The Dark Net - Jamie Bartlett - E-Book

The Dark Net E-Book

Jamie Bartlett

3,8

Beschreibung

Das 'Dark Net' ist eine Unterwelt. Es besteht aus den geheimsten und verschwiegensten Ecken des verschlüsselten Webs. Ab und zu gerät ein Teil dieser Unterwelt in die Schlagzeilen, beispielsweise wenn eine Plattform für Online-Drogenhandel zerschlagen wird. Abgesehen davon wissen wir jedoch so gut wie nichts darüber. Bis heute. Basierend auf umfangreichen Recherchen, exklusiven Interviews und schockierendem, authentischem Material zeigt Jamie Bartlett, wie sich völlige Anonymität auf Menschen auswirken kann, und porträtiert faszinierende, abstoßende oder auch gefährliche Subkulturen, darunter Trolle und Pädophile, Dealer und Hacker, Extremisten, Bitcoin-Programmierer und Bürgerwehren.

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Seitenzahl: 422

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Beliebtheit




JAMIE BARTLETT

THE DARK NET

UNTERWEGS IN DEN DUNKLEN KANÄLEN DER DIGITALEN UNTERWELT

PLASSEN

           VERLAG

 

Die Originalausgabe erschien unter dem Titel

The Dark Net – Inside the Digital Underworld

ISBN 9780434023158

Copyright der Originalausgabe 2014:

Copyright © Jamie Bartlett 2014. All rights reserved.

Copyright der deutschen Ausgabe 2015:

© Börsenmedien AG, Kulmbach

Übersetzung: Frank Sievers

Gestaltung Cover: Holger Schiffelholz

Gestaltung, Satz und Herstellung: Martina Köhler

Lektorat: Dr. Rainer Landvogt

ISBN 978-3-86470-284-6eISBN 978-3-86470-297-6

Alle Rechte der Verbreitung, auch die des auszugsweisen Nachdrucks, der fotomechanischen Wiedergabe und der Verwertung durch Datenbanken oder ähnliche Einrichtungen vorbehalten.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar.

Postfach 1449 • 95305 Kulmbach

Tel: +49 9221 9051-0 • Fax: +49 9221 9051-4444

E-Mail: [email protected]

www.plassen.de

www.facebook.com/plassenverlag

INHALT

VORBEMERKUNG

EINLEITUNG: Freiheit oder Tod

KAPITEL 1: Die Demaskierung der Trolle

KAPITEL 2: Der einsame Wolf

KAPITEL 3: In den Untiefen von Galts Schlucht

KAPITEL 4: Drei Klicks

KAPITEL 5: Welthandel

KAPITEL 6: Virtuelle Verführung

KAPITEL 7: Der Werther-Effekt

FAZIT: Zoltan gegen Zerzan

ANMERKUNGEN

WEITERFÜHRENDE LITERATUR

DANKSAGUNG

 

 

 

Für Huey, Max, Sonny und Thomas, die auf die Welt kamen, während ich an diesem Buch schrieb. Ich hoffe, sie werden es lesen, wenn sie alt genug dazu sind, und sich wundern, worüber sich damals alle Welt den Kopf zerbrochen hat – und über die hoffnungslosen Vorhersagen ihres Onkels herzhaft lachen.

VORBEMERKUNG

 

Die Themen, die ich in diesem Buch behandle, sind größtenteils höchst sensibel und werden kontrovers diskutiert. Mein Ziel war es, eine Welt zu beleuchten, über die zwar häufig gesprochen, die aber selten eingehender erforscht wird – oftmals aus guten Gründen. Ich habe mich bemüht, dabei meine eigene Meinung außen vor zu lassen und so objektiv und klar wie möglich zu berichten, was ich in dieser Welt erlebt und erfahren habe. Der Leser mag bezweifeln, ob es überhaupt irgendeinen Nutzen hat, über solche Themen zu schreiben, und er darf mit Recht seiner Sorge darüber Ausdruck verleihen, welche Informationen dieses Buch öffentlich preisgibt. Obwohl es selbstverständlich nicht meine Absicht war, einen Leitfaden für illegale oder unmoralische Aktivitäten im Internet zu verfassen, enthält mein Buch dennoch Passagen, die manche Leser für schockierend oder anstößig halten könnten.

Als Forscher fühle ich mich verpflichtet, die Privatsphäre der Menschen zu respektieren, mit denen ich zu tun habe. Wenn nötig, habe ich Namen, Pseudonyme oder äußere Merkmale geändert, die Rückschlüsse auf die Identität der beschriebenen Personen zulassen würden. In einem Kapitel habe ich eine Figur geschaffen, die ich aus den Eigenschaften und Merkmalen mehrerer Einzelpersonen zusammengesetzt habe. Zur leichteren Lesbarkeit habe ich die meisten (wenn auch nicht alle) Rechtschreibfehler im zitierten Material korrigiert.

Ich habe versucht, die Rechte der betreffenden Personen mit dem gesellschaftlichen Nutzen in Einklang zu bringen, den wir aus der Beschreibung dieser Personen und ihres Umfelds meiner Meinung nach ziehen können. Das ist als Methode keinesfalls unfehlbar, sondern immer eine Entscheidung im Einzelfall. Fehler, Auslassungen oder Irrtümer sind allein mir anzulasten, und ich hoffe, die Personen, über die ich in diesem Buch spreche, sehen es mir nach, falls sich für sie dadurch Unannehmlichkeiten oder Probleme ergeben sollten. Dafür entschuldige ich mich bereits im Voraus ausdrücklich.

Das Internet wandelt sich extrem schnell. Ganz sicher wird sich jetzt, da Sie dieses Buch in Händen halten, schon wieder einiges geändert haben: Manche der genannten Websites sind möglicherweise abgeschaltet worden, Subkulturen haben sich weiterentwickelt, neue Gesetze sind erlassen worden. Das allem zugrunde liegende Thema aber – was Menschen im tatsächlichen oder nur gefühlten Schutz der Anonymität tun – ist dasselbe geblieben.

Jamie BartlettJuli 2014

FREIHEITODERTOD

EINLEITUNG

 

Ich hatte gerüchteweise von dieser Website gehört, kann aber eigentlich immer noch nicht glauben, dass es sie wirklich gibt. Ich schaue auf eine Art Abschussliste. Neben Fotos von Menschen, deren Gesichter ich kenne – meist prominente Politiker –, steht jeweils ein bestimmter Geldbetrag. Der Urheber dieser Website, der unter dem Pseudonym Kuwabatake Sanjuro agiert, glaubt: Wer die Möglichkeit hat, jemand anderen dafür zu bezahlen, eine Person zu ermorden, und dabei ausschließen kann, selbst haftbar gemacht zu werden, der wird das auch tun. Aus diesem Grund hat er den „Assassination Market“ erfunden, einen Markt für Ermordungen. Auf der Startseite stehen vier einfache Anweisungen:

Fügen Sie einen Namen zu der Liste hinzu

Legen Sie Geld in den Pot der betreffenden Person

Sagen Sie den Todestag der Person voraus

Stimmt Ihre Vorhersage, erhalten Sie den Pot

Der Assassination Market lässt sich nicht über eine gewöhnliche Google-Suche finden. Er liegt an einem verschlüsselten Ort im Internet verborgen, zu dem man bis vor Kurzem nur über einen Browser namens „The Onion Router“ Zugang erhielt, kurz: „Tor“. Ursprünglich war „Tor“ ein Projekt des United States Naval Research Laboratory, des Forschungslabors der US-Marine. Heute gehört es einer Non-Profit-Organisation, die sich aus Zuwendungen der US-Regierung und verschiedener Bürgerrechtsgruppen finanziert, und ermöglicht Millionen von Menschen auf der ganzen Welt, anonym und sicher im Internet zu surfen.1 Vereinfacht gesagt werden alle Aktivitäten eines Computers von Tor mehrfach verschlüsselt und über verschiedene Netzwerkknoten, sogenannte „onion routers“, geleitet, sodass Ursprung, Ziel und Inhalt der Aktivität verschleiert werden. Das heißt, es lässt sich nicht nachverfolgen, wer Tor benutzt, und auch die Websites, Foren und Blogs der sogenannten „Tor Hidden Services“, die dieses Verschlüsselungssystem verwenden, können nicht zurückverfolgt werden.

