aber wie gelähmt. Die Angst ist erdrückend, schwer lastet sie auf seiner Brust. Nachtschreck, denkt er. Er hatte schon des Öfteren solche Angstzustände – in der Regel nach einem heftigen Besäufnis. Wenn er sich nur bewegen könnte – einen Finger, eine Augenbraue –, dann würde er aufwachen, und der Albtraum hätte ein Ende.

Der Schatten senkt sich auf ihn herab, starrt ihm ins Gesicht. Ruth. Eine Welle der Erleichterung durchströmt ihn. Ruth, will er sagen, ich bin stockbesoffen, dieser Traum ist grauenvoll. Weck mich verdammt noch mal auf.

Aber er blinzelt nur, und sie ist verschwunden.

Geräusche, Bewegung. Seine Augen wollen nicht scharfstellen. Er kann sich nicht bewegen, doch die Furcht einflößende Präsenz ist fort, und die bleierne Schwere auf seiner Brust lässt nach – er kann wieder normal atmen. Jenseits der Vorhänge seines Wohnzimmers blinkt Blaulicht, er muss an ein Rave-Event denken, auf dem er mit Emma war. Er hört das Knattern von Hubschrauberrotoren. Dann senkt sich erneut Dunkelheit über ihn.

4

Jenseits des Mersey, keine zwanzig Minuten Fahrt von Greg Carvers Wohnung entfernt, sitzt in einem in einer ruhigen Seitenstraße gelegenen Haus aus den Dreißigerjahren der Killer vor dem Fernsehgerät und sieht sich die News 24 auf BBC an.

Die Sanitäter tragen den Patienten auf einer Bahre die steilen Stufen vor dessen Haus hinunter; das konstante Dröhnen des Polizeihelikopters, der über dem Tatort kreist und seine Suchscheinwerfer darauf gerichtet hat, übertönt die Stimme des Reporters. Kurzzeitig ist DCI Carver in gleißendes Licht getaucht. Er sieht aus, als wäre er tot.

Unwillkürlich springt der Killer auf und geht rastlos im Zimmer auf und ab. Monate der Planung, gefolgt von dreiwöchiger schwerer Arbeit, die Finger voller Schwielen und Schrunden, die Hände schmerzend und verkrampft, Augen, die im grellen Licht brannten. Drei Wochen Arbeit am Kunstwerk Kara, die langwierigen Vorbereitungen … für das hier?

Carver, so gut wie tot. Und selbst wenn er überleben sollte, was hätte er noch für einen Nutzen? Ein irritierter Blick auf den Fernseher, und er sieht Ruth Lake, die den Sanitätern über die Stufen vor Carvers Haus nach unten folgt. Die Kamera zoomt auf sie, sie hat einen Mantel übergezogen. Plötzlich schert sie aus und unterhält sich mit einem Kriminaltechniker, doch ihr Blick bleibt unverändert auf Carver gerichtet, der nun mitsamt der Bahre in den bereitstehenden Krankenwagen geschoben wird. Ihre Miene zeigt keinerlei Regung. Der Killer bleibt unvermittelt stehen und dreht sich ganz zum Bildschirm um. Nicht zum ersten Mal stellt er sich die Frage, welche Gedanken ihr wohl durch den Kopf gehen. Schnee sammelt sich wie Konfetti in Sergeant Lakes langen wallenden Haaren. Im Scheinwerferlicht wirken sie dunkel, aber der Killer weiß genau, dass diese Locken in Wirklichkeit hellbraun sind. Im richtigen Licht sehen vereinzelte Strähnen sogar leicht rötlich aus.

Wie aus dem Nichts taucht die imposante Gestalt von Superintendent Wilshire auf. Er ist bereits auf der anderen Seite der Polizeiabsperrung, mit dem Rücken zur Kamera. Eine Gruppe von Journalisten schart sich hinter ihm zusammen, lautstark verlangen sie nach Antworten.

Ups – der ist euch wohl entwischt, Jungs.

»Superintendent«, schreit einer der Zeitungsleute ihm nach. »Sir – war es der Dornenkiller?«

Detective Sergeant Lake wechselt ein paar Worte mit dem Kriminaltechniker, dann wendet sie sich ihrem Boss zu. Sie richtet sich zu voller Größe auf, die Schultern gestrafft, mit trotzig erhobenem Kinn.

Sieh an, diese Frau stählt sich offenbar für etwas. Die Wut des Killers legt sich ein wenig, wird verdrängt von der Neugier auf diese schwer zu durchschauende Person.

Detective Lake verschwindet einen Moment lang aus dem Bild, verdeckt von Wilshires Schirm. Welch tiefe Symbolik!

Der Van eines Fernsehsenders fährt jenseits der Absperrung vor, und einen Sekundenbruchteil später wechselt der Nachrichtensender zu einer noch viel interessanteren Einstellung. Die Aufnahme ist eingebettet in das eigentliche Filmmaterial, doch die Qualität ist eine andere. Die Verantwortlichen bei dem Low-Budget-Kabelkanal, der diese Perspektive erwischt haben muss, lachen sich bestimmt ins Fäustchen bei der Aussicht auf das viele Geld, das von den Nachrichtensendern kommen wird. Denn die bekümmerte Miene von DCI Carvers Mitarbeiterin und engsten Vertrauten wird jeder zeigen wollen. Nur dass es unmöglich war, von diesem hübschen, blassen Gesicht irgendwelche Emotionen abzulesen.

