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Du gehörst mir! Vom ersten Moment an weiß Enrique Montoya, dass die blutjunge Donna die Einzige für ihn ist. Geduldig wartet er auf den Tag, an dem er ihr seine Gefühle offenbaren wird - nur um festzustellen, dass er einen folgenschweren Fehler begangen hat. Denn Donna hat sich einem anderen zugewandt. Enriques Liebe wird zur Besessenheit - zerstörerisch und gnadenlos verfolgt er sein Ziel. Donna muss ihm gehören ... um jeden Preis! Auch um den Preis des Lebens ... Ein Thriller um Obsession und Besessenheit: fesselnd und romantisch! Die Thriller von Heike Wolter erscheinen nun unter dem Pseudonym Liza Crosshill. »The Hunt - Spur der Rosen« ist inhaltlich unverändert. Begeisterte Leserstimmen: »Spannung pur.«
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Seitenzahl: 587
Veröffentlichungsjahr: 2014
Heike Wolter
Thriller
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Mein sollst du sein! – Ein Thriller um Obsession und Besessenheit Vom ersten Moment an weiß Enrique Montoya, dass die blutjunge Donna die Einzige für ihn ist. Geduldig wartet er auf den Tag, an dem er ihr seine Gefühle offenbaren wird – nur um festzustellen, dass er einen folgenschweren Fehler begangen hat. Denn Donna hat sich einem anderen zugewandt. Enriques Liebe wird zur Besessenheit – zerstörerisch und gnadenlos verfolgt er sein Ziel. Donna muss ihm gehören … um jeden Preis! Auch um den Preis des Lebens …
Motto
Prolog
Teil 1
Teil 2
Teil 3
Epilog
Danksagung
Was macht uns zu dem Menschen, der wir geworden sind? Ist es nur unsere Kindheit, die uns prägt? Oder sind es Ereignisse, die unseren Weg zeichnen? Liegt es in unseren Genen? Eine Kombination aller Einflüsse? Niemand wird es jemals genau ergründen können. Und niemand wird je wissen, warum manche sich trotz widrigster Umstände zu gesetzestreuen, liebevollen Menschen entwickeln und andere … nicht.
Ganz ruhig lag er auf dem Hausdach. Die Luft war still und warm, die Fenster im ersten Stock des gegenüberliegenden Hauses standen weit offen. Im Schlafzimmer brannte Licht. Sein Auftrag kam gerade aus dem Bad – nackt. Der Killer streichelte sein Gewehr mit der rechten Hand wie eine Geliebte, eine Geste, die für ihn schon zum Ritual vor dem finalen Schuss geworden war. Gelassen nahm er sein Zielobjekt ins Visier und konnte bald die schütteren Haare auf dessen Kopf zählen. Sein Zeigefinger krümmte sich um den Abzug und zog langsam durch. Mit einem leisen »Plopp« verließ die Kugel den Lauf durch den Schalldämpfer und riss Sekunden später den Schädel seines Auftrags förmlich in Stücke.
Zufrieden richtete er sich auf. In aller Seelenruhe schraubte er seine Waffe auseinander, um sie wieder in dem großen schwarzen Koffer zu verstauen. Die Patronenhülse wanderte in seine Jackentasche. In seinem Gewerbe durfte man nichts dem Zufall überlassen. Alles immer hübsch ordentlich erledigen und dann wieder abtauchen. Ja, er war verdammt gut: keine Fingerabdrücke, keine Patronenhülsen, saubere Arbeit, prompte Erledigung. Und entsprechend gut war auch seine Bezahlung.
Nur sein Markenzeichen blieb – wie immer – zurück: eine dunkelrote Rose. Er achtete darauf, immer nur makellose Rosen zu verwenden. Frisch mussten sie sein, und von kräftiger Farbe. Dunkelrot wie die Rosen im Garten seiner Großmutter, deren süßer, schwerer Geruch ihn schon damals an Blut erinnert hatte.
Nachdem er die Rose für sein Empfinden perfekt plaziert hatte, warf er noch einen prüfenden Blick in die Runde. Niemand hatte den Schuss gehört, nirgendwo regte sich in der ruhigen Wohngegend irgendetwas. Der Glücksfall dieses leer stehenden Hauses, das seinem Ziel direkt gegenüberlag, hatte ihm die Arbeit fast schon zu einfach gemacht. Es wurde Zeit für eine kleine Herausforderung. Vielleicht war der nächste Auftrag ja anspruchsvoller – im Grunde war es aber auch egal.
Während er sich dem hinteren Ausgang seiner heutigen Wirkungsstätte näherte, kam der Wunsch nach etwas Entspannung auf. Das hatte er sich verdient, bevor er sich wieder seinem eigentlichen Ziel widmete.
Zufrieden mit sich und der Welt verließ er die leere Villa, die ihre besten Tage schon lange hinter sich hatte. Er legte den Koffer auf den Rücksitz seines in einer Seitenstraße geparkten Mietwagens, stieg ein und fuhr davon, ohne noch einen Blick zurückzuwerfen.
Vorspiel
Enrique verfluchte wohl zum millionsten Mal sein Schicksal, das ihm schon so lange einen bitterbösen Streich nach dem anderen spielte. Auch wenn er mittlerweile wenigstens ab und zu so etwas wie ein normales Leben führte, blieb er die meiste Zeit davon ausgeschlossen. Sicher, er besuchte die Schule wie alle seine Altersgenossen auch, er erzielte hervorragende Leistungen, er war sportlich. Trotzdem würde er von seiner Großmutter, bei der er seit dem Tod seiner Eltern kurz vor seinem sechsten Geburtstag lebte, niemals Lob und Anerkennung ernten. Zufriedenheit bedeutete Stillstand und wurde nicht geduldet.
Heute war sein 16. Geburtstag, doch der Tag verlief nicht anders als alle anderen Tage auch. Da sie es nicht gestattete, dass seine wenigen Freunde ihn besuchten und mit ihm feierten, würde er auch heute allein bleiben. In ihren Augen war so etwas völlig überflüssig. Nur eine Erziehung mit harter Hand würde aus ihm einen guten und aufrechten Menschen machen. Von dieser Überzeugung wich sie keinen Millimeter ab, sondern bekräftigte das immer wieder auf ihre ganz eigene brutale Art, unterstützt von ihren beiden Helfershelfern, Johanna und Antonio Mendoza, die schon seit ewigen Zeiten für sie arbeiteten. Und Enrique ertrug es, meistens sogar widerstandslos. Er wartete geduldig auf den Zeitpunkt des Ausbruchs aus der ewigen Dunkelheit, wie er sein Leben insgeheim nannte. Seine Zeit der Gegenwehr würde kommen.
Langsam, fast lustlos betrat er den Schulhof, obwohl er normalerweise die wenigen Stunden Freiheit genoss. Besonders heute erschien ihm jedoch alles so trostlos, dass er sich am liebsten irgendwo verkrochen hätte. Ein paar seiner Mitschüler gingen an ihm vorbei, alberten herum und unterhielten sich dabei lautstark über irgendeine Party, die irgendwer gestern gegeben hatte. Wieder etwas, was er nie erleben würde. Frustriert ließ er seinen Blick über das Gelände schweifen, in der Hoffnung, wenigstens einen seiner Freunde zu entdecken. Doch stattdessen sah er sie …
Eingehüllt in das strahlende Sonnenlicht, stand sie allein am Schuleingang, zierlich, fast schon zu schlank. Ihr dunkelrotes, beinahe schwarzes Haar leuchtete wie eine Flamme. Ihr herzförmiges Gesicht wirkte auf ihn süß und rein, einfach perfekt, obwohl ihr Mund etwas zu groß war und ihre Nase einen winzigen Höcker aufwies. Ihre großen Augen blickten sanft und irgendwie schüchtern, hilflos. Ihm erschien sie wie ein Engel.
Offensichtlich war sie neu an der Schule, jedenfalls hatte er sie hier noch nie gesehen. Es war völlig verrückt, nicht zu erklären, aber er fühlte sich sofort zu ihr hingezogen, als sei sie der Magnet und er das Eisen. Und das hatte nicht nur mit seinen erwachenden Hormonen zu tun. Sie schien von innen heraus zu strahlen, reines Licht zu verbreiten. Er wollte, nein, er musste mit ihr reden, sie kennenlernen.
Als sie sich schließlich umdrehte und die Schule betrat, folgte er ihr mit etwas Abstand. Sie ging zum Büro der Schulleitung und stellte sich der Sekretärin vor. Gespannt lauschte er, wobei er sich hinter einem Pfeiler verbarg. »Guten Morgen, mein Name ist Donna Mills, ich habe heute meinen ersten Tag hier und soll mich bei Direktor Mitchell melden.«
Die Sekretärin blickte nur kurz hoch und deutete wortlos mit dem Daumen hinter sich, wo sich die Bürotür zum Allerheiligsten der Schule befand. Sein Engel zog die Schultern etwas hoch und atmete tief durch. Offensichtlich war ihr die Situation nicht gerade angenehm. Doch sie ging tapfer am Tresen des offenen Vorzimmers vorbei, klopfte an die Tür dahinter und verschwand nach einem Aufruf nach drinnen.
