Verlag: Eisermann Verlag Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

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E-Book-Beschreibung The Last Desire - Nina Hirschlehner

Ein verhängnisvolles Experiment reißt Cat unsanft aus ihrem gewohnten Leben. Plötzlich findet sie sich gemeinsam mit ihrem besten Freund Andy auf einem Vampirinternat wieder. Dort lernt sie schnell, wie gefährlich es sein kann, stärker zu sein als andere und hält ihre neu erlangte Gabe deshalb geheim. Mo, ein grausamer Vampir, will Ihre Kräfte unter allen Umständen an sich reißen. Wird Andy sie beschützen können?

Meinungen über das E-Book The Last Desire - Nina Hirschlehner

E-Book-Leseprobe The Last Desire - Nina Hirschlehner

Nina Hirschlehner

The Last Desire

Verlassen

Prolog

Durch den starken Schneefall und den blendenden Schein der Laternen war es unheimlich schwer, die Straße noch auszumachen. Auch wenn die Scheinwerfer ihres Autos die schneebedeckte Fahrbahn so gut wie möglich ausleuchteten, gestaltete es sich schwierig, zu sagen, wo die Straße aufhörte und wo der Gehsteig begann.

Zum Glück war der Weg nicht weit und Laura hatte das Haus ihrer besten Freundin schnell erreicht. Sie wusste nicht einmal, warum sie um diese Uhrzeit hierher gerufen worden war – sie hatte lediglich eine Nachricht erhalten, so schnell wie möglich zu kommen. Grace hatte auf keine Nachricht und keinen Anruf reagiert, was sie stutzig gemacht hatte.

Nachdem Laura das Auto am Straßenrand abgestellt hatte, eilte sie auf das einzige Haus in der Siedlung zu, in dem noch Licht brannte. Komisch, wenn man bedachte, dass es schon fast zwei Uhr morgens war. Normalerweise schlief man doch um diese Zeit, sogar an Weihnachten. Laura hatte kein gutes Gefühl, als sie sich dem Eingang näherte.

Der Schnee vor der Haustür und auf der Veranda war schmutzig und platt getreten, als ob jemand ein paar Mal darüber getrampelt wäre. Die Haustür stand einen Spalt weit offen, doch es herrschte völlige Stille. Bis auf den Wind, der ihr die blonden Haare vors Gesicht wehte, konnte sie kein Geräusch wahrnehmen.

Vorsichtig drückte Laura die Tür auf und blieb wie angewurzelt im Eingang stehen, als ihr etwas in die Nase stieg: Der Geruch von Blut lag in der Luft.

Sie zögerte einen Moment, da sie nichts Gutes ahnte. Mit jeder Sekunde, die verstrich, schlug ihr Herz vor Aufregung schneller. »Grace?«, rief sie den Namen ihrer besten Freundin durch das Haus. »Bist du da? Ich bin es, Laura.«

Laura wartete auf eine Antwort, doch als keine kam, beschloss sie, einfach in das Haus hineinzugehen – immerhin war sie ja hierher bestellt worden. Sie folgte den nassen Fußspuren quer durch den Vorraum in die Küche. Das Erste, was ihr dort ins Auge stach, war der leblos am Boden liegende Körper eines Mannes. Eine rote Lache hatte sich um ihn gebildet. Erschrocken wich sie zurück. Dann erst folgte der starke Blutgeruch, der ihren Magen zum Rebellieren brachte. Fassungslos schlug sie sich die Hand vor das Gesicht, als sich ihre Befürchtung bestätigte.

»Grace!«, rief sie noch einmal verzweifelt durch das Haus, ohne dabei den Blick von der Leiche abzuwenden. Es war Arthur, der Mann ihrer besten Freundin. Wenn er tot war und sich niemand auf ihr Rufen meldete, dann bedeutete das doch, dass ...

»Ich war es nicht«, hörte sie da eine männliche Stimme hinter sich und wirbelte herum. Im Türrahmen zum Wohnzimmer stand Jesse, Grace’ ältester Sohn, der das Internat besuchte, das von Lauras Mann geleitet wurde. Seine Kleidung war blutverschmiert und seine sonst dunkelbraunen Augen hatten sich schwarz verfärbt. Auch durch die schwache Beleuchtung in der Küche konnte sie sehen, dass Tränen über seine Wangen liefen. »Auch wenn es irgendwie stark danach aussieht.«

»Ich glaube dir, Jesse«, beeilte sie sich, zu sagen. Vor allem deswegen, um selbst nicht auch noch zu weinen zu beginnen. Mit der Zeit hatte sie sich an Blut und tote Menschen gewöhnt, doch es war etwas völlig anderes, die Opfer zu kennen ... Aber wer war es dann?, wollte sie fragen, kam aber nicht dazu.

