Beschreibung

In der sterbenden Küstenstadt Cape Cod lebt Stanley Falk ein ruhiges Leben. Er ist nur noch eine Hülle dessen, was er einst war, ein Mann mit einer dunklen Vergangenheit, die er im Alkohol zu ertränken versucht. Eines Morgens ist sein mageres Bankkonto geleert und die Erinnerung an das Trinkgelage des vergangenen Abends wie weggewischt. Schreckliche Albträume von bösartigen Göttern, fernen Planeten und einem grauenhaften Raum, in dem Folterpraktiken ausgeübt werden und das Blut in Strömen fießt, verfolgen ihn in jedem wachen Moment. Etwas Verkommenes ist darauf versessen, ihn in den dunklen Höllenschlund zurückzuziehen, aus dem er bereits sein Leben lang herauszukriechen versucht. Es ist etwas, das jede seiner Bewegungen aus den Schatten heraus beobachtet und ihn näher an eine Wahrheit jenseits seines Fassungsvermögens lockt … jenseits des Bösen … jenseits von allem, was er jemals für möglich gehalten hatte.  Du verehrst es, obwohl du es nicht kennst!

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Teufelsatem
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Greg F. Gifune

Teufelsatem

Impressum

Deutsche Erstveröffentlichung

Titel der Originalausgabe: DEVIL’S BREATH Copyright © 2015 by Greg F. Gifune Published by arrangement with the author

Copyright © für die deutschsprachige Ausgabe 2019 by Papierverzierer Verlag

Titelbild: Copyright © Papierverzierer Verlag

1. Auflage, Papierverzierer Verlag, Essen

Herstellung, Satz, Lektorat, Cover: Papierverzierer Verlag

Alle Figuren und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.

Alle Rechte vorbehalten.

Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

Alle Personen und Handlungen in diesem Buch sind frei erfunden. Parallelen zu real lebenden Personen und Situationen sind rein zufällig.

Teufelsatem ist auch als Print-Buch (ISBN 978-3-95962-093-2) erhältlich.

ISBN 978-3-95962-094-9

www.papierverzierer.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

1

- Es ist eine fürchterliche Sache, fürchterliche Dinge zu wissen.

***

Der Spiegel ist oval und dreckig, beschmutzt und verschmiert von Ruß. Er ist verwahrlost wie das alte und verlassene Gebäude, in dem er hängt, und die Reflexion der jungen Frau ist kaum zu erkennen. Ihr Gesicht ist verschwommen und schrecklich, ihre Augen kaum mehr als leere, schwarze Höhlen, ihr Haar klebt an den Seiten ihres Kopfes, ihr Mund und ihr Kinn liegen verborgen hinter Schatten und Dreck.

Draußen kriecht der Nebel heran, verhüllt die Welt, umgibt uns und schleicht langsam näher, als wäre er ein fühlendes Wesen, das alles und jeden auf seinem Weg absorbiert. Die wenigen Fenster, die es hier noch gibt, sind gesprungen und ramponiert – gezackte Wunden, aus denen nebelerfüllte Albträume eines lange gebrochenen Verstandes bluten.

»Weißt du, wo wir sind?«

»Nein«, antworte ich. Unsere Stimmen sind Blasphemie in einer so heimtückischen Stille.

»Weißt du, was hier vorgeht?«

Ich schüttle den Kopf, wende mich trotz meines Schreckens von ihr ab und begebe mich stattdessen an das nächstgelegene Fenster. Anzeichen einer weit entfernten Stadt sind durch den dichten Nebel zu erkennen. Die Gebäude und Skyline – eigentlich alles– liegt unter der dumpfen, bedrückenden und kaum wahrnehmbaren Decke aus Grau verborgen, die nur durch einen breiten Streifen eines ebenso aschfarbenen, friedlichen Ozeans geteilt wird.

»Schlafen wir?«, fragt die junge Frau und lenkt mich von den Geistern ab.

Anstatt zu antworten, starre ich hinab auf meine Hand. Sie umklammert etwas Glänzendes und Scharfes. Ein Rasiermesser, dessen Klinge eine verzerrte und langgezogene Version meiner selbst widerspiegelt, ein durch ein verrückt gewordenes Universum verzerrtes Wesen, das verbogen und gekrümmt durch Raum und Zeit gleitet.

Ich drehe mich wieder zu ihr um, vielleicht auf der Suche nach Antworten.

»Hier stimmt etwas nicht«, sagt sie. »Etwas - in uns.«

In diesem Moment erkenne ich, dass es ihre Reflexion in dem dreckigen Spiegel ist, die ich ansehe.

»Sie kommen«, sagt sie.

Ihre Lippen bewegen sich nicht, wenn sie spricht.

»Wir sollten nicht hier sein«, sage ich zu ihr, denke es, oder träume es nur.

Etwas über mir erregt meine Aufmerksamkeit. Die Decke liegt im Dunkeln, wirkt aber beinahe so, als wäre sie flüssig. Wogende und anschwellende Bewegungen lassen sie wie lebendig wirken. Spinnen. Sie ist übersät mit Tausenden fetten, schwarzen Spinnen, die drohen, als absonderlicher Regen auf uns niederzugehen.

»Tu es«, flüstert jemand. Jemand anderes. Etwas anderes.

Ich halte das Rasiermesser fester, hebe es an mein Gesicht und ziehe es schnell und brutal über meine Wange und wieder zurück, verunstalte mein Fleisch in gebogenen Schwüngen.

Etwas bewegt sich hinter uns, verschiebt sich und bringt den Haufen aus gebrochenen, blutigen Knochen durcheinander, der sich zu unseren Füßen angesammelt hat. Und irgendwo, nicht sehr weit entfernt, beginnt jemand zu schreien.

***

Der frühe Morgen erschien mir als passende Zeit zum Sterben. Ich hatte in meinem Leben harte Zeiten durchgemacht, doch Selbstmord war mir nie wirklich in den Sinn gekommen. Aber hier war er und starrte mir direkt ins Gesicht. 46 Jahre auf dieser Erde, und das war es, wohin mich alles geführt hatte, worauf alles letztlich hinauslief. Es begann als dumpfes, kaum beachtetes Murmeln meines Verstandes, doch seine Unvermeidbarkeit sammelte langsam Kraft. Wie ein Fremder, den man aus großer Entfernung am Horizont undeutlich durch die Hitze und den Staub auftauchen sieht, wurde es mit jedem Schritt deutlicher und war schließlich eindeutig zu erkennen. Ich konnte es nicht länger als die konzeptionellen Grübeleien eines erschöpften Verstandes abtun, und, anders als zuvor, war ich nicht mehr in der Lage, in meinem Kopf stundenlang das Pro und Contra abzuwägen, um die ganze Sache schlussendlich als lächerlich zu verwerfen. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Sinn ergab es. Die Alternative, weiterzumachen wie bisher, erschien sinnlos, obwohl ein Funke instinktiven Verlangens blieb. Mein Selbsterhaltungstriebselbst kämpfte noch immer ums Überleben, klammerte sich an das unterschwellige Bedürfnis, diesen Gedanken wie den Feind zu bekämpfen, der er war. Das brachte mich dazu zu glauben, dass ich vielleicht tief in mir eher mit dem Konzept des Todes liebäugelte als mit der Realität. Doch der Tod war alles andere als ein Konzept. Es gab nichts Wirklicheres.