Er wartete noch kurze Zeit – mit geschlossenen Augen wiederholte er für sich ihren Namen … Donna. Ein angenehmes Kribbeln durchzog seinen ganzen Körper. Noch nie hatte er eine solche Neugier empfunden. Noch nie zuvor hatte er das Gefühl gehabt, dass das Schicksal ihm endlich einen Ausgleich für all die Qualen seiner Kindheit schenken würde. War es nun tatsächlich so weit? Oder war es nur ein besonders grausamer Scherz der Natur? Enrique beschloss, dem Schicksal diesmal keine Wahl zu lassen.
Ungeduldig wartete er auf das Ende des Unterrichts. Ihre großen Augen gingen ihm nicht mehr aus dem Kopf. Selten war er so unruhig gewesen, aber heute hatte er noch eine besondere Aufgabe; er musste sie sehen und herausfinden, wo sie wohnte. Er wollte alles über sie wissen, wollte ihr Freund werden, ihr Vertrauter. Sie sollte sich auf ihn verlassen, sich in ihn verlieben, die Einzige für ihn sein – sein Licht. Sie war für ihn bestimmt, das spürte er deutlich.
Kaum klingelte es zum Ende der letzten Stunde, da war er auch schon auf den Beinen. Er drängelte sich durch die Gruppe, die sich vor der Tür staute, ließ die Musketiere – wie sich seine drei Freunde Morrison Childers, Johnny Beck und Robby Willis seit ein paar Wochen nannten – völlig außer Acht und rannte den Flur hinunter zum Ausgang. Draußen auf dem Schulhof angekommen, drehte er sich um und wartete darauf, dass sie die Schule verließ. Er musste nicht lange warten.
Sie unterhielt sich noch mit einem anderen Mädchen – einer frühreifen Blonden, die er schon oft beim Sporttraining gesehen hatte. Die Blonde stand immer am Spielfeldrand und schmachtete die Spieler an. Auch bei ihm hatte sie schon zu landen versucht, aber er hatte von Anfang an gewusst, dass sie nicht die Richtige war, und sie nicht weiter beachtet. Er musste kurz nachdenken, bis ihm der Name einfiel – Kelly, ja so hieß sie. Das war noch besser, als er es sich hätte wünschen können. Vielleicht hatte er endlich mal Glück im Leben; und wenn es in diesem Fall die frühreife Kelly war, dann sollte es ihm nur recht sein.
Er beobachtete, wie die beiden die Treppe herunterstiegen. Plötzlich bemerkte er eine gewisse Spannung in seiner unteren Hälfte. Allein zu sehen, wie sie die Treppe herunterkam, war schon erregend. Sie bewegte sich unglaublich, hoch aufgerichtet, kerzengerade und fließend. Jetzt kam sie direkt auf ihn zu.
»Hey, Kelly und Miss Unbekannt. Willkommen in unserer schönen Stadt. Kelly, stellst du mich bitte vor?« Die Blonde wurde ein bisschen rot, was ihr überhaupt nicht stand. Aber sie bemühte sich sofort, ihm seinen Wunsch zu erfüllen.
»Hallo, Enrique. Klar … kein Problem. Donna, das ist Enrique Montoya. Er spielt in unserem Footballteam als Runningback und ist zwei Klassen über uns. Enrique, das ist Donna Mills. Sie ist gerade hierhergezogen und geht jetzt in meine Klasse.«
Sein Licht sah ihn das erste Mal an, er blickte in die größten und schönsten Augen, die er je gesehen hatte. Dunkelgrün und von langen dunklen Wimpern umsäumt. Eine solche Farbe hatte er noch nie wahrgenommen. Sie reichte ihm die Hand, er ergriff sie und verlor fast die Kontrolle über sich. Weich und trotzdem fest, zart und kräftig in einem. Ihr Blick war sanft und freundlich, sie lächelte ihn an. Sein Herz pochte so laut, dass er befürchtete, sie könnte es hören.
»Guten Tag, Enrique. Freut mich, dich kennenzulernen.« Ihre Stimme war wie ein Streicheln, leise und zart – einfach wundervoll.
»Darf ich euch nach Hause begleiten?« Er konnte es kaum erwarten, zu sehen, wo sie wohnte. Doch sie wiegelte ab. »Das ist sehr nett von dir, aber mein Vater holt mich mit dem Auto ab. Vielleicht ein andermal.« Sie entzog ihm genauso sanft die Hand, wie sie sie ihm gereicht hatte, und drehte sich zu Kelly um. »Danke, dass du dich so lieb um mich gekümmert hast. Bis morgen dann. Bye, Kelly, bye, Enrique.«
Sie sah ihn noch einmal an, drehte sich dann um und ging zu einem schicken blauen Kombi am Bordstein. An die Kühlerhaube gelehnt, stand ein großer rothaariger Mann, der offensichtlich schon auf sie gewartet hatte – ihr Vater. Als sie einstieg, konnte Enrique kurz ihren glatten Oberschenkel sehen, als ihr Rock ein wenig nach oben rutschte. 14 musste sie sein, wenn sie mit der Blonden in eine Klasse ging, aber irgendwie wirkte sie viel älter. Genau richtig, um es direkt zu sagen.
Nun, für den Anfang war das gar nicht schlecht gewesen. Er kannte sie nun und konnte sie jederzeit in ein Gespräch verwickeln. Nichts würde ihn daran hindern. Er konnte sie an sich gewöhnen, bis sie seine Gegenwart als selbstverständlich ansah. Er würde sich unentbehrlich machen, würde sie Stück für Stück erobern, bis sie sich als das erkannte, was er selbst in ihr sah: sein Licht.
Donna stieg zu ihrem Vater ins Auto und lehnte sich behaglich zurück. Der erste Tag war ganz in Ordnung gewesen. Sie hatte sich gleich mit Kelly angefreundet, die wirklich nett war. Dieser Enrique schien auch ganz okay zu sein; er sah – bis auf die Narbe auf seiner Wange – sehr sympathisch aus. Nur seine Augen waren ihr irgendwie unheimlich gewesen, so intensiv und fast schwarz. Er hatte sie angesehen, als hätte er lange auf sie gewartet, was natürlich Unsinn war. Außerdem schien er viel älter als sie zu sein, und an irgendwelchen Geschichten mit Jungs hatte sie ohnehin noch kein Interesse. Aber wenn sie ihm das klargemacht hatte, könnte auch er vielleicht ein Freund werden.
»Na, Schatz, wie war dein erster Tag?« Ihr Vater, John Mills, sah sie kurz von der Seite an.
»Ganz gut, Dad. Die Schule ist okay. Ein Mädchen, Kelly Williams, hat sich ganz lieb um mich gekümmert. Mal sehen, was daraus wird.«
»Und wer war der junge Mann, der sich da mit dir unterhalten hat?«
»Er war nur freundlich, Dad.« Leichte Röte stieg ihr in die Wangen. »Er heißt Enrique Montoya und ist wohl ein paar Klassen über mir. Mehr ist da nicht, wahrscheinlich war er nur neugierig auf die Neue.«
Er lachte. »Neugierig, was? Ich hoffe nur, dass ich noch nicht so schnell mit lauter neugierigen Jungs zu kämpfen habe.« Er zwinkerte Donna aus dem Augenwinkel zu.
»Daddy, ich bin erst 14. Jungs sind mir völlig egal.«
»Na, dann hab ich ja Glück. Freut mich jedenfalls sehr, dass du einen guten Start gehabt hast, Prinzessin.«
Immer noch schmunzelnd, konzentrierte er sich wieder auf die Heimfahrt, obwohl nicht besonders viel Verkehr herrschte. Donna sah aus dem Fenster und betrachtete interessiert ihre neue Heimat. Natürlich waren sie schon einige Male zusammen durch die Stadt gefahren; schließlich musste man nach einem Umzug nicht nur Kisten auspacken, sondern auch noch tausend andere Dinge außerhalb des neuen Zuhauses erledigen. Trotzdem war die Gegend immer noch neu für sie, und es würde wohl noch eine ganze Weile dauern, bis sie sich nicht mehr fremd vorkam.
Das Haus, das Donnas Vater gekauft hatte, lag etwas außerhalb der Stadt. Direkte Nachbarn gab es nicht, nur eine große alte Villa in einiger Entfernung, in der angeblich eine alte Dame mit ihrem Enkel wohnte. Zumindest hatte das ihr Dad erzählt, gesehen hatte sie die beiden noch nicht.
Während seine Tochter ihre neue Heimat beobachtete, seufzte John Mills leise. Seine Gedanken wanderten zurück zu den Ereignissen, die sie beide hierher nach Carlsbad verschlagen hatten. Seit dem plötzlichen Tod seiner Frau Jennifer vor einem Jahr war Donna der wichtigste Mensch in seinem Leben. Auch wenn seine und Jennifers Eltern sich sehr viel Mühe gegeben hatten, für Donna und ihn da zu sein, wirklichen Trost konnten sie nicht bieten.
Die erste Zeit nach dem Tod ihrer Mutter war Donna am Boden zerstört gewesen, das wusste er genau. Während ihn die Sorge um seine Tochter davon abgehalten hatte, in Trauer um seine Frau zu versinken, war für sein Kind die Welt zusammengebrochen. Alles hatte sich so schnell verändert. Die Lücke, die Jennys Tod hinterließ, würde sich nie ganz schließen. Aus der lebhaften und vor Energie übersprudelnden Donna war ein stilles, in sich gekehrtes Mädchen geworden, das sich immer mehr zurückzog.
