Tausend Tage und Tausend Nächte - Marco Kaiser - E-Book

Tausend Tage und Tausend Nächte E-Book

Marco Kaiser

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Beschreibung

Tausend Tage und tausend Nächte ist ein fesselnder historischer Roman, der den Leser in die düstere Welt der Inquisition und Hexenverfolgung entführt. Philipp Weitzer, ein freiberuflicher Historiker, stößt im Geheimarchiv des Vatikans auf eine verstörende Spur: Hinweise auf einen dämonischen Kult im Köln des 17. Jahrhunderts. Während seine Recherchen ihn immer tiefer in die Abgründe menschlicher Gier und Macht führen, muss Philipp entscheiden, wie weit er gehen will - und wem er noch trauen kann. Mit atmosphärischer Dichte und sorgfältiger Recherche erzählt der Roman eine Geschichte von Schuld, Erlösung und der ewigen Suche nach Wahrheit.

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Seitenzahl: 229

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Prolog

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Fündunfzwanzig

Epilog

Personenverzeichnis

Begriffsverzeichnis

Literaturverzeichnis

VORWORT

Zwei Jahrtausende lang war Kirche gleich Macht. Noch heute ist es oft genug so. Manchmal sichtbar, manchmal im Schatten. Aber immer mit dem Kreuz in der einen und dem Schlüssel zur Angst in der anderen Hand.

Dieses Buch ist kein Traktat. Keine Mahnung. Kein Bericht.

Es ist eine Reise in die Archive der Schuld.

Wer hier Erlösung sucht, wird sie nicht finden.

Aber vielleicht den Mut, nicht mehr wegzusehen.

PROLOG

Man sagt, Tausend Tage und tausend Nächte habe sie gekämpft. Nun wandeln sie unter uns, ruhelos auf Befehl und als Strafe Gottes. Zu schützen die Lebenden vor dem unbeschreibbaren Bösen, vor dem, was dort gelangweilt in seiner Hölle sitzt und wartet. Wartet auf den Tag, an dem es ihm möglich sein würde zurückzukommen und die Macht in Himmel und Erde zu übernehmen.

Dafür brauche er uns.

Aber an diesem Tag würde sie dort stehen und ihn bekämpfen. Sie würde dort stehen, mit allen, die an ihn geglaubt haben. Sie musste einsehen, dass nur Gottes Heerscharen siegen können.

Lange habe sie gekämpft, am Anfang noch haben sie uns mit Widerwillen beobachtet, wie wir die andere Seite anbeteten.

Sie hat versucht, ihn aufzuhalten. Aber sie ist müde und weiß, dass es bald vorbei sein könnte.

EINS

Es war wieder zwölf Uhr in der Ewigen Stadt. Philipp Weitzer betrat das Archivum Secretum Apostolicum Vaticanum, das Geheimarchiv des Vatikans. Seit zwei Tagen suchte er dort nach Briefen. Er wusste nicht genau, nach wem oder was er suchen sollte. Er hatte den Auftrag, nach allen Dokumenten zu suchen, die mit Anklagen von männlichen Hexen im Erzbistum Köln in den Jahren 1600 bis 1650 zu tun hatten. Er sollte herausfinden, welchen Rang und Titel die Personen hatten, wer sie waren, welche Punkte sie angeblich begangen hatten und was das Urteil war. Bei einer Verurteilung auch die Todesart und die finanziellen Verhältnisse der Angeklagten. Außerdem war eine Erlaubnis für das Geheimarchiv dabei. Das war schon seltsam.

Angefangen hatte das alles vor einer Woche, als er in Wien auf einen alten Kommilitonen traf. Eigentlich wollte er nur die Handschrift einer Bibel für einen seiner Kunden ansehen, die jener dort im Kinsky ersteigern wollte. Sein Kollege Paul interessierte sich für das gleiche Objekt und ruckzuck saß man im nächsten Kaffeehaus.

„Na, wie laufen die Geschäfte? Ich sag dir, ich habe so viel zu tun, dass ich bereits gezwungen bin, einige Aufträge abzulehnen. Du weißt ja, immer das Hin und Her reisen, das wird mir auf die Zeit zu stressig. Am liebsten würde ich ja nur noch in München arbeiten. Aber meine Kunden schicken mich immer in die entlegensten Winkel.“

Bei diesem Redeschwall wurde Philipp klar, warum er Paul während des Studiums immer aus dem Weg gegangen war. „Sag mal, du hast nicht zufällig etwas Zeit? Ich habe da einen Kunden, der unbedingt will, dass ich nach Rom fahre, aber ich müsste eigentlich nach London. Du weißt schon, die Auktion bei Christies. Oder willst du da auch hin?“

