The Lie - Kathryn Croft - E-Book

The Lie E-Book

Kathryn Croft

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Beschreibung

Ein neues Zuhause. Ein Neuanfang für die Familie. Doch dann verschwindet die Freundin ihres Sohnes, und nichts ist mehr, wie es war ...


In ihrem neuen Zuhause hofft Lucy auf einen Neuanfang für sich und ihre Familie. Doch der Traum zerbricht, als die Freundin ihres Sohnes spurlos verschwindet. Rose wurde zuletzt auf Lucys Gartenparty gesehen, und Jacob schwört, sie sicher nach Hause gebracht zu haben. Doch als Roses Schlüssel im Garten der Familie auftauchen und Zeugen von einem Streit zwischen den beiden berichten, beginnt sich ein Netz aus Lügen und dunklen Geheimnissen zu entwirren.
Wie weit wird Lucy gehen, um ihren Sohn zu schützen, und ein Geheimnis zu bewahren, das niemals ans Licht kommen darf?


Ein fesselnder Psychothriller über Vertrauen, Schuld und die dunklen Seiten familiärer Liebe.

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Seitenzahl: 505

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Über das Buch

Ein neues Zuhause. Ein Neuanfang für die Familie. Doch dann verschwindet die Freundin ihres Sohnes, und nichts ist mehr, wie es war ...

In ihrem neuen Zuhause hofft Lucy auf einen Neuanfang für sich und ihre Familie. Doch der Traum zerbricht, als die Freundin ihres Sohnes spurlos verschwindet. Rose wurde zuletzt auf Lucys Gartenparty gesehen, und Jacob schwört, sie sicher nach Hause gebracht zu haben. Doch als Roses Schlüssel im Garten der Familie auftauchen und Zeugen von einem Streit zwischen den beiden berichten, beginnt sich ein Netz aus Lügen und dunklen Geheimnissen zu entwirren.Wie weit wird Lucy gehen, um ihren Sohn zu schützen, und ein Geheimnis zu bewahren, das niemals ans Licht kommen darf?

Ein fesselnder Psychothriller über Vertrauen, Schuld und die dunklen Seiten familiärer Liebe.

Über Kathryn Croft

Kathryn Croft glaubt seit ihrer Kindheit an die Macht von Geschichten und hat einen Abschluss in Medienwissenschaften und Englischer Literatur. Bevor sie mit dem Schreiben begann, arbeitete sie im Personalwesen und als Lehrerin. Sie lebt mit ihrer Familie und zwei Katzen in Guildford, Surrey. Mehr Informationen zur Autorin unter www.kathryncroft.com

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Kathryn Croft

The Lie

Er brachte sie nach Hause. Nun wird sie vermisst

Aus dem Englischen von Dorothea Kallfass

Übersicht

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Inhaltsverzeichnis

Titelinformationen

Informationen zum Buch

Newsletter

Widmung

Erster Teil

EINS — LUCY

ZWEI — CARRIE

DREI — ROSE

VIER — LUCY

FÜNF — ROSE

SECHS — CARRIE

SIEBEN — LUCY

ACHT — CARRIE

NEUN — ROSE

ZEHN — LUCY

ELF — CARRIE

ZWÖLF — ROSE

DREIZEHN — LUCY

VIERZEHN — CARRIE

FÜNFZEHN — ROSE

Zweiter Teil

SECHZEHN — LUCY

SIEBZEHN — CARRIE

ACHTZEHN — LUCY

NEUNZEHN — ROSE

ZWANZIG — CARRIE

EINUNDZWANZIG — CARRIE

ZWEIUNDZWANZIG — LUCY

DREIUNDZWANZIG — LUCY

VIERUNDZWANZIG — CARRIE

FÜNFUNDZWANZIG — ROSE

SECHSUNDZWANZIG — LUCY

SIEBENUNDZWANZIG — CARRIE

ACHTUNDZWANZIG — LUCY

NEUNUNDZWANZIG — ROSE

DREISSIG — LUCY

EINUNDDREISSIG — CARRIE

ZWEIUNDDREISSIG — LUCY

DREIUNDDREISSIG — CARRIE

VIERUNDDREISSIG — ROSE

FÜNFUNDDREISSIG — LUCY

SECHSUNDDREISSIG — CARRIE

SIEBENUNDDREISSIG — LUCY

ACHTUNDDREISSIG — CARRIE

NEUNUNDDREISSIG — ROSE

Dritter Teil

VIERZIG — ROSE

EINUNDVIERZIG — CARRIE

ZWEIUNDVIERZIG — LUCY

DREIUNDVIERZIG — ROSE

VIERUNDVIERZIG — LUCY

FÜNFUNDVIERZIG — ROSE

SECHSUNDVIERZIG — CARRIE

SIEBENUNDVIERZIG — LUCY

ACHTUNDVIERZIG — CARRIE

NEUNUNDVIERZIG — ROSE

FÜNFZIG — LUCY

NACHWORT

DANKSAGUNG

Impressum

Für Gosia und Joanna,

zwei großartige Frauen

Erster Teil

Die Hoffnung ist das Federding,

das in der Seel’ sich birgt

und Weisen ohne Worte singt

und niemals müde wird

Emily Dickinson: Hope is the thing with feathers

(Übersetzung Walter A. Aue)

EINS

LUCY

Jeder von uns hat Geheimnisse, ist es nicht so? Dinge, die wir verbergen, sogar vor uns selbst. Es heißt, wir sollten nicht vor ihnen weglaufen. Das mag eine Zeit lang helfen, doch früher oder später holt uns alles wieder ein. Und dann wird es nur noch schlimmer.

»Woran denkst du gerade?«

Toms Stimme reißt mich aus meinen Gedanken, ich fahre so unvermittelt herum, dass Kaffee aus meinem Becher auf den Boden schwappt. Es ist gerade mal fünf Uhr morgens, normalerweise regt sich hier im Haus niemand vor sieben. Schon gar nicht an einem Sonntag. Diese morgendliche Stille ist mir heilig, eine kurze, wohltuende Auszeit, bevor ich in den Tag geworfen werde.

Ich nehme einen Lappen zur Hand und wische die braune Pfütze auf. »Ich wollte gerade anfangen, draußen aufzuräumen«, sage ich, richte mich wieder auf und nicke in Richtung Garten, der noch die Spuren der Grillparty aufweist. Ich setze ein Lächeln auf, obwohl mir bei dem Anblick des ganzen Durcheinanders überhaupt nicht nach Lächeln zumute ist. Der Abend war ein Erfolg, alle haben sich anscheinend gut amüsiert. Ein guter Schritt auf dem Weg, sich hier in der Nachbarschaft einzugliedern.

Tom kommt zu mir und nickt. »Es wundert mich, dass du nicht sofort gestern Abend aufräumen wolltest.«

»Tja. Das habe ich heute Morgen auch bereut.«

Wie sehr die Party den Garten verändert hat, er sieht furchtbar aus, geradezu verwahrlost. Davon können auch die Blüten der sich gerade öffnenden Pfingstrosen in den Hochbeeten nicht ablenken.

»Lass es erst mal so, Lucy, ich helfe dir dann später. Leg dich doch noch ein bisschen hin. Es ist schließlich Sonntag.« Tom lacht leise in sich hinein. »Was macht dein Kopf? Du hast gestern ordentlich zugeschlagen. Ich habe dich auch gar nicht ins Schlafzimmer kommen hören.«

»Mir geht’s gut«, versichere ich etwas zu nachdrücklich. Ich sage ihm nicht, dass mir allein beim Gedanken an Frühstück schlecht wird. Und ich vermutlich auch das Mittagessen auslassen werde.

»Es ist nur eigentlich gar nicht deine Art, viel zu trinken«, lässt Tom nicht locker.

»Du meinst, du kannst dich nicht daran erinnern, wann ich das letzte Mal Spaß hatte?« Ich boxe ihm leicht gegen den Arm. »Willst du etwa behaupten, ich bin alt und langweilig geworden?«

Er legt mir einen Arm auf die Schultern. »Nein, überhaupt nicht. Du warst nur so mit dem Umzug beschäftigt. Und damit, dein Geschäft aufzubauen. Und dann natürlich die Kinder. Es war einfach schön, dich zur Abwechslung mal ganz entspannt zu erleben. Und ich hätte auch mitgezogen, wenn ich nicht gerade die hier nehmen müsste.« Er deutet mit dem Finger auf das Antibiotikum, das auf dem Küchentresen liegt.

Der Alkohol hatte mich etwas aufgelockert, doch entspannt war ich nicht gewesen. Ich hatte mit Argusaugen über Ava gewacht, nichts war mir entgangen. Tom geht davon aus, dass wir die Vergangenheit mit dem Umzug hinter uns gelassen haben, als sei das genauso einfach, wie einen Schalter umzulegen. Als würde dieses neue Leben für uns gleichzeitig einen ganz neuen Menschen aus mir machen.