John Mills hatte das mit Sorge beobachtet und schließlich beschlossen, dass ein Ortswechsel vielleicht Abhilfe schaffen könnte. Sie verließen Los Angeles und zogen nach Carlsbad in New Mexiko. Das neue Haus war schön und gemütlich, eigentlich konnte man sich hier wohl fühlen. Und das würden sie auch versuchen – dieses Versprechen hatten sie einander gegeben.
Der nächste Schultag wurde noch besser als der erste, und nach nur zwei Wochen war Donna in den Kreis der Mädchen um Kelly integriert. Sie schwatzten und lachten viel. Es hatte sich herausgestellt, dass Enrique in der Villa hinter dem Wäldchen wohnte, zusammen mit seiner Großmutter, über die Donna die wildesten Gerüchte zu Ohren kamen. Da sie beide den gleichen Weg zur Schule hatten, fuhren sie nun fast jeden Tag zusammen mit dem Fahrrad dorthin. Ihr Vater war am Anfang etwas skeptisch gewesen, dass sie mit einem älteren, fast fremden Jungen unterwegs war, aber Enrique hatte sich ihm gleich am zweiten Tag vorgestellt, war sehr höflich gewesen und hatte einen guten Eindruck hinterlassen. Er war einfach nur nett, nahm sich keine Freiheiten heraus, und sie musste den ziemlich einsamen Weg nicht allein bewältigen, was für ihren Vater beruhigend war.
Manchmal sah Enrique sie zwar etwas merkwürdig an, aber das ignorierte Donna einfach. Er war für sie ein Freund, auf den man sich verlassen konnte. Er hörte zu, ließ sie aussprechen, was ihr auf der Seele lag. Er war für sie da und sie für ihn. Unmerklich kamen sie sich näher, wurden einander immer vertrauter.
Er sprach mit ihr über seine schwierige Großmutter, die ihn überwachte und drangsalierte. Über sein Gefühl der Verzweiflung, als ihn die Sozialarbeiterin nach dem Tod seiner Eltern einfach bei seiner Großmutter ablud und sich danach nicht mehr darum scherte, wie man ihn dort behandelte. Als Donna ihn eines Tages nach der Narbe auf seiner Wange fragte, erzählte er ihr die Geschichte: Als Kind wurde er für jede Verfehlung im Keller eingeschlossen, wo es von Ratten nur so wimmelte. Und eins von den Viechern hatte ihn dann irgendwann gebissen, als er so dumm war einzuschlafen.
»Das ist ja schrecklich. Wie konnte dir deine Großmutter so etwas antun? Ich wär wahrscheinlich gestorben vor Angst. Und was hast du danach getan? Hat dir irgendjemand geholfen?« Donnas Augen schwammen in Tränen, als sie ihn entsetzt ansah. Voller Mitgefühl griff sie nach seiner Hand und hielt sie ganz fest, streichelte zart über die Narbe.
Donna litt in aller Unschuld mit ihm, konnte sich kaum vorstellen, was er durch die grausame Strenge seiner Großmutter alles hatte ertragen müssen. Sie verstand ihn, sie mochte ihn sehr. Er war der große Bruder, den sie so gerne gehabt hätte. Und Enrique sonnte sich in ihrer liebevollen Aufmerksamkeit, genoss ihre Berührungen und malte sich in Gedanken schon den Tag aus, an dem sie nicht nur sein Gesicht streicheln würde. Hitze wallte in ihm auf und machte ihn unvorsichtig.
»Keiner hat mir geholfen. Das habe ich selbst getan. Am liebsten hätte ich … wäre ich …, aber das ging ja nicht. Man hätte mich sofort wieder zu ihr zurückgebracht. Aber an den Ratten konnte ich mich rächen. Ich hab mir einen Käfig gebaut und hab mich auf die Lauer gelegt. Ich hab so viele wie möglich eingefangen von diesen Mistviechern. Und dann hab ich den Käfig in den Garten gebracht, ihn mit Benzin übergossen und angesteckt. Großmutter hat das vom Fenster aus beobachtet. Danach hat sie mich nie wieder in den Keller geschickt.«
Fassungslos starrte Donna ihn an. Sie zog ihre Hände abrupt zurück und ging merklich auf Abstand zu ihm. »Du hast sie bei lebendigem Leib verbrannt? Wie konntest du das tun? Sie waren doch völlig wehrlos!«
Innerlich schalt sich Enrique einen verfluchten Narren, äußerlich bot er ein jämmerliches Bild des Selbstekels. »Glaubst du etwa, das hätte mir hinterher nicht leid getan? Ich hab mich dafür gehasst, aber ich konnte es ja nicht mehr ungeschehen machen. Es war einfach … Gott, wie soll ich dir das erklären? Hast du dich jemals hilflos gefühlt, so hilflos und ausgeliefert, dass du am liebsten gestorben wärst? Ich hab mich so gefühlt, seit ich zu meiner Großmutter gebracht wurde. Immer und immer wieder habe ich ertragen müssen, was sie mir angetan hat. Als das mit dem Rattenbiss passiert ist, bin ich ausgeflippt. Ich musste etwas tun, und mir war in dem Moment völlig egal, wer darunter zu leiden hatte. Ja, ich hab etwas Schreckliches getan. Aber ich hab’s seitdem schon tausendmal bereut.«
Donna schluckte, und er konnte den Kampf in ihrem Innern verfolgen, der sich in ihrem ausdrucksstarken Gesicht spiegelte. Schließlich siegte doch ihr Mitgefühl – für ihn. »Ich hoffe nur, die armen Tiere mussten nicht lange leiden.« Das war alles, was sie noch zu seinem Geständnis sagte.
Er hatte unüberlegt gehandelt und hoch gepokert, indem er ihr das mit den Ratten erzählte – verdammt und idiotisch hoch. Doch er hatte gewonnen!
Dreizehn Monate und acht Tage lebte er nun schon damit, auf jede Minute zu warten, die er mit Donna verbringen konnte. Dreizehn Monate und acht Tage, in denen er ihre Freundschaft ständig gefestigt hatte. Mittlerweile vertraute Donna ihm blind. Trotzdem gab sie mit keiner einzigen Geste zu verstehen, dass sie mehr als einen guten Freund in ihm sah … und das frustrierte Enrique zutiefst.
Heute Abend war es besonders schlimm. Sie waren gemeinsam mit einer ganzen Gruppe von Freunden schwimmen gewesen, und er hatte sie spielerisch im Wasser eingefangen und an sich gepresst. Lachend hatte sie sich wieder von ihm gelöst, ganz offensichtlich in dem festen Glauben, dass dieses Einfangen nur zum Spiel gehörte. Doch es war mehr für Enrique gewesen … so viel mehr.
Seit Stunden stand er nun am offenen Fenster und starrte hinaus in die sternklare, warme Nacht. Er wollte nichts anderes, als in Ruhe darüber nachdenken, wie er sein Verhältnis zu Donna in eine andere Richtung lenken könnte, doch das permanente Schreien einer rolligen Katze in den Büschen hinter dem Haus torpedierte seine Bemühungen. Natürlich hätte er das Fenster schließen können, doch dann würde es im Zimmer zu warm, er würde schwitzend auf seinem Bett liegen und immer noch keinen klaren Gedanken fassen können.
Alle anderen lagen in ihren Betten und schliefen tief und fest, ließen sich von dem Radau draußen offenbar überhaupt nicht stören. Alle anderen außer ihm!
Unendlich wütend auf das randalierende Vieh zog er sich schließlich wieder an und ging durch das stille Haus nach unten. In der Küche nahm er sich eins der Messer aus der Schublade, öffnete den Kühlschrank und schnitt ein Stück von der Leber ab, die vom Abendessen übrig geblieben war. Er hasste Leber – doch seine Großmutter liebte sie. Hoffentlich liebte die verfluchte Katze da draußen Leber auch.
Die alte Hintertür, die aus der Küche in den Garten führte, knarrte leise, als er hindurchschlüpfte. Die Katze schrie unbeeindruckt weiter und hörte sich dabei an wie ein kleines greinendes Kind. Enrique folgte dem Geschrei und begann schließlich, das Tier mit leisen Rufen und dem Leberstück in der Hand zu locken. Und dumm, wie eine Katze nun mal war, folgte sie dem Ruf oder dem lockenden Geruch der Leber – ihm war es einerlei.
Kaum war sie in Reichweite, ließ Enrique das Fleischstück fallen, griff fest in ihr Nackenfell und hob die Katze hoch. Kurz strampelte sie, versuchte, ihn zu kratzen. Dann hielt sie still, als hätte sie erkannt, dass sie ihn auf diese Art nicht loswerden würde.
»Du verfluchtes Aas ...«, murmelte er und setzte das Messer an ihren sich windenden Körper. Ein letztes Mal schrie sie noch – dieses Mal vor Schmerz. Danach war es still.
Enrique holte weit aus und warf den noch zuckenden Kadaver über die Mauer in das Brachland hinter dem Garten. Dann drehte er sich um und ging ungerührt zurück ins Haus, um sich das Katzenblut abzuwaschen und endlich in Ruhe nachzudenken.
Um die tote Katze machte er sich keine Gedanken. Niemand würde sie finden – es gab genügend nächtliche Räuber in der Nähe, die sich über eine Mahlzeit freuen würden. Die Natur war in dieser Beziehung außerordentlich zuverlässig und hilfreich.
