The Christmas Deal - Anjie Bray - E-Book

The Christmas Deal E-Book

Anjie Bray

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Beschreibung

Zwei Fremde, ein Deal – und ein Winter, der alles durcheinanderwirbelt. Charly will in New York neu anfangen und vor ihrer Vergangenheit untertauchen. Alles, was sie noch hat, ist ihre Musik – und die Sorge um James, den einzigen Menschen, dem sie wirklich vertraut. Ben, Anwalt mit Erbe in Sicht, braucht dringend eine "Partnerin", um seine Zukunft zu retten. Als die beiden zufällig aufeinandertreffen, entsteht ein Pakt: Charly gibt sich als Bens Freundin aus, dafür setzt er alles daran, James in einem entscheidenden Fall zu unterstützen. Keine Gefühle, keine Fragen. Klingt simpel – bis Manhattan im Weihnachtslicht glitzert, misslungene Fake-Küsse plötzlich echt wirken und ausgerechnet ihre Nähe das größte Chaos auslöst. Doch dunkle Geheimnisse lauern hinter jeder Ecke. Und dann steht die Frage im Raum: Was, wenn aus einem Deal etwas wird, das keiner geplant hat?

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Seitenzahl: 371

Veröffentlichungsjahr: 2025

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THE CHRISTMAS DEAL

WEIHNACHTSZAUBER IN NEW YORK

ANJIE BRAY

Bibliografische Angaben:

Alle externen Links wurden bis zum Zeitpunkt der Erstellung dieses Buchs geprüft. Etwaige spätere Änderungen können der Verlag oder die Autorin nicht beeinflussen. Deshalb sind die Haftung des Verlags sowie der Autorin ausgeschlossen.

Bibliografische Informationen der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.de abrufbar.

ISBN epub: 978-3-98640-202-0

ISBN Softcover: 978-3-98640-201-3

Text: Anjie Bray (Pseudonym)

Lektorat: Manuela Heilmann

Korrektorat: Mona Schnell | https://monaschnell.de/

Cover: Suku Tangan | https://sukutangan.com/

Satz & Layout: Manuela Heilmann

© 2025 Montagshappen Verlag UG (haftungsbeschränkt), Hamburg

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Jede Vervielfältigung, auch in Auszügen, ist ohne Zustimmung des Verlags oder der Autorin nicht zulässig und darf nur mit schriftlicher Genehmigung erfolgen.

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Für alle, die auf der Suche nach dem Glück sind.

Das Glück ist wie ein Schmetterling. Wenn wir es jagen, vermögen wir es nie zu fangen, aber wenn wir ganz ruhig innehalten, dann lässt es sich auf uns nieder.

INHALT

1. Charly

2. Ben

3. Charly

4. Ben

5. Charly

6. Ben

7. Charly

8. Ben

9. Charly

10. Ben

11. Charly

12. Ben

13. Charly

14. Ben

15. Charly

16. Ben

17. Charly

18. Ben

19. Charly

20. Ben

21. Charly

22. Ben

23. Charly

24. Ben

25. Charly

26. Ben

27. Charly

28. Ben

29. Charly

30. Ben

31. Charly

32. Ben

33. Charly

34. Ben

35. Charly

36. Ben

37. Charly

38. Ben

39. Charly

40. Ben

Epilog

Playlist

Danksagung

Über die Autorin

Über MH Novels

1

CHARLY

Das kann doch alles nicht wahr sein?!

Mittwoch, 28. November

»Silent night, holy night, all is calm, all is bright …« Ich sang mit klarer Stimme und zupfte an den Saiten der Gitarre, obwohl ich meine Finger kaum spürte.

Es war Ende November und ungewöhnlich kalt für diesen Monat. Die Leuchttafel über dem teuren Uhrenladen zeigte zwei Grad an. Der Himmel war grau. Ein paar vereinzelte Schneeflocken verließen ihr Zuhause und sanken langsam zu Boden.

Ich stand am Eingang des Madison Square Parks am hüfthohen schmiedeeisernen Zaun neben der Statue von William Henry Seward. Er war Gouverneur von New York und Außenminister der USA unter Lincoln und Johnson. Ihm verdankten wir Alaska. Genau hier, neben dem bronzenen Monument gegenüber dem Flatiron Building und Harry-Potter-Store hatte ich den idealen Standort gefunden. Er beflügelte meine Hoffnung auf ein paar Dollar mehr.

Um die Kälte aus mir zu vertreiben, bewegte ich mich beim Singen zur Musik. Die Einheimischen und Touristen eilten an mir vorbei. Manche schenkten mir mitleidige Blicke. Kein Wunder. Mit meiner zerrissenen blauen Jeans, der dünnen grauen Collegejacke, ohne Schal und Mütze, nur ein Paar vom Dreck gezeichnete Converse … Ich war nicht passend gekleidet für diese Jahreszeit.

Ein Mann blieb vor mir stehen. Seine Haare waren grau meliert und akkurat zur Seite gekämmt. Ein maßgeschneiderter dunkler Anzug lugte unter dem offenen Mantel hervor. Die goldene Uhr an seinem Handgelenk war eindeutig eine Rolex. Er schüttelte den Kopf und warf ein paar Kupfermünzen in meinen Koffer. Ich nickte ihm zu.

»Eine Taylor Swift wirst du nicht werden.«

Vor Schreck verriss ich die nächsten Töne und sah dabei in seine kalten, grauen Augen, die kaum vom New Yorker Wetter zu unterscheiden waren. Er grinste dreckig, drehte sich um und ging.

Was stimmte mit den Leuten nicht? Ich konnte singen! Sehr gut sogar. Ich hatte früher im Schulchor gesungen. Einmal gab ich dabei unsere Nationalhymne auf einem großen Sportevent meiner Highschool zum Besten. Ob es daran lag, dass alle im Stress waren?

Die Weihnachtszeit stand vor der Tür. Es waren knapp vier Wochen bis Heiligabend. Und ganz ehrlich? Ich hatte gehofft, dass die Menschen um diese Jahreszeit etwas spendabler seien. Aber ich war weit von einer reichen Ausbeute entfernt.

Ich überschlug grob die Münzen, die sich zu den sechs Scheinen mit George Washingtons Abbild gesellten. Zehn Dollar, wenn überhaupt.

Was ich mit dem Geld alles kaufen könnte …

Essen! Das reichte für zwei Cheeseburger und eine Coke aus dem Billigschuppen. Mit ein wenig Glück würde genug für ein Frühstück am nächsten Morgen übrig bleiben. Ich träumte von einem Cupcake aus der Magnolia Bakery, meiner Lieblingsbäckerei. Ich konnte den Zuckerschock kaum erwarten und schmeckte die samtene Buttercremefüllung im Schokoteig und das Vanille-Topping, für das noch echte Vanilleschoten verwendet wurden, schon auf der Zunge.