Obwohl sich der Assassination Market an einem etwas abgelegenen Ort im Internet befindet, muss man nicht allzu lange danach suchen – wenn man nur weiß, wo genau man zu suchen hat. Ich muss dazu nur ein kostenloses Softwarepaket installieren, mich anmelden, die Anweisungen befolgen und ein wenig Geduld aufbringen. Wie viele Menschen das bereits gemacht haben, lässt sich unmöglich sagen. Aber wenn ich zu dem Zeitpunkt, zu dem ich diese Zeilen schreibe, den Todestag des ehemaligen US-Notenbank-Chefs Ben Bernanke richtig voraussagen würde, bekäme ich knapp 56.000 Dollar.

Die Wette mag einigermaßen sinnlos erscheinen, da es ziemlich schwierig ist vorauszusagen, wann jemand stirbt. Deswegen gibt es im Assassination Market eine fünfte Anweisung:

Es ist jedermann freigestellt, seine eigene Voraussage wahr werden zu lassen

DAS DUNKLE NETZ

Der Assassination Market ist ein radikales Beispiel dafür, wozu Menschen im Internet fähig sind. Jenseits der uns bekannten Welt von Google, Hotmail und Amazon liegt die dunkle Seite des Internets: das sogenannte „Darknet“.

Manche verstehen unter Darknet die verschlüsselte Welt der Tor Hidden Services, deren Nutzer sich nicht nachverfolgen und nicht identifizieren lassen. Andere beziehen den Begriff auf all jene Websites, die nicht in den konventionellen Suchmaschinen auftauchen: ein unbekanntes Reich passwortgeschützter Seiten, unverlinkter Websites und versteckter Inhalte, auf die nur Eingeweihte Zugriff haben. Zugleich ist Darknet zu einem Sammelbegriff für die unzähligen schockierenden, verstörenden und kontroversen Seiten des Internets geworden – das Reich der imaginären Verbrecher und Blutsauger aller Art.

In gewisser Weise trifft all das auf das Darknet zu. Für mich ist es aber eher eine Idee als ein konkreter Ort: eine digitale Unterwelt, die losgelöst vom Rest des Internets agiert und doch Verbindungen zu ihm hat. Eine Welt absoluter Freiheit und Anonymität, in der jeder Nutzer sagen und machen kann, was er will, ohne Zensur, ohne Reglementierung, außerhalb jeder gesellschaftlichen Norm. Diese Welt ist ebenso schockierend und verstörend wie innovativ und kreativ. Und sie ist uns näher, als wir glauben möchten.

In den Nachrichten ist die dunkle Seite des Internets ein Dauerbrenner: Fast täglich lesen wir in den Schlagzeilen Geschichten von jungen Leuten, die selbstgedrehte Pornos ins Netz stellen, von Internet-Mobbing und Trollen, die fremde Menschen traktieren, von politischen Extremisten, die ihre Propaganda verbreiten, von illegalen Waren, Drogen und vertraulichen Dokumenten, zu denen man mit nur ein, zwei Mausklicks Zugang bekommt. Zugleich ist diese Welt noch zum allergrößten Teil unbekannt und unerforscht. Nur wenige Menschen haben sich bislang in die dunkleren Gegenden des Internets vorgewagt, um sich diese Seiten intensiver anzusehen.

Ich selbst beschäftige mich in meiner journalistischen Arbeit seit 2007 mit radikalen gesellschaftlichen und politischen Bewegungen. Zuerst begleitete ich zweieinhalb Jahre lang islamistische Extremisten durch Europa und Nordamerika, um mir ein Gesamtbild von dem zersplitterten und zerstreuten Netzwerk der jungen Männer zu machen, die mit der Ideologie der al-Qaida sympathisieren. Als ich 2010 meine Arbeit abschloss, schien sich die Welt gewandelt zu haben. Alle neuen gesellschaftlichen und politischen Phänomene, denen ich begegnete – ob Verschwörungstheorien, Rechtsradikalismus oder Drogenszenen –, waren mehr und mehr im Internet aktiv. Oft interviewte ich ein und dieselbe Person zweimal: erst online, dann im realen Leben. Und oft kam es mir so vor, als würde ich mit zwei verschiedenen Menschen sprechen, die in zwei parallelen Welten mit völlig unterschiedlichen Regeln, Akteuren und Verhaltensmustern lebten. Sobald ich meinte, eine Internet-Subkultur durchdrungen zu haben, taten sich mir neue unerforschte Reiche auf, die damit in Verbindung standen. Bei manchen erforderte es einiges technische Know-how, um Zugang zu erlangen, andere waren sehr leicht aufzuspüren. Obwohl diese Bereiche des Internets eine immer größere Rolle im Leben und für die Identität vieler Menschen spielen, sind sie doch zumeist unsichtbar und dem „normalen“ Netz sehr fern. Also machte ich mich auf die Suche nach ihnen.

Meine Reise führte mich an völlig neue Orte in- und außerhalb des Internets. Ich wurde Moderator einer berüchtigten Gruppe von Trollen und verbrachte mehrere Wochen in Foren, in denen man erfahren kann, wie man sich am besten ritzt, am besten hungert oder am besten tötet. Ich erkundete die labyrinthische Welt der Tor Hidden Services, um nach Drogen zu suchen und Netzwerke mit Kinderpornografie zu durchforsten. Ich verfolgte Internetkriege zwischen Neonazis und Antifaschisten auf bekannten Social-Media-Plattformen und meldete mich in den neusten Pornokanälen an, um mich über die aktuellen Trends in Sachen hausgemachter Erotika zu informieren. Ich besuchte ein von anarchistischen Bitcoin-Programmierern besetztes Haus in Barcelona, heruntergekommene Clubhäuser von Arbeitervereinen, um mit extremen Nationalisten zu sprechen, und ein zerwühltes Schlafzimmer, um drei Frauen dabei zu beobachten, wie sie mit unzweideutigen sexuellen Handlungen vor laufender Kamera und Tausenden von Zuschauern ein kleines Vermögen verdienten. Indem ich all diese verschiedenen Welten erkundete und miteinander verglich, hoffte ich auch eine Antwort auf eine prekäre Frage zu finden: Legt der anonyme Kontakt zu anderen Menschen die dunklen Seiten unserer Seele frei? Und wenn ja, auf welche Weise?

Es soll in diesem Buch nicht darum gehen, die Vor- und Nachteile des Internets gegeneinander abzuwägen. Die Anonymität des Internets, die so etwas wie den Assassination Market erst möglich macht, bietet gleichzeitig Whistleblowern, Menschenrechtlern und Aktivisten Schutz und Raum. Zu jeder destruktiven Subkultur, die ich untersucht habe, finden sich genauso gut positive, nutzbringende und konstruktive Gegenbeispiele.

Ebenso wenig kann ich für mich in Anspruch nehmen, hier all die düsteren Subkulturen, die die Onlinewelt durchziehen, in ihrer ganzen Vielfalt und ihrem Facettenreichtum dargestellt zu haben. Zwischen den verschlüsselten Tor Hidden Services und den allseits bekannten sozialen Netzwerken liegen Abgründe, die auszuloten kaum möglich ist. Was ich in diesem Buch also präsentiere, sind die Erfahrungen einer Einzelperson, die über einen längeren Zeitraum die tiefsten und am wenigsten erforschten Provinzen des Internets besucht und ergründet hat, um zu begreifen, was dort aus welchen Gründen vor sich geht, und all dies ihren Lesern zu vermitteln. Denn im Darknet liegen die Dinge, wie ich im Laufe der Zeit gelernt habe, oft anders, als man auf den ersten Blick meint.

EINE VERBUNDENE WELT

Das Internet, wie wir es kennen, gibt es seit Ende der 1960er-Jahre. Es begann als kleines wissenschaftliches Projekt, das von der Advanced Research Projects Agency (ARPA), einer dem Militär unterstellten Forschungsbehörde der USA, finanziert und durchgeführt wurde. Das Pentagon hoffte, ein „Arpanet“ entwickeln zu können, das heißt ein Netzwerk miteinander verbundener Computer, über das die akademische Elite der USA Datensätze austauschen und wertvollen Speicherplatz miteinander teilen könnte. 1969 wurde die erste Netzwerkverbindung zwischen zwei Computern in Kalifornien hergestellt. Dieses Netzwerk wurde allerdings nur langsam größer.