Mit einem Mal wirkte Jesse, als wäre er aus einem Traum aufgewacht. Die Farbe seiner Augen wurde wieder heller und auch seine Muskeln spannten sich an. »Mein Bruder«, sagte er mit plötzlicher Aufregung in der Stimme. »Ich hatte keine andere Wahl, er wäre gestorben.«

Das klang nicht gut. Vielleicht sollte sie besser ihren Mann rufen ... Andererseits, bis dieser hier war, könnte es bereits zu spät sein.

Laura schluckte, bevor sie an Jesse vorbeiging. Als sie seinen jüngeren Bruder am Boden des Wohnzimmers entdeckte, blieb sie kurz stehen und warf einen Blick auf Jesse. Nun, wo sie sich wieder in einem beleuchteten Raum befanden, konnte Laura erst erkennen, wie blass seine Haut war. Verständlich, immerhin machte sein Bruder auf sie keinen sehr lebendigen Eindruck. Im Gegensatz zu Jesse kannte sie ihn kaum, doch das bedeutete nicht, dass sie keine Angst um ihn hatte.

»Du hast ihn verwandelt?«, fragte sie Jesse, bemüht, ihre Stimme nicht zittern zu lassen. Sie dachte an Grace und daran, dass sie vermutlich tot war. Und sie dachte an ihren eigenen Sohn. Wenn Laura etwas zustoßen würde, dann würde sie wollen, dass sich jemand um ihn kümmerte.

Auf ihre Frage hin nickte Jesse, doch er wirkte dabei nicht gerade überzeugt. Er atmete tief durch. »Ich meine, das dachte ich zumindest. Aber er wacht nicht auf. Er müsste doch aufwachen, oder?«

Das müsste er. Aber was, wenn es nicht funktioniert hatte? Was sollte sie ihm dann sagen? Heute Nacht noch ein Familienmitglied zu verlieren, würde er bestimmt nicht verkraften. Niemand würde das.

Laura zögerte, doch dann kniete sie sich neben Jesses Bruder auf den Boden, um zu überprüfen, ob er noch am Leben war.

»Sie sind alle tot«, hörte sie Jesse dabei hinter sich sagen und versuchte, sich von seinen Worten nicht beunruhigen zu lassen. Wieder hatte sie Grace vor Augen. »Alle.«

»Nicht alle«, stellte sie nach ein paar Sekunden erleichtert fest und atmete tief durch, als zumindest ein Teil der Anspannung von ihr abfiel. Die Wunde am Hals des Jungen begann langsam zu heilen, doch eine Narbe würde bestimmt zurückbleiben. Allerdings war das wohl das geringste Übel, wenn man bedachte, dass auch er hätte tot sein können. »Jesse«, sagte Laura, wobei sie sich die größte Mühe gab, ihre Stimme fest klingen zu lassen und Jesse das Gefühl zu geben, dass alles gut werden würde. »Könntest du deinem Bruder ein Glas Wasser aus der Küche holen? Wenn er aufwacht, hat er bestimmt Durst.«

»Bestimmt«, gab Jesse trocken zurück. Durch die Nachricht, dass sein Bruder nicht tot war, schien die Nervosität völlig von ihm abgefallen zu sein. Stattdessen glaubte sie, eher so etwas wie Wut in seiner Stimme mitschwingen zu hören. Sie konnte ihm aber kaum verübeln, dass seine Gefühle etwas verrücktspielten. »Aber er wird kein Wasser wollen.«

»Jesse«, setzte sie an, kam aber nicht dazu, den Satz zu Ende zu sprechen.

»Schon gut«, meinte er, bevor er ihr den Rücken zuwandte und in die Küche verschwand.

Einen Moment lang sah Laura sich im Wohnzimmer um: Es war völlig zerstört, als ob hier ein heftiger Kampf gewütet hätte. Der riesige, voll geschmückte Weihnachtsbaum lag umgekippt in einer Ecke. Sie wollte wissen, was passiert war, doch es war wohl nicht der richtige Moment, um Jesse danach zu fragen. Besonders, da sie spürte, wie der Herzschlag seines Bruders immer regelmäßiger wurde, bis er hochschreckte und sich umsah.

