The Corner - David Simon - E-Book

The Corner E-Book

David Simon

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Beschreibung

Brennpunkt Baltimore: Crack und Heroin überfluten die Straßen Amerikas. An der berüchtigten Ecke von West Fayette und Monroe Street wird sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag auf offener Straße verkauft – der Drogenhandel ist der ökonomische Treibstoff einer sterbenden Nachbarschaft mitten in der Stadt. Durch die Augen einer zerbrochenen Familie – drogensüchtiger Eltern und ihres Sohns DeAndre McCullogh – zeigt uns “The Corner” die harte Realität der Drogenkultur und die ergreifenden Szenen von Hoffnung, Mitgefühl und Liebe, an einem Ort, den Amerika schon längst abgeschrieben hat. David Simon und Edward Burns, Autoren von “The Wire”, verbrachten ein Jahr mit den McCulloghs – ihre glänzende Reportage ist sowohl eine erschütternde Familiengeschichte als auch ein aufrüttelndes Porträt des amerikanischen “War on Drugs”. Die aus dem Buch entwickelte HBO-Miniserie "The Corner" wurde mit drei Emmy-Awards ausgezeichnet.

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Seitenzahl: 1322

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David Simon undEdward Burns

THE CORNER

Bericht aus dem dunklen Herzender amerikanischen Stadt

Aus dem amerikanischen Englischvon Gabriele Gockel, Barbara Steckhan,Thomas Wollermann, Kollektiv Druck-Reif

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

Für meine Eltern Bernhard und Dorothy Simon

Für Anna Burns

 

 

 

»Du kannst dich zurückhalten von den Leiden der Welt,das ist dir freigestellt und entspricht deiner Natur,aber vielleicht ist gerade dieses Zurückhalten das einzige Leid,das du vermeiden könntest.«

FRANZ KAFKA, Aphorismen

Inhalt

Winter

Frühling

Sommer

Herbst

Anmerkung der Autoren

Nachwort

Winter

Eins

Fat Curt ist an der Corner.

Auf dem Weg zum uralten Geschäft des Überlebens stützt er sich schwer auf seine Aluminiumkrücke aus dem Krankenhaus. Seine dicken, von Nadelstichen vernarbten Hände werden die Tiefen einer Hosentaschen nie mehr erreichen, seine Unterarme sind geschwollenes Leder, seine aufgeschwemmten Beine schlurfen über das Pflaster. Doch die dicken Glieder hängen an einem ausgemergelten Oberkörper: Im Grunde ist Curt alles andere als fett.

»Yo, Curt!«

Curt dreht sich ein wenig zur Seite und sieht Junie über die Fayette Street auf seine Seite herüberhuschen, auf dem Weg zu Blue, für den letzten Schuss des Abends. Curt bleibt ein paar Meter vor Blues Tür stehen. Mr. Blue höchstpersönlich steht auf der Eingangstreppe des früher so gepflegten Reihenhauses, das einst seiner Mutter gehört hat, und kratzt sich, bevor der Nächste kommt, am Bart. Er kassiert von jedem Kunden zwei Dollar und zwei extra, wenn einer ein neues Besteck braucht. Wenn jemand seinen Stoff brüderlich teilt, ist der Eintritt natürlich frei.

Von unten an der Gilmor Street hört man eine Reihe von Schüssen – zu gleichmäßig, zu absichtsvoll, als dass es Knallkörper sein könnten. Blue zuckt nur kurz, dann lässt er Junie über die Marmorstufen an sich vorbeigehen. Eine Stammkundin: keine Gebühr.

»Sie ballern schon«, sagt Blue.

»Idioten. Haben die denn keine Uhr?«, grummelt Curt.

Blue grinst und geht hinter Junie ins Haus.

Fat Curt schlurft langsam in Richtung Monroe Street. Seine geröteten Augen folgen einem weißen Jungen, der in einem zerbeulten Pick-up am Straßenrand hält. Doch er kommt nicht zum Zuge; einer von Gee Moneys jüngeren Werbern hat sich das Geschäft schon unter den Nagel gerissen.

Curt schleppt sich um die Ecke zur Vine Street, vorbei an Bryan, der ihn mit einem Nicken grüßt. Auch hier gibt’s nichts zu holen, nicht, solange Bryan Sampson da seine öde Masche mit dem Backpulver abzieht. Curt schüttelt den Kopf. Bryan legt es offenbar darauf an, dass ihm mal wieder einer wegen dem Dreck eine Abreibung verpasst.

Weiter unten, diesmal irgendwo an der Ecke Hollins/Payson, knattert es wieder – und das ist erst der Anfang, dabei ist es noch nicht ganz elf. Curt zuckt die Achseln und schlurft zurück zur Fayette. Noch genügend Zeit, um ein bisschen Kohle zu machen.

»Was gibt’s?«

Endlich ein Gesicht, das er von der unteren Mount Street kennt, ein hagerer, dunkelhäutiger Junkie, der sich die Straße hinaufmüht, um besseren Stoff zu ergattern. Er kommt auf Curt zu.

»Hast du was?«

Curt bejaht es grummelnd. Das Geschäft beginnt.

»Was Gutes?«

Fat Curt, das Orakel. Fünfundzwanzig Jahre schiebt er schon Dienst auf diesen Straßen, und jeder weiß, an der Ecke Fayette/Monroe gibt es keinen besseren Werber als ihn. Curtis Davis liefert mit seiner rauen Stimme zuverlässige Informationen, standhaft der Qualitätskontrolle und dem Kunden verpflichtet. Kein Dreck, keine Mogelpackungen, keine mit Backpulver und Chinin gestreckte Ware. Fat Curt, der Werber unter den Werbern.

»Versuch es da drüben«, sagt er, dreht sich um und deutet auf die Vine Street.

Der Junkie trägt seine Gier einen Block weiter, während Curt dem Aufpasser an der Mündung der Gasse bestätigend zunickt. Langsam arbeitet sich der alternde Werber unter dem gelblichen, blendenden Licht der Natriumdampflampen mit seiner Krücke zurück zur Straßenecke. Die Stadt hat hier Bühnenbeleuchtung angebracht, grell und direkt, in unverhohlener Verachtung für die Szene. Fat Curt ist ständig dem hässlichen Schein ausgesetzt, aber er kann sich noch an die Zeiten erinnern, als seine Geschäfte in mattes bläuliches Licht getaucht waren, als dem Viertel noch ein wenig Intimität zugestanden wurde. Jetzt, knapp eine Stunde vor Mitternacht, lässt sich die Corner auch noch von einem Block weiter einsehen. Heroin und Koks. Koks und Heroin. Rund um die Uhr, sieben Tage die Woche.

Weitere Schüsse, dem Klang nach von der Kreuzung Fulton und Lexington. Curt aber bleibt auf seinem Posten, wartet auf den nächsten Deal. Die Funkstreifen vom Western District kontrollieren ein letztes Mal die Straßenkreuzungen und rollen langsam die Monroe Street entlang, allerdings ohne Zugriff, nur die rituellen provozierenden Blicke, ein mürrisches Flaggezeigen.

Von irgendwo unten bei der Kreuzung Hollins/Payson ertönt wieder eine lange, stakkatohafte Salve. Zehn oder zwölf Schüsse hintereinander, Kaliber neun Millimeter, dem Klang nach. Die Polizisten beachten es nicht, sie taxieren die Fußgänger, ihre Bremslichter leuchten rot.

Die Aufpasser schrecken hoch und suchen das Weite. Werber, Kunden und Läufer flattern davon, tauchen ins Nichts wie in einen Nebel, ziehen über die Fayette in die Hinterhöfe. Auch Fat Curt wendet sich von den Streifenwagen ab und geht davon – schleppt sich Krücke vor Fuß vor Krücke –, so langsam, dass seine Bewegung kaum zu erkennen ist, er gibt sich gerade so viel Mühe, dass es wie ein höflicher Rückzug erscheint. Curt weiß aus Erfahrung, dass es nur eine Stippvisite ist, dass in einer Viertelstunde kein vernünftiger Polizist mehr draußen auf den Straßen sein wird.

Über die Schulter beobachtet er, wie die Bremslichter erlöschen und die Streifenwagen langsam über die Ampel die Monroe hinunterrollen, erst einer, dann auch der zweite. Curt, der kaum die Hälfte der Strecke bis zur Lexington hinter sich gebracht hat, dreht sich noch mal um. Das Geschäft läuft noch, aber zwischen den Salven, die aus allen Richtungen kommen, liegen jetzt nur noch Sekunden. Sechs hintereinander drüben beim Krankenhaus; das scharfe Pfeifen einer 22er oben auf der Lexington, und irgendwo auf der Fairmount ein tiefes Knallen, wohl von einer Schrotflinte.

Zeit zu verschwinden, denkt Curt. Bevor sie die Kugel von einem Jungdealer aus meinem einsamen schwarzen Arsch graben müssen. Er humpelt um die Ecke und dann die Stufen zu Blues Haus hinauf. Dort klopft er mit dem Stock an die Eingangstür. Blue öffnet erst einen Spalt, dann ganz, und Curt schiebt sich hinein. Die Corner achtet auf ihren weisen Alten. Wenn Curt signalisiert, dass es Zeit ist, Schluss zu machen, dann folgen ihm auch die Letzten und schlüpfen brav hinter ihm ins Haus. Eggy Daddy und Hungry, dann Bryan und Bread und schließlich Curts Bruder Dennis, der auch mit einer Krücke herumläuft, seit er sich einen Schuss in den Nacken gesetzt und dabei sein Rückenmark erwischt hat. Einer nach dem anderen kommen sie über Blues Schwelle und versammeln sich um die Kocher, die Kerzen und die Spritzen. Die meisten warten darauf, dass Rita ihre Runde macht, denn Rita, ihre Ärztin, verfügt über die seltene und wundersame Gabe, auch an kalten, absterbenden Körperstellen, in denen eigentlich kein lebendiges Blutgefäß mehr sein dürfte, noch Venen zu finden.