Im Juli 1973 stellte Peter Kirstein, ein junger Informatikprofessor am Londoner University College, über die transatlantischen Telefonkabel eine Verbindung zum Arpanet her. Damit ist Kirstein der erste Engländer, der im Internet war. „Ich hatte absolut keine Ahnung, was sich daraus entwickeln würde!“, erzählte mir Kirstein. „Keiner von uns konnte sich das vorstellen. Wir waren Wissenschaftler, Akademiker, denen es einfach nur darum ging, ein System einzurichten, mit dem wir schnell und einfach Daten austauschen konnten.“ Das Arpanet und sein Nachfolger, das Internet, wurden auf der Grundlage von Prinzipien entwickelt, die den Akademikern eine effektive Zusammenarbeit ermöglichen sollten. Ziel war ein offenes, dezentrales, frei zugängliches und zensurfreies Netzwerk. Genau diese Ideen verkörpert heute das Internet: eine grenzenlose Welt, in der Menschen, Informationen und Ideen verkehren.

Die Erfindung von Bulletin Board Systems (BBS) im Jahr 1978 und von Usenet 1979/80 läutete die nächste Internetgeneration ein. Im Gegensatz zum geschlossenen Arpanet konnte auf Usenet und BBS jeder zugreifen, der ein Modem und einen Computer besaß. Obwohl diese Vorläufer der Chatrooms und -foren an heutigen Standards gemessen klein, langsam und primitiv waren, lockten sie Tausende von Menschen an, die sich für diese neue, virtuelle Welt interessierten. Mitte der 1990er-Jahre erfuhr das Internet dann mit dem World Wide Web von Tim Berners-Lee eine vollkommene Wandlung: Die Underground-Nische, in der sich eine kleine Zahl von Computerfreaks und Akademikern traf, wurde zum beliebten Treffpunkt von Millionen begeisterter Neulinge.2

Laut John Naughton, Professor für „Verständliche Wissenschaft im Bereich Technologien“ an der Open University, war der Cyberspace zu dieser Zeit bereits mehr als nur ein Netzwerk von Computern. Für die Nutzer war er ein „neuer Ort“ mit eigener Kultur, eigener Identität und eigenen Regeln. Dass das Internet nun von Millionen „normaler“ Menschen genutzt wurde, setzte Ängste und Hoffnungen frei, vor allem hinsichtlich der Frage, inwiefern uns diese neue Form der Kommunikation verändern würde. Viele Technikoptimisten – wie etwa die Cheerleader der Netzrevolution in den Zeitschriften Wired und Mondo 2000 – glaubten, der Cyberspace würde eine neue Ära des Lernens und Verstehens einleiten, ja sogar das Ende des Nationalstaats. Am eindrücklichsten findet sich diese Ansicht in der „Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace“ von 1996, verfasst von dem amerikanischen Essayisten und prominenten Cyberlibertären John Perry Barlow, der dort der wirklichen Welt verkündete: „Eure Rechtsvorstellungen von Eigentum, Redefreiheit, Persönlichkeit, Freizügigkeit und Kontext treffen auf uns nicht zu … Unsere persönlichen Identitäten haben keine Körper, sodass wir im Gegensatz zu euch nicht durch physische Gewalt reglementiert werden können.“ Barlow glaubte, Zensurfreiheit und Anonymität, die das Internet uns scheinbar bietet, könnten zu einer freieren und offeneren Gesellschaft führen, da die Menschen der Tyrannei ihrer zementierten realen Identität entkommen und sich selbst noch einmal neu erfinden könnten. Der New Yorker formulierte diese Hoffnung ein wenig pointierter: „Im Internet weiß keiner, dass du ein Schwein bist.“ Führende Psychologen der Zeit – wie etwa Sherry Turkle in ihrer einflussreichen Studie aus dem Jahr 1995 zur Identität in Zeiten des Internets (Leben im Netz) – begrüßten mit einiger Vorsicht die Möglichkeiten, die das Online-Leben den Menschen bieten könnte, die verschiedenen Facetten der eigenen Identität kennenzulernen und auszuloten.

Andere wiederum fragten sich beunruhigt, wozu das führen kann, wenn keiner weiß, dass du ein Schwein bist. Eltern gerieten in Panik, weil ihre Kinder „Modemfieber“ bekamen. Kurz nach Turkles Studie untersuchte der Psychologe John Suler das Verhalten der ersten Besucher von Chatrooms. Er stellte fest, dass die Teilnehmer online tendenziell aggressiver und wütender auftraten. Dies ließ sich seiner Ansicht nach dadurch erklären, dass der Bildschirm die Menschen von der realen Welt abschirmt, sodass deren soziale Gebundenheiten, Verantwortlichkeiten und Normen für sie nicht mehr zu gelten scheinen. Echte oder auch nur gefühlte Anonymität würde dem Menschen laut Suler nicht nur die Möglichkeit bieten, seine Identität zu erforschen, sondern auch das Gefühl geben, für seine Handlungen nicht zur Verantwortung gezogen werden zu können. 2001 erfand Suler dafür den Begriff des „Online Disinhibition Effect“, des „Enthemmungseffekts des Internets“. In der Tat haben viele Nutzer von BBS und Usenet den Cyberspace von Anfang an als eine Welt betrachtet, in der alle Arten bizarren, kreativen, anstößigen und illegalen Verhaltens erlaubt sind. In der „alternativen“ Hierarchie von Usenet konnte jedermann zu jedem beliebigen Thema eine Diskussionsgruppe einrichten. Die erste Gruppe hieß „alt.gourmand“ und war ein Forum für Kochrezepte. Prompt folgten „alt.sex“, „alt.drugs“ und „alt.rock-n-roll“. Die Rubrik „alt.*“, wie sie bald nur noch genannt wurde, entwickelte sich in Usenet schnell zum absoluten Renner. Neben einigen Gruppen, in denen man ernsthaft über Literatur, Computer oder Wissenschaft diskutierte, gab es in Usenet und BBS weit mehr, in denen es um Internet-Mobbing, Hacken und Pornografie ging.

FREIHEIT ODER TOD

In dieser anfänglichen Stimmung berauschter Euphorie zog der radikale Libertäre Jim Bell aus dem Anonymitätsversprechen des Internets eine beängstigende Schlussfolgerung. Ende 1992 richtete eine Gruppe radikaler Libertärer aus Kalifornien, die sich „Cypherpunks“ nannten, eine Mailingliste ein, um zu diskutieren, inwiefern sich der Cyberspace nutzen ließe, um persönliche Freiheit, Datenschutz und Anonymität zu gewährleisten. Bell, der für diese Liste Beiträge schrieb, glaubte, wenn die Bürger das Internet nutzen könnten, um geheime, verschlüsselte Botschaften zu versenden und mithilfe nicht zurückverfolgbarer Währungen Handel zu treiben, wäre es möglich, einen funktionierenden Markt für nahezu jede Ware aufzubauen. 1995 formulierte er seine Ideen in dem Essay „Assassination Politics“ („Politik der Ermordungen“), den er über die Mailingliste verschickte und der selbst die extremsten Libertäre unter den Cypherpunks zusammenzucken ließ.

Bell schlug vor, eine Organisation ins Leben zu rufen, die die Bürger um anonyme digitale Spenden bitten würde, welche als Kopfgeld für Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ausgesetzt werden sollten. Dieses Kopfgeld sollte an denjenigen ausgezahlt werden, der den Todestag der betreffenden Person richtig voraussagte. Was, wie Bell erklärte, nicht illegal sei, sondern allenfalls eine Art Glücksspiel. Der Clou daran: Wenn es genügend Menschen gab, die mit einer bestimmten Person so unzufrieden waren, dass sie anonym einige Dollar spendeten, würde das Preisgeld so sehr in die Höhe steigen, dass irgendjemand dies als Anreiz sehen würde, eine Vorhersage zu machen und diese anschließend selbst zu erfüllen, um den Pot einzustreichen. An dieser Stelle kommen nun verschlüsselte Nachrichten und nicht zurückverfolgbare Zahlungssysteme ins Spiel. Die auf diese Weise angeregte – und nicht zurückverfolgbare – Ermordung würde folgendermaßen ablaufen: Als Erstes versendet der künftige Mörder seine Voraussage in einer verschlüsselten Nachricht, die sich nur durch einen digitalen Code öffnen lässt, den allein der Absender kennt. Dann führt er den Mord aus und schickt anschließend den Code an die Organisation, die nun seine (korrekte) Voraussage lesen kann. Nachdem die Organisation den Tod überprüft hat, indem sie beispielsweise die Nachrichten im Radio verfolgt, wird das Preisgeld in Form der in den Pot eingezahlten digitalen Währung als verschlüsselte Datei im Internet veröffentlicht. Diese Datei kann wiederum nur mittels eines „Schlüssels“ geöffnet werden, den derjenige erzeugt hat, der die Voraussage gemacht hat. Die Organisation kann also die Voraussage überprüfen und das Kopfgeld an die entsprechende Person auszahlen, ohne dass irgendjemandem die Identität eines anderen bekannt wäre.

