The Call - E. G. Scott - E-Book

The Call E-Book

E. G. Scott

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Beschreibung

Stumm starrt die Tote sie an. Charlotte kennt die Frau, die in der Gerichtsmedizin liegt, nicht. Jetzt sitzt sie bei der Polizei, weil die unbekannte Tote ihre Kontaktdaten bei sich trug und wünscht sich, sie wäre nie ans Telefon gegangen. Die Frau wurde ermordet und Charlotte ist die Hauptverdächtige. Sie setzt alles daran, ihre Unschuld zu beweisen. Doch die Tote hat eine Verbindung zu ihrer eigenen dunkeln Vergangenheit. Je tiefer Charlotte gräbt, desto mehr gerät sie in den Sog der Ereignisse und plötzlich ist ihr Leben in Gefahr …

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The Call

Der Autor

E. G. Scott ist das Pseudonym eines Autorenduos, welches seit mehr als zwanzig Jahren befreundet ist. Beide schreiben seit ihrer Kindheit Theaterstücke, Drehbücher und Kurzgeschichten. Aufgrund ihrer Liebe zu Thrillern haben sie beschlossen, zusammen an einem Roman zu arbeiten.

Das Buch

Geh nicht ran!Stumm starrt die Tote in der Gerichtsmedizin sie an. Charlotte kennt die Frau nicht. Trotz-dem wird sie von der Polizei verhört, weil die unbekannte Tote ihre Kontaktdaten bei sich trug. Wäre sie doch nie ans Telefon gegangen!Die Frau wurde ermordet, und plötzlich ist Charlotte die Hauptverdächtige. Sie setzt alles daran, ihre Unschuld zu beweisen. Doch die Tote hat eine Verbindung zu ihrer eigenen dunkeln Vergangenheit. Je tiefer Charlotte gräbt, desto mehr gerät sie in einen Strudel aus Schuld und Gewalt. Und plötzlich ist ihr Leben in Gefahr …

E. G. Scott

The Call

Ein Anruf. Eine Tote. Und nichts ist, wie es war.

Thriller

Aus dem Amerikanischen von Sybille Uplegger

Ullstein

Besuchen Sie uns im Internet:www.ullstein.de

ISBN 978-3-8437-2519-4Deutsche Erstausgabe im Ullstein Taschenbuch1. Auflage August 2021© für die deutsche Ausgabe Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2021© 2020 by E.G. Scott Titel der amerikanischen Originalausgabe: In Case of Emergency (First published 2020 by Dutton Books, an imprint of Randhom House Penguin LLC)Umschlaggestaltung: zero-media.net, München Titelabbildung:  © FinePic®, München (Hintergrund);  © Stephen Mulcahey / Trevillion Images (Frau)Alle Rechte vorbehaltenE-Book-Konvertierung powered by pepyrus.com

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Inhalt

Der Autor / Das Buch

Titelseite

Impressum

Prolog

Erster Teil

Eins

Zwei

Drei

Vier

Fünf

Sechs

Sieben

Acht

Neun

Zehn

Elf

Zwölf

Dreizehn

Vierzehn

Fünfzehn

Sechzehn

Siebzehn

Achtzehn

Neunzehn

Zwanzig

Einundzwanzig

Zweiundzwanzig

Dreiundzwanzig

Vierundzwanzig

Zweiter Teil

Fünfundzwanzig

Sechsundzwanzig

Siebenundzwanzig

Achtundzwanzig

Neunundzwanzig

Dreißig

Einunddreißig

Zweiunddreißig

Dreiunddreißig

Vierunddreißig

Fünfunddreißig

Sechsunddreißig

Siebenunddreißig

Achtunddreißig

Neununddreißig

Vierzig

Einundvierzig

Zweiundvierzig

Dreiundvierzig

Vierundvierzig

Fünfundvierzig

Sechsundvierzig

Siebenundvierzig

Dritter Teil

Achtundvierzig

Neunundvierzig

Fünfzig

Einundfünfzig

Zweiundfünfzig

Dreiundfünfzig

Vierundfünfzig

Fünfundfünfzig

Sechsundfünfzig

Siebenundfünfzig

Achtundfünfzig

Neunundfünfzig

Sechzig

Einundsechzig

Zweiundsechzig

Dreiundsechzig

Vierundsechzig

Fünfundsechzig

Sechsundsechzig

Siebenundsechzig

Achtundsechzig

Neunundsechzig

Siebzig

Epilog

Danksagung

Social Media

Vorablesen.de

Cover

Titelseite

Inhalt

Prolog

Widmung

Unseren Schwestern und Brüdern:Gordon, Susan, Madeline und Thomas

Prolog

Das wird kein gutes Ende nehmen.

Hier drinnen herrscht heilloses Chaos. Keiner hört auf mich. Ich habe gesagt, dass wir den Eingriff abbrechen müssen, aber die anderen reden einfach weiter. Ich weiß, was ich tue. Ich bin ein integraler Bestandteil dieses Teams. Verdammt noch mal, ich bin die intelligenteste Person im Raum.

Ihre Vitalzeichen sind katastrophal. Sie atmet flach und schwerfällig. Ihre Hautfärbung verheißt nichts Gutes.

»Sie war zu lange unter Narkose. Wir müssen sie zumachen.«

»Wir sind gleich fertig. Nur noch ganz kurz. Eine Minute.«

Das Piepsen wird schneller.

Sein Ego lässt keinen Platz für gesunden Menschenverstand. »Sie stirbt uns weg!«

»Das hier ist mein OP!«

»Herzstillstand!«

Erster Teil

Datum: 2. Oktober 2019Von: [email protected]: [email protected]

H,ich weiß, du hast gesagt, ich soll dich nicht auf diesem Wege kontaktieren, aber da du auf keinen meiner Anrufe reagiert hast, lässt du mir keine andere Wahl. Wir müssen dringend reden.

Ich weiß, dass du gestern Abend die gleiche Nachricht bekommen hast wie ich. Dieses Problem wird nicht einfach von selbst wieder verschwinden. Du bist von deinem Stolz geblendet, er hindert dich daran, das Richtige zu tun. Aber wir müssen die Wahrheit sagen, das ist der einzige Weg für alle Beteiligten.

Ich möchte jeden Tag in den Spiegel schauen können und wissen, dass ich die Fehler, die mir passiert sind, wiedergutmachen konnte. Ich will nicht noch ein weiteres Leben zerstören.

Bitte, melde dich.Charlotte

Eins

Wolcott

Ich höre ein lautes Knacken, und als ich nach oben schaue, sehe ich gerade noch rechtzeitig, wie das Holz splittert und auf uns zugeflogen kommt. Ich reiße die kreischende Frau, die sich an meinen Arm klammert, zur Seite. Im nächsten Moment kracht der dicke Ast vor uns auf den Gehsteig.

»Lionel!«, schreit sie.

Als ich erneut den Blick hebe, sehe ich, dass mein Partner, nachdem er nur knapp demselben Schicksal entgangen ist wie der Ast, sein Gleichgewicht wiedererlangt hat. Ich lege einen Arm um die hysterische Frau und nehme ihre Hand.

»Alles wird gut«, sage ich im tiefen, beruhigenden Timbre des Moderators einer nächtlichen Radiosendung. »Mein Partner hat die Lage unter Kontrolle, Ma’am.«

»Aber Lionel darf eigentlich gar nicht nach draußen. Er hat Angst. Er ist völlig durcheinander.«

»Er schafft das schon, er ist ein tapferer Junge«, ruft Silvestri von oben. »Wolcott, kannst du ein Stück näher rankommen? Dann reiche ich ihn dir runter.«

»Oh, bitte, seien Sie vorsichtig!«, fleht die Frau.

»Ma’am«, sagt Silvestri, »ich kann Ihnen versichern, Ihr Kater ist in den besten Händen. Mein Partner ist absolut zuverlässig.«

Ich drücke noch einmal beruhigend ihre Schulter, ehe ich mich von ihr löse und zum Baum trete. Dabei fallen mir zwei Jungen auf, die von der anderen Straßenseite aus das ganze Spektakel mit ihren Handys filmen. Mir kommt der Gedanke, dass zwei Teenager in ihrem Alter Lionel wahrscheinlich in der Hälfte der Zeit vom Baum geholt hätten.

Silvestri hält die Katze mit einem Arm fest, während er sich vorsichtig auf den Bauch legt. Er streckt sich, so weit er kann, und reicht Lionel zu mir nach unten. Völlig starr vor Angst, streckt das Tier alle viere von sich. Ich greife es behutsam unter dem Brustkorb, ehe ich es in meiner Armbeuge berge.

Seine Besitzerin wirft mich fast um, so heftig reißt sie ihn mir aus den Armen. »Oh, Detectives! Vielen, vielen Dank! Ich bin ja so froh, dass Sie gekommen sind. Sie haben Lionel das Leben gerettet!« Dann wendet sie sich ihrem Kater zu, den sie mit Küssen überschüttet und gleichzeitig für sein Verhalten tadelt. »Du bist so ein ungezogener Junge, nicht wahr? Ja, das bist du. Ein ganz ungezogener Junge.«

Silvestri springt vom Baum und gesellt sich zu dem Liebesfest, indem er Lionel hinter den Ohren krault, während der Kater seinen Kopf an ihm reibt.

