The Dark - Emma Haughton - E-Book
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The Dark E-Book

Emma Haughton

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Beschreibung

Ein Mord – zwölf Verdächtige – vierundzwanzig Stunden Dunkelheit: »The Dark« ist ein ebenso faszinierender wie beklemmender Antarktis-Thriller mit grandiosem Locked-Room-Setting und einer starken Protagonistin. Notärztin Kate North zögert nicht lang, als sie das Angebot erhält, auf einer UN-Forschungsstation in der Antarktis einzuspringen und den Stationsarzt Jean-Luc zu ersetzen, der bei einem tragischen Unfall im Eis ums Leben gekommen ist: Sie ist am Tiefpunkt ihres Lebens angekommen und will nur noch weg. Doch bald schließt der gnadenlose Winter die 13-köpfige Crew in der Forschungsstation ein, und die monatelange Dunkelheit bringt nach und nach alle an ihre Grenzen. Schließlich beginnt Kate zu ahnen, dass Jean-Lucs Tod gar kein Unfall war. Je mehr Fragen sie stellt, desto klarer wird: Der Mörder ist unter ihnen. Und er wird wieder töten. Hoch atmosphärisch schildert die britische Autorin Emma Haughton in ihrem ersten Thriller die atemberaubende Natur der Antarktis und die klaustrophobische Enge innerhalb der Forschungsstation. Die Spannungsschraube wird unerbittlich angezogen - bis zum Showdown. »Ein atmosphärischer Debüt-Thriller, in mehr als einer Hinsicht düster.« NB Magazine

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Seitenzahl: 536

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Emma Haughton

The Dark

Antarktis-Thriller

Aus dem Englischen von Cornelia Röser

Knaur eBooks

Über dieses Buch

Notärztin Kate North zögert nicht lang, als sie das Angebot erhält, auf einer UN-Forschungsstation in der Antarktis einzuspringen und den Stationsarzt Jean-Luc zu ersetzen, der bei einem tragischen Unfall im Eis ums Leben gekommen ist: Sie ist am Tiefpunkt ihres Lebens und will nur noch weg. Doch als der gnadenlose Winter die 13-köpfige Crew in der Forschungsstation einschließt und die monatelange Dunkelheit nach und nach alle an ihre Grenzen bringt, beginnt Kate zu ahnen, dass Jean-Lucs Tod gar kein Unfall war. Je mehr Fragen sie stellt, desto klarer wird: Der Mörder ist unter ihnen. Und er wird wieder töten.

Inhaltsübersicht

Dramatis personae

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

42. Kapitel

43. Kapitel

44. Kapitel

45. Kapitel

46. Kapitel

47. Kapitel

48. Kapitel

Dank

Für die, die ich am meisten liebe – ihr wisst, wen ich meine.

Dramatis personae

Kate North, 35: Ärztin aus Großbritannien

 

Drew Cole, 34: Ingenieur aus den USA

 

Alex Murray, 27: Forschungsassistent aus Irland

 

Rajiv Sharma, 36: Koch aus Großbritannien

 

Sonya Obeng, 51: Meteorologin aus Kanada

 

Luuk de Wees, 33: Elektriker aus den Niederlanden

 

Caro Hinds, 28: Klempnerin aus Neuseeland

 

Alice Munro, 30: Atmosphärenforscherin aus Schottland

 

Tom Weber, 34: Datenmanager aus Deutschland

 

Rob Huang, 34: Kommunikationsmanager aus Australien

 

Arkady Vasiliev, 46: Mechaniker aus Russland

 

Sandrine Martin, 48: Stationsleiterin aus Frankreich

 

Arne Haugen, 38: Fahrzeugschlosser aus Island

1

12. Februar 2021

Weiß. Endloses, nichtssagendes, hirntötendes Weiß. So hell, dass es in den Augen schmerzt, gleichzeitig schrecklich und wunderschön. Endlich bin ich am Ende der Welt angekommen – oder besser gesagt an ihrem südlichsten Zipfel.

Und hier ist absolut gar nichts.

»Geht’s Ihnen gut?«

Über die dröhnenden Triebwerke der Basler hinweg ist Jims Stimme kaum zu hören. Ich nicke, obwohl es bei Weitem nicht stimmt. Ich bin müde. Erschöpft bis in die Knochen, sodass ich kaum noch denken kann. Seit drei Tagen bin ich unterwegs, und inzwischen kommt mir alles surreal vor.

Es ist surreal, beschließe ich, während wir weiter ins Innere des Kontinents fliegen und Berggipfel und Gletscher bizarren Eisformationen weichen, die sich schließlich zu dem gewaltigen Plateau Dome C absenken, eine sich endlos erstreckende Schneefläche, mit Rillen überzogen wie ein gefrorener See. In alle Richtungen derselbe Anblick. Kein Wunder, dass die Gegend den Spitznamen Weißer Mars trägt. Das hier ist der kälteste Ort auf der Erde und auch der verlassenste.

Mein Zuhause für die nächsten zwölf Monate.

Zum ersten Mal seit meinem Aufbruch von Heathrow Richtung Christchurch in Neuseeland spüre ich das Nagen eines Zweifels. Ein Schatten auf meiner Vorfreude.

Als ich die Stellenanzeige las – in meiner warmen, sicheren Wohnung in Bristol –, hielt ich es für eine gute Idee. Ein Jahr als Ärztin in der Antarktisstation, das klang nach Abenteuer, und ich erfüllte sämtliche Voraussetzungen: reichlich notfallmedizinische Erfahrung, chirurgische Grundausbildung, keine gesundheitlichen Einschränkungen. Und das Entscheidende: sofort verfügbar.

Trotzdem hatte ich nicht damit gerechnet, dass ich in diesem kleinen Flugzeug meilenweit über nichts als Eis fliegen würde. Die Stelle auf der neuen Forschungsbasis war für Personen aus aller Welt ausgeschrieben gewesen. Wie groß war die Chance, dass sie ausgerechnet mich auswählten?

Und doch bin ich hier. Entgegen jeder Wahrscheinlichkeit.

Aufgeregt. Und mit einer Riesenangst.

 

»In ein paar Stunden sind wir da.«

Jim holt die Sandwiches hinter meinem Sitz hervor und reicht mir eines der Päckchen. Wenig begeistert wickle ich es aus. Bei unserer Abreise in Neuseeland vor zwei Tagen waren sie frisch, doch jetzt sind Salat und Tomate schlapp geworden und das Brot unappetitlich durchweicht.

Stell dich nicht so an, Kate, sage ich mir, während ich es hinunterwürge. Wenn das, was sich in den Kisten hinter uns stapelt, aufgegessen ist, wird das für viele Monate so ziemlich das letzte frische Gemüse sein, das ich gegessen habe. Dies ist der vorletzte Flug zur Antarktisstation der Vereinten Nationen, der United Nations Antarctica Station – liebevoll als UNA abgekürzt. Wenn nächste Woche die letzte Maschine die letzten Mitglieder des Sommerteams abholt, kann uns über ein halbes Jahr lang niemand mehr erreichen.

Bei dem Gedanken daran zieht sich mir der Magen zusammen. Werde ich damit umgehen können? Und werden es auch die anderen zwölf Mitglieder des Winterteams können? Während des vierwöchigen Crashkurses in Genf hatte alles machbar gewirkt, fast schon akademisch, doch jetzt, angesichts der unermesslichen antarktischen Wildnis trifft mich die eisige Realität dessen, worauf ich mich da eingelassen habe, mit voller Wucht.

Denn natürlich habe ich die Geschichten gehört. Gerüchte von Leuten, die wegen der Isolation, der ständigen Dunkelheit und der Belastung, mit einer kleinen Gruppe eingesperrt zu sein, verrückt geworden sind. Von dem Koch in McMurdo, der größten US-amerikanischen Basis, der einen Kollegen mit einem Hammer angegriffen hatte. Von dem australischen Mitarbeiter, der so gewalttätig wurde, dass man ihn zwei Monate lang in einem Lagerraum einsperren musste. Ein betrunkener russischer Schweißer, der in einem Wutanfall einen Elektrotechniker erstach.

Manche Stationen ließen gar nicht zu, dass neue Mitarbeiter die abreisenden Überwinterer kennenlernten. Kein Wunder.

Ach du Scheiße!

Das Flugzeug stößt ein mechanisches Husten aus, und plötzlich sinken wir. Trotz der dämpfenden Wirkung der Tabletten, die ich vor dem Einsteigen genommen habe, stockt mir der Atem, und für ein, zwei Sekunden nackten Grauens bin ich mir sicher, dass wir auf das unerbittliche Eis stürzen werden.

Gleich darauf fliegen wir wieder ruhig dahin.

»Hey, entspannen Sie sich.« Jim drückt meinen Arm. »Das macht sie hin und wieder. Ist ein wenig kühl am Triebwerk.«

Ich muss über diese australische Untertreibung lächeln. Da draußen sind es minus vierzig Grad. »Tut mir leid, ich bin nicht unbedingt die beste Fliegerin der Welt.«

»Keine Sorge.« Er lächelt breit. »Da sind Sie in guter Gesellschaft. Letztes Jahr hatte ich einen hier – einen Ingenieur, man sollte meinen, der hätte Ahnung von Aeronautik –, der hat fast auf dem ganzen Rückflug geheult. Sie machen sich gut.«

Ich sehe ihn dankbar an, aber mein Herz rast immer noch. Wenn irgendetwas schiefgeht, wenn wir abstürzen oder notlanden müssen, sind unsere Chancen auf Rettung verschwindend gering. Wir könnten innerhalb von Minuten erfrieren.