Das Beste daran war Bells Ansicht nach, dass die Anonymität, die das Internet gewährleistet, alle Parteien schützt – vielleicht mit Ausnahme des Täters (und natürlich des Opfers). Selbst wenn die Polizei herausfände, wer eine Spende in den Pot der gelisteten Person eingezahlt hat, entspräche es der Wahrheit, wenn der Spender erklärte, er habe nie ausdrücklich darum gebeten, einen Menschen zu töten. Die Organisation würde ihrerseits keinerlei weitere Angaben machen können, da sie weder wüsste, wer Geld gespendet noch wer eine Voraussage getroffen noch wer die Datei mit dem digitalen Geld geöffnet hat. Aber Bell ging es nicht darum, wie man am besten einen Mord verschleiern kann. Er glaubte, dass die Bevölkerung mithilfe dieses Systems Druck auf die gewählten Volksvertreter ausüben könnte, damit diese möglichst gute Arbeit leisteten. Je schlechter der Schuldige seine Arbeit machte – je mehr er seine Bürger erzürnte –, umso größer war die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein hohes Preisgeld ansammelte und potenzielle Mörder anlockte. (Bell glaubte sogar, dass Stalin, Hitler und Mussolini getötet worden wären, hätte es damals bereits einen solchen Markt gegeben.) Im Idealfall müsste natürlich niemand getötet werden. Schon die Existenz eines solchen Marktes würde, wie Bell hoffte, dazu führen, dass niemand mehr für ein politisches Amt kandidiert. „Vollkommene Anonymität, vollkommene Geheimhaltung und vollkommene Sicherheit“, schrieb er, „sowie eine einfache, sichere Spendenmethode würden Regierungsmitarbeitern, die ihr Amt zu missbrauchen versuchten, das Leben damit sehr, sehr schwer machen. Die Chancen stehen gut, dass niemand über dem Rang eines Landrats es überhaupt noch riskieren würde, sich morgens in sein Büro zu setzen.“

Als Bell 1995 „Assassination Politics“ schrieb, war all das noch rein hypothetisch. Während Bell glaubte, dass sein Ermordungsmarkt ausnahmslos alle Regierungen auf der Welt stürzen würde, hinkte die Wirklichkeit seiner Vision zunächst arg hinterher. Aber 20 Jahre später ist der Markt für Ermordungen dank der Einführung digitaler Währungen wie Bitcoin, anonymer Browser wie Tor und vertrauenswürdiger Verschlüsselungssysteme keine Vision mehr, sondern Realität. „Einen Menschen zu töten ist natürlich in den allermeisten Fällen falsch“, schrieb Sanjuro, als er im Sommer 2013 den Assassination Market ins Leben rief:

Aber die technische Entwicklung wird ganz unvermeidbar in diese Richtung gehen … Wenn jemand das Gesetz missbraucht, um gegen mich vorzugehen und/oder mein Recht auf Leben, Freiheit, Eigentum, Handel oder das Streben nach Glück einzuschränken, kann ich nun im Gegenzug sicher und bequem von meinem Sessel aus seine Lebenserwartung senken.

Der Assassination Market listet derzeit ein halbes Dutzend Namen. Das mag erschreckend scheinen. Andererseits ist bislang, soweit ich weiß, noch niemand ermordet worden. Das Entscheidende an diesem Markt ist nicht der Grad seiner Effektivität, sondern seine schiere Existenz. Was an Kreativität und Innovation hinter diesem Markt steckt, ist symptomatisch für das Darknet: Es ist ein Ort ohne jede Beschränkung, an dem Grenzen verschoben und Ideen ohne Zensur geäußert werden und wir unsere Neugierde und unsere abseitigsten Begierden stillen können. Ein Ort, an dem die gefährlichsten, wunderbarsten, menschlichsten Eigenschaften zutage treten.

 

1 2010 erhielt Tor den Preis der Free Software Foundation für Projekte mit sozialem Nutzen, unter anderem für die Dienste, die es Whistleblowern, Menschenrechtsaktivisten und Angehörigen von Dissidentenbewegungen leistet.

2Der September 1993, jener Monat, in dem America Online (AOL) seinen Abonnenten erstmals den Zugang zu Usenet anbot, ist als „ewiger September“ in die Folklore des Internets eingegangen, als der Monat, in dem massenweise Neulinge ins Internet strömten.

 

 

 

 

Im Wipfel des Lebensbaums ist nicht die Liebe – da sind die Lulz3.

– Anonym

DIEDEMASKIERUNGDER TROLLE

KAPITEL 1

 

WIE MAN EIN LEBEN RUINIERT

„Hi /b/!“ stand auf dem Zettel, den Sarah neben ihrem halbnackten Körper in die Kamera hielt. „7. August 2013, 21:35 Uhr.“

Eine Nachricht an Hunderte, vielleicht Tausende anonymer Nutzer, die sich in das berüchtigte /b/-Board der Website 4chan eingeloggt hatten, auf der jedermann Bilder veröffentlichen kann. Sarah war jetzt live. Dankbar und genüsslich begannen ihre Zuschauer, sie zu sexuellen Handlungen aufzufordern, die sie ausführte, fotografierte und hochlud.

Auf 4chan gibt es Boards zu den verschiedensten Themen, zu Mangas, Heimwerken, Kochen, Politik und Literatur. Aber die meisten der 20 Millionen Menschen, die diese Site jeden Monat besuchen, interessieren sich für das /b/-Board, das auch „Random“ genannt wird, „Zufall“. Sarahs Fotos stehen dabei in einer bunten Mischung bizarrer, anstößiger oder sexuell konnotierter Bild- „Threads“, die permanent über /b/ ablaufen. Moderierte Sites gibt es nur sehr selten und die meisten Beiträge werden anonym gepostet. Immerhin aber gelten einige lose Regeln: die 47 Regeln des Internets, die von den Nutzern von /b/, auch „/b/tards“ genannt, selbst aufgestellt wurden. Ein paar Beispiele:

Regel 1: Über /b/ wird nicht geredet

Regel 2: Über /b/ wird NICHT geredet

Regel 8: Es gibt keine wirklichen Regeln für das Posten von Beiträgen

Regel 20: Hier wird nichts ernst genommen

Regel 31: Titten zeigen oder sich verpissen – deine Entscheidung

Regel 36: Es gibt immer noch krankeres Zeug als das, was du gerade gesehen hast

Regel 38: Hier gibt es keine Grenzen – das Wort ist aus unserem Wortschatz gestrichen

Regel 42: Nichts ist heilig

In der anonymen, unzensierten Welt des /b/-Boards entstehen massenweise einfallsreiche, lustige und anstößige Inhalte, weil viele Nutzer bekannt – oder berüchtigt – werden wollen. Haben Sie schon mal auf einen YouTube-Link geklickt und sind plötzlich bei Rick Astleys Smash-Hit „Never Gonna Give You Up“ von 1987 gelandet?3 Das war /b/. Oder haben Sie lustige Katzenfotos bekommen, deren Bildunterschriften voller Fehler waren? Auch /b/. Die Hacktivistengruppe „Anonymous“? Natürlich /b/.

Aber Anonymität hat auch ihre Kehrseite. Weibliche NutzerInnen gibt es auf /b/ so gut wie keine, und wenn, dann werden sie entweder ignoriert oder beleidigt – es sei denn, sie posten Fotos von sich oder spielen „Camgirl“. Damit ziehen sie garantiert immer die Aufmerksamkeit der /b/tards auf sich. Auf 4chan gibt es ein spezielles Board für das Cammen, das Posieren vor der Kamera: „/soc/“. Von den Nutzern wird erwartet, dass sie die Camgirls respektvoll behandeln. Jeden Tag kreuzen hier Dutzende von Mädchen auf, um zu cammen. Gelegentlich sind auch sehr naive Damen dabei.

Vielleicht 20 Minuten nachdem Sarah ihr erstes Foto gepostet hatte, forderte ein Nutzer sie auf, ein Nacktfoto von sich zu machen und auf irgendeinen Körperteil ihren Vornamen zu schreiben. Kurz darauf wollte ein anderer Nutzer gern ein Nacktfoto, auf dem sie mit ihren Medikamenten zu sehen ist, falls sie welche nimmt. Bereitwillig führte sie beide Aufgaben aus. Das war ein Fehler.

Anonym I: Shit, hoffentlich versucht keiner sie zu doxen. Sie hat echt geliefert. Ich finde sie sehr nett.