Sofort überkam mich ein schlechtes Gewissen und mein Mund wurde trocken. Ich musste das Geld dringend sparen, um mir eine wärmere Jacke im Secondhandladen zu kaufen. Nur ohne Essen brauchte ich keine neue Jacke. Dann brauchte ich bald gar nichts mehr …

Ich blies scharf Luft aus und nahm den Gurt der Gitarre von meiner Schulter. Dabei glitt mein Blick über die angrenzende Kreuzung. Das Flatiron Building wurde von der 5th Avenue und dem Broadway eingerahmt, die 23rd Street trennte es vom Park. Kleine Restaurants aller Preisklassen reihten sich in den Straßen neben teuren Läden ein. Ein riesiger Weihnachtsbaum stand auf dem Flatiron Plaza. Vor lauter hell leuchtenden Lämpchen sah man kaum das Grün des Baumes. Rote Schleifen verzierten die Laternen. In jedem Schaufenster hing Weihnachtsschmuck. Was für ein Prunk und Protz und ich musste zusehen, wie ich über die Runden kam.

Ich schüttelte den Kopf und sah in die andere Richtung. Zwei Teenager lachten laut und rannten auf mich zu. Wenigstens sie hatten Spaß. Ich beobachtete sie lächelnd und dachte an meine eigene Jugend zurück. Sofort setzte ein Ziehen in meiner Brust ein. So unbeschwert durfte ich nie sein. Es zählten nur Benehmen und Etikette.

Mit einem Mal schoss mir ein heftiger Schmerz durch die Schulter. Ich strauchelte, drückte mir die Gitarre vor den Bauch und landete gefühlt in Zeitlupe auf meinem Hintern. Der Junge, der mich geschubst hatte, lachte dreckig. Der andere bückte sich, griff in meinen Koffer und fischte das Geld heraus. Dann rannten sie weiter. Ihr triumphierend schauriges Gejohle drang an mein Ohr und verspottete mich.

»Das kann doch alles nicht wahr sein!?« Mir traten sofort die Tränen in die Augen. Wenigstens schien meine Gitarre heil geblieben zu sein.

Ich rappelte mich auf. Mein Hintern war feucht. Ich zupfte an der Jacke, in der Hoffnung, so den dunklen Fleck zu verstecken, und sah dabei in den Koffer. Frustriert schloss ich die Augen, öffnete sie wieder, doch das Bild blieb gleich: drei Quarter und acht Cent … Ganze dreiundachtzig Cent. Bye-bye, Essen. Bye-bye, neue Jacke.

Ich nahm die Münzen heraus, stopfte sie in die Hosentasche und legte meine Gitarre hinein. Dann wischte ich mir trotzig die Tränen von den Wangen. Vielleicht bekam ich dafür noch ein altes Brötchen beim Seven Eleven zwei Straßen weiter.

Mein Blick fiel auf die Leuchttafel des Uhrenladens. »Shit, schon kurz nach acht.« Ich hatte keine Zeit mehr, wenn ich für die Nacht einen Schlafplatz in James’ Stadthaus ergattern wollte. Schnell schloss ich den schwarzen Koffer und hing ihn mir wie einen Rucksack über die Schultern.

»Es tut mir leid, was dir passiert ist. Kann ich dir helfen oder dir etwas Gutes tun?« Eine tiefe, warme Stimme ertönte hinter mir, die sofort bis in mein Innerstes drang und mein Herz zum Flattern brachte.

Ich drehte mich um, musste den Kopf leicht anheben und vergaß das Atmen. Wow!

Ich war mit 1,77 m für eine Frau groß. Aber er? Er überragte mich um einen halben Kopf. Ein gepflegter Dreitagebart umspielte seine markanten Gesichtsknochen und vollen Lippen. Seine dunklen Haare erinnerten mich an heiße Schokolade. Eine feine Wolke aus Zedernholz mit einer Prise Zitrone stieg mir in die Nase.

»Wie viel Geld hast du heute gesammelt?«

Wieder hüpfte mein Herz und ein wohliger Schauer lief mir über den Rücken. Ich biss mir auf die Unterlippe. Ob ich es riskiere? Er trug einen perfekt sitzenden dunklen Anzug. Arm war er mit Sicherheit nicht. Nur was hätte ich davon, ihn anzulügen, außer ein schlechtes Gewissen? Aber anderseits … Ich brauchte das Geld so dringend.

»Knapp zwanzig Dollar«, log ich berechnend. Mit ein wenig Glück gab er mir zehn, selbst fünf wären besser als nichts.

Der Unbekannte nickte, zog sein Portemonnaie aus der Gesäßtasche und holte eine Zwanzig-Dollar-Note hervor. »Hier. Das ist eigentlich viel zu wenig. Du hast eine tolle Stimme.« Er reichte mir den Jackson, seine Finger streiften flüchtig meine und er zog sofort die Hand weg, so als hätte er sie aus Versehen berührt. Doch mir kletterte von der Berührung ein seichtes Kribbeln den Arm hinauf und traf mich in der Brust. Wie lauter kleine Ameisen suchte es sich einen Weg durch meinen Körper. Ich hielt den Atem an. Diese Berührung erwärmte mich. Sein intensiver Blick, dazu sein Lächeln, als hätte er etwas gefunden, das er gar nicht gesucht hatte.

In mir spannte sich alles an, ich holte tief Luft, nur um in kurze, flache Atemzüge auszubrechen. Er löste etwas in mir aus, das ich nicht kannte.

»Dan… Danke«, stammelte ich. »Das ist sehr nett von Ihnen. Ich muss jetzt los.« Ich musste hier weg. Weit weg. Zu James.

Ich stopfte den Schein in meine Jackentasche, drehte mich um und ging zwei Schritte vom Unbekannten weg. Doch er packte mich am Handgelenk und hielt mich zurück. »Verrate mir wenigstens deinen Namen.«

Ich schluckte und versteifte mich. Meinen echten Namen würde ich niemals preisgeben. Dann würde ich auffliegen und im schlimmsten Fall müsste ich zurück. Zurück in ein Leben, das ich hasste.

Sein Daumen streichelte sanft über die dünne Haut an der Innenseite meines Handgelenks. Das Prickeln rauschte in Lichtgeschwindigkeit durch mich und entlud sich als Pochen in meiner Mitte. Ich riss mich von ihm los, umklammerte die Stelle und bohrte meine Fingernägel hinein. Der Schmerz half mir, wieder zu mir selbst zu finden.

»Charly, ich heiße Charly.« Das war mein Spitzname. Der ließ keine Rückschlüsse auf meine wahre Identität zu.

Ich nickte ihm zu, drehte mich um und rannte davon. Er rief mir etwas hinterher, doch seine Worte wurden vom Lärm der Straße geschluckt.

2

BEN

Goldgräberinnen

Mittwoch, 28. November

»Charly, so warte doch!« Sie rannte weiter und verschwand im Eingang der U-Bahn. »Verdammt!« Ich stapfte mit dem Fuß auf den Boden und sah mich hektisch um. Vittorio, der den Truck des Eataly betreute, kurbelte die schwere Metallklappe herunter, um seinen Foodtruck zu verschließen. »Vittorio, warte!«, rief ich in seine Richtung und sprintete los. Er war der Grund, warum ich das Büro überhaupt verlassen hatte.