So sehr er es sich auch wünschte, bei Donna kam er keinen Schritt voran. Sie war einfach noch zu jung und unschuldig, um sein Verhalten als das zu erkennen, was es war. Also stellte er die Eroberung seiner Königin erst einmal zurück. Es war an der Zeit, sich anderen Problemen zu widmen.
Der Hass, den er mittlerweile für seine Großmutter und ihren Anhang empfand, wuchs mit jedem Tag. Sie verhinderten, dass er sich ungestört und intensiv mit Donna beschäftigen konnte. Es war ihm unmöglich, sie nach der Schule zu treffen, wie es die anderen Teenager taten. Manchmal beschlich ihn die Angst, dass er sie vielleicht an einen anderen verlieren könnte. Jemanden, der nicht über jede Sekunde des Tages Rechenschaft ablegen musste. Dieser Gedanke war unerträglich. Er musste sich unbedingt aus der Kontrolle durch seine Großmutter lösen, musste endlich Freiheit für sich erkämpfen, damit er sich ungestört Donnas Eroberung widmen konnte.
Er kultivierte seine Rachegedanken, erwog Möglichkeiten und verwarf sie wieder. Das Wichtigste war, die Machtposition seiner Großmutter zu erschüttern. Er musste ihr den Stachel der Häme und Überlegenheit ziehen und diesen durch Angst ersetzen. Das würde er allerdings nur dann schaffen, wenn sie ihm allein und hilflos ausgeliefert war. Und es musste – und würde – bald geschehen.
Völlig in Gedanken versunken, stapfte er an einem brütend heißen Septembertag mit Antonio auf der Suche nach Wild durch den Wald. Die Jagd war für seine Großmutter ein Ausdruck von Männlichkeit, deshalb hatte er schon früh lernen müssen, mit einem Gewehr umzugehen. Anfangs hatte er diese Streifzüge gehasst. Doch irgendwann hatte er erkannt, dass ihm damit ein Wissen vermittelt wurde, das er genauso gut gegen sie verwenden konnte. Und je stärker sein Hass wurde, desto weniger Skrupel verspürte er dabei, diese Kenntnisse tatsächlich einzusetzen.
Plötzlich war er da, der perfekte Plan. Enrique musterte den breiten Rücken von Antonio, der einige Meter vor ihm trottete. Es wäre fast zu einfach. Kurz dachte er daran, sich etwas Spaß zu gönnen und den schwerfälligen Mann zu hetzen. Nein – zu gefährlich. Am Ende hatte der Kerl noch Glück und entkam.
Ohne noch lange zu zögern, nahm Enrique das Gewehr an die Schulter, zielte und drückte ab. Antonio zuckte kurz und fiel dann lautlos in sich zusammen wie eine Marionette, die man von ihren Fäden abgeschnitten hatte. Als Enrique sich dem am Boden liegenden Antonio näherte und den sich schnell ausbreitenden Blutfleck auf seinem hellbraunen Hemdrücken musterte, grinste er zufrieden. Das einzige Problem war nun, unschuldig wie ein frisch geborenes Lamm aus dieser Sache herauszukommen.
Enrique drehte den Bewusstlosen auf den Rücken. Die tiefe, wächserne Blässe und die stockende, mühsame Atmung bewiesen, dass Antonio nicht mehr lange durchhalten würde. Ganz kurz ärgerte sich Enrique darüber, dass er nicht direkt auf Antonios Herz gezielt hatte. Doch das wäre vielleicht zu offensichtlich gewesen. Der Schuss in die Nierengegend würde das Gleiche bewirken, zumal sie sich weitab von jeglicher Zivilisation befanden.
In aller Ruhe breitete Enrique die große Plane auf dem Boden aus, die sie an Jagdtagen stets mit sich herumschleppten, rollte den schlaffen Körper darauf, band zwei Knoten in die Ecken des rauen Tuchs neben Antonios Kopf, um die Plane besser halten zu können, und legte sich schließlich wie ein gutes Zugpferd ins Zeug. Mit einem unsanften Ruck begann er den Rückweg zum Wagen, den sie wie immer an dem alten Wirtschaftsweg etwa vier Meilen hinter der Pollack-Farm am Beginn des Niemandslands abgestellt hatten.
Überrascht stellte er fest, dass es noch nicht einmal besonders anstrengend war, den schweren Körper über Stock und Stein zu ziehen. Mit der Zeit allerdings verkrampften sich seine Schultern durch die ungewohnte Haltung, und seine Hände verloren jedes Gefühl. Enrique selbst war förmlich in Schweiß gebadet. Immer öfter legte er Pausen ein und nahm große Schlucke aus seiner sich rapide leerenden Wasserflasche, bevor er sich stolpernd auf den nächsten Wegabschnitt machte. Immer öfter überlegte er, ob es nicht genauso gut in den Plan passen würde, den Alten einfach liegen zu lassen. Doch dann regte sich wieder sein Verstand; nein, er musste durchhalten. Wenn er den Verletzten den Kojoten überließ, würde sein Jagdunfall-Szenario wahrscheinlich um einiges unglaubwürdiger wirken. Wenn er sich aber bei der Rettung Antonios selbst bis zur totalen Erschöpfung verausgabte, würde kein Mensch auch nur den Funken eines Zweifels an Enriques Geschichte haben.
Antonio, der anfangs noch ab und an trotz seiner Bewusstlosigkeit gestöhnt hatte, war schon seit geraumer Weile verstummt, als Enrique endlich nach stundenlangem Gezerre und völlig am Ende seiner Kräfte neben dem abgestellten Wagen ankam. Mit einem Seufzer der Erleichterung ließ er die Enden der Plane ohne die geringste Rücksicht auf den Verletzten los und streckte sich erst einmal auf dem schattigen Boden neben dem Wagen aus.
Verflucht und verdammt … wenn er vorher geahnt hätte, wie anstrengend das Ganze für ihn sein würde, dann hätte er sich garantiert etwas anderes einfallen lassen. Einerlei … er war am Ziel! Jetzt musste er nur noch darauf warten, dass Antonio wirklich seinen letzten Atemzug auf Erden tat – wenn es nicht sogar schon vorbei war mit dem alten Mann.
Nach einer ganzen Weile begann die Sonne langsam zu sinken. Enrique rappelte sich auf und tastete an Antonios Kehle nach dessen Puls. Nichts …
Enrique legte sein Ohr auf die Brust des Verletzten und lauschte. Kein Herzschlag …
Er leckte sich einmal quer über die Fingerspitzen und verzog angeekelt das Gesicht, als er den Sand auf der Zunge schmeckte. Dann hielt er seine angefeuchtete Hand vor Antonios Mund und wartete gespannt darauf, einen Luftzug zu spüren. Nichts … absolut gar nichts.
Ein breites Grinsen stahl sich auf Enriques Gesicht, und er lachte befreit auf. Seine Rache hatte ihr erstes Ziel gefunden. Der Tanz war eröffnet.
Vorsichtshalber wartete er noch eine Weile, bevor er aus Antonios Hosentasche den Autoschlüssel herausfischte, den Toten mitsamt der blutigen Plane mühsam auf den Rücksitz wuchtete und schließlich langsam bis zur Farm der Pollacks fuhr. Als er dort heftig an die Tür klopfte und eine Oskar-reife Vorstellung eines verzweifelten Teenagers gab, rannte Mrs. Pollack sofort zum Telefon, um die Behörden zu verständigen. Währenddessen kümmerte sich Mr. Pollack um Antonio, musste jedoch bald feststellen, dass seine Bemühungen vergeblich waren.
Mr. Pollack kam langsam zu Enrique zurück, der sich erschöpft auf die Verandastufen hatte fallen lassen, und legte ihm tröstend die Hand auf die Schulter. »Nichts mehr zu machen, mein Junge. Aber mach dir keine Vorwürfe. Schlimme Dinge passieren nun mal. Du hast immerhin alles versucht, um den Mann zu retten. Ist nicht deine Schuld. Er hätte wissen müssen, dass man sich auf der Jagd nicht einfach so in die Büsche schlägt.«
Kaum eine Viertelstunde später wimmelte es auf dem Hof der Pollack-Farm von Polizisten und Sanitätern. Während der Notarzt Antonios Tod offiziell bestätigte und sich nach einem Anruf beim amtlichen Leichenbeschauer mit seinen Leuten wieder auf den Weg zurück in die Stadt machte, stellte sich Enrique tapfer den Fragen des Sheriffs.
»Okay, mein Junge, dann erzähl mir jetzt noch mal ganz genau, was da draußen passiert ist.« Immer wieder stockend und nach Worten ringend, erzählte Enrique seine Geschichte. Nicht einen Millimeter wich er von dem ab, was er zuvor schon den Pollacks berichtet hatte. Und der Sheriff kam erwartungsgemäß zu dem gleichen Ergebnis wie Mr. Pollack.