Früher an diesem Morgen, während ich an einem der schlimmsten Kater litt, die ich je gehabt hatte, stand ich vor dem Badezimmerspiegel, putzte mir die Zähne und starrte in meine eigenen dunklen Augen, als hoffte ich auf eine Gnadenfrist. Seltsamerweise hatte ich in stillen Momenten während der letzten Monate dieselbe Verzweiflung gesehen, und diese war ebenfalls unbeantwortet geblieben. Da wusste ich mit Sicherheit, dass ich keine Gnade zu erwarten hatte. Es würde keine Rettung geben und darum auch kein Entkommen. Diese seltsame Erleuchtung wurde von einer Akzeptanz und einem Frieden begleitet, den ich zuvor noch nie gefühlt hatte. Ich feierte ihn mit einem Schluck Listerine-Mundspülung.

Es ist okay, sagte ich mir. Bring es einfach hinter dich.

Es war an der Zeit. Mir war nicht klar, woher ich das so genau wusste, doch ich tat es. Mit einer unheimlichen und unerwarteten Gelassenheit putzte ich mein kleines Häuschen und räumte es auf, dann wusch ich die Teller ab und legte jeden einzelnen säuberlich in den Geschirrschrank. Als ich damit fertig war, ging ich duschen, rasierte mich, kämmte mir die Haare und zog eine schwarze Chinohose, schwarze Schuhe sowie ein schwarzes T-Shirt an. Immerhin war ich auf dem Weg zu einer Beerdigung, also konnte ich mich auch genauso gut dementsprechend kleiden.

Ich hatte bereits beschlossen, kein Schreiben zu hinterlassen. Es gab keine vernünftige Erklärung für das, was ich vorhatte, und kein blumig geschriebener Abschiedsbrief würde das ändern.

Außerdem, wer würde den überhaupt lesen? Ein Notarzt, die Cops oder vielleicht der Vermieter? Stattdessen rutschte ich auf einen Stuhl am Küchentisch für zwei Personen und dachte an damals, als ich noch ein Kind war und keine Ahnung davon hatte, dass ich eines Tages an diesem Tisch sitzen würde, nur einen Augenblick davon entfernt, mir das Leben zu nehmen. Ich versuchte, angenehme Erinnerungen heraufzubeschwören, doch sie spielten nicht mit, also erhob ich mich nach ein, zwei Minuten, ging ins Badezimmer und griff nach dem Rasiermesser, das auf der Kante des Waschbeckens lag. Ich hatte es zuvor dorthin gelegt, damit ich es nicht suchen musste, sobald die Zeit dafür reif war. Als ich mich flüchtig im Spiegel betrachtete, realisierte ich, dass ich dies wohl gerade zum letzten Mal tat. Eine gefühlte Ewigkeit starrte ich mir selbst tief in die Augen, dann zwang ich mich zurück in die Küche und setzte mich wieder an den Tisch. Erst hatte ich es in Erwägung gezogen, Tabletten zu nehmen. Ich hatte ein noch fast volles Fläschchen starker Schmerzmittel, die mir vor Monaten verschrieben worden waren, als ich mir bei der Arbeit den Rücken verrenkte, doch eine gezielte Überdosis ging oft schief. Dazu hatte ich schon zu viele Geschichten von Leuten gehört, die eine ganze Wagenladung Schlaftabletten geschluckt und trotzdem überlebt hatten. In meinem Schlafzimmerschrank befanden sich eine Schrotflinte und eine Pistole, und obwohl mich zu erschießen vermutlich der beste Weg war – schnell, einfach und endgültig – so bestand doch das geringe, aber sehr reale Risiko, den Job nicht richtig zu Ende zu bringen. Ich hätte mich lediglich in letzter Sekunde bewegen müssen und schon wäre als geistiges Gemüse geendet, anstatt tot zu sein. Der einzig sichere Weg, die Sache zu erledigen, war, mir die Pulsadern zu öffnen. Ich würde meine Handgelenke schnell und tief aufschlitzen und einfach ausbluten. Ich würde so schnell so viel Blut verlieren, dass ich schon dabei wäre, dorthin zu gleiten, wohin zur Hölle auch immer ich unterwegs wäre, bevor ich begreifen könnte, wie mir geschah. Dreckig und anfangs sicher schmerzhaft, war es so todsicher, wie ich es nur haben konnte.

Die Zuverlässigkeit meiner Hand überraschte mich. Ich hatte angenommen, dass meine Hände zittern würden, wenn die Zeit gekommen wäre und ich Angst bekäme. Aber dem war nicht so. Sogar mit dem mich zusätzlich quälenden Kater – ich hatte mich nie zuvor ruhiger oder behaglicher gefühlt. Die silberne Klinge fing das Licht von der Deckenbeleuchtung ein und reflektierte es mit seltsamer Schönheit. Ich legte das Rasiermesser vor mir ab, dann knöpfte ich die Ärmel meines Hemdes auf und rollte sie säuberlich bis zu den Ellbogen hoch. Während ich die blauen Adern entlang meiner Handgelenke betrachtete, griff ich nach der Klinge und tat mein Bestes, mich auf das folgende Spritzen des Blutes nach dem Schnitt vorzubereiten. Ich beschloss, mir das linke Handgelenk zuerst aufzuschlitzen. Dann würde ich das Rasiermesser so schnell wie möglich in die andere Hand nehmen und das rechte aufschneiden, bevor mich Kraft oder Nervenstärke verließen oder ich in einen Schockzustand fiel.

Plötzlich nahm ich alles um mich herum so unglaublich bewusst wahr. Ich holte tief Luft.

Sollte ich beten? Hörte irgendjemand zu? War das überhaupt von Bedeutung?