Ich setze mich auf meine Hände, um zu verbergen, dass sie zittern, doch mein Körper rebelliert, und Übelkeit steigt in mir auf. Oh Gott, bitte mach, dass ich mich nicht übergeben muss. Ich kneife die Augen gegen das erbarmungslose Flirren des Sonnenlichts auf dem Eis zusammen und atme langsam ein und aus.

Im Licht der Scheinwerfer blinzeln mich Fuchsaugen an. Die Welt fängt an, sich um mich zu drehen.

Hör auf damit, Kate, murmle ich leise und schiebe das Bild weg.

Lass es doch einfach.

*

»Wollen Sie einen Blick auf Ihr neues Zuhause werfen?«

Jims Stimme weckt mich auf. Ich bin überrascht, dass ich eingenickt war. Ich drücke die Nase an die Fensterscheibe und spähe in die Richtung, in die er zeigt. Zuerst sehe ich nichts als das allgegenwärtige Weiß und den tiefblauen Himmel, der sich darüber wölbt. Doch während sich meine Augen nach und nach an die Helligkeit gewöhnen, kann ich in der riesigen, flachen Ebene unter uns eine kleine Ansammlung von Gebäuden ausmachen. In einiger Entfernung davon erhebt sich ein hoher silberfarbener Turm.

Wir sind da, wird mir mit zittriger Vorfreude bewusst.

Die Eisstation.

Eine kleine Oase in dieser unendlichen Leere.

Als wir näher kommen, tauchen zwei größere, blassgraue Gebäude in unserem Blickfeld auf. Außen herum sind einige kleinere, gedrungene Gebäude angeordnet, zwischen denen Fußspuren im Schnee zu erkennen sind.

Jim wirkt sehr konzentriert, er justiert neben mir Skalen und Hebel an der Instrumententafel, und wir beginnen unseren Sinkflug Richtung Landebahn. Sofern sie diesen Namen überhaupt verdient. Als wir direkt darauf zufliegen, sehe ich, dass sie nichts weiter ist als ein Streifen platt gepresster Schnee. Wieder schnürt mir die Angst die Kehle zu. Der Boden rast uns entgegen. Ich klammere mich an meinen Sitz.

»Keine Sorge.« Jim sieht mich grinsend an. »Ich hab das schon tausendmal gemacht.«

Das kleine Flugzeug ruckelt und vibriert, als die Räder auf dem Eis aufsetzen. Von Erleichterung durchflutet, atme ich aus. Wir verlieren schnell an Tempo und kommen einige Hundert Meter von den Hauptgebäuden entfernt zum Stehen. Wie ich jetzt erkennen kann, haben die beiden größten drei Stockwerke und stehen auf massiven Stahlbeinen, die sie von Treibschnee frei halten. Ein paar Gestalten eilen die Stufen herunter und laufen uns entgegen.

»Da wären wir.« Jim lehnt sich zurück und reibt sich den Nacken. »Willkommen zu Hause.«

Mein Lächeln ist schwach. Mir rast immer noch das Herz vom Adrenalinschub bei der Landung.

»Sind Sie bereit?« Er zieht den Reißverschluss seines dicken Parkas zu.

»Wofür?«

Im nächsten Augenblick erhalte ich die Antwort. Als Jim die Flugzeugtür öffnet, strömt unglaublich kalte Luft herein, und meine Lunge zieht sich zusammen. Trotz meiner Daunenjacke und der Skihose ist es wie ein Anschlag, als würde man gegen etwas Hartes prallen. Ich versuche, gleichmäßig zu atmen, doch das Einatmen schmerzt. Als ich aufstehe, mich nach festem Boden unter den Füßen sehnend, kann ich spüren, wie die Feuchtigkeit in meiner Nase, an meinen Augen und meinen Lippen augenblicklich gefriert. Sogar mit Schneebrille ist das vom Schnee reflektierte Sonnenlicht gleißend hell.

Als Nächstes trifft mich die Stille. Sie ist dicht, beinahe erstickend.

Der Klang völliger Leere.

Nach ein paar Schritten stolpere ich. Mir ist schwindelig, ich verliere die Orientierung. Eine Hand packt mich am Arm. »Hey, vorsichtig. Es dauert ein paar Minuten, bis man sich daran gewöhnt.«

Ich sehe zu dem Gesicht auf, das auf mich herabschaut. Oder besser gesagt erhasche ich einen Blick auf ein paar Bartstoppeln auf einem winzigen Streifen freiliegender Haut. Der Rest des Mannes ist von Kopf bis Fuß in Kälteschutzkleidung gehüllt, und seine Augen sind von einer riesigen verspiegelten Schneebrille verdeckt. Trotzdem weiß ich, dass er attraktiv ist, ich erkenne es an seinem Tonfall und seiner selbstbewussten Haltung.

»Andrew.« Er streckt mir eine Hand im Handschuh hin. »Aber alle nennen mich Drew.«

Ich schüttele sie matt. »Kate.«

»Willkommen am Tiefpunkt der Welt«, sagt er mit weichem amerikanischem Akzent, ehe er sich umwendet, um mir seinen Begleiter vorzustellen. »Das ist Alex.«

Alex nickt mir knapp zu, dann hilft er Jim, die Kisten von der Ladefläche des Flugzeugs herabzuheben. Ich unterdrücke einen kurzen Stich von etwas, das ich als Enttäuschung identifiziere.

Was hatte ich denn erwartet? Eine Willkommensparade?

»Dann bringen wir dich mal rein«, sagt Drew, bevor er sich an den Piloten wendet. »Bleiben Sie ein bisschen?«

Jim nickt. »Ich bin gleich da. Setzen Sie schon mal Teewasser auf.«

Drew hebt meine schweren Taschen, als würden sie überhaupt nichts wiegen, und geht auf das nächstgelegene Gebäude zu. Ich folge ihm. Das Gehen fühlt sich sonderbar an, der Schnee hier hat nichts mit dem weichen, matschigen Zeug zu tun, das bei mir zu Hause hin und wieder runterkommt. Das hier ist etwas ganz anderes: Hart und kristallin knarzt und ächzt er unter meinen Stiefeln. Zwar schneit es hier oben nur selten – auf Dome C gibt es so wenig Niederschlag, dass es streng genommen eine Wüste ist –, aber wenn es schneit, bleibt der Schnee liegen und sammelt sich über Tausende von Jahren zu einer Eisschicht von mehreren Kilometern Dicke an.

Als wir uns der Station nähern, weicht die Stille einer Vielzahl von Summ- und Pieptönen: Zeugnisse der Aktivität im Inneren. Das Geräusch von Leben. Generatoren, Instrumente, alles, was wir brauchen, um uns in dieser unwirtlichen Umgebung zu versorgen. Ohne diese Maschinen wären wir schnell tot.

»Gute Reise gehabt?« Drew wartet, bis ich ihn eingeholt habe. Von dieser kurzen Strecke bin ich vor Anstrengung außer Atem. Die Höhe, rufe ich mir in Erinnerung. Wir sind 3800 Meter über dem Meeresspiegel, und die Luft ist sowohl dünn als auch bitterkalt.

»Sie sind aus London gekommen, stimmt’s?«

Ich nicke.

»Zum ersten Mal in der Antarktis?«

Wieder nicke ich, zum Sprechen bin ich zu sehr außer Puste.

»Man gewöhnt sich daran.«

Als wir das Gebäude erreichen, bleibt Drew kurz stehen und deutet auf den Union Jack, der zwischen verschiedenen Flaggen über der Tür hängt. »Den teilen Sie sich mit Alice, aber das macht Ihnen sicher nichts aus.«

»Und die da ist Ihre?« Ich zeige auf die Stars and Stripes am Ende.

»Jupp. Geboren und aufgewachsen im Mittleren Westen.«

Aus einem Impuls heraus krame ich mein Handy aus der Tasche, ziehe die Handschuhe aus und will über das Kamerasymbol streichen, um den Moment meiner Ankunft festzuhalten. Doch bevor ich ein Bild machen kann, friert der Bildschirm ein – buchstäblich. Die Oberfläche überzieht sich mit einer dünnen Eisschicht.

»Verdammt.« Ungläubig starre ich auf das Gerät, bevor ich es wieder in die Jackentasche stecke. Meine Finger schmerzen bereits vor Kälte.

»Ja, Handys können bei diesen Temperaturen launisch sein«, sagt Drew. »Keine Sorge, das erholt sich wieder.«

Wir steigen die zwölf Alustufen zum Haupteingang hinauf. Von der Anstrengung wird mir schwindelig. Wenige Sekunden später finde ich mich in einem beachtlich großen Raum wieder, der mit Outdoorausrüstung vollgestopft ist: Mäntel und Parkas hängen an Haken, darunter aufgereiht stehen Schneestiefel in verschiedenen Größen. Auf Regalbrettern stapeln sich Schneebrillen und Schutzhelme.

In einer Ecke lehnen ein Snowboard und mehrere Paar Skier. Stirnrunzelnd sehe ich sie an und bin verwirrt. Dafür ist es hier doch bestimmt viel zu flach?

Drew folgt meinem Blick. »Ein paar von den Jungs lassen sich gern hinter dem Schneemobil herziehen. Sollten Sie irgendwann mal ausprobieren.« Er reicht mir ein paar blaue Crocs. »Die hier dürften Ihre Größe haben.«

Ich setze mich auf eine freie Bank und ziehe Jacke und Stiefel aus. Zähneklappernd schlüpfe ich in die Crocs. »Danke. Ich gebe sie zurück, sobald ich ausgepackt habe.«

»Behalten Sie sie. Jemand aus der Sommercrew hat sie hiergelassen. Wir haben ein ganzes Zimmer mit Zeugs, das keiner mehr haben will. Wenn Sie irgendwas brauchen, fragen Sie einfach Rajiv – er kocht nicht nur für uns, sondern ist auch für das Vorratslager zuständig, was ihn hier auf der Station praktisch zu Gott macht.«

Darüber muss ich lächeln, und ich versuche, Drew nicht anzustarren. Nachdem er jetzt seine Outdoorsachen ausgezogen hat, sehe ich, dass ich mit meiner Intuition richtiglag: Er sieht irritierend gut aus. Groß, mit kurzen, aschblonden Haaren, tiefbraunen Augen und gemeißelten Gesichtszügen, die sich auch gut in einem Hochglanzmagazin machen würden.