»Bist du glücklich hier?«, frage ich und drehe mich zur Seite, um ihn direkt anzusehen, damit er versteht, wie ernst es mir mit der Frage ist. »Vermisst du London?«

Er zieht mich an sich. »Nein. Ich arbeite ja immer noch dort, also hat sich gar nicht so viel geändert. Außer, dass es hier viel friedlicher ist. Und grüner. Heller. Und wir unsere Nachbarn kennen.«

Seine Worte können die Schuldgefühle, die mich plagen, nicht verscheuchen. »Ich weiß, ich habe mich zu sehr in meiner Arbeit vergraben. Du hast mich in letzter Zeit kaum zu Gesicht bekommen. Aber es ist eben Ostern.«

Tom scheint zu verstehen, dass ein Floristikgeschäft Höhen und Tiefen mit sich bringt und dass ich die Zeiten, in denen es gut läuft, ausnutzen muss. Er beschwert sich nie, wenn ich mich im Gewächshaus einschließe, tagelang in meiner Werkstatt verschwinde oder im Schnittblumen-Garten arbeite, sichtbar und doch unerreichbar. Genau dafür haben wir unser vorheriges Leben aufgegeben, also bin ich fest entschlossen, das Geschäft zum Laufen zu bringen. Selbstverständlich ist das nicht der einzige Grund, warum wir von London nach Surrey gezogen sind, aber an den anderen will ich nicht denken.

Tom nimmt sich eine Tasse aus dem Küchenschrank. Er wird sich also nicht wieder hinlegen, obwohl er mir vorgeschlagen hat, wieder ins Bett zu gehen. »Das ist schon in Ordnung, Lucy. Du bist nicht die Einzige, die viel zu tun hat. Du musst dich deswegen nicht schlecht fühlen. Die Kinder sind doch inzwischen die meiste Zeit über mit ihrem eigenen Kram beschäftig. Sie sind nicht mehr so klein, dass sie uns die ganze Zeit um sich haben müssen. Diese Phase ist irgendwann einfach vorbei, oder?« Er legt mir beruhigend eine Hand auf die Schulter. »Hierherzuziehen war für uns alle das Richtige.«

»Besonders für Ava.«

Er nickt.

»Sie hat gestern bei der Party kaum ein Wort mit irgendjemandem gewechselt«, sage ich. »Obwohl ich mehrere Familien mit Kindern aus ihrem Jahrgang eingeladen habe. Sie meidet sie.«

»Sie ist einfach nur schüchtern«, sagt Tom achselzuckend. »Das wissen wir doch. Das hat nichts zu bedeuten.«

Seine Worte jagen mir einen Schauer über den Rücken, denn mein Mutterinstinkt verrät mir, dass es dabei um mehr geht als nur um Schüchternheit.

»Entspann dich«, fährt Tom fort. »Sie bekommt das schon hin. Sie hat sich länger mit Rose unterhalten, ist dir das auch aufgefallen?«

»Ja, aber Rose ist nicht aus ihrem Jahrgang. Es sind die zwölf- und dreizehnjährigen Kinder, mit denen sie sich anfreunden müsste.«

Tom gießt sich Kaffee ein und stellt die Tasse ab, dann fängt er an, den Geschirrspüler auszuräumen. »Sie ist fast dreizehn, Lucy – das ist eben ein schwieriges Alter. Erinnerst du dich noch daran, wie es war? Ich weiß, es ist lange her …«

Ich ignoriere die Spitze. »Jacob ist ganz anders. Als er in ihrem Alter war, war er viel selbstbewusster. Er wusste damals schon genau, wer er war. Ava scheint alles Angst zu machen.«

»Im Ernst, Lucy, mit Ava ist alles in Ordnung. Sie wird einfach langsam ein Teenager. Ich weiß, es fällt ihr schwer, Freundschaften zu schließen, aber erst neulich hat sie mir gesagt, dass es hier so viel besser läuft als an ihrer alten Schule.« Er unterbricht das Ausräumen des Geschirrspülers und stellt sich vor mich, dabei legt er mir beide Hände auf die Schultern. »Wir haben sie nicht grundlos von dort weggeholt, nicht wahr? Jetzt hat sie immerhin die Chance, sich neu zu erfinden. Noch mal von vorne anzufangen. Du musst aufhören, dir Sorgen zu machen. Diese …«

Paranoia?, will ich einwerfen, lasse es aber. Wir drehen uns bei diesem Thema im Kreis und können uns nie einigen. Es gibt einfach keinen gemeinsamen Nenner. Tom meint, jetzt, da wir nach Surrey gezogen sind, wird sich für Ava alles zum Positiven wenden. Ich habe da meine Zweifel. Er wird mich, wie immer, wenn dieses Thema aufkommt, darauf hinweisen, dass es nur meine eigenen Ängste sind, die sich da Bahn brechen. Also schiebe ich meine Bedenken vorerst beiseite; ich werde allein damit fertigwerden müssen.

»Wo wir gerade von unseren Kindern sprechen.« Tom langt wieder nach seiner Kaffeetasse. »Ist alles in Ordnung zwischen Jacob und Rose? Sie schienen sich nicht sonderlich viel zu sagen zu haben.«

Ich strenge mein Gedächtnis an, aber die Erinnerungen sind in dunklen Nebel gehüllt. »Ich nehme an, Ava hat Rose die ganze Zeit in Beschlag genommen.« Tatsächlich kann ich mich gar nicht daran erinnern, Jacob gesehen zu haben. »Ich hoffe, das hat Rose nichts ausgemacht.«

»Also, Jacob schon«, erwidert Tom. »Er hat nicht gerade glücklich ausgesehen. Eher so wie damals, als Isla weggezogen ist.«

Bei der Erwähnung ihres Namens erstarre ich unwillkürlich. Als wir noch in London gelebt haben, hat Jacob nie groß Interesse an Mädchen gezeigt, bis Isla aufgetaucht ist. Das hat alles verändert. Er hat sich verändert. Sie fing an, seine Gedanken zu bestimmen, seine ganze Welt hat sich nur noch um Isla gedreht. An allem anderen hat er das Interesse verloren. Tatsächlich waren Tom und ich beide erleichtert, als ihre Familie wegzogen ist, auch wenn wir das Jacob gegenüber niemals zugeben würden. Weil wir davon ausgegangen sind, dass Jacob endlich wieder der glückliche Junge sein würde, der er war, bevor er ihr begegnet ist. Was allerdings nicht der Fall war. Leider. Jacob hat darauf bestanden, dass der Umzug nichts an ihrer Beziehung ändern würde, dass er und Isla bis zum Schulabschluss eine Fernbeziehung führen und dann gemeinsam zur Uni gehen könnten.

Doch dann hat er Rose kennengelernt.

Nachdem Jacob sechzehn geworden war, hatte ich ihm sein Privatleben gelassen, dennoch war mir seine Beziehung mit Isla stets ein Rätsel. Und das ist sie immer noch. Er ist ein gut aussehender Junge, dem es nie an weiblicher Aufmerksamkeit gemangelt hat, obwohl er vor Isla allen Mädchen gegenüber die kalte Schulter gezeigt hat. Oder vielleicht auch genau deswegen. So widersprüchlich sind wir Menschen eben.

Für mich ist das Schwierigste an der ganzen Sache, dass Jacob mich allmählich aus seinem Leben ausschließt. Er ist nicht länger der kleine Junge, über den ich alles weiß. Und nun überragt er mich mit seinen gut eins achtzig auch noch körperlich, was die gesamte Dynamik unserer Beziehung verändert hat.

»Wie lange sind die beiden jetzt zusammen?«, fragt Tom.

»Ich glaube, ungefähr sechs Monate.«

Tom denkt darüber nach. »Wie schnell Isla auf einmal abgeschrieben war. Na ja, das war wohl auch besser so. Wir wissen nicht, was genau da los war.«

Ich nicke. »Ich wünschte nur …«

Mein Handy, das auf der Küchentheke liegt, fängt an zu klingeln.

Tom zieht die Augenbrauen hoch. »Ein bisschen früh, was?«

Ich greife nach dem Smartphone und starre aufs Display. »Es ist Carrie. Seltsam. Sie ruft mich nie an. Sie muss gestern irgendwas hier liegen gelassen haben.« Ich atme tief durch und wappne mich innerlich. Ich kenne sie zwar noch nicht lange, aber im Gegensatz zu ihrer Tochter Rose ist Carrie schwer einzuordnen. »Hallo, Carrie, ist alles in Ordnung?«

Sie hält sich gar nicht erst mit Small Talk auf. »Nein. Ist Rose bei euch?« Sie hat eine tiefe, raue Stimme; das ist mir bisher nie aufgefallen.

Ich werfe Tom mit gerunzelter Stirn einen Blick zu. »Nein, ist sie nicht. Und Jacob schläft noch. Wieso, was ist denn los?«

Carrie atmet gedehnt ein. »Ich bin … mir nicht sicher, ob sie gestern Nacht nach Hause gekommen ist. Nach der Grillparty bei euch habe ich mich noch mit einer Arbeitskollegin in einer Kneipe getroffen. Rose hatte sich da bereits auf den Heimweg gemacht. Also bin ich davon ausgegangen, dass sie bereits schläft, als ich nach Hause gekommen bin, weil ihre Zimmertür zu war. Und das ist sie nie, es sei denn, sie schläft.« Sie unterbricht sich, um sich die Nase zu putzen. »Ich bin auf dem Sofa eingeschlafen und eben erst wach geworden. Als ich nach ihr sehen wollte, war sie aber nicht da. Es sieht auch nicht so aus, als ob sie in ihrem Bett geschlafen hat. Dafür ist es zu ordentlich. Sie macht nie ihr Bett, ich erledige das für sie, obwohl sie wirklich alt genug wäre. O Gott, wo steckt sie bloß? Ihr Handy ist ausgeschaltet!«

»Carrie, bitte versuch, dich nicht aufzuregen. Wir werden herausfinden, was geschehen ist. Könnte sie vielleicht einfach spazieren gegangen sein?«

Wir kennen Rose zwar erst ein paar Monate, aber ich weiß bereits, dass sie es liebt, in der Natur zu sein, genau wie ich. Sie hat sogar ein wenig Zeit mit mir im Schnittblumengarten verbracht, sich ins Gras gesetzt und aufmerksam zugehört, während ich ihr alles über die verschiedenen Blumen erzählt habe, die ich dort anpflanze. Ich sehe noch ihr Gesicht vor mir, wie sie staunend die Kränze betrachtet hat, die ich gebunden habe.