»Ben, ich hatte nicht mit dir gerechnet«, sagte er mit seinem typischen italienischen Akzent, der mir mittlerweile so vertraut war.

»Hast du noch was übrig? Egal was. Ich verhungere gleich.«

»Du arbeitest zu viel, Junge.«

»Das sagt genau der Richtige.«

Vittorio lachte und verschwand über die Treppe an der Seite im Truck. Er kam vor zwanzig Jahren mit seiner Frau in die USA, war um die fünfzig, leicht untersetzt und seine schwarzen Haare wurden in den letzten Jahren grauer und lichter. Seit zwei Jahren stand er hier. Ich holte mir regelmäßig seine leckeren Nudeln, zu denen er die ausgefallensten Saucen servierte. Sie schmeckten besser als in den meisten Fünf-Sterne-Restaurants.

»Zwei Portionen, bitte.«

Er streckte den Kopf aus der Tür und sah mich mit gerunzelter Stirn an. »Hast du endlich ein Date?«

»Nein, ich muss noch arbeiten. Wir stehen kurz vor einem großen Strafprozess am New York Supreme Court. Es gibt viel zu tun und ich kann meine Assistentin nicht verhungern lassen.«

»Cecilia … sie ist keine gute Frau für dich.« Er schüttelte den Kopf, zog sich zurück und ich hörte das Klappern der Deckel und eine Kelle, die über das Metall kratzte. Vittorio war neben ihr einer der wenigen, die mein Dilemma kannten.

»Ich will sie auch nicht heiraten. Sie ist charakterlich nicht mein Typ. Aber sie ist eine Koryphäe, wenn es darum geht, die richtigen Präzedenzfälle zu finden, und ein absolutes Arbeitstier.«

Er kam aus dem Wagen und drückte mir eine Tüte mit zwei Styroporboxen in die Hand. »Du hast nicht mehr viel Zeit, Ben. Wenn du deinen Vater nicht bald überzeugen kannst, verlierst du das, was dir am wertvollsten ist.«

»Ich weiß.« Zähneknirschend sah ich zu dem Gebäude, in dem unsere Kanzlei untergebracht war. Nur im achtunddreißigsten Stock brannte das Licht, alle anderen Fenster waren dunkel. Das würde wieder eine lange Nacht werden. »Danke für das Essen.« Ich drückte ihm das Geld in die Hand.

»Das ist zu viel, Ben, wie immer.«

»Führe deine Frau zum Essen aus. Ihr habt euch einen schönen Abend in Zweisamkeit verdient.«

»Und du passt auf die Kinder auf?«

»Deine Kinder brauchen keinen Babysitter mehr.« Ich lachte. Seine Zwillinge Mia und Pascale besuchten das College. »Grüße Stella von mir.«

Ich setzte zum Gehen an, als mir noch ein Gedanke durch den Kopf schoss. »Ach Vittorio, weißt du mehr über die junge Frau mit der Gitarre?«

»Nein, aber ihre Stimme wurde vom Wind ein paar Mal zu mir herübergeweht. Sie klang wie …«

»… ein Engel«, beendete ich seinen Satz. Das war, neben der Erinnerung an meine Verpflichtung, die das Lied in mir weckte, der Grund, warum ich stehen geblieben war. Normalerweise achtete ich nicht auf meine Umgebung. Es war ihre liebliche Stimme, die sich leise, aber deutlich vom New Yorker Lärm abhob, und so perfekt zu den Klängen der Gitarre passte, die sie sanft streichelte. Weich und warm, fast wie ein Sonnenuntergang auf der Haut.

»War sie schon öfter hier?«

»Das kann ich dir nicht so genau sagen, aber sie ist mir vor drei Tagen zum ersten Mal aufgefallen.« Er zuckte mit den Schultern und winkte mir zu.

Drei Tage, vielleicht schon länger … Warum war sie mir nicht eher aufgefallen?

Ich saß mit Cecilia im kleinen Konferenzraum und genoss das Essen. Die Nudeln und zarten, mundgerechten Hähnchenstücke waren von Rahmsauce umhüllt.

Sie plapperte zwischen den einzelnen Bissen. Doch ich hörte kaum zu.

Meine Gedanken kreisten um Charly! Ihre Stimme berührte etwas in mir, das ich längst vergessen glaubte. Vielleicht, weil sie echt klang in einer Welt, die berechnend war. Es zählten nur Ergebnisse und Geld, sowie Verpflichtungen, um an sein Ziel zu kommen. Sie weckte Erinnerungen, die mit Wünschen und Sehnsüchten verbunden waren. Nur waren diese wiederum gleichzeitig voller Ängste. Ängste, denen ich mich nicht stellen wollte. Denn sie bedeuteten Schmerz und Verlust.

»Hast du mir zugehört?« Cecilia strich mit ihren Fingerspitzen über meinen Oberarm.

»Ja, ja … Du hast neue Urteile gefunden, die helfen, die Verteidigung zu untermauern.«

»Genau. Ich habe sie in einer Mail zusammengefasst und verlinkt. So kannst du es problemlos nachlesen und in deine Strategie einbauen.«

»Danke, lass uns Feierabend machen. Ich sehe mir deine Recherchen zu Hause an.«

»Aber …«

»Kein aber. Ist dein Auto noch in der Werkstatt?«

Sie nickte zaghaft.

»Ich bring dich nach Hause.«

»Das ist so lieb von dir.« Sie klimperte mit ihren falschen Wimpern und warf mir dabei einen Blick zu, der auf andere gewiss sexy oder lasziv wirkte, doch ich seufzte. Sie zu fahren, war nicht meine beste Idee, aber ich war kein Unmensch. Die Straßen in der Stadt, die niemals schläft, konnten nachts gefährlich sein.

Ich hielt mit meiner BMW-Limousine vor einem sechsstöckigen Apartmenthaus in Queens. Zum Glück waren um diese Uhrzeit die Straßen nicht mehr sonderlich voll, sodass die Fahrt nicht allzu lange gedauert hatte.

»Möchtest du noch mit reinkommen? Wir könnten uns zusammen die Urteile anschauen.«

»Nein, Cecilia, es ist schon spät. Ich brauche dich morgen wieder fit und ausgeschlafen in der Kanzlei.«

Sie legte ihre Hand auf meinen Oberschenkel und fuhr langsam in Richtung meines Schritts. »Du weißt, ich helfe dir gern bei all deinen Problemen …« Diese Geste löste absolut nichts bei mir aus.

Ich nahm ihre Hand von mir und hielt sie fest. »Cecilia …«, setzte ich an, doch sie unterbrach mich sofort.

»Hast du das denn heute nicht gespürt? Es hat sich wie ein Date angefühlt. Das Essen, die Fahrt nach Hause …«

»Stopp«, sagte ich schneidend. »Das war kein Date. Ich gehe nicht mit Angestellten aus.«

Sie zuckte zusammen, entzog mir ihre Hand und verschränkte die Finger auf ihrem Schoß.