»Tja, schätze, das war nicht gerade klug von Mr. Mendoza, sich in die Büsche zu schlagen, ohne dir vorher Bescheid zu geben. Du hast getan, was du tun konntest. Sogar viel mehr, als andere getan hätten. Also mach dir keine Vorwürfe, mein Junge. So was passiert in der Jagdsaison leider immer wieder mal, vor allem, wenn ein Jäger darauf verzichtet, eine dieser leuchtenden Sicherheitswesten anzulegen. Ich bring dich jetzt nach Hause und erkläre Mrs. Mendoza und deiner Großmutter, was passiert ist. Dann kannst du dich erst mal von der ganzen Sache erholen.«
Als Enrique spät in der Nacht in seinem Bett lag, ließ er noch einmal alles an seinem inneren Auge vorbeiziehen. Eigentlich unglaublich, wie einfach es doch alles in allem gewesen war, Antonio loszuwerden. Johanna, die Witwe, war natürlich schluchzend zusammengebrochen. Doch sie hatte sich erstaunlich schnell wieder beruhigt. Und seine Großmutter, die sich naturgemäß zuerst entsetzt darüber zeigte, dass ihr ein verlässlicher Helfer abhanden gekommen war, schien geradezu begeistert davon zu sein, wie gut sich ihr Enkel entwickelt hatte. Was für eine verdrehte Welt!
Mit einem tiefen, zufriedenen Seufzer drehte sich Enrique auf die Seite und schlief ein.
Am nächsten Morgen wurde Enrique noch vor dem Frühstück von seiner Großmutter auf dem Flur abgefangen. Stolz auf ihren Stock gestützt, zitierte sie ihn in ihre Zimmerflucht und lobte ihn – erstmals seit seinem Einzug in ihr Leben – für sein großes Geschick und seine Geistesgegenwart. Sie lobte ihn, obwohl er einen Menschen getötet hatte.
Und Johanna, die schwarze Frau seiner Kindertage, stieg wie Phönix aus der Asche ihrer kurzen Trauer wieder auf und widmete sich ihren Aufgaben, als sei dieses Ereignis – bedingt durch den göttlichen Plan – so vorherbestimmt gewesen.
Himmel, wie sehr Enrique diese frömmelnden Weiber hasste!
Am liebsten hätte er gleich den nächsten Schritt getan, doch die Vernunft siegte, und er zog sich wieder auf seinen Beobachtungsposten zurück. Sein Plan ging auf, er bekam von seiner Großmutter die lange Leine und konnte kommen und gehen, wie es ihm gefiel. Ja, sie ging sogar dazu über, ihm einen nicht unerheblichen Geldbetrag zuzustecken. Es geschahen eben noch Zeichen und Wunder.
Seine neu gewonnene Freiheit gab Enrique endlich die Möglichkeiten, die er sich so lange schon erträumt hatte. Immer näher pirschte er sich an sein eigentliches Ziel heran, sorgte dafür, dass er in Donnas Leben allgegenwärtig war.
Ihr entgingen seine subtilen Manipulationen. Arglos ließ sie sich tiefer und tiefer in seine Pläne hineinziehen. Er achtete darauf, sie zwar häufig zu umarmen, aber nie die Grenze zu übertreten, die ihn zu etwas anderem als ihrem Freund gemacht hätte. Donna war schließlich gerade mal fünfzehn, fast noch ein Kind. Er hatte – was Donna anging – noch viel Zeit.
Die Tage versanken wieder in Normalität. Der Winter kam, darauf folgten Frühjahr und Sommer. Enrique ließ die Zeit verstreichen. Geduldig wartete er in der Gewissheit, dass für seine weiteren Planungen seine Volljährigkeit in unmittelbarer Nähe sein musste. Er konnte es sich nicht leisten, seine Zeit mit einem weiteren unkalkulierbaren Risiko zu vertrödeln – der Bestellung eines neuen Vormunds, sollte seine liebe Großmutter diese schöne Welt zu früh verlassen.
Er hatte auch gar keine Eile. Die Zeit, bis er in den Erwachsenenstand eintreten sollte, ließ sich hervorragend für alle möglichen Aktivitäten nutzen. Also gönnte er sich in der Zwischenzeit einfach etwas Spaß. Nur bei Donna musste er behutsam vorgehen. Ihr Vater hatte sehr wohl bemerkt, dass Enrique nicht nur edle Gedanken hegte, was seine Tochter anging. Enrique achtete deshalb sehr sorgfältig darauf, sich das Wohlwollen dieses Mannes nicht zu verscherzen.
Um mobiler zu werden, beantragte Enrique einen Führerschein. Probleme mit seiner Großmutter würde es in dieser Hinsicht nicht geben, da er nach dem Tod des Familienfahrers Antonio den Fahrdienst übernehmen musste, um Johanna für den wöchentlichen Einkauf zum Supermarkt zu bringen.
Wie bei allen anderen Aufgaben, die er sich selbst stellte, ging er sehr überlegt vor. Er achtete darauf, niemals durch einen gewagten oder gar zu rasanten Fahrstil aufzufallen. Es sich mit den Ordnungshütern zu verscherzen wäre ausgesprochen dumm gewesen.
Ab und zu lud er Donna mit Zustimmung ihres Vaters nun zu Ausflügen ein und fuhr mit ihr in die Wildnis. Oftmals waren sie auch zusammen mit seinen und ihren Freunden unterwegs, was zwar den Platz im Fahrzeug stark einschränkte, aber den Touren eine gewisse Harmlosigkeit vermittelte.
Enrique genoss diese Ausflüge – sowohl die Gelegenheiten, allein mit Donna zusammen zu sein, als auch den Spaß, den man in einer größeren Gruppe haben konnte. Es war ohnehin nur ein Füllen der Wartezeit, um die Langeweile zu vertreiben und sich nicht zu irgendwelchen Dummheiten hinreißen zu lassen. Der Dummheit beispielsweise, ungeduldig zu werden und zu früh etwas Auffälliges zu tun.
Die Zeit verging, und schließlich kam der Herbst und damit sein 18. Geburtstag – ein wegweisender Tag, der einiges in seinem Leben verändern sollte.
Seine Großmutter überraschte ihn an diesem Tag mit der Übergabe seiner ererbten Anteile an der Firma seines Vaters, genau wie dieser es in seinem Testament für den Fall seines Todes verfügt hatte. Gleichzeitig erhielt Enrique Zugang zu seinem eigenen, außerordentlich gut gefüllten Bankkonto. Sie mochte eine bigotte, bissige Hexe sein, an seinem Geld hatte sie sich jedenfalls nicht vergriffen.
Nun war er also stolzer Besitzer eines Drittels einer Computerfirma. Zwar würde er in deren Führung – zumindest bis zu seiner endgültigen gesetzlichen Volljährigkeit in drei Jahren – ein stiller Teilhaber bleiben, doch immerhin verfügte er jetzt über einen gewissen Reichtum, der ihm das Leben doch erheblich erleichterte. Er war damit zu einer sogenannten »guten Partie« geworden, was sich wie ein Lauffeuer unter den paarungswilligen Mädchen verbreitete, obwohl er keine Ahnung hatte, woher sie das wussten. Er selbst hatte kein Wort darüber verloren.
Zuerst zögerte Enrique, auf eins der vielfältigen Angebote einzugehen. Donna war sein Traum, seine Königin. Es widerstrebte ihm irgendwie, mit einer anderen zu teilen, was ihr allein vorbehalten sein sollte. Andererseits hatte er sie mittlerweile auf einen so hohen Sockel gestellt, dass sie für ihn bis auf weiteres unerreichbar schien. Das quälte und frustrierte ihn so sehr, dass er wohl bald mit Gewalt über sie herfallen würde, wenn er sich nicht anderswo Entspannung verschaffte. Allerdings musste er bald feststellen, dass es für ihn ohne Donna auf übliche Art und Weise keine Entspannung gab. Jedes Mädchen, mit dem er sich einließ, war die Falsche. Ein ums andere Mal musste er sich mehr zusammenreißen, um seinen Frust und seine Aggressionen nicht an der Person auszulassen, die gerade unter ihm lag. Schließlich kapitulierte er und ließ es bleiben; er unterdrückte sein Verlangen, so gut es eben ging – und wenn gar nichts mehr half, dann schloss er die Augen, dachte an Donna und rieb seinen harten Schwanz, bis er wund war.
Alles war immer noch besser, als Donna zu zeigen, wie sehr er sie begehrte. Denn sie war noch nicht so weit, war noch zu jung und unschuldig, um dieses Begehren zu erwidern.
Eines Abends – eine große Gruppe von guten und weniger guten Freunden hatte sich in der lauen Luft des ausklingenden Sommers an einem spontan organisierten Lagerfeuer getroffen – erkannte Enrique, dass er einen Riesenfehler begangen hatte. Mit verkniffenem Gesicht beobachtete er von der anderen Seite des Feuers aus, wie Donna – seine Donna – sich von Morrison Childers im Arm halten ließ.
Wie Donna den anderen anlächelte! Wie sie sich von dem anderen vor aller Augen küssen ließ!
»Wie lange geht das mit den beiden schon so?«, fragte er seinen Sitznachbarn Robby Willis, der im ersten Moment überhaupt nicht wusste, worum es ging, bis Enrique mit dem Daumen auf die beiden Turteltauben auf der anderen Seite des Lagerfeuers deutete. Robby grinste breit.
»Ach, das läuft schon seit gut zwei Monaten. Du warst ja in letzter Zeit selten mit der Truppe unterwegs, sonst wär dir das schon längst aufgefallen. Mit Morrison ist jedenfalls kaum noch was anzufangen, weil er ohne seine Donna nirgendwo hingeht. Die beiden kleben aneinander wie die Kletten. Aber was soll’s … das ist wohl der Lauf der Welt. Ich finde, die beiden passen ganz gut zusammen.«
Nur mühsam konnte Enrique einen zornigen Aufschrei unterdrücken. Sein Licht, seine Königin, sein persönlicher Engel war auf dem besten Wege, seinem Einfluss zu entschwinden. Das durfte nicht passieren – das würde er nicht zulassen. Er musste nachdenken, planen. Doch nicht hier, wo er beim Anblick der beiden fast vor Wut platzte.