Philipp schüttelte den Kopf „Ich wollte eigentlich die nächsten Wochen freinehmen, mein Kunde wegen der Bibel zahlt gut und ich müsste mal wieder nach Hause…“ „Ach was“, plapperte sein Gegenüber wieder los. „Was willst du denn da? Da kennt dich doch jeder. Das bringt dir gut zweitausend Mücken ein, mit Spesen! Außerdem ist das leicht verdientes Geld. Du musst nur ein bisschen im Vatikanarchiv herumforsten ... Nur der Kunde ist geheimnisvoll. Der schrieb mir an meine Geschäftsadresse, als Absender nur ein Postfach in Rom und versprach Tausend Euro im Voraus und Tausend weitere plus Spesen nach Ende der Aktion. Ich habe natürlich noch nichts geantwortet. Ich werde dich empfehlen und wir können ja abwarten, ob er zuschnappt.“

Na ja, zweitausend Euro plus Spesen waren kein Pappenstiel. Außerdem, wenn er ablehnen würde, würde Paul wahrscheinlich so lange auf ihn einreden, bis er annahm. Nach kurzem Plaudern trennten sie sich und Paul sagte, er würde dem Kunden einen Brief an dessen Postfach schicken und Philipp anrufen, sobald er eine Antwort bekam. Der Kunde aber antwortet nach zwei Tagen direkt an Philipps Hoteladresse und am Tag drauf stand er mit Tausend Euro mehr in der Tasche am Roma Termini.

Der Kunde hatte um schriftliche Antwort gebeten, wenn er in Rom angekommen sei. Schon einen Tag nachdem er den Brief abgeschickt hatte, bekam er den großen Umschlag mit den detaillierten Anweisungen.

Er saß in seinem Leseraum, zusammen mit dem ihm zugeteilten Aufpasser. Es war schwieriger, als er gedacht hatte. Allein zwischen 1600 und 1650 wurden in Deutschland mehrere Tausend Prozesse gegen Hexen angestrebt. Jeder dieser Prozesse hatte umfangreiches Aktenmaterial hinterlassen, sogar hier in Rom. Das Ganze musste dann nach Ort, also dem Gebiet des Erzbistums Köln und dann nach Personenkreis durchsucht werden. Männer waren nicht so oft Ziel der Inquisition gewesen, aber jeder Prozess musste darauf untersucht werden, ob nicht doch Männer darin enthalten waren.

Eigentlich war das Ganze nicht sein Fachbereich. Er wollte nach seinem Studium in Geschichte und der Zusatzausbildung in Bibliothekswesen und Sachverständiger für Kulturgeschichte nicht mehr in staubigen Bibliotheken rumsitzen, sondern was von der Welt sehen. Sein Fachgebiet war das Schätzen von mittelalterlichen Kulturgegenständen. Aber für Geld, da tut man halt alles.

Stundenlang blätterte er in den Akten, machte sich Notizen und verfluchte die Schrift der Inquisitoren.

Mittags ging zum Essen in eine Gasse in der Nähe der Sant’Anna dei Palafrenieri. Touristenpreise – natürlich, was hätte er auch erwarten sollen im März, wenn die Touristensaison anfängt. Überall liefen die dicken Amis und die Japaner mit ihren Kameras herum. Am meisten nervte es ihn, wenn er auf Deutsche traf. Überall mussten sie rumglotzen, man sah ihnen aus 200 Metern an, dass sie „tedesco“ waren.

Nachdem er sich nachmittags durch weitere Meter Akten gefressen hatte, hatte er nur einen Mann gefunden, der angeklagt worden war. Gerhard von Sudtlo, er war ein Leinenweber, der am 12. Januar 1630 wegen des Verdachts der Zauberei verhaftet wurde. Nach etwa zwei Monaten in Haft wurde er im März 1630 als „Zauberer“ verbrannt.

Finster verließ er den Vatikan. Die Räume dort waren düster, heiß und staubtrocken. Die Leute in den engen Gängen erschienen ihm wie Gespenster. Das immer wachsame Auge seines „Wachhundes“, wie er den Mönch nannte, der ihn im Geheimarchiv betreute, hatte an seiner Stimmung genagt. Er wollte nur noch ein Bier und den Frust von der Seele saufen. An der U-Bahn-Station Republicca stieg er aus. Ziellos irrte er durch die Gassen, auf der Suche nach einer Bar, die halbwegs anständig aussah. Schließlich traf er auf O’Brien.