Inzwischen sind die Straßen wie leer gefegt. Keine Werber, keine Läufer, keine Junkies. Auch keine Polizei, so wie Curt es vorausgesagt hat. Viertel vor zwölf stehen sämtliche Funkwagen Motorhaube an Kofferraum bei den Bullentreffs des Western District, hinter großen Lagerhäusern und Schulgebäuden oder, besser noch, unter einem festen Dach.

Auf der ganzen Westside verschmelzen die einzelnen Schüsse nun zu einer einzigen Kakophonie. Auf der Fayette Street in Richtung Hafen und oben auf der Fulton, dem Zubringer zum Expressway, blitzt überall an Hauseingängen, Fenstern und von Dächern grelles, orangerotes Mündungsfeuer auf. Auf dem Höhepunkt sieht es aus wie ein Schwarm Glühwürmchen, schön irgendwie. Auf der Monroe Street zerbirst ein Fenster. Dann eins auf der Lexington. Und einen Block weiter nach Norden auf der Penrose greift sich ein Idiot, der so dumm war, sich nicht vor dem Kugelhagel ins Haus zu flüchten, winselnd an den Unterarm und rennt in den nächsten Eingang, um seine Wunde zu untersuchen.

Der Zeiger rückt unaufhaltsam auf die Zwölf zu, und die große vielschichtige Dissonanz wird noch lauter, die Lichtblitze rasen als sichtbares Zeichen dieses Trommelfeuers auf den Straßen hin und her. Ein Geräusch, das fremd und vertraut zugleich ist: die Erkennungsmelodie unserer Zeit, das hochmütige, anschwellende Dröhnen dieses gescheiterten Jahrhunderts. Shanghai. Warschau. Saigon. Beirut. Sarajevo. Und jetzt, in eben diesem feierlichen Augenblick, West Baltimore.

Auf der Fulton Avenue stehen zwei junge Mädchen in der Diele ihres Reihenhauses. Sie wollen zu einer Freundin auf der Lexington, gehen die ersten Stufen vor dem Haus hinunter, kichernd treten sie in den Sog, aber sie haben nicht mal den Bordstein erreicht, als der Nachbar betrunken grinsend in seiner Tür erscheint, mit beiden Händen nach einem langläufigen 38er greift und in machohafter Militärhaltung in den Äther zielt.

Sechs Blitze erhellen die Straße. Die Mädchen eilen geduckt zur Eingangstreppe zurück. Immer noch lachend spähen sie über die Marmorstufen. Der Zecher kehrt auf seine Terrasse zurück, lädt nach und haut sechs weitere Schüsse in gleichmäßigem Abstand raus. Wie eine Figur in einer Kuckucksuhr lässt der Schütze den Arm sinken und geht wieder ins Haus, um erneut zu laden, und die Mädchen, die inzwischen den zeitlichen Ablauf gecheckt haben, wagen, die Fulton hinaufzulaufen. Sie rennen, ganz ihrem jugendlichen Gelächter hingegeben, den Block entlang und halten sich die Ohren zu.

Als es zwölf schlägt, ist alles vollkommen leer – das sieht man um Mitternacht selten, dass niemand an den Ecken der Monroe Street oder auf der Fayette seinen Dienst absolviert. Keine Werber, keine Dealer, keine Junkies auf der Mount Street. Keine Crew, die die Kreuzung Baltimore/Gilmor besetzt hält. Und natürlich auch keine vagabundierenden Bewohner – die meisten braven Bürger, die ein bisschen Vernunft im Leibe haben, sind schon vor Jahren aus diesem Viertel geflohen. Die wenigen, die geblieben sind, ducken sich in Fluren und fensterlosen Innenräumen, möglichst unerreichbar für verirrte Kugeln. Zwanzig Blocks weiter östlich schlendern Tausende auf den Spazierwegen in Inner Harbor herum und sammeln sich vor den Hotellobbys in der Innenstadt, um sich ein Feuerwerk anderer Art anzusehen. Aber hier in West Baltimore vertreibt das Feuerwerk jedes Publikum.

Der Höhepunkt der Ballerei dauert ganze zehn Minuten, dann lassen sich aus dem Krach einzelne Salven heraushören. Nach weiteren zehn Minuten sinkt die Intensität merklich. Nach einer halben Stunde hört man nur noch vereinzeltes Knallen von ein paar Nachzüglern. Nun beginnt sich diese Welt langsam zu rühren. Ein Betrunkener torkelt die Vine Street entlang Richtung Lexington. Auf der Mount taucht ein Werber auf, und eine Funkstreife fährt an den heruntergekommenen Läden der Baltimore Street vorbei. Ein Junkie segelt über die Fayette und hämmert an die Tür von Blues Haus; Blue macht auf, kassiert zwei Dollar und lugt hinaus in die plötzliche Stille, während der Mann wortlos an ihm vorbeigleitet.

Kurz darauf taucht Fat Curt auf. Mit seiner Krücke schleppt er sich durch Blues Diele und bleibt auf der Eingangstreppe stehen, um einen kritischen Blick auf die Szene zu werfen. Den Kopf zur Seite geneigt, sucht er mit blutunterlaufenen Augen den Abschnitt zwischen Monroe und Mount ab. Er ist wieder ganz das Orakel, der Bewahrer des Wissens dieser verlorenen Welt, das Omen all dessen, was hier noch als Wahrheit taugt. Er steht auf der Schwelle wie ein Dorfschamane, sucht für die heidnischen Horde, die in der Drückerbude hinter ihm zusammenhockt, die Straße ab, seine Antennen auf wer weiß welche Frequenz ausgerichtet. Wenn die Luft rein ist, bleiben sie vielleicht noch drinnen und setzen sich für die nächste halbe Stunde noch einen Schuss. Wenn nicht, gehen sie wieder raus und setzen ihre Geschäfte fort.

Das lang gezogene Geknatter einer Halbautomatik dringt von irgendwo bei den Crabhouses herauf, aber Curt schenkt ihm keine Beachtung. Zu wenig, zu spät und zu weit weg. Die Welle hat den Höhepunkt überschritten und ist abgeklungen. Er schlurft wieder zur Ecke Fayette/Monroe und besetzt seinen Platz.

Fat Curt ist an der Corner.

Nach und nach folgt das Viertel seinem Wink. Einzeln und zu zweit gibt die Drückerbude ihre Geister frei: Junie, Pimp und Bread schlüpfen auf die Straße und nehmen ihr Spiel wieder auf. Die Werber kehren zur Ecke Vine Street zurück. Auch auf der Mount Street, wo Diamond in the Raw das beste Angebot hat, haben sie den Laden wieder aufgemacht. Ebenso um die Ecke Fulton, wo die Spider Bag Crew ihr Geschäft betreibt. Und weiter unten Ecke Baltimore/Gilmor, wo sich alles um Big Whites und Death Row dreht oder unter welchem Namen die New York Boys in dieser Woche ihren Stoff sonst noch auf den Markt werfen.

Nach und nach tauchen auch die Junkies wieder auf. Spindeldürre Crackheads und mit Abszessen übersäte Fixer drücken schmuddlige Ein- und Fünfdollarnoten in sich ihnen entgegenstreckende Hände, dann stellen sie sich in die Reihe, bis sie schnell in den Hinterhof huschen können, wo die Dealer das Zeug aus ihren Depots in alten Reifen, hinter Ziegelsteinen oder im hohen Gras am Fuß einer Mauer holen. Tätowierte, zahnlose weiße Jungs aus Pigtown lungern mit laufendem Motor in zerbeulten Pick-ups und rostigen Dodge Darts auf der Mount und beobachten in zerbrochenen Rückspiegeln, ob von irgendwo Ärger droht, während sie darauf hoffen, dass der Nigger, der ihre zwanzig Dollar genommen hat, mit Stoff zurückkommt. Bald werden sie alle zu so einem Drecksloch von einem Reihenhaus laufen, zitternd vor Erregung, jede letzte Scherbe ihres Lebens werden sie mobilisieren, um in den Raum mit den Spritzen und Pfeifen und den angeschmorten Drehverschlüssen zu kommen. Sie werden ungeduldig mit all diesen Dingen herumhantieren, das alte Sofa in der vergeblichen Suche nach Streichhölzern mit Tritten traktieren, oder sich ein Dutzend Mal stechen, weil sie keine Vene finden. Am Ende aber werden sie treffen und auf das Gefühl warten, das besser ist als Sex. Dann geht’s wieder zurück auf die Straße.

Fat Curt, der auf seinem Posten ist, sieht sie kommen. Jahrein, jahraus ist er hier die ehrliche Haut, hält sie vom Dreck fern, weist ihnen den Weg zum richtigen Stoff. Wie immer stellt er seine zerschlissene Glaubwürdigkeit in den Dienst eines jüngeren Dealers.

»Wer hat denn Gold Star?«

»Hier bist du richtig!«

»So gut wie gestern?«

»Das Zeug ist der Hammer, Mann.«

»Na, dann mal her damit.«

Um eins ist es eine Nacht wie jede andere, und Curtis Davis weiß, dass es niemals endet, Geld und Gier haben immer Konjunktur. Er weiß es seit einem Vierteljahrhundert, seit dem Tag, als er zum ersten Mal hier an den Ecken stand, als das Spiel gerade erst begann. Damals hatte er Geld, und weiß Gott auch die Gier. Seither hat er jede Nacht hier verbracht, bis ihm nur noch seine Gier blieb. Er war gestern hier und er ist heute Nacht hier, und er wird morgen wiederkommen, zur Ecke Monroe/Fayette, wo das immer gleiche Stück gegeben wird.