Als er der Gruppe um das Lagerfeuer den Rücken kehrte und im Dunkel der Nacht verschwand, musste sich Enrique förmlich zwingen, nicht umzukehren und Donna aus Morrisons Armen zu reißen. Eine Eifersuchtsszene wäre viel zu auffällig, nachdem er sich monatelang mehr oder weniger nur mit sich selbst beschäftigt und Donna kaum beachtet hatte. Jetzt unüberlegt vorzugehen, das wäre ein noch größerer Fehler als der, den er bereits begangen hatte.
Morrison war ein Problem und musste aus der Welt geschafft werden. Aber wie sollte er das anstellen?
Zufrieden und glücklich genoss Donna die Wärme von Morrisons Umarmung. Mit allen Freunden am Lagerfeuer zu sitzen, miteinander zu reden und zu lachen, das hatte ihr schon immer viel Spaß gemacht. Doch erst jetzt, mit Morrison an ihrer Seite, war es vollkommen.
Zärtlich tauschte sie einen Kuss mit ihm, kuschelte sich immer enger an ihn, stoppte lachend seine Hand, die sich auf Wanderschaft in verbotene Regionen begab, als sie plötzlich ein kalter Schauer überlief.
Ihr Kopf fuhr hoch. Ihr Blick traf sich quer über das Feuer hinweg mit Enriques, der mit undefinierbarer Miene zu ihr und Morrison herüberstarrte. Ganz kurz war sich Donna sicher, Wut in Enriques Augen zu sehen. Doch dann schob sie den Gedanken als völlig abwegig beiseite. Enrique war nur ein Freund; er hatte nie den Anschein erweckt, dass er mehr für sie hätte sein wollen. Wieso sollte er also wütend darüber sein, wenn sie mit Morrison zusammen war?
Trotzdem war sie irgendwie erleichtert, als Enrique kurze Zeit später aufstand und das Lagerfeuer verließ.
Enrique hielt mühsam seine Wut im Zaum und beobachtete aufmerksam, wie sich die Beziehung zwischen Morrison und Donna weiterentwickelte. So sehr er sich auch den Kopf zerbrach, ihm wollte einfach keine Lösung für dieses Problem einfallen.
Schließlich half ihm das von ihm schon so oft verfluchte Schicksal. Donna flog mit ihrem Vater für eine Woche nach Atlanta, um Verwandte zu besuchen, und war damit aus dem Weg. Hier war seine Chance, das Problem »Morrison« sozusagen unbeobachtet aus der Welt zu schaffen.
Auf Enriques beiläufige Andeutung hin, wie lange es wohl schon her war, dass Morrison sein fahrerisches Können mit den anderen gemessen hatte, initiierte er eins der seltenen Straßenrennen, nach denen er bis zu seinem Flirt mit Donna fast schon süchtig gewesen war.
Johnny und Robby waren sofort Feuer und Flamme, genau wie alle anderen Jungs in ihrer Clique. Ein einsamer Straßenabschnitt durch den ausgedehnten Wald wurde als Rennstrecke festgelegt, der sowohl eine lange Gerade als auch einige Kurven aufwies. Enrique wurde wie immer zum Schiedsrichter ernannt, weil er sowieso nie aktiv an den Rennen teilnahm, und plazierte sich am Startpunkt, der gleichzeitig das Ziel sein würde.
Alle trafen sich ein paar Tage später an der vereinbarten Stelle. Leider entschied sich Johnny kurzfristig, in Morrisons Seelenverkäufer am Rennen teilzunehmen, da er mit seinem Wagen dummerweise durch eine ganze Reihe von Nägeln gefahren war, die auf der Baustelle am Boden herumlagen, auf der er sich während der Ferien etwas Geld dazuverdiente. Dadurch hatte er sich zwei platte Reifen eingefangen, die er im Moment nicht austauschen konnte, weil er erst Ende des Monats wieder Lohn erhalten würde.
Enrique erwog kurz, Johnny durch eine Ausrede am Einsteigen zu hindern, aber das würde eventuell auffallen, da er sich sonst nie darum gekümmert hatte, wer mit wem mitfuhr. Also biss er die Zähne zusammen und setzte sein Pokerface auf, das ihm schon seit frühester Jugend so gute Dienste geleistet hatte.
Das Rennen startete, alle preschten mit qualmenden Reifen los. Morrisons alter Wagen ächzte und stöhnte, als er mit Vollgas zu Höchstleistungen geprügelt wurde. Alles ging gut, bis die Wagen nach der langen Geraden die Kurve erreichten. Morrison fuhr als Dritter, da passierte es. Sein Wagen schleuderte mit hoher Geschwindigkeit nach dem Einbremsen in der ersten Kurve einmal um die eigene Achse, überschlug sich und prallte schräg rechts vorn gegen einen ziemlich dicken Baum.
Da beide nicht angeschnallt waren, weil dies als unmännlich galt, wurden sie durch die Frontscheibe geschleudert. Johnny mit dem ganzen Körper, Morrison nur mit dem Kopf, da seine Beine vom zurückgeschobenen Motorblock eingequetscht und festgehalten wurden. Johnny war sofort tot, Morrison hielt immerhin noch zwei Stunden durch, bis auch bei ihm die Lichter ausgingen.
Nach einer eher flüchtigen Besichtigung des rostigen Blechhaufens deklarierte die Polizei den Unfall als »selbstverschuldet« und unvermeidlich. Besonders, wenn man sich den mehr als schlechten technischen Zustand des Fahrzeugs vor Augen hielt.
Die unterschwelligen Vorwürfe der Polizei lösten bei Morrisons Vater eine tiefe Verzweiflung aus. Er wurde einfach nicht damit fertig, dass er möglicherweise die Schuld am Tod seines Sohnes trug. Einen Monat nach der Beerdigung erschoss er sich in seiner eigenen Garage mit einem Revolver, den sein Vater aus dem Koreakrieg mit nach Hause gebracht hatte. Mrs. Childers versank danach endgültig in Depressionen und verließ nur noch äußerst selten ihr Haus, wo sie dann einige Zeit später tot im Bett aufgefunden wurde.
Donna erfuhr erst nach ihrer Rückkehr von dem furchtbaren Unfall; sie war vollkommen fassungslos. Natürlich stand ihr Enrique als echter Freund zur Seite. Er tröstete sie, hielt sie im Arm, ließ sie an seiner breiten Brust weinen und trauern. Donna klammerte sich förmlich an Enrique, der dies mit Zufriedenheit zur Kenntnis nahm und genoss.
Leider war Enrique durch die Ereignisse gezwungen, seine eigentlichen Pläne bis auf weiteres zurückzustellen. So viele Unglücke in kürzester Zeit, an denen er direkt oder indirekt beteiligt war, würden selbst beim dümmsten Ermittler die Alarmglocken schrillen lassen.
Erst einmal musste Gras über die ganze Sache wachsen. Donna, da war er sich sicher, würde sich so schnell nicht auf einen anderen Kerl einlassen. Dazu war sie viel zu beständig und treu. Es war alles in allem betrachtet die beste Gelegenheit, sich um seine eigene Zukunft zu kümmern.
Er entschied sich dafür, an der Universität von New Mexiko in Albuquerque Betriebswirtschaft zu studieren. Zu Beginn des Wintersemesters bezog er eine Wohnung in der Nähe des Universitätscampus, die er sich mit Bedacht gemietet hatte, um unabhängig seinen diversen Interessen nachgehen zu können.
Seine Großmutter, nunmehr sich selbst überlassen, legte ihm keine Steine in den Weg. Für sie war ihr Anteil an seiner Erziehung abgeschlossen, jetzt konnte sie sich wieder ungestört ihren intensiven Ausflügen in das Alte und Neue Testament widmen, wobei Enrique insgeheim die Überzeugung hegte, dass ihr der blutrünstige, ältere Teil der Heiligen Schrift eindeutig lieber war.
Sobald es sein Studienplan zuließ, flog er zurück nach Carlsbad. Leider dauerte es viel länger als die zwei Wochen, die er sich selbst als Kontrollfrist gesetzt hatte. Genauer gesagt war es schon vier Monate her, dass er zuletzt mit seinem Licht zusammen war. Er telefonierte zwar spätestens alle drei Tage mit Donna, ein Besuch war bisher aber nicht drin gewesen.
So kam er erst an einem regnerischen Januartag nach Carlsbad zurück. Der gute Robby, den er bei einem ihrer regelmäßigen Telefonate von seiner Ankunft unterrichtet hatte, wartete bereits an dem kleinen Gebäude des Privatflugfeldes am Stadtrand. Irgendwie war er fast schon verzweifelt um Enriques Freundschaft bemüht, seit Johnny und Morrison diese Welt nicht mehr bevölkerten. Enrique war das manchmal fast lästig, weil Robby immer wieder auf den Unfall zu sprechen kam. Er selbst dachte selten an das Ereignis zurück. Und in den wenigen Momenten, da er sich daran erinnerte, lobte er sich höchstens innerlich, dass auch dieser seiner Pläne so perfekt abgelaufen war.
