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Ein glamouröses Internat. Eine tote Schülerin. Ein mysteriöser Geheimbund
Als die 17-jährige Audrey aus den USA neu auf das traditionsreiche britische Internat Illumen Hall kommt, ahnt sie nicht, was auf der Abschlussparty im letzten Sommer passiert ist: Die Leiche einer Schülerin wurde ans Ufer gespült. Ivy, mit der sie das Zimmer teilt, lässt Audrey deutlich spüren, dass sie es lieber für sich alleine hätte. Und damit nicht genug: Es war vorher das Zimmer des toten Mädchens, Lola. Doch als ein mysteriöser Podcast behauptet, Lolas Tod sei kein Unfall gewesen, beginnen die beiden gegensätzlichen Mädchen gemeinsam Nachforschungen anzustellen. Denn offenbar ist ein Mörder auf freiem Fuß …
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Seitenzahl: 397
Veröffentlichungsjahr: 2021
ZOE SUGG
AMY McCULLOCH
DIE NÄCHSTE BIST DU
Aus dem Englischen von
Sylvia Bieker und Henriette Zeltner-Shane
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© 2021 cbj Kinder- und Jugendbuchverlag in der
Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,
Neumarkter Str. 28, 81673 München
Die Originalausgabe erschien erstmals unter dem Titel
»The Magpie Society. One For Sorrow« bei Penguin Books Ltd.
in der Penguin Random House Verlagsgruppe UK, London.
© Tiger Tales Limited and Zoe Sugg, 2020
The moral right of the authors has been asserted
Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten
Aus dem Englischen von Sylvia Bieker und Henriette Zeltner-Shane
Lektorat: Antje Steinhäuser
Umschlagillustration: © Khius and Shutterstock (Firsik), 2020
Innenillustration: Puffin, Penguin Random House Children’s
Publishers UK in der Penguin Random House Verlagsgruppe UK
Umschlaggestaltung: Carolin Liepins, München,
nach einer Vorlage von Penguin Random House
Children’s Publishers UK in der
Penguin Random House Verlagsgruppe UK
kk · Herstellung: bo
Satz: KompetenzCenter, Mönchengladbach
ISBN 978-3-641-27052-0V001
www.cbj-verlag.de
Für Tracey und Maria – die uns inspirieren
Prolog
An dem Abend, als sie starb, hatten wir unsere Handys alle nicht dabei.
Die Polizei glaubte uns das nicht.
Jugendliche gehen nirgendwohin ohne ihre Mobiltelefone, sagten sie. Denkt ihr, wir glauben euch, dass ihr bei eurer Party zum Schuljahrsende nicht ge-Snap-faced, ge-Insta-booked habt oder was immer ihr Kids heutzutage so treibt? Dass kein Einziger von euch ein Selfie, ein Boomerang oder ein Video gemacht hat?
Wir gaben ihnen alle die gleiche Antwort: Nein.
Sie überprüften unsere Handys trotzdem. Loggten sich in unsere Clouds ein. Aber da war nichts zu finden.
Die Kriminalbeamten entdeckten am Tatort ein Stück Papier. Es war einer von den Zetteln, die an das Treibholzgatter getackert waren, hinter dem es über Stufen hinunter zum Strand ging. Darauf stand in fetten Großbuchstaben:
KEINE HANDYS, KEINE KAMERAS, KEIN SOCIAL MEDIA, KEINE AUSNAHMEN!
Als ob man irgendwen auf der Party daran hätte erinnern müssen. Denn genau darum ging es ja: Wir hatten uns eine Gelegenheit gewünscht, um mal abzuschalten. Um eine Party zu feiern, die nicht dokumentiert würde, um die ganze Nacht in seliger Anonymität durchzutanzen, um Erinnerungen zu bewahren, bei denen man kein Fact-Checking mit Fotos oder Videos machen könnte. Keiner brach diese Regeln. Das wollte auch keiner. Alle hielten mit Argusaugen Ausschau nach dem verräterischen Leuchten eines Smartphones oder dem Schimmern einer Kameralinse.