Sofort fühle ich mich verunsichert und drehe mein Gesicht aus seinem Blickfeld, doch dann bremse ich mich. Warum verstecke ich es? Es ist ja nicht so, als würde er es nicht bemerken.

 

»Also, dann besorgen wir Ihnen mal ’ne schöne Tasse Tee«, sagt Drew in der grässlichen Imitation eines Cockney-Akzents.

»Das wäre wunderbar.« Ich friere so stark, dass meine Stimme zittert, als stünde ich unter Schock.

»Sie können sich aufwärmen und die anderen kennenlernen. Caro hat Ihnen zu Ehren einen Kuchen gebacken.«

Ich folge ihm aus dem Schuhraum durch ein Labyrinth aus Fluren, deren fades Behördenblau mich an das Krankenhaus erinnert. Irgendwie macht es mich nervös, die Menschen kennenzulernen, mit denen ich das ganze nächste Jahr zusammen eingesperrt sein werde.

Was ist, wenn sie mich nicht mögen?

Sei nicht albern, Kate. Du bist hier nicht in der Schule. Warum in aller Welt sollten sie dich nicht mögen?

Drew führt mich in einen großen Raum, den ich für das Gemeinschaftszimmer halte. Panoramafenster bieten einen Blick auf die leere Eisfläche – die relative Wärme und Behaglichkeit hier drin, die locker angeordneten Sofas und Sessel, die Lampen und Bücherregale, in denen sich Taschenbücher und zerlesene Zeitschriften stapeln, das alles steht in einem harten Kontrast zu der tödlichen Kälte gleich auf der anderen Seite der Scheibe.

Als wir hereinkommen, sieht etwa ein Dutzend Menschen auf. Drew rattert die Vorstellungsrunde herunter, und mein Lächeln gefriert zu einer starren Maske. Während einer nach dem anderen aufsteht und mich umarmt oder mir die Hand gibt, versuche ich, jeden Namen und jede Berufsbezeichnung mit einem Gesicht zu verknüpfen. Rajiv Sharma, den Koch, kann ich mir leicht merken mit seinem kurz gestutzten Bart und dem akkurat gebundenen, blauen Turban. Sonya Obeng, eine kanadische Meteorologin, die mich so herzlich willkommen heißt, dass sich meine Nerven augenblicklich beruhigen. Luuk de Wees, der niederländische Stationselektriker, ist so groß, dass er mit ausgestrecktem Arm die Decke berühren könnte. Die neuseeländische Klempnerin Caro Hinds und Alice Munro, eine Atmosphärenforscherin aus Edinburgh, Tom Weber, der schüchtern wirkende Datenmanager aus München, der meinem Blick die meiste Zeit ausweicht – der einzige Brillenträger, wie mir auffällt. Rob Huang, unser australischer Kommunikationsmanager, der mit seiner eng geschnittenen, schwarzen Kleidung und den blondierten Haaren aussieht wie ein Modedesigner. Und dann ist da Arkady Vasiliev, ein großer, bäriger Russe um die vierzig, der für die Wartung der Generatoren zuständig ist. Ganz zu schweigen von den bunt zusammengewürfelten Resten der Sommerbesatzung, die nächste Woche abreisen sollen.

Sandrine Martin, die Stationsleiterin, ist nicht dabei, wie mir auffällt. Ebenso wenig Alex, dem ich draußen kurz begegnet war.

Als die Vorstellungsrunde beendet ist, herrscht unbehagliches Schweigen. Alle bemühen sich, nicht auf meine linke Wange zu starren.

»Wie wär’s mit einem Tee?«, fragt Drew, als ich mich auf einen freien Sessel setze. »Wie trinkst du ihn?«

»Mit Milch, ohne Zucker, danke.«

»Es ist leider nur Milchpulver«, sagt Alice, deren Blick zu meiner Narbe und wieder weg zuckt. »Aber daran gewöhnt man sich.« Mit ihren dunkelblonden Haaren und den hellblauen Augen könnte sie Drews Schwester sein. Sie ist verblüffend hübsch: schlank, mit zarten Zügen und einem weichen schottischen Akzent.

»Du bist bestimmt fix und fertig«, fügt sie hinzu, und ich verziehe das Gesicht. Ich kann mir in etwa vorstellen, wie furchtbar ich aussehe. Seit Heathrow habe ich kaum geschlafen, und mir fehlte die Energie, um vor der letzten Flugstrecke mit Jim noch Make-up aufzulegen. Aber wozu auch? Der Schaden an meinem Gesicht lässt sich ohnehin nicht verbergen.

Doch jetzt wünschte ich, ich hätte mir mehr Mühe gegeben. Ich fühle mich schmutzig und verschwitzt, die Haare seit drei Tagen nicht gewaschen und fettig. Ich möchte nichts mehr, als in ein langes, heißes Bad abzutauchen.

Aber das ist im Moment nicht möglich. Da Wasser und Strom hier nur begrenzt verfügbar sind, kommen Vollbäder nicht infrage – die Basis rationiert das Duschen auf gerade mal zwei Minuten, jeden zweiten Tag.

Noch etwas, woran man sich gewöhnen muss.

»Alles okay mit dir?« Caro reicht mir ein Stück von dem Schokokuchen, den sie mir zu Ehren gebacken hat.

»Ich bin ganz schön erledigt«, gebe ich zu.

»Überrascht mich nicht.« Sie lässt sich auf das Sofa fallen, das meinem Sessel gegenübersteht. »Als ich hier ankam, hab ich fünfzehn Stunden durchgeschlafen, und ich bin nur von Christchurch angereist.«

Keine Chance, denke ich. Ich weiß nicht mehr, wann ich zum letzten Mal acht Stunden am Stück geschlafen habe. Zum Teil lag das an den gnadenlosen Schichten in der Notaufnahme, zum Teil daran, dass ich seit dem Unfall nicht mehr gut schlafen kann.

»Kommst du aus diesem Teil Neuseelands?«, frage ich, während ich ihre kurzen, punkig frisierten Haare und die Ringe in Ohren und Nase mustere. Nicht so atemberaubend wie Alice, aber auf ihre eigene, lässigere Art hübsch. Im Kontrast zu Alice’ geblümtem Oberteil und ihrer hellblauen Leggins trägt Caro eine weite Latzhose und ein verwaschenes orangefarbenes T-Shirt.

Sie schüttelt den Kopf. »Aus der Nähe von Dunedin. Meine Eltern hatten da ’ne Rinderfarm. Aber ich lebe jetzt seit fünf Jahren in Wellington.«

Luuk fläzt sich neben sie und sitzt so breitbeinig da, dass Caro an den Rand des Sofas gedrängt wird. »Woher kommst du?«, fragt er zwischen Bissen vom Kuchen und bemüht sich nun nicht mehr, zu verbergen, wie eingehend er mein Gesicht mustert.

»Bristol, im Südwesten von England. Aber aufgewachsen bin ich in Surrey.«

Er nickt, obwohl ich die Vermutung habe, dass ihm das nichts sagt. »Amsterdam«, sagt er, ehe ich fragen kann. »Aber meine Mutter ist Engländerin.«

Ich lächle. Mir will keine Antwort einfallen, die nicht völlig banal wäre. Mein Hirn kommt mir vor wie eine Schnecke, und die ersten Anzeichen ernsthafter Kopfschmerzen machen sich bemerkbar. Ich will nichts lieber, als etwas einwerfen und bewusstlos werden, oder es zumindest zu versuchen. Stattdessen nippe ich Tee aus dem Becher, den mir Drew reicht, und knabbere an Caros Kuchen, obwohl ich vor lauter Müdigkeit keinen Hunger habe.

Gib dir Mühe, ermahne ich mich. Erster Eindruck und so.

Weiterer Small Talk bleibt mir zum Glück erspart, weil ein dunkelhaariger Mann eintrifft und mit ihm eine elegant gekleidete Frau um die fünfzig, deren Verhalten Autorität ausstrahlt. Das muss Sandrine sein, die Stationsleiterin.

Ich stehe auf und reiche ihr die Hand. »Hi, ich bin Kate.«

»Ich weiß«, sagt sie mit hartem französischem Akzent, der sie irgendwie einschüchternder wirken lässt. »Willkommen bei der UNA.« Sie starrt ein paar Sekunden lang schamlos die Narbe auf meiner Wange an, dann stellt sie mir den Mann hinter sich vor. »Das ist Raffaelo de Marco – der Arzt, dessen Stelle Sie einnehmen.«

Raffaelo lächelt mich offen an. »Schön, dich kennenzulernen«, sagt er in perfektem Englisch. »Auch wenn es nur kurz ist. Entschuldige bitte, dass ich so eilig verschwinde.«

»Wie meinst du das?« Ich bin verwirrt. Er soll doch erst mit dem Flugzeug nächste Woche abreisen.

Der Arzt ist sichtlich verlegen. Er sieht Sandrine an, doch die äußert sich nicht dazu. »Hat es dir niemand gesagt?«, fragt er. »Ich reise heute ab.«

Ich kann es nicht fassen. Ausdruckslos starre ich ihn an. Er reist ab? Raffaelo sollte mich in der nächsten Woche einarbeiten und mir helfen, mich einzugewöhnen. »Nein, das hat mir niemand gesagt.«

»Raffs Sohn ist krank.« Sandrines Ton ist sachlich. Sie beobachtet meine Reaktion ungerührt. Fast schon kritisch – jedenfalls kommt es mir so vor.