Anonym II: Komm klar Alter, sie hat ihren Vornamen genannt, sie hat den vollen Namen von ihrem Hausarzt gesagt, und das Wohnheim wo sie wohnt. Die will doch dass man sie findet.

Anonym I: Sie ist neu hier. Wer Schilder malt oder seinen Namen auf seinen Körper schreibt hat von Camwhoring keine Ahnung, sie weiß mit Sicherheit nicht worauf sie sich da einlässt.

Ohne es zu wollen, hatte Sarah genügend Informationen über sich preisgegeben, damit andere Nutzer sie „doxen“ konnten, das heißt ihre Identität enthüllen. Flugs traten andere /b/tards, die von der Sache erfuhren, dem Thread bei – das Doxen einer Camwhore gilt auf 4chan als höchst seltenes Schmankerl – und ehe sie sich’s versah, war Sarah in der öffentlichen Adressenliste ihrer Universität aufgespürt worden und die Nutzer hatten ihren vollständigen Namen, Adresse und Telefonnummer herausgefunden. Als Nächstes suchten sie nach Sarahs Facebook- und Twitter-Accounts. Sie selbst saß die ganze Zeit vor dem Computer und musste hilflos alles mit ansehen.

Anonym I: STOP. Im Ernst. Ihr verfetteten Scheißlooser

Anonym II: freut mich dass du immer noch dabei bist sarah. übrigens: herzlich willkommen.

Anonym III: heyyy … sarah … kann ich dich auf facebook adden? war nurn witz lösch den scheiß bevor die deine nacktbilder an deine freunde schicken

Anonym I: Die hat original ihren twitter account auf privat gesetzt als ich mir grad ihre bilder angesehen habe. Die kleine hure.

Anonym II: Kein Problem, kann sie ruhig löschen. Ich schreib mir grad ihre Freundesliste ab, und in welcher Beziehung sie zu den Leuten steht. Schicke die Bildchen in Kürze raus.

Anonym III: LOL sie hat ihren Facebook Account gelöscht. Ihre Freunde wird sie ja wohl kaum löschen können.

Anonym IV: Hey, schreib dir auch ihren Namen auf. Wenn das Ganze vorbei ist aktiviert sie ihr Konto bestimmt wieder und dann können wir ihr nochmal eins reinwürgen. Die hat keinen ruhigen Tag mehr. Und für ihre Familie wird es scheißenpeinlich.

Anonym I: Ihr Nerdärsche habt ihr Facebook Konto geknackt? Was seid ihr denn für Schweine. Das Mädchen liefert hier fett ab und ihr Hurensöhne habt nichts Besseres zu tun als sie zu doxen. Fuck /b/, Mann.

Anonym II: verpiss dich du kleiner schwuler Moralapostel Abschaum

Anonym III: Seit wann bist du dabei? Das hat dich jetzt nicht im Ernst überrascht?

Anonym I: Wer Nacktbilder von sich postet, sollte ja wohl in Ruhe gelassen werden

Anonym II: hahahahahahaha du bist wirklich neu hier. „lulz“. 4

Anonym I: Ich will hier echt nicht den Gutmenschen geben, aber wenn ihr mich eh von euch aus dazu macht, muss ich mich echt fragen, warum tut /b/ sowas? Sie hat uns ihre Titten gezeigt und fett geliefert, und das ist „unsere“ Antwort? Internethetze at its best.

Anonym II: /b/ Camwhoring: 2004–2013. R.I.P. Vielen Dank.

Anonym III: Was ich erstaunlich finde wie ihr die ganze Zeit rumnervt „Wenn ihr nicht aufhört die Mädels zu doxen haben wir bald keine Camwhores mehr :(.“ Das erzählt ihr jetzt seit mindestens zehn Jahren.

Anonym I: Okay Leute, hier ist die komplette Liste ihrer Facebook-Freunde. Ihr könnt ihren Freunden schreiben und auch deren Freunden. Das heißt, jeder zu dem Sarah irgendwie über Freunde oder Freundesfreunde in Verbindung steht, weiß dann Bescheid

Anonym II: Hat schon irgendwer angefangen ihre Freunde und ihre Familie anzuschreiben oder kann ich das jetzt machen?

Anonym III: Am besten wenn du dir sagst dass es noch keiner gemacht hat, sonst antwortet hier womöglich noch irgendein Gutmensch und erzählt dir, die Fotos wären schon raus.

Anonym IV: Auf geht’s Leute!

Ein Nutzer erstellte auf Facebook einen Fake-Account, lud eine Collage von Sarahs Fotos hoch und schickte sie mit dieser kleinen Nachricht an Sarahs Familie und Freunde: „Hey, kennt ihr Sarah? Das süße kleine Ding hat ein paar wirklich schmutzige Sachen gemacht. Hier die Fotos, die sie im Internet gepostet hat, damit alle ihren schönen Körper bewundern können.“ Binnen weniger Minuten hatten fast alle, die in den sozialen Medien mit Sarah befreundet waren, die Fotos erhalten.

Anonym I: [xxxxx] ist tatsächlich ihre Telefonnummer.

Anonym II: Hab sie grad angerufen, sie weint. Klang wie ein sehr sehr trauriger heulender Wal.

Anonym III: Gibt’s noch jemand der sie gerade versucht anzurufen?

Bei /b/ wird so etwas „life ruin“ genannt: Das Mobbing zielt darauf, der betreffenden Person langfristig Schaden zuzufügen, „ihr Leben zu ruinieren“. Es ist nicht das erste Mal, dass auf /b/ Camgirls gedoxt werden. Ein Teilnehmer richtete zur frohgemuten Feier derartiger Triumphe einen Thread ein, in dem man eigene Storys posten und sich Dutzende „Klassiker“ solcher life ruins ansehen konnte: Fotos mit unzweideutigen Posen, die Frauen von sich auf /b/ gezeigt hatten und die, nachdem ihr Facebook-Konto gehackt und das Passwort geändert worden war, in ihrer Chronik veröffentlicht wurden.

Anonym I: Ich hab bisschen Mitleid mit ihr. Sie war echt ein heißer Feger, und echt ’ne Süße. Aber selber doof wenn sie ihren Namen und was weiß ich noch alles nicht für sich behalten kann. Tja, Shit happens.

Anonym II: Wär sie etwas cleverer gewesen, hätte sie sich so schnell sie kann verpisst. Hat sie aber nicht. Und dann muss sie auch die Konsequenzen tragen

Anonym III: Ist mir so was von latte. Die Olle hat vor der Kamera rumgenuttet obwohl sie’n Freund hat.

Die ganze Angelegenheit dauerte insgesamt nicht mal eine Stunde. Dann war der Thread verschwunden und Sarah wieder vergessen.

Das Doxen von Camgirls ist nur eine von immer zahlreicheren Möglichkeiten, andere Menschen im Internet zu beleidigen, einzuschüchtern, zu provozieren, zu ärgern oder zu „trollen“. Ob berühmte Leute, Journalisten, Politiker, Sportler oder Akademiker – im Grunde werden fast alle, die im Licht der Öffentlichkeit stehen oder im Internet eine große Fangemeinde haben, regelmäßig von wildfremden Menschen beschimpft und müssen sich hetzerische Kommentare oder Drohungen gefallen lassen. 2011 wurde Sean Duffy zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, nachdem er auf Facebook beleidigende Kommentare gepostet hatte, darunter einen Beitrag, in dem er sich über den Selbstmord eines 15-jährigen Mädchens lustig machte. Nachdem die Journalistin Caroline Criado-Perez 2013 mit ihrer Kampagne dafür, die neue Zehnpfundnote mit einem Bild von Jane Austen zu versehen, Erfolg hatte, wurde sie von anonymen Twitter-Nutzern mit Schmähungen überschüttet, die in Bomben- und Todesdrohungen kulminierten. Die Polizei sah darin Anlass genug, Criado-Perez an einen sicheren Ort zu bringen. Die Althistorikerin Mary Beard von der Universität Cambridge erhielt nach einem Auftritt in der BBC-Sendung Question Time „Online-Androhungen“ sexueller Übergriffe. Im Juni 2014 sah sich die Autorin J. K. Rowling brutalen Angriffen im Internet ausgesetzt, weil sie eine Million Pfund für die „Better Together“-Kampagne gespendet hatte, die sich gegen die Unabhängigkeit Schottlands richtete.

