Tease - Verlangen nach Glück - Sophie Jordan - E-Book

Tease - Verlangen nach Glück E-Book

Sophie Jordan

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8,99 €

Beschreibung

Bloß nicht die Kontrolle verlieren! Und auf keinen Fall verlieben! Das sind Emersons heiligste Regeln, wenn es um Typen geht. Sie spielt ihre Rolle als umtriebiges Party-Girl gut; nicht mal ihre Mitbewohnerinnen ahnen, dass sie keinen der Jungs, die ihr reihenweise verfallen, wirklich an sich heranlässt. Bei dem umwerfend attraktiven Shaw, der sie aus einer brenzligen Situation rettet, scheinen ihre bewährten Verführungskünste jedoch zu versagen: Er blickt hinter ihre Fassade und schickt sie ungeküsst nach Hause. Obwohl der sexy Biker so gar nicht ihrem üblichen Beuteschema entspricht, kann sie nicht aufhören, an ihn zu denken. Sie schwört sich, ihn herumzukriegen - und bekommt schnell zu spüren, dass dieser Flirt seine ganz eigenen Gesetze hat …

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EPUB

Seitenzahl: 383

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Sophie Jordan

Tease – Verlangen nach Glück

Roman

Aus dem Amerikanischen von Gisela Schmitt

MIRA® TASCHENBUCH

MIRA® TASCHENBÜCHER

erscheinen in der HarperCollins Germany GmbH,

Valentinskamp 24, 20354 Hamburg

Geschäftsführer: Thomas Beckmann

Copyright dieses eBooks © 2015 by MIRA Taschenbuch

in der HarperCollins Germany GmbH

Titel der nordamerikanischen Originalausgabe:

Tease

Copyright © 2014 by Sharie Kohler

erschienen bei: William Morrow, New York

Published by arrangement with William Morrow,

an imprint of HarperCollins Publishers, LLC.

Konzeption/Reihengestaltung: fredebold&partner gmbh, Köln

Covergestaltung: pecher und soiron, Köln

Redaktion: Mareike Müller

Titelabbildung: Shutterstock

Autorenfoto: © Country Park Portraits

ISBN eBook 978-3-95649-486-4

www.mira-taschenbuch.de

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eBook-Herstellung und Auslieferung:

readbox publishing, Dortmund

www.readbox.net

Alle Rechte, einschließlich das des vollständigen oder auszugsweisen Nachdrucks in jeglicher Form, sind vorbehalten.

Der Preis dieses Bandes versteht sich einschließlichder gesetzlichen Mehrwertsteuer.

Alle handelnden Personen in dieser Ausgabe sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären rein zufällig.

Für Lily Dalton und Kerrelyn Sparks,meine Road-Trip-Freundinnen

1. KAPITEL

Bist du sicher, dass wir hier richtig sind?“ Ich stieg aus Annies Auto. Die Januarnacht war kalt. Kurz ließ ich die Hand auf dem Griff der Beifahrertür liegen, als wollte ich sie unvermittelt wieder aufreißen und zurück in den Wagen springen.

Die Bar sah eher nach einem heruntergekommenen Hafenspeicher aus als nach einem Club. Ein starker Wind, und das klapprige Ding würde zusammenbrechen. Vor der Wellblechwand standen mehr Motorräder als Autos. Die Parkplatzsituation war das reinste Chaos, alles überfüllt. Es gab keine Begrenzungslinien oder so was, hier konnte jeder parken, wo und wie er wollte. Kostenlos.

„Ja“, antwortete Annie. „Das ist das Maisie’s.“ Sie deutete auf das rote, schief hängende Neonschild. Trotz des unverfänglichen Namens sah der Laden ungefähr so harmlos aus wie … Na ja, ich jedenfalls nicht.

„Und es gibt bestimmt kein anderes Maisie’s?“, hakte ich nach. Eins, das nicht so wirkte, als würde man beim Betreten der Bar sofort Wundstarrkrampf kriegen.

„Da.“ Sie zeigte auf einen Lexus, der zwischen einem Pickup und einem rostigen Ford Pinto stand. In der Kälte bildeten sich weiße Atemwölkchen vor Annies Mund. Die Luxuskarosse war hier genauso fehl am Platz wie wir in unseren Skinny-Jeans und den Designerjacken. Sie ging ein paar Schritte auf das Auto zu, wobei ihre Stiefelabsätze auf dem schneebedeckten Kies knirschten. „Das ist Noahs Wagen.“ Noah. Annies neueste Eroberung und der Grund dafür, weshalb wir hier waren.

Nickend vergrub ich die Hände in den Jackentaschen und schritt mit ihr zusammen in Richtung Eingang. Auf keinen Fall wollte ich, dass sie merkte, wie total deplatziert ich mich fühlte. Ich machte gern Party, ganz klar. Dafür war ich bekannt. Mir war nichts zu wild – nicht mal eine Biker-Bar.

Dennoch versuchte ich, mir meine beiden besten Freundinnen hier vorzustellen. Unmöglich! Selbst wenn Georgia und Pepper keine Freunde hätten, die ihre ganze Zeit beanspruchten, wäre das hier auf keinen Fall ihre Szene.

Und deine ist es auch nicht.

Richtig. Meinen Typ Mann würde ich hier nicht finden. Nicht mal jemanden zum Flirten. Und ganz bestimmt niemanden, den ich mit nach Hause nehmen würde. Aber vielleicht kam ja einer aus Noahs aufstrebender Band infrage.

Seufzend schaute ich rüber zu Annie, die jetzt ihre Jacke öffnete und ihre enormen Brüste in Position brachte, damit ihr Dekolleté in ihrem eine Nummer zu kleinen Pullover auch gut präsentiert wurde. Sie war wirklich nicht der optimale Umgang, doch heute Abend hatte sich sonst niemand zum Ausgehen gefunden. Georgia war mit Harris unterwegs. Pepper und Reece hatten mich eingeladen, zusammen mit ihnen daheim einen Film zu gucken, allerdings fühlte ich mich dabei immer ein bisschen einsam oder außen vor, obwohl wir alle befreundet waren. Aber die beiden waren frisch verliebt und verhielten sich eben auch so. Mit jedem Wort. Mit jeder Berührung. Und ja – sie berührten einander die ganze Zeit. Meine Anwesenheit hielt sie gerade so eben davon ab, sich die Kleider vom Leib zu reißen. Das alles verursachte mir Übelkeit. Doch hey – besser sie als ich.

Denn Liebe bedeutete, die Kontrolle zu verlieren. Und ich verlor nie die Kontrolle. Ich sorgte nur dafür, dass es so schien, indem ich mich jede Woche mit einem neuen Typen einließ. Aber ich war mir jeder meiner Aktionen vollkommen bewusst. Die Kontrolle gab ich nie ab.

Seufzend schob ich mir eine Haarsträhne hinters Ohr. Sogar Suzanne, meine Mitbewohnerin vom selben Flur und seit Neuestem meine Zuflucht, hatte heute Abend ein Date. Alle meine Freundinnen hatten plötzlich einen Freund oder waren kurz davor. Und da ich auf keinen Fall so enden wollte wie sie, musste ich mich eben mit Leuten wie Annie begnügen. Nicht die netteste Frau, die ich in meinen zwei Jahren in Dartford kennengelernt hatte, allerdings die einzige, die verfügbar war. Da ich nicht zu denjenigen gehörte, die zu Hause blieben und die Wände anstarrten oder zum x-ten Mal uralte Folgen von „Glee“ guckten, hatte ich keine andere Wahl. Darum die Biker-Bar.