»Oh, das tut mir leid«, stammle ich, bemüht, meine Bestürzung zu überspielen.

»Ist nichts Ernstes.« Wieder lächelt Raffaelo mich entschuldigend an. »Aber er muss operiert werden, und meine Frau braucht mich zu Hause.«

»Okay.« Ich weiß, dass ich nicht aufrichtig klinge, aber ich stehe zu sehr unter Schock, um einen mitfühlenderen Eindruck machen zu können. Wie um alles in der Welt soll ich hier zurechtkommen, ohne dass er mir zeigt, wo es langgeht?

Plötzlich kommt Jim herein und stürzt seinen Tee hinunter. »Sorry, Kumpel.« Er gibt dem Arzt einen Klaps auf den Rücken. »Wir müssen sofort los. Gerade kam die Meldung rein, dass ein Unwetter aufzieht.«

In einem Gewirr aus Umarmungen und Händeschütteln verabschiedet sich Raffaelo eilig. Dann nimmt er seinen Rucksack und wendet sich an mich. »Ich habe Ihnen eine Mappe auf den Schreibtisch gelegt, mit Anweisungen, wo Sie alles finden. Sie kommen schon zurecht – Jean-Luc hat alles sorgfältig dokumentiert.«

Jean-Luc Bernas. Der französische Arzt, der vor zwei Monaten draußen im Eis gestorben ist. Der Grund, warum ich hier bin.

»Danke«, sage ich mechanisch. »Ich hoffe, bei Ihrem Sohn geht alles gut.«

Raffaelo nickt, dann verschwindet er. Sandrine dreht sich um und geht ohne ein weiteres Wort davon.

Ich stehe da, und meine Stimmung gerät ins Trudeln. Ich hatte mich darauf verlassen, dass mich hier jemand in die Verwaltung der medizinischen Untersuchungen einführen und mir insgesamt helfen würde, auf den aktuellen Stand zu kommen. Es ist albern, aber ich fühle mich im Stich gelassen. Allein gelassen. Obwohl natürlich niemand daran schuld ist.

Einen verrückten Moment lang ringe ich mit dem Impuls, den beiden nachzurennen und ihnen zu sagen, ich hätte es mir anders überlegt und wolle zurück nach Hause. Den Blick starr in die Ferne gerichtet, versuche ich, mich zusammenzureißen, als ich bemerke, dass Drew mich beobachtet.

Mir schießt die Röte in die Wangen; ich spüre, dass er ganz genau weiß, was ich denke.

»Na komm, Kate«, sagt er freundlich und holt meine Taschen aus der Zimmerecke. »Jetzt richtest du dich erst mal ein.«

2

12. Februar 2021

Das ist deine.«

Drew öffnet die Tür einer Kabine ganz am Ende eines Flurs und lässt mich in das winzige Zimmer eintreten. An einer Wand steht ein Stockbett, beide Etagen ordentlich gemacht, ein Kleiderschrank aus dickem, dunklem Sperrholz, dahinter eingekeilt ein schlichter Schreibtisch mit einem Stuhl. Die Wände sind in demselben faden Graublau gestrichen wie draußen auch.

»Du hast Glück.« Drew lässt meine Taschen auf den Tisch fallen. »Deine Zimmergenossin ist letzte Woche abgereist, du hast die Kabine also für dich.«

Ich starre den winzigen Raum an, der so klein und so spärlich eingerichtet ist wie eine Gefängniszelle, und stelle mir vor, ihn mit einem anderen menschlichen Wesen zu teilen. Wie um alles in der Welt soll man hier Privatsphäre haben?

»Ich lasse dich jetzt auspacken«, sagt Drew und zieht sich zurück. »Und dann könnte ich dir vor dem Abendessen die Basis zeigen, was meinst du?«

Ich nicke. »Danke.«

»Soll ich so in einer Stunde wiederkommen?«

Ich schaue auf meine Uhr. Viertel nach drei, Ortszeit – zu Hause kurz vor Mitternacht. »Das wäre prima.«

Als ich den Kopf hebe, sehe ich, wie er eilig den Blick von meinem Gesicht abwendet. Ich kann’s ihm nicht verdenken, das machen alle. Die gezackte silberne Linie, die über meine linke Wange verläuft, zieht die Aufmerksamkeit unweigerlich auf sich. Ich wünschte, ich könnte sagen, ich bin es gewohnt, aber der Schmerz der Befangenheit ist ebenso wenig verblasst wie die Narbe.

»Du bist ganz schön ins kalte Wasser geworfen worden, oder?«, fragt Drew. »Wo Raff so plötzlich abreist?«

In meinen Augen brennen Tränen, doch gleich darauf spüre ich einen Stich Gereiztheit. Ich hasse Mitleid, ich hasse es, wenn ich anderen leidtue.

Das habe ich nicht verdient.

»Ich komme schon zurecht«, antworte ich ein wenig zu schroff und bücke mich, um meinen vollgestopften Rucksack auf das untere Bett zu heben.

»Das Bad ist zwei Türen weiter links, wenn du duschen willst. Denk dran, kein Conditioner, sonst ist die Wasseraufbereitung im Arsch.«

Mit diesen Worten ist er verschwunden. Ich stehe da und bin zu erschöpft, um zu denken oder mich zu rühren, und kämpfe gegen den Drang an, mich auf das schmale Bett fallen zu lassen. Plötzlich kann ich nur noch an Ben denken, und ich vermisse ihn, als wäre es gestern gewesen. Wie seine Nasenspitze zuckte, wenn er etwas lustig fand – oder nervig. Sein langer, glatter Rücken. Das Gefühl, wenn er auf mir lag, mich aufs Bett drückte und ich mich warm und sicher fühlte, beschützt vor allem Bösen in der Welt.

Scheiße. Das hilft jetzt nicht weiter.

Neuanfang, schon vergessen?

Ich packe meinen Rucksack aus und schlucke ein paar Pillen ohne Wasser. Den Rest verstaue ich, in einem großen, unschuldig aussehenden Vitaminröhrchen getarnt, ganz hinten in meinem Schrank. Dann nehme ich mir einen Moment Zeit, um aus dem Fenster zu sehen. Die Kabine liegt an der rückwärtigen Seite der Station, es gibt also keine Außengebäude, die mir die Sicht auf … na ja, absolut gar nichts versperren würden. Meile um Meile plattes Eis, der Horizont ist ein glatter Schnitt unter dem strahlend blauen Himmel, die Schneeoberfläche vom Wind zu horizontalen Wellen gemeißelt – mitsamt Schatten, sodass es auf unheimliche Art an ein Meer erinnert.

Genieß es, solange du kannst, ermahne ich mich selbst; in wenigen Monaten wird die Sonne ganz verschwunden sein. Wenn sie zum letzten Mal untergeht, wird es wochenlang nichts als Dunkelheit geben. Beim Gedanken daran überläuft mich ein Schauer. Ich hatte der UNA gegenüber nicht erwähnt, dass ich schon seit Urzeiten Angst im Dunkeln habe.

Und vor anderen Dingen.

Damals, als ich den Job annahm, schienen meine Ängste in weiter Ferne zu liegen, schienen beherrschbar zu sein. Aber als ich jetzt hier stehe, entfacht die Aussicht auf die endlose Nacht neue Zweifel.

War es die richtige Entscheidung, hierherzukommen?

Einerseits war es Altruismus, ich wollte meinen Teil beitragen. Diese Station, die UNA, war vor drei Jahren errichtet worden, um Wissenschaftler aus der ganzen Welt zusammenzubringen und den Klimawandel und die entscheidende Rolle der Antarktis für die globalen Wettersysteme genauer zu erforschen. Und dafür brauchten sie Besatzung aller Art, nicht nur Wissenschaftler und Forscherinnen, sondern auch Klempnerinnen, Elektriker, Ingenieurinnen, Mechaniker, Köche und natürlich eine Ärztin.

Dahinter allerdings lagen egoistischere Gründe. Ich musste unbedingt der täglichen Erinnerung daran entfliehen, dass Ben nicht mehr da war. Den ständigen prüfenden Blicken meines Umfelds – meiner Schwester, der Kolleginnen und Kollegen, der Krankenschwestern, selbst des Hilfspersonals. Die Atmosphäre von ständiger Besorgnis und Mitleid machte alles nur noch schlimmer. Dieser riesige Kontinent, der herrliche Isolation verhieß, schien mir der perfekte Ort zu sein, um mich zu verstecken.

Aber war das ein Fehler? Ist dieser Ort einfach nur ein Spiegel, der mir mein gebrochenes, erstarrtes Herz vor Augen hält?

Genug jetzt, sage ich mir und ziehe die Jalousie herunter, um das blendende Licht zu dämpfen. Du bist erschöpft. Morgen wird dir alles schon ganz anders vorkommen. Ich öffne meine Reisetasche und räume meine Kleidung und persönlichen Sachen in den Schrank. Es sieht nach viel zu viel Zeug aus, das meiste davon wurde von der UNA ausgegeben: zwei Overalls, Daunenjacken und Leggins, alles in grellem Tomatenrot, damit man es im Schnee bestmöglich sieht. Mehrere Garnituren Thermounterwäsche, sechs Paar Handschuhe und Fäustlinge in verschiedenen Dickegraden, drei Fleece- und ein Wollpullover, sieben Paar Socken, drei Baumwollhosen. Außerdem Schneestiefel, Einlagen, Ersatzsohlen, Schneebrille, Mütze und Sonnenbrille.