In so gut wie allen Bereichen des Internets gibt es irgendeine Art von Mobbing. YouTube, Facebook und Twitter haben jeweils ihre ganz eigene Spezies von Trollen, die sich wie die Darwinfinken perfekt an ihre Umgebung angepasst haben. Auf MySpace sind Ton und Redeweise darauf getrimmt, aufstrebende junge Musiker zu vernichten. Auf den Websites mit Amateurpornos tummeln sich Trolle, die genau wissen, wie man exhibitionistisch veranlagte Menschen am besten beleidigt. Und auch die „Kommentare“ auf den Foren seriöser Nachrichtenportale bestehen zu einem Gutteil aus Beschimpfungen.

In den letzten fünf Jahren scheint dieses Verhalten rapide zugenommen zu haben. 2007 wurden in England und Wales 498 Menschen verurteilt, die über ein elektronisches Gerät Nachrichten mit „anstößigem, unschicklichem, obszönem oder bedrohendem Inhalt“ versandt hatten. 2012 waren es bereits 1.423. Fast jeder dritte Engländer zwischen 18 und 24 Jahren kennt jemanden, der Opfer anonymer Schmähungen im Internet geworden ist. Bei einer britischen Umfrage zu diesem Thema gaben von den befragten 2.000 Erwachsenen zwei Prozent an, sie hätten schon einmal in irgendeiner Form jemand anderen im Internet beleidigt. Übertragen auf die Gesamtbevölkerung hieße das, dass wir allein in Großbritannien eine Million Trolle haben.

„Trollen“ ist heute ein Synonym für unflätiges Benehmen oder Drohungen im Internet. Aber Trollen ist viel mehr als das. Zack ist Anfang 30 und hat einen weichen Akzent, dem man seine Herkunft anhört: Er stammt aus dem Mündungsgebiet der Themse. Zack trollt seit über zehn Jahren. „Trollen ist nicht dasselbe wie Mobbing“, auf diese Feststellung legt er Wert. „Wer trollt, will etwas freisetzen. Er will neue Situationen, neue Szenarien schaffen, Grenzen überschreiten und Ideen ausprobieren, und er will die beste Möglichkeit herausfinden, wie man Reaktionen provoziert. Wer auf Twitter jemand anderem damit droht, ihn zu vergewaltigen, ist kein Troll. Er droht einfach nur, jemand anderen zu vergewaltigen.“

Zack hat jahrelang an seiner Trollstrategie gefeilt. Nun erklärt er mir seine Lieblingstechnik: Er geht in ein Forum, wo er absichtlich die einfachsten Grammatik- oder Rechtschreibfehler macht, und wartet darauf, dass sich jemand über ihn mokiert. Diesen Nutzer verwickelt er dann in Debatten über politische Themen. Zack zeigt mir ein aktuelles Beispiel, das er auf seinem Laptop gespeichert hat. Er hatte auf einer beliebten rechtsradikalen Website einen scheinbar harmlosen, schlecht geschriebenen Kommentar gepostet, in dem er sich darüber ausließ, dass Rechtsradikale, wenn sie nur mehr lesen würden, nicht mehr rechtsradikal wären. Ein aufgebrachter Nutzer postete als Antwort ein Nacktfoto, das Zack einige Zeit zuvor unter demselben Pseudonym auf einem obskuren Forum hochgeladen hatte.

Der Köder war geschluckt. Zack schlug sofort zu:

Du solltest dich nicht selbst verleugnen. Wenn dir die Bilder Lust machen, deinen Schwanz anzufassen, dann tu es doch einfach … Und wenn du willst, kann ich dir gern auch noch ein paar mehr Bilder von meinem Schwanz schicken. Oder von meinem Arsch, wenn dir das lieber ist. Oder wenn du willst, können wir auch darüber reden, warum regressive Ideologien ganz allgemein schlecht sind und warum Leute, die sich an solche Ideologien halten, es schwerer haben, die Welt zu begreifen, als Menschen, die Fortschritt und gesellschaftliche Entwicklung für richtig halten.

Anschließend postete Zack mehrere Videos von seinem Penis in unterschiedlichen Erregungszuständen, zwischen die er Beleidigungen gegen Rechtsradikale und Zitate von Shakespeare und Cervantes einstreute. „Machen Sie sich auf was gefasst!“, sagt Zack spitzbübisch, bevor er mir die Posts zeigt.

Für Zack ein Sieg auf ganzer Linie: Er hatte seinen Gegner durch eine Schwemme von Beiträgen zum Verstummen gebracht und für mehrere Stunden die Kommentarseite der Website blockiert. „Weil ihm einfach keine schlüssige Antwort mehr einfiel, stocherte er in meinem Beitragsverlauf nach irgendwelchen Dingen, für die ich mich womöglich schämen könnte. Nur, so schnell schäme ich mich nicht.“

„Aber wozu das Ganze?“, frage ich ihn.

Er hält kurz inne. „Ich weiß nicht genau. Es hat einfach Spaß gemacht. Es spielt keine Rolle, ob es letztendlich keine Früchte trägt.“

Für Zack ist Trollen eine Mischung aus Kunst, Wissenschaft, Spaß und politischer Handlung. Und noch viel mehr. „Trollen ist eine Kultur, eine Denkweise“ – die es gibt, seit es das Internet gibt, sagt Zack. Um herauszufinden, woher dieses dem Anschein nach moderne Problem kam, musste ich zurück zu den allerersten Anfängen gehen.

FINGER

Der Vorläufer des Internets, das Arpanet, war bis in die 1980er-Jahre hinein einer kleinen akademischen und politischen Elite vorbehalten. Doch stellten die „Arpanauten“ bald fest, dass sie ebenso gern miteinander plauderten, wie sie Datensätze austauschten. Vier Jahre nach der Einrichtung der TALK-Funktion, die ursprünglich als ein kleiner Zusatz gedacht war, der bei der Übertragung der Daten mitgeschickt werden konnte, also ähnlich wie ein Post-it funktionierte, machte diese Funktion drei Viertel des gesamten Datenverkehrs im Arpanet aus. TALK, aus dem später der elektronische Brief, die „E-Mail“, wurde, war revolutionär. Während man in seinem Büro am Computer saß, konnte man plötzlich mit mehreren Leuten gleichzeitig und in Echtzeit kommunizieren, ohne irgendwen zu sehen oder mit irgendjemand zu sprechen. Die Möglichkeiten, die diese neue Technologie eröffnete, trieben unter dieser kleinen Weltauswahl von Akademikern die seltsamsten Blüten.

Eine 1976 einberufene Forschergruppe sollte bestimmen, was in die Kopfzeile einer E-Mail gehört. Sie nannten sich die „Header People“ und richteten einen unmoderierten Chatroom ein, um diese Frage zu diskutieren. Das Forum war bald überall bekannt (oder besser gesagt: berüchtigt), weil hier ziemlich schrill und aggressiv debattiert wurde. Wegen jeder Kleinigkeit entbrannte ein Riesenstreit. Ken Harrenstien, der Forscher, der die Gruppe ins Leben gerufen hatte, nannte sie später „eine quirlige Bande von Schlägern, die einen Pferdekadaver zu Brei hauen“.

Ein anderes Team von Akademikern entwickelte 1979 die Funktion „Finger“, die dem Nutzer anzeigte, wann sich ein anderer Nutzer im System an- oder abgemeldet hat. Ivor Durham von der Carnegie Mellon University schlug vor, ein Steuerelement einzurichten, mit dem der Nutzer diese Funktion ausschalten konnte, wenn er nicht wollte, dass andere seine Online-Aktivität sehen. Das Team diskutierte über die Vor- und Nachteile, bis irgendjemand die – interne – Debatte im Arpanet veröffentlichte. Durham wurde von Wissenschaftlern aus dem ganzen Land gnadenlos angefeindet, die meinten, durch diese Funktion würden die Offenheit und die Transparenz, die das Arpanet auszeichneten, desavouiert.

Die meisten Akademiker kannten einander persönlich, sodass die Streitigkeiten im Arpanet insofern gemäßigt wurden, als man seinem Feind auf der nächsten Informatikkonferenz wieder in die Augen sehen können wollte. Dennoch nahmen Missverständnisse, Rechthaberei und Empörung immer weiter zu. Ein Mitstreiter in der Finger-Diskussion argumentierte, ironische Kommentare würden auf dem Bildschirm leicht missverstanden, weshalb er vorschlug, sarkastische Bemerkungen im Arpanet mit einer neuen Art von Zeichensetzung zu kennzeichnen, damit der Leser sie nicht in den falschen Hals bekäme: ;-) Doch selbst das erste Emoticon der Welt genügte nicht, weil die Nutzer es jetzt einfach an jede abschätzige Bemerkung anhängten, was im Grunde noch beleidigender war. („Und dann zwinkert mir das verd***te A****loch auch noch zu?!“) Einige Arpanauten, die sich Sorgen machten, ihr Netzwerk könnte verrohen, veröffentlichten eine „Netiquette“ als Verhaltenskodex für Neulinge. Satire und Humor, hieß es darin, sollten vermieden werden, weil sie „nur schwer zu vermitteln sind und als unhöflich oder herablassend missverstanden werden könnten“.