Das Irish Pub sah ganz okay aus, die Bedienung war ansprechend und er hatte schon lange kein Irish Beer mehr getrunken.

Erschöpft setzte er sich an die Bar und bestellte eine Kilkenny und einen Whiskey. Im Hintergrund lief gerade ein Fußballspiel im Fernsehen. Er sinnierte vor sich hin.

Plötzlich hörte er wieder dieses Geräusch, das nur aus deutschen Kehlen kommen konnte:

„TOOOOOOOOOOOOOOOOOOOR!“

Er sah rüber, in den hinteren Teil der Bar. Da standen sie, die Deutschen. Mit Schlips und Kragen saßen sie da und gestikulierten vor dem Fernseher herum, als hätte jemand gerade den Weltfrieden verkündet.

Er hatte das als Kind schon gehasst, wie man es nur toll finden konnte, hinter einem Lederball hinterherzujagen und das Ding in das TOOOOOOOOR hineinzutreten, während die anderen versuchen, einem ein Beinchen zu stellen. Oder dabei zuguckten, wie Millionäre das tun.

Philipp wollte nur noch hier raus, er nahm sein Kilkenny und trank es aus. Erfolglos versuchte er, die Bedienung darauf aufmerksam zu machen, dass er zahlen wolle.

„Mensch Philipp!“ Er spürte, wie eine große Hand auf seinen Rücken traf und ihn nach vorne rucken ließ „Die Welt ist doch ein Dorf! Was machst du denn hier?“ Er drehte sich um und hinter ihm stand die personifizierte Erinnerung an seine Jugend. Jens Wasservogel aus der Abiturklasse. Fußballheld der Dorfjungen, beliebt bei den Mädels und ehemals sein bester Freund im Kindergarten.

„Äh…“, stotterte Philipp. „Na, hast du dein Geschichtsstudium schon feddich? Ich bin hier für die Firma von meinem Vadder!“ Der Dialekt der Heimat war deutlich in der leicht alkoholisierten Stimme herauszufiltern.

Philipp sah ihn nur an. Jens … wie hatte dieser Typ ihn von hinten erkannt?! Ein Jahr war es her, seit der Zehnjahres-Abifeier, von der Philipp nicht mal mehr wusste, warum er hingegangen war. Jetzt stand er vor ihm, in Schlips und Kragen, mit einem Moretti in der Hand und einem breiten Grinsen.

Jens’ Vater war Weingroßhändler aus ihrem Kaff und der Sohnemann war wohl in seine Fußstapfen getreten.

Philipp starrte den noch immer athletischen Jens nur an, während er sich mühsam um eine Antwort bemühte. „Äh, ja. Ich bin hier wegen eines Auftrags…“

Jens ließ ihn nicht ausreden. „Komm rüber zu meinen Kumpels. Das sind alles Weinleute, und heute zeigen wir es den Dänen so richtig. Wir führen schon 1:0!“

Widerwillig ließ sich Philipp von Jens in Richtung der grölenden Masse schieben. „Ey Leute, das ist Philipp aus meiner Abiklasse. Zufälle gibt’s!“

Die Leute prosteten ihm zu und starrten wieder gespannt auf das Spiel, wo aus Philipps Sicht, nichts, aber rein gar nichts passierte. Jens prostete ihm zu und flüsterte vertraulich: „Mein Alter hat mich hierhin zur Weinmesse geschickt.“ Er stieß kurz auf. „Aber glaub mir, nach fünfzig probierten Weinen hast du nur noch Bock auf Bier.“

Er schnappte sich ein paar fettige Pommes aus seinem Fish & Chips-Korb und stopfte sie sich in den Mund. „Ist doch geil! Frei saufen und ein paar Tage von der Alten weg.“

Philipp erschauderte. Seine ‚Alte‘ war Sandra, seine Sandra, das Mädchen, das er einst geliebt und das Jens noch im Abijahr geschwängert hatte.

Jens schob ihm den Korb rüber. „Nimm dir auch was, hab kein Hunger mehr“, sagte er jovial und starrte rüber zu dem Spiel, wo die Männer in Weiß und Schwarz gerade das Gegentor kassiert hatten. Jens schlug mit der flachen Hand auf den Tisch und nahm einen großen Schluck Kilkenny. Dann drehte er sich wieder zu Philipp, der das fettige Herzinfarktrisiko nicht angerührt hatte. „Na, auch verheiratet?