Ich stopfe so viel in den Schrank, wie hineingeht, doch er ist deutlich zu klein. Also ordne ich den Rest säuberlich auf dem oberen Brett an und frage mich einmal mehr, wie um alles in der Welt zwei Personen in dieser Kabine existieren sollen – es gäbe kaum Luft zum Atmen. Dann ziehe ich mich aus und wickle mich in den dicken Fleecebademantel, den ich in meiner kühlen viktorianischen Wohnung für sinnvoll gehalten hatte, der jetzt aber ironischerweise viel zu warm ist. Draußen mögen es minus dreißig Grad sein, aber in der Station selbst herrscht eine tropische Hitze.

Ich dusche kurz und trockne mir die Haare mit einem Handtuch, bevor ich in meine Kabine zurückkehre. Wenige Augenblicke später klopft es an der Tür.

»Bist du angezogen?«, ruft Drew.

Himmel. Ist die Stunde schon vorbei? »Moment noch.« Ich ziehe die erstbesten sauberen Sachen an, die mir in die Hände fallen. »Komm rein.«

Sein Kopf taucht in der Tür auf. »Soll ich dich jetzt herumführen?«

Ich nicke und versuche, einen begeisterten Eindruck zu machen. Ein paar Stunden noch, sage ich mir, dann kann ich schlafen.

 

Ich hatte zwar Pläne von der Anlage gesehen, aber die Basis ist größer, als ich sie mir vorgestellt hatte, und sehr viel verwirrender. Drew führt mich durch ein Labyrinth aus Gängen, manche davon so schmal, dass kaum zwei Menschen nebeneinander hindurchpassen, in anderen ist die Decke so niedrig, dass sie mir eher wie Tunnel vorkommen. Alles wurde komprimiert, um den Platz bestmöglich zu nutzen, erklärt Drew, ebenso die Isolierung – die Außenwände müssen dick genug sein, um Temperaturunterschiede von hundert Grad zwischen dem Inneren und dem »da draußen« auszuhalten.

Zuerst erkunden wir Alpha, den Wohnbereich, aus dem das Hauptgebäude besteht. Drew zeigt mir alles: zwanzig Schlafräume und vier Bäder, die Küche und den Speiseraum, das große Wohnzimmer und gleich nebenan das Spielezimmer mit einem Billard- und einem Kickertisch. Die Bibliothek, die gleichzeitig als Miniaturkino fungiert, das kleine, aber gut ausgestattete Fitnessstudio, einen Waschsalon mit einer Reihe von Waschmaschinen und Trocknern und schließlich meine Praxis und den angrenzenden Behandlungsraum.

Als Nächstes ist Beta dran, das technische Gebäude, das man über einen geschlossenen Durchgang erreicht. Begleitet vom unablässigen Summen von Maschinen, besichtigen wir die Funk- und Kommunikationseinrichtungen, den Skype-Raum und verschiedene wissenschaftliche Labore. Eine Etage tiefer, im Erdgeschoss, zeigt Drew mir die Werkstätten und die Lagerräume für die Lebensmittelvorräte, den Hauptgenerator und die Wasseraufbereitungsanlage.

Im Kontrast zur relativen Aufgeräumtheit in Alpha wirkt in Beta alles sehr industriell: Stahlböden unter einem Gewirr aus Rohren und Kabeln, dicke, verdrillte Kabel, von denen einige an den Wänden entlang verlaufen und andere von der Decke hängen. In den Gängen wimmelt es von verschiedenen schwarzen Brettern und Karten, an Haken hängt Outdoorausrüstung, und unzählige Regale sind voll von Akten und Handbüchern und Kisten mit verschiedenen Werkzeugen und Ausrüstungsteilen.

Während ich Drew folge, komme ich mir vor wie in einem Labyrinth. Weiß der Himmel, wie man es schaffen soll, sich hier nicht zu verirren. »Hier sind die Hydraulikzylinder«, erklärt er, als wir uns durch eine der Werkstätten zum Rand des Gebäudes bewegen. »Sie verhindern, dass der gesamte Bau unter dem Eis begraben wird. Ohne sie wäre das hier in zehn oder zwanzig Jahren eine unterirdische Anlage.«

Mir fällt ein Bild von einer alten Blechhütte irgendwo am Südpol ein, die nur durch einen Holzbalken davor bewahrt wurde, unter der Last des Schnees zusammenzubrechen. Wie um alles in der Welt hatten es diese frühen Entdecker mit derart beschränkten Mitteln in einer so unwirtlichen Umgebung ausgehalten? Mit jeder Minute in dieser Station wird mir bewusster, wie sehr unser Überleben von der Technik um uns herum abhängig ist. Wie schutzlos wir wären, wenn irgendetwas davon versagte.

»Heute fehlt uns dafür die Zeit, aber wenn du möchtest, können wir morgen einen Blick nach draußen werfen«, sagt Drew, nachdem er mir die Wasseraufbereitung erklärt hat. »Da draußen gibt es ein paar ziemlich interessante Sachen. Außerdem lagern wir drüben im Sommercamp eine medizinische Notfallausrüstung, für den Fall, dass die Station abbrennt – du solltest wissen, wo alles ist.«

»Das wäre fantastisch.« Ich bete, dass die Führung hiermit zu Ende ist und ich mich vor dem Abendessen noch ein paar Minuten in meiner Kabine ausruhen kann. Doch als wir nach Alpha zurückkehren, bleibt Drew vor einer geschlossenen Tür ganz in der Nähe der Praxis stehen. Auf dem Schild steht »Stationsleitung«.

Drew klopft an und streckt den Kopf hinein. »Willst du kurz mit Kate sprechen?«

Ich höre Sandrine zustimmend antworten, also folge ich Drew in den Raum. Sie sitzt an ihrem Schreibtisch und schreibt in ein großes Notizbuch. Alles um sie herum ist sauber und ordentlich, genau wie ihr perfekt aufgetragenes Make-up und die makellose Kleidung. Irgendwie mehr Paris als Antarktis.

»Leben Sie sich gut ein?«, fragt sie in merkwürdig ausdruckslosem Ton.

»Ja, danke.«

»Gut.«

Es entsteht ein Augenblick Stille, bei dem ich nicht recht weiß, wie ich ihn füllen soll. »Brauche ich Schlüssel?«, frage ich, wobei mir bewusst ist, dass Drew jedes Wort dieses Gesprächs mithört. Bei den meisten Räumen auf der Basis können die Türen nicht abgeschlossen werden, wie ich gesehen habe, nicht mal bei den Schlafkabinen – die Ausnahmen sind die Türen der Praxis, des Kommunikationsraums und von Sandrines Büro.

»Oh, ja.« Sandrine steht auf und öffnet einen stabilen Holzschrank, der hinter ihrem Schreibtisch an der Wand angebracht ist. Sie reicht mir einen Satz Schlüssel. »Sagen Sie mir Bescheid, wenn Sie sonst noch etwas brauchen.«

Ich trete zurück und fühle mich wieder ernüchtert. Sicher, ich hatte keine Fanfaren erwartet, aber mit etwas Herzlicherem als dem hier hatte ich wohl doch gerechnet.

»Keine Sorge.« Drew bemerkt meinen Gesichtsausdruck, als wir den Flur hinuntergehen. »Sie wird schon noch auftauen.«

Ich bringe ein schwaches Lächeln zustande und hoffe, dass er recht hat.

»Und pass gut auf die Schlüssel auf. Sandrine hat ihre vor ein paar Monaten verloren, und es war ein ziemlicher Akt, sie zu ersetzen.«

»Mache ich«, sage ich in der verzweifelten Hoffnung, das möge jetzt alles gewesen sein. Ich bin so müde, dass ich kaum aufrecht stehen kann. Die Wirkung der Pillen lässt allmählich nach, und ich spüre, wie sich Gereiztheit in mir breitmacht.

»Jedenfalls«, fährt Drew fort, »habe ich uns das Beste bis zum Schluss aufgehoben.«

Oh Gott. Ich zwinge mich, neugierig auszusehen, und folge ihm durch einen weiteren Kaninchenbau von Gängen. Am anderen Ende der Station betreten wir einen kleinen, engen Raum, in dem in dichter Anordnung LED-Leuchten an der Decke hängen.

»Ta-dah!« Strahlend deutet Drew auf ein paar kümmerliche Pflanzen, die im grellen Licht kauern. »Meine Babys.«

Ich betrachte die verloren wirkenden Salatblätter: mehrere Sorten Kopfsalat, Rucola, Kohl. Das alles wirkt in diesem kahlen weißen Raum auf diesem kahlen weißen Kontinent auf bizarre Weise fehl am Platz.

»Das einzige frische Grünzeug, das du den ganzen Winter über zu sehen kriegen wirst«, sagt er stolz und wirft mir ein perfektes Lächeln zu. Mit seinen kurzen Haaren und dem Zweitagebart sieht Drew wirklich aus wie ein Fotomodell, eines, das Werbung für Sport- oder Outdoorkleidung macht. »Hab sie vor ein paar Monaten gesät. In ein paar Wochen müsste die erste Ernte dran sein.«

Kaum genug für eine Mahlzeit, denke ich, versuche aber, wertschätzend zu schauen.

»Tja, das wär dann erst mal alles«, sagt er mit einem Blick auf die Uhr. »Eine halbe Stunde bis zum Abendessen. Wir sehen uns im Esszimmer.«

Ich lege ihm kurz die Hand auf den Arm, als er sich zum Gehen wendet. »Danke, Drew. Es ist nett, dass du dir die Zeit genommen hast.«

»Gar kein Problem.« Sein Blick ist freundlich, eine herzliche Professionalität. »Es ist wirklich schön, dich hierzuhaben.«

 

Als ich in den Speiseraum komme, sitzen bereits sechs Personen an den vier säuberlich angeordneten Tischreihen. Drew ist noch nicht da, aber Caro winkt mir zu und steht auf, um mich zu begrüßen. Mit ihren stacheligen Haaren sieht sie auf elfenhafte Art süß aus.

