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Ein Haus, das bis auf die Grundmauern niederbrennt, gemeinsam mit den abscheulichen Geheimnissen, die es jahrelang verbarg. Eine Narbe, die für immer an jene Nacht erinnern wird. Ella sieht in David ihren Ritter in glänzender Rüstung, seit er ihr damals das Leben rettete. Die beiden verlieben sich prompt, doch schon kurz nach ihrer Hochzeit zeigt Ellas Mann sein wahres Gesicht. Von nun an fristet die ohnehin traumatisierte junge Frau ihr Dasein in einem goldenen Käfig, isoliert und unter eiserner Kontrolle, denn David hat etwas gegen Ella in der Hand, das sie für immer an ihn fesseln soll. Durch eine zufällige Begegnung schließt Ella neue Bekanntschaften und zum ersten Mal erfährt sie wahre Zuneigung. Doch am Ende ist nichts so, wie es scheint, denn das Böse ist ganz nah und der Tod an seiner Seite.
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Inhaltsverzeichnis
Prolog
Ella
Lenore
Ella
Andrew
Ella
Juno
Andrew
Ella
Juno
Ella
Ella
Andrew
Juno
Ella
Juno
Ella
Andrew
Ella
Ella
Andrew
Juno
Andrew
Ella
Ella
Andrew
Ella
Juno
Lenore
Ella
Juno
Ella
Juno
Ella
Andrew
Ella
Juno
Ella
Juno
Ella
Juno
Ella
Juno
Isabella
Lenore
Epilog
Juno
Impressum
Teufelsbrut
von
Sarah M.T. Bacher
Mit zusammengebissenen Zähnen drücke ich meine Hand fest auf die frische Wunde, doch das Blut strömt ungehemmt zwischen meinen Fingern hervor. Flammen tanzen rings um mich herum und ich bin wie hypnotisiert von ihrem Anblick. Mutters Blumentapete löst sich unter der Gluthitze langsam von den ächzenden Wänden und ich zwinge mich, den Blick loszureißen. Ich schaue hinüber zum Brandherd, doch sie kann ich nirgends mehr entdecken. Es scheint, als wurde sie vom Feuer verschluckt. Und obwohl es sich mit jedem mühsamen Schritt so anfühlt, als würde erneut ein Messer in meinen Unterleib gerammt, übernimmt mein Überlebensinstinkt endlich die Führung. Beinahe wie von selbst treibt mich das Adrenalin hinaus in den Flur und schließlich weiter durch die Haustür ins Freie. Gierig sauge ich die klare, frische Luft ein, die mir entgegenschlägt, und beginne sogleich unkontrolliert zu husten. Der Rauch hat sich bereits in meiner Lunge festgesetzt und ich zwinge mich, flach und langsam zu atmen. Die tobenden Flammen in meinem Rücken rufen anklagend meinen Namen und ich schleppe mich Schritt für Schritt tiefer hinein in die kühle Nacht, ohne mich noch einmal umzudrehen. Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist das Geräusch eines laufenden Motors sowie grelles Scheinwerferlicht, das direkt auf mich gerichtet ist. Der harte Boden unter mir fühlt sich nass und kalt an und ich nehme eine gedämpfte Stimme wahr, kann die Worte jedoch nicht verstehen. Ich sehe noch den Umriss eines Mannes, der etwas auf meine blutende Wunde drückt. Und dann nichts mehr.
Dieser leere Blick, den mir die blasse Frau im Spiegel entgegnet, ist mir mittlerweile ebenso vertraut wie die Narbe auf meinem nackten Bauch. Heute leuchtet sie in einem hellen Rot. Es scheint, als wolle sie wieder einmal auf sich aufmerksam machen, damit ich sie nur ja nicht vergesse. Doch ich vergesse nicht. Niemals. Ich erinnere mich an das konfuse Muster auf meiner Haut, das diese Verletzung nach sich zog, als wäre es gestern gewesen. Eine Blutorgie, wie ein Gemälde von Hermann Nitsch. Aus der tiefen Schnittwunde strömte Blut wie aus einem scharlachroten Wasserfall. Die Färbung des Blutergusses ringsum, der erst später im Krankenhaus zum Vorschein kam, ging fließend von einem tiefen Mitternachtsblau in ein intensives Violett über. Doch diese Leere in meinen Augen kommt nicht in erster Linie von den sichtbaren Narben, sondern vielmehr von den unsichtbaren.
„Ella, bist du da drin?“, die gereizte Stimme meines Mannes reißt mich aus meinen Gedanken und ich zucke unwillkürlich zusammen.
„Beeil dich, unsere Gäste kommen jeden Moment!“
Mein langes, dunkles Haar ist noch feucht vom Duschen, und obwohl der Badezimmerspiegel teilweise beschlagen ist, kann der Dunst meine Furcht nicht verschleiern.
Schnell streife ich ein weißes Sommerkleid über und binde mein Haar zu einem hohen, strengen Dutt. Schließlich mag David es ganz und gar nicht, warten zu müssen. Außerdem kann ich es selbst kaum erwarten, endlich wieder Freunde bei uns zu begrüßen, obwohl es genau genommen Davids Freunde sind. Seit einer gefühlten Ewigkeit kämpft die Menschheit nun schon gegen das unberechenbare Corona-Virus. Wir haben es mit einer weltweiten Pandemie zu tun, die mittlerweile Todesopfer in Millionenhöhe gefordert hat, Familien und ganze Nationen spaltet und die Wirtschaft in die Knie zwingt. So könnte man diesen Ausnahmezustand wohl am besten zusammenfassen. Ein Lockdown nach dem anderen sorgt für soziale Isolation. Ich erinnere mich noch, als vor über einem Jahr die ersten vorsichtigen Medienberichte über ein neuartiges Virus aus Wuhan in China veröffentlicht wurden. Damals rechnete wohl noch niemand damit, dass die Welt so sehr aus den Fugen geraten würde. Auch heute steht dieses umstrittene Virus noch immer im medialen Rampenlicht Englands. Und trotz stetiger Besserung seit Beginn dieses Jahres und allmählicher Lockerungen ist nach wie vor keine Normalität in Sicht. Doch in meinem Leben gibt es so etwas wie „Normalität“ ohnehin nicht. Und auch wenn es egoistisch sein mag, insgeheim habe ich die wiederholten Schließungen und Ausgangssperren genossen. Denn zumindest in dieser Zeit war ich nicht die Einzige, die auf den Luxus von Freiheit verzichten musste.
Das geräuschvolle Zuschlagen von Autotüren lässt mich längst verlorengeglaubte Hoffnung schöpfen, denn dieser Abend in Gesellschaft ist wie eine Wohltat für meine Seele. Monate des Alleinseins - unzählige Monate, die sich wie Jahre anfühlten - liegen hinter mir und mittlerweile kann ich verstehen, wie es sein muss, an Einsamkeit zugrunde zu gehen. Ich habe David und weiß, ich sollte dankbar sein für ihn und für alles, was er für mich getan hat, aber zwischen uns ist es „kompliziert“, könnte man sagen. Trotz allem bin ich voller Euphorie und rede mir ein, dass dies ein guter Abend wird. Solange ich mich nur so verhalte, wie er es möchte, und sage, was er hören will, könnte das auch tatsächlich Wirklichkeit werden. Mein Blick fällt auf die Medikamentendose am Rand des Waschbeckens. Wie so oft hat er auch heute gewartet, bis ich die kleine gelbe Tablette hinuntergeschluckt habe. Mich überkommt der vertraute, unerbittliche Drang, den kompletten Inhalt der Dose hinunterzukippen, um all dem endlich ein Ende zu setzen. Stattdessen öffne ich den Spiegelschrank und stelle die Tabletten zurück an ihren Platz. Nicht heute.
Ich trage dezentes Rouge auf in dem kläglichen Versuch, meinem fahlen Gesicht etwas Leben einzuhauchen. Einen tiefen Atemzug später setze ich ein routiniertes Lächeln auf und mache mich auf den Weg nach unten, um unsere Gäste zu empfangen.