»Wenn du nicht in der Lage bist, das Ganze zwischen uns rein beruflich zu sehen, dann solltest du dir einen neuen Job suchen.«

Sie nickte und schniefte kurz, bevor sie zu mir aufsah. »Es tut mir leid, Ben. Ich weiß, du willst mich nicht. Du sollst nur wissen, dass ich für dich da bin, wenn es gar keine andere Lösung gibt. Du bist ein guter Mensch und verdienst es nicht, deine Wünsche aufzugeben.«

»Selbst wenn … Du kennst die Firmenpolitik. Keine Beziehungen am Arbeitsplatz. Mein Vater ist, was das angeht, sehr konsequent.«

»Meinst du?«

»Ja. Er würde dich trotz deiner hervorragenden Arbeitsleistungen sofort feuern. Das bedeutet den Verlust deines jetzigen Lebensstils.«

»Dafür hätte ich dich. Es würde mir an nichts fehlen«, murmelte sie, doch ich verstand jedes Wort und umklammerte das Lenkrad fester.

»Gute Nacht, Cecilia«, sagte ich mit harter, kalter Stimme.

Sie stieg aus, beugte sich herab und sah ins Auto. »Aber der Bonus bleibt, wenn wir den Fall gewinnen, oder?«

»Natürlich.« Endlich schloss sie die Tür und ich drückte aufs Gas. Der Motor heulte auf, das Auto zuckte kurz, dann wurde ich in den Sitz gepresst. Nur schnell weg hier. Sie war definitiv keine Frau fürs Leben.

Ich hatte sie einmal dabei erwischt, wie sie meinen Nachnamen übte. Jeston. Wenn ich mich damals nicht bei ihr verplappert hätte, wer weiß, ob sie je auf die Idee gekommen wäre, sich als Frau an meiner Seite zu sehen. Sie liebte teure Kleidung, trug auffallend viel Schmuck und war stark geschminkt. Ihr Gehalt war üppig. Dennoch träumte sie von einem Leben in noch mehr Reichtum. Sie ließ nichts unversucht, mich mit zu kurzen Röcken oder tief ausgeschnittenen Blusen von ihren Reizen zu überzeugen. Aber ich mochte keine Frauen, die sich unverhohlen anbiederten und für Geld alles taten. Wenn sie nicht so effizient in ihrem Job wäre …

Ich brauchte definitiv eine andere Lösung für mein Problem.

3

CHARLY

Harry-Potter-Vibes

Mittwoch, 28. November

Ich nahm zwei Stufen auf einmal zur U-Bahn. Der silberne Zug fuhr gerade ein. Ich sah mich um, entdeckte aber weder Sicherheitspersonal noch Polizei. Mit einem Satz sprang ich über das Drehkreuz, rannte zur Tür und huschte hindurch, bevor sie sich hinter mir schloss. Ich atmete tief durch, ließ mich auf einen leeren Sitz neben der Tür fallen und versuchte, mein rasendes Herz unter Kontrolle zu bekommen. Bis jetzt hatte ich Glück und wurde nie erwischt. Die Frage war nur, wie lange das anhalten würde. Aber knapp drei Dollar für eine Fahrt waren heftig. Das konnte ich mir nicht leisten.

Ich behielt die Anzeigetafel fest im Blick, obwohl ich das Netz auswendig kannte. Fünf Stationen, einmal umsteigen, eine Station … dann war ich in Hell’s Kitchen, einem Stadtteil von Manhattan.

Als ich ausstieg, glitt mein Blick erneut zur Uhr. Gleich halb neun. Oh fuck.

Ich sprintete an den letzten drei Blocks vorbei. Es war ein Slalomlauf, vorbei an den Menschen, die soeben die kleinen Läden verließen oder mitten auf dem Weg standen und ein Schwätzchen hielten. Ein Hund riss sich von seinem Besitzer los und stürmte mir kläffend hinterher, bis ein Pfiff ertönte.

Völlig aus der Puste kam ich dem mir so vertrauten vierstöckigen Stadthaus näher. Die New Yorker nannten es liebevoll Brownstone. Die Front war aus braunem Sandstein, wirkte warm und rau. Eine elegante Treppe mit sieben Stufen führte zur Eingangstür. Sie wurde von kunstvoll verzierten, gusseisernen Geländern flankiert. Die Fenster waren hoch und schmal, an den ehemals weißen Holzrahmen nagte sichtbar der Zahn der Zeit. Sein Besitzer stand am oberen Ende und sah sich um.

»James, warte!« Keuchend kam ich am unteren Ende der Treppe zum Stehen, beugte mich nach vorn und stützte mich mit den Händen an den Oberschenkeln ab.

»Da bist du ja, Kleine. Ich war mir nicht sicher, ob du noch kommst.«

»Ich wurde aufgehalten.«

»Dann hast du Glück gehabt. Ich wollte soeben abschließen.« Ich sah zu ihm auf und erklomm die Stufen. Er hielt mir einladend die Tür auf und ich schlüpfte in das Innere des Gebäudes. Die hohen Decken waren mit Stuck verziert, die Dielen knarrten mit jedem Schritt und aus dem alten Marmorkamin knisterte es. »Hast du Hunger? Ich habe eine Kleinigkeit zum Essen für dich aufgehoben.« Mein Magen knurrte laut zur Bestätigung, was James ein Lachen entlockte. »Komm mit.«

Ich folgte ihm durch den lang gezogenen Raum, vorbei an der Treppe, die nach oben führte. Im hinteren Teil waren die Küche sowie ein großer alter Eichentisch mit zwei passenden Sitzbänken. Ich streifte mir die Gitarre von den Schultern, legte sie auf die Bank und setzte mich. James kam mit einem Glas Wasser und einem Teller zu mir, stellte beides vor mir hin. Rasch wickelte ich die Folie ab und quietschte vergnügt. »Thunfisch.«

»Ich weiß doch, was du magst.« Er setzte sich zu mir und sah mir dabei zu, wie ich genüsslich das Sandwich vertilgte.

Ohne James wäre ich in New York verloren. Ich erinnerte mich an unsere erste Begegnung, als wäre sie gestern gewesen. Dabei war ich seit fast einem Jahr hier.

Rückblick

Ich stand mitten in der Nacht am Geländer des Pier 97. Meine Klamotten waren vom heftigen Schneefall durchgeweicht und ich völlig durchgefroren. Ich starrte auf die tobenden Wellen und vergoss leise Tränen. Vierzehn Tage war ich jetzt hier und hatte überlebt. Aber zu welchem Preis? Es war eine Sache, sich ein selbstbestimmtes Leben in Freiheit vorzustellen. Doch sich der bitteren Realität zu stellen eine andere. Ich war allein dazu gar nicht in der Lage.

Ein Mann, so um die sechzig, groß, schlank, mit grauen Haaren in einer alten Militärjacke blieb neben mir stehen und stützte sich mit den Unterarmen auf dem Geländer ab. Er sah in die Ferne. »Alles okay bei dir?«

Ich reagierte nicht, wünschte mir unsichtbar zu sein.