»Was ist passiert?«, fragte er, als er sie entdeckte. »Was waren das für Leute? Wo ... wo ist meine Schwester?«

»Es ist alles in Ordnung«, versicherte Laura ihm, und griff nach seiner Hand, da sie ihm keine seiner Fragen beantworten konnte. Jesse könnte das, doch er war vermutlich im Moment nicht dazu in der Verfassung. Daher musste sie die Aufgabe übernehmen, ihn zu beruhigen. »Dein Bruder hat dir das Leben gerettet.«

»Aber-« Seine meerblauen Augen musterten sie verunsichert. Sie konnte ganz eindeutig die aufsteigende Angst und Panik darin erkennen. »-meine Schwester ...«

»Es tut mir leid.« Jesse war wieder im Türrahmen aufgetaucht. Er sprach langsam und gedehnt, als ob er sichergehen wollte, dass sein Bruder ihn auch wirklich verstand. Doch seine Bemühungen schienen umsonst: Die Verwirrung war ihm nur zu deutlich ins Gesicht geschrieben. »Aber zumindest bist du noch am Leben.«

»Zumindest?« Langsam schienen die Worte seines Bruders nun doch zu ihm durchzudringen, denn auf seinem Gesicht machte sich Verzweiflung breit. Er schüttelte den Kopf. »Was lässt dich denken, dass ich so leben will? Ohne unsere Schwester?«

Warum fragte er nicht nach seinen Eltern?

»Entschuldige, aber ich dachte, dein Leben wäre dir etwas wert.« Jesse beobachtete seinen Bruder dabei, wie er aufstand. Allerdings musste er sich mit beiden Händen an der Wand festhalten, um nicht umzufallen. Der Blutverlust zeigte immer noch seine Nachwirkungen, auch wenn die Wunde bereits verheilt war.

»Aber nicht so viel, wie das von Summer, Jesse«, erklärte er ernst. Irgendwie verstand Laura ihn ja, auch wenn seine Worte ihr im Herz wehtaten. Die ganze Situation war wie ein wahrgewordener Albtraum. Besonders für die beiden.

Laura merkte, dass Jesse etwas sagen wollte, doch sie griff nach seinem Arm, um ihn davon abzuhalten. Er wollte seinen Bruder trösten, das wusste sie, aber sie befürchtete auch, dass er nicht die richtigen Worte finden würde. Zumindest in seinem aktuellen Zustand nicht. »Sag nichts«, bat sie ihn im Flüsterton mit einem Blick auf seinen Bruder, der inzwischen mit dem Rücken zu ihnen stand und den Kopf gegen die Wand gelegt hatte.

Laura spürte, wie Jesse sich neben ihr anspannte und auch ihr Griff um seinen Arm festigte sich, als sie die Tätowierung im Nacken des Jungen entdeckte. »Siehst du das auch?«, fragte sie Jesse, woraufhin er nickte. »Wir müssen ihn ins Internat bringen. Kalin wird wissen, was zu tun ist.«

Jesse lachte sarkastisch. »Ja, viel Glück dabei, ihn von hier wegzubekommen.«

1. Andrew Vega

Der Sonnenuntergang war schon einige Stunden her und in den tausenden Gängen des Schlosses war bereits Ruhe eingekehrt. Es war so ruhig, dass er nur seine Schritte, die von den kahlen Wänden widerhallten und das Schlagen seines eigenen Herzens hören konnte. In einem langsamen Rhythmus pumpte es das Blut durch seine Adern.

Der Gang, welcher zu den Laboren führte, war nur spärlich mit Öllampen beleuchtet – für diejenigen unter ihnen, die sich in der Finsternis noch nicht so gut zurechtfanden. Auch wenn Andy es nicht gerne zugab, musste er sich doch eingestehen, dass er sich ziemlich gut an dieses Leben in Dunkelheit gewöhnt hatte. Anfangs war es einfach unvorstellbar für ihn gewesen, nachtaktiv zu sein, doch nun hatte er seine Meinung geändert. Es hatte auch seine Vorteile: Selbst im Sommer musste er sich nicht mit unerträglicher Hitze herumschlagen. Durch die steinernen Böden und dicken Wände des Schlosses fiel die Temperatur in dem Gebäude nachts immer stark ab, was Andy sehr gelegen kam. Im Gegensatz zu den meisten anderen Schülern bevorzugte er die Kälte der Nacht.