Manche von uns brachen vielleicht, wenn wir es für unumgänglich hielten, die eine oder andere Regel der Schulordnung. Aber die Regeln unserer Party zum Schuljahrsende missachten? Das hätte keiner gewagt.
Der Polizist, der uns nacheinander verhörte, rollte mit den Augen. Wollt ihr damit sagen, dass ihr euch alle an diese Regeln gehalten habt? Das nehme ich euch nicht ab.
Aber wir konnten ihm nichts zeigen. Das war die Wahrheit. Also forderte er uns auf, ihm stattdessen zu erzählen, was passiert war.
Der Strand war an diesem Abend voller Leben. Das Lagerfeuer brannte und die Flammen schlugen hoch in den Himmel. Einige der Holzscheite schimmerten grünlich, weil sie Salz aus dem Meerwasser enthielten. Während wir am Strand tanzten, reichten unsere Schatten bis an die Kreidefelsen, die über der Horseshoe Bay aufragen. Deshalb sah es aus, als würden die Klippen sich bewegen. In der Ferne rauschten die Wellen. Die Ebbe hatte Seegras und Muscheln auf dem Sand hinterlassen. Es war ein warmer Sommerabend, der Beginn einer weiteren britischen Hitzewelle.
Und natürlich wimmelte es von uns. Ohne die Schuluniformen war es schwerer, einander zu erkennen. Seltsam, oder? Dass eine Uniform, die bewirken soll, dass wir alle gleich aussehen, tatsächlich eher wie eine leere Leinwand funktionierte, auf der wir unsere Individualität zur Geltung bringen konnten? In unserer normalen Kleidung wirkten wir wie ganz normale Teenager. Aber das waren wir nicht.
Wir waren Schülerinnen und Schüler von Illumen Hall.
Das machte diese Party zu etwas Besonderem. Zu anderen Anlässen im Jahr kamen Leute aus benachbarten Schulen – unsere Party zu Samhain galt als legendär, und wer unsere Christmas Extravaganza verpasst hatte, der konnte sich von einem sozialen Leben sowieso schon verabschieden.
Aber die Beach Party zum Schuljahresabschluss gehörte nur uns. Wir lebten das ganze Jahr über zusammen, und egal ob man seine Schulzeit genoss oder nicht, erfüllte die Trennung den Sommer über jeden mit einer gewissen Melancholie. Denn wie sehr man sich auch dagegen sträubte, wer zu den sechshundert Auserwählten gehörte, die Illumen Hall besuchten, der war mit dem Stoff dieser Schule verwoben. Der Sommer würde uns auseinanderreißen, und diese Party galt als letzte Erinnerung, damit wir die zwei Monate erzwungener Trennung überstanden.
Es roch nach verkohltem Holz. Die Scheite knackten und knisterten in der Hitze der Glut. Immer wieder stiegen Funken in den sich zunehmend verdunkelnden Himmel. Zusammen mit den tiefen House-Beats und unseren sich wiegenden Körpern ergab das eine berauschende Atmosphäre. Aber vielleicht lag es auch am Alkohol, der reichlich in unsere Pappbecher floss.
Die Flut kam mit den Nachtstunden, bis die Bucht schon beinah komplett abgeschnitten war. Der einzige Weg aus ihr heraus führte die grob in die Klippen gehauenen Stufen hinauf. Alles war wunderschön: wir, der Sand, die Wellen und das Feuer.
Da durchschnitt ein Schrei die Musik, sodass uns das Blut in den Adern gefror. Die Menge der tanzenden Körper erstarrte schlagartig. Dann ergriff eine Welle der Panik einen nach dem anderen. Das Schreien hörte nicht auf, die Musik riss ab, und alle rannten Richtung Wasser.
Die Schreie kamen vom Meer. Eine Gestalt stand am Wasser. Die Sonne war bereits hinter dem Horizont verschwunden, doch es war noch hell genug, um etwas zu erkennen.
Ein Frauenkörper lag im Sand. Wellen leckten an den Fußsohlen. Sie lag auf dem Bauch, doch ihr Kopf war zur Seite gedreht. Die Lippen waren unnatürlich blau gefärbt.
Blasse Haut, bläuliche Lippen, zerzauste Haarsträhnen, verdrehte Gliedmaßen.