»Haben Sie vielen Dank, Detective!« Die Frau sieht meinen Partner an. »Sie sind wirklich sehr mutig.« Ohne den Blick von Silvestri abzuwenden, beginnt sie ihrem Kater sanft ins Ohr zu säuseln. »Na komm, bedank dich bei dem gut aussehenden Detective, Lionel. Ja, genau. Sag brav Danke schön.«

»Ist nicht der Rede wert, Ma’am.« Silvestri nickt erst der Frau, dann dem Kater zu. »Lionel. Gehen Sie zurück ins Haus, und genießen Sie den Rest des Tages.«

»Du hast wirklich abgeliefert, Silvestri.« Ich lenke unser Zivilfahrzeug zurück auf die Straße, während Lionels Besitzerin uns von ihrer Veranda aus nachwinkt.

»Ein weiterer erfolgreicher Einsatz für die Polizei von Long Island«, lautet sein trockener Kommentar. Er schiebt sich die Ärmel hoch, um seine Unterarme zu inspizieren, und mir fallen einige kleine punktförmige Wunden auf.

»Ach du Scheiße! Alles in Ordnung?«

»Halb so schlimm«, meint er und winkt der Frau auf der Veranda ein letztes Mal. »Trotzdem bin ich froh, dass ich das Thermoshirt anhatte. Sonst würde ich jetzt aussehen wie nach einer missglückten Akupunkturbehandlung.«

»Komischer Tag heute«, sage ich.

»Nichts los diese Woche.«

»So oder so, du hast deine Sache gut gemacht. Wo hat ein Stadtgewächs wie du überhaupt gelernt, auf Bäume zu klettern?«

Er lacht leise. »Es mag dich überraschen, aber ich war nicht immer der unbescholtene Bürger, als den du mich heute kennst.«

»Tatsächlich?«

»In meiner Jugend gab es bei mir gewisse ›Verhaltensauffälligkeiten‹.« Er malt Anführungszeichen in die Luft. »Meine Eltern haben mich über den Sommer in eins dieser Wildniscamps geschickt. Du denkst, auf Bäume klettern ist beeindruckend? Dann solltest du mal sehen, wie ich einen Kreuzknoten mache. Da würdest du richtig abgehen, das sag ich dir.«

»Ein echter Naturbursche.«

»Was glaubst du, warum ich mich hier bei dir in der Provinz so wohlfühle?«

»Und ein begnadeter Tierflüsterer noch dazu.«

»So ist das eben, wenn man selbst Haustiere hat.«

»Wie geht’s denn Molly und Duff?«

»Gut. Beide sind putzmunter und sabbern wie eh und je«, antwortet er und dreht sich zu mir herum. »Apropos … Da fällt mir eine gewisse Ähnlichkeit zu einem meiner Kollegen auf.«

»Hör auf, mir den Arsch zu küssen, Silvestri. Es war ein anstrengender Vormittag. Lass uns auf ein Sandwich zu Gus fahren, einverstanden?«

»Hört sich gut an. Ich habe schon von ihrem Reuben-Sandwich geträumt, mit der frischen …« Er wird vom Vibrieren seines Smartphones unterbrochen, das er im Becherhalter deponiert hat. »Detective Silvestri … M-hmmm … Ja, wir können gleich dort sein … Alles klar, verstanden … Ja, danke.« Er legt auf und sieht mich an. »Wolcott, das Mittagessen muss warten. Tut mir leid, alter Freund.«

»Was ist los?«, will ich wissen.

»Wir machen einen Ausflug in den Park.«

»Klingt doch ganz interessant«, sage ich. »Worum geht’s denn?«

Mein Partner schüttelt den Kopf und zuckt mit den Schultern. »Sieht so aus, als gäbe es eine Leiche.«

Wir biegen auf den Parkplatz neben der Grünfläche ein. Der große Rasen ist leer bis auf eine Schar Möwen, die im näheren Umkreis eines Abfalleimers nach Essbarem suchen, und einer menschlichen Gestalt, die ein Stück weiter hinten im Gras liegt.

»Weißt du, wer es gemeldet hat?«, frage ich und schaue mich um.

»Wer auch immer es war, hat es offenbar nicht für nötig gehalten, auf uns zu warten.«

Silvestri und ich steigen aus und nehmen Kurs auf die Rasenfläche, was die Vögel dazu veranlasst, die Flucht zu ergreifen. »Da kommt wohl jede Hilfe zu spät«, stelle ich fest, als mein Partner und ich Nitrilhandschuhe aus unseren Taschen holen und überstreifen. Ich gehe vor der Frau in die Hocke und presse behutsam zwei Finger gegen ihre Halsschlagader. Wenig später blicke ich auf und schüttle ernst den Kopf.

Silvestri hockt sich neben mich, um die Tote aus der Nähe zu betrachten. »Gott, sie sieht noch ziemlich jung aus«, stellt er mit gerunzelter Stirn fest. »Was für eine Schande!«

Er hat recht. Die Frau scheint etwa Mitte dreißig zu sein. Sie trägt Leggings aus Spandex, eine dünne Kapuzenjacke und Laufschuhe. Ihre Haare sind mit einem Gummi zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Die Position ihres Körpers legt nahe, dass sie im Gras zusammengebrochen ist. Ich studiere ihr Gesicht. Sie ist blass, doch auf den ersten Blick sind keine Verletzungen zu erkennen. Auch ihre Kleidung scheint unversehrt. Als Nächstes nehme ich mir ihre Hände vor. Die Nägel sind nicht lackiert und kurz, aber sauber geschnitten, mit glatt gefeilten Rändern. Ihre Handgelenke und Unterarme, soweit sie unter den aufgekrempelten Ärmeln des Oberteils sichtbar sind, weisen abgesehen von ein paar oberflächlichen Kratzspuren keine Hämatome oder sonstigen Verletzungen auf. Ich hole meine kleine Taschenlampe heraus und leuchte ihr in die Augen. Als ich mich dichter über sie beuge, nehme ich den Geruch von Erbrochenem aus ihrem Mund wahr. Ich lasse den Blick umherschweifen, sehe jedoch nirgendwo Erbrochenes im Gras.

»Wie sieht’s aus?«, fragt Silvestri.

»Pupillen sind erweitert. Riecht so, als hätte sie sich kürzlich übergeben. Das ist für mich das Auffälligste.«

»Was meinst du? Natürliche Todesursache? Vielleicht Herzprobleme? Sie geht joggen und erleidet einen Zusammenbruch?«

»Könnte sein«, antworte ich mit einem ratlosen Kopfschütteln.

Auch Silvestri mustert die Tote gründlich, dann bewegt er die Hand zu der einzigen Tasche an der Brust ihrer Jacke. Er greift mit den Fingern hinein und fischt ein bisschen Kleingeld sowie einen Inhalator heraus.

»Mist!«, sage ich. »Vielleicht ein Asthmaanfall.«

»Vielleicht«, sagt er mit traurigem Blick. Während er insgesamt zwölf Dollar in Fünfern und Einern abzählt, rutscht ein kleines Kärtchen zwischen den Scheinen heraus. »Kaffeegeld?«, mutmaßt er, ehe er die Scheine weglegt und sich die Karte genauer anschaut.

»Was hast du da?«

Er betrachtet die Karte noch einen Moment lang, dann reicht er sie an mich weiter. »Nur das hier.«

Zwei

Charlotte

»Heute ist der Tag«, sage ich, als könnte ich Peter kraft der Lautstärke und Begeisterung in meiner Stimme heraufbeschwören. Er hat mir gesagt, er würde diese Woche zurückkommen, und allmählich werden die Tage im Kalender knapp, deshalb ist positives Denken umso wichtiger.

Heute Morgen beim Aufwachen hatte ich eine ungewohnt starke Intuition. Zum ersten Mal seit seiner überstürzten Abreise waren meine Hoffnung und meine Vorfreude, ihn endlich zu sehen, größer als die nagenden Zweifel, dass er diesmal für immer abgetaucht sein könnte.

»Heute wird er kommen.« Ich formuliere meine Intention möglichst konkret. Während die Ampel rot ist und die Zeit stillzustehen scheint, schließe ich die Augen und stelle mir ein helles weißes Licht vor, das in meinen Körper hereinströmt und mich ganz und gar ausfüllt. Ich genieße es, noch ein paarmal tief durchatmen zu können, ehe ich mit der Welt in Kontakt treten muss. Das einzige Geräusch ist das beruhigende, gleichförmige Ticken des Blinkers. Klack, klack, klack, klack.

Es ist ein ungewöhnlich ruhiger Nachmittag in der Vorstadt. Meins ist das einzige Auto an der Kreuzung vor der Einfahrt zum Parkplatz. Niemand wirft mir missbilligende Blicke zu, weil ich Selbstgespräche führe. Nirgendwo eine abgehetzte Mutter auf dem Weg zum Pilates oder ein Auto voller Jugendlicher, die mich schief von der Seite ansehen und denken: Was für eine Bekloppte!