In dieser Einstellung ist die Menschenansammlung im Hintergrund gut zu erkennen, deshalb wendet der Killer den Blick von Ruth und ihrem Superintendent ab und richtet sein Augenmerk auf die umstehenden Schaulustigen. Auf den Mienen zeichnen sich Neugier und freudige Erregung ab. Ein solcher Mord lässt niemanden ungerührt.

Der Superintendent sagt ein paar Worte, und Detective Sergeant Lake antwortet. Ihre gerunzelte Stirn lässt auf Unsicherheit schließen. Wieder sagt er etwas, und für den Bruchteil einer Sekunde spannen sich ihre Schultern kaum merklich an. Sie steht unter immenser Anspannung. Dann hebt sie den Kopf, und das Blaulicht der Rettungsfahrzeuge spiegelt sich im Weiß ihrer Augen. Ist es möglich, dass Ruth Lake sich etwas aus Carver macht? Zittert sie etwa? Ja, tatsächlich – sie scheint die Fassung zu verlieren. Der Killer geht näher an den Bildschirm heran: Sieh an, jetzt wird es interessant.

Eine scharfe Zurechtweisung durch Superintendent Wilshire bringt sie wieder zur Räson, doch ihre scheinbare Gefasstheit trügt. Sie nickt in Richtung des Autos (es ist ihres – er weiß das und noch so manches mehr über Ruth Lake). Wilshire fasst sie am Arm, doch sie reißt sich unsanft los. Man kann ihre Worte nicht hören, aber man muss nicht groß Lippenlesen können, um zu erraten, was Sergeant Lake sagt. »Nein.« Sie weicht zurück, ihr Körper widersetzt sich dem Superintendent, der sie in Richtung des Wagens führen will. Sie zeigt klassische Anzeichen der Weigerung, stemmt buchstäblich die Fersen in den Schnee. Sie will nicht gehen, das ist nicht zu übersehen. Und plötzlich folgt sie ihm doch, sie bewegt sich schnell, zieht die Autoschlüssel so hastig aus der Tasche ihres Mantels, dass sich das Innenfutter nach außen stülpt. Tja, das ist … sehr eigenartig.

Zurückspulen, Pause, noch einmal abspielen. Es ist noch mehr zu erkennen. Er liest von Sergeant Lakes Gesicht Beunruhigung ab, gefolgt von Erleichterung. Das ist nicht nur eigenartig, das ist sogar hochinteressant.

Er spielt die Sequenz noch einmal ab. Konzentriert neigt er sich vor, wartet den Moment ab, in dem aus dem beunruhigten ein erleichterter Ausdruck wird.

Die Kamera zoomt auf Ruths Gesicht, während sie dem Krankenwagen durch die Polizeiabsperrung folgt. Ihr Kiefer ist angespannt, so sehr, dass man um ihre Backenzähne fürchten muss.

»Sergeant Lake, was haben Sie getan?«

5

Vierzig Minuten später fuhr Ruth Lake hinüber ins Krankenhaus, aber erst nachdem sie die Akten und die Waffe sicher verstaut hatte. Ein Polizeiwagen stand in einer der Nothaltebuchten; der Fahrer hatte sich zum Schutz gegen den beständig fallenden Schnee unter eine Markise gestellt und paffte genüsslich an einer E-Zigarette. Als er sie sah, ließ er den elektrischen Glimmstängel hastig verschwinden.

»Sie haben Emma Carver hierhergebracht?«, fragte sie.

»Ja, vor einer halben Stunde, Sergeant.«

»Und worauf warten Sie noch?«.

»Es ist momentan recht ruhig, da dachte ich …«

»Sie wissen sicher, was Sie zu tun haben, sobald Sie etwas Luft haben, nicht wahr?« Als der Constable nicht gleich mit einer Antwort aufwarten konnte, fuhr sie fort: »Sie fahren Streife, sehen zu, dass Sie Präsenz zeigen, verhindern Verbrechen, bleiben wachsam. Sie helfen denen, die im Schnee stecken bleiben. Das Aufrechterhalten von Recht und Ordnung wird dafür sorgen, dass Ihnen nicht kalt wird. Und gesünder ist es obendrein.« Sie legte den Kopf schief, gab ihm deutlich zu verstehen, dass ihr das mit der Zigarette nicht entgangen war.

Sie betrat die Klinik durch den Personaleingang, die Türen glitten automatisch hinter ihr zu. Sie trat sich die Schuhe auf der Gummimatte ab und klopfte den Schnee von ihren Schultern und ihren Haaren. Eine Krankenschwester kam aus einer Kabine gegenüber dem Schwesternzimmer. Sie warf Ruth einen Blick zu, gab einer Person, die für Ruth nicht zu sehen war, ein Zeichen und lief dann weiter.

»Greg Carver?«, rief Ruth.

Die Schwester zügelte ihre Schritte, im selben Moment tauchte ein Mann vom Sicherheitsdienst auf. »Sind Sie eine Angehörige?«, wollte die Schwester wissen.

»Polizei.« Sie zeigte ihren Dienstausweis vor.

»Sein Zustand erlaubt es derzeit nicht, dass Sie ihm Fragen stellen«, erklärte die Frau knapp und ging weiter. »Und ich habe leider keine Zeit …«

»Emma, Gregs Ehefrau, ist vor einer halben Stunde eingetroffen. Ich wollte mich nur erkundigen, wie es ihr geht …«

Die Schwester runzelte die Stirn.

»Hören Sie«, fuhr Ruth fort. »Greg ist ein guter Freund, ich …« Dieses Wort, Freund, machte sie fertig. Ihr Mund zuckte, sie holte tief Luft und ließ sie ganz langsam wieder entweichen.