Das Licht des Mondes, das durch die Fenster zu seiner Rechten fiel, zeichnete im Wind tanzende Schatten der alten Bäume außerhalb des Gebäudes auf den Boden vor ihm und zog Andys Aufmerksamkeit auf sich. Er blieb einen Moment lang stehen und wandte sich einem der meterhohen Fenster zu. Es war mit schweren, tiefroten Vorhängen umrandet, die normalerweise auch nachts zugezogen waren. Doch nicht heute. Andy fragte sich, ob sie schon den ganzen Tag über zurückgezogen waren, als er sein Spiegelbild in der Scheibe betrachtete.

Dass er in den letzten Tagen eher gearbeitet als geschlafen hatte, sah man ihm deutlich an. Seine schwarzen Haare und das dunkle T–Shirt verstärkten die Blässe seiner Haut nur noch zusätzlich und seine sonst meerblauen Augen glänzten im Licht des Mondes fast schwarz.

Schnell wandte Andy den Blick ab und machte sich wieder auf den Weg. Er mochte es nicht, wenn seine Augen schwarz waren – selbst, wenn die Farbe, wie in diesem Fall, nur durch die Lichtverhältnisse fremd wirkte. Dieses Schwarz zeigte eine Seite von ihm, die am liebsten vor der ganzen Welt verstecken würde – was er im Prinzip auch tat. Es hatte seine Gründe, dass er in diesem Schloss lebte, anstatt auf eine normale Schule zu gehen.

Andy wusste nicht, wie spät es war, doch die Stille im Gang ließ ihn vermuten, dass die anderen Schüler des Internats bereits im Unterricht waren. Ansonsten könnte er hier bestimmt nicht ungestört entlangspazieren, zumindest nicht, ohne sich einen umständlichen Weg durch die Massen zu suchen.

Im Gegensatz zu den anderen Klassenzimmern, die sich im Westflügel des Schlosses befanden, lag das Labor im Osten. Und genau dorthin wollte Andy nun, da sein Laborpartner, Mo, ihn darum gebeten hatte, sich mit ihm zu treffen, um den weiteren Verlauf ihrer aktuellen Arbeit zu besprechen. Andy ahnte bereits, worum es sich dabei handelte, und genau davor hatte er Angst: Es ging um den nächsten Schritt ihrer Arbeit, den Andy nicht bereit war, zu gehen. Es war nicht einmal so, dass er sich nur im Moment nicht damit beschäftigen wollte. Er wollte diese Phase – die Testphase – völlig überspringen.

Jedes Mal aufs Neue verdrängte Andy, dass jemand das Versuchskaninchen für sie spielen musste, bis ihn Mo wieder daran erinnerte. Schon so oft hatte Mo ihm erklärt, dass die Wissenschaft nun einmal Opfer verlangte, doch Andy sah das anders: Ihm war nicht wohl dabei, ein Experiment, an dem nur Mo und er arbeiteten, an jemand völlig Fremden zu testen. Vermutlich war das auch der Grund, warum Andy dieses Gespräch immer wieder hinausgezögert hatte: Es konnte einfach zu viel schief gehen.

Noch einmal atmete er tief durch. Er musste sich auf das vorbereiten, was unmittelbar auf ihn zukommen würde. Schon seit Tagen überlegte er, was er Mo sagen sollte, um ihn von der Idee, ihre Erfindung zu testen, abzubringen. Er hatte das Treffen dann aber doch jedes Mal wieder hinausgeschoben, da ihm die richtigen Worte gefehlt hatten. Mo war so überzeugt von der Richtigkeit seines Vorgehens, dass er sich nicht so einfach umentscheiden würde.

Andy wünschte, er könnte jemanden um Rat fragen. Jemanden, der ihm sagte, was er tun sollte. Nur wen? Der Einzige, der außer den beiden über das Projekt Bescheid wusste, war der Direktor, und Andy war sich nicht sicher, ob dieser seine Bedenken verstehen würde. Auf dem Weg zum Labor kam Andy am Büro des Direktors vorbei, wo er einen Moment lang unschlüssig stehen blieb. Er konnte ihn einfach nicht um Hilfe bitten. Irgendetwas in ihm hielt ihn davon ab, auch, wenn er nicht wusste, was es war.