Auf ihrem Rücken das kunstvolle Tattoo einer Elster. Jede Einzelheit war zwischen ihren Schulterblättern, die wie zwei Klingen neben ihrer Wirbelsäule in die Höhe ragten, deutlich zu erkennen. Die Schwingen des Vogels waren ausgebreitet, sodass die Flügelspitzen sich um ihre Schlüsselbeine legten. Die Schwanzfedern verschwanden unter dem Rand ihres Tanktops.
Eine Stimme. »Lauft rauf und ruft die Polizei. Sie ist tot.«
1
AUDREY
Gibt es etwas Schlimmeres, als an eine neue Schule zu kommen?
Anscheinend ja. Nämlich bei peitschendem Regen und Wind in Hurrikanstärke an eine neue Schule zu kommen. Innerhalb weniger Monate habe ich es geschafft, von einer warmen, einladenden Highschool aus rotem Backstein im sonnigen Georgia in etwas zu landen, das aussieht wie eine lahmarschige Version von Hogwarts und sich auf einer abgelegenen Halbinsel irgendwo in Südengland befindet. Im schlimmsten Wetter, das ich je erlebt habe. Die Scheibenwischer am Benz meines Vaters bewegen sich blitzschnell und der Motor läuft noch. Das Geräusch entspricht dem Zustand meiner angespannten Nerven.
»Sei brav, Audrey«, sagt er, ohne sich nach hinten umzudrehen.
Sei brav. Waren Worte schon jemals dermaßen belastet? In Wirklichkeit meint er damit: Verbock das nicht – mach es nicht noch schlimmer – es sind ja nur zwei weitere Jahre, bis wir nicht mehr verantwortlich für dich sind und unsere Hände endgültig in Unschuld waschen können. Aber natürlich wird nichts davon laut ausgesprochen. Ich lese die Worte an Dads verkrampften Schultern ab und an der Tatsache, dass Mom überhaupt nicht hier ist, sondern mit meinem jüngeren Bruder, Jason, in Südfrankreich. Mein großer Bruder, Edison, studiert an einem College in New Haven und ist mir daher auch überhaupt keine Hilfe.
Ich antworte Dad nicht. Stattdessen hole ich tief Luft und starre aus dem Fenster. Als ich es mir auf der Webseite ansah, kam es mir schon alt vor, aber in natura gibt Illumen Hall mir das Gefühl, in ein anderes Jahrhundert zurückversetzt zu werden. Es sieht echt mittelalterlich aus. Deshalb würde es mich auch nicht wundern, wenn im Stil von Game of Thrones abgeschlagene Köpfe von schlechten Schülern zwischen den Türmchen aufgespießt wären. Trotzdem ziehe ich lieber den Zorn der Lannisters auf mich, als noch eine Sekunde länger mit meinem Dad im Wagen zu bleiben. Also öffne ich die Tür, presse meine Chanel-Tasche an die Brust und stürze mich mutig in den Regen.
Dad ruft mir noch irgendetwas nach, als ich auf den Eingang der Schule zulaufe, aber der Wind trägt seine Worte weg.
Ich lege einen spektakulären Auftritt hin, als ich so durch die Türen stolpere, die sich mühelos öffnen. Und schon tropfe ich einen polierten Holzboden nass.
Der Lärm des Unwetters draußen wird fast komplett geschluckt, als die Türen sich geräuschlos hinter mir schließen. Ich hebe langsam den Blick und versuche, alles in mich aufzunehmen. Meine Augen bleiben an dem riesigen Porträt einer imposanten Dame hängen, die eine kunstvolle Robe aus grüner Seide trägt. Sie starrt auf den Eingang herab, als würde sie ein Urteil über jeden Menschen fällen, der hier eintritt. Ich fühle mich ungefähr zehn Zentimeter groß. – Das ist erstaunlich, weil ich tatsächlich gut ein Meter achtzig groß bin und normalerweise alle anderen überrage.
»Einschüchternd, nicht wahr?«
Als ich herumwirbele, sehe ich eine Frau in einem eleganten hellrosa Hosenanzug mit farblich passenden flachen Pumps.