»Es gibt nichts Schöneres als eine Blume«, hatte sie zwischendrin gesagt. »Nichts ist reiner und unschuldiger. So schlicht und doch so komplex.« Mit dieser reifen und schon fast philosophischen Aussage hatte sie mich wirklich beeindruckt.

»Ich werde Jacob wecken«, sage ich. »Bleib dran, ich reiche dich an Tom weiter.«

Tom will offensichtlich nicht mit ihr sprechen, doch ich zwinge ihm das Handy in die Hand. »Red du mit ihr«, forme ich stumm mit den Lippen.

Oben angekommen, reiße ich die Tür zu Jacobs Zimmer auf und mache einen Schritt ins Dunkel hinein. Die vorherigen Hausbesitzer haben die Verdunkelungsrollos drangelassen, die sie für ihre Kleinkinder installiert hatten, und obwohl Jacob sie nicht bräuchte – sein dunkelblauer Vorhang hält das Licht auch so ziemlich gut ab –, lässt er sie jeden Abend runter. Ich gehe auf sein Bett zu, es riecht muffig, nach Axe und Schweiß.

Er regt sich nicht. Schon als Baby hatte er einen sehr tiefen Schlaf. Andere Mütter sind regelmäßig am Schlafrhythmus ihrer Kleinen verzweifelt, Jacob hingegen war ruhig und fügsam und hat bereits nach wenigen Wochen durchgeschlafen. Damit hat er mich in trügerischer Sicherheit gewogen, sodass ich nach Avas Geburt kaum mit einem Baby zurechtgekommen bin, das nie mehr als zwanzig Minuten am Stück schlafen wollte.

Wie lange das alles her ist.

»Jacob«, sage ich leise und rüttle ihn sanft an der Schulter. »Wach auf.«

Er murmelt irgendetwas Unverständliches vor sich hin, rührt sich aber nicht.

»Jacob.« Ich werde etwas lauter. »Es ist wichtig. Ich habe Carrie am Telefon, sie sucht nach Rose.«

Er schlägt blitzartig die Augen auf. »Wie bitte?«

Ich hocke mich auf die Bettkante. »Carrie vermutet, dass Rose letzte Nacht gar nicht nach Hause gekommen ist. Weißt du, wo sie sein könnte?«

Jacob starrt mich ein paar Sekunden lang an, dann richtet er sich auf. »Aber … sie ist nach Hause gegangen. Ich hab sie nach Hause gebracht. Ich hab gesehen, wie sie ins Haus gegangen ist.«

»Bist du dir da ganz sicher?« Ob er sich bewusst ist, dass ich sein Erinnerungsvermögen anzweifle, weil durchaus die Möglichkeit besteht, dass er und Rose sich etwas Alkohol in ihre Getränke gemixt haben? Habe ich das nicht auch so gemacht, als ich noch ein Teenager war?

Jacob schnappt sich ohne eine Antwort sein Handy vom Nachttisch, tippt darauf herum, hält es sich ans Ohr und dreht sich dabei von mir weg. »AB«, sagt er und legt wieder auf. Obwohl es dunkel ist, sehe ich, wie blass er geworden ist. Hektisch tippt er eine Nachricht.

»Bist du sicher, dass du nicht weißt, wo sie sein könnte?«

Er zuckt mit den Achseln. »Nein.« Er zieht die Decke weg, springt auf und sieht sich im Zimmer um.

»Also, du hast sie nach dem Grillen ganz sicher bis nach Hause begleitet? Und dort ist sie ganz sicher ins Haus gegangen? Wollte sie später noch irgendwo anders hin?«

»Ja, Mum, ich bin ganz sicher, und nein, ich weiß nicht, wo sie steckt!« Er zieht sich die Jeans an, die auf dem Boden lag. »Wahrscheinlich wird sie …«

»Was?«

»Nichts. Kann ich mich bitte allein anziehen, Mum?«

Ich werfe einen Blick zur Tür. Jacobs laute Stimme wird Ava aufwecken. »Ich sage Carrie Bescheid. Sie redet gerade mit Dad.« Ich gehe zur Tür.

Und da fällt es mir wieder ein. Gestern bin ich auf dem Sofa eingeschlafen, weil ich mir noch einen Film ansehen wollte. Aber als Jacob nach Hause gekommen ist, bin ich kurz wach geworden und habe aufs Handy geschaut. Es war nach halb eins, weit nach der Zeit, zu der er zu Hause sein sollte. Erst wollte ich ihn mir deswegen vorknöpfen, war aber einfach zu müde und der Kopf zu vernebelt. Also habe ich beschlossen, mit der Standpauke bis zum nächsten Morgen zu warten.

Ich drehe mich zu ihm um. »Wann hast du Rose nach Hause gebracht?«

Er zuckt wieder mit den Achseln. »Weiß nicht genau. So gegen halb zehn, denke ich.« Er hält inne. »Ja, auf jeden Fall gegen halb zehn. Sie war müde und wollte sich hinlegen. Was ich ganz schön früh fand, das weiß ich noch.«

»Wo warst du danach noch?«

»Was soll die Fragerei? Ich bin gleich wieder nach Hause gekommen. Hier haben alle schon geschlafen. Kannst du bitte damit aufhören, mir so viele Fragen zu stellen?!« Er drängt sich an mir vorbei in den Flur. »Ich muss sie suchen«, ruft er auf halbem Weg die Treppe hinunter.

Ich gehe auch wieder nach unten und starre auf seinen Rücken. Er hat sich einfach mit der Zeit vertan, das wird es sein. Er hat einfach angenommen, es sei noch früher.

Denn ich weiß ja, wie spät es wirklich war. Ich weiß es.

In der Küche redet Tom, der immer noch mein Handy am Ohr hat, beruhigend auf Carrie ein. »Selbstverständlich ist alles in Ordnung. Sie macht bestimmt nur einen Morgenspaziergang. Ich bin mir sicher, dass sie gleich wieder nach Hause kommen wird.« Er hebt den Blick und sieht Jacob, der im Türrahmen steht. »Oh, da ist er ja. Ich reiche ihn dir weiter.«

»Sag ihr, dass ich gleich vorbeikomme«, entgegnet Jacob und zieht sich seine Jacke über.

Dann ist er fort, ehe ich ihm sagen kann, er solle noch etwas zu essen mitnehmen. Ich höre mit an, wie Tom Carrie Bescheid gibt, dass Jacob unterwegs ist, dann reicht er mir mein Handy zurück.

»Carrie, Jacob sagt, er hat sie nach Hause begleitet und gesehen, wie sie ins Haus gegangen ist. Dann ist er nach Hause gekommen. Das war gegen halb zehn.«

»Oh. Ich verstehe nicht, wo sie abgeblieben sein könnte.«

»Jacob wird dir bei der Suche nach ihr helfen«, versichere ich ihr.

»Ich habe ein ganz schlechtes Gefühl bei der Sache. Das passt so gar nicht zu Rose. Sie würde mich niemals so sehr beunruhigen. Und man hört doch ständig in den Nachrichten, dass junge Mädchen einfach …«

»So darfst du nicht denken«, unterbreche ich sie. »Rose wird nach Hause kommen. Ich dusche nur schnell, dann komme ich auch rüber. In der Zwischenzeit solltest du die Polizei informieren.«

Carrie schweigt. »Das habe ich vor. Ich wollte mich nur erst umhören, ehe ich das mache. Ich bin einfach davon ausgegangen, dass sie bei euch ist. Wo sollte sie sonst sein? Nina hat sie auch nicht gesehen.«

Wir beenden das Gespräch, und ich lege mein Handy wieder auf den Küchentresen. Erst jetzt fällt mir auf, dass meine Hand zittert.

Tom kommt zu mir und nimmt mich in den Arm. »Ihr geht’s bestimmt gut, Lucy. Es ist ja nicht so, als ob …«

»Ja, sicher geht’s ihr gut.«

Das ist es, was ich mir sagen muss.

Auf dem Weg nach oben bemerke ich Ava, die auf dem Treppenabsatz sitzt, allerdings erst, als ich fast über sie stolpere. »Hast du mich erschreckt! Alles in Ordnung?«

Sie nickt. »Was ist denn los? Wo ist Jacob hin?«

Ich setze mich zu ihr und streiche ihr eine dunkle Haarsträhne aus dem Gesicht. »Er will Carrie helfen, Rose zu suchen.«

Ava starrt mich an. »Was meinst du damit? Wo ist sie?«

Ich habe mir schon vor langer Zeit vorgenommen, nichts vor Ava zu verheimlichen, selbst wenn mein Schweigen sie möglicherweise schützen würde. Es gibt nichts Zerstörerischeres als Lügen.

Gerade ich sollte das wissen.

»Carrie meint, sie ist letzte Nacht nicht nach Hause gekommen«, erkläre ich ihr.