Die Welt und all meine Sinne schienen geschärft. Ich konnte den Verkehr in der Ferne hören, das Klappern und Summen der Klimaanlage im Fenster, das Blut, das durch meine Adern strömte, das Herz, das in meiner Brust schlug, den langsamen und regelmäßigen Rhythmus meiner Atmung. Ich konnte die Feuchtigkeit in meinen Augen mit jedem Blinzeln spüren, fühlte meine Wimpern flattern und einander berühren, und sogar den Geschmack auf meiner Zunge nahm ich deutlicher wahr. Ich konnte meinen Speichel und die Überreste der Mundspülung auf eine Art schmecken, wie ich es nie zuvor erlebt hatte. Die Bilder meiner Kindheit, die sich mir bislang entzogen hatten, spielten sich in den lebendigsten Farben vor meinem geistigen Auge ab. Szenen eines gescheiterten Lebens, meines Lebens, folgten, und sogar dann sah ich mich noch immer so, wie ich einmal gewesen war: jung, gesund, stark und glücklich. Das alles schien nun so lange her, verblasste schrittweise und wurde mit dem gesamten Rest von Dunkelheit verschluckt.

Die Welt um mich herum brannte, nichts schien real, und doch war dies die raue und ungezügelte Realität auf ihrem unumstößlichen Höhepunkt. Vielleicht auf ihrem schlimmsten. Andererseits, wie bei nahezu allem anderen auch, war da vielleicht kein großer Unterschied.

Ich schloss meine Augen. Eine Träne rann an der Seite meines Gesichts herab.

Ein seltsamer Ton hallte durch meinen Kopf, als käme er von weit her. Ich wischte mir mit dem freien Handrücken über Gesicht und Augen, griff das Rasiermesser fester und lauschte einen Moment. Was zur Hölle war das für ein Lärm?

Klopfen. Jemand klopfte an eine Tür. Meine Tür.

Nein, dachte ich. Niemand klopft. Es ist in deinem Kopf, irgendein primitiver Verteidigungsmechanismus, ausgelöst, um dich von der Aufgabe abzulenken, die vor dir liegt.

Mein Häuschen war eines von mehreren entlang einer teilweise bewaldeten Klippe mit Aussicht auf das Meer. Abgesehen von Mrs. Muir nebenan, die zu alt und schwach war, um einen Gang zu mir zu machen, und Albert Smithee, meinem Vermieter, eine Nachteule, die mit seiner Freundin Carla gegenüber lebte und vermutlich noch immer schlief, wurden die anderen Häuser nur saisonal von Touristen bewohnt.

An der Tür ist niemand, sagte ich mir. Bleib konzentriert.

Ich blickte auf die Klinge, sie war so scharf und tödlich.

Tu es.

Seltsam. War das meine Stimme in meinem Kopf oder die eines anderen?

Das Klopfen erklang erneut, diesmal lauter und mit größerer Beharrlichkeit. Die alte Tür klapperte unter dem Ansturm. Da war definitiv jemand.

Vielleicht ein Vertreter, dachte ich.

Ich wartete und hoffte, er würde aufgeben und weggehen, doch das Klopfen dauerte an.

Ein Schauder durchfuhr mich, als eine ferne und spirituelle Stimme durch meinen Verstand wehte.

Komm und sieh, sagte sie. Komm und sieh …

Sie war genauso schnell verschwunden, wie sie gekommen war, und ließ mich erschüttert zurück. Ich legte die Klinge beiseite und stand auf. Meine Beine waren zittrig, also nahm ich mir einen Augenblick, um mich zu sammeln.

Als ich dann die Tür öffnete, dachte ich, ich hätte es womöglich schon durchgezogen und wäre in ein bizarres Traumstadium oder einen Moment des Wahnsinns verfallen. Irgendwo zwischen Leben und Tod, an einem sich langsam entwirrenden Faden, denn was vor mir stand, war so erschreckend, dass ich es nicht begreifen konnte. Ich blickte hinter mich, hin zum Tisch, einerseits, um von dem wegsehen zu können, was an meine Tür geklopft hatte, und andererseits, um zu schauen, ob mein Körper dort zusammengebrochen war und die gesamte Küche vollblutete.

Am ganzen Leib zitternd drehte ich mich wieder zur Tür und starrte direkt in meine eigenen Augen. Die Person, die angeklopft hatte, war ich selbst, oder zumindest jemand, der genauso aussah wie ich, ein längst verlorener Zwilling oder Doppelgänger mit blutüberströmtem Gesicht und Hals. Sein aufgeschlitztes Fleisch war übersät mit Einschnitten, die vermutlich von einer Rasierklinge stammten.

Ich stand da und starrte mich selbst an. Keiner von uns sprach ein Wort.

Dieses andere Ich sah genauso angespannt aus wie ich, doch es schien unbesorgt, war seiner furchtbaren Wunden vielleicht gar nicht bewusst. Es starrte mich ebenso an wie ich es, mit offenem Mund und geweiteten Augen.

Während ich scheinbar langsam in den Wahnsinn abdriftete, streckte ich meine Hand aus und berührte mein verunstaltetes Gesicht, presste meine Finger tief in die nassen und klebrigen Wunden. Mein Magen verkrampfte sich und ich war sicher, mich übergeben zu müssen. Doch ich tat es nicht und ich ebenso wenig.

Das Telefon begann zu klingeln. Ich folgte dem Klang, blickte ein zweites Mal über die Schulter.

Als ich mich zurückdrehte, war mein Doppelgänger verschwunden.

Ich trat hinaus, sah mich mit rauchendem Kopf und rasendem Herzen um. Hatte ich gerade halluziniert? Träumte ich? Träumte ich noch immer?

Das Telefon klingelte erneut.

Mein Puls schlug im Takt mit dem neuen Trommelschlag in meinen Schläfen. Ich ging wieder hinein, schloss die Tür und lehnte mich dagegen. Mein Verstand war ein wirres Durcheinander. Genau dann meldete sich mein Magen. Die Folgen der durchzechten Nacht ließen ihn krampfen und trieben mir den Gallensaft in die Kehle. Ich zuckte zusammen und schluckte ihn wieder runter.

Ich kehrte zum Tisch zurück, lehnte mich dagegen, um nicht zu kollabieren, und überdachte die Überreste eines Schicksals, von dem ich wenige Augenblicke zuvor so sicher gewesen war, dass es mich erwartete. Erinnerungen an das Rasiermesser und meine geschärften Sinne kreisten durch meinen Kopf.

Hätte es nur ein paar Sekunden später an meiner Tür geklopft, wäre ich bereits tot gewesen.