Kaum hatten wir den Laden betreten, zweifelte ich daran, dass ich es hier länger als eine Minute aushalten würde. Das Maisie’s war von innen noch schlimmer als von außen.

Offensichtlich galt hier das allgemeine Rauchverbot nicht, denn die Luft bestand nur aus Zigarettennebel. Ich hatte zwar gern Spaß, doch ich rauchte nicht. Weder Zigaretten noch sonst was. Das Ungesündeste, was ich meinem Körper zumutete, waren die Burritos von Taco Bell. In dem Dunst begannen meine Augen sofort zu tränen.

Der durchschnittliche Gast in diesem Laden war männlich, über dreißig, trug einen Bart und hatte schlecht gestochene Tattoos. Aufnäher, die an Gang-Zugehörigkeit erinnerten, prangten auf Jeansjacken und -westen. Ich konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, ob diese Aufnäher echt waren, aber ich hatte mal auf History Channel eine Doku über Motorradgangs gesehen, und die Typen da hatten alle solche Abzeichen getragen.

„Annie“, murmelte ich und verharrte im Türrahmen. „Ganz sicher, dass wir hier reingehen sollen?“

„Was ist?“ Sie blinzelte. „Hier fangen alle Bands an, die später mal groß rauskommen.“

Ich schüttelte den Kopf und sagte gespielt lässig, während ich meinen Blick durch den Raum schweifen ließ: „In solchen Schuppen wird man höchstens abgestochen.“

So war ich nun mal. Ich beobachtete. Schätzte spontan die Lage ein. Nach außen hin erschien ich unbeschwert, doch mein Verstand lief auf Hochtouren. Ich wog permanent ab und analysierte. Anders funktionierte das nicht. Nur so konnte ich vermeiden, dass ich in einer Situation endete, aus der ich mich nicht mehr befreien konnte. Wie schon mal.

Annie verdrehte die Augen. „Ich hätte echt nicht gedacht, dass du so ein Weichei bist. Los, wir suchen uns einen Tisch.“

Ich war kein Weichei, doch jede meiner Aktionen war geplant. Ich feierte immer nur an Orten, die ich kannte. Im Mulvaney’s, im Freemont’s, den Verbindungshäusern. Und ich machte auch nur mit Jungs rum, die ich kannte. Selbst wenn es Fremde waren, kannte ich sie. Weil ich den Typ von Mann kannte. Sie waren alle gleich. Leicht zu durchschauen, leicht zu kontrollieren.

Als ich mit Annie durch die Bar ging, um einen Tisch zu suchen, wurde mir schnell klar, dass diese Art von Männern hier nicht vertreten war. Im Gegenteil – die Kerle sahen alle aus, als wären sie gerade aus dem Knast entlassen worden. Die meisten untersetzt und tätowiert. Mit dem Blick hungriger Wölfe. Solche Typen hatte niemand unter Kontrolle.

Ich starrte stur geradeaus und gab vor, dass ich sie gar nicht bemerken würde. Und ihre Blicke nicht spüren würde.

Wir entschieden uns für einen Tisch in der Nähe der Bühne, schlüpften aus unseren Jacken und hängten sie über die Stuhllehne. Noah und seine Band spielten bereits. Sie waren nicht besonders gut, aber in diesem Laden waren die Ansprüche bestimmt nicht sehr hoch. Dennoch hätten die Jungs gut daran getan, nicht unbedingt einen alten Depeche-Mode-Song zu spielen. Die paar Gäste, die ihnen zuhörten, schienen alles andere als begeistert zu sein.

Annie klatschte laut – als Einzige –, nachdem sie den Song beendet hatten und einen neuen anstimmten. Noah zwinkerte ihr zu.

„Ist er nicht super?“, rief sie mir zu.

„Ja.“ Und dann zuckte ich zusammen, weil seine Stimme mitten im Song versagte. Dabei sah ich schon darüber hinweg, dass er in einer Biker-Bar eine Depeche-Mode-Nummer spielte und ein gestreiftes Polohemd trug. Er wirkte wie frisch aus einem Modehaus entstiegen.

„Wie ist er denn eigentlich an den Gig gekommen?“

Annie antwortete nicht. Sie klatschte wild in die Hände und wiegte sich auf ihrem Stuhl hin und her. Ich verdrehte die Augen und hielt nach der Bedienung Ausschau, die hoffentlich bald bei uns auftauchen würde. Diese ganze Nummer ließ sich nur mit Alkohol ertragen.

Es war einer dieser Abende, an denen ich es nicht aushielt, allein zu sein. Wäre ich zu Hause geblieben, hätte ich die ganze Zeit nur über das nachmittägliche Telefonat mit meiner Mutter nachgedacht. Es war immer das Gleiche, wenn wir miteinander sprachen – was zum Glück nur selten passierte. Sie machte mir jedes Mal ein schlechtes Gewissen und warf mir vor, eine schlechte Tochter zu sein. Das Einzige, was dagegen half, war, ein paar Drinks runterzukippen und sich einen Typen zu angeln, der wusste, wozu man seine Zunge benutzt. Und damit meinte ich nicht zum Sprechen.

„Ich brauch was zu trinken“, verkündete ich und schaute mich weiter nach der Bedienung um.

Als das Lied zu Ende war, gelang es mir, die Aufmerksamkeit der Frau auf mich zu ziehen und etwas zu bestellen. Sie fragte nicht mal nach meinem Ausweis. Ich blickte mich in der Bar um und fragte mich, wie ich hier bloß einen süßen Typen finden sollte. „Wie lange spielen sie denn?“

Annie zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“

Entmutigt sank ich auf meinen Stuhl zurück und wurde erst wieder munter, sobald die Kellnerin mit einem Pitcher Bier zurückkehrte. Ich musste mich wappnen für den Fall, dass Annie mir gleich die Ohren mit Noah-Gewäsch volllabern würde.

Ich goss etwas in den Plastikbecher und kippte das Bier schnell herunter. Schon breitete sich ein wohliges Gefühl in mir aus. Ich entspannte mich. Nach meinem zweiten Becher wandte ich mich wieder der Bühne zu und nahm Noahs Drummer genauer unter die Lupe. Nicht schlecht. Etwas mager vielleicht, doch seine Haare waren toll. Er grinste mich an, und ich lächelte zurück. Danach prostete ich ihm zu, obwohl er nicht gerade ein Gott am Schlagzeug war.

Während der folgenden Songs ließ ich den Blick unablässig durch den Raum schweifen und genoss mein Bier. Vor langer Zeit hatte ich gelernt, dass es für einen Mann eine Einladung war, wenn man Augenkontakt mit ihm aufnahm. Also hielt ich von Augenkontakt Abstand, wenn ich einen Typen nicht unbedingt wollte. Und heute Abend wollte ich ganz bestimmt nicht. Jedenfalls nicht hier.

Nicht einmal, als ich ihn entdeckte.