»Weißt du, welche Dämonen dich auch immer verfolgen, du musst nicht allein kämpfen. Es sind mehr Menschen in deiner Situation, als dir wahrscheinlich bewusst ist.«

Ich wischte mit dem Ärmel der Jacke über meine laufende Nase und er reichte mir ein Taschentuch.

»Danke«, murmelte ich und rieb mir gleich noch die Tränen von den Wangen.

»Lass uns ein Stück laufen, es ist zu kalt, um an einem Ort zu verweilen.«

Die ersten Meter legten wir schweigend zurück. Der Wind frischte auf und ich zog die Jacke etwas höher.

»Normalerweise verlasse ich das Haus abends nicht mehr. Aber heute … Ich weiß nicht.«

Ich wartete darauf, dass er weitersprach, und blieb stehen. Er stellte sich vor mich, nahm meine Hand und umschloss sie mit seinen. Die Wärme, die sie mir schenkten, gaben mir ein Stück Sicherheit.

»Heute hatte ich eine innere Unruhe in mir. Ich hatte das Gefühl, dass hier draußen jemand Hilfe braucht.«

Zögerlich nickte ich. »Ich bin Charly«, flüsterte ich.

»James O’Leary.«

Wir liefen schweigend weiter, der Schnee knirschte unter seinen dicken Stiefeln.

»Ich wohne nicht weit von hier in einem Stadthaus. Jeden Abend öffne ich meine Tür und nehme Veteranen von der Straße auf. Sie bekommen kostenfrei ein Bett, etwas zu essen und eine Dusche.«

»Warum Veteranen?«, fragte ich. Meine Neugier war geweckt.

»Ich bin ein ehemaliger Offizier des Marine Corps. Die meisten von ihnen hatten unter mir gedient. Nur hatte nicht jeder das Glück, in ein geregeltes Leben zurückzukehren.« Er hielt inne und sah mich an. »Kennst du das Motto der Marines?«

Ich schüttelte den Kopf. Bisher hatte ich noch keinen Marine getroffen. Mein Interesse an unseren Streitkräften lag bei null.

»Semper Fidelis, das heißt so viel wie immer treu. Und das sind wir untereinander. Deswegen helfe ich ihnen. Ich habe keine eigene Familie, sie sind es.«

»Das klingt schön«, sagte ich mit einem Seufzen.

»Wenn du magst, zeige ich es dir.«

»Ich bin kein Veteran. Nur ein dummes naives Mädchen, das von zu Hause abgehauen ist, weil es sich nicht den Zwängen eines vorgefertigten Lebens aussetzen wollte.«

»Das macht nichts. Ich habe trotzdem ein Bett frei und ich glaube, es ruft nach dir.« Er hielt mir seinen Arm hin.

Ich zögerte. So selbstlos war niemand. Mir wurde früh beigebracht, dass man nicht mit fremden Männern mitging. Schon gar nicht, wenn sie mit Süßigkeiten lockten, oder wie in meinem Fall mit einer Dusche und einem Bett. Aber ich musste mir auch eingestehen, dass ich es allein nicht schaffen würde. Ich war am Boden angekommen, völlig verzweifelt. Mir war in dem Moment alles egal, auch, dass es der größte Fehler meines Lebens sein könnte. Ich hakte mich bei ihm ein und ging mit ihm. Das war meine erste Nacht, die ich nicht auf der Straße verbracht hatte.

Ich schluckte den letzten Bissen des Sandwichs herunter und sah ihn an. »Danke, das hat so gutgetan.«

Er legte seinen Arm um mich und zog mich an seine Seite. Er erinnerte mich mit seiner verständnisvollen Art immer an einen Großvater, wie ich ihn mir gewünscht hatte. »Ich habe heute leider kein Bett mehr für dich. Don hat das Einzelzimmer im dritten Stock bekommen.«

Ich nickte und lächelte ihn an. »Das passt schon. Wer zu spät kommt …«

»Aber ich habe die kleine Kammer auf meiner Etage unter der Treppe hergerichtet. Ich habe sogar ein kleines Nachtlicht besorgt. Also, wenn du möchtest …«

»Ja, cool, auf jeden Fall. Ich wollte schon immer mal eine Nacht mit Harry Potter Vibes erleben«, sagte ich und gluckste los.

James drückte mir einen Kuss auf die Schläfe. »Verliere deinen Optimismus nicht.«

»Niemals, versprochen.«

»Du kannst mein Bad benutzen.« Er stand auf, nahm mein Geschirr vom Tisch und stellte es in die Spüle. Ich eilte in die zweite Etage, die James vorbehalten war, öffnete die Tür zur Kammer und schmunzelte. Eine dicke Matratze füllte den kompletten Raum aus. Sie war mit einem roten Laken bezogen und … Meine Augen wurden riesig und ich lachte laut los.

»Die wurde für drei Dollar bei Target verscherbelt. Da konnte ich nicht dran vorbeigehen. Und zu dir passt sie besser als zu Don.« James stand inzwischen neben mir.

Ich beruhigte mich und umarmte ihn. »Danke für deinen Einsatz. Ich liebe die Harry-Potter-Bettwäsche jetzt schon. Das wird eine ganz tolle Nacht werden.«

»Hier, deine Sachen. Es ist alles frisch gewaschen.« Er zwinkerte mir zu und drückte mir einen schwarzen Stoffsack in die Hand. In dem bewahrte ich einmal Wechselwäsche und ein Duschgel auf. Diesen ließ ich bei ihm, nachdem ich mehrmals beklaut wurde und nur mühsam Ersatz beschaffen konnte. Nur eine Zahnbürste, Zahnpasta, einen Kamm und einen Deoroller trug ich immer bei mir. Sie fanden Platz in einem kleinen Extrafach im Gitarrenkoffer.

»Ich habe auch etwas für dich, James.« Ich holte den Zwanziger aus meiner Jackentasche und hielt ihn vor seine Nase. Fragend zog er die Augenbrauen zusammen und ich atmete tief durch. Bei ihm brauchte ich mein ganzes Verhandlungsgeschick, damit er einen Teil davon annahm. »Teilen wir? Ich würde gern die Hälfte behalten, der Rest ist für dich.«

James schüttelte energisch den Kopf. »Auf gar keinen Fall, behalte dein Geld.«

»Du steckst jeden Cent in das Haus, die Ausstattung und das Essen, um Bedürftigen wie mir zu helfen. Es lief richtig gut heute und morgen ist ein neuer Tag, um etwas zu verdienen.«

»Ach Kleine, du hast doch selbst nichts.« Er legte mir mitfühlend die Hand auf die Schulter.

Okay, es wurde Zeit für die schweren Geschütze. Einen Veteranen wie James musste man anders zu seinem Glück zwingen. Ich sah ihn herausfordernd an und legte meine Finger so um den Schein, als wollte ich ihn zerreißen. »Wenn du nicht wechselst, dann …«

»Wie kann man nur so stur sein.« Er griff in seine Hosentasche und holte einen Zehner heraus. »Hier, du gibst ja doch keine Ruhe.«

Triumphierend nahm ich ihm den Schein ab und drückte ihm meinen in die Hand.