Das Telefon riss mich mit seinem permanenten Klingeln aus meinen Gedanken.

Ich zog eine Flasche aus dem Schrank, warf den Deckel beiseite und nahm einen großen Schluck. Der Alkohol brannte sich seinen Weg in meinen bereits aufgewühlten Magen.

Ich schwankte einen Augenblick lang und mein Kater meißelte sich nun mit einem kleinen Pickel durch meine Schläfen. Mit den Händen fuhr ich über meinen Körper, um sicherzustellen, dass er noch immer intakt war, immer noch da, immer noch real. Dann bemerkte ich das Rasiermesser auf dem Küchentisch.

Ich inspizierte meine Handgelenke. Keine Einschnitte.

Das Telefon, dachte ich, das gottverdammte Telefon.

Endlich fand ich meinen Weg zu ihm und las die Identität des Anrufers auf dem Display. Mein Vater.

Ich war nicht sicher, wie viel mehr ich ertragen konnte, also überlegte ich, den Anrufbeantworter anspringen zu lassen. Doch mein Vater war 73 Jahre alt und lebte allein. Trotz des Umstands, dass unsere Beziehung in ihren besten Zeiten praktisch nicht existent gewesen war, fühlte ich mich verpflichtet abzuheben, wenn er anrief. Oder vielleicht wollte ich auch nur, dass das verdammte Ding aufhörte zu klingeln.

»Stan«, grummelte er, als ich den Anruf entgegennahm. »Gottverdammt noch mal, du lässt dir Zeit, ans Telefon zu gehen. Ich kann froh sein, dass es kein Notfall ist.«

»Ich war im anderen Zimmer«, seufzte ich. »Was kann ich für dich tun, Dad?«

»Im anderen Zimmer? Du wohnst in einem Schuhkarton.«

»Gibt es einen Grund für deinen Anruf?«

»Pass auf, in welchem Ton du mit mir sprichst, Junge.«

Seine Aussprache war verschwommen, was bedeutete, dass er bereits betrunken war. Da mein Atem ebenfalls nach Alkohol roch, dachte ich zuerst, dass ich ihn nicht verurteilen sollte. Dann erinnerte ich mich daran, wer er war, und konfrontierte ihn direkt damit. »Trinkst du jetzt schon?«

»Das ist verdammt noch mal nicht deine Angelegenheit. Ich bin ein erwachsener Mann, ich kann tun und lassen, was ich will.«

»Ich bin gerade auf dem Sprung«, ließ ich ihn wissen. »Was willst du?«

»Ich bin dir keine Erklärung schuldig.«

»Ja, ich hab’s begriffen, vergiss, dass ich gefragt habe. Was gibt es?«

»Ich muss mit dir reden. Was zur Hölle denkst du denn?« Was als leichtes Keuchen begann, verwandelte sich schnell in einen gurgelnden Husten, dem ein lautes Spuckgeräusch und anschließend ein heftiger Atemzug folgten. »Herrgott«, stöhnte er. »Meine beschissene Lunge.«

»Bist du in Ordnung?«

»Nein, ich bin verdammt noch mal nicht ›in Ordnung‹. Klingt es für dich, als sei ich ›in Ordnung‹?«

Ich stellte die Flasche ab und verstärkte mit der anderen Hand den Griff um den Hörer, während ich mir vorstellte, es wäre sein Nacken. »Rauchst du wieder diese Zigarren?«

»Hab nie aufgehört.«

»Dr. Apte hat dir gesagt, du …«

»Ich gehe nicht mehr zu diesem Quacksalber«, schnappte er. »Apte, was zur Hölle ist das überhaupt für ein Name? Was ist mit den ganz normalen amerikanischen Namen passiert?«

»So etwas wie amerikanische Namen gibt es nicht.«

»Komm mir nicht mit diesem politisch korrekten, liberal behinderten Bullshit, Junge. Apte kann mich an meinem grauhaarigen Arsch lecken. Was zur Hölle weiß der schon?«

»Er ist Arzt.«

»Ja, aus Indien. Dieses Land ist nichts als ein Haufen Scheiße. Bitte, ich würde keinen dieser Menschen auch nur meine verdammte Katze behandeln lassen.« Er hustete abermals. »Was ich meine, ist, dass es nicht so verdammt schwer sein sollte, einen amerikanischen Arzt zu finden. Vielleicht findet man eine Frau, aber wer will ein Weibsbild als Arzt? Wie zur Hölle soll ich einen weiblichen Arzt ernst nehmen, wenn ich weiß, dass sie ihre Beine oder ihren Arsch in die Luft streckt und sich ficken lässt? Komm schon, ich soll auf so eine hören? Wenn ich will, dass eine Mieze mit meinen Eiern spielt und mir einen Finger in den Arsch schiebt, dann heuere ich eine Nutte an.«

Vorstellungen jagten mich, zogen mich zurück.

»Wie auch immer«, fuhr er fort. »Neben denen gibt es heutzutage nichts weiter als einen Haufen Curryfresser und Schlitzaugen. Eine gottverdammte Schande ist das.«

Das zumindest war etwas, womit sich mein Vater auskannte. Er hatte ›eine gottverdammte Schande sein‹ in Höhen getrieben, die sich wenige vorstellen und noch weniger je erreichen konnten. »Dad, ich habe Zeug zu erledigen. Was willst du?«

»Du musst vorbeikommen.«

Ich strich mit der Hand durch mein Haar. Danach glänze sie feucht vom Schweiß. Ich fühlte mich immer noch schwindelig, verwirrt und verängstigt. Was zur Hölle war da gerade passiert? Was zur Hölle passierte immer noch?

»Hey, hörst du mir überhaupt zu, Junge?«

»Ja, ich … Entschuldigung, ich … Weshalb soll ich vorbeikommen?«

»Es ist wichtig.«

»Das muss es sein, Dad. Es ist ja nicht so, als ob du direkt um die Ecke wohnst.«

»Es ist eine Stunde Fahrt, hör auf, so zu tun, als befände ich mich am anderen Ende der Welt.«

Ein schöner Gedanke.

»Willst du mir einen Hinweis geben?«, fragte ich, während ich die Tür im Auge behielt.