Robby mit seinen kurz geschorenen blonden Stoppelhaaren und seiner untersetzten Figur wirkte neben Enrique wie ein kleiner Troll, da er seinem Freund nur bis knapp über Schulterhöhe reichte. Enrique hingegen – groß gewachsen, durchtrainiert und dunkelhaarig – hatte sich im Laufe der Zeit zu einem Frauenschwarm entwickelt. Dem tat auch die Narbe auf seiner linken Wange keinen Abbruch; sie war zwar nicht mehr so auffällig wie früher, hob sich aber immer noch deutlich von der restlichen glatt rasierten Haut ab. Robby schien sich um die körperlichen Unterschiede zwischen ihnen jedoch keinerlei Gedanken zu machen. Mit einem kameradschaftlichen Schulterklopfen begrüßte er seinen zurückgekehrten Freund.
»Hey, Alter … schön, dich zu sehen. Wie läuft’s denn so in der großen Stadt?«
Enrique erwiderte die herzliche Begrüßung mit einer männlich kurz gehaltenen Umarmung.
»Toll, sag’ ich dir. Nette Leute da, besonders die Ladies. Aber ich hab das alles hier vermisst.« Ein kurzes Lachen, das seine Begeisterung über die tageweise Rückkehr ausdrücken sollte, beendete die Begrüßungsformalitäten.
»Na, dann mal los. Ich soll dich von Mom grüßen. Sie lädt dich herzlich zum Essen ein. Als sie gehört hat, dass du herkommst, hat sie sich gleich ans Kuchenbacken gemacht. Die weiß doch genau, dass du süßen Sachen nicht widerstehen kannst.«
Enrique musste grinsen. Irgendwie war es doch ganz schön, wieder einmal zu Hause zu sein – zumindest, was das Umfeld anging. Auf seine Großmutter und den alten Kasten, den sie ihr Haus nannte, hätte er gut verzichten können. Doch jedes Vergnügen hatte eben seinen Preis.
»Robby, wie geht’s Donna? Ich hab zwar dauernd mit ihr telefoniert, aber sie war sehr zurückhaltend. Hat sie sich endlich wieder beruhigt, oder ist sie immer noch nicht drüber weg?«
Robby, plötzlich ernst geworden, sah kurz zu Enrique herüber. Mittlerweile waren sie an Robbys kleinem Suzuki-Jeep angekommen. Bevor er antwortete, öffnete Robby die Türen, und sie stiegen ein, um dem Nieselregen zu entkommen, der unaufhörlich vom tiefgrauen Himmel fiel.
»Tja, Donna. Die hat sich völlig zurückgezogen. Ich hab sie seit mindestens drei Wochen nicht mehr gesehen. Sie geht nicht aus, trifft sich mit keinem. Die Einzige, die sie manchmal zu Hause besucht, ist Kelly. Das mit Morrison muss wohl doch sehr viel ernster gewesen sein, als wir alle dachten.«
Enrique stieß langsam die Luft aus, die er unwillkürlich angehalten hatte. Erleichterung durchrieselte ihn. Offenbar hatte sein langes Fernbleiben keine Folgen gehabt. Peinlich darauf bedacht, sich seine Freude über diese Entdeckung nicht anmerken zu lassen, sah er Robby mit einem gespielt sorgenvollen Gesichtsausdruck an.
»Ich werde heute noch zu ihr hinfahren. Ich muss selbst sehen, dass es ihr gutgeht. Ich bleibe ja ein paar Tage hier, vielleicht kann ich sie ein wenig trösten.«
»Irgendwie ist das alles nicht mehr dasselbe. Johnny und Morrison fehlen mir. Verdammt schlimme Sache war das.« Robby startete den Motor und verließ das Gelände des kleinen Flughafens. Den Rest der Fahrt bis zum Haus von Enriques Großmutter blieben beide schweigsam. Jeder hing seinen eigenen Gedanken nach – Robby dachte zurück an schöne Zeiten mit der ganzen Truppe seiner Freunde. Enrique dachte darüber nach, dass es das Beste wäre, Donna in ihrer trüben Stimmung zu bestärken, ohne dass es ihr auffiel.
Als Robby vor dem Haus der Montoyas anhielt, bedankte sich Enrique herzlich, verabschiedete sich von ihm und betrat schließlich fast widerwillig das Haus. Voller Verachtung sah er sich in der düsteren Eingangshalle um. Dieses alte Gemäuer war wirklich eine Zumutung. Er konnte den Schauder nicht unterdrücken, der ihn beim Anblick der dunklen Möbel und der ewig staubigen Ecken überkam. Nicht eine einzige angenehme Erinnerung verband ihn mit dieser Ansammlung von Scheußlichkeiten.
Bei dem Gedanken an all die quälend langen Tage und Nächte als Kind unter der Knute seiner Großmutter regte sich unvermittelt wieder der Rachegedanke. Sein Hass war so ausgeprägt und er hatte sich schon so an dieses Gefühl gewöhnt, dass es ihm fast unmöglich geworden war, sich an einen Abschnitt purer ungetrübter Freude in seinem Leben zu erinnern.
Die Zeit mit seinen Eltern war mittlerweile ziemlich verschwommen. An seine Mutter konnte er sich merkwürdigerweise noch viel weniger erinnern als an seinen Vater, aber auch diese Erinnerungen blieben schwammig und nebelhaft. Der Tag ihres Todes erschien ihm nach wie vor unwirklich, unfassbar – wahrscheinlich, weil er einfach noch zu jung gewesen war, als es passierte. Sein kurzer Aufenthalt im Waisenhaus hingegen blieb in seinen Gedanken als eine durchaus fröhliche Erholungspause gespeichert. Unvergessen allerdings auch seine tiefe Enttäuschung über die Sozialarbeiterin, Miss Angela Welling, die ihre Versprechungen, ihn aus den Klauen seiner Großmutter zu befreien, niemals eingelöst hatte.
Stattdessen hatte sie ihn der Willkür einer frömmelnden, geifernden Alten überlassen, die ihm jede Emotion verbot, um seinen damals noch unschuldigen Geist in die von ihr gewünschte Richtung zu lenken. Dass sie das nicht in ihrem Sinne geschafft hatte, war nicht dem Einfluss anderer Personen zu verdanken, sondern nur seiner eigenen inneren Stärke. Er hatte sich den Gegebenheiten angepasst und in mühevollen Jahren gelernt, sich den Anschein der Folgsamkeit zu geben, Unterwürfigkeit zu heucheln.
Bald war die Zeit reif für die süße Rache an der verkommenen Alten, die ihn nach dem Tod seiner Eltern aufgenommen hatte. Und das sollte einer der schönsten Tage in seinem bisherigen Leben werden.
Seine angenehmen Gedanken wurden jäh unterbrochen. Johanna, die alte Krähe, hatte endlich seine Ankunft bemerkt. Stumm und steif stand sie da, wie immer in einem schwarzen Kleid, wie immer eine blütenweiße Schürze umgebunden. Ihre trübe Gestalt weckte in Enrique eine Wut, die er kaum beherrschen konnte. Als sie dann auch noch stumm nach oben deutete, brach es aus ihm heraus.
Mit zwei Schritten war er bei ihr und baute sich breit und herrisch vor ihr auf. Seine Augen funkelten hasserfüllt.
»Oh nein, meine Liebe – diese Zeiten sind endgültig vorbei. Wann und ob ich die Alte sehen will, bestimme ich selbst. Du solltest dir klarmachen, dass du nicht in der Position bist, mir irgendetwas vorzuschreiben. Wenn ich dich brauche, dann rufe ich dich. Sieh zu, dass du mir bis dahin nicht unter die Augen kommst, es sei denn, du möchtest zertreten werden wie ein lästiges Insekt. Auf Hilfe von oben brauchst du nicht zu warten, ich bin jetzt hier der am längeren Hebel. Also verschwinde dahin, wo du hergekommen bist.«
Johanna schnappte mit weit aufgerissenen Augen nach Luft. Sie wurde leichenblass. Ihre zur Schau gestellte Überlegenheit verdampfte förmlich in der verbrauchten Luft im Innern des alten Hauses. Befriedigt beobachtete er, wie sie immer mehr an Haltung verlor, Angst leuchtete aus ihren Augen. Mit einem bösen Lächeln tätschelte er ihre Schulter, was sie sofort vor ihm zurückweichen ließ.
»So ist’s brav. Jetzt verzieh dich, bevor ich mir überlege, wie sehr du mich störst.«
Mit einem Geräusch, das ihn beinahe an ein Schluchzen erinnerte, drehte sie sich auf den Absätzen um und verschwand in den Tiefen des alten, trostlosen Hauses. Enrique richtete sich zu voller Größe auf und streckte seine Muskeln. Zufrieden grinsend, nahm er seine Reisetasche und ging langsam die Treppe zu den Schlafzimmern hinauf. Im Vorbeigehen warf er einen eisigen Blick auf die geschlossene Tür zu den Räumen seiner Großmutter.
Jetzt endlich war es so weit. Jetzt endlich hatte er die Alte da, wo er sie haben wollte: Auf sich gestellt und machtlos, ihm und seiner Gnade ausgeliefert.
In seinen Gedanken entstand das Bild seiner Großmutter als arm- und beinamputierter Torso, der nicht mehr allein von der Stelle kam und allen Angriffen schutzlos ausgeliefert war. Dieses Bild erzeugte in ihm ein tiefes Wohlbehagen.