Mit einem tiefen Seufzen machte er sich wieder auf den Weg. Von hier aus war es nicht mehr weit: Andy musste nur noch einen langen Gang entlang und dann eine geschwungene Treppe hinuntergehen. Dort, am anderen Ende des Korridors befand sich bereits das Labor, dessen Tür Andy ohne noch länger zu zögern aufdrückte und ein paar Schritte in den leeren Raum hineinmachte. Wie jedes Mal waren es die weißen Fliesen an Boden und Wänden des Labors, die Andy zuallererst ins Auge stachen. Ihm gefiel die Einrichtung nicht besonders, sie wirkte steril und kalt.

»Mo.« Suchend ließ Andy seinen Blick über die Einrichtung schweifen. Der Raum war gut zu überblicken, man konnte sich nirgends richtig verstecken. »Du machst mich wahnsinnig«, fügte Andy leise hinzu, als ihm klarwurde, dass er alleine war. Warum hatte er ihn zu sich bestellt, wenn er nun gar nicht da war?

Kopfschüttelnd sah Andy sich noch einmal im Labor um. Es war alles wie immer: In der Mitte des Raumes standen einige Tische mit Lampen und Mikroskopen darauf und Bürostühlen davor. Eigentlich war das Labor übertrieben ausgestattet, überlegte Andy, während er den ersten der Arbeitstische umrundete. Außer Mo und ihm verirrte sich kaum jemand hierher – nicht einmal für den Unterricht wurde das Labor regelmäßig benutzt. Doch das war nicht unbedingt ein Nachteil: So konnten Mo und er wenigstens in Ruhe arbeiten, ohne dabei gestört zu werden. Vorausgesetzt, Mo tauchte demnächst auf.

Am anderen Ende des Raumes waren die Jalousien vor der Fensterfront, die zum kleinen Innenhof führte, hochgezogen. Andy überlegte kurz, ob Mo eventuell draußen sein könnte, um eine kurze Rauchpause einzulegen, bemerkte dann aber, dass die Tür verschlossen war.

Seufzend drehte Andy sich um und wandte sich einer der Akten zu, die auf dem Arbeitsplatz vor ihm gestapelt waren. Immerhin, Mo schien heute schon hier gewesen zu sein, denn Andy war sich sicher, gestern Früh noch alles weggeräumt zu haben, bevor er ins Bett gegangen war.

Um sich die Zeit zu vertreiben, griff er nach der Obersten und begann darin zu lesen.

»Da bist du ja endlich«, sagte Andy nach einer Weile, ohne dabei den Blick von der Akte zu heben, da er die Zeile nicht verlieren wollte.

»Du klingst nicht erschrocken«, stellte Mo fest. Er musste laut sprechen, da Andy ihn sonst durch das Fensterglas nicht gehört hätte. »Hast du dich zumindest etwas erschreckt?«

Andy seufzte und ließ die Akte sinken. »Natürlich, Mo«, versicherte er seinem Laborpartner, bevor er sich zu ihm umdrehte.

Mo stand in der Finsternis des Vorhofes vor der Glastür und musterte Andy mit seinen stahlgrauen Augen erfreut. »Wusste ich es doch.« Das Licht im Inneren des Labors spiegelte sich in der Fensterscheibe, weshalb Andy Mo nur schlecht erkennen konnte. Doch er wusste auch so, wie sein Laborpartner aussah – Mos dunkelblaue, struppige Haare und das von Narben geprägte Gesicht vergaß man nicht so schnell wieder. Wie so oft fragte Andy sich, woher diese Narben stammten. Sie sahen aus, als wäre jemand mit einem Messer auf Mo losgegangen und ließen ihn älter und bedrohlicher aussehen, als er eigentlich war.

»Und wie denkst du, kommst du jetzt hier rein?« Andy grinste Mo durch die geschlossene Tür hinweg an. Immerhin war das Labor der einzige Weg, der aus dem Innenhof führte, und diese Tür war verschlossen – einen anderen Ausweg gab es nicht.