»Es ist besser, sich hinzusetzen und wie Männer darüber zu reden.«

»Ja, okay. Ich melde mich noch mal bei dir. Bin noch nicht sicher, wie mein Terminplan für die nächsten paar Tage aussieht.«

»Oh, tut mir leid, dass ich dich belästige, Senator Falk. Dein ›Terminplan‹. Willst du mich verscheißern? Du arbeitest in einer Imbissbude, nicht im Pentagon. Es muss ja wirklich stressig und hektisch sein, so als Fachkraft fürs Tellerwaschen. Versuch mal über vierzig Jahre lang meinen Job zu machen. Ich hab mir zehn, zwölf Stunden am Tag auf dem Bau den Arsch aufgerissen. Ein arbeitender Mann, ein echter Mann, der echte Arbeit leistete. Und da bist du, mein Sohn mit den Spülhänden – mein einziger gottverdammter Sohn, mein einziges verdammtes Kind – , der zu beschäftigt ist, seinen Vater zu besuchen. Jesus, Maria und Joseph, was habe ich getan, um dieses Glück zu verdienen, hm? Ich platze hier fast vor Stolz.«

Anstatt zu antworten, konzentrierte ich mich darauf, meinen Griff zu lockern, bevor ich das Telefon mit meiner Hand zerquetschte. Wie immer brachte der Klang seiner Stimme Erinnerungen zurück und jede einzelne davon war schlecht. Korrupt, faul und abstoßend, genau wie mein alter Herr. Ich schüttelte den Kopf, in der Hoffnung, sie damit zu vertreiben. Es funktionierte beinahe.

»Heute«, sagte er bestimmt. »Heute Morgen. Du brichst jetzt auf, hast du verstanden?«

»Ich rufe zurück.« Ich legte auf, bevor er etwas erwidern konnte.

Wir alle finden Wege, bei Gelegenheit Macht und Kontrolle auszuüben, egal wie verachtenswert es sein mag. Wenn es um meinen alten Herrn ging, versuchte ich beides, wann immer ich konnte, und das mit allen verfügbaren Mitteln. Ich würde diesen erbärmlichen Hurensohn besuchen und herausfinden, was er wollte. Doch das würde erst dann geschehen, wenn ich so weit war.

Im Augenblick gab es andere Dinge, um die ich mir Sorgen machen musste.

»Böse Träume«, murmelte ich.

Das Rasiermesser lag makellos und unbenutzt auf dem Tisch und wirkte so, als würde es verächtlich schimmern.

Zumindest im Moment würde der Tod warten müssen.

2

Am Ende der Hauptgeschäftsstraße der Stadt lag das American Dream Diner & Grill alles andere als traumhaft. Es war mehr eine große Blechdose und ein heruntergekommener Schandfleck von vorgestern, der nicht wirklich gut erhalten war, und passte somit gut zum Rest des sterbenden Sommer-Touristenfallen-Dorfes mit dem Namen Sunset in Massachusetts. Ich arbeitete dort seit fast einem Jahr und da ich ein zuverlässiger, hart arbeitender Angestellter war, kam ich mit dem Großteil des Personals gut aus. Da Geduld noch nie meine Stärke gewesen war, erreichte ich dies, indem ich für mich blieb, einfach meinen Job tat und anschließend wieder verschwand. Das ermöglichte es mir obendrein den überheblichen Besitzer und Chef, den Griechen Demetrius, zu tolerieren, der mich jeden Tag in gebrochenem Englisch anschrie, obwohl er seit Jahrzehnten in diesem Land lebte. Es war zwar ein undankbarer Job, aber eine regelmäßige Arbeit mit wenig Herausforderungen und noch weniger Scherereien war genau das, was ich brauchte. Mit mehr würde ich nicht zurechtkommen. Ich dachte, ich hätte das Diner zum letzten Mal gesehen, doch es gab gegenwärtig keinen Grund, nicht zur Arbeit zu erscheinen. Scheinbar würde ich noch ein wenig hierbleiben, denn das Geld brauchte ich ohnehin.

Ich arbeitete bereits einige Stunden und lud die letzte Ladung schmutziger Teller in den Industriegeschirrspüler, was einen heißen Dampfstoß freisetzte. Das Diner brummte und ich war im hinteren Teil schon seit einiger Zeit ohne Pause damit beschäftigt, die schmutzigen Teller zu waschen und die sauberen zu stapeln. Es erstaunte mich immer wieder, wie viel Essen die Leute verschwendeten. Die Mengen, die ich von den Tellern kratzte und in den Müll warf, waren oft erschreckend. Vielleicht lag es daran, dass das Essen nicht besonders gut war. Oder weil die Hälfte der nächtlichen Gäste entweder betrunken, high oder beides waren, oder es eilig hatte zu gehen, um etwas anderes zu tun. Dennoch, über solche Dinge nachzudenken war eine willkommene Ablenkung, bis meine Schicht vorbei war.

Für gewöhnlich war der Fliesenboden klebrig und fleckig, und die typisch widerlichen Gerüche nach Fett und abscheulichen Essenskombinationen hingen in der Luft, hafteten an meinen Händen sowie meiner Schürze und krochen in jede meiner Poren. In manchen Nächten dauerte es Stunden, diese Gerüche wieder loszuwerden, und nur eine lange, heiße Dusche brachte dies fertig. Während meiner Schicht hing ich meistens meinen Gedanken nach und verrichtete die Arbeit mechanisch, wie auf Autopilot. Ich könnte eine Doppelschicht mit geschlossenen Augen hinter mich bringen und würde am Ende nahezu keine Erinnerung daran haben. Es war eben eine stumpfsinnige, monotone Arbeit, und exakt das mochte ich daran. Doch ich war diesmal sogar noch abgelenkter als sonst. Ich konnte die Erinnerung an den Albtraum nicht abschütteln, eine physisch verstümmelte Version meiner selbst an der Tür gesehen zu haben. Wenn es denn einer gewesen war. Ich hatte genau im richtigen Moment geklopft. Gab es eine tiefere Bedeutung hinter dem Zeitpunkt dieser Vision oder war es nur Zufall? War ich eingeschlafen oder in eine Art Trance gefallen, nur um von Halluzinationen und bösen Träumen herausgerissen zu werden?

Nach dem Anruf meines Vaters entspannte ich mich eine Zeit lang, so gut ich konnte, und dachte darüber nach, wie knapp ich daran vorbeigeschlittert war, alles zu beenden. Es erschien mir immer noch als die beste Option, doch ich konnte mich jetzt nicht davonmachen, nicht mit diesem Geheimnis, das über mir schwebte. Waren diese Träume oder Halluzinationen, oder was auch immer sie waren, nur Abwehrmechanismen, die mich davon ablenken sollten, mich umzubringen? Oder bedeuteten sie mehr? Ich verbrachte den Rest des Nachmittags damit, mir den Kopf zu zerbrechen, nach einem Hinweis oder einem kleinen Häppchen Verständnis zu suchen, allerdings ohne Erfolg.