Als ich auf den Parkplatz einbiege und mich meiner Ecke des Gebäudekomplexes nähere, sehe ich einen Mann mit dem Rücken zu mir vor meiner Praxis stehen und springe um ein Haar aus dem fahrenden Wagen. Er ist groß und dunkelhaarig und zu weit weg, als dass ich ihn erkennen könnte, aber er muss es sein. Ich drossle das Tempo und starre ihn durch zusammengekniffene Augen an. Mein Herz schlägt höher, und ich hüpfe auf dem Fahrersitz auf und ab wie ein überdrehtes Kleinkind, doch im nächsten Moment tritt er hinter einen Pfeiler des Vordachs.

»Warte!«, rufe ich, ehe ich scharf in eine Reihe leerer Stellplätze einbiege. Als ich meinen Wagen endlich in eine Lücke in unmittelbarer Nähe meiner Praxis manövriert habe, ist der Mann bereits ein gutes Stück entfernt. Ich merke kaum, wie ich den Motor ausschalte, den Sicherheitsgurt löse und aus dem Auto stürze.

»Peter!«, rufe ich der stetig kleiner werdenden Gestalt hinterher. Doch er wird nicht langsamer und dreht sich auch nicht um. Mein Herz krampft sich zusammen.

»Peter?«, rufe ich noch einmal mit höherer Lautstärke und zugleich sinkender Hoffnung. Er ist um die nächste Ecke gebogen, noch ehe ich das »-er« von »Peter« ausgesprochen habe. Ich werfe einen Blick auf mein Handy, um zu sehen, ob mir bis zu meinem nächsten Patienten noch ein bisschen Zeit bleibt, damit ich ihm folgen kann. Mein Termin beginnt in zwei Minuten. Ich ärgere mich, weil ich ausgestiegen bin. Mit dem Auto hätte ich ihn mühelos einholen können.

Scheiße! Ich will ihm nachlaufen, aber dafür ist keine Zeit mehr. Er wird wiederkommen. Natürlich wird er wiederkommen. Ich zücke mein Handy, in der Hoffnung, dass er mir vielleicht eine Nachricht geschrieben hat und wissen will, wo ich bin. Nichts.

Zitternd stecke ich den Schlüssel ins Schloss der Tür.

War er es wirklich? Vielleicht vernebelt die Sehnsucht auch meine Wahrnehmungsfähigkeit. In letzter Zeit zweifle ich an allem. Inzwischen müsste ich ihn doch erkennen können, selbst aus der Ferne.

Ich versuche, den negativen Monolog zu unterdrücken, der ganz von selbst über meine Lippen kommt.

»Ganz ehrlich, Charlotte. Momentan erkennst du dich doch selbst kaum noch wieder. Reiß dich gefälligst mal zusammen«, murmle ich, während die Tür zur Praxis aufschwingt.

»Entschuldigung? Was haben Sie gerade zu mir gesagt?« Die Stimme ist so nah, dass sich unwillkürlich die Härchen in meinem Nacken aufstellen.

Ich wirble herum, und wir stehen uns gegenüber.

Meine Hand ist ruhig. Ich bin bereit, zuzustoßen. Die Sonne, die durchs Fenster fällt, blinkt auf der haarfeinen Metallspitze. Ihre blauen Augen sind vor Angst geweitet, als sich die Spitze auf ihren Brustkorb zubewegt. Sie schluckt trocken und wendet den Blick ab. Mit einer schnellen Bewegung steche ich ihr die Nadel in die Haut. Sie atmet keuchend aus.

Ich lächle.

Wenn man auf bestimmte Punkte am menschlichen Körper genügend Druck ausübt, beispielsweise indem man einen spitzen Gegenstand einführt, kann man den inneren Energiefluss umleiten. Mit den entsprechenden Kenntnissen kann man einen Menschen in eine schlaffe Nudel verwandeln oder sogar in einen Zustand der Bewusstlosigkeit versetzen. Ich bin stolz darauf, dass ich all diese wichtigen Punkte in- und auswendig kenne.

Ich finde es immer wieder spannend, wie meine Patienten beim ersten Mal reagieren. Das führt mir vor Augen, was ich mit meiner Arbeit bewirken kann und wie hilflos die Menschen sind. Wie man mit dem umgeht, was einem Angst macht, sagt viel über die eigene Persönlichkeit aus. In diesem Fall zeigt die Frau ihre Furcht ganz offen. Ich kenne sie erst seit einer Stunde, doch ich kann jetzt schon in ihr lesen wie in einem offenen Buch. Ich sehe ihre Unsicherheit und ihre Angst. Angst ist einer der Gründe, weshalb sie überhaupt zu mir gekommen ist, und sie macht sie zu einer idealen Kandidatin für meine Arbeit. Ich lasse eine Hand auf ihrem Arm liegen, um sie ein wenig zu beruhigen, während ich bereits den nächsten Punkt anvisiere.

»Wie geht es Ihnen, Lucy?«, erkundige ich mich sanft, während ich um die Liege herumgehe und eine weitere Nadel in ihre linke Armbeuge setze.

»Wann kommt denn die nächste?«, fragt sie nervös.

»Sie steckt schon. Sie haben es gar nicht bemerkt. Wie fühlt es sich bis jetzt an?«

»Ungewohnt«, gibt sie zurück. »Es kribbelt ein bisschen. Heißt das, es funktioniert?«

»Kribbeln kann darauf hindeuten, dass ihr Qi – Ihr innerer Energiefluss – in Bewegung kommt. Genau das ist unser Ziel. Bisher läuft es also sehr gut.« Aus unserem Anamnesegespräch weiß ich, dass sie extrem kritisch mit sich ist und wenig Selbstvertrauen hat – zwei Charaktereigenschaften, die sich physiologisch auf unterschiedlichste Weise manifestieren können.

»Ah, gut. Mein Körper spielt nämlich nicht immer mit, wenn er mit was Neuem konfrontiert wird. Vor allem bei Sport oder Diäten.« Sie lacht, doch es klingt eher resigniert als belustigt. Verunsichert legt sie sich den rechten Arm quer über den Bauch. Es ist offensichtlich, dass sie stark unter ihrem negativen Körperbild leidet. Bei ihr habe ich noch eine Menge Arbeit vor mir. Sie ist eine Herausforderung, und genauso mag ich es.

»Das Wunderbare an der Akupunktur ist, dass Sie gar nicht viel tun müssen. Sie brauchen einfach nur dazuliegen und tief zu atmen. Den anstrengenden Part überlassen Sie mir.«

Nachdem ich mich noch an der Tür für meinen seltsamen Monolog gerechtfertigt hatte – sie war genau zur gleichen Zeit gekommen wie ich –, lachten wir etwas befangen, und sie gab mir freundlicherweise die Gelegenheit, mich ihr richtig vorzustellen. Es war kein besonders guter Start mit einer neuen Patientin. Ich kann von Glück reden, dass sie einen Sinn für Humor hat.

»Wie funktioniert das eigentlich genau? Ich habe versucht, ein bisschen im Internet zu recherchieren, aber Sie wissen ja selbst, was man da alles so für Zeug liest.« Sie seufzt. »Ich versuche, so oft wie möglich offline zu sein, deshalb habe ich beschlossen, zu warten und lieber einen Profi zu fragen. Ganz abgesehen davon, bin ich ein ziemlich hoffnungsloser Fall, was Computer angeht.«

»Kluge Entscheidung. Etwas zu googeln – egal, was –, ist oft eher beängstigend als informativ. Falls Sie Interesse haben, kann ich Ihnen einige tolle Bücher über Akupunktur empfehlen.«

»Sicher. Ich lese für mein Leben gern.«

»Sehr gut. Dann schreibe ich sie Ihnen auf, ehe Sie nachher gehen.« Ich platziere eine Nadel an der Stelle zwischen ihren Brauen, im sogenannten dritten Auge, einem Punkt, der unglaublich beruhigend wirkt.

»Wir bestehen im Wesentlichen aus Energie, und manchmal wirkt sich das, was in unseren Köpfen vorgeht, im Zusammenspiel mit unserer Ernährung und unserem Lebensstil, negativ auf die Fähigkeit des Körpers aus, diese mächtigen Energieströme richtig zu lenken. Dann kann es zu Blockaden kommen. In der traditionellen chinesischen Medizin ist jedes Organ einer bestimmten Emotion zugeordnet. Erlebte Traumata können sich ansammeln und in Form verschiedener Leiden zutage treten. Alltagsstress und Umweltgifte, die Nahrung, die wir zu uns nehmen, oder die toxischen Menschen, denen wir begegnen, können irgendwann zu einer Überlastung des Systems führen. Wenn all diese Faktoren zusammenkommen, können unsere Organe ihre Aufgabe nicht mehr richtig erfüllen, und der Mensch wird krank. Die Nadeln helfen dabei, Ihre Leitbahnen wieder zu öffnen.« Ich habe mich bis zu ihrem Dickdarm-Meridian vorgearbeitet. »Wenn Sie sich Ihren Körper als eine Autobahn für Energie vorstellen, dann sind die Stellen, an denen der Energiefluss blockiert ist, wie kleine Autounfälle. Ich benutze die Nadeln, um die Straßen frei zu machen, damit alles wieder richtig fließt.«

Meine Erklärung scheint Eindruck auf sie gemacht zu haben. Ihre Atmung hat sich vertieft, ihr Nervensystem ist zur Ruhe gekommen. Ich freue mich, dass sie so positiv auf die Behandlung reagiert, noch dazu nach so kurzer Zeit.