Während ich die Treppe hinunter auf David zueile, betrachtet er meine Erscheinung mit ausdruckslosem Blick, bevor er sich zur Haustür umdreht. Wenn er diese Miene aufsetzt, weiß ich nie, was in ihm vorgeht, was er denkt. Anstandslos stelle ich mich an seine Seite, so wie es sich für eine ergebene Ehefrau gehört. Denn das ist alles, was ich bin, David Lewis‘ kleines Frauchen, dessen Namen kaum jemand kennt. Mein Körper verkrampft sich automatisch, als er den Arm um mich legt. Mit der anderen Hand öffnet er unseren Gästen. Steve und Amanda schlendern die großzügige Auffahrt entlang auf uns zu. Trauerweiden säumen den Weg wie Soldaten in Linienformation, als würden sie für das Paar Spalier stehen. Die aufgetakelte Blondine hält einen übertrieben großen Blumenstrauß in ihren manikürten Händen, ihr Ehemann streckt uns eine teuer aussehende Flasche Champagner sowie eine glänzende Pralinenschachtel entgegen. Ihre Mitbringsel wirken wie ein Schutzschild, das jede körperliche Annäherung abwehren soll. Alte Gepflogenheiten wie Händeschütteln oder Wangenküsse wurden seit Beginn der Pandemie durch zurückhaltendes Winken oder Ellenbogenchecks ersetzt, so sehr fürchten die Menschen das Virus. Doch mit der Zeit gewöhnt man sich daran, wie an alles andere auch. Nach über einem Jahr würde mir eine herzliche Umarmung sogar befremdlich vorkommen, obwohl ich mich manchmal so schmerzlich danach sehne. Corona hat uns selbst die Intimität genommen.
„Hallo, Leute! Wie schön, dass ihr da seid. Bitte, kommt doch rein!“, begrüßt David die Mitchells mit gewohnt unbekümmertem Charme und tritt zugleich einen Schritt zurück, um die beiden in unser weniger bescheidenes Heim einzulassen.
Das Licht der tiefstehenden Sonne lässt den weißen Marmorboden im Foyer erstrahlen. An den ebenso hellen Wänden hängen abstrakte, eintönige Schwarz-Weiß-Gemälde, die in meinen Augen nicht das Geringste aussagen. Skulpturen in mattem Schwarz, deren Wert eines Mittelklassewagens sich selbst für einen Laien erahnen lässt, schaffen einen harten Kontrast zum klinisch reinen Weiß. Ein von David beauftragter Innenarchitekt konnte sich in diesem Haus nach Belieben austoben, denn mein Ehemann wurde mit dem sprichwörtlichen goldenen Löffel im Mund geboren. Als Sohn wohlhabender Eltern und mittlerweile Inhaber des erfolgreichen Familienunternehmens hat er wahrscheinlich schon jetzt mehr Geld, als er je ausgeben kann. Nicht, dass mein Schwiegervater Frank nicht hart für seinen Erfolg gearbeitet hätte. Ich bin mir sicher, dass dieser machthungrige, skrupellose Mann einst alles für seinen Profit getan hat. Angeblich übernahm er schon im zarten Alter von dreiundzwanzig Jahren die Leitung für die Firma seines alten Herrn, nachdem jener notorische Trunkenbold weniger unerwartet an einem Herzinfarkt verstorben war. Er, Frank Junior, holte die zum Scheitern verurteilte Frank Lewis Investment Group - kurz FLIG - gegen Ende der Siebziger aus der Gosse und machte daraus über die Jahre hinweg eine wahre Goldgrube. Zumindest ist das die Geschichte, die ich mir bei jedem grauenvollen Dinner mit meinen Schwiegereltern anhören muss. Margret, Davids Mutter, lobt ihren einzigen Sohn dabei jedes Mal in den höchsten Tönen, Frank hingegen nur sich selbst.
Amandas schrille Stimme holt mich zurück in die Gegenwart. Ich neige dazu, gedanklich abzudriften, sobald die Tabletten ihre Wirkung entfalten. Übertrieben freundlich macht sie mir flache Komplimente zu meinem Aussehen, während sie mir den üppigen Blumenstrauß in die Hände drückt.
„Ella, du siehst einfach fantastisch aus! Für deine makellose Haut würde ich töten.“
Sie lacht noch schriller, als sie spricht. Ich zwinge mich zu einem geschmeichelten Lächeln und führe sie in die Küche, um eine Vase für den monströsen Strauß zu holen. Steve und David begrüßen sich per Faustcheck und folgen uns auf dem Fuße. Die Küche ist mir der liebste Raum in diesem Haus, denn bei der Einrichtung durfte ich zumindest ein wenig mitbestimmen. Ich koche und backe für mein Leben gerne und David meinte damals, ich solle mich in „meinem Bereich“ wohlfühlen. Schließlich sei nur ein zufriedener Koch auch ein guter Koch. Zu jenem Zeitpunkt hielt ich diese Geste noch für liebenswert. Heute weiß ich, dass selbst das bisschen Mitspracherecht vor allem meinem Mann zu Gute kommen sollte. Insgeheim wünschte er sich schon immer eine ergebene Hausfrau, die stundenlang zuhause vor dem Herd steht und ihn freudestrahlend erwartet, wenn er, der erfolgreiche Geschäftsmann, von der Arbeit nach Hause kommt. Eben genau so, wie es seine Mutter schon bei Frank getan hatte. David hat die altmodische Einstellung seines Vaters übernommen, dass Frauen nicht arbeiten oder zumindest nicht erfolgreich sein, sondern sich lieber um Heim und Familie kümmern sollten.
Ich nehme eine sündhaft teure Ming Vase aus einem der oberen Schränke und tue so, als würde ich Amandas hohlem Geplapper lauschen. Mein Blick schweift flüchtig durch den Raum. Bei der Aufteilung der Küche durfte ich zwar mitreden, doch die Optik musste zum übrigen Interieur passen - schwarz, weiß, geradlinig und trostlos. Angelegt in einer U-Form umrahmen die schwarzen Hochglanzschränke eine vier Meter lange Kochinsel. In gewohntem Kontrast dazu steht die weiße Arbeitsplatte aus italienischem Marmor. Die großen Fenster ringsum tauchen den Raum in dieses warme, tröstliche Licht. Eine wohltuende Helligkeit, die lebensnotwendig ist, wie ich nur allzu gut weiß. Der Geruch von gebratenem Fleisch und Kartoffeln liegt in der Luft und erst jetzt fällt mir auf, wie hungrig ich bin. Vor lauter Aufregung habe ich den ganzen Tag noch nichts gegessen.
Ohne Vorwarnung ertönt plötzlich ein ohrenbetäubender Knall. Instinktiv ducke ich mich und schlage die Arme über dem Kopf zusammen. Als ich irritiert aufschaue, sehe ich David mit der geöffneten Champagnerflasche in der Hand. Offensichtlich hat er gerade den Korken knallen lassen, um auf unsere Gäste anzustoßen. Amanda und Steve brechen in schallendes Gelächter aus, als sie meine übertriebene Reaktion bemerken. David mustert mich mit diesem mir allzu vertrauten finsteren Blick, ehe er gekonnt den Schalter umlegt und herzlich in das Gelächter einstimmt.
„Ach, Liebling, ist alles in Ordnung? Es tut mir leid, dass ich dich so erschreckt habe.“
Er kommt auf mich zu und nimmt mich scheinbar fürsorglich in den Arm, während mein Herz zu zerspringen droht. Unter seiner Berührung zucke ich unmerklich zusammen, lasse sie jedoch widerwillig zu. Ich überspiele die Panik und merke, wie sich mein Atem langsam wieder beruhigt. Zum Glück hatte ich die Vase bereits vor dem Korkenknall zur Seite gestellt, denn Scherben bringen bekanntlich Unglück. Zumindest hätte David dafür gesorgt.