Sophie Dupree stürmte durch die Schwingtür, vorbei an den Waschbecken und dem Thekenbereich, bis sie meinen Arbeitsplatz erreichte. »Hey, machst du eine Pause oder arbeitest du durch?«

»Ich kann mir fünf Minuten Zeit nehmen«, antwortete ich.

»Cool. Ich werde einen durchziehen. Willst du mitkommen?«

Ich wischte mir das Gesicht und die Hände mit einem Handtuch ab, dann knotete ich meine Schürze auf und warf sie auf die Theke. »Wird es da draußen langsam etwas ruhiger?«

»Das Schlimmste ist vorbei. Die Abendvorstellungen im Kino beginnen bald, die Bars sollten sich langsam füllen und im Musikpavillon findet ein Konzert statt.«

»Spielt jemand Gutes?«

»Spielt dort jemals jemand Gutes?«

»Guter Punkt.«

»Vielleicht kommen noch ein paar Nachzügler, doch von jetzt an sollte es ziemlich ruhig sein. Der nächste Ansturm wird nicht vor der Frühstücksmeute kommen. Und bis dahin sind wir schon lange weg.«

Irgendwo in der Küche schrie Demetrius irgendetwas Unverständliches, vermutlich an eine der anderen Bedienungen gerichtet, und läutete die Thekenglocke, um zu signalisieren, dass eine Bestellung fertig war.

Sophie rollte mit ihren Augen, dann machte sie sich auf den Weg zu der schweren Hintertür aus Stahl. »Kommst du?«

Ich folgte ihr hinaus in eine dunkle Seitenstraße.

Die Nacht war heiß und schwül, doch die gelegentliche Brise vom Atlantik fühlte sich gut an. Der Verkehr und die vorbeiziehenden Fußgänger gingen langsam zurück. In der Ferne konnte ich die Klänge einer drittklassigen Band hören, die im Musikpavillon rockte.

Wie immer suchte ich nach einem Thema, über das ich mit Sophie sprechen konnte. Normalerweise blieb ich für mich selbst, doch wenn es sein musste, hatte ich keine Schwierigkeiten damit, mich mit anderen Leuten zu unterhalten. Doch aus irgendeinem Grund fühlte ich mich in Sophies Nähe immer seltsam und unsicher, wenn ich mit ihr reden wollte.

»Der Ansturm vorhin war übel, oder?« Sie fand ein Stück Wand und lehnte sich mit dem Rücken dagegen, hob einen Fuß und presste ihn flach dagegen; den anderen platzierte sie sorgfältig auf dem Gehsteig. Sie nahm ihre Zigaretten und ein kleines Wegwerffeuerzeug aus ihrer Schürze und sah zum Mond hinauf, der über der Bucht hing. »Eine weitere Nacht im Paradies«, seufzte sie. »Noch ein paar Stunden und ich werde daheim bei Balthazar sein, klatschnass in meiner kühlen Badewanne, mit einem schönen Glas Wein an der Seite und einem dicken Joint. Das Leben ist gut. Sprich mir nach.«

Nicht lange nachdem ich Sophie kennenlernte, hatte ich erfahren, dass Balthasar ihr Kater war. Wie ich selbst war auch sie mitten in ihren Vierzigern. Geschieden mit zwei erwachsenen Kindern. Ihr Ältester, ein 28-jähriger Sohn, war das Resultat einer Romanze im Teenageralter, die sie mit gerade mal 17 Jahren gehabt hatte. Ihre Tochter und das einzige Kind, das sie zusammen mit ihrem Exmann hatte, war vor kurzem 22 geworden. Alles, was ich über ihren Sohn wusste, war, dass er als Mechaniker arbeitete, im westlichen Teil des Staates wohnte, verheiratet war und selbst schon Kinder hatte. Sophies Tochter, eine aufstrebende Schauspielerin, war im Alter von 18 Jahren nach Los Angeles gezogen. Soweit ich sagen konnte, sah Sophie ihre Kinder oder Enkelkinder nicht besonders häufig, und offensichtlich plagte sie das. Ich sah, dass sie wusste, was es hieß, Schmerzen zu empfinden und gebrochen zu sein. Genau wie bei mir sah man es in ihren Augen, ihrem Gesicht und in ihrer Art, sich zu bewegen und sich dahinzuschleppen.

Sie wusste, wie es bedeutete, ohne Hoffnung zu sein.

Ich lehnte mich ihr gegenüber an die Wand, verschränkte meine Arme vor der Brust und beobachtete die Gasse zu meiner Linken.

Sophie klemmte eine Zigarette zwischen ihre Lippen. »Warum tust du das immer?«

»Was denn?«

»Die Gasse entlangstarren, als ob jede Sekunde jemand um die Ecke kommen könnte.«

Ich lächelte schwach. »Man weiß nie.«

Sie erweckte das Feuerzeug zum Leben und starrte mich über die Flamme hinweg mit müden Augen an. »Verfolgt dich irgendetwas, Stan?«

»Jeden verfolgt irgendetwas.«

Sophie warf ihren Kopf zurück und blies einen Strom aus Rauch hinauf zum schwarzen Himmel. »Was verfolgt dich?«

Ich genoss die Nacht für einen kurzen Moment. Doch ich gab ihr keine Antwort.

»Ich habe in vieler solcher Absteigen gearbeitet und das schon mein ganzes Leben lang«, sagte sie einen Moment später. »Du bist nicht wirklich der Typ dafür.«

»Was für ein Typ bin ich denn?«

»Ich versuche immer noch, das herauszufinden.« Sie unterdrückte ihr Lächeln kaum. »Du hast so etwas Kantiges an dir, das man nicht spielen kann. Entweder man hat es oder nicht. Das verrät mir, dass du viel rumgekommen bist.«

»Ja?«

»Du bist zu tiefgründig, um mit Tellerwaschen deinen Lebensunterhalt zu verdienen.«

»Ist etwas Falsches daran, als Tellerwäscher sein Geld zu verdienen?«

»Überhaupt nicht. Es ist eine ehrliche Arbeit. Zur Hölle, ich trage die ganze Nacht Essen durch die Gegend. Wer bin ich, das Gegenteil zu behaupten? Ich sage nur, du kommst mir wie ein Typ vor, der nicht immer so etwas getan hat.«