Heilige Scheiße. Ich erschauderte regelrecht, während ich ihn insgeheim musterte, vorsichtig darauf bedacht, ihn nicht auffällig anzuglotzen. Ich trank noch etwas, als würde das den Schock dämpfen, den sein Anblick mir versetzt hatte. Er war einer der Jüngsten hier, dennoch älter als ich. Wahrscheinlich Anfang zwanzig. Er begrüßte ein paar Leute mit Nicken, Winken und Schulterklopfen. Ich schaute ihn bewundernd an, während ich weitertrank. Der Alkohol war keine große Hilfe. Ich wand mich auf meinem Sitz, weil ich plötzlich Schmetterlinge im Bauch hatte.

Es ging nicht anders, ich musste ihn anstarren. Er sah einfach zu gut aus. So wild und ungezähmt. Mit anderen Worten: nicht mein Typ. Trotzdem – gucken tat niemandem weh. Solange er nicht bemerkte, dass ich ihn anschaute.

Ich stützte das Kinn in die Handfläche, hob meinen Becher und leerte ihn. Inzwischen fühlte ich mich gut. Eine gewisse Euphorie erfüllte mich, während ich zu ihm hinüberblickte.

Er trug eine Biker-Lederjacke, schmal geschnitten, an den Nähten und Ellbogen zerschlissen. Seine langen Beine steckten in Jeans, eine Kette reichte vorn vom Hosenbund nach hinten. Natürlich fehlten auch die Biker-Boots nicht. Selbst in diesem Aufzug konnte man erkennen, dass er durchtrainiert war.

Sein Gesicht war von der Kälte gerötet, sein Haar zerzaust. Eine verwegene Frisur, oben etwas länger und an den Seiten kürzer. Wie viele Jungs an der Uni bemühten sich um einen solchen Look und stylten sich bis zum Abwinken! Dieser Typ allerdings fuhr sich wahrscheinlich nur einmal kurz mit den Fingern durchs Haar, wenn er morgens aufstand. Er schien hier ein und aus zu gehen, und jetzt setzte er sich auf einen Hocker an dem langen Tresen.

Die Barkeeperin, eine ältere Frau mit unnatürlich rotem Haar, das schon beinahe lila wirkte, beugte sich über den Tresen und küsste ihn kurz auf die Wange. Aha. Eindeutig ein Stammgast. Und ein weiterer Hinweis darauf, dass ich jetzt besser aufhören sollte, ihn zu beobachten, bevor es auffiel.

Annie stieß mich an. „Warum machst du nicht gleich ein Foto?“

Ich wandte meine Aufmerksamkeit von ihm ab. „Er ist süß.“ Ich hickste. Bäh! Von Bier musste ich immer aufstoßen. Ein unangenehmer Nebeneffekt.

Hatte ich gerade süß gesagt? Nicht süß. Sexy. Scharf.

„Worauf wartest du dann noch?“

Fragend starrte ich sie an.

„Jetzt komm schon. Kein Freitag, an dem du dir nicht einen Typen angelst.“

Ich funkelte sie wütend an. Auch wenn ein Funken Wahrheit in ihren Worten lag. Sie rümpfte die Nase, als hätte sie etwas Ekliges am Schuh. Seltsam, wenn man bedachte, dass sie selbst nicht gerade ein Musterbeispiel für sexuelle Zurückhaltung war.

„Hey, ich muss mal aufs Klo.“ Ich zögerte, denn eigentlich dachte ich, sie würde aufstehen und mich begleiten. Mir war ganz und gar nicht danach, allein durch diesen Laden zu marschieren – doch Annie rührte sich nicht. Natürlich nicht. Sie war eben nicht wie Georgia oder Pepper, die darauf bestanden hätten, in einer Location wie dieser nur zusammen aufs Klo zu gehen. So machten wir es ja sogar in unseren Stammläden. Sie waren eben gute Freundinnen. Die besten, die ich je gehabt hatte. Ich war froh, dass es die beiden gab. Das wurde mir heute Nacht mal wieder besonders klar.

Seufzend erhob ich mich. Der Raum drehte sich kurz, und ich musste mich am Tisch festhalten. „Bin gleich wieder da.“

Ich richtete meinen Blick konzentriert auf das Neon-WC-Schild und versuchte, nicht zu schwanken, was mir weitestgehend gelang. Vermutete ich zumindest. Ich ignorierte blöde Anmachrufe und schaffte es ohne Zwischenfall auf die Toilette. Dort standen zwei Frauen vor dem Spiegel und trugen Lippenstift auf.

Die eine hielt in ihrer Bewegung inne, sowie ich den Raum betrat. „Kleine, hast du dich verlaufen? Du hast hier nichts zu suchen.“

Damit traf sie den Nagel auf den Kopf. Ich nickte, wovon mir schwindelig wurde, also ließ ich es und schloss für einen Moment die Augen. Als ich sie wieder öffnete, gestand ich: „Bin wohl falsch abgebogen.“ Und zwar schon in dem Moment, in dem ich zu Annie ins Auto gestiegen war.

Die andere Frau wandte sich zu mir um und begutachtete mein Outfit – Skinny-Jeans, Kaschmirpullover. „Wenn ich du wäre, würde ich mich schleunigst wieder in meinen Wagen setzen und ins nächste TGI Friday’s fahren.“ Sie wackelte mit dem Finger. „Das ist kein Laden für dich. Es wird hier ziemlich wild, je später es wird.“ Sie blickte auf eine nicht vorhandene Uhr an ihrem Handgelenk. „Eine Stunde hast du noch.“

„Danke. Ich bleib nicht mehr viel länger.“ Hoffte ich jedenfalls. Während ich die Toilette benutzte und mir hinterher die Hände wusch, beschloss ich, Annie davon zu überzeugen, dass wir jetzt abhauen mussten.

Nachdem ich von der Toilette kam, blieb ich erschrocken stehen, als ich ein Paar entdeckte, das gemeinsam durch den schmalen Gang stolperte. Der Mann hatte der Frau eine Hand unter den Rock geschoben, sodass man ihren Slip sah.

Ich zwinkerte ein paarmal, als würde dadurch die Szene verschwinden. Der Mann presste die Frau an sich und schlang eins ihrer Beine um seine Hüfte, während sie gegen die Wand knallten. Ihr anderes Bein ragte in den Gang, weshalb ich nicht an ihnen vorbeigehen konnte. Meine Güte! Die beiden hatten Sex vor den Klos!

Sie zappelten wild hin und her, die Beine der Frau durchschnitten die Luft. Ich kam einfach nicht an ihnen vorbei. Jedenfalls nicht, ohne Gefahr zu laufen, an die Wand gedrückt oder von einem ihrer tödlich spitzen High Heels erstochen zu werden. Und leider waren meine Reflexe momentan auch nicht die besten. Nicht nach vier Bier. Oder waren es schon fünf gewesen?

Ich beobachtete die beiden und überlegte, was ich tun sollte. Und da bemerkte ich ihn – auf der anderen Seite, hinter den beiden. Um genauer zu sein: Da bemerkte ich, dass er mich bemerkt hatte.