„Oje, ist mir das peinlich! Ich war gerade so in Amandas Erzählungen vertieft, dass mich der Knall völlig unvorbereitet erwischt hat“, sage ich mit gespielter Naivität und einem schüchternen Lächeln, als David mir belustigt eines der kristallenen Champagnergläser reicht.
Ungern nehme ich es entgegen und spüre die Magenkrämpfe, noch bevor ich den ersten Schluck der prickelnden Flüssigkeit hinunterkippe.
„Auf einen wunderbaren Abend! Ich hoffe, ihr habt Lust auf Entenbraten?“
Mit diesem abrupten Themenwechsel versuche ich, von meiner unangebrachten Reaktion abzulenken, was mir offenbar gelingt. Steves Augen strahlen wie die eines Kindes an Weihnachten. Natürlich haben sie Lust auf Ente. Jedes verdammte Mal, wenn die beiden zu Besuch kommen, muss ich Steves aufwendiges Lieblingsgericht servieren. Ich selbst hasse Ente. Ich verabscheue alles, was mit Fleisch zu tun hat. Fleisch auf dem Teller bedeutet Leid und Mord. Dennoch esse ich es mehrmals pro Woche, denn mein Mann duldet keine „Pflanzenfresser“ in seinem Haus. Er hält Vegetarier und Veganer für Spinner, schließlich liege es seit Millionen von Jahren in der Natur des Menschen, Tiere zu essen. Töten oder getötet werden ist sein Motto fürs Leben.
„Ich sterbe vor Hunger! Der Tag im Büro war wirklich die Hölle. Mein Boss ist der reinste Sklaventreiber“, sagt Steve mit neckischem Unterton und boxt David dabei spielerisch in den Oberarm.
Amandas Ehemann arbeitet als Senior Investment Manager für die FLIG und ist somit Davids Angestellter und zugleich seine rechte Hand. Mein Mann quittiert seine Bemerkung mit einem Lachen und entgegnet einen schlagfertigen Spruch in Steves Richtung. Ich folge der Unterhaltung jedoch nicht mehr, denn ich muss den Braten exakt zum richtigen Zeitpunkt aus dem Ofen holen. Er muss außen knusprig und innen noch zartrosa sein. Nicht zu viel gewürzt, aber auch nicht fade im Geschmack. David lässt mir hier keinen Spielraum, schon gar nicht seit unserem ersten Dinner mit den Mitchells, das in einem kulinarischen Fiasko endete. Ein folgenschwerer Abend, den ich nie vergessen werde.
In weiser Voraussicht habe ich den Wecker auf meiner Armbanduhr gestellt und lediglich die unauffällige Vibrationsfunktion aktiviert. Alles soll natürlich und gekonnt wirken, als hätte die brave Hausfrau das perfekte Timing im Blut. Fehlen bloß noch Petticoat, Schürze und eine rote Schleife im Haar. Das stumme rhythmische Klopfen gegen mein Handgelenk verrät mir, dass es jetzt Zeit ist, den Vogel zu servieren. Ich entschuldige mich kurz und bitte die drei, es sich schon einmal im Esszimmer bequem zu machen. Meine Hände zittern, als ich die knusprig gebratene Ente wenig später unter erwartungsvollen Blicken - oder vielmehr dem bohrenden Blick meines Ehemannes – am Tisch tranchiere. Zartes, rosafarbenes Fleisch kommt zum Vorschein und ich atme leise auf vor Erleichterung. David scheint zufrieden und auch wieder nicht, denn vorerst gibt es keinen Grund, mich später zu bestrafen.
Während des Essens diskutieren Steve und David angeregt über irgendeine berufliche Angelegenheit, während Amanda und ich uns nichts zu sagen haben. Über den konventionellen Smalltalk sind wir längst hinaus. Selbst über das Wetter haben wir uns bereits unterhalten. Mein Mann wirft mir gerade einen warnenden Blick zu, um mir wortlos mitzuteilen, ich solle gefälligst eine unterhaltsamere Gastgeberin sein, als Amanda das Schweigen bricht.
„Sag mal, Ella, verstehst du auch nur Bahnhof, wenn David über die Arbeit spricht? Steve ist nun seit sechs Jahren für deinen Mann tätig und ich habe nicht die geringste Ahnung, was er dort den ganzen Tag so treibt.“
Zum ersten Mal an diesem Abend - zum ersten Mal seit langem - ertönt ein echtes Lachen aus meiner Kehle. Ein Lachen, das ich selbst kaum wiedererkenne. Während ich ihr die kristallene Salatschüssel reiche, tauschen wir altklug Begriffe wie „Kapitalanlage“, „Finanzierungsstrategien“ und „Risikoanalyse“ aus und ernten dafür spitzfindige Bemerkungen von unseren Männern. Im Grunde wollen die beiden gar nicht, dass wir mehr über das Geschäftliche erfahren. Es ist wie ein einvernehmliches Abkommen. Wir Ehefrauen dürfen uns an einem Leben in Reichtum und Luxus erfreuen, stellen im Gegenzug jedoch keine Fragen über Dinge, die uns ohnehin nichts angehen. Wir sind die Accessoires unserer erfolgreichen Ehemänner, mehr nicht.
Erneut stoßen wir auf einen inzwischen erstaunlich heiteren Abend an. Würde jemand in diesem Augenblick einen Schnappschuss von uns machen, so wären darauf zwei glückliche Paare zu sehen, die ein gelungenes Dinner in netter Gesellschaft verbringen. Was würde ich dafür geben, eine der Frauen auf diesem Foto zu sein. Unbeschwert und sorglos. Stattdessen verdränge ich die krampfartigen Magenschmerzen, die ich wie üblich vom Champagner bekomme, und genieße die wohlige Wirkung des Alkohols in meinem Kopf. Immerhin ist dieser Abend der beste, den ich seit langem hatte, obwohl Steve mir wie gewohnt kaum Beachtung schenkt und auch Amanda sich inzwischen wieder den beiden Männern zugewandt hat. Nichts kann mir in diesem Moment die Stimmung verderben, nicht einmal David. Dankbar gebe ich mich dem berauschenden Gefühl von Leichtigkeit hin, das der Alkohol in Kombination mit meinem Medikament auslöst. Ich lasse den Verlust von Kontrolle zu, denn heute kann mein Mann mir nichts mehr anhaben. Auch die bösen Geister der Vergangenheit sind sicher in einer Truhe verwahrt, und diese ist wiederum mit einem massiven, stählernen Vorhängeschloss verriegelt. Zumindest stelle ich es mir in Gedanken so vor.
Benebelt lausche ich den abwechselnden Stimmen, ohne die Worte zu verstehen, und nicke verständnisvoll von Zeit zu Zeit, wenn ich es für angebracht halte. Nach meiner Meinung fragt ohnehin nie jemand und das kümmert mich auch längst nicht mehr. Gesellschaft zu haben, selbst wenn sie aus den überheblichen Mitchells besteht, ist um Welten besser, als jeden Tag allein zu sein.
Wenn Amanda und Steve zu Besuch kommen, weiß ich schon im Vorhinein, wie der Abend endet. Gegen Mitternacht ziehen wir Frauen uns in die erste Etage zurück, denn das trinkfeste Ehepaar bezieht bei jedem Dinner-Besuch automatisch eines unserer fünf Schlafzimmer, da keiner von beiden mehr fahrtauglich ist. Unsere Göttergatten begeben sich währenddessen bis in die frühen Morgenstunden für Zigarren und Scotch ins Herrenzimmer. Noch ein Klischee aus den Fünfziger-Jahren. David ist danach meistens so sternhagelvoll, dass er nicht einmal mehr die Stufen ins Obergeschoss schafft. Dann schläft er seinen Rausch oft im Parterre aus, wo ich ebenso vorsorglich ein Gästezimmer vorbereitet habe.