Zwecklos, mit ihm darüber zu reden, etwas anders zu machen, ganz aufzuhören oder es auch nur langsamer angehen zu lassen. Ein alter Kämpe wie er weiß, dass so etwas nur Gerede ist. Er ist nicht wie Blue, der sich abends, wenn er sich seinen Schuss setzt, sagt, er werde am nächsten Tag aufhören. Alles eine Frage des Willens, sagt Blue. Quatsch, denkt sich Curt, einmal Heroin, immer Heroin.

»Yo Curt.«

»Hallo.«

»Wie geht’s, Mr. Curt?«

Curt lächelt traurig, dann grummelt er die schlichte Wahrheit vor sich hin: »Ach Mann, ist doch irgendwie immer derselbe Wahnsinn, das alles hier.«

Er bleibt noch eine Stunde auf seinem Posten, dann schleppt er sich für den letzten Schuss des Abends zu Blue. Die Nadel bohrt sich durch eins der geschwollenen Glieder des aufgedunsenen Mannes. Als er die Drückerbude verlässt, hat er sich mit einer guten Kapsel gestärkt und hält ausnahmsweise ein Fläschchen billigen Roggenwhisky in der Hand – eine Konzession an die Sylvestertraditionen.

Mit seiner Krücke kämpft er sich die Monroe Street hinauf, ohne bestimmtes Ziel, schlendert nur ein bisschen über die üblichen Grenzen seiner geschrumpften Welt hinaus. Penrose Street. Saratoga. Ab und zu an der Flasche nippend schlurft Curt weiter über den Asphalt, bis sein kurzer, spontaner Ausflug Richtung Schnellstraßenüberführung zu einer bescheidenen Demonstration des freien Willens geworden ist. Heute Nacht hat Fat Curt ohne besonderen Grund seinen Posten in West Baltimore verlassen. Nach letzten Berichten ist er exakt Richtung Norden gegangen. Er geht spazieren. Verflucht, der Alte geht doch tatsächlich noch spazieren.

Auf der Mulberry Street verlangsamt eine Funkstreife vom Western bei seinem Anblick das Tempo. Vielleicht erwägt der Cop, an die Alkoholgesetze der Stadt zu erinnern, was in diesem Viertel ungefähr so wäre, als würde man bei einem Hurrikan die Leute ermahnen, keinen Müll auf die Straße zu werfen. Wahrscheinlicher ist, dass sich eine erfahrene Streife, auf der Fayette und Monroe zu Hause, wundert, eine der Gestalten, die dort zum Inventar gehören, mehrere Blocks weiter nördlich zu sehen. Jedenfalls spürt Curt die auf ihn gerichteten Blicke und umschließt die Flasche mit seiner geschwollenen Hand. Eine Geste der Unterwerfung, die ausreicht. Der Cop nickt ihm zu und rollt weiter.

Curt setzt seinen Weg fort, und fast scheint es, als würde er lächeln. Frohes neues Jahr.

Gary McCullough wartet vor dem Koreaner gleich hinter der Ecke Mount Street und tritt in der morgendlichen Kälte von einem Bein auf das andere. Eine Hand spielt mit dem Gummiband, das ihm lose um das Gelenk der anderen hängt. Er summt eine Melodie von Curtis Mayfield, leise und kaum erkennbar bei dem Lärm von den Aufpassern und Dealern, die in der Nähe herumstehen. Gary bleibt im Hintergrund, als gehörte er gar nicht richtig dazu. Er ist da, aber nicht ganz. Er kann gut warten.

Tony Boice kommt um die Ecke, er ist vom Markt zurück und lächelt Gary vielsagend zu. Gary wird ganz warm ums Herz, und er grinst seinen Kumpel freudestrahlend an. Es hat geklappt: Er hat das gute Zeug von Family Affair bekommen. Ja, wirklich. Die beiden Männer gehen nebeneinander die Fayette hinauf, die Köpfe vor dem eiskalten Januarwind gebeugt. Gary legt die Hand vor den Mund und hustet kräftig.

»Verdammt.«

»Was ist?«, fragt Tony Boice und wendet sich seinem Kumpel zu.

»Kalt«, sagt Gary.

»Ja«, stimmt ihm Tony zu. »Verdammte Scheißkälte.«

Gary blickt verstohlen die Fayette entlang, dann auf die andere Straßenseite zur Death Row Crew – alle sind mit ihren Geschäften zugange, niemand interessiert sich für sie. Die beiden kommen an der vermüllten Baulücke vorbei, wo eine Woche zuvor der tote New Yorker lag. Unter seiner Basecap mit dem Logo der White Sox sickerte Blut hervor, eine 9mm mit vollem Magazin steckte nutzlos im Gummizug seiner Jogginghose.

Als Gary an der Stelle vorbeigeht, schaut er unwillkürlich hin, und sein Blick fällt auf den matt rostroten, ovalen Fleck, der immer noch auf dem grasbedeckten Boden zu sehen ist. Scheiße.

Sie gehen weiter bis zu einem roten Backsteinhaus. Eine Sperrholzplatte empfängt sie an der Tür der West Fayette 1717, eine Adresse, die Gary wie immer unweigerlich in die Vergangenheit zurückführt.

»Hier rein«, beschließt er und springt die Stufen hoch.

»Lieber durch die Hintertür«, meint Tony verhalten.

»Nein, das geht schon«, beharrt Gary, plötzlich die Geduld verlierend. Er tritt auf die Eingangstür des baufälligen Hauses zu, wirft noch einmal einen Blick auf die Fayette, dann drückt er mit seinem ganzen Gewicht gegen die Sperrholzplatte, bis ein Spalt entsteht, durch den er hineinschlüpfen kann. Tony folgt ihm, und Gary schiebt die Sperrholzplatte wieder an ihren Platz. Die beiden lauschen noch einmal in die Dunkelheit, um sich zu vergewissern, dass niemand im Haus ist, obwohl der Gestank nach Pisse im Flur ihnen sagt, dass das nicht immer der Fall ist.

»War er zufrieden damit?«, fragt Gary.

Tony Boice bejaht mit einem Grummeln. Die Verhandlungen sind gut gelaufen: Der Corner Boy hat ihm zwei Tütchen Death Row für achtzehn gegeben, mehr hatte Tony nicht. Wegen der zwei fehlenden Scheine hat Tony ihm das wenig überzeugende Angebot gemacht, beim nächsten Mal was draufzulegen, und der junge Dealer hat ihm das Zeug gegeben, wohl wissend, dass er den Rest nie zu Gesicht kriegen würde.

Mit schlafwandlerischer Sicherheit führt Gary seinen Kumpel durch den dunklen Flur, dreht sich um und greift nach dem runden Handlauf des Treppengeländers. Einen Moment lang hält er inne, genießt die Erinnerung an die angenehme Rundung.

»Viktorianisch«, sagt er, mit hörbarer Freude an dem Wort. »Das ist viktorianischer Stil!«

Tony schweigt.

»Sieh dir den Handlauf mal an. Ist noch original erhalten.«

Tony bleibt stumm, während sie die Treppe hinaufsteigen.

»Weißt du, was das heißt, Mo?« Gary bleibt auf dem Treppenabsatz im zweiten Stock stehen. »Geld. In so einem Haus steckt viel Geld.«

Zwei Stufen unter ihm starrt Tony auf ein kackbraunes, mit Bleifarbe angestrichenes Stück Holz und fragt sich zweifellos, wo da noch ein Dollar sein soll in diesem Haus. Sie haben schon zigmal alles durchsucht, haben jedes bisschen Kupferrohr und jedes Stück Alu-Fenstergitter rausgeholt, für ihre tägliche Jagd nach dem vollkommenen Kick den Schauplatz von Gary McCulloughs früherem Leben gründlich ausgeschlachtet. Was immer in diesem Haus war, das sich zu Geld machen ließ, ist schon zehn Block weiter südlich zu den Waagen der United Iron and Metal Company geschleppt, gewogen, bezahlt und eingeschmolzen worden. Aber Gary steigt in den dritten Stock, sein Atem bildet Wölkchen vor seinem Gesicht, wenn er über Restaurierungen, Subunternehmen und Immobilienwerte schwadroniert.

»… ich mein es verdammt ernst, Mo. Man kann ganz schön Geld machen, wenn man Bescheid weiß. Du hast einfach keine Ahnung …«

Tony grummelt auf dem Weg nach oben nur vor sich hin.

»… zum Beispiel an der Börse. Manche Technologie-Aktien, von Computerfirmen und so, Mensch, ich sag’s dir. Aus zehntausend Dollar kann man in sechs Monaten das Zehnfache machen, wenn man sich auskennt.«

»Aha.«

»Wirklich«, sagt Gary mit Nachdruck.

»Ja, ja«, erwidert Tony tonlos. »Hast ja recht.«

»Mann, du hast einfach keine Ahnung.«

Und Gary McCullough, vielleicht der einzige lebende Mensch in einem Umkreis von zwanzig Blocks, der den Unterschied zwischen Kurs-Gewinn-Verhältnis und kurzfristigem Kursgewinn kennt, schüttelt traurig und frustriert den Kopf. Was vorbei ist, ist vorbei, und Gary kann nichts davon mit Leuten wie Tony Boice teilen, der nur für den Augenblick lebt.

»Du hast einfach keine Ahnung«, sagt er noch einmal.