»Hat dir die Führung gefallen?«, fragt sie, während sie mir die Ausgabetheke zeigt.

Ich nicke. »Es ist ganz schön viel auf einmal.«

»Als ich hier angekommen bin, habe ich mich zigmal verlaufen. Kein Witz. Aber man kriegt den Dreh schon raus.«

Ich betrachte das Essen in der Theke. »Soll ich mich selbst bedienen?«

»Nimm dir, was du willst. Du hast Glück, heute ist Freitag, da gibt es Fish and Chips.«

»Wirklich? Sogar auf einer internationalen Station?«

»Wir helfen Rajiv abwechselnd mit dem Abendessen«, erklärt Caro mir. »Freitage für Großbritannien, Irland, Neuseeland und Australien, und in der Regel halten wir uns da an Fisch. Frankreich und Belgien haben den Sonntag, Italien und Spanien den Samstag – normalerweise Pizza oder Paella. USA und Kanada sind dienstags dran – da gibt es oft Burger, aber Sonya macht ein verdammt gutes Brathähnchen. Russland und die baltischen Staaten haben den Mittwoch, und der Donnerstag gehörte Südamerika, aber da jetzt der Großteil des Sommerteams weg ist, ist dieser Tag zu vergeben. Oh, und montags sind Indien und Asien dran«, fügt sie mit einem Blick zu Rajiv hinzu, der hinter der Durchreiche geschäftig werkelt. »Sein Curry ist das beste Essen hier auf der Basis.«

Ich suche mir etwas zu essen zusammen und gehe mit an Caros Tisch, wo ich Arkady begrüße und noch einen Mann, den ich noch nicht kenne. Ark, wie ich ihn nennen soll, scheint erfreut zu sein, mich zu sehen. Sein breites Lächeln entblößt eine Reihe von Goldzähnen aus Sowjetzeiten, die ihm das Aussehen eines Bond-Schurken verleihen. Der andere Mann allerdings nickt mir nur sehr, sehr knapp zu; ich erkenne, dass es Alex ist, der Mann, der mich mit Drew am Flugzeug abgeholt hat.

Jetzt endlich kann ich sein Gesicht sehen: glatt rasiert, im Gegensatz zu Ark und vielen anderen aus der Sommercrew, die mit ihren Antarktis-Bärten wie Portland-Hipster aussehen. Mit seinen leicht gewellten Haaren und dem frischen Teint sieht er auf eine jungenhafte Art hübsch aus, seine Haut ist vom Aufenthalt im Freien leicht gebräunt. Ich schätze ihn auf Mitte zwanzig – und nehme mir vor, mir morgen seine medizinische Akte anzusehen. Ich lächle ihn an, doch er wendet sich sofort ab. In seiner Miene liegt etwas Kaltes, das mich an Sandrine erinnert.

»Ark hat letzte Woche Borschtsch gemacht«, sagt Caro, als wir uns gegenübersitzen. »Der war ziemlich gut.«

Er hebt den Daumen. »Besser als dein Trifle«, stichelt er mit starkem russischem Akzent. »Was war das bloß für ein Zeug?«

Caro zeigt ihm lachend den Mittelfinger. »Das war Zeug, von dem du dir ’nen Nachschlag genommen hast, oder?«

»Was soll ich sagen? Bin ein fettes altes Schwein.« Ark reibt sich den ausladenden Bauch und lacht schallend.

»Natürlich funktioniert diese Koch-Rotation besser im Sommer, wenn mehr Leute da sind«, erzählt Caro, während ich in meinem Backfisch herumstochere. »Aber wir versuchen, für Abwechslung zu sorgen – niemand soll Heimweh kriegen.«

»Und was machst du hier?«, frage ich Alex, der sein Essen mit der Konzentration von jemandem in sich hineinschaufelt, der entweder kurz vor dem Verhungern steht oder ein Gespräch vermeiden will.

Er sieht mich mit seinen ausdrucksstarken braunen Augen an. »Forschungsassistent.«

Endlich kann ich seinen Akzent zuordnen. »Du bist aus Irland?«

»Ja. Donegal.«

»Oh, schön. Da war ich mal campen.«

Auf Alex’ Miene zeigt sich ein kurzer Moment der Überraschung. »Nass geworden, was?«

»Bisschen.«

Er gestattet sich ein schwaches Lächeln, dann schweift sein Blick zu Drew, der mit einem voll beladenen Teller zu uns kommt, sich neben mich setzt und einen Blick auf meine kläglichen Bemühungen wirft. »Keinen Hunger?«

»Keinen großen Appetit«, gebe ich zu.

Caro mustert mich flink von oben bis unten. »Du könntest was vertragen.« Sie lächelt, um mir zu zeigen, dass es nicht böse gemeint ist.

»Bin wahrscheinlich nur müde.« Ich schaffe noch ein paar Pommes, dann gebe ich auf. In Wahrheit scheine ich seit dem Unfall jegliche Freude am Essen verloren zu haben.

Wobei ich den Verdacht habe, dass die Tabletten es nicht gerade besser machen.

»Gib mir den Rest.« Ark nimmt meinen Teller und schiebt sich das Essen auf seinen eigenen. »Wäre zu schade, das zu verschwenden.«

Alex steht auf, stellt seinen leeren Teller und sein Glas an der Durchreiche ab und geht, ohne ein Wort zu sagen, aus dem Raum. Caro sieht ihm lange nach, doch Drew zieht nur gelassen eine Augenbraue hoch und wendet sich wieder an mich.

»Also, wie findest du es hier bisher?«

Ich trinke einen Schluck Wasser. »Toll. Ich meine, es ist alles ziemlich überwältigend, aber das wird schon.«

»Tja, wir freuen uns sehr, dass du hier bist.« Caro drückt meinen Arm. Es ist nur eine kleine Geste, aber ihre Freundlichkeit berührt mich. Ich mag sie und Drew, stelle ich mit Erleichterung fest; ich habe hier schon mindestens zwei Freunde.

Ob dies der richtige Moment ist, um nach meinem Vorgänger zu fragen? Ich weiß fast nichts über Jean-Luc, den französischen Arzt, dessen Tod dazu geführt hat, dass ich jetzt hier sitze. Nur, dass der bei irgendeinem Unfall beim Abseilen draußen im Eis gestorben ist.

Irgendwie habe ich den Eindruck, dass keiner wild darauf ist, darüber zu sprechen. Schließlich ist die Antarktis ein gefährlicher Ort – so viel konnte ich dem telemedizinischen Crashkurs der UNA eindeutig entnehmen. Hier draußen kann alles Mögliche passieren, und Hilfe ist sehr, sehr weit entfernt. Wie ein Arzt der UNA in Genf erklärte, ist es leichter, jemanden von der internationalen Raumstation ISS zurückzuholen als im tiefen Winter von diesem Fleckchen Erde.

Macht das sonst noch jemandem hier solche Angst wie mir?

Ich sehe mich um, doch die Stimmung unter den etwa zwanzig Anwesenden im Speiseraum wirkt entspannt und sorglos – wenn sie Bedenken haben, weil wir hier so isoliert sind, dann verstecken sie es gut.

Das ist zweifelsfrei der beste Weg, damit umzugehen, befinde ich: es einfach zu verdrängen.

3

13. Februar 2021

Wo um alles in der Welt bin ich?

Im Dämmerlicht der halb geschlossenen Jalousien wache ich auf und habe keinerlei Orientierung. Für ein, zwei Sekunden bin ich wieder im Krankenhaus, wo ich nach dem Unfall zu mir kam. Dasselbe Gefühl von Verwirrung und abgerissener Zeit. Das allmähliche Eindringen der Erinnerung.

Die Fuchsaugen im Scheinwerferlicht, die auf mich zurasenden Bäume.

Glücklicherweise nie der Moment des Aufpralls.

Oder das, was darauf folgte.

Aber ich bin nicht dort. Ich bin in der Antarktis. Ich bin gestern mit dem Flugzeug angekommen. Ich werde die nächsten zwölf Monate hier auf dem Eis verbringen, acht davon in Gesellschaft von nur zwölf anderen Seelen.

Bei diesem Gedanken zieht sich mir der Magen zusammen, dann wird mir plötzlich übel. Ich haste aus dem Bett, renne den Flur hinunter und schaffe es gerade rechtzeitig in das beengte kleine Bad, um das Klo zu treffen.

Oh Gott. Schwer atmend lehne ich mich an die weiß gekachelte Wand. Mir ist auch schwindelig, und Kopfschmerzen kündigen sich an. Für einen kurzen Augenblick dreht sich der Raum um mich, und ich befürchte umzukippen. Doch nach einigen tiefen Atemzügen verschwindet das Gefühl wieder.

Höhenkrankheit. Das hat jeder nach der Ankunft, aber ich muss es genau im Blick behalten, um sicher zu sein, dass es sich nicht zu etwas Ernsterem entwickelt. Das Letzte, was ich gebrauchen kann, ist eine Lungenentzündung – eine seltene, aber gefährliche Komplikation bei Aufenthalten in großer Höhe.

Ich rappele mich auf, schöpfe mit beiden Händen Wasser aus dem Hahn und trinke es in kleinen Schlucken. Dann spritze ich mir etwas davon ins Gesicht und vermeide es, mich im Spiegel anzusehen. Das habe ich mir in der Genesungsphase angewöhnt. Ich will meine Narbe und die entstellten Gesichtszüge nicht öfter sehen als unbedingt nötig – schlimm genug, dass ich die Reaktionen der Leute ertragen muss.