Ava sieht mich verwirrt an. »Nach dem Grillen?«

Ich nicke.

»Aber das muss sie. Wieso sollte sie sich sonst auf den Heimweg gemacht haben? Sie hat nichts darüber gesagt.«

»Ich bin mir sicher, es ist nur ein Missverständnis«, versuche ich sie zu beruhigen.

»Rose wollte heute früh mit mir im Naturschutzgebiet spazieren gehen. Sie hat gesagt, dass es mich … aufmuntern wird, wenn ich mal rausgehe und einfach meine Umgebung wahrnehme.«

Ich bin nicht überrascht – Rose kümmert sich immer gut um Ava. »Das ist nett von ihr. Habt ihr das bei der Grillparty besprochen? Hat sie gesagt, wann sie heute vorbeikommen wollte?«

Ava nickt. »Gleich nach dem Frühstück. Also müsst ihr euch keine Sorgen machen. Rose wird bald hier sein.« Sie lächelt. »Rose bricht nie ein Versprechen.«

»Da hast du sicher recht.« Ich tätschle ihr den Arm. »Jacob hat gar nicht erwähnt, dass sie herkommen wollte.«

Ava zuckte die Achseln. »Er wusste wahrscheinlich gar nichts davon. Sie haben nicht viel miteinander geredet gestern. Ich glaube, Rose war … sauer auf ihn.«

»Wie kommst du darauf?«

»Ich weiß auch nicht. Aber das ist schon in Ordnung, Mum. Jeder hat doch mal Streit, oder nicht? Das sagst du jedenfalls immer, wenn du und Dad euch streitet. Dann behauptet ihr immer, dass Meinungsverschiedenheiten ganz normal sind. Und bei jedem mal vorkommen.«

»Ja, Ava, das stimmt. Ich bin mir sicher, alles ist in Ordnung. Zieh du dich doch schon mal an, während ich duschen gehe, und dann mache ich uns French Toast zum Frühstück, okay?«

Sie macht sich auf den Weg zurück in ihr Zimmer, ich gehe ins Bad und stelle die Dusche an. Nachdem ich geduscht habe, ziehe ich eine Jeans und einen lockeren Pullover mit V-Ausschnitt an, überschminke die dunklen Augenringe, verspüre jedoch immer noch keinen Appetit.

Und von Rose fehlt auch immer noch jede Spur.

ZWEI

CARRIE

Sie steht im Wohnzimmer und starrt aus dem Fenster. Die Straße ist menschenleer – so früh ist am Sonntagmorgen kaum jemand unterwegs –, schwere graue Wolken ziehen bedrohlich am Himmel auf. Sie stellt sich vor, wie Rose den kleinen Pfad zur Haustür hochläuft, als sei alles ganz normal. Carrie wird ihr gehörig die Leviten lesen, sobald sie auftaucht – damit ihre Tochter einsieht, wie gedankenlos es ist, einfach so zu verschwinden. Und dann wird sie Rose in die Arme schließen und nie wieder loslassen.

»Wo steckst du bloß?«, fragt sie laut.

Sie versucht, sich das letzte Gespräch mit Rose in Gedanken zu rufen, aber ihre Erinnerung ist verschwommen. Sie erinnert sich nicht einmal mehr daran, dass Rose die Grillparty verlassen hat. Ist sie vor ihr gegangen? Oder später? Carrie hatte den ganzen Abend über keine Gelegenheit gehabt, mit ihrer Tochter zu sprechen, und sie kaum zu Gesicht bekommen. Jacob auch nicht. Rose war bestimmt viel zu beschäftigt, um sich mit ihrer Mutter zu unterhalten, redet Carrie sich ein, doch in Wahrheit war Carrie diejenige, die mit den Gedanken ganz woanders gewesen war.

Hatte Rose bedrückt gewirkt? Ihre Tochter ist sehr willensstark und hält sich nicht lange mit Grübeleien auf. Carrie hätte doch sicher bemerkt, wenn sich daran etwas geändert hätte. Sie haben sich schon immer sehr nahe gestanden und können über alles reden. Zumindest bis Joe wie eine Abrissbirne in ihr Leben gekracht ist. Carrie musste sich ehrlicherweise eingestehen, dass die Familiendynamik sich komplett verändert hat, seit sie etwas mit ihm angefangen hat. Nicht zum ersten Mal hinterfragt sie ihr Urteilsvermögen. Aber hatte sie sich nicht geschworen, nicht wie so viele andere beim ersten Konflikt wegzurennen, sondern der Beziehung eine Chance zu geben?

Auf der anderen Straßenseite geht die Tür der Nelsons auf, und die Zwillinge kommen mit ihren Rollern auf die Straße gerannt. Das blonde Haar fällt den beiden Jungs in die Stirn, es wirkt ungekämmt, als seien sie gerade eben erst aus dem Bett gestiegen. Lia ist nicht zu sehen. Carrie schnalzt abwertend mit der Zunge und schüttelte den Kopf. Auf keinen Fall ist sie perfekt, aber sie hat Rose in diesem Alter nie unbeaufsichtigt draußen spielen lassen. Die Jungs können nicht älter als vier sein, ganz sicher ist sie sich da allerdings nicht. Sie wohnen zwar in einer Sackgasse, doch auch hier gibt es Autos. Und diese Zwillinge sind wirklich wild.

Carrie wendet sich ab, lässt den Blick durchs Zimmer schweifen und versucht, alles durch fremde Augen zu sehen. Die Polizei müsste jeden Moment eintreffen, und Carrie ist sich bewusst, dass sie einem Urteil ausgesetzt sein wird. Ihr Haus ist klein, aber immerhin sauber. Keine dicken Staubschichten. Es steht ein wenig viel herum, aber Carrie hält immer Ordnung. Ihre Mutter hat ihr immer eingeimpft, dass es nicht darauf ankommt, wie viel man besitzt, sondern ob man auf sich und sein Zuhause stolz ist. Elizabeth hatte jede Menge solcher Weisheiten auf Lager, denen Carrie jedoch meist keine Beachtung geschenkt hat. Rose ist da anders; sie scheint es wirklich anzunehmen, wenn Carrie ihr etwas sagt. Eine alte Seele in einem jungen Körper – so ist Rose, und zwar schon seit Carrie denken kann.

Draußen fährt ein Wagen vor, Carrie beobachtet den Beamten in Uniform, der aussteigt. Sie fragt sich, ob sie zu zweit kommen werden, wie im Fernsehen, aber die Beifahrertür bleibt geschlossen. Der Mann ist groß und kommt mit sicheren Schritten auf das Haus zu. Was Carrie zuversichtlich stimmen sollte, doch stattdessen macht es sie nervös. Sie fühlt sich, als hätte sie etwas verbrochen. Ob er unter der dicken Schutzweste schwitzt? Für April ist es heute Morgen viel zu warm, kaum auszuhalten. Eine kurze Hitzewelle, hieß es in den Nachrichten. Und auf mehr davon sollten sich alle in Zukunft des Öfteren einstellen.

Als es klingelt, geht sie mit schleppenden Schritten zur Tür, um den Moment hinauszuzögern, in dem sie sich der Realität stellen muss. Rose gilt ab jetzt tatsächlich als vermisst, der Polizist vor ihrer Haustür ist der lebende Beweis, und sie kann nichts dagegen tun. Carrie hat gehofft, dass Jacob vor der Polizei hier sein würde. Er ist der Letzte, der Rose gesehen hat, es ist wichtig, dass er alles erzählt, woran er sich erinnert.

Als sie die Tür öffnet, fühlt sie sich immer noch wie der realen Welt enthoben. Vielleicht liegt es am Schock oder etwas Schlimmerem, denn sie fühlt bis tief in die Knochen, dass hier gerade etwas seinen Anfang nimmt.

Der Polizist stellt sich vor. Police Constable Morgan. Ein Name, den sie sich einzuprägen versucht, obwohl ihr Verstand ihn jetzt schon zurückweist. Er ist jünger, als sie ihn zunächst eingeschätzt hat, wahrscheinlich gerade mit der Ausbildung fertig. Zumindest ist er hier. Und müssen sich die jüngeren Beamten nicht erst recht beweisen?

»Möchten Sie Tee oder Kaffee?«, fragt sie, weil es wohl das ist, was von ihr erwartet wird.

Ein weiterer Glaubenssatz ihrer Mutter. Sorge dafür, dass sich jeder, der zu dir nach Hause kommt, willkommen fühlt. Tee. Kaffee. Etwas zu essen.

Police Constable Morgan lächelt. »Danke, nicht für mich. Sollen wir uns setzen?« Er deutet auf den Küchentisch, wo immer noch die Teetasse steht, die Carrie vor über einer Stunde ausgetrunken hat.

Sie kommt seiner Bitte nach. Kaum sitzen sie, nimmt er ein elektronisches Gerät aus der Tasche. Es erinnert sie an einen Blackberry, aber da muss sie sich irren. Die benutzt doch heute keiner mehr, oder?

»Um mir Notizen zu machen«, erklärt er, als er ihren Blick auffängt. »Und wenn es Sie nicht stört, würde ich auch meine Körperkamera einschalten, um die Unterhaltung zu dokumentieren. Nur um Ihnen zu ersparen, dass Sie später alles erneut durchgehen müssen.«

Carrie nickt, obwohl sie nicht sicher ist. Das klingt alles viel zu offiziell. Aber wenn sie das jetzt ablehnt, würde es verdächtig wirken.