Es war noch nicht lange her, da hatte Gary alles, was man sich nur vorstellen kann. Er war Workaholic mit zwei Vollzeitjobs und unterhielt nebenbei eine Baufirma. Er besaß mehrere Immobilien in der Vine Street. Er fuhr einen neuen Mercedes. An jedem Werktag studierte er die Börsentipps des Daily Investor, und mit einem Wertpapierdepot bei Charles Schwab machte er 150.000 Dollar Gewinn. Und Gary hatte auch einen Plan für dieses dreistöckige Haus, das er nicht nur als Anlageobjekt erworben hatte. Es sollte der Mittelpunkt des schönen, rechtschaffenen Lebens werden, an dem er fleißig bastelte. Er wollte das Gebäude renovieren, es prachtvoll herrichten, es sollte sein Schloss werden.

Tony tritt neben ihn auf den Treppenabsatz, ihn interessiert nur ihr momentanes Vorhaben.

»Wo?«, fragt er.

»Da hinten«, sagt Gary mit einer Kopfbewegung.

Gary entdeckt zwei Drehverschlüsse auf der Fensterbank, aber um alles andere kümmert sich sein Partner. Tony ist ein Ausbund an Effizienz, wenn die Tütchen geöffnet sind und das Heroinpulver verteilt ist. Mit den Spritzen Wasser beigemischt, mit einem Streichholz eine Flamme entzündet, dann das langsame Einziehen der Flüssigkeit in die Kunststoffzylinder. Dreißig Milliliter, fertig für den Schuss. Kein Koks für den Extrakick, aber das hier reicht für den Anfang.

Tony sticht sich vorsichtig von hinten in den Arm, ein rotes Tröpfchen sammelt sich dort und markiert den Landungspunkt. Gary nimmt den linken Unterarm, wählt eine mittlere Stelle auf dem dunkelbraunen Streifen einer viel benutzten Bahn. Tony haut sich das ganze Zeug auf einmal rein, ohne jeden Gedanken an eine Überdosis. Gary sieht einen Hauch von Rosa am unteren Ende seiner Spritze, schießt, hört in der Mitte plötzlich auf, um die Wirkung zu taxieren, wartet aufmerksam. Noch ein paar Sekunden die Spritze sanft zwischen Daumen und Zeigefinger gehalten, dann der Sprint zum Ziel.

»Schon ganz gut«, murmelt Tony ein wenig enttäuscht, »aber nicht so gut wie gestern.«

»Das Zeug gestern war der Hammer«, stimmt ihm Gary zu.

Tony tritt in das Sonnenlicht, das sich durch die Fenster in den Raum ergießt, und setzt sich auf eine schraffierte, warme Stelle auf dem fleckigen Teppich. Gary, der die Kälte nicht spürt, sitzt im Schatten an der Wand und betrachtet die Milchstraße aus Staubpartikeln, die in den Sonnenstrahlen durch den Raum schweben.

Tony nickt.

»Besser, als du geglaubt hast, Mo«, lacht Gary.

»Es geht los.«

Eine Weile sitzen sie nur da, lassen die Chemie arbeiten, wärmen sich am Rausch. Beide sind vollkommen entspannt, spüren nichts mehr von der Eiseskälte. Bald darauf lachen sie gemeinsam über ihr Gaunerstück, das sie hierhergebracht hat.

Gaunerstück. So nennt Gary es, das entspricht seiner Einstellung. Wie für jeden Junkie geht es für ihn auch um das reine Abenteuer bei der Sache, das genossen werden will. In West Baltimore kann man stolz sein, wenn man ein gutes Gaunerstück hingelegt hat. Verdammt, eine Gaunerei, die klappt, die erfolgreich ist, muss auch gefeiert werden. Und auch wenn ein Staatsanwalt mit dem Gesetzbuch von Maryland unter dem Arm das vielleicht nicht kapiert, begreift doch jeder in der Szene den Unterschied zwischen einem Vergehen und einem Verbrechen. Hältst du einem Mann eine Pistole vors Gesicht und nimmst ihm die Geldbörse weg, dann ist das ein Verbrechen und, he, du bist ein Verbrecher. Stiehlst du hingegen die Kupferleitungen von einer Baustelle und verkaufst sie dem Schrotthändler, dann ist das ein Gaunerstück. Schießt du einem Drogenhändler aus der Szene ins Knie und raubst sein Depot aus, bist du ein Drogenräuber und Freiwild für alle Dealer und die Polizei. Beobachtest du, wie derselbe Drogenhändler zwei Stunden lang Röhrchen verkauft und dann abzieht, und machst dich mit dem Depot davon – ein krummes Ding, schlicht und einfach. In ein Haus einzubrechen, in dem gottesfürchtige Steuerzahler schlafen, ist eindeutig ein Verbrechen. Parkende Autos aufzuknacken und die Kassettenrekorder auszubauen ist nichts weiter als eine Gaunerei. Nach Garys Meinung ist es nicht nur die Schwere des Vergehens, die eine Tat zum Verbrechen macht, sondern auch die Wahrscheinlichkeit, dass jemand anderes dabei verletzt wird. Für Gary McCullough ist dies der entscheidende Punkt.

Er wird sich weiter Heroin spritzen, so viel ist sicher. Und wenn keine Aussicht auf Kohle besteht, wird er was klauen, um das Zeug zu bezahlen. Und wenn es sein muss – wenn es gar nicht anders geht –, wird er über seine Klauerei und seine Sucht auch ein paar Lügen erzählen, obwohl Gary im Allgemeinen viel zu ehrlich ist, um jemanden in diesem Viertel reinzulegen. Aber unter dem Strich hält er sich daran: kein Verbrechen, keine Brutalität, bloß ein paar Gaunerstückchen. Die traurige und zugleich wunderbare Wahrheit ist, dass Gary McCullough, geboren und aufgewachsen in einem der brutalsten und härtesten Gettos, die Amerika jemals hervorgebracht hat, keiner Fliege was zuleide tun kann.

Wie heute Morgen, als die Sache im Keller des Reihenhauses in der Fairmount beinahe schiefgegangen wäre. Gary und Tony standen in der Dunkelheit und tasteten nach dem Absperrhahn für Kaltwasser, während ein Stock über ihnen ein paar Crackheads um Koks stritten. Er und Tony stolperten herum, stießen ständig an irgendwelche Gegenstände, bis Gary schließlich den Hahn fand und das Wasser absperrte. Sie schnitten das Kupferrohr – 1 A Qualität – so leise wie möglich heraus, während über ihnen gehässige Stimmen an- und abschwollen.

»Ich bin dran!«

»Spinnst du? Das ist meins.«

»Mann, das ist meine Runde. Das ist unfair.«

»Mensch, dreh mir nicht das Wort im Mund rum.«

Tony biss sich auf die Lippen, um nicht laut loszulachen. Gary hatte auch zu kämpfen, doch als sie sich anschauten, war es vorbei. So standen sie nebeneinander im Dunkeln, hielten das Lachen so gut es ging unter Kontrolle und zuckten bei jedem leisen Kichern innerlich zusammen, während der Rohrschneider seine Arbeit tat. Da ertönte von oben ein lautes, zänkisches Heulen – eine Frauenstimme.

»MAW-REECE … MAW-REECE!«

»Ja?«

Gary und Tony erstarrten, erschrocken über den Schrei der Frau, und waren plötzlich still. Gary vermutete, dass Tony auch einen Kampf riskieren würde, wenn sie erwischt würden, aber er wollte auf keinen Fall mehr als ein Gaunerstückchen. Gary würde sich lieber den Arsch versohlen lassen, wenn sich Maurice mit seiner zugedröhnten Birne hier runterbequemen sollte.

Tony fasste sich als Erster wieder, setzte noch einmal den Schneider an, bis sich ein letzter Strang Kupfer löste und mit einem dumpfen Geräusch zu Boden fiel.

»MAW-REECE!«

»Was ist denn?«

»ES GIBT KEIN WASSER MEHR!«

»Wie bitte?«

Dann rannten beide nervös lachend zur Kellertür. Gary sammelte in aller Eile den Rest ihrer Kupferbeute ein. Irgendwo oben beschimpfte Maurice noch seine Frau, sie hätte das Geld für die Wasserrechnung verqualmt. Draußen auf dem Hinterhof am anderen Ende des Blocks brach das Gelächter endlich aus Tony heraus.

»Verflixt«, sagte Gary, sein stärkstes Schimpfwort.

Lächelnd und kopfschüttelnd nahm er ein paar der Rohrstücke, die dem Schmelzofen entgegengingen, wie ein Zepter in die ausgestreckte Hand und hielt sie im Tageslicht prüfend hoch.

»Dreißig, mindestens.«

»Ja, dreißig«, pflichtete Tony ihm bei.

Noch einmal kurz die Realität aufgeschoben. Das Gute an einem Gaunerstück ist, dass, egal, was man erwischt – Kupferrohr, Dachbleche, Fliegengittertüren aus Aluminium –, es auf den ersten Blick immer wertvoller erscheint, als es tatsächlich ist. Gary und Tony schätzten die Rohre auf mindestens dreißig Dollar. Genug für zwei gute Heroinkicks mit ein bisschen Koks obendrauf. Süße Vorfreude ließ ihnen die zehn Blocks bis zu United Iron and Metal wie einen Spaziergang erscheinen.

»Tally Ho!«, sagte Gary strahlend.

Aber natürlich bekamen sie an der Waage von United Iron nicht mehr als schlappe achtzehn Dollar, die in Windeseile an den jungen Kerl mit dem Death Row gingen. Dafür gab es zwei Zehner-Tütchen zum Rabattpreis, deren gesamter Inhalt nun in ihren Adern zirkulierte.

Tony fühlt sich behaglich auf seinem kleinen Sonnenfleck, sieht zu Gary hinüber und lacht leise.

