1,99 €
Niedrigster Preis in 30 Tagen: 1,99 €
Thaddäus, ein alternder Schulmeister und leidenschaftlicher Geigenspieler, kämpft seinen letzten Kampf im Bett, während er von Erinnerungen an seine Reisen nach Italien und seine Begegnungen mit außergewöhnlichen Menschen heimgesucht wird. Inmitten von Schmerz und Nostalgie entdeckt Thaddäus die wahren Töne seines Lebens – die melancholische Schönheit der Musik, die Intensität der Liebe und die bittersüße Last der Erinnerungen. Diese ergreifende Erzählung über das Menschsein und die Kunst wird Leser aller Generationen in ihren Bann ziehen und zum Nachdenken anregen.
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 26
Veröffentlichungsjahr: 2024
Friedrich Wolf
Thaddäus und seine Geigen
ISBN 978-3-68912-104-4(E–Book)
Die Erzählung entstand 1921.
Das Titelbild wurde mit der KI erstellt.
© 2024 EDITION digital®
Pekrul & Sohn GbR
Godern
Alte Dorfstraße 2 b
19065 Pinnow
Tel.: 03860 505788
E–Mail: verlag@edition–digital.de
Internet: http://www.edition-digital.de
Da lag der Lehrer Thaddäus in seinem eichenen Alkoven unter einer Lawine von deutschen Federbetten und dachte an Italien, den Monte Pincio und die Musica Gregoriana.
Sein sechsundsiebzigjähriger Schulmeisterkopf war zusammengeschrumpft zu einem Schädelchen. Es sah mit seiner Mahagonifarbe aus wie das Köpfchen eines Maikäfers. Die Galle war Thaddäus ins Blut getreten, seine Leber lag wie ein großer Wackelstein in seinem Leib, sein Bauch war eine mächtige pralle Trommel, das Brustwasser zerdrückte langsam und bedächtig seine Lunge. Thaddäus kämpfte seinen letzten Kampf. Er lag dabei ganz ruhig; die Augen schauten auf seine Frau, auf ihre weiße Kehle, die auf und nieder bebte in stummem Schluchzen; er sah den Christus mit dem brennenden Herz über seinem Bett und Maria mit der Lilie im Spiegel; sie schienen wie ferne große Ornamente in einem Kirchenbogen. Draußen flauschten die weißen Flocken. Zwischen beiden Fenstern hing Menossa, die Trevenser Geige. Dach und Boden waren im Holz tiefbraun, die Beize dünn, der Bau flach und breit, die Schnecke streng an langem Hals; Italienerin von großem Ton.
O via sancta!
Der Arzt trat ein. Er untersuchte mit einem Antlitz, das Tod und Leben zu vergeben hat. Das Wasser gurgelte schon am Herzen. Es war ein Schulfall. Nicht alle Diagnosen sind so leuchtend klar und einwandfrei.
„Wie lange noch, Herr Doktor?“, fragte Thaddäus.
„Oh, wenn wir uns wacker halten und gut ausscheiden, dann werden wir bald wieder auf die Beine krabbeln.“ In solchen Fällen sagen Ärzte stets „wir“.
Thaddäus wusste genug. „Ich habe die Ehre, Herr Doktor“, sprach Thaddäus mit einer ernsten Verneigung. Und jetzt lag er da wie ein Ritter, der die Sporen von den Hacken gestreift.
Die Frau saß am Fenster und weinte aus ihren hellen Augen in ein Linnen, ganz still und hilflos. Sie war dreißig Jahre jünger als der Mann. Thaddäus hatte das helle Kind gesondert unterrichtet mit dem ganzen Eifer eines deutschen Magisters, er wollte ein Kleinodium aus ihr meistern; und sie, das Mädchen und die Frau, sah zu dem weit gereisten Mann, der sogar den Papst geschaut und alle Engel im Himmel musizieren lassen konnte, immer noch auf als zu ihrem Lehrer. Er war der Stamm, der ihre Früchte und ihr Laubwerk trug. So hatten sie sechsundzwanzig Jahre miteinander gelebt; ihre Ehe war eine einzige Sonntagsstunde gewesen, lautlos und windstill.