Wieder in meiner Kabine, nehme ich ein paar Hydrocodon aus meinem Vorrat, dann sehe ich auf die Uhr. Fünf Uhr sechsundvierzig morgens. Ich habe sieben Stunden geschlafen – so lange wie schon seit Monaten nicht mehr. Als ich mir eine Jogginghose und ein leichtes T-Shirt anziehe, entsteht ein wildes Knistern und Funkensprühen. Noch eine Eigenschaft der Station, mit der ich nicht gerechnet hatte: Wegen der trockenen Luft gibt es oft statische Entladungen. Gestern hat mir Drew die Alubandstreifen gezeigt, die auf sämtlichen Schreibtischen angebracht sind und zu Heizungen oder anderen geerdeten Teilen des Gebäudes führen, damit man sich selbst »entladen« kann, bevor man Computer oder empfindliche Geräte anfasst. Auf dem Weg zum Speiseraum streife ich mit dem Ellbogen an der Wand entlang, wie er es mir gezeigt hat, damit sich die aufgestaute Statik zerstreuen kann – das ist weniger schmerzhaft, als wenn sie einem als Funke aus der Fingerkuppe schießt.

Im Speiseraum stelle ich überrascht fest, dass ich nicht die Erste beim Frühstück bin. Alex sitzt bereits da, über ein Buch gebeugt. Ich gieße mir Kaffee ein und bete, dass ich ihn bei mir behalten kann. Eigentlich sollte ich nur Wasser trinken, aber ich brauche das Koffein, um mich aufzuputschen und mir den ekligen Geschmack aus dem Mund zu spülen.

»Ist das gut?« Ich setze mich Alex gegenüber und deute mit dem Kinn auf sein Buch.

»Ja, ziemlich gruselig.« Er zeigt mir das Cover. Dein Ende wird dunkel sein von Michelle Paver – dann klappt er das Buch zu und lehnt sich zurück, ohne mich direkt anzusehen. Er hat irgendetwas an sich, das ich nicht genau definieren kann. Eine Anspannung in seiner Haltung. Eine Art Vorsicht. Mir fällt auf, dass er mit dem rechten Bein wippt, während er seinen letzten Bissen Toast schluckt.

»Und, wie fühlst du dich heute?«, fragt er schließlich und streicht sich dabei mit einer ungeduldigen Geste die Haare aus der Stirn. Die Frage ist durchaus nicht unfreundlich, doch sein Ton lässt vermuten, dass er sie nur höflichkeitshalber stellt.

Ich verziehe das Gesicht. »Wie eine lebende Tote.«

Ein Schatten fällt auf das Gesicht des Forschungsassistenten. Er blinzelt, dann wendet er den Blick ab.

»Ein bisschen höhenkrank«, füge ich eilig hinzu. »Geht sicher wieder weg.«

»Na ja, du bist ja in guten Händen, nicht wahr? Du bist schließlich die Ärztin.« Er lächelt verkrampft und steht auf, als könne er es nicht erwarten, von hier wegzukommen. »Muss los. Wir haben Probleme mit den Duschen. Ich helfe Caro lieber, sie zu reparieren, bevor sie Lack von den anderen kriegt.«

Ernüchtert nippe ich an meinem Kaffee, während Alex seinen Teller und sein Besteck in die Industriespülmaschine räumt – morgens kümmert sich jeder selbst um sein Geschirr, hat mir Drew gestern erklärt, bei den anderen Mahlzeiten wechseln wir uns mit dem Abwasch ab. Alex verlässt den Speiseraum, und ich werde das Gefühl nicht los, dass es ihm nicht passt, dass ich hier bin.

Aber warum? Ich habe doch nichts getan, was ihn beleidigt hat?

»Du musst Kate sein.«

Ich drehe mich zu einem großen, gut gebauten Mann um. Im Gegensatz zu Alex sieht er ehrlich erfreut aus, mich zu sehen. Auf seinem Gesicht breitet sich ein herzliches Lächeln aus. »Ich bin Arne. Tut mir leid, dass ich dich gestern nicht mehr begrüßen konnte. Es gab Probleme mit der Katze – hab fast den ganzen Nachmittag und Abend gebraucht, um sie zu beheben.«

»Mit der Katze?« Stirnrunzelnd stehe ich auf, um ihm die Hand zu schütteln, und hoffe, dass er nicht bemerkt, wie meine Hand vor Erschöpfung zittert. »Ich dachte, Tiere wären in der Antarktis verboten.«

Er lacht. »Na ja, Cat, die Abkürzung für Caterpillar. Das ist der Traktor, mit dem wir Schnee für unser Trinkwasser sammeln.« Sein Englisch hat einen melodischen skandinavischen Akzent.

»Ah. Also wohl ziemlich wichtig.«

»Auf jeden Fall wichtiger als eine echte Katze.«

Ich beobachte ihn, während er sich Frühstück holt. Ende dreißig, schätze ich. Dunkle, kurze Haare, die an den Seiten allmählich grau werden, und vorn einige weiße Strähnen. Das ist das Auffälligste an ihm; davon abgesehen sieht er »nett« aus, wie meine Mutter vermutlich mit einer Spur Verachtung sagen würde.

»Du bist also für den Fuhrpark zuständig?«, frage ich, als er mit Müsli und einem Glas haltbarem Orangensaft zurückkommt.

»Stationsfahrzeugschlosser. Außerdem helfe ich bei anderen Sachen aus. Praktisch bei allem, was einen Motor hat.« Er wirft einen Blick auf meine einsame Kaffeetasse. »Ist das dein ganzes Frühstück?«

»Mir ist noch ein bisschen übel von der Höhenkrankheit. Das wird schon wieder.«

»Das ist hart.« Er lässt sich sein Frühstück schmecken. »Ein Kollege, der mit mir zusammen angereist ist, ist davon so krank geworden, dass er nach einer Woche ausgeflogen werden musste. Zerebrales Dings …«

»Zerebrales Ödem?«

»Ja, genau. Ging ihm ganz schön schlecht. Zum Glück hat er sich erholt, als er wieder in Christchurch war.«

»Wo kommst du her?« Ich versuche, mir die Liste der anderen Überwinternden ins Gedächtnis zu rufen, die ich in Genf bekommen habe. »Entschuldige, ich müsste das wissen, aber ich bin noch ein bisschen durch den Wind von der Anreise.«

»Island.«

»Wie schön«, antworte ich und möchte mich für meine Einfallslosigkeit am liebsten treten. »Wie lange bist du schon hier?«

»Ein paar Monate.« Er trinkt einen großen Schluck Saft. »Aber ich war vorher schon mal im Eis. In McMurdo.«

»Die Partyzentrale, hab ich gehört.« Die US-amerikanische Eisstation, die größte auf dem Kontinent, ist für ihre Trinkkultur bekannt. Im Sommer sind dort über tausend Mitarbeiter, es gibt Geldautomaten und eine Bowlingbahn, sodass die Station eher einer Kleinstadt gleicht. Es soll dort sogar einen stillgelegten Atomreaktor geben.

Arne lächelt, sagt aber nichts dazu. Ich habe das Gefühl, er will mich, die Neue, nur bei Laune halten – eine Rolle, in der ich mich nicht besonders wohlfühle.

»Dann weißt du ja wirklich, wo es hier langgeht«, sage ich nach einer halben Minute unbehaglichen Schweigens.

»Ja.« Er seufzt. »Buchstäblich.«

»Wie meinst du das?«

»Warst du schon mal draußen?« Er blickt auf das grelle Licht, das durch die Fenster hereinfällt.

»Nur vom Flugzeug bis zur Station.«

»Sind dir die Seile aufgefallen, die die Station umgeben?«

Ich schüttle den Kopf. Ich war zu sehr damit beschäftigt, mit Drew Schritt zu halten und nicht zu erfrieren.

»Die sind dazu da, dass man sich bei schlechtem Wetter nicht verirrt. Oder wenn einem im Dunkeln die Taschenlampe runterfällt. An den Seilen kann man sich orientieren, um den Weg zurück zur Basis zu finden. Damit man nicht in die falsche Richtung läuft.«

»Schätze, das wäre nicht so gut.«

»Du bist die Ärztin. Sag du mir, wie lange man bei minus sechzig Grad überlebt.«

»Nicht lange«, bestätige ich und überschlage, wie viel Zeit einem genau bleiben würde. Zehn Minuten? Zwanzig? Ich darf gar nicht daran denken.

»Na ja, jedenfalls wird es dazu nicht kommen.« Arne steht auf, und wieder fällt mir auf, wie groß er ist. Mindestens eins achtzig, vielleicht noch etwas mehr. Aber im Unterschied zu Luuk trägt er seine Größe mit Gelassenheit wie jemand, der sich in seiner Haut vollkommen wohlfühlt. »Halte dich einfach an die normalen Vorsichtsmaßnahmen, dann passiert dir nichts.«

»So wie Jean-Luc Bernas?«, rutscht es mir heraus. »Was genau ist mit ihm passiert?«

Arne zögert. Ich warte darauf, dass er sich wieder hinsetzt und mich aufklärt, doch auf seinem Gesicht macht sich Anspannung bemerkbar. Er sieht aus wie jemand, der ein Gespräch beenden will. »Das war einfach nur ein unglücklicher Unfall.«

Im nächsten Moment ist er weg.

 

Auf dem Weg zurück in meine Kabine sehe ich mir im Hauptflur die Fotos an, die dort an der Wand hängen. Es gibt ein gerahmtes Bild von Shackletons Holzhütte mit dem alten Ofen und Regalen voller Vorräte in alten Blechbüchsen. Ein Stück daneben hängen Gruppenfotos, draußen im Eis, auf denen alle das vorgeschriebene UNA-Rot tragen.

Eine Weile bleibe ich vor den Bildern stehen, die im Sommer aufgenommen wurden, wenn man draußen das Gesicht nicht bedecken muss. Ich entdecke Drew und Caro. Ark streckt den erhobenen Daumen in die Kamera, in seinem struppigen Bart glitzern Eiskristalle.