»Ich hoffe du findest dein Glück bald. Du gehörst nicht in unsere Welt mit deinem großen Herzen. Aber du wirst hier immer willkommen sein.« Er drückte mir einen väterlichen Kuss auf die Stirn und ich umarmte ihn. »Wenn du fertig bist, dann komm mit deiner Gitarre nach unten ans Feuer und leiste uns Gesellschaft.«

»Sehr gern.« Ich liebte die gemütlichen Abende bei James am knisternden Kamin. Meistens spielte ich eine Melodie leise im Hintergrund und lauschte den Gesprächen der Veteranen. Ihre Geschichten waren so verschieden und doch gleich. Vor allem mochte ich die Erzählungen, wenn es um Flugzeugträger ging. James hatte eine Menge davon auf Lager, selbst heute noch. Tagsüber arbeitete er auf der USS Intrepid. Das war ein ausrangierter Flugzeugträger, der vor der Verrottung bewahrt wurde und jetzt als Museumsschiff diente.

Kurz vor Mitternacht kroch ich in die kleine Kammer und wickelte mich in die Harry-Potter-Decke ein, die nach Frühling duftete. Meine Gedanken drifteten zu dem Fremden. Er hatte mit Sicherheit alles, was man sich wünschte: eine tolle Frau, Kinder, einen erfüllenden Job, ein liebevolles Zuhause …

Je mehr ich an ihn dachte, desto mehr sah ich mich in dieser Rolle und schreckte hoch. Mein Herz sprintete, meine Haut war von einem leichten Schweißfilm überzogen. Zwischen meinen Beinen pochte es sanft. Ich widerstand dem Drang, mich selbst anzufassen, um das kribbelnde Gefühl zu lindern. Es musste eine logische Erklärung für meine Fantasien geben. Vermutlich reagierte ich so, weil irgendwo in meinem verlorenen Herzen noch ein Funke Hoffnung auf ein besseres Leben glühte und der Fremde es mit seiner rauen Stimme geschafft hatte, ihn aufflammen zu lassen.

4

BEN

Projekt Ehefrau

Donnerstag, 29. November

Ich saß in meinem Eckbüro ohne den Blick auf das Flatiron Building schweifen zu lassen. Seit zwanzig Minuten starrte ich auf dieselbe Seite vor mir. Ich war kein Stück mit dem Lesen vorangekommen, meine Konzentration hatte bereits Feierabend gemacht und ich konnte nicht einmal sagen, warum.

»Steht die Verteidigung für den Hemmerlin-Fall? Die Verhandlung beginnt am Montag.«

Ich zuckte zusammen und sah auf. Mein Vater stand im Türrahmen, die Arme verschränkt, die Lippen zu einer dünnen Linie gepresst.

»Ja, sie ist solide aufgebaut. Cecilia hat noch zwei Urteile gefunden, die ich gerade lese. Sie werden helfen, die Strategie zu festigen. Ich denke aber, wir können die Jury so oder so auf unsere Seite ziehen.«

Ein zischender Laut verließ seine Kehle. Er betrat mit kräftigen Schritten mein Büro und ließ sich auf dem Lederstuhl vor meinem großen Schreibtisch aus Mahagoni nieder. Ich lehnte mich ein Stück zurück, brachte Abstand zwischen uns.

»Sicher, dass du liest? Du siehst eher so aus, als würdest du mit offenen Augen träumen.«

»Ich bin in Gedanken nur meine Eröffnungsrede durchgegangen«, krächzte ich und griff an den Knoten meiner Krawatte. Ich lockerte ihn etwas, in der Hoffnung, den Kloß in meiner Kehle loszuwerden.

»Was macht das Projekt Ehefrau?«

Ich verdrehte die Augen und fuhr mir mit der Hand über mein Gesicht. »Dad, ich habe noch neun Monate Zeit.«

»Die werden schneller vorbei sein, als dir lieb ist und dann entscheide ich nicht nur, wie es mit der Kanzlei weitergeht, sondern mir wird das Erbe gehören.« Er grinste dreckig. Für ihn war das Erbe seines Vaters nur eine Möglichkeit, mehr Kohle zu scheffeln. Für mich war es von Bedeutung. Ich verknüpfte die wertvollsten Erinnerungen damit.

»Junge, ich weiß, wie sehr du an dem alten Kasten hängst. Also werde ich dir helfen.«

»Du willst mir helfen?« Die Frage hätte ich mir sparen können. Mein Vater und helfen? Nie im Leben. Ich musste mir alles allein erkämpfen und hart erarbeiten. Er schenkte mir nichts. Die Studiengebühren hatte er nur vorgestreckt. In den ersten drei Jahren in der Kanzlei hatte ich einen Teil meiner Honorare an ihn abgetreten, um meine Schulden zu begleichen. Wenigstens war er so gnädig gewesen und hatte keine Zinsen von mir verlangt.

»Ich habe ein Date für dich arrangiert. Melody Parker wird um 17.30 Uhr unten in der Lobby auf dich warten. Im Cava ist ein Tisch für euch reserviert. Sie liebt mediterranes Essen.«

Melody Parker, der Name kam mir bekannt vor. »Ist sie nicht die Tochter von William Parker, deinem Mandanten?«

»Richtig. Sie war neulich hier, ihr hattet euch nett unterhalten.«

»Ist das dein Ernst? Sie kann nicht älter als fünfzehn sein.«

»Neunzehn. Sie studiert Kunstgeschichte an der NYU.«

»Das sind zehn Jahre«, rief ich entsetzt und löste vollends die Krawatte von meinem Hals.

»Aber sie ist ein echter Hingucker. Diese langen blonden Haare, eine Figur wie eine Barbiepuppe … Wenn ich nur jünger wäre …« Er leckte sich über die Lippen und ich schüttelte mich vor Ekel.

»Dann geh du doch mit ihr aus. Das Alter deiner Begleiterinnen schert dich sonst auch nicht. Außerdem …« Ich brauchte dringend eine Ausrede. »Außerdem empfinde ich das als unethisch, solange ihr Vater dein Mandant ist.«

»Na was für ein Glück, dass die Anklage heute den Fall gegen ihn zurückgezogen hat.«

»Nein, Dad.«

»Benjamin Theodore Jeston, du gehst. Keine Widerrede. Ansonsten suche ich nach Lücken im Testament. Du weißt, ich finde immer einen Weg, das zu bekommen, was ich will.«

Ich schloss für einen Moment die Augen und atmete geräuschvoll aus. Wie ich es hasste, wenn er meinen vollen Namen verwendete. Aber nicht nur das, nein, mein Dad sprach nie leere Drohungen aus.

»Schon gut, ich gehe. Aber erwarte nicht zu viel von mir. Sie ist noch ein Kind.«

Er nickte mir zu und ließ mich allein. Ich rieb mir über die Schläfen und stöhnte auf.