Das Paar schien er überhaupt nicht wahrzunehmen. Er schaute mich direkt an und musterte mich. Ganz unverblümt. Von oben bis unten. Als wüsste er nicht, was von mir zu halten sei. Verständlicherweise. Vermutlich war ich nicht der typische Gast des Maisie’s. Ich trug schwarze kniehohe Stiefel, Jeans und einen lilafarbenen Kaschmirpullover. Außerdem die Diamantohrstecker, die mein Vater mir zu Weihnachten geschenkt hatte, um sein schlechtes Gewissen zu beruhigen, weil er über die Feiertage mit seiner Freundin nach Barbados geflogen war. Immerhin hatte er dann noch Silvester mit mir verbracht … Ich versuchte, die innere Stimme zu ignorieren, die mich daran erinnerte, dass er das nur gemacht hatte, da sich seine Freundin gleich nach dem Barbados-Urlaub von ihm getrennt hatte.

Der Typ blickte mir ins Gesicht. Seine Augen waren dunkelbraun. Da ich nicht viel größer als eins sechzig war, fühlte ich mich meistens kleiner als alle anderen – vor allem bei Männern. Aber Biker Boy reichte ich nicht einmal bis zur Schulter.

Den Gedanken schob ich rasch beiseite. Was spielte das für eine Rolle? Wann würde ich jemals so dicht neben ihm stehen? Nie, schätzungsweise. Ich war nicht so dumm, mich mit einem Typen wie ihm einzulassen.

Nachdem mir klar wurde, dass ich ihn genauso anstarrte wie er mich, wandte ich mich rasch ab. Mein Gesicht wurde plötzlich ganz warm. Auch jetzt spürte ich noch seinen Blick auf mir. Wir standen da, zwischen uns das vögelnde Paar, das stöhnte und keuchte – und ich tat so, als sei das alles ganz normal. Als sei ich nicht wackelig auf den Beinen und drauf und dran, mich von einem heißen Typen verführen zu lassen.

Ich wagte einen erneuten Blick. Es ging einfach nicht anders, ich musste ihn anschauen.

Er lächelte nicht, doch irgendwie wirkte er belustigt. Er schaute kurz zu den beiden anderen, danach sah er wieder mich an. Ganz klar, es amüsierte ihn. Ich presste die Lippen zusammen, um ihn nicht zu ermuntern. Er sollte sich ja nichts vormachen und glauben, ich wäre so eine Tussi, die auf Biker abfuhr.

Endlich ergab sich die Gelegenheit, sich an dem Paar vorbeizuschieben. So schnell ich konnte, lief ich auf meinen hochhackigen Stiefeln an den beiden vorbei. Biker Boy drehte sich zur Seite und blickte mich an, während unsere Körper sich sehr nahe kamen. Zum Glück war der Gang wenigstens breit genug, dass wir uns nicht berühren mussten. Gott sei Dank! Ein paar Zentimeter waren zwischen uns – und natürlich hatte ich recht gehabt: Ich reichte ihm nicht einmal bis zur Schulter. Er war wirklich groß. Und wenn ich nicht schon betrunken gewesen wäre, hätte ich mich in seiner Nähe sicher ganz trunken gefühlt.

Sein Blick ruhte auf mir. Ich ging weiter, täuschte Desinteresse vor – wie immer, wenn ich das Gefühl hatte, dass ein Kerl eine Nummer zu groß für mich war.

Wenn nur der leiseste Verdacht bestand, dass ich einen Typen nicht unter Kontrolle haben würde, ließ ich mich auf keinerlei Experimente ein. Dann passierte eben nichts. Punkt.

Ich schritt weiter und widerstand dem Wunsch, mich noch einmal umzudrehen. Er beobachtete mich nämlich immer noch, das spürte ich. Mein Nacken kribbelte. Wahrscheinlich fragte er sich, was ein Mädchen wie ich an einem Ort wie diesem zu suchen hatte, und war der Meinung, dass ich schleunigst von hier verschwinden sollte. Oder war das vielleicht eher das, was ich dachte?

Nachdem ich zu unserem Tisch zurückgekehrt war, kippte ich sofort das nächste Bier runter. „Wie lange wollen wir noch bleiben?“, fragte ich Annie nach ein paar Minuten.

Annie stöhnte. „Wenn ich gewusst hätte, dass du so nervst, hätte ich dich nicht mitgenommen.“

„Ich hatte ja keine Ahnung, dass wir in so einem Laden landen!“ Ich blickte mich um und nutzte die Gelegenheit, um nach Biker Boy Ausschau zu halten. Er saß jetzt wieder am Tresen und kriegte gerade von der Barkeeperin eine Flasche Bier hingestellt. Er unterhielt sich mit einem stämmigen älteren Typen, der neben ihm hockte.

„In so einem Laden! Hör dir doch mal zu! Du bist so eine schreckliche Prinzessin, Emerson!“

Ich verdrehte die Augen. Wer von uns war es denn, der diesen albernen Bodyglitter auftrug, der nach Pfirsich roch? Annie sah aus, als hätte die Fee Tinkerbell ihr den gesamten Inhalt ihres Glitzertäschchens über den Kopf gekippt. Ich leerte meinen Becher und griff nach dem fast leeren Pitcher, um mir noch etwas nachzugießen. Ich fühlte mich angenehm betäubt, schwindelig und kuschelig warm. Sogar die Band klang auf einmal besser.

Der Drummer zwinkerte mir zu, und ich grinste zurück. Ja. Der Typ würde reichen. Sowie ich mich umsah, fiel mein Blick wieder auf Biker Boy. Als würde er es merken, drehte er sich unvermittelt zu mir um. Rasch schaute ich weg. Meine Wangen brannten. Tolle Methode, Desinteresse zu heucheln, Em.

Ich spürte, dass ich rot anlief wie eine Tomate. So was passierte mir sonst nie, wenn mich ein Mann abcheckte. Lag sicher an dieser komischen Bar.

„Was ist denn? Du hast diesen merkwürdigen Blick. Welchen Typen hast du gerade im Visier?“

„Niemanden.“ Ich schüttelte den Kopf. Gar nicht gut. Ich fasste mir an die Schläfen. Der ganze Raum drehte sich.

Prüfend musterte mich Annie. Offensichtlich glaubte sie mir nicht. „Aha.“

Ich sah heimlich über meine Schulter und folgte ihrem Blick. Frustrierend. Sie hatte ihn entdeckt. Wen sollte ich auch sonst in diesem Schuppen betrachten? So viele Optionen gab es nicht.

„Er wieder, ja?“

„Was?“ Ich spielte die Dumme.

„Jetzt komm schon! Tu nicht so, als hättest du ihn nicht schon eben beobachtet. Hast du nämlich. Er ist der heißeste Kerl hier.“

Ich zuckte mit den Schultern und trank noch einen Schluck Bier. „Gut. Er ist mir aufgefallen. Doch er ist nicht mein Typ.“

„Biker-Idiot oder nicht, dieser Mann ist der Typ von allen Frauen. Auf jeden Fall im Bett, würde ich wetten.“ Sie kicherte. Es ging mir auf den Wecker.