»Ich könnte dasselbe über dich sagen.«

Sie wirkte aufrichtig geschmeichelt. »Meine Tiefgründigkeit ist nur Illusion.«

»Vielleicht verhält es sich mit meiner genauso.«

»Du weißt, was ich meine. Ich habe die Highschool abgeschlossen, doch ich hatte weder das Geld noch die Noten, um aufs College zu gehen. Du wirkst wie ein ernsthafter Denker, ein seriöser Typ, schätze ich. Ich weiß nicht, vielleicht macht es keinen Sinn, was ich sage. Wäre nicht das erste Mal.« Eine Weile waren wir still. Dann sagte sie: »Ich weiß, wir kennen uns nicht wirklich gut und es geht mich nichts an. Du kannst du mir also sagen, ich soll mich um meinen eigenen Kram kümmern, wenn du möchtest, doch wir arbeiten nun schon wie lange zusammen? Fast ein Jahr, richtig? Ich muss fragen. Wie bist du hier gelandet?«

Ich wollte nicht darauf eingehen, doch sie hatte nie zuvor damit angefangen, und Sophie war wirklich meine einzige Freundin bei der Arbeit, also fühlte es sich nicht zu neugierig an. Ich hatte den Eindruck, sie wollte es wirklich wissen, nicht bloß aus Neugier, sondern aus Fürsorge.

»Vor langer Zeit«, sagte ich zu ihr, »hatte ich ein anderes Leben.«

»Du kommst ursprünglich von hier, richtig?«, fragte sie, während sie ihre Zigarette paffte.

»Aus Revere.«

»Ich bin ebenfalls eine in Massachusetts Geborene. Meine Familie kommt ursprünglich aus Charlestown, aber wir sind hierher gezogen, als ich in der Junior-High war. Seitdem treibe ich mich in dieser Gegend herum.«

Sie hatte mir das schon mal erzählt, doch ich tat, als hätte sie das nicht.

»Bist du ebenfalls geschieden?«, fragte sie.

»Ja.«

»Kinder?«

Erinnerungen, die ich lange Zeit verdrängt hatte, trieben durch meinen Geist. »Nein.«

»Also habe ich recht? Du warst nicht immer ein Tellerwäscher der Extraklasse?«

»Ich war im Verkauf.«

»Wirklich? Du?«

»Wunder über Wunder.«

»Du bist nicht gerade das, was ich eine gesellige Person nennen würde.«

Ich zuckte mit den Schultern. »Es war eine andere Zeit.«

Sophie sah mich eine Zeit lang an und wartete darauf, dass ich fortfuhr.

»Ich habe im Verkauf gearbeitet für eine große Firma außerhalb von Boston«, erzählte ich ihr. »Meine Frau und ich hatten dort eine Weile beinahe alles. Eine gute Ehe, ein nettes Haus, alle paar Jahre neue Autos, Urlaube … all das. Es war wie in einem Märchen. Für einen Moment hatte ich alles.«

Anhand ihres Gesichtsausdrucks konnte ich sagen, dass Sophie mich bedauerte, doch nicht auf die Art und Weise, die ich mittlerweile von anderen Menschen erwartete. Es lag nichts Abschätziges in ihrem. Das war Mitgefühl, kein Mitleid.

»Es hat einfach nicht funktioniert«, sagte ich im Bewusstsein, dass ich noch nie so viel über mich erzählt hatte. Normalerweise war sie es, die redete, und ich der, der zuhörte und mit wenigen Worten antwortete, wenn es angebracht schien.

»Tut mir leid.«

»Muss es nicht. Nicht alle Märchen haben ein glückliches Ende.«

»Ich dachte, das wäre, weil sie nicht existieren.« Sophie lächelte, aber ich wusste, dass sie den fehlenden Humor in meinen Worten erkannt hatte. »Du musst mir irgendwann mal davon erzählen.«

»Hab ich gerade.«

»Ich dachte, vielleicht etwas ausführlicher. Natürlich nur, wenn du das möchtest.«

Ich nickte, doch mehr mir fiel nicht ein..

Sie zog an ihrer Zigarette und atmete durch die Nase aus. Eine Sirene heulte in der Ferne, gefolgt von einer weiteren. »Wir sollten mal was zusammen trinken gehen.«

»Okay.«

»Ja?« Sie aschte lächelnd ab.

»Klar.« Meine Augen wanderten wieder zur Mündung der Gasse. »Warum nicht?«

Sie blies eine weitere Rauchwolke aus und kicherte leise. »Du machst mich fertig.«

»Ja, ich bin eine regelrechte Spaßkanone.«

»Kommt ganz von selbst, hm?«

»Es ist eine Gabe.«

»Du bist immer so ernst und irgendwie … nun … versteh das nicht falsch, aber … irgendwie unheimlich und losgelöst. Es ist in Ordnung, ich meine, ich mag das irgendwie, wenn ich ehrlich sein soll.«

Ich hatte keine Antwort für sie parat, also gab ich ihr keine. Etwas in ihrem Gesicht veränderte sich, schien sich zu verlagern. »Bist du okay, Stan?«

»Ja«, seufzte ich.

»Es scheint so, als würde heute Abend eine Menge in dir vorgehen, sogar noch mehr als sonst.«

»Schlimme Träume«, erwiderte ich ruhig.

»Tut mir leid.«

Ich zuckte mit den Schultern, lächelte und versuchte mich aus der Situation zu mogeln.

»Wenn du mal reden musst …«, sagte sie. »Ich bin da, okay?«

Bevor ich antworten konnte, wurde ich durch das plötzliche Getöse von Demetrius‘ Stimme gerettet, der ein Mitglied der Belegschaft anschrie, das er offenbar in der Küche in die Ecke getrieben hatte. Seinem Ausbruch folgte das Geräusch eines zerbrechenden Tellers.

»Komm«, sagte Sophie, während sie ihre Zigarette in die Nacht hinausschnippte. »Lass uns wieder reingehen, bevor Spartakus noch ein Aneurysma bekommt.«

Zwei Stunden später war meine Schicht vorbei. Sophie bot mir eine Mitfahrgelegenheit an, doch ich entschied mich stattdessen zu laufen. Ich mochte es, nach einer Schicht an die frische Luft zu kommen. Das half ein wenig, den Gestank loszuwerden, und sorgte dafür, dass ich mich besser fühlte. Ich wanderte raus in die Nacht und nach Hause, was weniger als zehn Minuten dauerte. Es war bereits nach zehn, also war es auf dem Abschnitt etwas ruhiger geworden, und es gab wesentlich weniger Verkehr. Nur die Nachtschwärmer liefen noch herum, die Familien und Touristen wurden ersetzt durch Geister, die sich von einer Bar zur nächsten bewegten, an den Stränden entlangliefen oder an Ecken und im Park rumhingen. Die Luftfeuchtigkeit war wie immer hoch und die morgendliche Meeresbrise war abgeflaut, was die Dinge noch abgestandener, bedrückender und klebriger machte, darum beschloss ich an einem Mini-Markt anzuhalten, um ein paar Sachen zu besorgen.