Nachdem auch die beschwipste Amanda es um kurz nach Mitternacht fertig gebracht hat, sich von ihrem Göttergatten loszureißen, wünschen wir Frauen einander eine gute Nacht, ehe wir im oberen Stock in gegengesetzte Richtungen verschwinden. Zum zweiten Mal an diesem Tag betrachte ich mich im Badezimmerspiegel, doch diesmal ist mein Blick glasig und vom Champagner getrübt. Das seidene Negligé verdeckt meine Narbe und ich bin froh darüber. Ich kann und will mich in diesem Augenblick nicht mit der Vergangenheit auseinandersetzen, daher müssen die Geister wenigstens noch für heute Nacht in ihrer Truhe bleiben. Nachdem ich mich einigermaßen bettfertig gemacht habe, stolpere ich in das angrenzende Schlafzimmer, wo mich unser Kingsize-Ehebett erwartet. Das ganze Bett für mich allein zu haben, ist tatsächlich der krönende Abschluss eines beschwingten Abends. Ich sinke in die kühlen Laken und genieße das angenehme Gefühl auf meiner erhitzten Haut. Der Alkohol lähmt meine Glieder und noch während ich meine zentnerschweren Lider schließe, falle ich in einen tiefen, bleiernen Schlaf.
Es vergeht kaum ein Tag, an dem ich diesem verwöhnten Gör nicht am liebsten ihr freches Grinsen aus dem Gesicht schlagen würde. Und manchmal tue ich das auch, denn in meiner Tochter steckt etwas Böses, etwas Unberechenbares, das ausgetrieben werden muss. Ein wahrhaftiger Christ unterwirft sich Zucht und Ordnung, wie Paulus bereits in seinem ersten Brief an die Korinther schrieb. Und unter meinem Dach leben rechtschaffene Christen, so wahr mir Gott helfe.
Ich sehe sie zu einer jungen Frau heranwachsen. Ihre Figur nimmt langsam zaghafte Rundungen an und sie trägt neuerdings Lipgloss, wenn sie morgens das Haus verlässt. Wo sie dieses Teufelszeug herhat, ist mir schleierhaft, denn sie bekommt kein Taschengeld, doch ich nehme mal an von einer ihrer beiden Freundinnen. Kitty und Katy - oder wie auch immer diese ebenso eingebildeten Mädchen heißen mögen - erwarten Prinzessin stets für ihren gemeinsamen Fußweg zur Schule. Manchmal stecken sie kichernd die Köpfe zusammen, während sie zu unserem Schlafzimmer heraufschauen. Ihr spöttisches Lästern kann ich dann beinahe durch das geschlossene Fenster hören.
Izzy ist unser einziges Kind, unser einziges lebendiges Kind. Mein Mann Andrew und ich hatten uns immer einen Sohn gewünscht. Es dauerte Jahre, bis wir schließlich die frohe Botschaft erhielten, dass ich Leben in mir trug. Dementsprechend überwältigt waren wir, als uns der Arzt in der zwölften Schwangerschaftswoche mit der Neuigkeit überraschte, wir würden Zwillinge bekommen. Das Geschlecht konnte zur damaligen Zeit zwar noch nicht so einfach festgestellt werden, doch ich fühlte, dass ich zumindest einen Jungen in mir trug. Ein Sohn wäre bereits ein Segen, zwei Söhne ein Geschenk des Himmels. In der dreiunddreißigsten Woche bekam ich eines Nachts plötzlich unerträgliche Schmerzen und starke Blutungen. Andrew brachte mich auf dem schnellsten Weg ins Krankenhaus, wo ein Notkaiserschnitt durchgeführt werden musste. Ein Kind starb, eines überlebte. Ich hielt meinen toten Jungen so lange im Arm, bis mich die Schwestern nahezu gewaltsam von ihm trennen mussten. Das Mädchen hingegen konnte ich nicht an mich nehmen. Ich sollte ihr längst die Brust geben, denn sie schrie und schrie vor Hunger, doch ich brachte es einfach nicht über mich. Schon während ihrer Geburt fühlte ich, dass sie Unheil über meine Familie bringen würde. Schlussendlich brachte eine Hebamme sie ins Säuglingszimmer und gab ihr ein Fläschchen. Das nehme ich zumindest an, denn als sie zurückkehrte, wiegte sie ein zufriedenes Baby in ihren Armen. Vorsichtshalber überreichte sie das Kind meinem Mann, der in einem unbequemen Metallstuhl an meinem Bett saß. Wir sprachen bis dahin kaum ein Wort miteinander, denn es gab nichts zu sagen. Andrew breitete die Arme aus, um das Mädchen entgegenzunehmen. Eingehüllt in eine weiße Decke, konnte ich bloß ein runzliges, gerötetes Gesicht erkennen. Die rabenschwarzen Augen standen weit offen und starrten mich nun direkt an. Das Einzige, was ich darin sehen konnte, war die leibhaftige Reinkarnation des Bösen. In diesem Moment wusste ich, dass sie allein für den Tod unseres Jungen verantwortlich gewesen war. Diese Teufelsbrut hatte meinen Sohn im Mutterleib getötet.
Manche Menschen kommen bereits verdorben zur Welt und Izzy ist einer davon. Doch den Verstoß gegen das Fünfte Gebot wird der Herr nicht ungestraft lassen. Eines Tages wird das Mädchen dafür in der Hölle schmoren. Bis dahin darf jedoch niemand erfahren, wie ich dem Kind gegenüber fühle. Ein rechtschaffener Christ lebt in Vergebung und überlässt dem Herrn die Führung, auch wenn manche seiner Wege unergründlich sind.
Andrew und Izzy führen hingegen eine stabile Vater-Tochter-Beziehung. Mein treuherziger Ehemann ist vom reinen Licht Gottes geblendet, denn im Gegensatz zu mir hegte er nie einen Groll gegen das Kind. Er liebt sie aus tiefstem Herzen, das kann ich an seinen leuchtenden Augen erkennen, wenn er sie ansieht. Das Mädchen hat ihn von Anfang an mit Leichtigkeit um den Finger gewickelt. Mit sieben Jahren hat sie ohne fremde Hilfe eine hölzerne Jesuskrippe für ihn gebaut und ihm ein paar Jahre später eine zugegebenermaßen nicht ganz so miserable Kopie von Da Vincis „Das letzte Abendmahl“ auf Leinwand gemalt. Wenn sie Kummer hat, sucht sie ausschließlich Trost bei ihrem Vater, und manchmal tauschen die beiden heimliche Blicke, deren Bedeutung mir verwehrt bleibt. Es ist ein Spiel, das Izzy inzwischen meisterlich beherrscht. Zudem ist sie nicht hässlich, zumindest scheint das die allgemeine Meinung zu sein, und das weiß sie auch einzusetzen. Ihr langes, honigblondes Haar reicht ihr bis zur Taille, sie ist hochgewachsen und gertenschlank. Mit ihren großen, rehbraunen Augen, den vollen Lippen und der milchigen Haut gleicht sie einer Porzellanpuppe. Pubertierende Jungen und selbst ältere Männer fangen bereits an, sich verstohlen auf der Straße nach ihr umzudrehen. Es ist widerwärtig, wie das Teufelskind sie alle in ihren Bann zieht. Doch mich kann sie nicht täuschen. In meinen Augen wirkt sie schlichtweg gewöhnlich und eingebildet. Zudem ist es nicht die äußere Schönheit, die uns ein Leben im Paradies beschert, sondern einzig und allein die innere. Und der Tag wird kommen, an dem meiner Tochter die gerechte Strafe widerfährt. Bis dahin liegt die Erziehung des Mädchens allerdings in meinen von Gott geführten Händen und ich werde nicht davor zurückschrecken, ihr die Zehn Gebote einzuprügeln, wenn es denn sein muss.