Auch Mo schien das gerade zu bemerken, denn Andy konnte beobachten, wie sich Nervosität in ihm breitmachte. »Du lässt mich doch rein oder?« Mo legte beide Hände auf die Glasscheibe. »Ich bin irgendwie davon ausgegangen, dass du mich reinlässt.«

Falsch gedacht, wollte Andy sagen, überlegte es sich dann aber anders. Mo war eben ein ziemlich impulsiver Typ. Er überlegte nicht lange, bevor er handelte. Dafür hatte er in seinem Leben bestimmt schon oft genug büßen müssen. Es hatte also keinen Sinn, ihn da draußen stehen zu lassen.

Also verdrehte Andy lediglich die Augen und öffnete dann die Tür. Er sparte sich die Frage danach, wie Mo überhaupt in den Innenhof gelangt war. Es gab da nämlich etwas, das ihn noch viel mehr interessierte: »Also: Warum bin ich hier? Ich habe gerade eigentlich Mathematik.«

Mo verzog gespielt bedauernd das Gesicht. »Es tut mir wirklich äußerst leid, dass du meinetwegen dein Lieblingsfach verpasst, Andrew.«

»Ich würde es nicht verpassen, wenn du nicht zu spät gekommen wärst«, konterte Andy trocken. »Was hat denn so lange gedauert? Wenn du mich nämlich nur hast warten lassen, um mich zu erschrecken, dann-«

»Nein, nein. Ich habe ganz tolle Neuigkeiten«, unterbrach Mo ihn, noch bevor Andy seinen Satz zu Ende sprechen konnte. Er hatte offenbar nicht vor, sich für seine Verspätung zu entschuldigen. Seine Stimme klang aufgeregt, was Andy hoffen ließ, dass er hier doch nicht nur seine Zeit verschwendete. Und vor allem, dass Mo nicht mit ihm über die Testperson für ihre Erfindung sprechen wollte.

»Ach ja?« Andy fragte sich, was Mo wohl zu erzählen hatte. Aus Erfahrung wusste er, dass Mos Vorstellungen von »erfreulich« nicht immer dieselben waren wie seine eigenen. Daher war Andy sich nicht sicher, ob er von diesen Neuigkeiten ebenso begeistert sein würde, wie Mo es offensichtlich war. »Immer raus damit.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob ich dir das jetzt noch verraten möchte, immerhin hast du dir ziemlich viel Zeit gelassen, um mich reinzulassen.« Mo machte einen Bogen um Andy und ließ sich mit vor der Brust verschränkten Armen in einen der Laborstühle sinken. Der Vorwurf, der dabei aus seinem Blick sprach, war nicht zu übersehen.

»Du hast mich auch warten lassen, schon vergessen?«

Mo schüttelte den Kopf. »Na gut«, meinte er dann und wurde endlich ernst. »Hast du schon mit dem Direktor gesprochen? Das wolltest du heute doch auch machen.«

Mit einem tiefen Seufzen ließ Andy sich ebenfalls in einen der Stühle sinken und zog sein Handy aus seiner hinteren Hosentasche, um zu sehen, wie spät es war – er wollte nicht zu spät zum Abendessen kommen. »Ja, ich hab heute beim Frühstück schon mit ihm gesprochen.«

Dieser Satz schien Mos Interesse geweckt zu haben, denn er hielt plötzlich in seiner Bewegung inne und lehnte sich in seinem Stuhl nach vorne, um Andy eingehend zu mustern. »Und? Was hat er gesagt?«

Andy zögerte einen Moment lang. Der Ausdruck, der jedes Mal aufs Neue in Mos Augen aufblitzte, wenn er von ihrem Projekt sprach, gefiel Andy nicht. Er wusste nicht genau, woran das lag, doch seit die beiden an diesem Projekt arbeiteten, hatte Mo sich immer mehr zum Schlechten verändert. Es war, als würde Mo dadurch zu einer völlig anderen Person werden – einer Person, der man nicht vertrauen konnte ...