Die Klimaanlage bildete eine willkommene Abwechslung, also ließ ich mir Zeit. Während ich langsam durch die Gänge wanderte, versuchte ich zu begreifen, was passiert war. Nur ein paar Stunden zuvor war ich Sekunden davon entfernt gewesen, diesen Planeten für immer zu verlassen. Und nun war ich hier, schwitzend, erschöpft, nach dem Essen des Diners stinkend und das den Mund wässrig machende Sortiment aus überteuerten gefrorenen Mahlzeiten durchstöbernd.

Ich wählte etwas mit Hühnchen und Pasta, dann griff ich nach einer Dose Cola. Ein jüngerer, lockenköpfiger, schwergewichtiger Kerl in Shorts, Flip-Flops und einem T-Shirt, auf dem die Wörter CAPE COD prangten, stolperte betrunken in der Ecke mit der Mikrowelle herum, fummelte an der Verpackung irgendeines Burritos und verfluchte diesen schwer atmend. Ich fand immer, auf den hier verkauften T-Shirts sollte NICHT GANZ CAPE COD stehen, da Sunset fünf Minuten von den Brücken entfernt lag und damit nicht auf dem Gebiet von Cape Cod. Das hier war gewöhnlich der Zielort jener Touristen, die sich einen Urlaub im richtigen Cape Cod nicht leisten konnten.

»Glaubst du das, Bruder?« Der Typ hielt seinen immer noch eingepackten Burrito hoch und schüttelte ihn mit trüben, aber verzweifelten Augen in meine Richtung. »Das ist bloß ein Stück fragwürdiges Fleisch, eingewickelt in eine Tortilla und kein Staatsgeheimnis. Warum ist das so schwer zu öffnen?«

»Kein Plan«, murmelte ich. An ihm vorbeigehend trat ich an die Ladentheke, legte meine Sachen ab und beschloss der Mischung noch ein paar Slim Jims hinzuzufügen.

»Ist das alles?«, wurde ich von einer Kassiererin Mitte zwanzig mit kurzem, dunklem Haar und starkem Eyeliner gefragt.

Sie war mir nicht bekannt, also vermutete ich, dass sie als Sommeraushilfe jobbte. »Ja, das wär’s.«

Nachdem sie meinen Einkauf eingetippt hatte, gab sie mir die Rechnung und ich reichte ihr meine Bankkarte. Sie zog sie durch die Maschine und ein paar Sekunden später wurde sie abgelehnt.

Ich versicherte ihr, dass es sich um einen Fehler handeln musste, also zog sie die Karte erneut durch. Drei Versuche später blieb die Antwort noch immer dieselbe: ABGELEHNT.

Ich stand da, mehr verärgert als peinlich berührt, und versuchte zu verstehen, wie das möglich war. Der kleine, an der Ladentheke festgeschraubte Bildschirm der Kreditkartenmaschine teilte mir weiterhin in leuchtenden, blinkenden Buchstaben mit, dass meine Karte abgelehnt wurde. Nur für den Fall, dass es mir entgangen sein könnte.

»Das Problem muss bei Ihnen liegen«, meinte ich.

Die Kassiererin ließ ihre Kaugummiblase platzen und erklärte, es gäbe nichts, was sie noch tun könnte.

»Ich komme immer hierher, benutze dieselbe Karte und hatte nie irgendwelche Probleme«, erklärte ich. »Tun Sie mir einen Gefallen, probieren Sie es noch einmal. Würden Sie das tun?«

Sie tat es mit einem dramatischen Seufzen. Mit demselben Ergebnis.

»Das macht überhaupt keinen Sinn. Ich habe jede Menge Geld auf diesem Konto.«

»Vielleicht könnten Sie, na ja, es irgendwie mit einer Kreditkarte oder so probieren.«

»Ich habe irgendwie keine Kreditkarte. Ich habe eine Kundenkarte von meiner Bank. Diese Bankkarte.«

»Sie können bar zahlen, wenn Sie wollen.«

Ich steckte die Karte zurück in meine Brieftasche und blätterte durch das große Fach, in dem ich die Gesamtsumme von sieben Dollar fand. Ich musste die Slim Jims zurücklegen, aber ich hatte genug. »Hier«, sagte ich und schleuderte einen zerknitterten Fünfdollarschein und zwei Einer auf die Theke.

Sie warf mein Abendessen und meine Coke in eine Plastiktasche. Ich ergriff sie und machte mich auf den Weg zur Tür. Hinter mir hörte ich den Burritojungen sagen: »Ernsthaft, entweder mir hilft jemand, das aufzumachen oder ich schwöre bei Gott, ich reiße das Scheißteil auseinander!«

Als ich in die schwüle Nacht hinaustrat, nahm ich die Tüte in die eine Hand, griff mit der anderen nach meinem Handy und rief meine Bank an. Nach unzähligen Menüs und einer Reihe gedrückter Zahlen erreichte ich endlich den 24-Stunden-Kundenservice und eine sehr aufgekratzte Angestellte mit starkem indischen Akzent, die vorgab, Tabitha zu heißen. Als ich die Antworten auf ein paar Sicherheitsfragen gegeben hatte, überprüfte sie mein Bankkonto.

»Mr. Falk, Ihr Guthaben beträgt 47 Cent.«

Ich hielt an der Ecke an. »Das ist nicht möglich. Ich habe erst gestern meinen Gehaltsscheck eingereicht. Wir werden mittwochs bezahlt. Ich bringe den Scheck jeden Donnerstagmorgen auf dem Weg zur Arbeit vorbei.«

»Ich rufe eine Liste Ihrer jüngsten Einzahlungen auf«, sagte sie fröhlich. »Ja, da ist es. Ihr Gehalt wurde gestern Morgen verbucht.«

»Wo ist es dann jetzt?«

»Laut Ihrer jüngsten Aktivitäten wurde alles bis auf 47 Cent gestern Nacht an einem Bankautomaten abgehoben.«

»Ich habe gestern Nacht kein Geld abgehoben.«

»Hatten Sie Ihre Bankkarte irgendwo liegen lassen oder verloren?«

»Offensichtlich nicht, denn ich habe gerade versucht, sie zu benutzen, und sie wurde im Laden abgelehnt.«

»Ich verstehe, dass Sie sie jetzt