»Soweit ich informiert bin, ist Ihre Tochter Rose nicht nach Hause gekommen«, setzt Police Constable Morgan an. »Können Sie mir schildern, was vorgefallen ist?«

Das hat Carrie bereits bei ihrem Anruf getan. Hat unendlich viele Fragen beantwortet. War es nicht reine Zeitverschwendung, alles erneut durchzugehen? Die Polizei sollte besser nach Rose suchen, statt sie noch einmal zu befragen. Wieso musste sie alles wie eine kaputte Schallplatte wiederholen, wenn es doch ganz einfach war?

»Sie ist erst sechzehn. Und sie ist gestern Abend nicht nach Hause gekommen.«

»Wann haben Sie sie zuletzt gesehen?«

»Das war bei einer Grillparty gestern Nachmittag. Bei den Eltern von ihrem Freund. Sein Name ist Jacob Adams. Eigentlich sollte es eine Einweihungsfeier werden, ohne Grillen. Aber die Wettervorhersage war so gut, dass sich Lucy – Jacobs Mutter – dann doch dafür entschieden hat. Rose war auch dort, es ging ihr gut. Und dann … bin ich gegangen. Ich habe mich mit einer Freundin auf einen Drink getroffen. Mein Partner, Joe, hatte Spätschicht, also wollte ich die Gelegenheit nutzen, mich mit ihr zu treffen.«

Carrie hätte lieber bei der Party bleiben sollen. Ungeachtet dessen, was dort vorgefallen war, hätte sie nicht gehen dürfen. Dann wäre ihr vielleicht aufgefallen, was mit Rose los war.

»Und um wieviel Uhr sind Sie dort losgegangen?«, fragt Police Constable Morgan.

Carrie beißt sich auf die Unterlippe. »Ich bin nicht ganz sicher. Vielleicht so gegen neun? Als ich dann nach Hause gekommen bin, war die Tür zu Roses Zimmer geschlossen, und ich wollte sie nicht stören, indem ich sie aufmache.« Sie starrt zu Boden. »Ich weiß, das ist schrecklich. Ich hätte nach ihr sehen sollen. Aber sie hat so einen leichten Schlaf, ich wollte nicht riskieren, sie aufzuwecken.« Sie seufzt. »Und dann habe ich noch ein bisschen ferngesehen und bin dabei auf dem Sofa eingeschlafen.« Sie deutet unnötigerweise in Richtung Wohnzimmer.

Ich war betrunken. Zu betrunken, um mitzubekommen, dass meine Tochter nicht zu Hause ist.

Unwillkürlich hält sie den Atem an, als sie sich das eingesteht.

»Ich bin davon ausgegangen, dass Rose oben ist und schläft. Ich meine, warum hätte es auch anders sein sollen? Sie ist doch noch nie über Nacht weggeblieben.«

Der Blick des Beamten wiegt schwer. Droht, sie zu verschlingen, um sie gleich darauf wieder auszuspucken. »Und wie spät war es, als Sie nach Hause gekommen sind?«

»Nachdem die Kneipe zugemacht hat, also kurz nach elf. Sie ist hier in Fußnähe.«

Ihr Blick huscht zur Tür. Warum braucht Jacob bloß so lange?

»Also wissen Sie nicht mit Sicherheit, ob Rose letzte Nacht wirklich nach Hause gekommen ist? Könnte sie nicht auch heute Morgen das Haus verlassen haben?«

»Das halte ich für unwahrscheinlich«, sagt Carrie mit Nachdruck. »Ich habe einen leichten Schlaf. Und die Haustür kann man nicht leise zumachen. Davon wäre ich aufgewacht.«

Er betrachtet sie eingehend, es fällt ihr schwer, dem prüfenden Blick standzuhalten, ohne sich abzuwenden. »In Ordnung«, sagt er. »Können Sie sich daran erinnern, was Rose anhatte, als Sie sie zuletzt gesehen haben?«

»Hellblaue, weite Jeans und ein grünes bauchfreies Oberteil«, antwortet sie, ohne zu zögern.

Das Oberteil ist neu, Rose hat sie noch gefragt, ob es ihr gefällt. Carrie wollte nicht zugeben, dass ihr alles zuwider ist, was den Bauch entblößt, und hat behauptet, es sei sehr hübsch.

Police Constable Morgan nickt. »Hatte sie eine Tasche bei sich?«

»Taschen hat sie noch nie gemocht. Sie zieht es vor, sich mit nichts zu belasten. Meist steckt sie nur das Handy in die Hosentasche und zieht los.«

»Und ist Ihnen aufgefallen, ob irgendwas in ihrem Zimmer fehlt? Kleidung, Schuhe, etwas in der Art?«

Das hat Carrie als Erstes überprüft, und soweit sie sagen kann, ist alles in Roses Zimmer so wie immer. Bis auf das ordentlich gemachte Bett. Das sagt sie auch dem Polizisten, verärgert darüber, dass sie sich wiederholen musste.

»Gut«, sagt Police Constable Morgan. »Was ist mit ihrem Handy?«

»Das habe ich bereits angegeben. Es ist nicht hier im Haus.«

»Fällt Ihnen irgendein Grund ein, aus dem Rose von zu Hause wegwollen würde? Egal was. Könnte sie sich über irgendwas geärgert haben? Hatte sie Probleme mit anderen Jugendlichen in der Schule oder so?«

Carries Magen verkrampft sich. »Nein, sie war glücklich. Rose ist nicht der Typ, der sich herumschubsen lässt. Dafür ist sie zu … stark. Sie würde auch niemals vorsätzlich von zu Hause weggehen. Und wenn in der Schule was vorgefallen wäre, hätte sie mir das gesagt.«

»Gemobbt zu werden, ist kein Zeichen von Schwäche«, merkt Police Constable Morgan an.

Steht es ihm überhaupt zu, seine persönliche Meinung zu solchen Dingen zu äußern?

»Ich weiß, so habe ich das auch nicht gemeint. Ich wollte damit sagen, dass Rose nicht zulassen würde, dass ihr jemand das Leben schwermacht, sie ist einfach nicht der Typ dafür.«

»Manchmal verstecken Jugendliche ihre Probleme vor der Außenwelt und machen es ganz allein mit sich selbst aus. Wenn Ihnen also noch irgendwas einfallen sollte, sagen Sie uns bitte Bescheid. Uns geht es einzig darum, Rose zu finden und sie wohlbehalten nach Hause zu bringen.«

Carrie schüttelt den Kopf. »Da gibt es nichts. Jedenfalls nicht, dass ich wüsste.«

Es muss aber etwas geben, denn Rose ist nicht hier beim Frühstück, so wie es eigentlich sein sollte.

»Gab es bei der Grillparty einen Streit? Ist Ihre Tochter mit irgendjemandem aneinandergeraten?«

»Nein, sie war einfach mit ihrem Freund zusammen. Die beiden gehen schon ein paar Monate miteinander. Sie sind unzertrennlich.«

Nur gestern nicht. Was hat das zu bedeuten?

»Und wie würden sie die Beziehung der beiden beschreiben?«, will Police Constable Morgan wissen.

Carrie lächelt. »Sie lieben einander. Das kann jeder sehen.« Sie verdrängt das nagende Gefühl, dass sich daran etwas geändert haben könnte.

Der Polizist fragt Carrie nach einem aktuellen Foto von Rose.

»In meinem Handy.« Sie nimmt es vom Tisch auf und scrollt durch die Bildergalerie, dann reicht sie das Smartphone an Police Constable Morgan weiter.

»Wenn Sie uns das per Mail schicken könnten, würde uns das sehr weiterhelfen.« Er zieht eine Visitenkarte aus der Tasche und legt sie auf den Tisch. »Wir benötigen außerdem eine Liste von ihren Freunden, mit Namen und Telefonnummern. Auch von allen Familienangehörigen. Einfach jeder aus Roses näherem Umfeld, der ihnen einfällt.«

Carrie nickt. »Ich habe bereits alle abtelefoniert. Niemand hat sie gesehen.«

»Es ist gut, dass Sie das getan haben, aber wir müssen selbst auch noch Befragungen durchführen.«

Sie sucht einen Zettel und beginnt mit der Liste.

»Würde es Sie stören, wenn ich mich kurz im Haus umsehe, solange Sie damit beschäftigt sind? Ich muss Roses Zimmer untersuchen, nur um sicherzustellen, dass uns nichts entgeht.«

»Okay«, gibt Carrie ihr Einverständnis. Sie widmet sich wieder ihrer Liste und stellt überrascht fest, wie kurz sie am Ende geworden ist. Während sie darauf wartet, dass Police Constable Morgan seine Suche abschließt, schreibt sie Jacob eine Nachricht und fragt ihn, wie lange er noch brauchen wird.

Die Polizei ist gerade hier. Du musst schnell kommen.

Der Beamte ist nach kaum fünf Minuten wieder zurück.

»Rose hat keinen großen Bekanntenkreis«, erklärt sie ihm, als sie ihm den Zettel überreicht.

»Gibt’s dafür einen besonderen Grund?«

»Sie ist sich selbst genug. Nicht so wie viele andere Mädchen. Sie wissen schon, die immer mit diesen TikTok-Tänzen beschäftigt sind und mit ihrem Aussehen. Äußerlichkeiten sind ihr nicht wichtig. Rose ist einfach anders. Sie war nie eine Mitläuferin.«

»Und ist sie jemals weggeblieben, ohne Bescheid zu sagen?«

»Niemals. Ich weiß immer, wo sie ist.«

Oder zumindest angeblich ist.