»Wie fühlen sich die Nadeln an? Ist Ihnen irgendwas unangenehm? Spüren Sie dumpfe oder scharfe Schmerzen?«

»Nein, mir geht es richtig gut. Ich merke es kaum, wenn Sie mich stechen, und sobald die Nadeln sitzen, spüre ich nur ein angenehmes Summen im Körper. Als würde ich in einem dieser Massagesessel im Nagelstudio sitzen, nur mit niedriger Frequenz.«

»Das ist ein großartiger Vergleich! Kann sein, dass ich ihn mir ausborgen muss.«

Das freut sie. »Aber gerne. Tun Sie sich keinen Zwang an.«

Ich habe meine nächste Nadel noch nicht vollständig aus ihrer Plastikumhüllung befreit, da höre ich den Summer vorn an der Tür. Verdammt! Rachel ist nicht da, und wir haben momentan kein Geld für eine Sprechstundenhilfe, das heißt, ich muss das Klingeln entweder ignorieren oder meine Sitzung unterbrechen, was ich bei einer neuen Patientin nur höchst ungern täte. Ich beschließe, einfach weiterzumachen, und hole die Nadel aus der Verpackung. Gleich darauf ertönt der Summer ein zweites Mal, gefolgt von einem ziemlich aggressiven Klopfen. Wer auch immer es ist, hat offenbar nicht die Absicht, unverrichteter Dinge wieder zu verschwinden. Mein Magen zieht sich zusammen. Ich habe heute keine Patienten mehr, Rachel laut Plan auch nicht. Es muss also Peter sein. Mein Herz vollführt einen dreifachen Salto.

»Lucy, es tut mir schrecklich leid, aber würden Sie mich einen ganz kleinen Moment entschuldigen? Ich erwarte niemanden, aber ich sollte vielleicht mal nachschauen gehen, wer es ist.« Ich lege die noch in ihrem Röhrchen steckende Nadel auf den Beistelltisch.

»Kein Problem«, sagt sie gutmütig.

Ich schlüpfe aus dem Raum und gehe nach vorn zu unserem gemeinsamen »Empfang« – einem IKEA-Schreibtisch, auf dem lediglich eine Schachtel Taschentücher, mein Laptop und ein Zimmerspringbrunnen aus Holz und Stein stehen. Als ich die Tür öffne, blicke ich in ein Paar jadegrüne Augen, deren Blick dermaßen intensiv ist, dass mir ein kleiner elektrischer Schauer vom Kopf bis zu den Füßen geht. Es ist der Mann von eben. Jetzt sehe ich auch, dass es nicht Peter ist. Enttäuschung überkommt mich.

»Hallo! Kann ich Ihnen helfen?« Ich bleibe mitten im Türrahmen stehen, damit er nicht hereinkommen kann.

»Hi! Ich bin Jack.« Er streckt mir selbstbewusst die Hand entgegen. Ich vermute, er ist Vertreter, kann aber noch nicht sagen, was er verkauft. Ich winke höflich zum Gruß.

»Ich würde Ihnen ja die Hand geben, aber ich bin gerade mitten in einer Behandlung.«

Er mustert mich flüchtig von oben bis unten, ehe er sich einen Ruck gibt und seinen Laserblick auf mein Gesicht richtet. »Charlotte?«, fragt er.

»Kennen wir uns?«

»Nein, das war bloß geraten.« Er präsentiert mir zwei Visitenkarten, eine in jeder Hand, die er aus den beiden Halterungen neben der Eingangstür gezogen hat. Er betrachtet sie und lacht leise. »Meine Chancen standen nicht allzu schlecht.«

»Wollen Sie zu Rachel?« Ich lehne mich gegen den Türrahmen, um zu unterstreichen, dass ich nicht die Absicht habe, ihn hereinzubitten, versuche jedoch, mir meine Ungeduld nicht anmerken zu lassen.

»Vielleicht? Aber vielleicht will ich ja auch zu Ihnen?« Er macht eine Pause und freut sich sichtlich, als ich nicht gleich antworte, sondern hastig den Blick abwende.

Normalerweise würde ich mich von seiner forschen Art abgeschreckt fühlen, aber er hat eine starke sexuelle Aura, der ich mich nicht entziehen kann. Ich bin überrascht, wie heftig ich trotz meiner anfänglichen Enttäuschung auf diesen wildfremden Mann reagiere.

Ich räuspere mich. »Haben Sie einen Termin bei Rachel?« Es ist möglich, dass er kurzfristig gekommen ist und sie ihn noch nicht in den Computer eingetragen hat. Vielleicht hat sich auch einer der beiden in der Uhrzeit vertan.

»Nein. Aber ich war gerade in der Gegend. Um ehrlich zu sein, bin ich schon öfter an Ihrer Praxis vorbeigelaufen – ich mag den Mittagstisch im China Panda –, und heute habe ich endlich beschlossen, bei Ihnen zu klingeln. Ich glaube, Sie oder Rachel sind genau das, was ich brauche, damit es mir besser geht.« Als er lächelt, sehe ich, dass seine Zähne ein klein wenig schief stehen, was bei einem weniger attraktiven Mann nach Vernachlässigung aussehen würde. Ich habe Mühe, dahinterzukommen, ob es sich bei seinen Bemerkungen um sexuelle Zweideutigkeiten handelt oder er lediglich über ein extrem stark ausgeprägtes Selbstvertrauen verfügt. Vielleicht ist er auch einfach nur ein Widerling, der das Wort »Massage« auf dem Schild an unserer Tür gelesen und die anderen Angebote wie »Fußreflexzonenmassage«, »Akupunktur« und »Reiki« geflissentlich übersehen hat, weil er dachte, er könnte sich nach seinen mittäglichen Dim-Sum noch schnell einen Handjob gönnen. Es wäre leider nicht das erste Mal.

»Wie gesagt, ich bin gerade mitten in einer Behandlung, aber wenn Sie in einer halben Stunde wiederkommen, können wir gerne einen Termin ausmachen. Möchten Sie eine Sportmassage?« Er wirkt auf mich nicht wie jemand, der für alternative Behandlungsmethoden offen ist. Seine Kleidung und sein Haarschnitt lassen eher auf einen ehemaligen Lacrossespieler schließen, der auf Broker umgesattelt hat. Absolut nicht mein Typ, und trotzdem finde ich ihn in einem geradezu ärgerlichen Maße anziehend. Ich reiße mich am Riemen. Ich bin nicht zu haben. Ich bin bis über beide Ohren verliebt in meinen Freund.

»Was bieten Sie denn alles so an?« Er nimmt die ganze Zeit über immer wieder direkten Blickkontakt zu mir auf, und seine Körpersprache ist offen und freundlich, trotzdem hat er etwas an sich, das mir komisch vorkommt

»Ich selbst praktiziere Akupunktur und Reiki.«

Er macht ein nachdenkliches Gesicht und streicht sich dabei über seinen imaginären Bart. Er erinnert mich an jemanden aus meiner Vergangenheit, allerdings fällt mir nicht ein, an wen.

»Macht der Gewohnheit. Bis letzte Woche hatte ich noch einen Bart. Ich dachte, es ist langsam mal Zeit für eine Typveränderung, aber ohne ihn komme ich mir irgendwie nackt vor.«

Ich möchte mir diesen Mann lieber nicht nackt vorstellen, aber natürlich tue ich genau das. Hastig verbanne ich das Bild aus meinem Kopf und versuche stattdessen, an Peters Bart zu denken.

Daran, wie oft ich mir im letzten Monat vorgestellt habe, ihn zu küssen. Ich höre Lucy hinter der geschlossenen Tür des Behandlungsraums husten und sich auf der Liege bewegen. Unsere Praxis ist etwas zu klein, aber mehr kann ich mir im Moment nicht leisten.

»Tut mir leid. Ich muss jetzt wirklich zurück zu meiner Patientin.«

»Patientin? Oder Klientin?« Seine Gesichtszüge verhärten sich kurzzeitig, doch als er sieht, wie ich mich als Reaktion darauf unwillkürlich versteife, lächelt er.

»Wie bitte?«

»Oh, tut mir leid. Ich wollte nicht respektlos sein. Ich weiß nur nicht genau, wie das bei Heilpraktikern heißt.« Er grinst.

Ich bin eine ausgebildete Ärztin, trotzdem korrigiere ich ihn nicht. Sein Charme ist schal geworden, jetzt möchte ich ihn einfach nur noch loswerden. Früher habe ich praktisch mein ganzes Leben mit Männern wie ihm verbracht. Ich habe mit ihnen gearbeitet und neben ihnen geschlafen. Ich habe sie geliebt und gefürchtet. Ich ziehe die Brauen zusammen und sehe, dass ihm die Veränderung nicht entgeht.