„Guten Morgen, Lenore!“
Mein Mann Andrew kommt wie jeden Morgen pünktlich um sieben Uhr in die Küche, um am gedeckten Tisch sein Frühstück einzunehmen, ehe er den restlichen Tag der Kirche widmet. Vor knapp zwanzig Jahren hat Andrew sich der Church of England verpflichtet, seither dient er als anglikanischer Pfarrer den Gläubigen von Old Bridge. Im hereinfallenden Sonnenlicht fällt mir auf, dass sein dunkles Haar bereits von feinen, grauen Strähnen durchzogen ist. Andrew ist kein eitler Mann, sondern von Natur aus gutaussehend. Viele alleinstehende Frauen aus unserer Gemeinde suchen das Haus Gottes nur aus einem einzigen Grund auf, und zwar um meinem attraktiven Ehemann nahe zu sein. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Schließlich sind die begierigen Blicke, die sie Andrew während der Messe zuwerfen, nicht zu übersehen. Hätte ich vor beinahe siebzehn Jahren einen anderen geheiratet, würde ich mir darüber wahrscheinlich den Kopf zerbrechen. Doch mein Mann lebt strikt nach den heiligen Geboten und lehnt alles ab, was einer Sünde gleichkommt. Den Geschlechtsakt an sich haben wir vor Izzys Geburt lediglich aus dem einzig wahren, dafür vorgesehenen Grund vollzogen. Seither leben wir in Keuschheit aus Demut vor dem Herrn.
Ich serviere ihm eine dampfende Tasse Schwarztee, dazu Spiegeleier mit Speck. Während ich mich über ihn beuge, dankt er mir für gewöhnlich und haucht mir einen zärtlichen Kuss auf die Wange. Doch heute sieht er nicht einmal zu mir auf, sondern blättert weiter in seiner Zeitung. Gerade, als ich mich zu ihm setze, um noch ein wenig Zweisamkeit zu genießen, kommt Izzy zur Tür herein. Das ist so typisch für dieses Mädchen, immer muss sie sich zwischen uns drängen.
„Guten Morgen, mein Kind!“, empfange ich sie bemüht freundlich, wie immer in Andrews Gegenwart, und stehe sogleich wieder auf, um auch ihr Frühstück anzurichten.
In sich gekehrt, wie sie seit einiger Zeit ist, lehnt sie murmelnd ab, greift sich einen Apfel aus der Obstschale und ist bereits zur Tür hinaus, ehe die Eier kalt werden können. Mein Mann schüttelt bloß resigniert den Kopf.
„Die Pubertät ist eben eine schwierige Phase, damit müssen wir uns wohl abfinden. Gott wird sie schon auf den rechten Weg führen“, sagt Andrew, ehe er seine Aufmerksamkeit wieder ganz der Daily Mail widmet.
Und damit ist unsere Unterhaltung, welche noch nicht einmal richtig begonnen hat, offenbar auch wieder beendet.
Nachdem Andrew schließlich das Haus verlassen hat, nehme ich mir die Hausarbeit vor. Donnerstag ist Putztag. Ich mache zwar nur einmal wöchentlich sauber, dafür jedoch gründlich. Wie immer beginne ich mit Izzys Zimmer, denn unsere Tochter ist ein unordentliches Ding. Natürlich ist sie längst alt genug, um selbst aufzuräumen, doch sie macht es nun mal nicht so, wie ich es haben möchte. Sie ordnet ihre Bücher nach Autoren, nicht nach Genres. Ihre Kleider hängt sie willkürlich in den Schrank, anstatt sie nach Kategorien zu sortieren. Blusen zu Blusen, Röcke zu Röcken. Selbst das Bett macht sie völlig falsch. Dieses Chaos ist unakzeptabel, also mache ich mich zum wiederholten Mal daran, alles so anzuordnen, wie es gehört. Als ich den kleinen Raum betrete, steigt mir der süßliche Geruch ihres Apfelshampoos in die Nase. Rasch öffne ich das Fenster, um den unverkennbaren Duft meiner Tochter nach draußen zu befördern. Izzys Lieblingsbrettspiel, Trivial Pursuit, liegt auf dem kleinen Schreibtisch. Der Deckel ist geöffnet und die Tortenstücke sind achtlos über den Tisch verstreut. Sie muss es gestern Abend noch gespielt haben, denn gegen Mittag, als ich zum letzten Mal in ihrem Zimmer war, lag es noch nicht dort. Es ist mir ohnehin ein Rätsel, wie man dieses Spiel immer und immer wieder allein spielen kann.
Als ich mit dem Bücherregal und dem Kleiderschrank fertig bin, ziehe ich zu guter Letzt die längst überfällige Bettwäsche ab. Dabei sticht mir ein bräunlicher Fleck auf dem Laken ins Auge. Bei näherer Betrachtung wird mir klar, dass es getrocknetes Blut sein muss. Es sieht so aus, als sei meine Tochter endlich zur Frau geworden. Mit vierzehn Jahren ist sie ohnehin spät entwickelt.
Nachdem ich auch den Rest des Hauses sauber gemacht habe, fange ich an, das Mittagessen vorzubereiten. Um Punkt ein Uhr steht der Hackbraten auf dem Tisch. Wenn Izzy auf dem Heimweg mit ihren Freundinnen trödelt, muss sie sich eben mit einer kalten Mahlzeit zufriedengeben. Es wäre nicht das erste Mal, dass sie es nicht pünktlich schafft, doch das ist nicht mein Problem. Da sie kein Taschengeld bekommt, kann sie sich in der Schule auch nichts kaufen. Lebensmittel gibt es schließlich zuhause. Wenn sie also schon morgens auf ein stärkendes Frühstück verzichtet oder sich den ganzen Tag über nur mit ein paar Äpfeln zufrieden gibt, was sie bestimmt bloß aus Eitelkeit ihrer Figur zuliebe tut, ist sie selbst schuld. Wer den Segen einer Mahlzeit nicht zu schätzen weiß, muss eben Hunger leiden.
Ich habe bereits gegessen, als meine Tochter mit fünfzehnminütiger Verspätung zur Tür hereinkommt. Im Vorbeigehen murmelt sie ein leises „Hallo“ und verschwindet direkt in ihrem Zimmer.
„Junges Fräulein, was ist das für ein Benehmen?“, rufe ich ihr empört hinterher.
Doch sie bleibt mir eine Antwort schuldig. Letztlich beschließe ich, Nachsicht walten zu lassen. Ihr Körper verändert sich und sie muss sich wahrscheinlich erst mit dieser neuen Erfahrung anfreunden. Zum ersten Mal die Periode zu bekommen, ist für jedes Mädchen erschreckend. Davon ganz abgesehen, bin ich ohnehin froh, ihre Gegenwart nicht ertragen zu müssen. Also räume ich in Ruhe den Tisch ab und stelle den übrigen Braten in den Kühlschrank, ehe ich mir ein zweites Glas Billigwein einschenke. Bis zum Abend wird die Flasche wie üblich leer sein. Aus heiterem Himmel kommt mir ein Vers aus dem Alten Testament in den Sinn: Und was ist das Leben ohne Wein? Denn er ist geschaffen, dass er die Menschen fröhlich machen soll.
Demnach hat der Herr also offenbar nichts gegen ein paar Gläschen einzuwenden. Mich macht der Wein jedenfalls fröhlich. So fröhlich, wie ich eben sein kann.
Ungestört sehe ich mir meine alltäglichen Lieblings-Talkshows an, die das Nachmittagsprogramm im Fernsehen bestimmen. Ich muss lachen, dann wiederum weinen. Einmal nicke ich kurz ein. Dabei muss mir das Glas aus der Hand gerutscht sein, denn ein geräuschvolles Klirren lässt mich abrupt hochschrecken. Rasch bücke ich mich nach den Scherben. Offenbar war es bereits leer, kein vergossener Tropfen also - zum Glück. Vorsichtig sammle ich die messerscharfen Bruchstücke auf und stelle bei einem flüchtigen Blick auf die Wanduhr ungläubig fest, dass es schon beinahe sechs Uhr abends ist. Andrew kommt jeden Moment nach Hause und ich muss noch sein Essen aufwärmen. Während der übrige Braten bereits zum zweiten Mal an diesem Tag im Ofen vor sich hin schmort, leere ich den letzten Rest der Flasche.