„Tja. Ich habe bestimmt nicht vor, das herauszufinden.“ Ich genehmigte mir einen großen Schluck. „Wahrscheinlich ist er eh in so einer Biker-Gang.“

Annie wandte sich um, damit sie ihn besser in Augenschein nehmen konnte. „Auf jeden Fall ist er bestimmt gut im Bett. Könnte den Collegejungs, die wir so gewöhnt sind, bestimmt noch das eine oder andere beibringen.“ Sie stieß mir mit dem Ellenbogen in die Rippen. „Ich würde ihm eine Chance geben.“

„Bist du nicht wegen Noah hier?“, fühlte ich mich bemüßigt, sie zu erinnern, weil mich ihr plötzliches Interesse an ihm ärgerte. Irgendwie hatte ich vergessen, wie freigebig sie mit ihrem … Charme war. Verglichen mit ihr hatte sogar ich einen guten Ruf.

„Noah hat zu tun.“ Und schon winkte sie meinem heißen Biker Boy zu.

„Was soll denn das?“, zischte ich sie an und wollte ihre Hand runterziehen. Was mir nicht gelang. Ich probierte es noch einmal, und diesmal klappte es.

„Ich versuche nur, jemanden kennenzulernen. Was ist schon dabei, ein paar Takte mit ihm zu sprechen?“ Sie machte ihre Hand los.

„Noah guckt schon“, warnte ich sie.

Annie drehte sich erneut um und winkte Noah zu, als hätte sie nicht gerade einen Fremden angeflirtet. „Ich erzähl ihm einfach, dass ich nur für dich mit ihm Kontakt aufgenommen habe.“

„Lügnerin“, zischte ich sie an.

„Es würde dir guttun. Ich habe nicht geahnt, dass ich das jemals zu dir sagen müsste, aber … du solltest dich mal entspannen.“

In diesem Moment legte sich ein Schatten über unseren Tisch, und eine Stimme, die so klang, als würde ihr Besitzer jeden Tag eine Schachtel Zigaretten wegqualmen, erklärte: „Scheint so, als könntet ihr beiden Süßen noch ein Bier vertragen.“

Als ich aufsah, war ich enttäuscht und erleichtert zugleich. Es war nicht Biker Boy. Im Gegenteil – dieser Typ hätte sein Großvater sein können.

Annie hob ihren Becher an die Lippen, und ihr angewidertes „Iiieh“ konnte nur ich hören. Sie starrte reglos zur Bühne und überließ mir es, mit der Situation klarzukommen.

„Nein danke, alles gut.“ Meine Worte klangen leicht lallend, wie mir auffiel. Hastig stellte ich meinen Becher hin. Ich hatte mich davon verleiten lassen, dass ich nicht selbst fuhr. Großer Fehler.

Der Typ zog einen Stuhl unter dem Tisch hervor und drehte ihn um. Danach setzte er sich breitbeinig darauf, wobei sich sein fleckiges Hemd, das unter der mit Aufnähern besetzten Weste hervorlugte, über seinem kugeligen Bauch spannte. „Das sehe ich.“ Er glotzte zwischen mir und Annie hin und her, und ich fragte mich, wie er sich auch nur annähernd attraktiv finden konnte. Annie tat weiterhin so, als gäbe es ihn überhaupt nicht und starrte fasziniert zur Bühne, wobei sie den Kopf im Takt zur Musik wiegte. „Echt gut“, ergänzte er.

„Also, wir sind nur hier …“

„Ich bin Walt.“ Er beugte sich nach vorn und kippelte mit dem Stuhl.

Ich lächelte verkrampft. „Walt.“ Tief Luft holen. „Wir sind nur hier, um unsere Freunde spielen zu hören.“ Ich deutete auf die Bühne. „Wir sind nicht auf der Suche nach Kontakt.“

Walt vergrub die Finger in seinem dichten Bart und kratzte sich. „Aber klar seid ihr das. Eine Frau, die so gut aussieht wie du, ist immer auf der Suche nach Kontakt.“

Ich zuckte zusammen. Wie konnte ich ihm charmant erklären, dass ich keinen Kontakt zu ihm wollte?

Er rückte mit seinem Stuhl näher heran, und die Stuhlbeine schabten laut über den Holzboden. Jetzt konnte ich seinen Atem riechen, der nach faulen Eiern stank. Aus dieser Nähe konnte ich sogar die Essensreste in seinem Bart entdecken. Und das Ekelhafteste war, dass Walt mir immer näher auf die Pelle rückte. Von Höflichkeitsabstand hatte dieser Typ wohl noch nie etwas gehört.

„Im Ernst, Walt. Wir wollen nicht …“

Da klatschte auch schon seine Pranke auf meinen Oberschenkel. Ich keuchte auf, da seine fleischigen Finger mich kniffen. Rasch riss ich seine Hand weg und legte sie auf den Tisch. Seine Freunde am Tisch neben uns blökten laut vor Lachen.

Auch Walt lachte. „Schon okay, Zuckertittchen. Du wirst mich schon noch lieben lernen.“ Er strich mir mit der Hand durch mein Haar. „Beschwerden gab’s noch nie.“

Sehr charmant. Am liebsten hätte ich ihn gefragt, ob diese beschwerdefreien Frauen alle auch bei vollem Bewusstsein gewesen waren, aber ich verkniff es mir. „Nein, im Ernst.“ Ich schlug seine Finger noch einmal weg und schüttelte den Kopf. Langsam wurde ich wütend. Die Muskeln in meinem Nacken krampften sich zusammen. Ich hasste dieses Gefühl. Es erinnerte mich daran, was ich mit fünfzehn erlebt hatte – weil ich dumm gewesen war und all die Warnzeichen und Alarmglocken ignoriert hatte. Weil ich so naiv gewesen war und geglaubt hatte, dass mir sicher nichts Schlimmes passieren würde.

Doch ich war keine fünfzehn mehr, und ich hatte auch keine Lust, Alarmglocken jemals wieder zu ignorieren. Und jetzt schrillten sie gerade ziemlich laut.

Mir reichte es. Ich schnappte mir den Pitcher und kippte Walt den Rest des Biers in den Schoß.

Fluchend sprang er auf, und sein Stuhl fiel krachend um.

Annie lachte auf, aber schnell schlug sie sich die Hände vor den Mund – nicht dass das etwas gegen ihr hyänenhaftes Gekecker half.

Ich schoss mit meinem Stuhl nach hinten, denn ich bemerkte, wie Walts Gesicht gefährlich rot anlief. Sein Blick wanderte von seinem klitschnassen Schritt zum Tisch mit seinen Kumpeln, und sein Gesicht nahm eine noch intensivere Färbung an. Sie lachten immer lauter. Er keuchte wie ein wütender Stier, und seine Brust schwoll an, als würde er gleich explodieren.

Die Musik verstummte. Noah sprang von der Bühne. „Annie?“ Er sah erst sie, danach mich besorgt an. „Was geht denn hier ab?“

Walt richtete seinen Blick auf Noah. In diesem Moment leuchteten seine Augen auf wie die eines hungrigen Mannes, der endlich etwas zu essen bekam. Er machte einen Schritt auf Noah zu, rempelte den hageren Jungen mit seinem breiten Oberkörper an und schubste ihn nach hinten. „Gehören die Schlampen zu dir?“

Annie keuchte. Noah warf uns einen Blick zu, bevor er angsterfüllt den Biker musterte, der gut und gerne fünfzig Kilo mehr als er auf die Waage brachte. Und bevor er reagieren konnte, holte Walt aus.