»Verdammt«, sagt Tony.

Gary lacht auch.

»Verdammt, die war oben und hat den Wasserhahn aufgedreht, und wir standen direkt darunter.«

»Und du hast mich zum Lachen gebracht«, erwidert Gary.

»Mann, ich konnte einfach nicht mehr.«

Jedes echte Gaunerstück hat seinen eigenen Kick, bringt einen kindlichen Kitzel, nach dem sich jeder Süchtige sehnt, egal, wie viele Jahre er das Spiel schon betreibt. Es ist dasselbe Gefühl, das jeder ungestüme Zwölfjährige kriegt, wenn er mit einem Schokoriegel aus dem Ramschladen kommt, ohne dafür bezahlt zu haben, oder wenn er einen Holzapfel auf einen vorbeifahrenden Polizeiwagen wirft, vom Cop verfolgt wird und es schafft, zu entkommen. Es steckt tief in uns allen – die unbändige Freude über eine Sünde, die unbestraft bleibt, die Befriedigung, die es verschafft, etwas umsonst zu bekommen.

»O Mann«, sagt Gary schließlich. »Das war ganz schön verrückt.«

Wieder lachen sie, zuerst laut, bestärken einander in ihrer guten Laune, dann noch eine Zeit lang leise. Schließlich überwältigt sie das Heroin und bringt sie zum Schweigen.

Gary zieht seine Kapuze runter und kratzt sich am Kopf, die Beine vor sich ausgestreckt. Er spürt den Rand seines zurückweichenden Haaransatzes und runzelt die Stirn. Jeden Tag gleicht er ein bisschen mehr seinem Vater, was ja an sich in Ordnung wäre, wenn sein Vater nicht mehr als dreißig Jahre älter wäre als er. Einen Augenblick lang fragt sich Gary, ob es an der Veranlagung, dem Drogenkonsum oder an beidem liegt, dass er schon eine Glatze bekommt. Heroin und Koks haben ihn zweifellos verändert, so viel ist ihm klar. Jeden Tag kommen ihm seine Haut ein bisschen dunkler und seine Augen ein bisschen trüber vor, selbst wenn er mal nicht high ist. Sein Lächeln ist natürlich dasselbe geblieben. Man erkennt Gary schon von Weitem, unter Tausenden, wenn er dieses breite Strahlen aufsetzt. Und abgesehen von den Spuren an seinen Armen ist auch sein Körper noch so, wie er ihn in Erinnerung hat – fest, gut proportioniert, sportlich. Aber Gary ist erst seit vier Jahren auf harten Drogen, und wenn er in Tonys gelbliche Augen blickt, sieht er seine Zukunft vor sich. Tony Boice, groß und stabil gebaut, ist immer noch ein kräftiger Mann – Gary hat mehr als einmal mitgekriegt, wie er jemanden vermöbelt hat –, aber sein Gesicht ist doch ein bisschen hagerer geworden, und die Augen sind nicht mehr so klar. Je länger Gary sich Tony anschaut, desto mehr versenkt er sich in Vergleiche. Schließlich tragen sie beide die gleichen Kapuzenshirts und Tarnhosen, in denen sie wirken wie versprengte Soldaten eines Himmelfahrtskommandos. Die Militärklamotten waren Garys Idee gewesen. Wir sind jeden Tag hier draußen hinter etwas her, so seine Überlegung. Wer so hart kämpft, kann sich ruhig auch ein militärisches Outfit geben.

Aber jetzt, da die Wirkung nachlässt, schaut Gary seinen Kumpel genauer an, sieht an sich selbst hinunter, dann wieder zu Tony. Er spürt ein Frösteln, als hätte sich etwas Unheimliches ins Haus geschlichen. Gary will es mit einem Lachen verscheuchen, aber es bleibt ihm im Hals stecken. Stattdessen fragt er sich, ob Tony das Virus erwischt hat. Vielleicht ist er deshalb so hager geworden. Heutzutage schwirrt es ja überall in der Fayette Street herum.

»Was ist los?«, fragt Tony und schaut ihn an.

»Hm?«

»Worüber denkst du nach?«

Gary gibt sich einen Ruck. Er wendet den Blick von seinem Partner, sieht sich zum ersten Mal den leeren Raum an. »Das hier war Andres Zimmer«, sagt er schließlich. Das Zimmer seines Sohnes DeAndre. Dritter Stock nach hinten raus, nach Süden, mit dem blauen Teppich.

Langsam steht Gary auf, streckt sich und steigt über Tony hinweg, um aus dem Fenster hinauszublicken. Sein Atem beschlägt eine zerbrochene Scheibe, während er hinunter auf die Abfallberge im Hof starrt. Klamotten, Lebensmittelverpackungen, Flaschen von Putzmitteln, kaputte Möbel. Wenn es nach Gary gegangen wäre, wäre dieser Hof jetzt ganz von Beton und Panzerglas umschlossen, ein privates Refugium mit Patio und einem Sportschwimmbecken. Für einen Augenblick ist es in Garys Kopf Wirklichkeit: Fran, Gary und DeAndre zusammen am Beckenrand. Sie leben auf großem Fuß und zeigen es dieser müden, alten Stadt mal.

DeAndre. Wo mag er jetzt sein? Einen Block weiter auf der Fayette Street vielleicht, in diesem Drecksloch von Drückerbude, wo seine Mutter schläft. Wahrscheinlicher aber dealt er an der Ecke Baltimore/Gilmor für einen der New Yorker.

Gary ärgert sich, dass er solche Sachen denkt, dass er sich seinen sauer verdienten Rausch ruiniert. Er lässt Tony sein Nickerchen machen, tritt vom Fenster zurück, sieht sich um und geht dann in den Flur. Das Treppenhaus: wunderschön, sein Lieblingsort im ganzen Haus. Er steigt hinunter in den ersten Stock und geht in das große Schlafzimmer, bewundert die Zierleiste oben am Einbauschrank. Alles original. Und die dreieinhalb Meter hohe Decke. Fran hatten die hohen Decken am besten gefallen.

Das ist ihr Schlafzimmer gewesen, obwohl man das kaum noch erkennen kann. Das einzige verbliebene Bett ist eine mit schmutzigen Laken bezogene Matratze auf dem Boden. Statt Möbel gibt es ein paar Milchkisten. Ein abgewetzter Kiefernholzschreibtisch steht in der Ecke, alle Schubladen sind kaputt. Ein Dutzend Pornobilder hängt an den vier Wänden – überall sind Brüste und Genitalien mit Filzstift durch grobe Kreise und Dreiecke hervorgehoben.

Die Kunstgalerie war DeAndres Beitrag und hängt seit letztem Sommer dort, als Garys Sohn fünfzehn wurde und anfing, auf der Gilmor Street Heroin zu verkaufen. Nachdem seine Mutter es herausgefunden hatte, wurde sie so wütend, dass sie ihn aus dem Haus warf. DeAndre wohnte eine Weile hier, und auch Gary benutzte den Ort als Refugium für seine Heroinexzesse. In dem Sommer gingen Vater und Sohn manchmal in den leeren Fluren aneinander vorbei, beide unfähig, eine echte Verbindung herzustellen. DeAndre war wütend über den Absturz seines Vaters, weigerte sich aber, mit seinen Gefühlen herauszurücken. Und Gary, obwohl voller Stolz darüber, dass sein Erstgeborener zu einem jungen Mann herangewachsen war, traute sich einfach nicht, den Mund aufzumachen. Zu viel Scham. Zu viel Vergangenheit.

Gary geht durch das Schlafzimmer zu den Fenstern an der Vorderseite und versucht, seinen Kopf mit schöneren Gedanken zu beschäftigen. Zwei Milchkisten aus Kunststoff, gefüllt mit alten Platten, sind unter einem Fenster aufeinandergestapelt – Treibgut aus jener glücklicheren Zeit. Gary beugt sich vor, die Hände auf den Knien, und sieht die Überreste seiner Sammlung durch. Marvin Gaye. Barry White. The Temptations. Und natürlich Curtis Mayfield, der Gary einmal alles bedeutete. Curtis, der immer für die Vernunft eintrat und warnte: Wenn es dort unten eine Hölle gibt, dann werden wir alle dort landen. Gary zieht ein Album heraus, sieht es sich an und steckt es dann behutsam wieder in die Kiste zurück.

Auch hier Geschichten von gestern. Soul-Relikte aus Vinyl, die im Zeitalter von Hip-Hop und Gangsta-Rap Staub ansetzen. Gary kann mit dem, was die Jugendlichen heutzutage Musik nennen, nichts anfangen.

Er singt.

»If you had a choice of colors …«

Eine schöne Stimme. Ein kräftiger Tenor, wie geschaffen für den Kirchenchor.

»… which one would you choose, my brothers.«

Die Melodie hallt durch das Haus. Gary hört, wie sich Tony im Stockwerk darüber regt. Er singt weiter, aber da ist auf einmal Tumult unter den Fenstern. Die Liedzeile geht in wütenden Beschimpfungen unter.

»Auf den Boden! Runter mit dir, Mistkerl!«

Gary schleicht sich zum rechten Fenster und späht am Rand des schmutzigen Betttuchs hinaus, das als Vorhang dient.

»Nimm die Hand aus der Tasche. Bist du taub? Die Hand aus der Tasche!«

Zivilbullen. Überraschungszugriff. Sechs Polizisten springen aus zwei zivilen Chevrolets und drücken zwei Männer auf den Gehsteig direkt unter Garys Fenster.

»Was ist los?«, fragt Tony. Er steht in der Tür.

»Pst«, zischt Gary. »Bullen.«

»Wer denn?«

Gary schüttelt den Kopf.