Direkt daneben hängt ein Bild von zwei Männern, die den Fotografen anlächeln, ihre roten Jacken verleihen ihrer Gesichtshaut ein gesundes Strahlen. Einer davon ist Alex. Er sieht anders aus. Fröhlich, sorglos, sogar irgendwie jünger, als hätten ihn die dazwischenliegenden Monate innerlich aufgezehrt. Mir wird bewusst, dass das, was mir heute Morgen an ihm aufgefallen ist, eine undefinierbar … unglückliche Ausstrahlung war.

Neben ihm, den Arm um seine Schultern gelegt, steht ein attraktiver Mann, etwa Mitte vierzig. Kurze, silbrige Haare. Gebräuntes Gesicht und ein breites Lächeln, Fältchen zeigen sich an seinen Augen, als wäre gerade etwas lustig gewesen.

Darunter ein paar mit blauem Kugelschreiber geschriebene Buchstaben. Ich sehe genauer hin.

R.I.P.

Ruhe in Frieden. Das muss Jean-Luc Bernas sein. Mein Vorgänger. Ein schmerzlicher Stich, den ich nicht zuordnen kann. Trauer? Mitleid? Auf dem Weg zu meiner Kabine denke ich darüber nach, wie sich sein Tod wohl auf den Rest der Basis ausgewirkt hat. Alle hier müssen am Boden zerstört gewesen sein – und voller Angst. Mehrere Wochen ohne Arzt, während die UNA in aller Eile nach Ersatz suchte, waren für alle sicher eine beängstigende Zeit.

Kein Wunder, dass sie anscheinend nur widerwillig darüber sprechen.

Ich rief mir das freundliche Gesicht des Arztes vor Augen. Alex’ fröhlichere Ausstrahlung. Wenig überraschend, dass Alex ein Problem mit meiner Anwesenheit hat.

Ich setze mich für einen Moment auf die Pritsche und versuche, mich zusammenzunehmen. Doch ich kann die Unsicherheit nicht abschütteln, das Gefühl, als wäre ich irgendwie eine Hochstaplerin. Rational weiß ich, dass das albern ist – ich habe den Vertrag nach einem dreitägigen aufreibenden Vorstellungsgespräch und Eignungstests in Genf erhalten, ganz zu schweigen von der gründlichen medizinischen und psychologischen Untersuchung. Ich bin für den Job hier so qualifiziert, wie man es nur sein kann.

Trotzdem fühle ich mich wie ein kläglicher Ersatz für den Mann, den die Menschen hier gekannt – und vielleicht sogar geliebt haben.

 

Raff hatte Wort gehalten und alles sauber geordnet hinterlassen. Auf dem Schreibtisch in meinem Sprechzimmer liegt eine Akte mit ausführlichen Notizen darüber, wo ich alles finde, wie ich auf den medizinischen Bereich des IT-Systems zugreife und mich darin zurechtfinde, sowie der aktuelle Stand sämtlicher Testreihen. Er hat mir auch einen Grundriss vom Behandlungszimmer gezeichnet, mit den Aufbewahrungsorten der Materialien und Medikamente.

Wie ist Raff bei seiner Ankunft zurechtgekommen? Damals war niemand da, der ihm gezeigt hat, wo es langgeht. Es rührt mich, wie viel Mühe er sich gegeben hat, damit ich nicht das Gleiche erleben muss wie er.

»Wenn ich dir sonst noch behilflich sein kann, melde dich bitte«, hat er handschriftlich notiert. Darunter steht eine E-Mail-Adresse in einem Krankenhaus in Neapel. Ich nehme mir vor, mich bei ihm zu bedanken, sobald ich ins Internet komme.

Eine erneute Welle von Schwindel und Übelkeit erfasst mich, und als sie abgeebbt ist, erkunde ich mein kleines Reich. Zwei Räume, die durch eine Flügeltür miteinander verbunden sind. Einer ist ein Behandlungszimmer, in dem sich eine Untersuchungsliege und der Großteil der medizinischen Geräte befinden. Das andere ist mein Büro und Sprechzimmer, wo sämtliche Medikamentenvorräte lagern. Die Ausstattung ist umfangreich, es gibt unter anderem ein Beatmungs- und ein Narkosegerät, Sauerstoffflaschen und verschiedene chirurgische und zahnmedizinische Instrumente sowie Geräte für Röntgenaufnahmen und einfache Blut- und Urinanalysen. Es ist beruhigend, alles funktionstüchtig vorzufinden, soweit ich es beurteilen kann.

Ich nehme eine Extraktionszange in die Hand und bete, dass ich sie nie werde benutzen müssen. Trotz des Crashkurses in der Schweiz habe ich mit einigen von diesen Dingen nur sehr begrenzte Erfahrung.

Du kriegst das schon hin, sage ich mir beruhigend. Schließlich gibt es hier eine Rund-um-die-Uhr-Standleitung zum UNA-Team im Uniklinikum in Genf. Von dort kann man mich per Anweisungen durch alles lotsen, was ich nicht weiß oder wobei ich unsicher bin. Selbst wenn es um Zähne geht.

Mit meinen Schlüsseln schließe ich nacheinander die Schränke auf und gehe die eindrucksvollen Lagerbestände an Medikamenten durch, unter anderem, wie ich nicht übersehen kann, reichlich Benzos und einige ziemlich starke opiatbasierte Schmerzmittel.

Ich nehme eine der Packungen heraus, breche das Siegel auf und betrachte die makellosen weißen Pillen. Plötzliches Verlangen überkommt mich, doch ich unterdrücke es, lege die Pillen zurück in den Schrank und schließe ihn ab. Ich habe mir versprochen, dass Schluss ist, wenn mein eigener Vorrat verbraucht ist – ich werde nicht an die Stationsvorräte gehen.

Ich lenke mich ab, indem ich die medizinischen Aufzeichnungen durchlese. Die UNA bewahrt die Informationen sowohl als Ausdrucke auf Papier als auch als Daten im Computersystem auf. Ich nehme jede Akte einzeln heraus und blättere sie kurz durch. Mir fällt auf, dass einige hier – Alex, Alice, Tom – seit Jean-Lucs Tod Schlafmittel verschrieben bekommen haben.

Liegt das am ständigen Tageslicht, das den Biorhythmus höllisch durcheinanderbringen kann? Oder hat es eher mit dem Tod des Arztes zu tun und deutet darauf hin, dass sich hinter der geselligen äußeren Fassade dunklere Gefühle verbergen?

Ich werde es wohl bald herausfinden.

Nachdem ich meine erste Orientierungsrunde abgehakt habe, mache ich ein paar Tests. Ich klipse mir den Pulsoximeter an den Finger und stelle fest, dass meine Sauerstoffsättigung auf 89 Prozent gefallen ist, da meine Hämoglobinwerte auf den höhenbedingten niedrigen Luftdruck reagieren. Weit entfernt von den normalen 97 bis 98 Prozent. Und mit 109 Schlägen pro Minute ist mein Puls zu hoch. Das muss ich in den nächsten Tagen im Auge behalten.

»Na, wie geht’s?«

Vor Überraschung schreie ich auf, wirbele herum und sehe Drew in der Tür stehen. »Entschuldige.« Er wirkt betreten. »Ich wollte dich nicht erschrecken.«

Ich lächle. »War meine Schuld. Ich war völlig woanders.«

»Ist alles, wie es sein sollte? Wie sagt man? Alles klar Boot?«

»Klar Schiff?«

»Ja, das meine ich. Auch wenn ich nicht genau weiß, was das heißt.«

»Ich auch nicht, ehrlich gesagt«, räume ich ein. »Und dabei komme ich aus Bristol, ich sollte mich mit Seefahrt auskennen.«

»Wir müssen das später googeln«, sagt er. »Wenn wir in das verfluchte Netz kommen.«

Ich verziehe das Gesicht, als ich an das Gespräch denke, das ich gestern nach dem Abendessen mit Tom geführt habe. Er hat mir geduldig erklärt, wie ich ins Internet komme, hat mich gewarnt, dass es langsam ist und dass die Nutzung auf notwendige E-Mails und Kommunikation beschränkt ist.

»Sieh es als Gelegenheit für Social-Media-Detox«, hatte er mit seinem harten deutschen Akzent so trocken gesagt, dass ich nicht erkennen konnte, ob es als Witz gemeint war. Mir fiel auf, dass er sich immer noch schwer damit tat, mir in die Augen zu sehen. Vielleicht war er einfach nur furchtbar schüchtern.

»Wie ich sehe, hat dir Raff reichlich Hausaufgaben dagelassen.« Drew blickt auf die aufgeschlagene Mappe auf meinem Tisch. »Ich lass dich mal lieber machen. Ich hab mich gefragt, ob du nach dem Mittagessen Lust auf einen kleinen Trip nach draußen hast? Es ist schönes Wetter.«

»Danke.« Ich lächle wieder. »Das wäre wunderbar.«

 

Ein paar Stunden später bin ich erneut im Schuhraum und ziehe Kälteschutzkleidung an. Bei der Hitze hier drinnen hat man das Gefühl zu ersticken, aber sobald wir draußen sind, wird es kaum ausreichend sein.

Mehrfach überprüfe ich meine Kleidung, vergewissere mich, dass ich Mütze und Schneebrille trage. Die Vorstellung, den warmen Kokon der Station zu verlassen, macht mich nervös. Dann folge ich Drew hinaus ins gleißende Sonnenlicht. Eiskalte Luft strömt in meine Lunge und brennt auf der freiliegenden Gesichtshaut. Beinahe augenblicklich werden die Härchen in meiner Nase steif und gefrieren.

Alles ist gut, sage ich mir nachdrücklich, und versuche, langsam ein- und auszuatmen. Mir wird nichts passieren.