Ich zuckte zusammen, als man das Geräusch von aufeinanderprallenden Knochen hörte. Noah sackte nach hinten auf den Tisch, glitt herunter und landete schließlich auf dem Fußboden.

Annie fing an zu schreien. Die anderen drei Bandmitglieder bildeten einen Kreis um Noah und stellten ihn wieder auf die Füße. Sofort sprangen Walts Kumpel auf und bildeten eine Front.

„Was hast du getan?“, schrie Annie mich an, während sich uns das halbe Dutzend Biker näherte.

Hilflos schüttelte ich den Kopf. Mein Magen streikte, und ich schmeckte schon Galle im Mund.

„Ihr habt euch die falsche Bar ausgesucht“, stieß Walt hervor und schaute Noah an. Das bisschen Mund, das inmitten des grässlichen Barts zu erkennen war, verzog sich zu einem feindseligen Grinsen. Er streckte die Hände aus und packte Noah am Hemdkragen. „Und jetzt mach ich dich fertig, Kleiner.“

Oh Scheiße.

2. KAPITEL

Kaum hatten die Worte Walts Mund verlassen, gab es kein Halten mehr.

Chaos brach los. Wildes Geschrei überall. Walt und seine Kumpel stürmten auf Noah und seine unglückseligen Freunde zu. Annie schrie wie am Spieß. Gläser zerbrachen, Stühle und Tische flogen durch die Luft. Ich stolperte und fand mich mitten in der aufgebrachten Menge wieder. Ein Ellbogen landete in meinem Gesicht. Ich schrie auf und ging zu Boden. Vor meinen Augen tanzten Pünktchen, neben mir trampelten Füße. Ich biss die Zähne zusammen und krümmte mich.

Da spürte ich eine Hand auf meinem Arm und wurde hochgerissen. Jemand trug mich weg. Blinzelnd versuchte ich herauszufinden, wer es war. Sexy Biker Boy.

„Was tust du da?“, fragte ich verdattert.

„Ich schaffe dich hier raus, bevor du totgetrampelt wirst.“ Beim Klang seiner Stimme überlief mich ein Schauer. Sie war tief und kehlig und passte perfekt zu seinem Äußeren.

Ich drehte den Kopf, um mir das Chaos anzusehen. Was war mit Annie? Und den anderen? „Halt! Meine Freunde!“

Er schüttelte den Kopf und presste nur grimmig die Lippen aufeinander.

Im Geiste sah ich die von Bikerstiefeln zerquetschte Annie vor mir. Verzweifelt trommelte ich auf Biker Boys Brust ein. „Du musst ihnen helfen!“

„Du kannst froh sein, dass ich dich rausholen konnte. Euch alle kann ich nicht tragen.“

Ich wand mich in seinen Armen, wollte zurück zu Annie und den anderen. Ich konnte doch nicht einfach abhauen! „Lass mich runter!“

Da ertönte das Tröten eines Drucklufthorns. Von den Dingern kriegte man Ohrenbluten, so laut waren sie. Plötzlich herrschte absolute Ruhe. Alles erstarrte – auch Biker Boy.

„Schluss jetzt!“

Ich drehte den Kopf in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Ein Mann stand auf dem Tresen, ein Gewehr in einer Hand und in der anderen das Drucklufthorn. „Heute Abend wird meine Bar nicht schon wieder verwüstet! Der Nächste, der seine Fäuste fliegen lässt, kriegt eine Kugel in den Kopf!“ Um seine Worte zu unterstreichen, schwang er das Gewehr. „Habt ihr das kapiert?“

Ich fühlte mich, als wäre ich in einem alten „Dirty Harry“-Film gelandet. Das konnte doch alles unmöglich echt sein.

„Oh, das ist echt, Süße.“ Da war sie wieder, die tolle Stimme. Und meine Gänsehaut.

Offensichtlich hatte ich den Satz laut gesagt. Ich blickte Biker Boy an. Sein Herz klopfte kräftig und ruhig unter meiner Hand, die auf seiner Brust lag. Rasch riss ich sie weg und verschränkte die Arme vor der Brust. „Du kannst mich runterlassen. Anscheinend ist jetzt alles unter Kontrolle.“

Ein rascher Blick bestätigte mir, dass Walt und seine Kumpel sich grummelnd wieder hinsetzten und ein Gesicht machten wie Kinder, die man ausgeschimpft hatte. Die anderen Gäste folgten ihrem Beispiel. Tische und Stühle wurden wieder an ihren Platz gestellt.

„Klar.“ Er ließ mich runter, wobei ich in äußerst verstörender Weise an ihm herabglitt.

Schnell trat ich einen Schritt nach hinten und drückte mir eine Hand auf den Hals, wo mein Puls wie verrückt hämmerte. Ich konnte seinen Körper riechen. Er roch frisch. Gut. Vor allem hier, wo die überwiegenden Aromen Schweiß und Zigarettenrauch waren.

Er schnalzte mit der Zunge und betrachtete mich eindringlich. „Du wirst ein schönes Veilchen bekommen.“

Ich verzog das Gesicht und berührte vorsichtig mein versehrtes Auge. „Jetzt hole ich meine Freunde und gehe.“

„Das halte ich für eine gute Idee.“

Mit mürrischer Miene drehte ich mich um. Ich ließ ihn stehen und fand Annie, die einen Arm um Noahs Hüfte gelegt hatte. Er sah nicht gut aus. Seine rechte Gesichtshälfte war geschwollen, das Auge zugequollen. Die anderen Bandmitglieder machten auch keinen besseren Eindruck, als sie schwerfällig ihre Instrumente einsammelten.

„Komm, ich helf dir.“ Ich schlang einen Arm um Noah, doch Annie schob mich weg.

„Du hast schon genug angerichtet.“

„Ich?“

„Deinetwegen wurde Noah verprügelt.“

„Meinetwegen?“ Ich verstand gar nichts mehr.

„Ja.“ Annie verzog das Gesicht und sah plötzlich sehr unattraktiv aus. „Du kannst sehen, wie du nach Hause kommst.“

„Machst du Witze?“ Ich sah mich um. „Du kannst mich doch nicht hierlassen!“

„Nicht mein Problem.“ Sie schob sich an mir vorbei in Richtung Ausgang.

Fassungslos starrte ich ihr hinterher. Jetzt wusste ich es sicher: Annie gehörte nicht zu den netten Mädchen. Mir hatte es schon missfallen, wie sie im letzten Herbst Pepper behandelt hatte, als sie mit Reece zusammengekommen war. Wahrscheinlich war Annie eifersüchtig gewesen und hatte deshalb solche gehässigen Bemerkungen gemacht. Aber das war jetzt schon einige Monate her. Seitdem hatte sie sich anständig benommen. Ich hätte ihr nie zugetraut, dass sie mich einfach so hängen lassen würde.

So viel zum Thema „toller Abend“.

Noahs Bandmitglieder folgte den beiden, Instrumente und Verstärker unter den Arm geklemmt. Sie versuchten gar nicht erst, das Geld für ihren Auftritt zu bekommen. Obwohl ein Typ, der einen Lexus fuhr, die Kohle vermutlich sowieso nicht nötig hatte.