Gerade als ich das Abendessen auf einem Teller anrichte, steckt Andrew den Kopf durch die Küchentür.
„Was riecht denn hier so gut? Ist das etwa dein berühmter Hackbraten?“
Beschwingt kommt er auf mich zu und küsst mich auf die Wange. Gott muss zu ihm gesprochen haben, denn seine Verstimmung von heute Morgen ist wie weggeblasen. Im Stillen danke ich dem Herrn, denn ich kann es nicht ertragen, wenn wir in Zwietracht leben. Er ist alles, was ich habe und zugleich alles, was ich brauche.
„Ich hoffe, du hast großen Hunger mitgebracht, Liebster. Deine Tochter verweigert heute das Essen, weshalb zwei Portionen nur für dich übrig sind“, gebe ich freudestrahlend zur Antwort, bemüht, nicht zu lallen.
Der minderwertige Wein schlägt mir unglücklicherweise zuallererst auf die Sprache. Andrew zieht besorgt die Stirn kraus und faltet die Hände im Schoß.
„Es ist nicht gut für einen wachsenden Körper zu hungern. Nach dem Essen werde ich zu ihr nach oben gehen und das Gespräch suchen. Ich denke, etwas belastet unser Kind.“
Ich möchte jetzt nicht über unsere Tochter sprechen, schließlich dreht es sich oft genug um dieses verwöhnte Gör. Also wechsle ich – ohne auf Andrews Bemerkung einzugehen – unauffällig das Thema und wir plaudern über die Ereignisse des Tages. Er erzählt wieder einmal von Tamara Grant, einem Mädchen ungefähr in Izzys Alter, das ihren Eltern bereits seit Jahren Kummer bereitet. Sie verkörpert das typische Problemkind, schwänzt regelmäßig die Schule, hat beschämende Noten und fehlt bei jedem zweiten Sonntagsgottesdienst. Ein Satansbraten wie er im Buche steht. Selbst die wohlverdienten Prügel ihres Vaters reichten offenbar nicht aus, um sie zu züchtigen. Doch seit Mr. und Mrs. Grant ihre Tochter wöchentlich zur Beichte schicken, scheint sie wie ausgewechselt. Andrew hat wahre Wunder an dem Mädchen vollbracht. Sie wirkt inzwischen artig und bedacht, ja beinahe gezüchtigt, wenn man so will.
Im Gegenzug erzähle ich meinem Mann von einem arbeitsreichen Tag zuhause. Ich beschwere mich wie so oft über Izzys Unordentlichkeit und betone, dass es mich Stunden gekostet habe, ihr Zimmer in Ordnung zu bringen. Auch wenn es in Wahrheit nicht einmal eine Stunde gedauert hat. Die obligatorische Flasche Wein und den Talkshow-Marathon lasse ich wie üblich unerwähnt.
Ich erwache aus einem unwirklichen Traum, als ich eine Hand auf meinem nackten Hintern spüre. Es ist eine drängende Hand, die versucht, meine Beine auseinander zu schieben. Ein Gefühl, das mir nur allzu bekannt ist. Schlaftrunken und nach wie vor benebelt bin ich mir im ersten Moment nicht sicher, ob ich träume, oder das gerade tatsächlich geschieht. Im Zimmer herrscht erdrückende Dunkelheit und ich kann nur Umrisse erkennen, doch eines ist sicher, jemand liegt hinter mir. Ich bin starr vor Schreck, unfähig mich zu rühren. Es ist nicht David, der sich wie üblich nimmt, was er will. Dieser Geruch ist ein anderer. Ich muss immer noch träumen, denn das kann nicht sein. Er kann es nicht sein, denn er ist schon lange tot.
„Ella!“, höre ich eine bekannte Stimme an meinem Ohr. „Komm schon, ich weiß, dass du es auch willst!“
Und plötzlich bin ich wieder im Hier und Jetzt. Dann verstehe ich es endlich und zugleich verstehe ich gar nichts mehr. Es ist Steve, der da gerade stürmisch meinen Nacken küsst. Sein Atem riecht nach Whisky und Zigaretten. Er lässt seine forschenden Finger über meinen Bauch bis hin zu meinen Brüsten gleiten, wo er abrupt innehält. Der dichte Nebel in meinem Kopf trübt nach wie vor meine Sinne. Schwindel überkommt mich, denn plötzlich dreht sich die Welt um mich herum. Wieder versuche ich mich zu bewegen, irgendwo Halt zu finden, abermals ohne Erfolg. Es ist wie in einem dieser Albträume, in denen man vor einer drohenden Gefahr fliehen will, aber nicht von der Stelle kommt. Er kneift mir in die Brustwarze und stöhnt leise vor Verlangen. Mein Körper versteift sich und ich halte unwillkürlich den Atem an.
„Den ganzen Abend hast du schon heimlich mit mir geflirtet, du kleines Luder. Ich habe deine versteckten Signale sehr wohl verstanden. Hier bin ich also, um dir zu geben, worum du mit deinen zweideutigen Blicken nahezu gebettelt hast.“
Diese verlogene Anschuldigung ist wie eine schallende Ohrfeige und reißt mich zumindest für den Augenblick aus meinem Delirium. Ich nehme all meine Kraft zusammen, drehe mich um und verpasse ihm einen Kinnhaken. Doch der Abstand zwischen uns ist so gering, dass ich kaum Schwung in die Bewegung legen kann. In den meisten meiner Bücher ist die Protagonistin eine tapfere Heldin, die in solch einer Situation einen kühlen Kopf bewahrt und am Ende mit Mut und Verstand über den Bösewicht siegt. Doch leider bin ich keine Heldin, weder jetzt noch irgendwann.
Steve scheint den Schlag kaum gespürt zu haben, denn er lacht nur heiser.
„So magst du es doch, Wildkatze!“
Mit einer fließenden Bewegung rollt er sich auf mich und hält meine Handgelenke über meinem Kopf zusammen, sodass ich mich unter seinem Gewicht kaum noch rühren kann. Von dem säuerlichen Geruch seines Atems wird mir schlagartig übel. Ich spüre, wie eine wohlbekannte Panikattacke in mir aufsteigt, doch diesmal gelingt es mir nicht, sie zu unterdrücken. Meine Kehle schnürt sich zusammen und ich ringe vergeblich nach Luft. Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Nun bin ich vollends machtlos, denn die Panik raubt mir die Sinne. Ich spüre nur noch am Rande, wie Steve grob in mich eindringt, dann nichts mehr.
Das laute Zuknallen einer Tür reißt mich am nächsten Morgen unsanft aus dem Schlaf. Grelles Sonnenlicht scheint mir ins Gesicht und ich schaffe es kaum, die Augen zu öffnen. Es fühlt sich so an, als würden hunderte von Nadeln in meinem Kopf stecken. David steht mit einem Handtuch um die schmalen Hüften am Fuße unseres Bettes und schaut auf mich herab.
„Entschuldige, Schatz! Hab ich dich etwa geweckt?“, fragt er mit gespieltem Bedauern, während er im Ankleidezimmer verschwindet.
Natürlich ist die Entschuldigung nicht ernst gemeint, denn seiner Ansicht nach ist es jetzt Zeit für mich, aufzustehen, egal was ich davon halte. Er will es so. Generell ist es in diesem Haus üblich, dass ich den Tag spätestens um sieben Uhr morgens beginne, obwohl David an den meisten Wochenenden bis in den Vormittag hinein schläft. Schließlich ist er derjenige, der fünfzig bis sechzig Stunden pro Woche schuftet und an den wenigen freien Tagen Erholung braucht. Ein aufwendiges Frühstück muss dann bereits angerichtet und mein Aufzug makellos sein. Noch nie hat David mich in T-Shirt und Schlabberhose gesehen, nicht einmal in meinen dunkelsten Zeiten. An den Werktagen frühstücken wir selten zusammen, denn David ist meistens schon um fünf Uhr morgens auf dem Weg ins Büro. Er ist gerne als erster dort und kommt dafür abends zeitig nach Hause.