»Wir brauchen auch noch Roses Handynummer sowie die öffentlichen Benutzernamen ihrer Social-Media-Accounts. Vielleicht hat sie was gepostet, das uns Aufschluss darüber gibt, wo sie sich gerade befindet.«

Carrie schüttelt den Kopf. »Rose hat gar keine Social-Media-Accounts. Überhaupt keine. Wie ich schon gesagt habe, das ist alles nicht so ihr Ding.«

Police Constable Morgan hebt die Brauen. »Wir werden das trotzdem überprüfen. Nur um auf der sicheren Seite zu sein. Manchmal verheimlichen die jungen Leute so was auch vor ihren Eltern. Sie könnte einen anderen Namen angegeben haben.«

Es fällt Carrie schwer, sich vorzustellen, dass Rose ein geheimes Leben in den sozialen Netzwerken führt, wo sie Carrie doch ständig dazu auffordert, sich endlich von Facebook abzumelden. Sie hat noch die Worte ihrer Tochter im Ohr: Das ist doch nur was für Mitläufer. Wer will schon wie alle anderen sein?

»Besitzt sie einen eigenen Computer?«, fragt Police Constable Morgan. »Oder hat sie Zugang zu einem, der nicht ihr gehört?«

»Ich habe etwas gespart und ihr zum Geburtstag einen Laptop geschenkt, das war letzten Sommer. Kein teures Gerät, aber sie braucht einen für die Schule. Ich habe nur bei der Arbeit Computerzugang.«

»Okay. Den Laptop werden wir uns ansehen müssen. Und ihr Freund – Sie haben gesagt, er war mit ihr bei der Party?«

»Ja. Seine Mutter Lucy hat mir gesagt, dass er Rose noch nach Hause gebracht hat. Sie können ihn gleich selbst fragen – er müsste jede Minute hier sein. Er wollte sich gleich auf den Weg machen.«

Das war vor über einer Stunde. Wo steckt er bloß?

»Nun, wir werden definitiv mit ihm sprechen. Lebt Ihr Partner hier bei Ihnen und Rose?«, erkundigt sich Police Constable Morgan.

»Nein. Rose und ich wohnen hier allein. Ihr Vater hat uns vor Jahren verlassen, da war Rose erst fünf. Er lebt in Dubai.«

»Ich bräuchte auch seine Kontaktdaten.«

»Er wird nichts wissen. Sie sprechen kaum miteinander.«

»Mag sein, dennoch müssen wir alles sorgfältig überprüfen. Und Ihr Partner war gestern Abend nicht hier?«

»Nein. Er war bei sich zu Hause, da er heute Frühschicht hat. Dann muss er um fünf anfangen. Er hat aber heute früher Schluss gemacht, um nach Rose zu suchen. Ich bin hiergeblieben, falls sie ihren Schlüssel verloren hat und nicht reinkommt. Ich muss doch für sie da sein …« Carrie bringt den Satz nicht zu Ende. Sie weiß, was dieser Mann gerade denken muss.

Police Constable Morgan erhebt sich. »Dann werde ich jetzt zurück zur Wache fahren und alle Informationen eingeben, damit wir mit der Suche nach Rose beginnen können. Wir gehen von einer Gefahrenlage aus, also kann ich Ihnen versichern, dass wir alles tun, um sie so schnell wie möglich zu finden.« Er sieht sich um. »Wir werden auch eine gründliche Durchsuchung von Ihrem Zuhause anordnen. Das ist Standardvorgehensweise. Auch das Haus, in dem die Grillparty stattgefunden hat, wird abgesucht werden, sowie der Weg, den Ihre Tochter mit ihrem Freund genommen hat. Von da aus sehen wir weiter.« Er zieht einen Stift hervor und notiert eine Nummer auf der Rückseite seiner Visitenkarte. »Das ist Ihre Fallnummer. Wenn Sie sich an uns wenden, geben Sie die bitte immer an.«

Carrie dankt ihm mit einer dünnen Stimme, die sich so gar nicht nach ihrer eigenen anhört. Normalerweise packt sie Probleme beim Schopf, entschlossen und tatkräftig. Die Trennung von Hugh hatte ihr den Boden unter den Füßen weggezogen, und sie weigert sich, das noch einmal zuzulassen. Aber wenn Rose nicht bald nach Hause kam, würde es womöglich noch einmal dazu kommen.

Sobald die Tür hinter Police Constable Morgan ins Schloss fällt, läuft ihr ein Schauer den Rücken hinunter. Ein schrecklich unheimliches Gefühl.

Es vergeht beinahe eine Stunde, ehe es an der Tür klingelt, und einen Moment lang wähnt sich Carrie in dem Glauben, es sei Rose, die wieder einmal ihren Schlüssel vergessen hat.

Selbst als sie die Tür aufzieht und in Jacobs bleiches, halb von seinem wilden schwarzen Haar bedecktes Gesicht schaut, sucht sie hinter seinem Rücken nach Rose. Die Enttäuschung darüber, dass ihre Tochter nicht bei ihm ist, trifft sie wie ein Faustschlag in die Brust, sodass sie beinahe ins Wanken gerät.

Sie reißt sich zusammen, tritt einen Schritt vor und schließt Jacob in die Arme, was sie noch nie vorher getan hat. Er versteift leicht, doch dann tätschelt er ihr zögerlich den Rücken.

»Die Polizei wird mit dir sprechen müssen, Jacob. Und mit deinen Eltern. Sie wollen jeden befragen, der bei der Grillparty dabei war. Deine Mutter wird sich doch an alle erinnern, die dort waren, nicht wahr?«

Er nickt. »Ja, sicher. Tut mir leid, dass es so lange gedauert hat. Ich … ich hab da draußen nach ihr gesucht. Bin zum Naturschutzgebiet gelaufen. Da gehen wir manchmal hin, wenn wir … einfach abhängen wollen. Die Natur umarmen, sagt Rose immer. Es ist ihr Lieblingsort.« Er starrt an Carrie vorbei. »Ich dachte, bis ich hier ankomme … ist sie, na ja …«

Sie wirft einen Blick auf die gegenüberliegende Straßenseite, wo die Nelson-Zwillinge sich gerade gegenseitig mit grellorangefarbenen Wasserpistolen nass spritzen. Ihre Mutter hat sich mittlerweile dazugesellt und steht mit in die Hüften gestützten Händen da, während sie Carrie und Jacob im Auge behält. Carrie zieht ihn rasch ins Haus und schließt die Tür.

»Wo kann sie nur sein?«, fragt sie und geht durchs Wohnzimmer. »Ich habe Nina angerufen, aber die hat auch keine Ahnung. Sie ist doch Roses beste Freundin – sie müsste doch wissen, wo sie steckt! Sie sagt, dass sie allen Mitschülern eine Nachricht geschickt hat. Aber was soll das schon bringen?«

Schweiß rinnt ihr den Rücken hinab und sammelt sich vorne unter ihren Brüsten. In Gedanken verflucht sie dieses unnatürlich warme Wetter. Die Natur sollte doch eigentlich für einen langsamen Übergang in den Sommer sorgen und ihre Körper nicht derartig durcheinanderbringen, oder? Noch vor ein paar Tagen hat sie ihren Wintermantel getragen. Rose würde jetzt sagen, dass die Menschen selbst für das launenhafte Wetter verantwortlich sind.

»Ich muss immer wieder an unser letztes Gespräch denken«, wendet Carrie sich an Jacob. »Ich frage mich, ob mir was entgangen ist. Wollte sie mir irgendwas sagen? Steckt sie in Schwierigkeiten?«

Jacob geht nicht auf ihre Fragen ein, weicht auch ihrem Blick aus. »Vielleicht hat sie irgendjemand gesehen?« Er stellt seinen Rucksack neben dem Sofa auf dem Boden ab.

Carrie würde ihm zu gerne in den Kopf schauen und sich dort umsehen, um zu verstehen, was in ihm vorgeht. Er war in letzter Zeit oft so in sich gekehrt, ganz anders als der aufgeweckte Junge, den Rose vor ein paar Monaten mit nach Hause gebracht hat.

»Möchtest du was trinken? Du hast wahrscheinlich noch gar nicht gefrühstückt, habe ich recht?« Sie wartet seine Antwort gar nicht erst ab. »Ich mache dir einen Toast. Und dann kannst du mir alles erzählen. Du warst der Letzte, der sie gesehen hat, und ich muss jedes Wort erfahren, das sie gesagt hat.«

Jacob nickt. »Kann ich … erst noch kurz Roses Zimmer sehen?«

Carrie verengt die Augen. »Wieso?«

»Ich möchte ihr nahe sein. Ich mache mir Sorgen, Carrie. Sie würde doch nicht einfach weglaufen. Und sie stellt ihr Handy nie aus, stimmt’s?«

»Ich weiß. Aber wir dürfen nicht vom Schlimmsten ausgehen. Ich werde das jedenfalls nicht tun.« Sie hebt Jacobs Rucksack auf und stellt ihn im Flur unter dem Garderobenhaken ab, wo er hingehört.