Ich streckte die Hand nach dem Drummer aus – meine einzige Hoffnung –, aber er sah mich nur wütend an, mit einem Auge, das bald sehr blau sein würde. Sie alle gaben mir die Schuld. Und ließen mich einfach zurück. Unfassbar!

Ich rannte ihnen hinterher, das heißt, ich schwankte auf unsicheren Beinen zwischen den Tischen in Richtung Ausgang. Jemand rempelte mich an, und ich musste mich an einem Stuhl festhalten, um nicht hinzufallen. Mir wurde schwindelig, und ich kniff die Augen zusammen, bis der Schwindel vorbei war.

„Pass doch auf“, warnte mich eine heisere Frauenstimme.

Ich sah zur Tür, voller Panik, dass alle schon weg waren und ich keine Chance mehr hatte, sie umzustimmen. Gerade sah ich den letzten von ihnen durch die Tür verschwinden.

Fluchend lief ich los. Als ich draußen ankam, stiegen sie bereits in ihre Autos. Die eisige Kälte, die ich spürte, hatte jedoch nichts mit der kalten Winterluft zu tun. Meine Schritte knirschten laut auf dem schneebedeckten Parkplatz.

„Annie!“, rief ich und rutschte im selben Moment auf einer Glatteisstelle aus, sodass ich schmerzhaft auf dem Hosenboden landete. Zum ersten Mal war ich froh, dass mein Hintern ganz gut gepolstert war. Ich war zwar zierlich, aber mein Allerwertester konnte es mit jeder aufblasbaren Schwimmhilfe aufnehmen.

Annie hörte mich. Ich sah hilflos zu, wie sie mir noch einen Blick zuwarf, bevor sie in ihr Auto stieg. Wenig elegant kam ich wieder auf die Füße und starrte ihr ungläubig hinterher, als sie rückwärts aus der Parklücke fuhr, gefolgt von Noahs Lexus, der vom Drummer der Band gesteuert wurde.

Ich starrte den Rücklichtern hinterher. Meine Zähne klapperten, meine Jeans war nass. Ich sah an mir herunter und versuchte, den Schnee abzuklopfen.

In diesem Moment begann es wieder zu schneien. Ich blinzelte gegen die feuchten Flocken an und ging zurück zu der Bar, wobei ich mich vorsichtig voranschob, um nicht wieder hinzufallen.

Meine Beine fühlten sich schwer an, jeder Schritt eine Herausforderung, doch ich zwang mich dazu, wieder hineinzugehen. Immerhin war es in dem Laden wärmer als hier draußen, auch wenn man sich vorkam wie in einem riesigen Aschenbecher.

Ich blieb in der Nähe der Tür stehen und bewegte mich an der Wand entlang, um ja nicht aufzufallen. Keine leichte Aufgabe, wenn man bedenkt, dass ich vor ein paar Minuten noch im Mittelpunkt einer Schlägerei gestanden hatte. Ich musste also davon ausgehen, dass die Leute mich auf dem Schirm hatten.

Immer noch mit klappernden Zähnen zog ich mein Handy aus der Hosentasche und wählte Peppers Nummer. Es klingelte vier Mal, dann ging die Mailbox dran. Wütend riss ich das Telefon vom Ohr und starrte aufs Display. „Jetzt komm schon, Pepper!“ Diese elenden Karnickel! Ich konnte mir schon vorstellen, was die beiden gerade machten. Statt eine Nachricht zu hinterlassen, drückte ich ein paar Mal sinnlos aufs Telefon, ohne die richtige Taste zu erwischen, die das Gespräch beendete.

Pink Floyd kreischten aus den Lautsprechern neben der Bühne, und alle sahen lebendiger aus als vor einer halben Stunde. Keine Achtziger-Mucke mehr von Noah, die die Stimmung runterzog. Es war ein Wunder, dass diese Biker nicht schon früher ausgerastet waren und ich erst einem von ihnen ein Bier in den Schoß hatte kippen müssen.

Als Nächstes wollte ich Georgia anrufen – falls meine zitternden Finger die richtige Kurzwahltaste erwischten. Sie war schon seit ihrem sechzehnten Lebensjahr mit ihrem Freund zusammen, also hatte sie vermutlich gerade keinen Sex. Gewisse Bemerkungen von ihr ließen mich jedenfalls darauf schließen, dass es um ihr Sexleben nicht allzu rosig bestellt war. Harris war so ein Schwachkopf. Sehr traurig, wirklich! Georgia hatte etwas Besseres verdient. Nicht so eine Spaßbremse, sondern einen Mann, der sie vergötterte. Eben nicht Harris. Aber irgendwie schien ich die Einzige zu sein, die das so sah.

„Sind deine Freunde ohne dich weg?“

Als ich die Stimme hörte, riss ich den Kopf hoch. Die rasche Bewegung ließ mich straucheln, und ich stolperte zur Seite.

Biker Boy fing mich auf, aber ich entwand mich ihm, weil ich nicht wollte, dass er mich anfasste. Er hielt die Hände hoch, als wolle er mir zeigen, dass er unbewaffnet und harmlos sei.

Ich sah von seinen Händen zu seinem Gesicht. Es war zu hübsch, um in dieser Bar zu sein, die aussah, als bräuchte man eine Penicillin-Injektion für den Fall, dass man einem der anderen Gäste zu nahe kam.

Doch leider war er einer dieser Gäste. Ein hübscher Biker – so etwas gab es eigentlich gar nicht. Als mir der Gedanke kam, musste ich unwillkürlich kichern, doch ich legte mir schnell die Hand auf den Mund, um das verräterische Geräusch zu killen.

Ich schüttelte leicht den Kopf und versuchte, die Wirkung des Alkohols loszuwerden.

Biker Boy lehnte sich an die Wand, nur wenige Zentimeter neben mir. „Alles okay bei dir?“, erkundigte er sich.

„J… ja. Super. Dir? Wie geht’s dir? Oh, warte. Mir?“ Ich runzelte die Stirn. „Wieso? Warum fragst du mich das? Sehe ich nicht okay aus?“

Er verzog den Mund zu einem sexy Grinsen. Ich hätte mir in den Hintern treten können, weil ich so bescheuert drauflosplapperte. Ein einfaches „Ja“ hätte vollkommen ausgereicht.

Er neigte den Kopf und blickte mich mit einer Intensität an, die ich nicht gewöhnt war. Als wollte er hinter mein Makeup und meine Kleidung und meine Frisur sehen, um mein wahres Ich zu entdecken. Ich blinzelte. Waren das etwa seine Wimpern? Lächerlich. Sie waren viel länger, als sie bei einem Mann sein sollten.

„Du scheinst betrunken zu sein“, meinte er.

Ich zuckte zusammen. War das so offensichtlich? „Nicht wirklich. So viel hab ich nicht getrunken.“

Er schaute mich skeptisch an. Ich beeilte mich, seine Musterung mit einem möglichst nüchternen Blick zu erwidern.

Schließlich schüttelte er den Kopf und warf einen Blick in den Raum, wo es nun tatsächlich so wild wurde, wie die Frau auf der Toilette mir prophezeit hatte. Offensichtlich war unsere kleine Prügelei nur der Anfang gewesen, und jetzt ging es richtig los.