»Bob Brown?«

Bob Brown ist für die Drogenkonsumenten rund um den Franklin Square eine echte Landplage – für die Junkies in diesem Teil der Stadt ist er kein normaler Polizist. Wo immer er auftaucht, rufen die Aufpasser nicht wie sonst üblich »Five-Oh« oder »Time out«, sondern »Bob Brown«.

Gary schüttelt den Kopf. Nein, nicht Mr. Brown, diesmal nicht. »Irgendwelche Bullen in Zivil«, flüstert er. »Ich kenne keinen Einzigen.«

Tony schleicht sich vorsichtig an das andere Fenster und schaut von der Seite hinunter auf das Geschehen. Diese Polizisten sind keine Stammgäste hier im Viertel, und die beiden, die am Boden liegen, sind ebenfalls keine bekannten Gesichter. Beide liegen auf dem Rücken, einer auf dem Pflaster, der andere im Dreck neben einem kleinen Baum. Beide beteuern ihre Unschuld. Drei der Zivilen beugen sich schreiend über sie, ein Vierter steht auf der Straße und wirft den Crews an den Ecken der Mount Street herausfordernde Blicke zu. Die anderen beiden warten bei den Autos, die mit laufendem Motor in zweiter Reihe parken, Vorder- und Hintertüren weit offen.

»Lüg mich verdammt noch mal nicht an!«

»Aber wir haben doch nur …«

»Mistkerl, Hosen runter!«

Gary und Tony stehen schweigend an den Fenstern und beobachten, was sich da unten abspielt. Ein weißer Polizist schreit herum, während zwei schwarze Kollegen die Jackentaschen durchsuchen. Der junge Mann, der im Dreck liegt, versucht immer noch, sich mit Argumenten zu wehren, während sein Partner bereits verstummt ist und mit knallhartem Pokerface nichts als Hass zum Ausdruck bringt. Beide, immer noch auf dem Rücken liegend, ziehen langsam die Hose bis zu den Knien runter, ihre nackten Beine zittern in der Winterluft. Einer der Bullen zieht am Bund ihrer Boxershorts und riskiert einen tiefen Blick. Schwanzkontrolle bei minus zwölf Grad. Aber keine Spur von Heroin in den Hosen oder auch sonstwo. Ein anderer hebt die braune Sandwichtüte vom Gehsteig auf, die einer der jungen Männer bei sich hatte, schaut hinein und wirft sie wieder auf den Boden.

Der weiße Bulle sucht den Gehsteig weiter unten auf der Fayette Street nach Tütchen oder Röhrchen ab.

»Ich habe nicht gesehen, dass einer was weggeworfen hat«, sagt ein schwarzer Polizist. Ein Vorschlag zur Güte vielleicht: ein Cop, der versucht, einem anderen nahezulegen, dass er sich halt mal geirrt hat.

»Alter, ich schwöre, wir sind sauber«, sagt der Mann, der im Dreck liegt.

»Halt die Klappe«, erwidert der weiße Bulle.

Aber sie finden auf dem ganzen Bürgersteig nichts. Der Wind treibt noch eine Weile Müll und Laub über die Fayette, bevor der junge Mann im Dreck zu dem schwarzen Polizisten aufschaut und eine Frage riskiert.

»He Mann, können wir unsere Hosen wieder anziehen?«

Der Cop nickt gleichgültig, woraufhin sich beide Männer auf die Ellbogen stützen und sich wie Krabben auf dem Gehsteig winden, um ihre Hosen wieder hochzukriegen.

Der weiße Polizist zieht sich zurück. Er geht zu einem der Chevrolets, dreht sich aber noch einmal um, um den beiden Männern noch ein letztes Wort zuzurufen. Heroin oder nicht, jede Geschichte braucht am Ende eine Moral.

»Lasst bloß eure Ärsche nie wieder hier blicken.«

Dann sind sie weg, die Chevrolets dröhnen die Fayette hinauf zum nächsten Zugriff. Unter den Blicken von sämtlichen Werbern und Dealern an den Ecken der Mount Street schleichen sich die jungen Männer gedemütigt davon.

Gary und Tony stehen immer noch am Fenster, nicht wenig verblüfft. Auf der anderen Straßenseite geht der Verkauf von Death Row und Diamond in the Raw umgehend weiter.

»Mann, ich fass es nicht«, sagt Gary und schüttelt vor Abscheu den Kopf. »Die kamen direkt aus dem Imbiss. Der hatte ein Sandwich in der Hand, sonst nichts.«

Tony schnaubt zustimmend.

»Ich fass es nicht«, sagt Gary noch einmal. Zwanzig Leute stehen da an der Kreuzung Mount/Fayette Street rum und verkaufen und kaufen Drogen – die Hälfte davon zugedröhnt –, und die Bullen springen aus dem Auto und schnappen sich zwei harmlose Nigger mit einem Frikadellen-Sub. Ziehen sie mitten auf der Straße aus, sagen ihnen, sie sollten sich nicht hier rumtreiben, und dann fahren sie davon, um woanders dasselbe Spielchen zu treiben.

»Wie bei mir letztes Jahr«, sagt Gary. »Da haben sie mir wegen einem Tortillachip die Zähne ausgeschlagen. Und hinterher erklären sie mir, ich dürfe nicht auf der Straße stehen, in der ich wohne.«

Gary schüttelt langsam den Kopf, ist aber nicht wirklich empört. So ist das eben heutzutage hier. Nicht alles, was passiert, hat Sinn. Hier, das kann einem jeder Junkie bestätigen, lautet die Faustregel: Je weniger Sinn etwas hat, desto mehr Leute wollen mitmischen. Dealer, Werber, Kunden, Bullen – alle sind Tag für Tag und Nacht für Nacht hier und spielen mit, als könnte man etwas gewinnen oder verlieren, ja, als gäbe es Spielregeln. Dabei ist alles ganz anders. Wenn er sich das Treiben so ansieht, ist für Gary vollkommen klar, dass hier der Verstoß gegen jede Regel, absolut jede, Alltag ist. Sein Atem beschlägt die Fensterscheibe, während er zusieht, wie der Werber für Death Row eine Bestellung aufnimmt und zwei weiße Jungs um die Ecke zum Hinterhof in der Mount schickt. Da entdeckt er etwas, das seinen Blick fesselt.

»Mist«, sagt er, und zwar aus gutem Grund, denn von der Gilmor kommt das Klappergestell herauf, eine spindeldürre Botin all dessen, was Gary an diesem Viertel liebt und fürchtet.

»Ronnie«, sagt er.

Veronica Boice, Tonys Cousine und Garys Immer-mal-wieder-Freundin, kommt mit langsamen, schwebenden Schritten die Fayette Street herauf. Die Augen schießen hin und her, ihr breiter Mund kräuselt sich in einem Winkel in benebeltem Selbstvertrauen. Ronnie auf Beutejagd.

Gary wittert Gefahr und tritt vom Fenster zurück. Schon malt er sich alle möglichen Katastrophen aus, was ihn um seinen Rausch bringt. In seinem Gehirn rattert es: Ronnie erwischt mich und Tony hier oben; Ronnie kriegt raus, dass wir ein Ding gedreht haben; Ronnie weiß, dass wir uns ohne sie was reingezogen haben; Ronnie lässt mich dafür büßen.

Wenn es ums Spritzen geht, dann kann Ronnie zur Furie werden. Wie letztes Jahr, als Gary ihr einmal kein Crack abgegeben hat und sie ihm doch tatsächlich die Polizei auf den Hals hetzte, ihm eine Anzeige wegen häuslicher Gewalt verpasste, die immer noch wie ein Damoklesschwert über ihm schwebt und irgendwo im Justizapparat der Stadt herumschwirrt. Oder das Mal davor, als Ronnie ein paar Jamaikaner über den Tisch gezogen und die Sache dann Gary angehängt hatte. Der war völlig verblüfft, als ihm ein halbes Dutzend durchgeknallter Jamaikaner die Tür eintrat und das Geld zurückverlangte. Und Ronnie – mit ihren vierzig Kilo – schaffte es allein mit ihrer Fantasie und ihrem Mundwerk, ein wahres Massaker anzurichten. Hier an der Corner war sie eine Naturgewalt, und sosehr Gary sie fürchtete, soviel Respekt hatte er vor ihr. Ronnie haute ihn immer wieder übers Ohr, verwässerte seine Drogen und tauschte seine Spritze aus. Sie erzählte ihm, dass sie ihn liebte, und brachte ihn gleichzeitig in Gefahr. Wenn er nicht aufpasste – und Gary passte nicht auf –, würde Ronnie ihn noch umbringen. Aber die Frau konnte Geld aus dem Nichts herbeizaubern. Allein aus diesem Grund blieb Gary mit ihr zusammen.

Aber er möchte ihr jetzt nicht begegnen. Nicht jetzt.

Gary geht Tony nach, und einer hinter dem anderen torkeln sie die Treppe zum Erdgeschoss hinunter. Garys Blick fällt auf ein leuchtendes Ölbild. Sein Freund Blue hatte es in seinem Auftrag gemalt, ein altes Runenzeichen, das Gary in einem antiquarischen kosmologischen Schinken gefunden hatte, ein Symbol für Lebenskraft. Er hatte es als Logo für Lightlaw gewählt, seine Baufirma. Aber das war lange her, in einem anderen Leben.

Sie schleichen sich durch die heruntergekommene Küche, dann eine halbe Treppenflucht hinunter in den schmalen Flur eines unverputzten Kellerraums. Dort bahnen sie sich den Weg zum Hinterausgang, von wo durch eine verrottende Holzverbarrikadierung etwas Licht eindringt. Tony öffnet die Tür, Sonnenlicht strömt herein. Wie richtige Soldaten treten sie in ihren Tarnklamotten durch die Tür, stemmen sich gegen den Wind und laufen über den vermüllten Hinterhof.