Die Schwester blieb stehen und musterte sie neugierig. »Lassen Sie mich bitte noch mal Ihren Dienstausweis sehen.«

Ruth reichte ihn ihr bereitwillig. Die Frau sah ihn sich mit prüfendem Blick an und gab ihn mit einem Nicken in Richtung des Sicherheitsbeamten zurück.

»Wir hatten schon Reporter hier, die versucht haben, sich widerrechtlich Zutritt zu verschaffen«, sagte sie zur Erklärung. »Mrs. Carver sitzt im Wartebereich – durch die Tür rechts.«

»Bevor ich zu ihr gehe und mit ihr rede«, sagte Ruth und hielt die Schwester noch einmal zurück. »Gibt es irgendetwas, das ich wissen sollte?«

»Es gab Komplikationen auf dem Weg hierher«, erklärte die Schwester mit gesenkter Stimme. »Aber vorerst ist sein Zustand stabil.«

»Vorerst? Was soll das heißen?«

»Das soll heißen, dass sein Blutdruck dramatisch abgefallen ist, aber nur vorübergehend. Alles ist wieder unter Kontrolle. Jetzt steht er unter ständiger Beobachtung.«

Keine besonders detaillierte Antwort, doch Ruth konnte nachvollziehen, dass im medizinischen Sektor genau wie bei der Polizei strenge Vorschriften galten, deshalb bedrängte sie die Frau nicht weiter.

Emma saß alleine im Wartezimmer. Als ihr Blick auf Ruth fiel, sprang sie sofort auf und ergriff Ruths Hände. Die ihren waren eiskalt. Ihr Teint hatte normalerweise die Farbe von Milch und Honig, worum Ruth sie stets beneidet hatte. Doch heute Abend wirkte sie leichenblass, ihre Haut schien sich viel zu straff über die Wangenknochen zu spannen.

»Sie sagen, er sei angeschossen worden?« Sie ließ es wie eine Frage klingen, so als erschiene es ihr viel zu unrealistisch, um wahr zu sein.

Ruth nickte.

»Und was sie in den Nachrichten sagen … stimmt das auch?«, wollte sie wissen. »War es der Dornenkiller, Ruth?«

»Ich habe keine Ahnung«, gab sie zurück. Sie wollte vermeiden, sich unnötig in irgendwelche Lügen zu verstricken. Am Ende verlor sie vielleicht selbst noch den Überblick.

»Hat Greg bei seinen Ermittlungen einen Durchbruch erzielt? Er hätte es dir doch erzählt, oder? Sie sagen, du hättest ihn gefunden – hat er irgendetwas zu dir gesagt?«

»Er war nicht …« Sie schaute Emma unverwandt in die blauen Augen, und Carvers Frau erwiderte ihren Blick voller Entschlossenheit. »Er konnte nicht …« Verdammt. »Er war nicht bei Bewusstsein«, sagte sie schließlich. Näher an die Wahrheit wagte sie sich derzeit nicht heran.

Ihr Handy summte in der Tasche ihres Mantels, sie warf einen prüfenden Blick auf das Display. John Hughes, der Crime Scene Manager. Sie entschuldigte sich knapp und ging hinaus in den Behandlungsbereich der Notaufnahme, um den Anruf entgegenzunehmen.

»Dürfte ich Sie bitten, zum Telefonieren vor die Tür zu gehen?« Die Schwester war mit einer Schachtel Einmalhandschuhe zurückgekehrt.

Ruth entschuldigte sich und trat hinaus in die eisige Nachtluft, ehe sie über das Display wischte, um ranzugehen. Der Himmel war nun wolkenlos, der Sturm vergessen, zurück blieben zwanzig Zentimeter Neuschnee, der sich über die vereiste Oberfläche, die noch vom letzten Schneefall stammte, gelegt hatte. Das frische Weiß ließ die Konturen der Taxis und der Rettungsfahrzeuge draußen auf dem Vorplatz weich erscheinen und reflektierte das gespenstische Licht der LED-Straßenbeleuchtung.

»Wie geht es ihm?«, erkundigte sich Hughes ohne Umschweife. »Wissen Sie Näheres?«

»Ich bin in der Klinik. Er steht nach wie vor unter Beobachtung«, antwortete sie. »Wie ist es bei Ihnen – sind Sie fündig geworden?« Dass Hughes sich so schnell mit ihr in Verbindung setzte, konnte zweierlei bedeuten: Entweder die Techniker hatten etwas gefunden, oder sie glaubten nicht mehr daran, auf etwas Nennenswertes zu stoßen. Gespannt hielt sie den Atem an.

»Eine kleine Menge Blut auf dem Sessel. Nichts, das auf einen Kampf hindeuten würde, etwas vergossener Whisky auf dem Boden – möglicherweise ist er ohnmächtig geworden und hat deswegen nicht gehört, wie der Schütze die Wohnung betreten hat.«

»Irgendwelche Fußspuren, Fingerabdrücke?«

»Die Sanitäter haben leider überall Trittspuren hinterlassen«, sagte er bedauernd. »Allerdings haben wir einen Abdruck auf dem Teppich im Schlafzimmer gefunden. Eine relativ kleine Schuhgröße. Könnte von einer Frau stammen.«

Mist. Es wäre halb so wild gewesen, hätte sie im Wohnzimmer Spuren hinterlassen, aber im Schlafzimmer … Wilshire hatte recht. Sie musste unter Schock gestanden haben, wenn ihr eine so simple Sache entgangen war. Aber sie würde zu Vergleichszwecken einfach ein anderes Paar Schuhe einreichen, deshalb war das kein großes Problem.