»Alles in Ordnung, Boss?« Cecilia sah mich mit einer Mischung aus Besorgnis und Sehnsucht an. »Die Tür war auf, ich habe alles gehört. Mein Angebot von gestern steht noch.«

»Raus!«, brüllte ich sie an und keine Sekunde später fiel die Bürotür mit einem lauten Knall ins Schloss. Entnervt ließ ich meinen Kopf auf die Tischplatte sinken.

Punkt 17.30 Uhr stand ich in der Lobby des Gebäudes und sah mich um. Von der Blondine fehlte jede Spur. Ich setzte mich auf einen der Sessel, griff nach der New York Times, die auf dem Tisch lag, und blätterte lustlos darin umher.

»Tut mir leid, ich bin zu spät. Ich wusste nicht, was ich anziehen sollte.«

Ich legte betont langsam die Zeitung zurück und stand auf. Dann sah ich auf die Uhr. »Ich hasse Unpünktlichkeit.«

»Es sind doch nur dreißig Minuten«, wiegelte sie mit einer Handbewegung ab und verdrehte die Augen. »Schönheit braucht ihre Zeit.«

Ich sah an ihr herab. Ob sie unter dem roten Mantel überhaupt etwas trug? Der war schon kurz, doch den Saum eines Kleides oder Rockes konnte ich nicht entdecken. Dafür fielen mir die vielen goldenen Armreifen an ihren Handgelenken auf. An jedem Finger, selbst an den Daumen, waren Ringe. Sie war stark geschminkt, die Lippen hatten die gleiche Farbe wie der Mantel.

»Lass uns gehen.« Ich ging auf die Drehtür des Gebäudes zu.

»Wir laufen?«

»Ja, das Restaurant ist nur eine halbe Meile entfernt, wenn wir durch den Park gehen.«

»Nein, bloß nicht. Nicht in diesen Schuhen, das sind echte Manolos.«

Genervt schnaubte ich aus und wischte mir mit der Hand über das Gesicht, bevor ich mich zu ihr drehte und sie mit gefurchter Stirn anstarrte. »Hör zu, Melody. Entweder wir laufen und gehen essen oder ich rufe dir ein Taxi und du fährst nach Hause.«

Sie verzog den Mund und stolzierte auf mich zu. Wir verließen das Hochhaus und liefen schweigend durch den Park. Ich nutzte die Möglichkeit und konzentrierte mich auf die Umgebungsgeräusche. Als ich die ersten Klänge einer Gitarre vernahm, zuckten meine Mundwinkel nach oben. Das musste Charly sein.

Ich führte Melody in die Richtung und blieb etwas abseits stehen. Erst war ich irritiert. Sie trug die gleichen Klamotten wie gestern. Doch bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, verlor ich mich in dem Lied The Little Drummer Boy. Eine Gänsehaut lief mir über den Rücken und ich blinzelte mit Mühe eine Träne zurück. Das Lied weckte Erinnerungen. Mit einem Lächeln dachte ich an meine Kindheit, meine Großeltern und den Weihnachtsbaum zurück.

»Können wir weiter? Mir ist kalt.« Melodys piepsige Stimme drang an mein Ohr und ich seufzte.

»Vergessen den Wetterbericht zu checken?« Ein junger Mann stand neben uns. Er sah sie belustigt an und mir huschte ein Schmunzeln über die Lippen.

Melody schnappte nach Luft und griff an meinen Arm. »Ben, nun sag doch was.«

»Wo er recht hat«, murmelte ich in mich hinein.

Charly hockte sich hin und packte die Gitarre in den Koffer. Ich wand mich aus Melodys Griff und ging auf sie zu. »Hallo Charly. Das war wieder wunderschön.«

Sie sah zu mir auf. »Hallo Fremder«, hauchte sie und biss sich auf die Unterlippe. Das war süß.

Langsam stand sie auf und schnallte sich den Koffer auf den Rücken. »Hier, das ist für dich.« Ich reichte ihr wie gestern einen Jackson rüber. »Bist du morgen auch wieder hier?«

Sie zuckte mit den Schultern und nahm mir den Schein ab. »Wer weiß?!« Sie drehte sich um und lief in Richtung U-Bahn. Dann stoppte sie und sah über ihre Schulter zu mir zurück. »Danke.«

»Bis morgen«, rief ich ihr hinterher. Sie zwinkerte als Antwort, bevor sie in den Tiefen des U-Bahn-Netzes verschwand.

Ich drehte mich zurück zu Melody. Sie stand mit verschränkten Armen vor mir. Der Absatz ihrer hohen Hacken trommelte auf dem Boden. Die armen Manolos.

»Was war das denn bitte?«, fauchte sie mich an und ich hob eine Augenbraue. »Hast du ihr wirklich einen Zwanziger zugesteckt? Wieso das denn?«

»Warum nicht? Mir gefällt ihre Musik. Sie hat eine tolle Stimme. Außerdem ist es mein Geld.«

»Ich finde das erbärmlich, Menschen so offensichtlich anzubetteln, und du fällst auch noch darauf rein. Ich habe dich für schlauer gehalten.«

Mir entglitt ein knurrender Laut. »Du hast keine Ahnung vom wahren Leben, oder? Nicht jeder wird mit einem goldenen Löffel im Mund geboren. Es gibt Menschen, die müssen für ihren Lebensunterhalt hart arbeiten und bekommen keine Manolos von ihrem Dad in den Arsch geschoben.« Ich wartete auf eine Reaktion, doch die blieb aus. »Du kannst das Wort arbeiten wahrscheinlich nicht einmal buchstabieren, geschweige denn weißt du, was es bedeutet, sich die Hände schmutzig zu machen.«

Ihre Augen wurden groß und sie inspizierte ihre rot lackierten Krallen, die alles andere als natürlich aussahen. Diese Frau widerte mich an.

»Wir sind fertig hier.« Ich griff ihr an den Oberarm und zog sie in Richtung Hauptstraße.

»Ben, was wird das? Du kannst mich nicht einfach so mitschleifen.«

An der Straße sah ich mich um. Als hätte das Universum meine Wünsche erhört, fuhr ein Yellow Cab auf uns zu, welches ich sofort heranwinkte. Es stoppte mit quietschenden Rädern neben uns. Ich öffnete die hintere Tür und hielt sie ihr einladend auf. »Gib dem Fahrer bitte deine Adresse.«

Sie stieg mit gerümpfter Nase ein und schnallte sich an. »Third Ecke 59th.«

»Reichen dafür zwanzig Dollar? Das ist am südlichen Ende der Upper East Side«, rief ich ins Taxi hinein und der Fahrer nickte. Ich schob ihm das Geld durch die Öffnung der zerkratzten Plexiglasscheibe zu.

»Gute Nacht, Melody.«

Sie antwortete nicht, hob nur trotzig ihr Kinn an. Ich schloss die Tür und sah dem Taxi so lange nach, bis die Rücklichter aus meinem Sichtfeld verschwanden.