Philipp drehte das Glas und schluckte den bitteren Geschmack runter wie den Absatz des Bieres vor ihm „Nein, höchstens mit den Archiven und dem Staub.“

Jens lachte laut auf. „Warst halt schon immer ein Nerd – aber sei froh. Alle Tage ein Weib im Haus, das ist Stress, sag ich dir!“

Er prostet in die Runde „Auf die Junggesellen und die Weiber!“

Die bierseligen Winzer und Weinhändler lachten und tranken. Die zweite Halbzeit war für Philipp eine Qual. Nur aufgelockert durch die mehreren Runden Grappa, die er mittrinken musste.

Vor seinem inneren Auge lief der Film ab. Damals, kurz vor den Abiprüfungen, im Dezember. Er sah sich selbst die Treppe hinuntergehen, auf dem Weg zur Toilette, als hätte er es geahnt. Er war durch das Foyer gegangen. Und dann … auf dem Jungenklo … dieses Keuchen. Er hatte es sofort erkannt – dieses rhythmische, atemlose Keuchen,

Er wusste genau, was das bedeutete, und wollte schon wieder umdrehen, dann hörte er die Stimme, „Fuck, Jens … uhhh!“

Wie betäubt war er zurückgewichen, hatte sich an der Korridorecke versteckt. Als sie rauskamen, Jens zuerst, dann Sandra, leicht errötet, lachend, war alles aus ihm gewichen. Das Blut, der Stolz, der Boden unter seinen Füßen.

Seine Hände zitterten und er hätte sich am liebsten auf dem Boden zusammengekrümmt.

Der Schnaps brannte. Er wollte schreien. Stattdessen trank er - und trank.

Er trank – und sah sie. Sandra. Über sich. Nur Wochen vor dem, was in der Schule passieren würde

Die grünen Augen, die langen, dunklen Haare, die kitzelnd sein Gesicht streiften. Ihre Hände, die seinen Nacken hielten. Ihr Lachen, das nur für ihn war. Wie sie sich über ihn beugte und ihn küsste. Damals, als alles möglich schien. Damals, als sie noch ihn gewählt hatte. Nicht Jens. Nicht das Leben im Haus mit Gartenzaun.

Und jetzt? Jetzt saß er hier, zwischen fettigen Pommes, johlenden Männerstimmen und dem Geschmack von billigem Grappa auf der Zunge. Jens klopfte ihm auf die Schulter und redete weiter.

Irgendwas von Geschäftskontakten, von Rom, von Sandra. Philipp hörte nur Bruchstücke. Und trank wieder. Auf den Sommer. Auf den Schmerz.

Er wusste nicht mehr, wie viele Runden Grappa er mitgetrunken hatte. Nur, dass er auch eine gezahlt hatte. Irgendwann. Vielleicht sogar zwei. Jens hatte ihm noch die Bilder seiner Kinder gezeigt, irgendein Sprössling mit Zahnlücke, das andere im Kleidchen, aber selbst das war in Philipps Kopf nur noch ein Flackern im Nebel.

Er hatte sich mühsam vom Tisch gelöst, war zur Toilette geschlingert, hatte direkt die erste Kabine genommen. Der Grappa fand dort so würdevoll, wie es eben ging, seine letzte Ruhestätte.

Er blieb sitzen, den Kopf gegen die kalte Wand gelehnt. Warum hatte er sich das angetan? Ausgerechnet mit Jens. Ausgerechnet jetzt. Mit dem Typen, der mehr ruiniert hatte, als dessen bewusst war.

Aber das war ja der Punkt: Jens hatte es wahrscheinlich nie gewusst. Nicht mal gemerkt. Dass er Philipp Sandra weggenommen hatte. Nicht mit Absicht, sondern mit der Selbstverständlichkeit eines Mannes, dem alles zufiel. Fußballspiele. Mädchen. Applaus.

Gut – die Schwangerschaft war wahrscheinlich so nicht geplant gewesen.

„Verdammt“, dachte er. „Morgen wieder in die staubigen Keller des Vatikans.“

Er konnte sich selbst kaum im Spiegel ansehen. Das Hemd zerknittert, der Atem ein Abgesang auf seine Würde.

‚Da muss ich halbwegs anständig aussehen … die verdammten Pfaffen.‘

Er versuchte, mit kaltem Wasser das Gesicht zu retten, scheiterte kläglich, strich sich durchs Haar, das nicht mehr zu retten war, und schüttelte dann nur den Kopf. Die Vorstellung, morgen wieder mit diesem Mönch im Archiv zu sitzen, schweigend, beobachtet, beäugt, ließ ihn frösteln. Noch mehr als das Grappa-Wasser-Gemisch in seinem Magen.

Hinter ihm, im Spiegelbild, die Tür. Da draußen wartete Jens.