Während er oben ist, steckt sie zwei Scheiben Weißbrot in den Toaster und sucht nach der Marmelade. Das ist Roses Lieblingsfrühstück, sie muss noch mehr Toastbrot besorgen, denn ihre Tochter wird jede Minute durch die Tür gerannt kommen und verkünden, dass sie halb verhungert ist. Aber wie könnte Carrie im Supermarkt durch die Reihen schlendern, solange ihre Tochter nicht auffindbar ist? Sie schenkt Jacob ein Glas Orangensaft ein und brüht sich selbst Kaffee auf. Immerhin eine Sache, von der noch genug im Haus ist.

Als der Toast hochspringt, ist Jacob immer noch oben. Sie bestreicht beide Scheiben mit Butter und Marmelade, sorgfältig darauf bedacht, jeden Millimeter mit der Marmelade zu bedecken, so wie Rose es gerne mag, dann stellt sie den Teller auf den Tisch und geht in den ersten Stock. Es ist so still, als habe sie sich Jacobs Besuch nur eingebildet.

Er sitzt auf Roses Bett und tippt auf seinem Handy herum. Er ist so vertieft in was immer er da tut, dass er Carrie gar nicht bemerkt, bis sie sich durch ein Hüsteln bemerkbar macht.

»Ich schicke ihr gerade eine Nachricht«, erklärt er. »Ich weiß, ihr Handy ist aus, aber …«

Carrie setzt sich neben ihn. »Jacob, hat Rose irgendwas zu dir gesagt, weshalb du dir Sorgen machst? War sie aufgebracht? Ist beim Grillen irgendwas zwischen euch vorgefallen?« Sie bombardiert ihn mit Fragen, so wie Police Constable Morgan es vorhin mit ihr getan hat – und tatsächlich klingt es auch ein wenig nach einem Verhör. Aber sie braucht eben Antworten.

Jacob zögert einen Moment. »Nein. Ihr ging es gut. Ich meine, ich habe tatsächlich gar nicht so viel Zeit mit ihr verbracht. Das ist dir bestimmt auch aufgefallen.«

Carrie spürt die Anspannung in ihrem Körper. »Nein.«

Weil ich zu sehr mit mir selbst beschäftigt war, nicht wahr?

»Woran lag das denn?«

»Ich weiß auch nicht. Sie war den ganzen Abend über mit Ava zusammen.« Er zuckt mit den Schultern. »Mir hat das nichts ausgemacht, natürlich nicht. Ava ist meine Schwester, und sie liebt Rose. Aber wir hatten dadurch eben kaum Gelegenheit, uns zu unterhalten.«

»Ich muss dich das fragen, Jacob – hattet ihr beide einen Streit? Du kannst es mir ruhig erzählen. Du bekommst keinen Ärger. Aber es würde eventuell erklären, warum sie nicht nach Hause kommen wollte.«

»Aber ich lebe doch gar nicht hier!«, wehrt sich Jacob. »Selbst wenn wir uns gestritten hätten, warum sollte sie das davon abhalten, nach Hause zu kommen. Haben wir aber nicht. Und es ging ihr gut, als ich sie nach Hause begleitet habe. Sie war nur ein wenig müde.«

Carrie packt ihn an den Schultern und beugt sich näher zu ihm, um ihn zu zwingen, sie anzusehen. »Jacob, das reicht mir nicht. War sie einfach müde, oder war irgendwas nicht in Ordnung?«

»Das weiß ich nicht!«

»Hat sie was bedrückt? Irgendwas?« Eine schwere Last senkt sich auf Carries Schultern herab. Es gibt unausgesprochene Dinge, über die sie nicht Bescheid weiß, möglicherweise nie Bescheid wissen wird. Dieses Gefühl ist unerträglich.

Jacob vergräbt den Kopf in den Händen. »Nein, da gab es nichts. Es ging ihr gut«, beteuert er. »Ich hätte es doch gewusst, wenn sie was belastet hätte.« Und als er den Kopf hebt, um sie anzusehen, kommt es ihr vor, als dringe sein Blick bis in ihre Gedanken vor, sogar bis in ihre Seele.

Ein kalter Schauer durchfährt sie.

Carrie steht auf und streicht sich den Rock glatt. »Komm lieber mit nach unten. Der Toast wird kalt. Und Rose hasst kalten Toast.«

Jacob nickt und folgt ihr, Carrie schließt die Tür zu Roses Zimmer. Warum, weiß sie selbst nicht so genau, schließlich werden schon bald Beamte alles hier durchsuchen. Aber so hat Rose es immer gemacht, selbst wenn sie nur kurz ins Badezimmer gegangen ist.

»Wo ist Joe?«, erkundigt sich Jacob, sobald sie unten angekommen sind.

Carrie senkt den Blick. »Er ist letzte Nacht nicht geblieben. Er musste heute früh zur Arbeit. Aber er hat seine Schicht früher beendet. Hat gesagt, er will helfen, Rose zu finden.«

Jacob antwortet nicht, er sitzt am Tisch und nimmt sich einen Toast. Es ist leicht zu erraten, was er denkt: Wieso bietet Joe seine Hilfe an, wenn doch jeder weiß, dass er und Rose sich nicht ausstehen können?

»Ich habe mich nur gefragt, ob … sie sich vielleicht gestritten haben?«

Carrie starrt ihn an. »Nein«, sagt sie bestimmt. »Joe war doch gar nicht hier.«

Sie wendet sich von Jacob und seinem Toast ab und tritt ans Wohnzimmerfenster. Draußen haben die Zwillinge ihre Wasserpistolen gegen Fahrräder ausgetauscht und strampeln die Straße auf und ab, ihre Freudenschreie wollen so gar nicht zu dem lähmenden Schmerz passen, den sie gerade empfindet.

Wieder zurück in der Küche, empfängt sie Jacobs Blick.

»Rose wird bald zurück sein«, versichert er ihr. »Sie nimmt sich nur eine kleine Auszeit. Das ist alles.« Er steht auf. »Mehr nicht.«

Etwas regt sich in Carrie. Ein mütterlicher Instinkt, ihn zu beschützen. Immerhin ist Jacob auch noch ein Kind. Wie erwachsen er und Rose sich auch vorkommen mögen.

»Ja, sie wird jede Minute hereingeschneit kommen und sich wundern, was all die Aufregung soll.« Sie geht auf Jacob zu. Ihr fällt auf, dass er zusammenzuckt, als sie sich ihm nähert. »Hat Rose je etwas über …«

Sie wird von der Türklingel unterbrochen. Sie kommt ihr heute früh schriller vor als sonst, zu laut und bedrohlich. Carrie beeilt sich aufzumachen und spürt Jacob hinter sich.

»Irgendwelche Neuigkeiten?«, fragt Lucy, noch ehe Carrie die Tür ganz aufgezogen hat.

Und dann betritt diese Frau ihr Haus, als sei es das Normalste der Welt, dass sie uneingeladen vorbeikommt. Ihr Zuhause steht anscheinend jedem offen, der sich ein Bild machen möchte.

»Sie ist noch nicht wieder da, Mum«, sagt Jacob.

»Ich bin mir sicher, dass sich alles bald klären wird«, sagt Lucy und wendet sich an Carrie. »Hast du ihr Zimmer überprüft?«

Carrie runzelt die Stirn. »Ich bin mir sicher, ich wüsste es, wenn sie sich dort versteckt hätte.«

»Ich weiß, tut mir leid. Ich meinte doch, ob du ihre Sachen durchsucht hast. Vielleicht gibt’s da was, das uns verrät, wo sie sich aufhält?«

Carrie ist es ein wenig unangenehm, dass sie Lucy falsch verstanden hat. Doch Jacobs Mutter hätte sich auch deutlicher ausdrücken können. »Ich habe mir alles angeschaut, mir ist aber nichts Ungewöhnliches aufgefallen. Der Polizist hat sich auch kurz umgesehen. Sie schicken bald noch eine Gruppe Beamter, damit die alles genau überprüfen können. Ist dir oben irgendwas aufgefallen?«, fragt sie Jacob. »Vielleicht habe ich ja was übersehen.«

Er starrt zu Boden. »Ich habe mich gar nicht groß umgeschaut. Ich wollte … einfach einen Moment dort sitzen.«

Carrie bemerkt den fragenden Ausdruck auf Lucys Gesicht. Eine leichte Verwirrung, die rasch etwas anderem weicht.

Plötzlich spring Jacob auf und rennt zur Haustür.

»Wo willst du hin?«, ruft Lucy ihm hinterher. »Warte.«

»Ich kann nicht einfach hier rumsitzen. Ich muss draußen nach ihr suchen.«

Er knallt die Tür hinter sich zu, und als Carrie zum Wohnzimmerfenster eilt, sieht sie ihn noch die Straßen entlangrennen.

Jacob hat etwas zu verbergen, davon ist sie felsenfest überzeugt.

DREI

ROSE

Mein Leben wurde in zwei Hälften zerrissen, mit einer scharfen Kante dazwischen, wie ein schützender Zaun um zwei grundverschiedene Versionen von Rose. Ihr habt Rose nicht gekannt, und ich bezweifle, dass ihr sie gemocht hättet. Ich bin vielleicht gerade mal sechzehn Jahre alt, aber ich bin weit mehr als das. Besonders jetzt.

Deinetwegen.

Nina hat als Erste mitbekommen, dass ein neuer Junge an unsere Schule gekommen ist. Aus London, und sie hatte bereits entschieden, dass wir ihn vor allen anderen kennenlernen müssten.

»Wieso?«, wollte ich wissen.