»Ich entschuldige mich. Ich habe Sie verletzt. Ich versuche, daran zu arbeiten.«

Ich weigere mich, seinen Köder zu schlucken. Es interessiert mich nicht, ob dieser Mann an sich arbeitet. Die Phase meines Lebens, in der ich mir Gedanken über die Selbstoptimierungsversuche charmanter, aber charakterschwacher Männer gemacht habe, ist längst vorbei.

»Kein Problem. Warum schauen Sie nicht auf unserer Website vorbei, dann können Sie auch gleich online einen Termin machen.« Ich gebe mir keine Mühe mehr, besonders freundlich zu klingen. Dieser Mann geht mir unter die Haut, und das gefällt mir gar nicht.

»Vielleicht könnten Sie mich heute Nachmittag noch dazwischenschieben?« Das Gefühl kognitiver Dissonanz, das der Kontrast zwischen meiner Verachtung für seinen Hochmut und meiner Neugier darauf, wie sich sein Körper anfühlen würde, in mir auslöst, ist zutiefst verstörend.

»Da müsste ich erst in meinen Kalender schauen, aber ich glaube nicht, dass ich heute noch was frei habe.« Meine pragmatische Seite schreit lauthals, dass ich nicht nur jede Menge Termine frei habe, sondern auch, sofern ich im Geschäft bleiben will, dringend etwas gegen meine sinkenden Patientenzahlen unternehmen muss. Alle anderen Teile meiner Persönlichkeit sind damit beschäftigt, den Attraktions-Aversions-Widerspruch zu ignorieren, den dieser Mann darstellt. Ich bin wirklich nicht in der Stimmung, mich von diesem Kerl mit seiner geschmeidigen Art belästigen zu lassen, als wäre er James Spader in Pretty in Pink.

Es reicht! Ich bin froh, dass mir wieder eingefallen ist, an wen mich sein Verhalten erinnert. Sobald ich den Zusammenhang hergestellt habe, kann ich ihn gar nicht mehr in einem anderen Licht betrachten.

»Wir haben ein Online-Formular zur Terminvergabe«, wiederhole ich.

»Ich ziehe es vor, mein Leben nicht virtuell zu führen«, sagt er ohne eine Spur von Ironie und fährt sich mit der Hand durchs Haar. Nun, da er das letzte Wort hatte, kann er sich getrost verabschieden. »Bis demnächst! Ich freue mich schon.« Er macht auf dem Absatz kehrt und geht in Richtung des China Panda davon. Er gehört ganz eindeutig zu der Sorte Mann, die ein Nein nicht akzeptiert.

Die Sorte, die ich am allerwenigsten leiden kann.

»Es tut mir ganz furchtbar leid, Lucy.« Sie dreht den Kopf in meine Richtung und lächelt. Ich wasche mir die Hände in dem kleinen Waschbecken rechts neben der Tür, ehe ich wieder zu ihr an die Liege trete.

»Nicht schlimm. So hatte ich wenigstens ein bisschen Zeit für mich. Das war auch dringend nötig. Es hat gutgetan, zur Abwechslung mal ganz bei mir zu sein.«

Ich bin heilfroh, dass meine neue Patientin trotz der von ihr beschriebenen Ängste noch relativ entspannt zu sein scheint. Übermäßig selbstkritische Menschen mit schwach ausgeprägtem Selbstwertgefühl können normalerweise nur schlecht mit Störungen umgehen. Aber wer weiß, was sie alles verbirgt, weil sie einen guten Eindruck machen will!

»Das ist schön. Ich freue mich, dass Sie die Zeit genießen konnten. Sind Sie bereit für die nächsten Nadeln?«

Sie betrachtet mich lange, und ich erlebe eine Art Déjà-vu-Moment. Dann nickt sie lächelnd und richtet den Blick wieder an die Zimmerdecke.

»Ich hatte wirklich Glück, dass ich im Internet auf Ihre Praxis gestoßen bin. Und ich bin froh, dass ich mir die Bewertungen auf Yelp nicht zu Herzen genommen habe. Da hätte ich wirklich was verpasst.«

Die Bemerkung ist zweifellos gut gemeint, aber sie trifft mich trotzdem.

Die vernichtenden Online-Kritiken sind vermutlich schuld daran, dass ich viele potenzielle Patienten verloren habe. Ich habe aufgegeben, mich um ihre Löschung zu bemühen, sobald ich merkte, dass für jede Hasstirade, die von der Seite genommen wurde, zwei neue auftauchten. Es war ein fruchtloses und niederschmetterndes Unterfangen. Jetzt konzentriere ich mich ganz darauf, die wenigen Patienten, die mir treu geblieben sind, zu halten und neue Patienten wie Lucy zu pflegen, damit sie irgendwann einmal zu Stammkunden werden.

»Sie haben eine unglaublich ruhige Hand. Aber das ist in Ihrem Metier wohl auch ratsam.«

Fast bin ich versucht, mein altes Leben zu erwähnen, in dem meine ruhigen Hände mein wichtigster Aktivposten waren. Doch ich verkneife es mir. Das Risiko, das mit dem Thema einhergeht, ist größer als die eventuelle Genugtuung für mein Ego.

»Ja. Eine ruhige Hand ist da sehr nützlich. Aber hauptsächlich geht es darum, offen zu sein und eine Liebe zum Heilen zu haben. Mir ist es vor allem wichtig, Menschen zu behandeln, denen die westliche Medizin nicht helfen konnte.«

»Amen.« Sie schließt die Augen.

»Das klingt so, als hätten Sie auch solche Erfahrungen gemacht.« Ich weiß, dass das eine Suggestivfrage ist, aber ich möchte mehr darüber wissen, was sie zu mir geführt hat, und bisher war sie mit den Einzelheiten sehr zurückhaltend. Ich spüre, dass noch viel mehr hinter ihrer Geschichte steckt, als sie mir erzählt hat.

Sie nickt gedankenvoll, während ich damit beginne, Nadeln entlang ihres Lungenmeridians zu platzieren. Während unseres Anamnesegesprächs hat sie über Depressionen, Antriebslosigkeit und Probleme mit ihrem Körperbild gesprochen. All das könnte eine Folge von Energieblockaden in den Körperregionen sein, wo Trauer und Einsamkeit sitzen.

»Leider habe ich keine guten Erfahrungen mit den Schulmedizinern gemacht. Mittlerweile bin ich ganz davon abgekommen. Es war einfach entmutigend, keine Hilfe zu finden, gerade als es mir am schlechtesten ging. Aber ich habe damit abgeschlossen. Dafür, dass sie sich für so klug halten, haben viele Ärzte ziemliche Probleme mit den grundlegenden Dingen, zum Beispiel damit, wie man Patienten als Menschen behandelt, nicht nur als Träger von Symptomen.«

Ich muss daran denken, wie sehr diese Aussage auf mich zutrifft, wenngleich in einem ganz anderen Kontext. Ich schweige, aber zum Glück redet sie weiter. Die Nadeln sind oft ein gutes Mittel, um introvertierte Menschen aus ihrem Schneckenhaus hervorzulocken.

»Aber es hat keinen Sinn, anderen dafür die Schuld zu geben, wenn sie nicht dafür sorgen können, dass es einem besser geht. Zumindest hat meine Mutter das immer gesagt.« Lucy seufzt. Ich habe den Eindruck, dass es für sie ein harter Weg bis zu dieser Erkenntnis war.

»Sehr weise. Manche Menschen begreifen das ihr ganzes Leben lang nicht.«

Wenn ich Glück habe und sie wiederkommt, werde ich bestimmt noch mehr über sie erfahren. Je länger die Patienten bei mir auf der Liege liegen, desto bereitwilliger vertrauen sie sich mir an. Meine Freundin Annelise hat mir gesagt, dass ich mit meinen »spitzen Nadeln, sanften Worten und heilenden Schwingungen« ungleich effektiver bin als ihre Psychotherapeutin.

»Man muss die Sache schon selbst in die Hand nehmen«, sagt Lucy mit einer Selbstsicherheit, die ich bisher noch nicht bei ihr wahrgenommen habe.

»Absolut.« Ich mag sie. Unter den Schmerzen hat sie eine gute, positive Energie. Etwas, womit ich mich identifizieren kann und das ich auch bei mir zu pflegen versuche. Nur dass meine Traurigkeit immer wieder die Oberhand gewinnt. Ich beuge mich über sie, setze eine Nadel in ihren Perikardpunkt und spüre augenblicklich, wie sich der Energiekanal öffnet.

»Oh!«, ruft sie. »Was war denn das?«

»Alles in Ordnung? War es schmerzhaft?« Ich trete einen Schritt zurück, um ihr Raum zu geben. Wenn zum ersten Mal große Energieblockaden beseitigt werden, kann das für die Patienten ein ziemlich überwältigendes Erlebnis sein.

»Nein, es war nur … wow! Als würde ein Energieblitz durch meinen Körper gehen. Und das alles nur wegen so einer kleinen Nadel?« Sie macht große Augen.