»Es hat ganz den Anschein, als wären Oberflächen, Lichtschalter und Türgriffe gesäubert worden«, fuhr er fort. »Die einzigen Fingerabdrücke, die wir finden konnten, waren unsere eigenen.«

Sie seufzte und hoffte, dass es nicht zu aufgesetzt klang.

»Außerdem haben wir eine Vertiefung im Teppich des Schlafzimmers gefunden. Wie es aussieht, stand dort über längere Zeit ein schwerer quadratischer Gegenstand. Aller Wahrscheinlichkeit nach ein Karton. Und es deutet alles darauf hin, dass erst kürzlich Haftpunkte von der Wand entfernt worden sind. Es ist also gut möglich, dass er sein Schlafzimmer zu einer inoffiziellen Kommandozentrale umfunktioniert hatte.«

»Kann sein.«

»Kommen Sie, Ruth, nun seien Sie mal nicht so wortkarg. Wenn jemand etwas weiß, dann Sie.«

»Er hat mich nie in sein Schlafzimmer gebeten, aber ich würde wetten, dass er zu Hause an dem Fall weitergearbeitet hat.«

»Jansen ist unser befehlshabender Officer, nicht wahr?«

»Ja.«

»Tja, dann setzen Sie ihn besser ins Bild.«

»Ich wüsste nicht, warum.«

»Himmelherrgott, Ruth – jetzt strengen Sie doch bitte Ihr Oberstübchen an! Nehmen wir einmal an, dass Carver tatsächlich zusätzliche private Ermittlungen angestellt und darüber Buch geführt hat: Was immer wir zu den Mordfällen hatten …«

»… könnte jetzt in den Händen des Dornenkillers sein«, beendete sie den Satz für ihn. »Und wenn das der Fall ist, waren unsere gesamten Anstrengungen für die Katz.« Hughes hatte recht, sie musste ihre grauen Zellen mehr anstrengen. Offenbar war sie gerade nicht zu klarem Denken fähig. Sie bekam dieses Bild nicht mehr aus dem Kopf: Greg Carver in seinem Sessel, Blut, das aus der Schusswunde in seiner Brust sickerte, den Blick auf sie geheftet, während sie die Spuren beseitigte.

»Also, wollen Sie es Jansen sagen, oder soll ich das übernehmen?«, wollte Hughes wissen. »Nur finde ich, dass es ratsamer wäre, wenn es von Ihnen käme.«

»Ich mach das schon«, versprach sie. »Geben Sie mir nur eine Stunde, damit ich in Erfahrung bringen kann, wie es mit Greg weitergeht.«

»Na schön«, erklärte er sich einverstanden. »Und, Ruth?«

»Ja?«

»Danach gehen Sie bitte heim und erholen sich, ja? Schlafen Sie sich richtig aus.«

Als Ruth ins Wartezimmer zurückkehrte, kam ein Arzt in OP-Kleidung durch eine Seitentür herein und rief Mrs. Carver auf. Emma sah sich panisch nach Ruth um. Die beiden Frauen trafen gleichzeitig bei dem Arzt ein, was den Mann sichtlich in Verwirrung stürzte.

»DS Lake. Ich bin eine Freundin und Kollegin von Greg«, stellte Ruth sich vor, um die Situation zu erklären.

»Am besten unterhalten wir uns an einem Ort, wo wir ungestört sind«, antwortete der Arzt, an Gregs Ehefrau gewandt, und hielt ihr die Tür auf.

Emma griff nach Ruths Hand.

»Sergeant Lake darf Sie gern begleiten, wenn Sie das wünschen«, sagte der Arzt. Er führte sie in sein Sprechzimmer, an einen niedrigen Tisch mit bequemen Sesseln und einer Box mit Papiertaschentüchern in greifbarer Nähe. Die Schwester, mit der Ruth vorhin gesprochen hatte, stand neben der Tür.

»Geht es ihm gut?«, fragte Emma sofort. »Kann ich ihn sehen?«

»Wir haben eine CT-Untersuchung durchgeführt«, erklärte der Arzt. »Die Kugel sitzt in etwa hier« – er deutete auf die Mitte seiner eigenen Brust –, »zwischen der Aorta, also der Hauptschlagader, und der Wirbelsäule. Wir verabreichen Ihrem Mann Antibiotika, um die Infektionsgefahr möglichst gering zu halten. Hat er irgendwelche Allergien, die Ihnen bekannt wären?«

»Nein«, gab Emma zurück.

Der Arzt wandte sich an die Schwester. »Sagen Sie den anderen Bescheid, sie können anfangen.«

»Anfangen?«, fragte Emma verunsichert. »Haben Sie ihn denn noch nicht operiert?«

»Die Gesamtsituation ist etwas komplizierter«, sagte er mit fester, ruhiger Stimme. »Er hat eine Bluttransfusion erhalten, und seine Vitalwerte sind stabil, deshalb besteht kein Grund zur Eile. Nur leider hat Ihr Ehemann zudem eine Schwellung im Gehirn.«

»Ich verstehe nicht«, stieß Emma mit vor Panik schriller Stimme hervor. »Sie sagten doch, die Kugel habe ihn in die Brust getroffen.«

»So ist es«, bestätigte der Mediziner. »Die Kopfverletzung ist auf den ersten Blick nicht zu erkennen, wir überprüfen das in Fällen wie seinem routinemäßig. Ob diese Schwellung mit der Schussverletzung in Zusammenhang steht, ist vorerst unklar.« Er richtete den Blick auf Ruth. »Man hat ihn in einem Sessel sitzend vorgefunden?«

»Ja«, bestätigte sie. »Ich war das.«

»Besteht Anlass zu der Vermutung, dass er gestürzt ist und sich den Kopf angeschlagen hat, nachdem er angeschossen wurde? Und dass es ihm anschließend gelungen ist, sich auf den Sessel hochzuziehen?«

Ruth dachte kurz nach. Es war kein Blut verspritzt worden, nirgends im Raum hatten sich Blutspuren gefunden, mit Ausnahme des Sessels. Nachdenklich schüttelte sie den Kopf. »Eher unwahrscheinlich.«

»Nun ja, so eine Hirnschwellung kann auch noch längere Zeit nach einem Trauma auftreten. War er in letzter Zeit in eine Schlägerei verwickelt oder hatte einen Autounfall?«

Hilflos wandte Emma sich Ruth zu.