Er merkte, dass Mos Anspannung wuchs, als er sich mit seiner Antwort Zeit ließ. Was war nur los mit ihm? Warum war er so besessen von dieser Arbeit? »Er gibt uns noch mehr Zeit«, entgegnete Andy ihm schließlich ruhig. »Ich habe ihn davon überzeugen können, uns für die nächste Zeit vom Unterricht zu befreien, um die Arbeit schneller voranzubringen.«

Augenblicklich verschwand die Anspannung aus Mos Körper und er ließ sich wieder zurück gegen die Lehne sinken. Sogar ein kleines, erleichtertes Lächeln schlich sich auf sein Gesicht. »Wirklich?«

Andy nickte. »Ja. Ich meine, es war alles andere als einfach, den Direktor zu überzeugen. Aber er hat zugestimmt und das ist das Wichtigste.«

»Ausgezeichnet. So gefällt mir das.« Mo machte eine kurze Pause und ließ seinen Blick durch den Raum wandern, als suchte er etwas. »Hast du das gehört?«, fragte er dabei laut in die Stille. Andy wusste, dass Mo nicht mit ihm sprach, auch wenn sich gerade außer ihm niemand im Labor aufhielt. »Das sind doch fantastische Neuigkeiten!«

Seufzend sah Andy sich um. Er wusste, was gleich passieren würde, schließlich war es immer das Gleiche: Angelockt von Mos Stimme begann sich etwas Langes, Dunkles durch die immer noch leicht geöffnete Tür am anderen Ende des Raumes auf die beiden zuzubewegen.

»Hola, Enrique«, begrüßte Mo seine halbwegs zahme schwarze Mamba, wie er sie immer nannte. Vorsichtig schlängelte sich diese an seinem Bein hoch und hängte sich um Mos Hals, so wie Enrique es immer tat. Für Andy war es unverständlich, wie man nur solches Vertrauen zu einer Schlange haben konnte.

»Warum sprichst du immer spanisch mit deiner Schlange? Sie stammt aus Afrika, das ergibt doch keinen Sinn.« Andy schüttelte ratlos den Kopf, doch nicht nur über die sprachlichen Differenzen der beiden. Auch wenn Mo vor Enrique nichts zu befürchten hatte, galt das nicht für die restlichen Schüler des Internats. Mo wusste genauso gut wie er, wie der Direktor reagieren würde, wenn er erfuhr, dass sich eine giftige Schlange in seinem Internat aufhielt.

Immer wieder sagte Andy sich, dass es Mos Aufgabe war, dafür zu sorgen, dass nichts passierte, und nicht seine. Doch er konnte einfach nicht anders, als sich Gedanken zu machen. Er wusste doch, wie wichtig Enrique für Mo war, deshalb verstand er auch nicht, weshalb dieser sich nicht mehr Mühe gab, seine Schlange zu verstecken.

Als Mo sich ohne ein Wortvon ihm abwandte und weiter spanisch auf seine Schlange einredete, fiel Andy wieder ein, weshalb er eigentlich hier war.

»Mo, was wolltest du mir eigentlich erzählen?«

Als er Andys Stimme hörte, hielt Mo in seiner Bewegung inne und drehte sich wieder zu ihm um, um ihn kurz abschätzig zu mustern. Währenddessen streichelte er Enrique langsam und vorsichtig am Kopf. »Weißt du was?«, sagte er dann, wobei ein breites Grinsen auf seinem Gesicht entstand, das Andy misstrauisch machte. »Vergiss es, es ist nicht so wichtig. Du solltest auch langsam los, wenn du nicht zu spät zum Essen mit deinem Dad kommen möchtest.«

»Der Direktor ist nicht mein Vater«, erwiderte Andy ihm entschieden, doch Mo verdrehte nur die Augen über seinen Einwurf. »Außerdem habe ich heute noch etwas anderes vor.«

Ich wurde am 22.01.1995 in Steyr (Oberösterreich) geboren und habe dort auch 2014 meinen Schulabschluss mit dem Schwerpunkt Design und Produktinnovation gemacht.

Seit Dezember arbeite ich in einer Justizanstalt. Im selben Monat habe ich auch mein erstes Buch „Das Geheimnis der Flammen“ veröffentlicht. Mein größtes Hobby ist natürlich das Schreiben und andere mit meinen Geschichten zu begeistern, aber ich male auch unheimlich gerne. Außerdem reise ich gerne und auch das Segeln macht mir großen Spaß.

Nina Hirschlehner

The Last Desire - Verlassen

eBook 09/2015Copyright ©2015 by Eisermann Verlag, Bremen Umschlagillustration: 102732410/shutterstock.comUmschlaggestaltung: Cover & Books - BuchcoverdesignSatz: Hendrik ProchnowLektor: Jasmin Ickes

http://www.Eisermann-Verlag.deISBN: 978-3-946172-04-8

EPUB: 978-3-946172-14-7