Als er zur Runde zurückkam, wollte er sich mit einem knappen Nicken verabschieden. Sein Kopf dröhnte, sein Magen protestierte, und sein Stolz war irgendwo zwischen Grappa und Fish & Chips verloren gegangen.

Jens packte ihn am Unterarm, drückte ihm eine leicht zerknitterte Visitenkarte in die Hand. „Bin noch zwei Tage hier“, sagte er mit glasigen Augen und schiefem Grinsen. „Wenn du noch mal so richtig feiern willst …“

Er zwinkerte. „Wir wollen morgen ins Bagaglino.“ Philipp hätte Jens am liebsten die Fresse poliert. Dieser Typ ergötzte sich hier in Rom, sabberte halbnackten Varieté-Tänzerinnen hinterher, während seine Sandra zu Hause die Kinder hütete.

Jens sah, wie Philipp einen weiteren Grappa in sich hineinschütten wollte. „Mensch, Alter. Übertreib mal nicht.“ Jens spähte zu den anderen Männern, die weiter gebannt das Spiel beobachteten und nicht zuhörten. „Du hör mal, das mit Sandra, damals. Das tut mir leid. Ich wusste nicht, dass du auch auf sie stehst. Hätte ich das gewusst, wäre alles anders gelaufen. Es tut mir leid.“

Philipps Wut brach in sich zusammen.

Draußen traf ihn der Schlag. Nicht von der Erkenntnis, dass Jens doch ein ganz anständiger Typ war, sondern von der frischen, warmen Sommerluft. Wie ein Faustschlag in seine Gedärme.

Er keuchte, musste sich an der Hauswand abstützen, die rau verputzte Oberfläche kratzte ihm über die Handfläche. Für einen Moment dachte er, er würde gleich einfach in sich zusammensacken. Die Augen zu. Nur kurz. Der Druck im Kopf pochte im Takt seines Herzschlags, das Brennen im Magen.

Er stand da, wie festgenagelt, mitten in einer der ewig verschlungenen Gassen zwischen Pub und Piazza. Ein streunender Hund bellte irgendwo, jemand lachte zu laut aus einem offenen Fenster. Rom atmete – schwer, lebendig, gleichgültig.

Philipp öffnete langsam wieder die Augen. Alles verschwamm. Die Welt wirkte wie durch Milchglas, schräg, zitternd, zu laut und doch zu fern.

Er drehte den Kopf, der schwer wie Blei auf seinen Schultern ruhte, zur Straße neben dem Pub. Und dann sah er sie.

Sie stand im Halbdunkel. Ein Schatten, die Schultern leicht nach vorn geneigt, als würde sie ihn mustern. Oder erwarten.

Sein Herz schlug schneller. Nicht aus Angst. Aus … Irritation. Wiedersehen. Er hatte sie zuvor gesehen. Kurz. In der Bar. Oder war es gestern gewesen? War er möglicherweise noch im Rausch?

Die Frau, das Mädchen, Philipp konnte ihr Alter unmöglich einschätzen, zündete sich langsam eine Zigarette an, während sie ihn aus dem Augenwinkel ansah. Für den Bruchteil der Sekunde, in der die Flamme des Feuerzeugs ihr Gesicht erhellte, sah er ihr Gesicht und das einzige Wort, das ihm einfiel, war melancholisch.

Die Zigarette glühte auf, sie grinste ihn an, dann drehte sich die Fremde um und verschwand in den Gassen.

Am nächsten Morgen hatte Philipp Kopfweh. Nicht einfach nur Kopfweh – er hatte einen Kater so groß wie ein ausgewachsener Tiger. Und zwar einer, der mit Stahlkappen durch sein Gehirn trampelte.

Er schleppte sich ins Bad und zwang sich eiskalt zu duschen, bevor er sich zwei 300 mg IBU in den Rachen stopfte.

Minuten später bereute er es. Bitter. Im wahrsten Sinne. Die Tabletten lagen wie Steine in seinem Magen, der Grappa von gestern rebellierte in jeder Zelle. Ihm war flau. Nicht genug für Erbrechen, zu viel für Würde.

Er setzte sich auf den Rand der Badewanne, stützte den Kopf in die Hände und starrte auf die gesprungenen Fliesen. Die Frau von letzter Nacht … hatte er sie sich eingebildet? War sie echt gewesen? Oder nur eine Erscheinung im Dunst von Alkohol, Erinnerung und viel zu wenig Schlaf?

Egal. Heute wartete der Vatikan. Staub. Pergament. Und ein Mönch mit Argusaugen.