»Greg und Emma haben sich erst kürzlich getrennt«, erklärte Ruth. »Er und ich arbeiten eng zusammen, ich bin mir sicher, dass er mir gegenüber so etwas auf jeden Fall erwähnt hätte. Doch als er mich an diesem Abend anrief, mit der Bitte, bei ihm vorbeizukommen, da klang er … na ja« – sie warf einen kurzen Seitenblick auf Emma –, »betrunken. Ich nehme an, er könnte durchaus vor dem Schuss gestürzt sein.«

»Na schön, die Kopfverletzung ist also möglicherweise neueren Datums. Was grundsätzlich positiv zu werten ist, denn das bedeutet, dass wir sie noch rechtzeitig behandeln können.«

»Sie scheinen wegen dieser Hirnschwellung in größerer Sorge zu sein als wegen der Kugel, die immerhin knapp neben der Wirbelsäule sitzt«, stellte Ruth misstrauisch fest.

»In Mr. Carvers Schädel hat sich eine besorgniserregende Menge Wasser angesammelt, das verstärkt den Druck auf das Gehirn«, erklärte der Arzt und tippte sich leicht an seine eigene Schädeldecke. »Den Hirndruck zu verringern hat für uns daher oberste Priorität. Ein Neurochirurg wird Schläuche in die Hohlräume im Gehirn einführen, um die überschüssige Flüssigkeit ablaufen zu lassen. Das sollte zu einer raschen Besserung führen.«

»Und wenn nicht?«, hakte Emma ängstlich nach.

»Uns stehen noch andere, radikalere Optionen zur Verfügung. Ein Team von Spezialisten am Aintree Neurosciences Center hält sich derzeit bereit, notfalls zu operieren.«

»Aber das ist ja meilenweit entfernt«, jammerte Emma. »Warum können Sie das denn nicht hier machen?«

»Dort hat er die besseren Chancen, Mrs. Carver«, erwiderte der Arzt mit besänftigender Stimme. »Für Verletzungen wie diese gibt es im gesamten Nordwesten keine Klinik, die personell und technisch besser ausgestattet wäre.«

Sie stieß ein zittriges Seufzen aus.

»Wir verlegen ihn auf dem Luftweg, das geht schneller und ist sicherer, so schließen wir die Gefahr von Erschütterungen während des Transports weitestgehend aus. Doch bevor ich den finalen Startschuss hierfür gebe, muss ich Sie noch eine Sache fragen, und es ist von größter Wichtigkeit, dass Sie absolut aufrichtig antworten.«

Emma blinzelte verstört. »Selbstverständlich.«

Er sah ihr ins Gesicht, als wollte er ihre Reaktion möglichst genau abschätzen können. »Mr. Carvers Blutalkoholspiegel ist gefährlich hoch. Wir können zwar trotzdem operieren, aber das Team muss wissen, ob dies ein einmaliger Ausrutscher war oder ob Ihr Mann ein schon länger bestehendes Alkoholproblem hat.«

»Er trinkt schon seit geraumer Zeit regelmäßig zu viel, aber ich kann nicht glauben, dass es inzwischen so schlimm ist.« Emma schaute zu Ruth, weil sie sich von ihr eine Bestätigung erhoffte.

»Er trinkt. Vielleicht ein bisschen mehr als die meisten«, merkte Ruth an. Immerhin konnte sie diesmal absolut ehrlich sein mit ihrer Antwort. »Aber …« Sie erinnerte sich an die leere Whiskyflasche, die neben Carvers Sessel am Boden gelegen hatte. »Das ist … ungewöhnlich.«

Der Arzt nickte. »Gut. Das hilft uns weiter.«

Emma nickte ihm dankbar zu.

Er warf einen Blick zu Ruth. Sie war lange genug bei der Polizei, um zu wissen, dass in Fällen von Gehirntraumata die Aussichten für schwere Gewohnheitstrinker nicht so rosig waren. Dies erklärte sie Emma jetzt.

Der Arzt fuhr fort: »Mr. Carvers Trinkgewohnheiten bedeuten ein erhöhtes Risiko im Zusammenhang mit der Narkose, schon vor der Operation«, führte er aus. »Aber die Gefahr, dass er einen schweren bleibenden Gehirnschaden davonträgt, ist noch größer, wenn wir nicht umgehend operieren.«

Emma nickte benommen, und der Arzt wandte sich Ruth zu und hob kaum merklich die Schultern. Er sah jung aus für seine Position. Die größte Herausforderung in seinem Job war nicht unbedingt der Umgang mit dem Tod an sich – Ruth selbst war erst vierundzwanzig gewesen, als sie an ihrem ersten Mordfall mitgearbeitet hatte –, sondern vielmehr mit dem, was danach kam. Sie war auch damals schon dankbar gewesen, dass die Aufgabe, den engsten Verwandten die traurigen Neuigkeiten zu überbringen, anderen zukam. Wie schlimm musste es erst sein, mit Familienangehörigen in Situationen sprechen zu müssen, in denen es um Leben oder Tod ging, wenn man ihnen in folgeschweren Entscheidungen beistehen musste, in Fällen, wo ein Überleben im schlimmsten Fall weniger wünschenswert war als der Tod.