»Tja, liebe Großmama, auch deine Tage sind gezählt.« Schon in der Bibel stand schließlich geschrieben: Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Da er keinerlei Verlangen verspürte, das vorerst letzte Glied in seiner Rachekette zu sehen, ging er nur kurz in sein Zimmer, um die Tasche abzustellen. Auspacken lohnte sich nicht, denn er würde ohnehin nicht länger als zwei Tage in dieser deprimierenden Umgebung bleiben. Also erfrischte er sich kurz im Badezimmer und verließ dann unbemerkt das Haus.
Fröhlich eine Melodie pfeifend, ging er den kurzen Weg zu Donna hinüber zu Fuß. Mit einem Blick vergewisserte er sich, dass im Haus Licht brannte, im Wohnzimmer und rechts außen im ersten Stock. Donna war also daheim. Er klingelte und wartete. Das Licht in der Diele wurde eingeschaltet, Schritte waren zu hören. Kurz darauf stand Mr. Mills in der offenen Tür. Er wirkte besorgt und ratlos.
»Ah, Enrique – schön, dich zu sehen. Wie ist es an der Uni? Donna ist oben, geh einfach rauf.«
»Wie geht’s ihr, Mr. Mills? Am Telefon lässt sich das so schwer einschätzen.«
»Es geht ihr nicht gut, Enrique. Gar nicht gut. Morrisons Tod hat sie völlig aus der Bahn geworfen. Vielleicht kannst du sie ja etwas aufheitern. Wie lange bleibst du denn?«
»Leider nur zwei Tage, Mr. Mills. Länger konnte ich mich nicht freimachen. Aber ich sehe zu, dass es bis zum nächsten Mal nicht so lange dauert.«
»Das wäre schön – du warst für Donna immer sehr wichtig. Sie vermisst dich sehr, glaube ich.«
Mit einem bestätigenden Klopfen auf Enriques Schulter ging er zurück ins Wohnzimmer, wo Enrique auf dem Tisch eine Flasche Wein und ein halb gefülltes Glas sehen konnte. Enrique wandte den Blick ab; Mr. Mills und seine Trinkgewohnheiten interessierten ihn nicht. Zwei Stufen auf einmal nehmend, eilte er die Treppe nach oben und klopfte an Donnas Zimmertür.
»Ja?!« Donna saß mit einem Buch auf ihrem Bett, die Beine unter einer Wolldecke versteckt. Bei Enriques Anblick strampelte sie sich frei, glitt vom Bett herunter und stolperte in seine Arme. Enrique umarmte sie fest und genoss es, ihre sanften Kurven zu fühlen.
»Ich hab’ dich so vermisst! Nur am Telefon mit dir zu reden ist nicht das Gleiche. Jetzt, wo Morrison tot ist, gibt’s kaum noch jemanden, der mir richtig zuhört.« All das murmelte sie in seinen Pullover, an den sie ihr Gesicht geschmiegt hatte.
Eifersucht durchzuckte ihn kurz und heftig, aber er schob sie sofort beiseite. Es war weitaus klüger, das Geschenk von Donnas Körper so dicht an seinem zu genießen, als sich Gedanken darüber zu machen, dass sie immer noch einem Toten nachhing; eigentlich passte ihm das ja wunderbar in den Kram. Schließlich hielt es sie davon ab, sich mit einem anderen einzulassen.
»Ich bin so schnell gekommen, wie ich konnte. Die Uni ist ganz schön anstrengend, wir haben wenig Zeit. Und Weihnachten hab ich ein paar Zusatzkurse besucht, die uns empfohlen wurden, deshalb musste ich dort bleiben. Du hast natürlich recht, Telefongespräche reichen nicht. Aber jetzt bin ich ja hier, ganz für dich da. Lass einfach alles heraus, was dich bedrückt.«
»Ach, Ricky, die Welt ohne Morrison ist so dunkel und sinnlos. Es quält mich sogar, in die Schule zu müssen. Dabei hat mir das früher immer Spaß gemacht. Ob sich das jemals wieder ändert?«
Er setzte sich auf das Bett und zog Donna auf seinen Schoß, wobei er sie fest mit seinen Armen umschlossen hielt. »Schsch… wein dich aus, ich bin ja da«, murmelte ein hochzufriedener Enrique in ihr Haar, das verführerisch süß duftete – so süß wie die Rosen im Garten seiner Großmutter. Ihr Körper fühlte sich an wie der Himmel auf Erden. Er strich ihr immer wieder mit einer Hand beruhigend über das Haar und den Rücken, während sie an seiner Schulter weinte.
Seine andere Hand presste ihre Hüften ganz kurz fest an seine, sich seiner hellwachen Männlichkeit überdeutlich bewusst. Nein, das musste noch warten. Wenn er sich jetzt nicht beherrschte, würde er sie verschrecken. Konzentration! Er musste sich auf das Wesentliche konzentrieren. Mühsam zügelte er sein Verlangen und rückte wieder etwas von ihr ab.
Er blieb drei Stunden bei ihr, tröstete sie, indem er immer wieder auf das Unglück zurückkam. Er sorgte dafür, dass der Unfall, den sie nicht miterlebt hatte, so plastisch vor ihrem Auge entstand, als sei er gerade passiert, und legte damit den Grundstock für seine subtile Manipulation. Natürlich hatte die »Tröstung« genau den Effekt, den er sich davon versprochen hatte: Donna weinte umso mehr, Trauer und Verzweiflung wurden angefacht, alle ablenkenden Gedanken wurden weit in den Hintergrund gedrängt.
Als er sich verabschiedete, hatte sie rote verquollene Augen, blickte trübe und trostlos vor sich hin. Er gab ihr einen liebevollen Kuss auf jede Wange und versprach, am nächsten Tag wiederzukommen. Dieses Versprechen löste er ein, genoss wieder stundenlang das Gefühl ihres Körpers an seinem und vertiefte weiter den Abgrund ihrer Einsamkeit. In ihrer Arglosigkeit war sie Wachs in seinen Händen.
Einziger Wermutstropfen blieb, dass Donnas Lippen, als er sie am Ende ihrer zweiten Trauerfeier küssen wollte, kalt und geschlossen blieben. Donna schreckte sogar kurz vor ihm zurück, löste sich aus seiner Umarmung und rutschte neben ihn auf das Bett, plötzlich auf Abstand bedacht. Enrique verfluchte zum wiederholten Mal seine Ungeduld. Er war zu schnell vorgegangen, hatte sie überfordert. Also verabschiedete er sich in einiger Hast, bemüht, den Schaden so gering wie möglich zu halten.
Am nächsten Tag, bereits früh am Morgen, flog er zurück in seine neue aufregende Welt, in dem sicheren Wissen, dass Donna – zumindest für die nächsten Monate – für ihn sicher war.
Im Februar wurde Donna 18 Jahre alt. Er schickte ihr ein Geschenk, eine in einem durchsichtigen Plexiglasquader für die Ewigkeit eingeschlossene, wunderschöne, dunkelrote Rose. Dazu schrieb er ihr einen Brief, in seinen Augen ungewöhnlich romantisch, indem er diese Rose in ihrer samtenen, unvergänglichen Schönheit mit Donna verglich. Das war zwar ziemlich dick aufgetragen, aber die Mädchen mochten das.
Donna bedankte sich telefonisch bei ihm. Sie wirkte beinahe etwas verlegen. Mit einem Hinweis auf die Einladung ihres Vaters zu einem eleganten Abendessen kürzte sie das Gespräch ab und legte recht schnell den Hörer auf.
Enrique nahm es hin. Vielleicht waren ihr Gefühlsäußerungen am Telefon peinlich. Irgendwann in den nächsten Monaten würde er sie ohnehin wiedersehen. Er schob seine leisen Bedenken beiseite und widmete sich wieder seinen alltäglichen Pflichten und Vergnügungen. Donna war immer noch sehr jung, er hatte immer noch viel Zeit.
Bei seinem nächsten Besuch Mitte August – während der Sommerferien war es selbst in einer Großstadt wie Albuquerque unerträglich langweilig – machte er sich zunächst daran, seine Rache voranzutreiben. In zwei Monaten wurde er 21 Jahre alt; mit Eintritt seiner endgültigen Volljährigkeit war es an der Zeit, zu Ende zu bringen, was er sich vorgenommen hatte. Danach würde er sich unbeschwert und intensiv seiner Zukunft widmen.
Donna konnte er in den ersten drei Wochen seiner Rückkehr nicht besuchen. Sie hatte mit ihrem Vater die Stadt verlassen, um – wie jedes Jahr, seit er sie kannte – ihre diversen Tanten und Onkel zu besuchen. Da Enrique seine Konzentration dadurch nicht zwischen mehreren Krisenherden aufteilen musste, konnte er sich mit ganzer Kraft der Ausarbeitung seines nächsten perfekten Plans widmen: Rache an seiner Großmutter.
Ein Unfall schied aus – die Alte rührte sich ja kaum noch aus ihrem Zimmer. Davon abgesehen wäre ein Treppensturz viel zu unsicher. Obwohl … ganz kurz gönnte sich Enrique die hinreißende Vorstellung, wie sie ihm und seinen Quälereien hilflos ausgeliefert war, gelähmt durch den Sturz und ans Bett gefesselt. Nein, nicht praktikabel.