Frater Marcinello sah ihm aus seinen Raubvogelaugen entgegen, als Philipp zehn Minuten zu spät an der Pforte der Bibliothek erschien. Kein Wort, kein Nicken, nur dieser Blick – schmal, scharf, wie aus Obsidian gemeißelt.

„Mr. Weitzer.“

Es war keine Begrüßung. Es war ein Urteil.

Philipp murmelte ein „Buongiorno“, welches mehr wie ein Schluckauf klang, und zeigte seine Akkreditierung, obwohl der Mönch sie längst kannte. Marcinello nickte kaum merklich, drehte sich um und marschierte los. Der schwarze Habit der Jesuiten wehte wie ein Schatten durch die Gänge.

Der Gang durch das Archiv war wie immer: still, düster, durchdrungen vom Geruch alter Tinte, Leder und etwas, das an Zeit selbst erinnerte. Philipp folgte, bemüht, nicht zu sehr zu schwanken. Das Ibuprofen begann, wie ein kleiner, mutiger Ritter gegen den Drachen in seinem Schädel zu kämpfen.

Das Archiv der Inquisition – offiziell „Archivio della Congregazione per la Dottrina della Fede“ – war separat vom Hauptarchiv untergebracht. Tief unter den Palazzi, schwer zugänglich, streng kontrolliert. Wie ein verschlossenes Nervenzentrum der Vergangenheit.

Frater Marcinello sagte kein Wort, während er Philipp durch die gewundenen Gänge führte. Er beachtete ihn kaum, kein Kommentar zu seiner Verspätung. Nur dieser lautlose Tadel, der in seinem Habit mit wehte.

Sie erreichten den Raum, in dem Philipp in den letzten Tagen gearbeitet hatte. – ein schlichter Lesesaal, fast spartanisch. Ein Tisch, eine Lampe, ein Stuhl. Kein Fenster. Nur Aktenordner, deren Alter man roch, bevor man sie las.

Philipp setzte sich mit einem schweren Seufzen. Marcinello stellte einen Karton neben ihn auf den Tisch – ungefragt, selbstverständlich.

„Congregatio Romanae et Universalis Inquisitionis – Subarchivum Germanicum – Sententiae Omnes Tribunalis Coloniensis – Anno Domini MDCXL“

Dann setzte sich der Frater mit einer angedeuteten Verbeugung auf eine Bank und schlug ein Buch in einem Ledereinband auf.

Philipp wunderte sich, welches Buch der Mann da tagein, tagaus, mit zitternden Lippen las, aber er hatte es vermieden zu fragen.

Mit dröhnendem Kopf beugte er sich über die Texte, allen Urteilen aus dem Jahr 1635, die das Tribunal der Inquisition in der gesamten Erzdiözese Köln gefällt hatte. Pergament um Pergament, besiegelt, verflucht, begnadigt. Der Moder vergangener Jahrhunderte stieg ihm in die Nase, während die Schreie der Verurteilten zwischen den Zeilen zu lauern schienen.

Er blätterte, machte sich Notizen. Stunde um Stunde vergingen in der Stille, der Frater auf seiner Bank, Philipp über die Akten gebeugt.

Plötzlich schlug der Frater das Buch zu und Philipp schreckte auf. „Magniare“ presste der Raubvogel hervor. Nicht als Vorschlag. Als Befehl.

Philipp hob seinen Kopf. Seine Hand zitterte leicht. Er hatte vergessen, wie sehr ihm der Magen knurrte. Der Rausch von letzter Nacht war zu dumpfem Druck geworden, das Ibuprofen hatte sich zurückgezogen wie ein sterbender Soldat.

„Sì … grazie“, murmelte er. Der Frater erhob sich lautlos, glitt zur Tür, öffnete sie. Dann begleitete er Philipp schweigend durch die endlosen Gänge zurück Richtung Ausgang. Schritt für Schritt. Kein einziges weiteres Wort fiel.

Am Tor zur Piazza angekommen, öffnete Marcinello die Tür, blieb stehen und sah ihn mit diesem unveränderten, unbewegten Gesicht an.

„Two o‘clock. Preciso.“

Dann drehte er sich um, ohne ein weiteres Wort, und verschwand im Inneren. Wahrscheinlich Richtung Kantine, wo es vielleicht Linsensuppe und Schweigen gab.

Philipp trat hinaus.

Das Licht des Petersplatzes schlug ihm entgegen wie ein Vorschlaghammer. Die Sonne war erbarmungslos. Vor ihm die runde Weite der Kolonnaden, der Obelisk wie ein Nagel in der Mitte des Weltzentrums.