»Emma, er bittet dich um deine Zustimmung zu der Operation«, sagte sie schließlich sanft.

»Meine Zustimmung? Aber wir … Ich habe Greg seit über einem Monat nicht gesehen. Wir … oh Gott!« Sie ließ die Schultern sacken. »Ich habe die Scheidung eingereicht.«

»Trotz allem sind Sie als nächste Verwandte aufgeführt«, erwiderte der Arzt in entschuldigendem Tonfall. »Wenn es jemand anderen gäbe … Aber wie ich es verstanden habe, hat er ansonsten keine Angehörigen.«

Gregs Ehefrau presste die Finger an die Lippen.

»Emma?«, forderte Ruth sie auf.

Emma schob die Hände über die Wangen, als müsste sie sich buchstäblich zusammenhalten, damit sie nicht auseinanderfiel.

»Sag mir, was ich machen soll«, flehte sie.

Wenn man bedachte, was sie getan hatte, hatte sie kein Recht auf eine Mitsprache. Und trotzdem sagte Ruth genau das, was von ihr erwartet wurde: »Ich fürchte, dir bleibt keine Wahl.«

Emma Carver nahm die Hände von ihrem Gesicht und verschränkte sie auf ihrem Schoß. »Dann haben Sie mein Einverständnis«, sagte sie schwach.

6

Carver liegt auf der Intensivstation und träumt.

Sefton Park, vor sieben Tagen. Eine feine Schicht Pulverschnee, die Luft klirrend kalt.

Sie sitzt auf einem großen, flachen Stein unter einem Baum, der mit einer Lichterkette geschmückt ist, im Hintergrund ein zu Eis erstarrter Wasserfall. Er sieht sie zunächst aus einer Entfernung von vielleicht dreißig Fuß, ihm bleibt das Herz stehen. Blond und schlank, in hautenger Jeans und mit Keilsandalen, dazu ein blaues Folkloreoberteil. Ihre Haare sind seidig und lang, in der Mitte gescheitelt.

Der Hintergrund, das blonde Haar, der Mittelscheitel, ihre Kleidung – das alles erinnert ihn an das Foto von der Hochzeitsreise, das auf dem Schrank in seinem Wohnzimmer steht.

Emma, durchfährt es ihn voller Panik. Ehe er weiß, was er tut, rennt er los.

Zwanzig Fuß Entfernung, er wird langsamer. Seine Nerven sind zum Zerreißen gespannt, sein Herzschlag geht stotternd.

Es ist nicht Emma. »Gott sei Dank«, murmelt er, auch wenn er nicht stolz auf sich ist.

»Greg!«, ruft Ruth ihm vom Weg aus zu. »Bleib stehen!«

Er dreht sich zu ihr um, sieht seine Spuren im frostüberzogenen Gras. Ansonsten ist die Rasenfläche unberührt. Er denkt bereits über mögliche zeitliche Abläufe nach – der genaue Zeitpunkt des Schneegestöbers, der Frost, der erst danach kam, all das wird ihnen Aufschluss geben darüber, wann der Leichnam hier abgelegt wurde.

»Fass die Tote nicht an«, ruft Ruth ihm warnend zu.

Er wirbelt herum, um einen weiteren Blick auf die Szene zu werfen. Tätowierungen bedecken jeden Zentimeter ihrer Haut, sodass man den Eindruck bekommt, sie trage ein Oberteil mit langen Ärmeln. Die festliche LED-Girlande im Baum taucht ihre Züge in ein bläulich-kaltes Licht, auf ihren Wimpern glitzert Frost wie winzige Diamanten.

»Komm her zu mir«, fordert Ruth ihn auf. »Du kennst die Vorschriften: immer alle schön den gleichen Weg gehen; am besten trittst du in die bereits vorhandenen Spuren.«

Im nächsten Moment befindet er sich im Obduktionssaal, kann sich aber nicht erinnern, wie er hierherkommt. Der Leichnam liegt auf dem Seziertisch. Mittlerweile weiß er, dass es sich bei dem Opfer um eine gewisse Kara Grogan handelt. Er sieht zu, wie die Gerichtsmediziner die Leiche nach und nach entkleiden und sie zwischendurch immer wieder von allen Seiten fotografieren. Nun werden die Tätowierungen, die auf Kara Grogans Körper geätzt wurden, vollständig sichtbar. Der Blitz der Kamera lässt die feinen Muster aufleuchten: Köpfe auf grotesk in die Länge gezogenen Hälsen, die Gesichter nach oben gewandt, ausdruckslose Mienen. Dazwischen sind Lücken zu erkennen, und aus diesen Lücken starren dem Betrachter Augen entgegen – Tausende Augen.

Die Augen auf Talis Körper waren, anders als diese hier, geschlossen oder halb geschlossen. Die Tinte auf Karas Haut ist schwarz, alle anderen Opfer waren mit blauer Tinte tätowiert worden. Die Augen auf Karas Körper sind allesamt weit aufgerissen. In einigen liegt ein gieriger Ausdruck, andere haben fast etwas Bedrohliches. Er kann es nicht erwarten, sich das alles zu notieren, damit ihm auch kein Detail abhandenkommt. Denn in seiner Traumlogik besteht für ihn nicht der Hauch eines Zweifels, dass des Rätsels Lösung – und die Identität des Mörders – in den Tattoos zu finden ist.