»Das ist ein Punkt, der mit dem Bindegewebssack um Ihr Herz verbunden ist. Er wird auch Herzbeutel oder Perikard genannt und schützt das Herz unter anderem vor zu starken Emotionen. In der Akupunktur ist das ein sehr kraftvoller und wichtiger Punkt.«

Ich beuge mich tiefer über sie, um eine weitere Nadel in den Dickdarm-Meridian zu setzen. Auch dieser öffnet sich danach merklich.

»Oh mein Gott! Und was war das jetzt?«

»Ihr Bauchmeridian, der unter anderem mit Wut in Verbindung steht.«

»Hm. Komisch. Ich bin eigentlich kein wütender Mensch«, sagt sie gutmütig.

Ich sehe, wie ihr Blick an dem Medaillon hängen bleibt, das Peter mir vor ein paar Monaten zum Geburtstag geschickt hat. Es ist mir aus dem Ausschnitt gerutscht und hängt jetzt über ihrer Herzgegend.

»Wie hübsch! Ist das ein Erbstück? Sieht alt aus … aber schön!« Wir müssen beide lachen.

»Nein, das habe ich von meinem Freund bekommen. Ich sollte ihn fragen, ob es ein Erbstück ist.« Ich halte in meiner Arbeit inne, nehme die Kupfermünze in die Hand und betrachte sie zum hundertsten Mal.

»Was hat sie zu bedeuten?«, will Lucy wissen.

Ich streiche mit den Fingern über die Prägung im Metall. Ich habe mir angewöhnt, damit zu spielen, während ich mich meinen Tagträumen hingebe. Das passiert so oft, dass ich mich manchmal frage, ob ich den Äskulapstab irgendwann vollständig weggerieben haben werde.

»Sie symbolisiert Gesundheit, Heilung und Frieden.« Sie lächelt. Peter hat mir den Anhänger geschenkt, gerade als meine Wut auf ihn ihren Höhepunkt erreichte. Sobald ich ihn auspackte, konnte ich ihm nicht mehr böse sein. Es war ein so schönes, persönliches Geschenk. Er weiß, dass gewisse Aspekte meines alten Lebens eine große Rolle für mich spielen und ich nicht nur andere Menschen heilen will, sondern auch mich selbst. Er versteht mich.

Ich stecke die Halskette zurück unter meine Bluse und verreibe etwas Desinfektionsmittel zwischen meinen Handflächen, ehe ich mich wieder den Nadeln widme.

»Die Kette ist wunderschön. Und es ist toll, dass es einen Mann in Ihrem Leben gibt, der Ihnen schöne Dinge schenkt. Ich hatte nie jemanden, der wirklich gut schenken konnte. Die Geschenke, die ich bekommen habe, waren immer bloß Entschuldigungen.« Ich verrate ihr nicht, dass die Halskette genau das war. Ich habe die Angelegenheit abgehakt, und es gibt keinen Grund, auf dem Negativen herumzureiten. »Ich habe den Männern praktisch entsagt«, fährt sie fort. Ihr Seufzer schlägt in ein Lachen um, doch ich spüre mehr Verzweiflung und Traurigkeit als Humor darin.

»Verstehe. Ich hatte es auch fast aufgegeben, aber dann habe ich Peter kennengelernt. Wie das Leben so spielt.«

»So ist es meistens, nicht wahr?« Sie hebt flatternd die Lider. »Behandeln Sie ihn auch?« Sie deutet mit einem Kopfnicken auf die Nadel, die ich gerade an der Innenseite ihres Ellbogens platziert und leicht gedreht habe. »Mit den Nadeln, meine ich.«

»Nein. In der Regel behandle ich keine Partner oder Familienmitglieder.« Ich lächle bei der Vorstellung, Peter auf meiner Liege zu haben. Ich frage mich, ob das überhaupt jemals möglich sein wird. Als Nächstes denke ich daran, wie es wäre, meine Mutter zu behandeln – ein Bild, bei dem mich innerlich schaudert. Zum Glück will sie es genauso wenig wie ich. Das ist eins der wenigen Dinge, bei denen zwischen uns Einigkeit herrscht.

»Was ist mit Freunden?«, fragt sie weiter.

»Kommt auf die Freunde an, aber ja, grundsätzlich behandle ich Freunde«, antworte ich beiläufig.

»Es ist gut, Grenzen zu setzen und Berufliches von Privatem zu trennen. Ich habe schon häufiger erlebt, dass es ein unschönes Ende nehmen kann, wenn man es nicht tut«, sagt sie wissend.

Prompt fühle ich mich an meine Zeit mit Henry erinnert und daran, wie ich von seinem Protegé zu seiner Geliebten wurde. Heute ist mein negatives Denken wirklich in Hochform.

»Manche Menschen haben große Probleme damit.« Sie sieht mir für unangenehm lange Zeit in die Augen, und ich frage mich, ob sie meine Gedanken lesen kann. Ich war auch einer dieser Menschen.

Ich schiebe die Erinnerung an Henry beiseite und denke stattdessen an Peter. Normalerweise gestatte ich mir das nicht während der Arbeit, doch je länger er weg ist, desto schwerer fällt es mir. Der gut aussehende Peter. Der gefährliche Peter. Der verschwundene Peter. Mittlerweile sind drei Wochen vergangen, ohne dass ich ein Wort von ihm gehört habe. Nicht einmal eine verschlüsselte Nachricht. Dabei hat er mir geschworen, dass er diese Woche zurückkommt.

Ich musste ihm versprechen, mit keiner Menschenseele darüber zu sprechen, wenn er wieder einmal Hals über Kopf wegmuss, und ich habe Wort gehalten … größtenteils. Das Herz wird mir schwer, wenn ich an ihn denke. Ich versuche, nicht vom Schlimmsten auszugehen. Er wird wieder auftauchen, ganz bestimmt.

Ich habe die letzte Nadel gesetzt. »So. Jetzt müssen Sie einfach nur tief weiteratmen und vielleicht ein bisschen meditieren, wenn Sie das können.«

»Meditieren? Ich weiß nicht so genau, wie man das macht«, gesteht sie.

»Versuchen Sie, sich auf etwas zu fokussieren, das Sie glücklich macht. Sollten Sie merken, wie Ihre Gedanken abschweifen, spüren Sie Ihrem Atem nach.«

»Okay.« Sie schließt die Augen, und ein Lächeln breitet sich auf ihren Zügen aus. »Verstanden.«

»Wie fühlen Sie sich?« Ihre Schultern haben sich gelockert, ihr Mund ist entspannt.

»Wunderbar. Fast ein bisschen high. Haben Sie die Nadeln mit irgendwelchen Drogen versetzt?« Sie kichert.

»Nein, das macht alles Ihr Körper. Sie erleben gerade, wie es sich anfühlt, wenn die Energie unbehindert fließen kann. Ganz schön unglaublich, was?« Ich strahle. Es macht mich jedes Mal glücklich, wenn ich einem neuen Patienten helfen konnte.

»Erstaunlich«, sagt sie verträumt. »Ich habe jetzt schon das Gefühl, gesünder zu sein.«

»In etwa zwanzig Minuten bin ich wieder da.« Ich schalte die Deckenlampe aus.

»Sie lassen mich im Dunkeln allein?« Ihre kleinlaute Stimme überrascht mich. Andererseits können die Nadeln einen Menschen auch sehr verletzlich machen. »Was, wenn irgendwas Schlimmes passiert?«

»Ich verspreche Ihnen, dass nichts Schlimmes passieren wird.« Ich fühle mit ihr. »Ich bin gleich nebenan.« Ich habe die Tür schon fast hinter mir zugezogen, als sie mich noch einmal anspricht.

»Charlotte?«

»Ja, Lucy?«

»Danke! Ich hoffe wirklich, dass sich jemand auch mal um Sie kümmert. Sie haben es verdient.«

Ich setze mich an den Schreibtisch und logge mich bei Yelp ein, obwohl ich mir und Rachel geschworen habe, damit aufzuhören. Es ist eine Angewohnheit, die mit der Zeit geradezu masochistische Züge annahm, sodass ich oft mehrmals pro Stunde auf der Seite vorbeischaute, ohne überhaupt darüber nachzudenken, was ich da tat. Und es war jedes Mal wieder genauso schmerzhaft wie all die Male zuvor. Heute jedoch hat Lucys Bemerkung meine Neugier geweckt. Insgeheim hoffe ich, dass Peter die Bewertungsseite vielleicht dazu nutzen könnte, um Kontakt mit mir aufzunehmen. »Manchmal ist es am besten, die Nachrichten dort zu platzieren, wo jeder sie sehen kann«, hat er mir erklärt, als wir anfingen, unsere geheimen Codes zu entwickeln.

Mein letztes Log-in ist vier Monate her, weil Rachel, die wirklich eine großartige Freundin ist, mir in ihrer Herzensgüte angeboten hat, sämtliche Rezensionen als Erste durchzugehen und mir nur die positiven vorzulesen, damit ich nicht sehen muss, was die Leute Schlimmes über mich schreiben. Beziehungsweise: was eine Person mit mehreren Nutzernamen Schlimmes über mich schreibt. Die jüngste Bewertung wurde, kurz nachdem ich aufgehört habe, auf der Seite nachzuschauen, verfasst. Sie stammt von jemandem namens »Truthhurts«. Es ist eine Ein-Stern-Bewertung.