Touristen wimmelten wie Ameisen, fotografierend, schwitzend, lachend. Philipp suchte sich einen Platz im Schatten der Balustrade, setzte sich und starrte ins gleißende Licht. Alles war zu viel. Zu hell. Zu laut. Zu wirklich.

Er war allein, mit dem Rauschen in seinem Kopf, den Fragmenten alter Handschriften in seinem Notizbuch und dem bitteren Nachgeschmack, dem italienischen Croissant mit dem Zitronat und dem Espresso aus dem Hotel, mit denen er versucht hatte, seinen Magen zu beruhigen.

Eine Stunde. In einem dieser sogenannten Street-Food-Läden in der Via del Farinone stand Philipp zehn Minuten in der Schlange – eingequetscht zwischen schwitzenden Pilgerinnen mit Selfiestick und einem Amerikaner, der lautstark die besten Toppings diskutierte.

Er hatte kaum Hunger, aber der Körper verlangte irgendetwas, das er verdauen konnte.

Als er endlich dran war, bekam er für acht Euro eine aufgewärmte, labbrige Pizza Margherita auf einem Pappteller – mit dem Charme eines Flughafensnacks.

Er setzte sich auf einen niedrigen Betonpfeiler am Rand der Gasse, schob sich ein Stück in den Mund und kaute mit der gleichen Begeisterung, mit der man alte Rechnungen durchgeht. Um ihn herum das Gedränge der Welt: Rucksacktouristen, Schulgruppen, schwankende Rentner, mit Audioguides in den Ohren.

Er sah auf die Uhr. Noch 28 Minuten.

„Rom“, murmelte er. „Du bist schön. Aber du bist auch ein Arschloch.“

Der Rückweg zur Porta war ein Spaziergang durch das Rauschen der Stadt.

Eine Touristin rief jemandem hinterher, ein Priester schob sich durch die Menge, ein Lieferwagen hupte zweimal und bog in die enge Seitenstraße ein.

Marcinello wartete bereits vor dem Eingang des Archivs. Wieder ging es durch die Gänge, bis sie vor Philipps Kerker standen.

Der Frater setzte sich, das dunkle Buch auf dem Schoß, als wäre es ein lebendiger Teil von ihm. Philipp hingegen zwang sich, nicht zu gähnen. Sein Körper sehnte sich nach Kaffee, sein Geist nach Klarheit, aber stattdessen öffnete er den Ordner, nahm das erste Blatt vom neuen Stapel und begann zu lesen.

„In Domini nomine, amen.“

So begannen sie fast alle.

Diszipliniert ordnete Philipp sein Gekrakel vom Morgen in eine Tabelle. Fallnummern, Datierungen, beteiligte Namen. Seine Handschrift war fahrig, aber geübt. Sein Auftraggeber wollte jeden Fall genau wissen. Später, im Hotel, würde er es noch mal sauber abtippen müssen.

Er nahm das nächste Blatt vom Stapel, den nächsten Fall.

Acta Congregationis pro Doctrina Fidei

Signatura: CDF/Colonia/1641/VIII

Status: Causa conclusa

Accessus cum licentia tantum

Causa contra Henricum Theodoricum Schallenbergium

Status: Consiliarius civitatis Coloniensis, olim scriba civitatis

Aetatis: circiter 54 annorum

Anno Domini: 1641

Forum originis: Officiolatus Coloniensis

Exsecutio temporalis: Tribus diebus post sententiam adusta est corpus eius prope portam Severinam

Capita accusationis:

I. Superstitio et invocatio daemonum

Henricus Schallenbergius, vir notae eruditionis sed obscurae fidei, in cella domestica nocturnis horis rituum magiae nigrae celebrationem fecisse accusatur.

Testes tres, sub iuramento auditi, narraverunt de cantibus incantatoriis, circulis sulphure delineatis, ac fumo acri et insolito.

In eodem loco repertus est altare parvum pannis nigris tectum, cum ossibus animalium et libro manuscripto characteribus Hebraicis inscripto.

II. Possessio librorum prohibitorum

Inter libros confiscatos inventi sunt: De occulta philosophia Cornelii Agrippae, Archidoxis Magicae Paracelsi, ac tractatus anonymus inscriptus Clavis Inferni, in quo continentur sigilla, invocationes spirituum malignorum et formulae sacrilega.

III. Contemptus sacramentorum

Relatum est a duobus presbyteris quod reus sacramenta Ecclesiae negaverit, dicens:

“Panis nihil est, verbum est potestas.”

Hoc dictum graviter censetur in theologia catholica, cum fidei fundamenta directe percutiat.