Der forensische Pathologe hebt eine Strähne von Karas Haaren hoch und macht sich bereit, sie auf der Suche nach Spurenmaterial durchzukämmen. Dabei legt er die silbernen Ohrringe von Ola Gorie frei. Carver erkennt die Schmuckstücke, weil er für Emma damals ein Paar als Verlobungsgeschenk gekauft hat. Sie hat sie auf ihrer Hochzeitsreise getragen und auch auf diesem Foto von damals.

»Was zum …?«

»Greg?«, ruft Ruth ihn erneut.

Schwer atmend steht er da, Helligkeit blitzt vor seinen Augen auf.

»Greg, du hyperventilierst ja«, sagt Ruth.

»Wenn er ohnmächtig wird, dann sehen Sie bitte zu, dass er nicht auf meine Leiche kippt«, sagt der Pathologe trocken.

Ruth bugsiert ihn in die Ecke des Obduktionssaals.

»Diese Ohrringe«, keucht er. »Es sind Emmas.«

»Sie sehen aus wie die von Emma, meinst du vermutlich, nicht wahr?«

»Nein, es sind ihre. Die Kollektion war streng limitiert –ihre waren plötzlich nicht mehr auffindbar, als ich ausgezogen bin. Wir hatten einen heftigen Streit, weil sie dachte, ich hätte sie mir unter den Nagel gerissen.«

»Wir lassen sie auf Emmas DNA untersuchen«, verspricht Ruth.

Plötzlich steht er wieder am Obduktionstisch, vor Karas nacktem Körper. Er hört ein glitschig-feuchtes Schmatzen, als das scharfe Messer ins Fleisch eindringt. Er wirft dem Pathologen einen fragenden Blick zu, doch der breitet unschuldig die Hände aus, als wollte er ihm demonstrieren, dass er darin kein Skalpell oder dergleichen hält. Außerdem weiß Carver, dass er den Leichnam nicht berührt hat, noch nicht. Sie senken beide den Blick auf das Opfer. Und dann sehen sie, wie sich entlang eines der tätowierten Hälse eine Öffnung bildet. Flitsch, flitsch, flitsch, flitsch, flitsch – und aus dem feinen Schnitt wird eine klaffende Wunde.

Karas Haut fällt entlang der Linien auseinander und beginnt, sich in blutigen Streifen abzuschälen. Kara schreit und windet sich vor Schmerzen, während die Fetzen Stück für Stück abfallen und Sehnen und Muskeln freigelegt werden. Unter den blutigen Hautlappen bewegt sich etwas.

Entsetzt weicht Carver zurück, doch er kann die Augen nicht von dem Anblick losreißen. Mit einem Mal schält sich auch die Haut im Gesicht des Mädchens und fällt ab, darunter erkennt Carver Emmas Züge, besudelt von Karas Blut, die Augen schreckgeweitet. Sein Herz hämmert wie verrückt, Carver wendet sich den umstehenden Leuten zu, fleht um Hilfe. Sie fixieren ihn mit ihren Blicken, haben keine Augen für den Leichnam auf dem Tisch. Unvermittelt ertönt ein durchdringendes Piepen, und jemand sagt: »Sie haben den Feueralarm ausgelöst.«

Schwestern eilten von allen Seiten an Carvers Bett. Ein tiefes Dröhnen sorgte dafür, dass das hektische Piepsen des Herzmonitors kaum zu hören war.

»Eine Tachykardie«, stellte die Erste fest.

Die Zweite berührte Carvers Hand. Er zuckte und schüttelte sie ab. »Reaktion auf Berührung positiv«, sagte sie mit einem hektischen Blick zu ihrer Kollegin. Dann richtete sie das Wort an Carver. Sie sprach laut und deutlich, um den Lärm der Apparate zu übertönen. »Mr. Carver? Greg – Sie befinden sich im Krankenhaus. Alles in Ordnung. Mr. Carver – hier kümmert man sich gut um Sie. Sie müssen sich bitte beruhigen. Versuchen Sie stillzuhalten. Die Ärztin müsste jeden Moment da sein.«

Carvers rechtes Bein zuckte, und als die Ärztin eintraf, wurde sein Körper bereits von einer Folge von Krämpfen geschüttelt.

»Halten Sie ihn fest«, befahl die Frau. Mit ein paar wenigen geschickten, sicheren Handgriffen erhöhte sie die Zufuhr von Propofol in den Infusionsschlauch.

Innerhalb von zwei Minuten war das Herzrasen vorbei, und Carvers Zustand stabilisierte sich. Die Ärztin sah auf die Uhr und machte einen Eintrag auf Carvers Krankenblatt. Die drei Frauen wechselten erleichterte Blicke, die verrieten, wie knapp die Sache gewesen war. Eine der Schwestern blieb bei ihm, um ein letztes Mal die Monitore zu überprüfen. Dabei bemerkte sie die Tränen, die unter Carvers Lidern hervorsickerten, die dünnen Klebebänder, die seine Augen geschlossen hielten, hatten sich ganz leicht gelöst. Sanft tupfte sie ihm die Tränen mit einer sterilen Kompresse ab und brachte neue Klebestreifen an.

Geistesabwesend fasst Carver in die unförmige Masse aus Haut und Blut, die einst zu Kara gehört hat, und versucht, seine Frau aus den arg zugerichteten Überresten des Mädchens zu befreien. Zumindest scheint der Pathologe mitbekommen zu haben, was sich auf seinem Obduktionstisch abspielt, doch statt ihm zu Hilfe zu eilen, verbindet er Carver die Augen mit einer Binde.