Ich würde der Akupunktur-Therapeutin Charlotte Knopfler auch ‒5 Sterne geben, wenn das auf dieser App möglich wäre, aber was sich mit Sternen nicht ausdrücken lässt, kann ich hoffentlich mit Worten rüberbringen. DIESE FRAU IST DAS LETZTE!!! Ihr sollte verboten werden, Menschen zu behandeln, geschweige denn, irgendjemandem Nadeln in die Haut zu stechen. Sie ist eine verantwortungslose und gefährliche KRIMINELLE. Glauben Sie mir. Lassen Sie diese Frau nicht an Ihren Körper oder Ihren Geldbeutel, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist. Jemand wie sie gehört in den Knast.

Ich möchte im Boden versinken und in einer anderen Realität wieder ausgespuckt werden. Aber ich darf nicht die Nerven verlieren, während ich eine Patientin in der Praxis habe. Kein Wunder, dass Rachel mir angeboten hat, die Bewertungen vorher auszusieben. Ich hätte es wirklich besser wissen sollen. Diese Rezension ist bislang die schlimmste, aber vielleicht kommt mir das auch nur so vor, weil sie neu ist. Ich will gerade weiter nach unten scrollen, um meine Theorie und mein seelisches Gleichgewicht auf die Probe zu stellen, als mein Handy in der oberen Schreibtischschublade vibriert, wo ich es während meiner Sitzungen immer aufbewahre. Heilfroh über die Ablenkung, nehme ich den Anruf an.

»Hallo?«

»Könnte ich bitte mit Charlotte Knopfler sprechen?«, fragt eine mir unbekannte Stimme in sehr förmlichem Ton.

»Am Apparat«, antworte ich leise, um meine Patientin nicht zu stören.

»Ma’am, mein Name ist Treat Allen. Ich rufe aus dem rechtsmedizinischen Institut von Suffolk County an.«

Die Welt um mich herum gerät ins Schwanken. Sprachlos höre ich zu, wie die Stimme fortfährt.

»Laut den uns vorliegenden Informationen sind Sie der Notfallkontakt einer Person, die bei uns eingeliefert wurde. Wir müssen Sie bitten, zu uns zu kommen und eine Identifizierung vorzunehmen. Wäre Ihnen das heute noch möglich?«

Sämtlicher Speichel in meinem Mund ist verdunstet, und ich spüre die ersten Vorboten einer Panikattacke. Ich beuge mich nach vorn, bis mein Kopf zwischen meinen Knien hängt und mein Zopf den Boden berührt.

»Wer …?« Ich kann meine Tränen nicht zurückhalten. Sie laufen über meine Stirn in meinen Haaransatz.

»Leider darf ich Ihnen keine weiteren Informationen geben, Ma’am. Wenn wir dieses Gespräch fortführen wollen, müssen Sie persönlich bei uns vorstellig werden. Soll ich Ihnen die Adresse nennen?«

»Ja.« Ich schnappe mir einen Stift und kritzle die Informationen auf die Rückseite einer meiner Visitenkarten. »Ich mache mich sofort auf den Weg.«

Zitternd greife ich mir das Handy, meine Tasche und meinen Schlüssel, nur um auf der Schwelle zur Praxis alles wieder fallen zu lassen. Nur mit äußerster Anstrengung gelingt es mir, nicht zusammenzubrechen und hemmungslos zu schluchzen. Peter. Ich weiß, dass er es ist. Meine große Liebe. Tot. Das Schlimmste ist eingetreten.

Mein Herz klopft wie rasend, und ich schaffe es kaum, die Tür zur Praxis abzuschließen. Als ich meinen grünen Prius sehe, hasse ich mich dafür, dass ich mich kurz zuvor noch über eine Belanglosigkeit wie einen günstig gelegenen Parkplatz gefreut habe. Jetzt werde ich infolge dieses vermeintlich glücklichen Zufalls nur noch schneller mit meiner größten Angst konfrontiert.

Meine Ohren schmerzen vom kalten Herbstwind, und ich erschauere unter Tränen. In der Eile habe ich meinen Mantel vergessen, beschließe aber, nicht noch einmal zurückzugehen. Ein paar zugedröhnte Teenager kommen an mir vorbei und brechen in irres Gelächter aus, ehe sie nebenan im China Panda verschwinden. Ich lasse den Motor an, versuche meine zitternden Hände zu beruhigen und wappne mich für die fünfzehnminütige Fahrt von Smithtown nach Stony Brook.

Der Nachmittagshimmel präsentiert einen Farbverlauf von hell nach dunkel. Es kommt mir viel später vor als siebzehn Uhr dreißig. Die ersten zehn Minuten fahre ich deutlich zu schnell und bremse auch nicht an gelben Ampeln, ehe mir siedend heiß einfällt, dass ich bei meinem panikartigen Aufbruch gar nicht mehr an Lucy gedacht habe. Sie liegt jetzt allein und mit lauter Nadeln im Körper in meiner zugesperrten Praxis.

Vollkommen aufgelöst fahre ich weiter, während ich gleichzeitig nach meinem Telefon taste, um Rachel anzurufen. Sie nimmt nicht ab. Ich höre die Verzweiflung in meiner Stimme, als ich ihr eine Nachricht auf die Mailbox spreche und hoffe, dass sie irgendwo in der Nähe ist und sie bald abhört. Kaum dass ich meine letzte Bitte ins Telefon gestammelt habe, öffnet der Himmel seine Schleusen, und ein sintflutartiger Regen geht auf mein Auto nieder. Wahrscheinlich ein Zeichen von oben, dass ich die Geschwindigkeit drosseln soll, bevor noch ein Unglück passiert. Doch die Angst hat mich leichtsinnig gemacht, und statt zu bremsen, überfahre ich auch die nächste dunkelgelbe Ampel. Ein aus der Gegenrichtung kommender Fahrer macht eine Vollbremsung und drückt auf die Hupe. Das Geräusch hallt unerträglich laut in meinem Kopf wider. Der Himmel hat sich verdunkelt, die Tropfen prasseln hart auf das Dach meines Wagens, und die Scheibenwischer sind kaum in der Lage, die Wassermassen lange genug beiseitezuschieben, damit ich wenigstens ein paar Zentimeter weit sehen kann. Mit jeder Wischbewegung bete ich, dass er wohlauf ist und die Sicht besser wird, aber stattdessen wird sie immer schlechter.

Katastrophen lauern auf allen Seiten.

Drei

Rachel

»Hast du jemandem davon erzählt?« Zögerlich nippt er an seinem heißen Kaffee, während er mich durch die Gläser seiner dunklen Brille mustert. Weil wir drinnen sitzen, sieht er aus wie ein Promi, der nicht erkannt werden will, oder noch treffender wie ein Gangster.

»Du bist der Einzige, der es weiß.« Ich blicke in meine Teetasse und ziehe am Faden des Beutels mit Hibiskusblüten.

»Rachel. Wir sind immer nur so krank wie unsere Geheimnisse.«

Seine Rolex reflektiert das Sonnenlicht, als er erneut einen Schluck trinkt. Übergelaufener Kaffee tropft vom Boden seiner Tasse auf den Tisch.

»Tja, wenn das so ist, bin ich wohl ein unheilbarer Fall«, entgegne ich, um Leichtigkeit bemüht, ehe ich mit meiner unbenutzten Serviette seine Kaffeepfütze aufwische.

Er runzelt die Stirn. »Ich finde nicht, dass jemand in deiner Lage Witze über das Sterben machen sollte. Du etwa?«

»Eigentlich ist mir egal, was du findest«, gebe ich zurück.

Er fängt meinen Blick ein. »Die Sache ist ernst.« Er faltet die Hände vor sich auf dem Tisch. »Hör auf mich. Das hier ist real.«

Ich atme tief ein, damit meine Lunge sich entspannt. »Glaubst du, das weiß ich nicht?« Meine Stimme bricht, und mir steigen Tränen in die Augen.

Zufrieden, dass ich meine Verletzlichkeit offenbart habe, lehnt er sich zurück. »Und was willst du dagegen unternehmen?«, fragt er laut.

Ich werfe einen Blick auf die anderen Gäste, die ihre Gespräche unterbrochen haben, um uns zuzuhören. »Mein Gott, sprich leiser.«

»Ich bin aufgewühlt«, sagt er gedämpft.

»Wir beide haben sehr unterschiedliche Haltungen zu dem Thema, das können wir wohl festhalten. Und ich will nicht immer wieder dieselbe Diskussion führen. Ich hätte es besser für mich behalten sollen.« Ich verstumme, als mir klar wird, dass ich ihn damit vielleicht wütend mache. »War nicht böse gemeint.«

Er zuckt mit den Schultern. »Um mich zu kränken, ist schon mehr nötig. Ein weiteres wichtiges Faktum über mich, das du eigentlich kennen solltest, ist, dass ich nicht die Angewohnheit habe, einfach so klein beizugeben.«

»Ich habe es dir doch schon gesagt. Das ist nicht verhandelbar«, wiederhole ich zum dritten Mal innerhalb einer Stunde.