FLAMEN AUF BBS

1978 erfanden Ward Christensen und Randy Suess das Bulletin Board System. Jeder, der ein Modem, ein Telefon und einen Computer besaß, konnte sich in das „BBS“ einwählen und Mitteilungen versenden. In den frühen 1980er-Jahren war BBS das Portal, auf dem die meisten Menschen ihre ersten Erfahrungen in der virtuellen Welt machten.

Binnen eines Jahres war es im BBS zur Selbstverständlichkeit geworden, dass man in den Foren wildfremde Menschen beschimpfte. Die Streitgespräche über Finger und Header waren in den allermeisten Fällen hitzige Debatten unter Akademikern gewesen. Hier aber traten Menschen allein deswegen einer Gruppe oder einem Forum bei, weil sie Streit anzetteln wollten. Dieses Vorgehen nannte sich „Flamen“: Man provozierte wildfremde Menschen, mischte sich in Diskussionen ein und sorgte für Missstimmung, einfach weil es Spaß machte. Es gab „Flames“, die richtig gut geschrieben waren: subtil, clever, bissig. Gute Flamer, die oft unter Pseudonym schrieben, konnten sich auf diese Weise einen Namen machen. Andere Nutzer warteten oftmals ungeduldig auf ihre Posts und erstellten ein Archiv mit ihren besten Sprüchen. Das Ganze war mehr als das Verbreiten von Gemeinheiten. Für viele Flamer war es eine Gelegenheit, zu experimentieren, Grenzen zu verschieben und Aufmerksamkeit und Anerkennung zu bekommen. Ein berühmter Flamer schrieb sogar einen Leitfaden – „Otto’s 1985 Guide to Flaming on BBS“ („Ottos Leitfaden 1985 zum Flamen auf BBS“) –, in dem er potenziellen Flamern riet, möglichst kontrovers zu schreiben, denn „nur dann beschäftigen sich die Leute mit deiner Meinung“. „Es ist sehr schwer“, schrieb Otto, „einen Flame-War zu ignorieren, der sich über das gesamte Board oder gar über das gesamte Netz erstreckt.“

In eigens dazu eingerichteten Gruppen wurde diskutiert, wie man andere am effektivsten flamen konnte. 1987 postete der BBS-Nutzer Joe Talmadge einen weiteren Leitfaden – die „12 Gebote des Flamens“ –, anhand dessen alte und neue Flamer ihren Stil entwickeln konnten:

12. Gebot: Im Zweifelsfall immer zur Beschimpfung greifen. Wenn du die anderen 11 Regeln vergessen haben solltest, diese Regel musst du dir merken. Irgendwann in deiner wundervollen Laufbahn als Flamer wirst du nämlich in einen Flame-War geraten, in dem dein Gegner besser ist als du … Und dann hast du nur eine Möglichkeit: BESCHIMPFE DAS DRECKIGE SCHWEIN!!! „Was du nicht sagst. Und deine Mutter macht seltsame Dinge mit Gemüse.“

Die Gruppen im BBS wurden von einem sogenannten „Systemoperator“ (kurz: „Sysop“) überwacht, der Nutzer einladen und ausschließen konnte und auch das Recht hatte, Flames zu löschen, bevor sie ihr Opfer erreichten. Sysops wurden oft auch als „Censorsops“ („Zensursops“) beschimpft und waren selbst wiederum Ziel von „Abusing“ („Missbrauch“), wie man diese ziemlich fiese Spielart des Flamens nannte. Der Sysop wurde mit Beschimpfungen, Spam und allem, was den „Abusern“ einfiel, gequält. Manchmal „crashten“ die Abuser und Flamer ein Board mithilfe von Bugs oder posteten Links zu Trojanern, die arglosen Nutzern als gehackte Arcade-Spiele zum Download angeboten wurden. Oder es wurden Hinweise zu gehackter Software hochgeladen, um die im Board herumschnüffelnden Behörden auf den arglosen Sysop zu hetzen.

FLAME-WARS AUF USENET

Ungefähr zur selben Zeit, als das BBS erfunden wurde, setzten sich zwei Wissenschaftler an der Duke University in North Carolina ein noch ambitionierteres Ziel. Tom Truscott und Jim Ellis störten sich daran, dass das Arpanet so elitär und so teuer war – der Zugang kostete fast 100.000 Dollar pro Jahr –, weshalb sie 1979 ein neues Netzwerk einrichteten, das sie „Usenet“ nannten und zu dem jedermann Zugang haben sollte. (Wobei „jedermann“ bedeutete: jeder, der einen Computer mit dem Betriebssystem UNIX besaß, was letztlich doch nur sehr wenige Menschen von sich behaupten konnten.)

Usenet ist, so kann man sagen, der Geburtsort des modernen Trolls. Die „Usenetter“, eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern, Studierenden, Arpanauten und Computernerds, nahmen ein Pseudonym an und traten dann einer „Newsgroup“ bei, die wildfremde Menschen gegründet hatten. Wie im BBS konnte jeder eine Usenet-Gruppe einrichten, aber anders als im BBS behielten die Administratoren, die das Netzwerk betrieben, eine gewisse Kontrolle darüber, welche Gruppen sie zuließen. Die Hoffnung auf ein harmonisches Miteinander wurde indes umgehend zerstört. Zwischen den Usenettern und den hochnäsigen Arpanauten entbrannte ein Streit über die Frage nach den Spielregeln für diesen neuen Raum. Die Arpanauten dissten das Usenet als „Müll“ und seine Nutzer als ignorant und ahnungslos. Ein flüchtiger Rechtschreibfehler konnte eine Kettenreaktion auslösen, in der monatelang Beschimpfungen hin und her gingen und die Nutzer gegenseitig ihre Posts zerpflückten.

Die Usenetter waren ein rebellisches Völkchen. 1987 begannen die Administratoren von Usenet mit ihrer „großen Umbenennung“. Die planlos nebeneinander stehenden Gruppen wurden in sieben „Hierarchien“ eingeteilt: comp.* (Computer), misc.* (Verschiedenes), news.* (Nachrichten), rec.* (Freizeit), sci.* (Wissenschaft), soc.* (Gesellschaft) und talk.* (Unterhaltung). Innerhalb dieser Hierarchie konnten die Nutzer nun ihre Untergruppen einrichten. Um eine Gruppe zu benennen, nahm man den Oberbegriff einer Hierarchie und fügte ihm eine weitere Kategorien hinzu.5 John Gilmore, 1992 mit Tim May und Eric Hughes Mitbegründer der Cypherpunk-Bewegung, wollte gern eine Gruppe zum Thema Drogen einrichten, die er rec.drugs nannte. Aber seine Anfrage wurde von den Administratoren abgelehnt.

Daraufhin erstellte Gilmore gemeinsam mit zwei erfahrenen Usenettern seine eigene Hierarchie, die ohne Zensur funktionieren sollte. Die nannten sie alt.* (für „alternativ“ – wobei es auch Stimmen gab, die meinten, „alt“ stünde für „Anarchisten, Laberköpfe und Terroristen“). Das Flamen wurde auf alt.* extrem populär. Die Flamer machten sich einen Spaß daraus, anderen Nutzern auf möglichst kreative, fantasievolle Weise Grausamkeiten anzutun. In den 1990er-Jahren gab es den Usenet-Troll Macon, der auf jedes Flame, das er erhielt, mit einem gewaltigen, 1.500 Wörter umfassenden Konvolut kreativer Beleidigungen antwortete, das er im Laufe der Jahre zusammengestellt hatte: „Du bist die ruchlose Ausgeburt eines krummbeinigen Landstreichers und eines syphilitischen Kamels. Deine Klamotten sind ohne Sinn und Verstand zusammengewürfelt und haben an sehr merkwürdigen Stellen Flecken …“ Als der Nutzer Moby 1993 die Gruppe alt.tasteless um Rat fragte, weil ihm zwei rollige Katzen sein Liebesleben vermiesten, wurde er von einer Welle hirnrissigster Ratschläge überschwemmt, von denen einer abstruser als der andere war: Handsterilisierung, Hinrichtung per Handfeuerwaffe, Legen eines Brandsatzes und – vermutlich unvermeidbar – Sex mit den Katzen.