Aber sie konnte mir keine überzeugende Antwort liefern. London ist zwar nicht weit weg, für sie aber dennoch ein exotischer Ort. Voller Möglichkeiten. Sie ist überzeugt, dass ihre Zukunft dort liegt. Dass sich dort sämtliche Träume erfüllen oder irgend so ein Quatsch. Vielleicht, wenn Hundehaufen auf der Straße ihr größter Traum sind. Aber sie will nun einmal dorthin, sobald sie nicht mehr an die Schule gebunden ist. Ich habe ihr schon tausendmal gesagt, dass Bildung nicht mit dem Schulabschluss endet. Lernen gehört zum Leben dazu.

»Das mag ja für dich gelten«, sagt sie dann jedes Mal mit einem theatralischen Stöhnen. »Du hast deine Musik. Talent. Du wirst so oder so was aus dir machen.«

Doch da liegt sie falsch. Es gibt keine Garantien im Leben. Es kann jederzeit eine unangenehme Überraschung auf einen warten und einen aus der Bahn werfen. Wir haben beide nicht geahnt, dass das ausgerechnet mir passieren würde.

Jedenfalls wollte sie den Neuen deswegen unbedingt kennenlernen.

»Ehe Rowena Hill und ihre Lästerzicken die Krallen in ihn graben«, hatte sie gesagt und gelacht. Nina und ich haben uns große Mühe gegeben, uns aus den Beliebtheitsspielchen in der Schule herauszuhalten. Jede Person, die über die Flure läuft, lebt in Angst, nur wir nicht. Die Urteile der anderen verfolgen uns, ab und zu erreichen sie uns auch, packen uns fest, aber wir wehren uns und entwinden uns dem Griff, obwohl es leichter wäre, nachzugeben. Entweder nehmt ihr uns so, wie wir sind, oder ihr lasst uns verdammt noch mal in Ruhe.

Ich sehe jedoch immer öfter, dass Nina einknickt. In ihr regt sich der Drang, akzeptiert zu werden. Mir ist mittlerweile aufgefallen, dass es ihr viel zu wichtig ist, was sie anhat, oder sie fragt mich, ob ihr Make-up gut aussieht. Und ich habe sie auch schon dabei erwischt, wie sie Rowena beobachtet hat, fast schon bewundernd. Meine Mutter behauptet, dass wir damit geboren werden: mit dieser Sehnsucht nach Zugehörigkeit, so zu sein wie alle anderen. Teil einer Gruppe. Einzigartig, aber eben nicht anders. Manchmal sagt meine Mutter echt schlaue Sachen, obwohl ihr eigenes Leben das nicht widerspiegelt. Sie sucht verzweifelt nach irgendetwas und weiß nicht einmal genau, was es ist.

»Er heißt Jacob Adams«, hat Nina mir beim Mittagessen verkündet. Agentin Nina hatte die Ermittlungen aufgenommen. »Und er ist echt heiß. Na los, komm, wir suchen ihn. Dann kannst du dich selbst davon überzeugen.«

Ich strich mir die Haare aus den Augen. »Ich kann nicht. Bin auch nicht interessiert. Ich werde ihn schon früher oder später zu Gesicht bekommen.«

»Aber Rose, er ist anders. Man sieht ihm sofort an, dass er aus London kommt. Er hat so was an sich. Irgendwie cool. Er ist nicht so wie die Idioten aus unserem Jahrgang.«

Ich musste lachen. »Und das weißt du alles, ohne je mit ihm gesprochen zu haben. Alles klar, Nina.«

»Er wirkt einfach … ich weiß auch nicht. Selbstbewusst. Aber nicht auf diese arrogante Art, so wie Jamie und die anderen. Eher … als ob er sich in seiner Haut wohlfühlt. So wie wir. Oder zumindest du.« Sie nahm mich an der Hand. »Komm schon, biiitte!«

Und wie recht Nina hatte. Niemand konnte behaupten, dass Jacob Adams, der rätselhafte Junge aus London, nicht ganz eindeutig anders war.

Wir haben den Neuen draußen beim Sportplatz aufgespürt. »Sieh nur, wie er mit den Kopfhörern auf dasitzt und alle betrachtet, als ob er derjenige ist, der sie beurteilt und nicht umgekehrt.« Nina konnte den Blick gar nicht von ihm abwenden. »Das zeugt doch von einem starken Selbstbewusstsein, oder nicht?«

Doch ich sollte ziemlich schnell herausfinden, dass das Gegenteil der Fall war.

VIER

LUCY

Als ich nach Hause komme, ist der Garten aufgeräumt. Alles ist wieder dort, wo es hingehört. Sämtliche Spuren von der Grillparty sind beseitigt, als habe er nie stattgefunden. Tom ist im Schuppen. Ich bin zu weit weg, um genau erkennen zu können, was er gerade macht, aber ich gehe davon aus, dass er ihn aufräumt. Etwas, das er schon, seit wir hier eingezogen sind, vorhatte.

Barfuß gehe ich über den Rasen. Etwas sticht mich in den Fuß, und als ich ihn anhebe, sehe ich Blut, das von der Sohle tropft. Ganz in der Nähe glitzert eine Scherbe zwischen den Grashalmen durch.

Tom blickt auf, als ich näher komme. »Alles in Ordnung?«

»Ich bin auf eine Scherbe getreten«, sage ich. »Aber ich werde es überleben. Ich glaube nicht, dass wir Pflaster dahaben.«

»Ich werde mal nachsehen«, sagt er und kommt auf mich zu.

»Nein, wirklich, alles gut. Es ist nur ein Kratzer.«

»Na schön«, sagt Tom. »Ich wusste, dass das ganze Durcheinander im Garten dich stresst, also habe ich aufgeräumt. Und mir den Schuppen vorgenommen.«

Ich lächele. Tom weiß, dass dieser Ort mir Seelenfrieden schenkt und dass es mich aus dem seelischen Gleichgewicht bringt, wenn hier nicht alles so ist, wie es sein sollte.

»Gibt’s schon was Neues?«, fragt er und wischt sich den Schweiß von der Stirn.

»Nein. Die Polizei war gerade wieder weg, als ich angekommen bin. Carrie sagt, sie wollen uns alle befragen. Sogar Ava. Und sie werden ein Spurensuchteam schicken, um unser Haus zu durchsuchen.«

Tom runzelt die Stirn. »Daran habe ich gar nicht gedacht. Jetzt habe ich alles aufgeräumt. Das hätte ich dann wohl besser nicht tun sollen, oder? Vielleicht brauchen sie alles so, wie es gestern war. Jacob hat mich drauf gebracht. Er war hier, um sein Ladekabel zu holen, hat aus dem Fenster gesehen und gesagt, dass es bestimmt furchtbar für dich ist, den Garten in diesem Zustand zu sehen, dass er sich ja darum kümmern würde, aber nach Rose suchen muss. Ich weiß, ich bin manchmal streng mit ihm, aber er hat ein gutes Herz.«

»Jetzt ist es nicht mehr zu ändern, und unser Garten ist ja auch kein Tatort.« Aber vielleicht hat Tom recht, und sie hätten nichts verändern dürfen. »Es waren doch nur ein paar Flaschen und ein bisschen Abfall. Die Müllbeutel sind auch noch da, oder?«

»Ja, sie stehen neben den Müllcontainern, falls die Polizei sie durchsuchen will.«

»Das gefällt mir nicht«, sage ich. »Sie wird doch zurückkommen, oder? Sie ist bestimmt nur weggelaufen. Auf keinen Fall ist ihr was zugestoßen.« Ich bemerke die Panik in meiner Stimme.

Tom nimmt meine Hand. »Ihr geht’s bestimmt gut. Aber wir sollten mit Ava sprechen. Wenn sie mit ansehen muss, wie die Polizei den Garten durchsucht, könnte sie das aufregen. Wie hält sich Carrie?«

»Nicht so gut. Ich glaube, sie wollte mich gar nicht um sich haben, aber ich konnte sie doch nicht allein lassen. Als Joe gekommen ist, bin ich dann gegangen. Carrie hat ein bisschen … keine Ahnung … wie betäubt gewirkt. Als wüsste sie nicht, was sie sagen oder tun soll.«

Ich erwähne nicht, dass Jacob nicht direkt zu ihr gegangen ist. Er hat wohl nach Rose gesucht, zumindest war es das, was Carrie mir erzählt hat, nachdem er weg war. Doch der leichte Argwohn in ihrem Blick ist mir nicht entgangen.

»Rose wird wieder auftauchen«, sagt Tom. Er bleibt stets positiv, selbst in schwierigen Situationen. Genau das muss ich jetzt hören. Wir alle müssen so denken. »Mach dir keine Sorgen.«

»Und wenn nicht … das wäre schrecklich für Jacob. Und für Ava. Wo steckt sie nur?« Ich schaue nach oben und sehe unsere Tochter im Fenster stehen, von wo aus sie uns beobachtet.

Tom winkt ihr zu. »Sie hat sich mit deinem iPad in ihr Zimmer verkrochen«, sagt er. »Ich habe es nicht übers Herz gebracht, ihr zu sagen, dass sie es weglegen soll. Was kann das schon schaden bei all dem, was gerade los ist?« Er seufzt.

»Vielleicht solltest du auch noch mal bei Carrie vorbeifahren«, schlage ich vor. »Ich habe das Gefühl, dass wir da mitdrinstecken. Rose ist schließlich Teil der Familie geworden, findest du nicht?«

»Da hast du recht«, stimmt Tom mir zu. »Ich mache mich gleich auf den Weg.«