»Ich will nicht, dass das mein Gewissen belastet. Abgesehen davon, dass ich dich irgendwie ganz gernhabe, lege ich Wert auf meinen Ruf. Wenn jemand rausfindet, dass ich so was zugelassen habe …«

»Niemand wird es rausfinden. Das ist doch gerade der Punkt von dem hier.« Ich deute auf ihn und dann auf mich. »Was wir untereinander besprechen, geht Außenstehende nichts an. So lautet die Abmachung.«

»Was ist mit Charlotte?«

Ich mag es nicht, wie sich sein Tonfall verändert, als er ihren Namen sagt. »Was ist mit ihr?«, frage ich abwehrend.

»Kann sie dir nicht helfen? Sie würde dir doch bestimmt gerne das Leben retten wollen.«

»Du bist übertrieben dramatisch und gemein.« Ich schüttle traurig den Kopf. »Das ist nicht ihre Baustelle.«

»Tja, aber der Person, deren Baustelle es eigentlich wäre, scheint das Ganze ja am Arsch vorbeizugehen.« Er fixiert mich mit einem bohrenden Blick.

Ich trommle nervös mit den Fingern auf die Tischplatte. »Sie würde das nicht gut verkraften.« Er schaut sich mein Getrommel müde an, und ich lasse meine Hand in den Schoß sinken.

»Wenn sie wirklich deine Freundin ist, wird sie dir helfen wollen«, widerspricht er.

»Sie wäre stinksauer auf mich. Sie und ich haben sehr unterschiedliche Meinungen darüber, wie man mit der Sache umgehen sollte.« Ich blicke aus dem Fenster und beobachte eine Weile den stetig vorbeifließenden Verkehr.

»Rachel, gerade jetzt sollte es dir doch wichtig sein, wahrhaftig zu leben, oder nicht?«, fragt er.

»Fang jetzt bloß nicht mit diesem Scheiß an«, fauche ich.

»Du hast so hart an dir gearbeitet.« Er schnalzt missbilligend mit der Zunge, und ich würde ihm am liebsten meine unbenutzte Gabel in die Hand rammen. »Geheimnisse machen alles nur noch schlimmer.«

»Gleich stehe ich auf und gehe«, drohe ich ihm.

»Was, wenn ich mit Charlotte rede? Es ihr auf rein fachlicher Ebene erkläre? Ich glaube, sie wird mich mögen; ich wirke sehr beruhigend auf Frauen.«

Mein Mund wird trocken.

»Wehe!« Ich knirsche mit den Zähnen und lege noch einmal nach. »Außerdem: Wenn du mein Geheimnis nicht für dich behältst, was sollte mich dann daran hindern, deins auszuplaudern?«

»Ich habe nichts zu verbergen.« Er lacht. »Ich bin ein offenes Buch.«

»Du hast nichts zu verbergen!«, wiederhole ich tonlos.

Er wird blass und will gerade etwas erwidern, als das Handy in meiner Tasche summt. Es ist schon das dritte Mal in den letzten zehn Minuten. Bisher habe ich es ignoriert, aber es fällt mir immer schwerer, mir keine Gedanken darüber zu machen, wer es sonst noch auf mich abgesehen haben könnte.

»Vielleicht solltest du rangehen?«, meint er hörbar irritiert.

Doch ich mache nichts. Es ist besser, ihn nicht weiter zu provozieren.

»Na los, schau nach, wer es ist. Es könnte eine Frage von Leben und Tod sein.«

»Du hast einen abartigen Humor, weißt du das?«, sage ich, ehe ich mein iPhone umdrehe. Er reagiert mit einem Achselzucken. Ich sehe, dass ich drei verpasste Anrufe und eine Textnachricht von Charlotte habe. Mir wird die Kehle eng, als ich die Nachricht lese und hastig eine Antwort tippe, ohne ihn vorher um Erlaubnis zu bitten.

»Alles in Ordnung?«, erkundigt er sich.

»Ich muss los. Tut mir leid. Es gibt ein Problem in der Praxis«, stammle ich.

»Charlotte?«, fragt er.

Ich sehe ihn böse an. »Sie braucht meine Hilfe.« Ich schnappe mir meine Handtasche und fische einen Zwanziger heraus, doch als ich ihm den Schein geben will, winkt er ab.

»Ich lasse es auf deine Rechnung setzen.« Er grinst schief.

»Meinetwegen«, gebe ich patzig zurück.

»Dieses Gespräch ist noch nicht zu Ende. Ich werde nicht lockerlassen.« Er meint jedes Wort ernst. Meine Hand ist bereits an der Tür, als er noch einen letzten Schuss in meine Richtung abfeuert.

»Rachel«, sagt er eindringlich. »Rette dich, solange du noch die Möglichkeit dazu hast.«

Vier

Silvestri

»Ms Knopfler?« Ich versuche eine herzliche, aber zugleich ernste Miene aufzusetzen, als die verstörte Frau mir auf dem Gang entgegenkommt. Das hier wird unter Garantie der schlimmste Teil meines Tages.

»Ja, ich bin Charlotte Knopfler.« Trotz ihres offensichtlichen Unbehagens ist ihr Händedruck fest, und sie schenkt mir ein Lächeln, das um einiges herzlicher ist, als man es von jemandem in ihrer Situation erwarten kann.

»Ms Knopfler, mein Name ist Detective Silvestri. Danke, dass Sie gekommen sind.« Wie es der Zufall will, hat sich der Trauerberater, der normalerweise für solche Gelegenheiten bereitsteht, ausgerechnet heute Morgen aufgrund eines Todesfalls in seiner Familie freigenommen, und Wolcott fahndet nach dem gestohlenen Lieferwagen einer Poolreinigungsfirma, sodass notgedrungen ich, die Feinfühligkeit in Person, dieser armen Frau bei der Trauerbewältigung helfen muss.

»Bitte, nennen Sie mich Charlotte.« Sie hat ihre dunkelblonden Haare zu einem ordentlichen Zopf geflochten und zu einem Knoten gedreht. Sie trägt weite Kleider und Slipper, und mir steigt der Duft von Kerzen und Räucherstäbchen in die Nase. Wahrscheinlich ist sie Masseurin oder Heilpraktikerin.

»Also gut, Charlotte. Ich erkläre Ihnen, wie alles ablaufen wird. Ich lasse Sie keinen Augenblick allein.« Ich biete ihr meinen Arm und lotse sie in Richtung des Sitzbereichs.

»Gehen wir jetzt zur Leiche?«, will sie wissen.

»Es ist ein bisschen anders, als Sie es aus den Krimiserien kennen.«

Wir werden von der Rechtsmedizinerin Fisk in Empfang genommen, die uns in den Warteraum begleitet und uns einen Platz anbietet. Ich bin heilfroh, dass noch eine Frau zugegen ist, damit sich Charlotte nicht ganz so unwohl fühlt. Mit ruhiger Stimme erkläre ich ihr, dass man ihr gleich ein Klemmbrett mit einem umgedrehten Foto reichen wird. Auf dem Foto sei lediglich das Gesicht des Verstorbenen vor dem Hintergrund eines blauen Lakens zu sehen, und es gebe keine Verletzungen, auf deren Anblick sie sich gefasst machen müsse. Ich betone auch, dass sie sich so viel Zeit nehmen kann, wie sie braucht, bevor sie das Foto umdreht.

Ich sehe, wie sie diese Informationen verarbeitet, und bin beeindruckt von ihrer Gefasstheit. Abgesehen davon, dass sie ziemlich hübsch ist, hat sie auch eine auffallend positive Ausstrahlung. Ihre Freundin liegt tot im Nebenraum, und trotzdem ist sie Fisk und mir gegenüber ganz aufmerksam, beinahe schon ehrerbietig. Ich kann mir gut vorstellen, wie sie unter normalen Umständen sein muss. Ein unglaublich zugewandter Mensch.

Ich beobachte sie aufmerksam, während sie das Foto umdreht und sich dazu zwingt, es anzuschauen. Ich registriere erst Erstaunen, dann Verwirrung in ihren Zügen, ehe sie ohnmächtig auf dem Stuhl zusammenbricht.

Das passiert mir nicht zum ersten Mal. Während meiner Zeit beim NYPD habe ich eine Frau begleitet, die eine verstorbene Angehörige identifizieren musste. Wir hatten mehrere Tage gebraucht, um die Schwester der Toten ausfindig zu machen, die bei einem Unfall mit Fahrerflucht ums Leben gekommen war, und dann mussten wir noch warten, bis sie von einem Besuch bei ihrem Freund in einem anderen Bundesstaat zurückkehrte. Als sie sich dann endlich zu uns bequemte, setzte ich mich mit ihr hin, während der Rechtsmediziner und die Trauerberaterin ihr das Prozedere auseinandersetzten.

Sie wirkte eher genervt als verängstigt und wurde mit der Zeit immer ungeduldiger und aggressiver, bis man ihr schließlich das Klemmbrett mit dem Foto reichte.