Im Gegensatz zu meinem geschäftstüchtigen Ehemann verbringe ich den Tag mit kaum nennenswerten Freizeitbeschäftigungen wie Kochen, Backen, Fitness, Malen oder Lesen. Für viele mag das paradiesisch klingen, ich hingegen würde alles dafür tun, einer sinnvollen Aufgabe nachgehen zu dürfen. Dieses ständige Gefühl nutzlos und überflüssig zu sein, und nichts zum Lebensunterhalt beizutragen, ist niederschmetternd. Hinzu kommt, dass so ein Tag unerträglich lang sein kann, wenn man keine Arbeit hat. Doch mein Mann will weder, dass ich das Haus selbst putze, weshalb er schon seit Jahren Rosalia, unsere Haushälterin, beschäftigt, noch darf ich mich um unsere Gartenanlage kümmern. Auch dafür hat David eine Fachkraft engagiert. Er ist es gewohnt, für sich arbeiten zu lassen, und selbiges muss natürlich auch für seine Gattin gelten. Bei der Wahl des Landschaftspflegers, einem sympathischen Deutschen mit liebenswertem Akzent, hat mein Ehemann penibel darauf geachtet, dass es nicht gerade ein Brad Pitt sein würde. Helmut ist Anfang vierzig und hat bereits eine beachtliche kahle Stelle am Hinterkopf. Er ist eher klein geraten für einen Mann und unter den meist zu engen Poloshirts zeichnet sich ein stattliches Wohlstandsbäuchlein ab. Für die Allgemeinheit gilt er also wahrscheinlich nicht gerade als Frauenmagnet. Doch sein Auge fürs Detail und seine Fähigkeiten hinsichtlich Gartengestaltung sind ohnegleichen. Das kann ich mit ruhigem Gewissen behaupten, denn Helmut ist seit unserem Einzug in die Villa vor etwa acht Jahren bereits unser fünfter Landschaftspfleger. David hat alle seine Vorgänger rausgeworfen, weil mein Mann eben an allem und jedem etwas auszusetzen hat.
Einzig das Kochen hat er mir gelassen, denn darin bin ich wirklich gut. Meine Mutter war eine schreckliche Köchin. Wahrscheinlich, weil sie es gehasst hat. Und da ich ohnehin die meiste Zeit auf mich gestellt war, lernte ich schon als Kind, selbst zu kochen. Sobald ich die Grundlagen beherrschte, fand ich Gefallen daran, verschiedene Geschmacksrichtungen zu kombinieren und neue Gerichte zu kreieren. Nur zu gerne würde ich wenigstens einen Koch-Blog gründen, den ich von zuhause aus führen könnte. Natürlich heimlich, denn David würde es niemals erlauben. Doch dafür bin ich zu feige, denn die Konsequenzen - sollte er je dahinter kommen - möchte ich mir gar nicht erst ausmalen. Zudem habe ich absolut keine Erfahrung im Umgang mit Computern, denn auch das will er nicht. Also stelle ich mir einfach in Gedanken vor, wie ich mich mit anderen Hobbyköchen austausche, nachdem sie meine Kreationen mit Begeisterung nachgekocht haben, denn zumindest meine Fantasie kann er mir nicht nehmen. Und was sonst könnte ich auch tun? Für einen Schulabgänger wie mich wäre es in der Berufswelt ohnehin nicht einfach, Fuß zu fassen. Hätte ich damals die Möglichkeit gehabt, ein Studium zu beginnen, wäre meine Wahl wohl auf Kunst oder Psychologie gefallen. Stattdessen habe ich weder eine abgeschlossene Ausbildung, noch herausragende Fähigkeiten. Keiner würde mich freiwillig einstellen, selbst wenn es nur ein Aushilfsjob wäre. Niemand will jemanden wie mich. David macht mir das seit Jahren unmissverständlich klar. Und gerade jetzt, zu Zeiten einer vernichtenden Pandemie, hätte ich erst recht keine Chance auf eine Festanstellung. Schließlich ist die Arbeitslosenquote in England auf dem höchsten Stand seit Jahren, wie ich kürzlich in einem Artikel gelesen habe. Zudem hält mein Mann ebenso wenig davon, meine Aufmerksamkeit zu teilen, also lasse ich es sein. Schließlich habe ich David nichtsdestotrotz vieles zu verdanken, vor allem aber mein Leben, wenn man es als ein solches bezeichnen möchte.
Ein lautes Rumpeln holt mich unsanft zurück in die Gegenwart. David tritt aus dem Ankleideraum ins Schlafzimmer und trägt nun schwarze Jeans sowie ein hellblaues Hemd. Er wirft mir einen prüfenden Blick zu, den ich nicht deuten kann. Notgedrungen richte ich mich im Bett auf, denn sogleich bin ich wieder in Alarmbereitschaft. Noch immer brummt mir der Schädel, als ich beim Aufsetzen plötzlich einen stechenden Schmerz im Unterleib spüre. Gerade will ich mir einreden, dass dieser wie so oft von meiner alten Verletzung herrühren muss, als mich mit einem Schlag eine brutale Erinnerung einholt.
Im ersten Moment weiß ich nicht, was davon Realität und was Einbildung ist. Ich sehe die erschreckend realistischen Bilder deutlich vor mir. Steves wage Silhouette in der Dunkelheit und eine nach Zigarettenrauch stinkende Hand, die mir den Mund zuhält. Sein höhnisches Lachen, während er auf meinen wehrlosen Körper herabblickt. Heftige Stöße und ein brennender Schmerz in meiner Scheide. Instinktiv greife ich mir zwischen die Beine, taste unauffällig unter dem dünnen Bettlaken nach Spuren einer verräterischen Flüssigkeit. Kein Sperma. Kein Blut. Doch dann tut sich eine weitere Erinnerung auf. Mein Mann, der im Türrahmen steht und Steve und mich mit wutverzerrtem Blick beobachtet. Erleichtert atme ich auf, denn nun ist klar, dass es bloß ein böser Traum gewesen sein kann. David würde schließlich niemals zulassen, dass jemand sein Eigentum beschmutzt. Außerdem hätte er in jenem Moment doch bestimmt etwas unternommen und würde sich jetzt nicht so ungerührt verhalten. Ganz im Gegenteil, mein eifersüchtiger Ehemann würde toben vor Wut. Wie aufs Stichwort setzt er sich zu mir auf Bett und küsst mich auf die Stirn. Seine Miene ist nach wie vor unergründlich, wahrscheinlich dröhnt auch ihm noch der Schädel vom Whisky.