»Wohin gehst du?«, fragt Gary.

»Da rauf. Und du, triffst du dich mit Ronnie?«

Gary nickt. Er wird die Fulton rauflaufen, dann über die Fayette zurück und Ronnie aus der anderen Richtung entgegengehen. Damit es so aussieht, als hätte er sich gerade aus dem Bett im Haus seiner Mutter geschält. Und dann wird er Ronnie fragen, ob sie irgendein Ding am Laufen hat – etwas, das ihm was einbringt –, und hoffen, dass sie seinen vernebelten Blick nicht bemerkt.

»Na dann, du machst das schon«, sagt Tony.

»Bis dann, Mo«, sagt Gary. »Ich melde mich bei dir.«

»Bis dann.«

Tony geht Richtung Baltimore Street, Gary wendet sich nach rechts und nimmt einen Umweg zur Fayette. Ronnie ist immer noch unten auf der Mount Street und checkt an den Straßenecken, ob sich irgendwo eine Gelegenheit bietet. Schließlich entdeckt sie Gary und gibt ein wissendes, so tödliches Lächeln frei, dass es Gary trotz der ohnehin schon minus zwölf Grad einen kalten Schauder über den Rücken jagt. Sie weiß es.

»He, Liebling«, sagt sie und sieht ihn mit stechendem Blick an.

»He.«

»Wie geht’s?«

»Gut«, murmelt Gary.

»Wie fühlst du dich?«

»Geht schon.«

»Mmhmm.«

Sie weiß es. Verflixt, immer weiß sie sofort Bescheid.

DeAndre McCullough wacht voll bekleidet und noch müde vom Abend zuvor in der Morgenkälte auf. Langsam rollt er auf die Seite. Die abgenutzte Decke rutscht in die Mulde der schmalen Matratze mit den kaputten Sprungfedern. Er lässt einen Arm über den hohen Bettrand fallen und öffnet langsam ein Auge. Sein Blick fällt auf eine braun schimmernde Kakerlake auf der Fußbodenleiste. DeAndre greift unters Bett, zieht einen Schuh seiner Mutter hervor und schmeißt ihn an die Wand. Knapp daneben, die Kakerlake huscht davon.

DeAndre schließt die Augen, versucht, noch einmal einzuschlafen, aber der Lärm von dem alten Fernseher, der in diesem Zimmer pausenlos läuft, lässt sich nicht mehr ausblenden. Er vergräbt den Kopf in den Kissen, aber es nützt nichts.

»Du meine Güte«, nuschelt er verächtlich, als er seinen jüngeren Bruder am Fußende des Bettes bemerkt. »Was schaust du dir für einen Schwachsinn an?«

DeRodd zuckt die Achseln. »Es lief schon, als ich aufgestanden bin.«

»Das heißt nicht, dass du es dir auch ansehen musst.«

DeRodd antwortet nicht. Als der Dinosaurier beginnt, sein Dinosaurierlied zu singen, hebt DeAndre gerade so weit den Kopf, dass er seinem Bruder einen wütenden Blick zuwerfen kann.

»Barney ist doch total bescheuert«, sagt er schließlich.

»Ich guck ja gar nicht«, beharrt DeRodd.

»Langweiliger Pinkarschdino«, brummt DeAndre und versetzt dem jüngeren Bruder einen leichten Schlag auf den Kopf.

»Au«, sagt DeRodd leise.

DeAndre hebt langsam die Beine, schwingt erst eins, dann das andere über den Bettrand und setzt sich auf, sich dabei mit den Händen beide Augen reibend. Er erinnert sich, dass er gegen zwei Uhr am Morgen mit einem Käsesteaksandwich von Bill’s hier raufgewankt ist, das Papier liegt noch vor ihm auf dem Boden. Er kann sich auch noch daran erinnern, dass er unten auf der Fairmount einen guten Tag hatte. Geld in der Tasche, und Boo schuldete ihm außerdem noch etwas für die Röhrchen, die er für DeAndre verkauft hat. Er weiß noch, dass er mit Tae und Sean gekifft hat. Ja, er kann sich noch an ziemlich viele Details erinnern. Das ganze Gerede, dass Gras vergesslich macht, alles nur Blödsinn.

»Warum bist du nicht in der Schule?«, fragt DeAndre.

»Samstag.«

DeAndre grummelt. Eine gute Antwort, aber er ist nicht bereit, einem Achtjährigen das letzte Wort zu lassen.

»Du solltest trotzdem hingehen.«

»Samstags ist keine Schule.«

»Du solltest hingehen und auf Montag warten.«

DeRodd zieht einen Schmollmund, und DeAndre will ihm noch einen Klaps geben. Doch diesmal ist der Jüngere auf Zack und duckt sich weg.

»Wo ist Ma?«, fragt DeAndre.

DeRodd zuckt die Achseln.

DeAndre reckt sich, steht auf und schnappt dabei sein Bild im Spiegel über dem Schrank auf. Die dichten kurzen Dreadlocks, die sich ein bisschen in der Art von Bart Simpson auf seinem Kopf türmen, sind über Nacht zerdrückt worden. Im Profil sieht er jetzt aus wie ein kohlrabenschwarzer Hahn. Seine Haarpracht ist sein Markenzeichen und gibt ihm das Besondere in dieser Welt, in der Image alles bedeutet.

Abgesehen davon ist er das Musterbeispiel eines Großstadtjugendlichen und braucht nur ein paar Minuten, um sich herzurichten: ein schwarzer Steppanorak, der vorn offen bleibt, damit er im Wind flattern kann, ein dickes blau-weißes Flanellhemd, eine abgetragene Jeans in Übergröße, die tief auf der Hüfte hängt, die unvermeidlichen knöchelhohen Nikes, die an die einhundertfünfundzwanzig Dollar gekostet haben.

Während er die Treppe vom ersten Stock hinunterläuft, zieht er aus der Tiefe der vorderen Hosentasche fest zusammengerollte Zwanziger-, Zehner- und Fünferscheine. Vor der Tür bleibt er einen Moment stehen und zählt nach: vierhundertfünfundzwanzig und noch ein bisschen Kleingeld, und ausnahmsweise mal ist noch alles da. Nicht wie am letzten Wochenende, als er und die Jungs ein paar Mädchen in das leere Haus weiter oben auf der Fayette abgeschleppt hatten. Nachdem sie ungefähr zehn Tütchen Marihuana geraucht hatten, war er am nächsten Morgen allein im früheren Schlafzimmer seiner Eltern aufgewacht, alles tat ihm weh, und die Galerie seiner Pin-ups verspottete ihn von allen Seiten. Als er in seiner Tasche nachsah, waren da nicht mehr siebenhundert, sondern nur noch ungefähr dreihundertvierzig Dollar drin. Und DeAndre konnte sich ums Verrecken nicht erinnern, wo das Geld geblieben war. Marihuana? Mädchen? Vielleicht hatte auch jemand gewartet, bis er auf die Matratze gesunken war, und sich dann bedient.

Heute hat er mal ausgeschlafen. Als er das Ende des Blocks erreicht und um die Ecke biegt, ist es bereits Nachmittag, und die Junkies – weiße Jungs aus dem Norden, aus Pigtown, und solche von seiner Hautfarbe, die von der Monroe Street herunterkommen – haben sich in lockeren Grüppchen an der Ecke Baltimore/Gilmor versammelt. Wenn er so den Block entlanggeht, wo der Wind den Müll vor sich herjagt, sieht er älter aus als fünfzehn, strahlt ein Selbstbewusstsein aus, wie man es bei Jugendlichen selten findet. Die eigenwillige Frisur ist schon von Weitem zu erkennen, seine Klamotten entsprechen dem angesagten Gangsta-Look, aber nichts ist so auffällig, dass es unnötige Aufmerksamkeit auf sich ziehen könnte. Kein Gold an Hals oder Armen, das die Wintersonne einfangen würde – nichts, was so glänzt, dass es irgendwelche bewaffneten Jungs anlocken oder einem Bullen willkommenen Vorwand für einen hinreichenden Tatverdacht liefern würde. Im Großen und Ganzen ist der McCullough-Junge die Unauffälligkeit in Person.

Sobald er den Hinterhofzugang zur Fairmount erreicht hat, nimmt er sein Territorium in Augenschein. Das hier gehört mir, denkt er, während er zusieht, wie die Werber die Leute anbaggern. Das habe ich auf die Beine gestellt. Das ist kein Kinderkram wie letzten Sommer, als seine Crew es mal mit dem Dealen versuchte, nur um von den Älteren gerupft zu werden.