Ich schlenderte rüber zu Vittorio, stellte mich an die Seite des Trucks und wartete, bis er ein Pärchen bedient hatte.

»Hunger?«, rief er mir zu und ich seufzte.

»Ja, mein Date zum Abendessen ist geplatzt.«

»Oh, das klingt, als bräuchtest du Vittorios Speciale. War es so schlimm?«

»Keine Ahnung, wir haben es nicht einmal bis zum Restaurant geschafft. Manchmal beneide ich dich um dein einfaches, wenn auch hartes, Leben. Du hast eine Familie und eine Frau, die dich liebt.«

»Ach Ben, du wirst auch eines Tages die Richtige finden, glaube mir.« Er füllte eine großzügige Portion Farfalle in die Styroporbox, mixte ein paar seiner Saucen zusammen und bedeckte die Nudeln damit. Ich hatte keine Ahnung, was er da tat, aber ich vertraute ihm. Sein Essen hatte mich noch nie enttäuscht. Er verschloss den Behälter sorgfältig und legte etwas von dem leckeren Ciabatta oben auf, bevor er mir die Tüte reichte.

»Kannst du mir einen Gefallen tun?«, fragte ich, während ich ihm einen Fünfziger in die Hand drückte. Er nickte und suchte das Wechselgeld zusammen. »Behalte bitte den Rest und bringe der Frau mit der Gitarre etwas von deinem leckeren Essen, falls sie in den nächsten Tagen wieder da ist. Aber verrate ihr nicht, dass es von mir kommt.«

Er grinste. »Ich werde schweigen wie ein Grab.«

»Danke. Gute Nacht.«

Er winkte mir zum Abschied und ich ging mit schnellen Schritten durch den Park zurück in die Kanzlei. Ich riss, ohne anzuklopfen, die schwere, mit schwarzem Leder bezogene Bürotür meines Vaters auf. Zum Glück war er allein.

»Auch auf die Gefahr hin, dass du einen Mandanten verlierst … aber ich habe die Tochter von Parker abserviert. Ich habe keinen Bock auf kleine, von Daddy verwöhnte Barbiepuppen und das weißt du genau. Hilf mir nie wieder. Ich bekomme das allein hin.«

Ohne auf seine Antwort zu warten, verzog ich mich in mein Büro und verdrückte die leckeren Nudeln.

Mein Dad hatte recht. Viel Zeit war nicht mehr, um seine und die Bedingung meines Grandpas zu erfüllen. Ich hatte es versucht, wollte mich verlieben und die Richtige finden. Aber wenn man etwas krampfhaft versucht, funktioniert es nicht. Jedenfalls nicht bei mir. Ich brauchte eine neue Lösung, denn ich war nicht bereit, auf mein Erbe oder die Kanzlei zu verzichten, nur weil ich keine Frau fand.

Nur langsam formte sich ein konkreter Plan in meinem Kopf. Ich musste Charly wiedersehen und mehr über sie erfahren. Sie wirkte natürlich, obwohl ich aufgrund der Dunkelheit nicht alle Einzelheiten ihres Gesichts gesehen hatte. Ihre langen dunklen Haare waren leicht gewellt. Sie war groß, hatte nicht enden wollende schlanke Beine. Aber es war vor allem ihre Stimme und die Lieder, die sie sang, die eine einladende Brücke zwischen meinen Wünschen und Sehnsüchten sowie meinen Ängsten spannte. Außerdem schien sie für sich selbst zu sorgen und nicht in Daddys Portemonnaie zu greifen. Das gefiel mir.

5

CHARLY

Neue Bekanntschaften

Donnerstag, 29. November – Samstag, 08. Dezember

Ich lag in meiner Kammer unter der Treppe in James’ Haus und ließ den Tag Revue passieren. Der gutaussehende Fremde war wieder da gewesen. Schon mit dem ersten Blick, den ich auf ihn erhascht hatte, flatterte mein Herz. Doch dann hatte ich die Frau neben ihm gesehen und Mühe, das Stück zu Ende zu spielen. Sie war hochwertig gekleidet, genau wie er. Schmerzlich wurde mir bewusst, dass wir in zwei verschiedenen Welten lebten. Wie konnte ich nur annehmen, dass da eine Verbindung zwischen uns war?

Nein, das war ein Tagtraum, den ich schnell vergessen musste. Dafür wäre es am besten, morgen einen neuen Spot zum Spielen zu suchen. Normalerweise wechselte ich sowieso nach ein paar Tagen den Standort. Es ergab keinen Sinn, länger am selben Fleck zu verweilen. Die meisten Leute spendeten nur einmal, selbst wenn sie täglich an mir vorbeiliefen. Doch die Worte des Fremden ließen mich an meinem Vorhaben zweifeln. Er war jetzt schon zwei Tage so spendabel gewesen. Ein paar Tage mehr und ich konnte mir endlich eine wärmere Jacke und sogar eine neue Hose leisten. Vielleicht gebe ich dem Park noch eine Chance …

Am nächsten Vormittag saß ich im Park auf einer Bank. Die Sonne schien und ich genoss die leichte Wärme, die sie auf meinen Wangen hinterließ.

Die Leute huschten in einem geschäftigen Treiben an mir vorbei. Wie schön, dass ich keinen Zwängen mehr unterlag. Davon hatte ich früher genug gehabt. Ich lebte in den Tag hinein und fühlte mich frei. Ich gehörte nur mir selbst.

Dennoch war diese Freiheit jeden Tag von Angst begleitet. Angst davor, den Tag nicht zu überstehen. Vor allem jetzt. Der Winter kam in großen Schritten auf uns zu. Für die nächste Woche waren Minusgrade und mehr Schneefall angesagt. Dann konnte ich nicht mehr draußen stehen. Man durfte inzwischen in den U-Bahnhöfen spielen, wenn man eine Genehmigung hatte. Aber die besaß ich nicht.

Neben mir knackte die Bank. Ein älterer Herr setzte sich zu mir. »Noch ein paar Minuten die Sonne genießen, bevor wir an die Arbeit müssen, oder?«

Ich sah zu ihm herüber. Er lächelte mich freundlich an und streckte mir die Hand entgegen. »Ich bin Vittorio. Mir gehört der bunte Foodtruck vor dem Park.« Er zeigte in die Richtung und ich nickte.

»Ich bin Charly.« Ich nahm seine Hand und schüttelte sie.

»Ich habe dich spielen gehört und hätte einen Vorschlag für dich. Um die Mittagszeit zwischen zwölf und zwei habe ich viele Gäste. Die meisten kommen aus den umliegenden Bürogebäuden und holen sich ein Mittagessen bei mir ab.«

»Der Nudel-König«, sagte ich und lachte. »Ich sehe viele Menschen auf den Bänken in meiner Nähe sitzen und essen.«

»Was hältst du davon, wenn du in dieser Zeit bei mir am Wagen stehst und spielst? Ich habe ein paar Stehtische, die ich aufstellen darf, sodass die Leute vielleicht bleiben und nicht weiterziehen.«