»Damit sie den Tatort nicht verunreinigen«, hört er ihn zur Erklärung sagen.

7

Da Ruth nun einmal die Anordnung bekommen hatte, nach Hause zu gehen, versuchte sie, sich auszuruhen und etwas zu schlafen. Doch sobald sie die Augen schloss, starrte ihr Greg Carver aus seinem Sessel entgegen. Irgendwann gegen fünf schlummerte sie dann ein, nur um fünfzehn Minuten später vom Klingeln ihres Handys aus dem Schlaf gerissen zu werden. Es war Emma, die anrief, um ihr mitzuteilen, dass Greg eine Art Krampfanfall erlitten hatte.

»Geht es ihm gut?«

»Sie untersuchen ihn gerade. Um sicherzugehen, dass die Kugel sich nicht von der Stelle bewegt hat.«

»Hat man die denn immer noch nicht entfernt?«

»Erst müssen sie den Schlauch legen, damit die Flüssigkeit in seinem Gehirn ablaufen kann. Der Arzt sagte, die Gehirnschwellung hat oberste Priorität – erinnerst du dich?«

Hatte er das gesagt? »Ja. Ja, natürlich, ich erinnere mich.« Um Himmels willen, Ruth – reiß dich zusammen. »Entschuldige«, fügte sie hinzu. »Aber ich dachte, man hätte ihm Beruhigungsmittel gegeben?«

»Sie mussten ihm eine etwas niedrigere Dosis des Schmerzmittels verabreichen, als sie normalerweise geben würden, wegen seines hohen Blutalkoholspiegels. Er ist nur kurzzeitig aus dem Koma erwacht.«

Ruth richtete sich gerade auf. »Er ist aufgewacht?« Aber das ist viel zu früh, wäre es um ein Haar aus ihr herausgeplatzt. Stattdessen erkundigte sie sich: »Hat er irgendwas gesagt?«

»Er war nicht richtig wach«, entgegnete Emma. »Aber er war kurz davor. Die Ärzte halten das für ein gutes Zeichen.«

»Das … Das ist großartig, Emma«, sagte Ruth. Im Stillen aber dachte sie, dass sie schnellstmöglich zu Carver musste, bevor er noch irgendjemandem erzählte, was geschehen war. »Ich nehme an, sie stellen ihn weiter ruhig, bis der Druck in seinem Schädel nachgelassen hat?«

»Ja.«

Sie verkniff sich einen Seufzer der Erleichterung. »Würdest du mir einen Gefallen tun, Emma? Würdest du mich anrufen, sobald die Ärzte beschließen, ihn aufzuwecken?«

»Aber sicher doch«, antwortete Emma. »Dir ist schon klar, dass du ihm das Leben gerettet hast?«

Ruth schmeckte bittere Galle in ihrer Kehle und musste schlucken. »Es ist äußerst wichtig, Emma – du musst es mir sagen, bevor du mit jemand anderem redest. In Ordnung?«

»In Ordnung.« Sie glaubte, Verunsicherung in Emmas Stimme zu hören. »Ruth, gibt es da etwas, das du mir verheimlichst?«

Oh, da ist so vieles … »Ich will nur Bescheid wissen, das ist alles«, gab Ruth zurück.

»Tut mir leid – für dich muss das ja genauso schrecklich sein.«

»Ich muss auflegen«, sagte Ruth. »Die Arbeit ruft.« Das zumindest war nicht gelogen: DCI Simon Jansen, der Senior Investigating Officer, der die Ermittlungen in Gregs Fall leitete, hatte für acht ein Meeting einberufen.

Ruth kam nur wenige Minuten zu spät. Jansen begrüßte sie mit einem Nicken, und da keine Sitzplätze mehr frei waren, lehnte sie sich hinten an die Wand. Ihre Schultertasche platzierte sie zwischen ihren Füßen. Simon Jansen war ein hochgewachsener, schwermütiger Mann mit dunklen Haaren, die am Ansatz bereits grau wurden. Er arbeitete seit fünfunddreißig Jahren in diesem Beruf, aber von ihm als Champion der Europäischen Polizeimeisterschaften im Judo und als einem von drei Trainern der Nationalmannschaft erwartete man nicht, dass er so schnell in Ruhestand gehen würde. Außerdem war er bekannt dafür, sich über den Stand der Ermittlungen stets genauestens auf dem Laufenden zu halten. Ruth kannte ihn als tüchtigen, strengen Vorgesetzten, der so wenig Mitgefühl an den Tag legte, dass es schon an Kaltherzigkeit grenzte. Sein Team bestand aus zehn Detectives, die bereits warteten, dazu weitere dreißig uniformierte Polizisten, die die Ermittlungen unterstützen sollten, indem sie von Haus zu Haus gingen und an Türen klingelten. Der Fall wurde strikt getrennt von den Ermittlungen im Fall des Dornenkillers – was allerdings Standardvorgehen war.

Der Eigentümer der Wohnung unter der von Carver war bereits befragt worden: Er war auf einer Party gewesen und erst in den frühen Morgenstunden nach Hause zurückgekehrt. Er gab an, in den letzten Tagen weder etwas Ungewöhnliches gesehen noch gehört zu haben. Das Haus stand separat auf einem Privatgrundstück, keiner der Bewohner der Straße hatte irgendwelche außergewöhnlichen Vorkommnisse beobachtet. Tatsächlich waren die meisten von ihnen entweder vom Blaulicht von Polizei und Krankenwagen oder vom Knattern der Hubschrauberrotoren aus dem Schlaf gerissen worden.

ENDE DER LESEPROBE