Seit zwei Jahren geben sich DeAndre und seine Kumpel – Tae und R. C., Boo und Manny Man, Dinky und Brian und all die anderen – nun schon als Gang und nennen sich C. M. B., Crenshaw Mafia Brothers, ein Name, auf den sie sich einigten, nachdem sie sich zum vierten oder fünften Mal im Harbor Park Boyz in the Hood angesehen hatten. Bis jetzt war C. M. B. noch eine recht lose Verbindung und gefangen zwischen den alteingesessenen Edmondson Avenue Boys im Norden und der Stricker and Ramsey Crew weiter unten. Noch gefährlicher als alle anderen ist die Crew von den Hochhaus-Sozialbauten im Osten. Aus dem fünftürmigen Albtraum am westlichen Rand der Innenstadt lassen sich so viele Mitglieder rekrutieren, dass die Terrace Boys zahlenmäßig immer stark sind. Aber die Fayette ist das Terrain der C. M. B., deren Jungs schon seit ihrem zwölften oder dreizehnten Lebensjahr Gangster spielen. Vor zwei Jahren hieß das noch Straßenkämpfe ausfechten und Backsteinmauern und Asphalt mit Tags der Crenshaw Mafia zuzupflastern. Letzten Sommer gingen sie ein bisschen weiter, klauten nur so aus Spaß ein Auto nach dem anderen oder schlichen runter zu den Straßenecken an der Pulaski, um sich im Dealen zu versuchen. In jeder anderen Welt würde man so etwas als kriminell bezeichnen, in der Fayette Street galt es immer noch als kleiner Fehltritt. Bei ihrem Vorstoß zur Ecke Hollins/ Pulaski, ihrem ersten Ausflug zu einer Corner, blamierten sie sich gründlich. Ihr Lieferant wartete bis zur letzten Nachschublieferung des Sommers und machte sich dann mit ihrem gesamten Gewinn aus dem Staub.

Tae, R. C. und die anderen jammerten immer noch darüber, aber wenigstens war DeAndre diese Katastrophe erspart geblieben. Er hatte nämlich die zweite Sommerhälfte unter den Fittichen eines New Yorkers namens Bugsy verbracht, der in ihm ein vielversprechendes Talent sah und mit ihm eine Aufteilung von sechzig zu vierzig für die Koksröhrchen mit dem blauen Deckel vereinbarte. Auf dieser Kommissionsbasis hatten DeAndre und eine Handvoll anderer ein tolles Geschäft gemacht und den alten Abschnitt am 1500er Block, wo die Fairmount Avenue auf die Gilmor stößt, wieder eröffnet.

Fairmount hatte den Großteil des vergangenen Jahrs brachgelegen, nachdem der Sergeant mit dem Spitznamen Stashfinder und andere Zivile die Gegend aufgemischt und die Szene hinauf zur Kreuzung Mount/Fayette oder hinunter zur Ecke Baltimore/Stricker vertrieben hatten, bis die Fairmount eine Geisterstraße war. Aber es war immer noch erstklassiges Terrain. Die kurze West Fairmount Avenue, eine schmale Straße mit Reihenhäusern, war dunkel und bot ein Gewirr von Nebengassen und Schleichwegen. In taktischer Hinsicht ein Albtraum für die Bullen, war es das ideale Gelände für einen jungen Dealer, der mit einem versteckten Depot arbeitete. Natürlich war es auch ein hübsches Plätzchen für die Drogenräuber, und Typen wie Odell oder Shorty Boyd schnappten sich manchmal eine ganze Crew, stellten sie in einer Reihe auf und sackten alles ein. Aber DeAndre nahm das in Kauf; hin und wieder ausgeraubt zu werden gehörte schließlich zum Spiel.

Anfangs lief es in der Fairmount nur schleppend. Er musste dafür sorgen, dass es sich herumsprach, die Junkies dazu bringen, seine Ware zu probieren. Er und Corey, der Freund seiner Cousine, verbrachten da draußen viel Zeit und arbeiteten hart, um das Geschäft in Gang zu bringen. Die Bullen waren meist auf dem Weg zu anderen Brennpunkten vorbeigefahren, aber die Drogenräuber waren lästig und ließen nicht locker, sobald sie den neuen Markt einmal entdeckt hatten. DeAndre wurde einmal ausgeraubt, und ein oder zwei Depots gingen hops, aber im Großen und Ganzen konnten genug Gewinne realisiert werden. Im August hatten ihn ein paar Bullen mit einer Handvoll Pillen erwischt, aber das war nicht weiter schlimm gewesen – DeAndre hatte daraus sogar Profit schlagen können, indem er Bugsy die Papiere vom Jugendgericht zeigte und ihm erzählte, er sei mit der ganzen Lieferung geschnappt worden. Bugsy nahm den Posten von der Rechnung, DeAndre füllte die Röhrchen mit den blauen in solche mit pinkfarbenem Deckel um und strich hinter dem Rücken seines Lieferanten den ganzen Umsatz ein.

Bis zu seinem schweren Rückschlag war es ein guter Sommer. Und als es ihn dann erwischte, war das nicht der Wachsamkeit einer Streife vom Western District zu verdanken und auch nicht der Neunmillimeter eines Depoträubers. Nein, DeAndre McCullough fiel seiner eigenen Mutter zum Opfer. Fran klaute ihm seinen Drogenvorrat.

In der Fayette Street gibt es ziemlich wenig Privatsphäre, und für einen jungen Dealer, der ein Versteck für seine Ware braucht, ist das kein geringes Problem. Wenn man hier versucht, unsichtbar zu bleiben, wenn man versucht, sich auf Zehenspitzen in ein leer stehendes Haus zu schleichen – immer ist jemand da, der einen beobachtet, jede Bewegung registriert und hofft, dass man einen Fehler macht. Lässt man ein Depot unbeaufsichtigt, werden es sich Little Kenny, Hungry oder Charlene auf der Stelle holen. Vertraut man einem Werber wie County oder Tyrone, kann man seine Lieferung gleich vergessen. Mietet man eine Wohnung als Depot von einem der üblichen Mädchen, tut man gut daran, jemanden dafür zu bezahlen, dass er sich dort hinsetzt, andernfalls zieht sich die Schlampe deinen Gewinn in die Nase und erzählt dir später Lügengeschichten. Für DeAndre gibt es deshalb nur eine Möglichkeit: das Zimmer seiner Mutter. Es ist nicht groß, aber Fran Boyd ist froh, dass sie es hat: ein Hinterzimmer im Dew Drop Inn, wie die Junkies von der Fayette Street die Lokalität nennen, die östlich von Blue’s einer Drückerbude am nächsten kommt.

Das dreistöckige Haus im 1600er Block der West Fayette ist die Endstation für alle Boyds bis auf Frans älteren Bruder Scoogie, der das Haus der Großmutter oben in Saratoga bekommen hat. Für die beiden oberen Stockwerke der Nummer 1625 bezahlt Frans Schwester Bunchie, die eine staatliche Mietbeihilfe bekommt, nur zweiunddreißig Dollar im Monat, die sie auf drei Geschwister – Fran, Stevie und Sherry – abwälzt, denen sie jeweils fünfzig Dollar im Monat für ein Zimmer abknöpft. Für Fran und ihre beiden Söhne besteht das Zuhause aus dem rückwärtigen Zimmer im ersten Stock, nicht einmal zehn Quadratmeter.

Der Schuhkarton von einem Zimmer, in dem der ätzende Geruch von Newports hängt, ist vollgestopft mit einem Einzelbett, einer ramponierten Kommode, zwei Sesseln mit herausquellender Polsterung und natürlich dem ständig laufenden Fernseher. Das Bett ist in der Regel DeRodd und DeAndre vorbehalten, während sich Fran mit dem alten Sofa im Wohnzimmer begnügt. In manchen Nächten aber belegen Fran und DeRodd das Bett, und DeAndre legt sich mit einem Schlafsack auf den Boden. Dann wieder nimmt Fran den Schlafsack, damit ihre Söhne mal richtigen Schlaf bekommen. In den schlimmsten Nächten – etwa an Wochenenden oder wenn die Sozialhilfe gezahlt wird und Crackheads und Junkies unablässig ein und aus gehen – kämpfen alle drei um einen Streifen auf dem Bett, während direkt vor ihrer Tür die durchgeknalltesten Typen alles Mögliche anstellen.

Abgesehen vom Allernotwendigsten bietet dieses Hinterzimmer wenig: einen bis oben vollgestopften Schrank, einen provisorischen Nachttisch aus einer Milchkiste, auf dem Fran ihre Lines sniffen kann, wenn der Keller besetzt ist; ein paar Polaroidaufnahmen aus besseren Tagen an den Wänden; die Todesanzeige von Frans Mutter aus dem letzten Jahr. So sieht der Raum aus, den DeAndre unter Kontrolle zu haben glaubt, und deshalb gibt es keinen besseren Platz für sein Depot.

Nicht, dass es immer so gewesen wäre. Letzten Herbst hatte DeAndre schon gedacht, er hätte es geschafft, da warf ihn Fran, wütend über seine Dealerei, aus dem Dew Drop. So plötzlich aus der Nummer 1625 vertrieben, ging er schnurstracks einen Block weiter zur Fayette 1717, wo sein Vater in den Überresten seines alten Wohnsitzes herumspukte. Gary überließ dem Jungen das große Schlafzimmer, und DeAndre fand sich plötzlich in einem Jugendtraum wieder, dem Paradies einer abbezahlten Immobilie, die er rasch in sein Clubhaus verwandelte. Die Wände wurden mit Pornobildern dekoriert, er kiffte dort mit den anderen Jungs von den C. M. B., kippte sich Bier rein und tat, was ihm im reifen Alter von fünfzehn gefiel. Klasse Sache.

Aber das Ganze hatte auch eine Kehrseite. Es gab weder Wasser noch Strom, was ihm ein paar ziemlich kalte Nächte bescherte. Möbel standen auch nicht viel herum. Und dann waren da die Hausgäste, wenn man sie so nennen wollte. Gary McCullough war einige Monate zwischen der Fayette 1717 und dem Haus seiner Mutter in der Vine Street hin und her gependelt, hatte die kalten Nächte im Keller seiner Mutter verbracht und die Überreste seines einstigen Heims als eine Art billiges Wohnheim geführt. Das Problem dabei war nur, dass es sich Gary als Junkie nicht leisten konnte, die übliche Einrichtung bereitzustellen, und seine Pensionsgäste, ebenfalls Junkies, die Miete nicht aufbrachten. Und keiner war geneigt, auszuziehen.