„Ella, es wird höchste Zeit, das Frühstück vorzubereiten, schließlich ist es schon fast neun Uhr. Danach werden wir unsere Gäste verabschieden. Der restliche Tag ist nur für uns beide reserviert. Wir gehen Geld ausgeben, du darfst dir ein paar neue Kleider aussuchen.“
David begleitet mich für gewöhnlich in ausgewählte Boutiquen, denn er bestimmt, was ich trage. Es ist allerdings schon eine ganze Weile her, dass wir gemeinsam beim Shoppen waren. Im vergangenen Jahr jagte ein Lockdown den nächsten, Geschäfte waren geschlossen und Porthaven glich einer Geisterstadt. Nicht, dass ich das mit eigenen Augen gesehen hätte, ich kenne die erschreckenden Bilder von leergefegten Straßen auf der einen sowie gewaltsamen Demonstrationen auf der anderen Seite ausschließlich aus den Medien. David hat mir seit Beginn der Pandemie verboten, unser Grundstück zu verlassen. Er meint nach wie vor, es sei zu gefährlich, denn das Virus lauere schließlich überall, und er könne es nicht ertragen, mich zu verlieren. Und zuhause hätte ich ohnehin alles, was man sich nur wünschen kann. Natürlich spielt meinem Glückspilz von Ehemann selbst die Bedrohung durch Corona in die Karten, denn sie liefert ihm einen plausiblen Grund, mich an seine Villa zu fesseln. Nicht, dass er dafür tatsächlich einen bräuchte. Nur in Ausnahmefällen, wozu Arztbesuche, besondere Erledigungen oder Treffen bei seinen Eltern zählen, durfte ich meinen „Hausarrest“ unterbrechen und das ist bis heute so geblieben. Seit etwa fünfzehn Monaten kenne ich also kaum etwas anderes, als den goldenen Käfig, in dem ich gefangen bin. Alles nur zu meinem Besten, wie er stets betont. Den ganzen Tag allein die eigenen vier Wände anzustarren, auch wenn diese in meinem Fall wirklich großzügig und luxuriös ausfallen, kann einem nach so langer Zeit in der Tat den Verstand rauben. Ich will mir gar nicht erst ausmalen, wie sich Menschen in lebenslanger Haft fühlen müssen. Lieber würde ich sterben. Es ist zwar nicht so, als hätte ich vor der Pandemie alle Freiheiten gehabt, denn David bestimmt schon lange meinen Alltag, doch ich durfte wenigstens noch einkaufen gehen und Besorgungen machen. Ich will jedoch nicht klagen, denn das Malen und das Prophytalin haben mir die endlosen Tage in Gefangenschaft erheblich erleichtert. Außerdem lese ich viel und verschlinge einen Roman nach dem anderen, um in eine fremde Welt, ein fremdes Leben abzutauchen. Ich stelle mir dann vor, als Kay Scarpetta zu ermitteln oder wie Louisa Clark zu lieben. Manchmal vergesse ich sogar, was Fiktion und was Realität ist, und der Grat zwischen den beiden Zuständen wird dann gefährlich schmal. Noch ein Grund mehr, warum ich mir inzwischen sicher bin, dass mir mein Gedächtnis einen Streich spielt, was die vergangene Nacht betrifft. Wenn es sich doch bloß nicht so real anfühlen würde. Womöglich vermische ich auch Illusion und Wirklichkeit. Es könnte sein, dass ich David nachts in der Schlafzimmertür stehen sah. Vielleicht wollte er bloß überprüfen, ob ich noch wach war für einen Quicky. Das wäre schließlich nicht das erste Mal gewesen. Und den Rest hat sich dann mein benebeltes Gehirn zusammengesponnen. Selbst schuld, wenn man trotz der regelmäßigen Einnahme eines starken Neuroleptikums Alkohol trinkt.
Wie auch immer, diese Szenen ergeben jedenfalls überhaupt keinen Sinn. Steve hat bisher weder eine Annäherung in meine Richtung gemacht, noch das geringste Interesse an meiner Wenigkeit gezeigt. Eher ist das Gegenteil der Fall. Seit Beginn unserer „Freundschaft“ ignoriert mich Steve die meiste Zeit und unterhält sich vorrangig mit David und seiner Frau Amanda, wenn wir uns zu viert treffen. Er schafft es dann beinahe jedes Mal, dass ich mich dumm fühle. Zu ungebildet, um etwas Sinnvolles zu einer Erwachsenenunterhaltung beizutragen.
Früher kannte ich noch den Unterschied zwischen Wirklichkeit und Einbildung, denn was während meiner Kindheit geschah, war so echt, wie es heute die Bedrohung durch das Corona-Virus ist. Mittlerweile raubt mir mein Medikament, das ich bereits seit Jahren zu mir nehme, schleichend die Fähigkeit, klar zu denken. Und obwohl ich es mir schon mehrmals vorgenommen habe, graut mir davor, das Prophytalin abzusetzen und somit die bösen Geister von der Kette zu lassen.
„Keine Antwort ist auch eine Antwort. Ich nehme an, du bist sprachlos vor Freude über den gemeinsamen Ausflug. Also gehe ich jetzt nach unten und sehe nach unseren Gästen, die offenbar schon in der Küche zu Gange sind.“
Zurück im Hier und Jetzt höre ich es auch, das Klappern von Geschirr und das geräuschvolle Mahlen des Kaffeevollautomaten. Heute ist mir mehr als sonst bewusst, wie leicht ich in Gedanken abschweife. Nichtsdestotrotz bemühe ich mich, mir meine Geistesabwesenheit nicht anmerken zu lassen, und schenke David zur Bestätigung ein strahlendes Lächeln.
„Nun gut. Ich erwarte dich in fünfzehn Minuten, Ella, geduscht und vorzeigbar. Du siehst schrecklich aus, also solltest du besser in die Gänge kommen.“
Als die Tür hinter ihm ins Schloss fällt, machen sich sowohl Euphorie als auch Nervosität in mir breit. Eine Shoppingtour - ich werde also tatsächlich das Haus verlassen und andere Menschen sehen. Ich kann es kaum glauben. Mein Mann ist heute Morgen wie ausgewechselt. So freundlich und zuvorkommend habe ich ihn seit langem nicht erlebt. Es kann also definitiv nur ein Albtraum gewesen sein. Ich beschließe, nicht weiter darüber nachzugrübeln, sondern lieber den Augenblick zu genießen. Schließlich muss ich mich beeilen, die Uhr tickt.
Als ich exakt eine Viertelstunde später in unserem Esszimmer auftauche, schlägt mir der verführerische Duft von frisch-gemahlenem Kaffee entgegen. David, Amanda und Steve sitzen auf den weißen Designerstühlen und plaudern angeregt. Das riesige Esszimmer hat etwas von einem Konferenzraum, ungemütlich und kühl. An dem übertrieben langen, schwarzen Glastisch sehen die drei ganz und gar verloren aus. Jemand muss Brötchen und Croissants von der Bäckerei am Ende unserer Straße geholt haben, denn der Brotkorb quillt beinahe über vor frischem Gebäck. Wie aufs Stichwort beginnt mein Magen zu knurren.
„Guten Morgen, allerseits!“, sage ich und meine es auch so.
Nichts kann mir jetzt noch die Laune verderben. Nicht heute. Ich verdränge die vernichtenden Gedanken, die wie eine Spinne im Verborgenen lauern und mich aus dem Hinterhalt zu überfallen drohen, und vermeide es, Steve direkt anzublicken. Ich bin eine Meisterin darin, Dinge von mir wegzuschieben. Das ist meine Art zu überleben.
Das Frühstück verläuft harmonisch, Steve verhält sich wie immer. Er ignoriert mich gekonnt und zeigt nicht die geringste Spur von Reue, Scham oder selbst Triumph. Dieser Übergriff hat eindeutig nur in meinem Kopf stattgefunden. Mittlerweile komme ich mir sogar albern vor und wieder höre ich die mahnenden Worte des Hausarztes, Prophytalin keinesfalls in Kombination mit Alkohol einzunehmen. Und warum sollte Steve überhaupt etwas von mir wollen? Amanda ist eine wunderschöne, kurvige Blondine, das komplette Gegenteil von mir. Ich selbst habe dunkles Haar, das dringend wieder einmal eine Tönung vertragen könnte, unschöne Sommersprossen auf der Nase und keinerlei nennenswerte Rundungen. Mein Gesicht ist „gewöhnlich“, wie meine Mutter stets zu sagen pflegte. Was sollte diesen Mann also dazu bewegen, sich ausgerechnet in mein Bett zu schleichen, geschweige denn mich zu…
„Meinst du nicht auch, Liebling?“, David unterbricht meine kreisenden Gedanken, schon wieder, und ich setze mein übliches Lächeln auf. Ich wage es nicht, nachzufragen, worum es gerade geht, doch ich kenne meinen Mann. Eine zustimmende Bemerkung ist fast immer die korrekte Antwort auf seine Fragen.
„Natürlich, Schatz!“, antworte ich deshalb, und seine Reaktion zeigt mir, dass ich ins Schwarze getroffen habe.