Auf Usenet und BBS wurden gleichermaßen neue Ausdrücke, Regeln und Normen kreiert. Aber diese neue Welt war kaum zu bändigen. Denn Anfang der 1990er-Jahre wuchs die Zahl der Internetnutzer exponentiell und viele neue Nutzer begaben sich direkt an jenen Ort, der einer der aktivsten und interessantesten war: alt.*. Die Usenetter, die der plötzliche Zustrom von Immigranten erzürnte, versuchten diese wieder hinauszudrängen. 1992 wurde in der Gruppe alt.folklore.urban zum ersten Mal eine neue Art des Flamens erwähnt, die auf die Neuankömmlinge abzielte: das Trollen. „Nach Neulingen trollen“ 6 wurde zu einem Sport, bei dem ein erfahrener Nutzer einen Großstadtmythos oder eine Legende über Usenet postete, in der Hoffnung, ein sogenannter „Newbie“ würde reagieren und seine Verwunderung darüber mitteilen, woraufhin man ihn als ahnungslosen Anfänger bloßstellen konnte. Reingelegt! Der Neue wurde anschließend erbarmungslos verspottet.

Bei so vielen potenziellen Zielscheiben entwickelte sich das Flamen und Trollen zu einer weitverbreiteten und zunehmend ausgefeilten Technik. In alt.* wurden verschiedenste Gruppen eingerichtet, die sich auf das Trollen spezialisierten. 1999 veröffentlichte der Nutzer „Cappy Hamper“ in der Gruppe alt.trolls eine Liste mit sechs verschiedenen Arten von Trollen: dem „direkten Arschloch-Flame-Troll“ („Easy!“, erläutert Cappy Hamper: „Du postest in alt.skinheads den Header: ‚Ihr rassistischen Arschabwischer fresst Hundescheiße zum Frühstück!‘“), dem „ahnungslosen New-bie-Spaßtroll“, dem „Zuschlagen-und-genießen-Troll“, dem „Vertrauens“- oder auch „Taktik-Troll“, dem „kreativen Crosspost-Troll“ und dem „Gang-Troll“.

Die „Meower“ waren berüchtigte Gang-Trolle. 1997 hatte eine Gruppe von Harvard-Studenten die brachliegende Usenet-Gruppe alt.fan.karl-malden.nose übernommen, um Neuigkeiten über alles, was auf dem Campus so los war, zu posten. Zunächst noch verhalten, begannen sie andere Usenet-Gruppen zu flamen, um „dumme Menschen zu reizen“, wie es einer von ihnen formulierte. Matt Bruce, der auch zu dieser Gruppe gehörte, schlug vor, sich alt. tv.beavis-n-butthead vorzunehmen. Dessen Nutzer fanden die arroganten Studenten allerdings überhaupt nicht lustig, weshalb sie begannen, auf alt.fan.karl-malden.nose zurückzuschlagen. Nutzer aus anderen Usenet-Gruppen taten es ihnen nach – und zwar so lange, bis die Harvard-Studenten die Gruppe verließen und die Beavis-and-Butthead-Nutzer sie übernahmen. Sie benannten sich in „Meower“ um, „die Miauer“, in spöttischer Reverenz vor einem Harvard-Studenten, der seine Nachrichten immer mit „meow“ unterzeichnete, weil seine Initialen „C.A.T.“ lauteten. Die Meower begannen, weitere Usenet-Gruppen einzurichten (darunter alt.alien. vampire.flonk.flonk.flonk, alt.non.sequitur und alt.stupidity), von denen aus sie andere Gruppen belagerten, indem sie alberne, Monty-Python-hafte Posts veröffentlichten, mit denen sie verhinderten, dass andere Nutzer Beiträge posten oder in eine gemeinsame Diskussion eintreten konnten. Diese Technik, inzwischen als „Crapflooding“ bekannt, „Müllfluten“, ist nach wie vor bei den Trollen sehr beliebt. 1997/98 gingen die Meower auf eine regelrechte Crapflooding-Tour, indem sie mit ihrer „Usenet Performance Art“ querbeet durch das Usenet streiften. Wer sich mit ihnen anlegte, wurde mit Spam überflutet, der mittels anonymer Remailer versandt wurde, mit denen der Absender seine Adresse verschleiern kann. Eine von den Meowern angezettelte Spamflut legte sogar das E-Mail-System der Universität Boston lahm. Diese Kampagne ging über mehr als zwei Jahre.

Das Trollkollektiv alt.syntax.tactical war auf „Crosspost-Trollen“ spezialisiert. Seine Mitglieder nahmen sich den Beitrag irgendeines Nutzers (zum Beispiel aus der Gruppe alt.smokers) und leiteten ihn über einen anonymen Remailer, der nur die ursprüngliche E-Mail-Adresse anzeigte, an eine Gruppe weiter, die vermutlich nicht sonderlich freundlich reagieren würde (zum Beispiel alt.support.non-smokers). Auf diese Weise entfachten sie einen Streit zwischen zwei Gruppen, bei dem diese nicht kapierten, dass sie sich gegenseitig trollten. Die Gruppe alt.syntax.tactical plante ihre Angriffe sorgfältig und setzte nicht selten Spitzel, Schwindler oder Doppelagenten ein. Trolle vom Schlag eines alt.syntax.tactical waren nicht auf den schnellen Sieg aus, sondern wollten möglichst heftige und möglichst viele Reaktionen provozieren. Das unterschied ihrer Meinung nach Trolle von Flames. Ein Flame war einfach nur eine massive Beschimpfung. Obwohl es natürlich Überschneidungen gab, wurden Trolle für subtiler, präziser und fantasievoller gehalten: „Ein Troll kann sich auch mal zurückhalten und wartet, bis er den großen Coup landen kann“, schrieb ein anonymer Nutzer in der Gruppe alt.troll. Und je größer der „Coup“, desto besser:

Jeder kann bei rec.sport.baseball reinlatschen und sagen: „Baseball ist doof“. Aber um einen DAUERHAFTEN Flame-War zu entfachen, braucht es sehr, sehr viel Geschick und Disziplin. Das ist es, was uns interessiert. Aber man braucht auch Talent und Gegner, die einem ebenbürtig sind. Bei uns hast du nur eine Chance, wenn du deine grauen Zellen anstrengst, um Chaos zu stiften.

Die Gruppe alt.syntax.tactical hatte ziemlich unzweideutige Ziele:

  Unsere Namen in den Killfiles

  Stammnutzer verlassen die infiltrierte Newsgroup

  Möglichst viele Hassmails kriegen

Je mehr das Trollen um sich griff, umso größer wurden sein Ruch und sein Renommee. Und es entstand die Phrase, die als standardmäßige Reaktion auf Trolle empfohlen wurde: „Trolle bitte nicht füttern!“ Was natürlich viele Trolle dazu anspornte, noch extremere und schockierendere Posts zu ersinnen.

Ende der 1990er-Jahre sank das Trollen in die Gosse. Die Trolle hatten einen zwar informellen, aber doch weithin akzeptierten Verhaltenskodex: „Trollen ist ein geistiger Schlagabtausch …“, schrieb ein anonymer Nutzer 1999 in alt.trolls:

Es muss sich an die „Chancengleichheit“ im Usenet halten. Alles, was auf Usenet gepostet wird, ist vogelfrei. Aber wenn ein Nutzer, der nicht seinen echten Namen verwendet (bzw. einen Allerweltsnamen hat, der sich im Grunde nicht zurückverfolgen lässt), Nachforschungen darüber anstellt, was ein anderer Nutzer, der unter seinem echten Namen postet, im echten Leben tut, ist das nicht fair. Das dürfte wohl jedem einleuchten.

Indes verschwamm für die neuen Nutzer die Grenze zwischen digitaler und realer Welt immer mehr. Zwei berüchtigte Vorfälle trugen besonders dazu bei, diese Grenze niederzureißen. Eine kleine Meinungsverschiedenheit zwischen zwei Nutzern in alt.gossip.celebrities, Maryanne Kehoe und Jeff Boyd, artete ziemlich schnell in einen handfesten Streit aus. Kehoe meinte, Boyd würde die Gruppe mit sinnlosen Beiträgen zuspammen, und forderte dessen Arbeitgeber per E-Mail auf, etwas dagegen zu unternehmen. Wie sich herausstellte, war der böse Troll ein sensibler Computerprogrammierer und erst vor Kurzem Vater geworden. In der vermutlich längsten Auseinandersetzung in der Geschichte des Internets wurde der Spieleentwickler Derek Smart massiv wegen seines (zugegebenermaßen enttäuschenden) Spiels Battlecruiser 3000AD