IV. Subtractio bonorum et suspecta dissimulatio thesauri

Antequam comprehenderetur, Schallenbergius multas res pretiosas in locum ignotum transtulisse creditur.

Nota marginalis:

Schallenbergius , uxor mortua A.D. 1638, filia eodem anno in partu defuncta, filius peste extinctus A.D. 1640.

Indiciis suppletis, constat eum daemones invocavisse in spe redintegrandi coniugem et liberos.

Iam antea in suspicionem alchemiae venerat.

Philipp lehnte sich über die Seite, das Papier trocken wie Asche, die Tinte noch klar. Er zog sein Notizbuch heran, blätterte zur nächsten freien Seite und begann, seine Zusammenfassung zu schreiben.

CDF/Colonia/1641/VIII

Angeklagter: Henricus Theodoricus Schallenberg, Stadtrat Köln, ex-Schreiber, ca. 54 Jahre.

Vier Anklagepunkte:

1. Dämonenbeschwörung – nächtliche Rituale, Kreise, Schwefel, hebräische Zeichen

2. Besitz verbotener Werke – u.a. Clavis Inferni, Agrippa, Paracelsus

3. Verachtung der Sakramente – Zitat: ‘Panis nihil est, verbum est potestas’

4. Verbringung wertvoller Gegenstände an unbekannten Ort – Verdacht auf verborgenen Besitz

Frau, Tochter und Sohn verstorben. Der Alchemie verdächtigt.

Dann las er weiter, blätterte um.

Und sah – eine Seite, ungeordnet, fremd in der Ordnung. Kein Titel, kein Siegel.

Nur Worte. In roter Tinte. Deutsche Sprache.

Delinquent: Henricus Theodoricus Schallenbergius, olim notarius et consiliarius civitatis

Praesentes: Der hochwürdige frater Benedictus, des Prediger-Ordens, Inquisitor generalis; der ehrbare Schreiber Magister Christophorus M.; auch drey Schöffen des Hohen Gerichts der Stadt Coln, auf dass sie dem Verhör beywohnten und dessen Verlauf bezeugen möchten.

Der delinquent ward aus seiner cella geführet zur siebenden Stunden vor Mittage. Nach verrichteter Gebetformel ward ihm vorgestellet, daß er in verdacht stehe, pactum mit dem Feind Gottes geschlossen zu haben und unheilige Künste auszuüben, zum grossen Aergernuss der Ecclesia sancta.

Ihm wurde dreyfach zu erkennen geben:

1. Ob er den Teufel beschworen hab;

2. Ob er ein Opfer ihm darbrachte;

3. Was das Geheimnus sey, das er bewahre.

Der Delinquent verhielt sich stumm. Zehen lang stund er unter Schweigen, obschon dreymal ermahnet.

Nach weiterer Befragung und ohne Antwort ward die inquisitorische Tortur angordnet.

Mit Riemen und Gewichten ward sein Leib gestrafft und gepreßt auf dem Stuhle des Geständnisses. Der Delinquent war heftig in Schweiß und ward bleich im Angesicht.

Nach einer Viertelstunde war er in Geschrei, doch keine Rede ward deutlich. Auf abermaliges Befragen: „Nennet den Namen des Geistes, so Ihr beschworen habet!“

Antwortete der Delinquent: „Ich weiß nit...“

Der Greven befahl, die Tortur zu verschärfen.

Es wurden zusätzlich auf des Delinquenten Beine und Gelenk die Gewichte gelegt und die Schrauben angezogen, wie es in solchem Falle vonnöten. Der Delinquent krümmte sich heftig und stieß mehrfach Ruf und Seufzer aus, doch keine klare Bekenntniß.

Nach drei Vierteln einer Stunde, in der die Marter stetig vermehrt ward, schrie er aus vollem Leibe: „OFFICIORUM INTERIORUM!“

Er wiederholte dasselbe wohl fünfmal, bis seine Stimme schwieg.

Darauf ward er gefragt: „Nennt das Wesen, die Art, das Ziel!“

Doch er antwortete nicht mehr, sondern fing an zu wimmern und sich zu neigen, als bete er. Seine Lippen formten leise Worte, doch nicht lateinisch und auch nicht deutsch.

Die Ohren des Schreibers vernahmen: „Non serviam… sed veni… veni et tolle me… domine tenebrarum…“

Er rief nicht den Herrn im Himmel, sondern den im Abgrund.

Alsbald ward er ohnmächtig und fiel zu den Seiten, gleich einem Stein. Der Greven befahl, ihn zurück in die cella zu tragen.

So endet das Protocollum.