„Kommst du hier nicht mehr weg?“

Ich sah ihn an und behauptete: „Nein.“ Nicht mehr wegkommen – das klang so hilflos. Selbst wenn es in diesem Moment stimmen mochte: Ich war nicht hilflos. Ich nicht.

„Wo sind deine Freunde denn?“

„Sie mussten noch kurz woandershin.“ Es war mir egal, wenn das keine richtige Antwort war.

„Ohne dich?“

Ich atmete aus. Es war schwer, glaubwürdig rüberzubringen, dass ich die Situation voll im Griff hatte, während ich ganz allein hier stand. Völlig durchgefroren. Nass. Und betrunken. Meine geplante Chauffeurin hatte mich schließlich sitzen gelassen.

Biker Boy vergrub eine Hand in seiner Jackentasche, sagte aber nichts mehr. Wir lehnten gemeinsam schweigend an der Wand und starrten geradeaus. Uns trennten nur wenige Zentimeter. Ich konnte die Wärme seines Körpers spüren. Nervös drehte ich mein Handy in der Hand hin und her. Ich wollte warten, bis er weg war, um Georgia anzurufen. Er sollte nicht mitbekommen, wie einsam und verzweifelt ich war.

Eine der Frauen aus der Toilette tanzte jetzt mit erhobenen Armen auf dem Tisch und wackelte mit den Hüften zum Gebrüll und den Anfeuerungsrufen der Männer.

Da hörte ich wieder seine tiefe Stimme. „Ich weiß ja, dass du nicht hier gestrandet bist“, sagte er. Hörte ich da so etwas wie Spott? „Aber ich könnte dich nach Hause bringen. Wenn du magst.“

Wenn du magst.

Ich drehte mich zu ihm und schaute ihn an. Ich musterte ihn von oben bis unten, jeden Zentimeter Biker Boy. Er war wirklich sehr hübsch. Dunkle Haare, nicht ganz so dunkle Augen, eher schokoladenbraun. Tiefgründig und hypnotisierend. Schade, dass dieser Typ alles war, was ich nie haben konnte. „Ich werde nicht mit dir schlafen.“

Er drehte sich zu mir um, stand jetzt – wie ich – mit einer Schulter an die Wand gelehnt. Auch er musterte mich erneut, und zwar sehr sorgfältig. So, wie ich ihn gemustert hatte. „Ich wüsste nicht, dass ich darum gebeten hätte.“

Mein Gesicht lief rot an. Seine Worte waren so abschätzig, dass ich wütend wurde. „Ach ja? Du bietest mir also an, mich nach Hause zu fahren, weil du so ein guter Samariter bist – oder was? Na klar. Das glaub ich dir sofort.“

Ich betrachtete seine Lederjacke und die Stiefel. Dieser Mann war ein fleischgewordener Traum. Wenn ich Lust darauf hätte, die Kontrolle zu verlieren und heißen Sex mit einem bösen Jungen zu haben, wäre er genau der richtige.

Er zog eine Augenbraue hoch. „Ist nur eine Autofahrt.“

Tja. Biker Boy wirkte nicht so, als könnte man ihm vertrauen. Aber genau das musste ich tun, wenn ich sein Angebot annehmen wollte.

„Es ist nie nur eine Autofahrt.“ Ich strich mir eine Haarsträhne hinters Ohr. Oh nein. Wenn ich mit einem Typen nach Hause fuhr, passierte immer mehr als nur die simple Fahrt von A nach B.

„Pass lieber auf, Prinzessin“, meinte er, jetzt ohne jeden Spott. Seine gute Laune schien sich zu verabschieden.

Prinzessin? Beleidigt straffte ich die Schultern.

„Du bist betrunken und allein an einem Ort, an dem du besser nicht sein solltest“, fuhr er fort. „Hier sind ein Dutzend Männer, die dich beobachten und sich überlegen, wie man dich am leichtesten dazu kriegt, die Beine breit zu machen.“

Ich zwinkerte nervös. Mein Magen rebellierte. Ich warf einen Blick in den Raum und sah die Gesichter, die Augen. Er hatte recht. Ein paar dieser Typen sahen in unsere Richtung. Und checkten mich ab.

„Du bist hier das einzige Lamm unter Wölfen.“

Ja. Das beschrieb ziemlich genau, wie ich mich fühlte. Ich kannte diese Empfindung – das erlebte ich nicht zum ersten Mal. Und ich hatte mir geschworen, dass ich das nie wieder durchmachen wollte.

Und dennoch war es gerade so.

„Ach. Aber du bist keiner von den Wölfen?“

„Keine Sorge. Ich steh nicht auf Prinzessinnen. Egal, ob betrunken oder nüchtern.“

Ich sparte mir die Bemerkung, dass ich keine Prinzessin war. Am Ende würde er noch denken, dass ich hier um seine Zuneigung bettelte. Und ich bettelte nie um die Zuneigung eines Mannes.

„Du willst also wirklich hierbleiben?“ Er sah mich mit zweifelnder Miene an.

Wieder betrachtete ich die Gäste. In diesem Moment warf Walt mir eine Kusshand zu – gefolgt von einer obszönen Geste. Schnell sah ich woandershin. Wie kam ich nur dazu, allein in einem solchen Schuppen zu sein?

Eindeutig war ich zu überheblich gewesen, zu sehr von mir selbst eingenommen, zu überzeugt davon, nie die Kontrolle zu verlieren. Tatsächlich war mein Leben in letzter Zeit ganz ordentlich verlaufen. Bis dann das Telefonat mit meiner Mutter kam. Und schon war ich völlig neben der Spur und bugsierte mich in eine Situation, die ich nicht mehr im Griff hatte.

Dieses ganze Nachdenken, das viele Bier – keine gute Kombination. Das war zu viel für meinen Magen. „Ich glaub, mir wird schlecht.“ Ich wirbelte herum und rannte nach draußen. Nur noch ein paar Schritte. Ich stemmte die Hände in die Hüften und legte den Kopf in den Nacken, atmete die frische kalte Luft ein. Die Übelkeit verschwand.

Ich hörte ihn hinter mir. Seine schlitternden Schritte auf Schnee und Eis.

„Alles okay.“ Irgendwie klang das so, als wollte ich vor allem mich selbst beruhigen. Ich sah ihn an. Die Stirn gerunzelt, beobachtete er mich. Er schien nicht überzeugt.

Seufzend warf ich einen Blick auf den Parkplatz. Schnee hatte sich auf den Motorrädern und Autos aufgetürmt. Trostlosigkeit machte sich in mir breit. Ich musste irgendwie nach Hause kommen. Der Drang, mich in meinem Zimmer einzuschließen, bis ich wieder ich selbst war, war überwältigend groß. Ich wusste, ich würde diese Nacht schnell vergessen. Aber dazu musste ich sie erst einmal hinter mich bringen.

„Ich wohne in der Stadt“, hörte ich mich sagen. „Im Studentenwohnheim. In Dartford.“

Er lachte leise, und es fühlte sich an wie Samt auf meiner Haut. „Hab ich mir schon gedacht.“ Er sah mich auffordernd an. „Komm, College Girl. Ich fahr dich nach Hause.“