»Yeaaaah.« Mein Südstaatenakzent hallt in der Eingangshalle wider. Bisher ist es mir noch nie gelungen, derart fehl am Platz zu klingen, wie ich mich gerade fühle.
»Sie müssen Miss Wagner sein.«
»Oh, äh, Audrey genügt«, sage ich.
Die Frau verzieht den Mund zu einem knappen Lächeln. Sieht nicht so aus, als könnte sie lässigen Begrüßungen etwas abgewinnen. »Ich bin Mrs Abbott, die Direktorin von Illumen Hall.« Sie streckt mir ihre Hand hin und ich schüttele sie zaghaft. »Ich habe dich und deinen Vater im Hof halten gesehen. – Entschuldige, dass ich nicht hinausgekommen bin, um dich zu begrüßen, aber …« Sie zuckt mit den Achseln und zeigt auf die Pfütze, die ich auf dem Boden hinterlasse. »Deine Sachen sind bereits gebracht worden, also zeige ich dir jetzt dein Zimmer oben.«
Ich ziehe eine Augenbraue in die Höhe. Auch wenn ich weiß, dass das Unternehmen von meinem Dad groß und wichtig ist, frage ich mich, ob es normal ist, von der Direktorin – der Headmistress – überall herumgeführt zu werden. »Wo sind denn die anderen alle?«
»Die meisten Schülerinnen und Schüler werden erst heute Abend eintreffen, doch einige – so wie du auch – haben die besondere Erlaubnis, schon früher zu erscheinen.«
Sie marschiert los, bevor sie den Satz auch nur beendet hat. Ich beeile mich, mit ihr Schritt zu halten, wobei meine Flipflops auf dem Holzboden peinlich quietschen. Als ich mir auch noch die Hüfte am Treppengeländer stoße, schaffe ich es mit Mühe, nicht laut zu fluchen. Trampelige, laute Amerikanerin mit vulgärer Ausdrucksweise, das ist nicht der erste Eindruck, den ich bei Mrs Abbott hinterlassen möchte. Zu Hause bin ich nie so verlegen, aber hier kann ich nicht anders, als mir den Hals zu verrenken, um an die hohe Decke mit ihren kunstvoll gemeißelten Verzierungen zu starren oder um die riesigen Gemälde zu bewundern, die die Wände fast komplett bedecken. Noch nie habe ich einen vergleichbaren Ort besucht, der kein Museum war.
»Wir haben dich im Helios House untergebracht«, sagt Mrs Abbot, während sie die Stufen hinaufsteigt. »Du wirst dir das Zimmer mit einer unserer Spitzenschülerinnen teilen, mit Ivy Moore-Zhang. Sämtliche Fragen, die du hast, kannst du ihr stellen. Sie wird dir auch alles zeigen, sobald du dich eingerichtet hast.«
Ich hole tief Luft. Hoffentlich, hoffentlich werden meine Mitbewohnerin und ich gute Freundinnen. Ich will hier ganz von vorne anfangen – in einem neuen Land, an einer neuen Schule und mit lauter neuen Leuten. Mein Freund Brendan lachte, als er hörte, dass ich mir ein Zimmer teilen würde. Du? Prinzessin Audrey? Eine gute Erinnerung daran, warum er inzwischen ein Ex-Freund ist.
Im zweiten Stock müssen wir an einem ziemlich großen Haufen Bauschutt vorbei. Mrs Abbott schnalzt wegen eines klaffenden Lochs in der Decke missbilligend mit der Zunge.
Dann bemerkt sie meine fragende Miene. »Wir haben während des Sommers einige Bauarbeiten erledigen lassen, von denen man mir versprochen hat, dass sie morgen abgeschlossen sein werden.« Den letzten Teil des Satzes sagt sie besonders laut. Ich meine, als Reaktion ein Grunzen von oben, irgendwo über der löchrigen Decke, zu hören. Ob Mrs Abbott denkt, dass ich das meinem Dad petzen werde? Als ob.
Ich achte darauf, dass meine Handtasche keinen Staub abbekommt, während ich Mrs Abbott den Flur hinunter folge. »Hast du deinen Schulausweis zur Hand?«, fragt sie mich, als wir vor einer Doppeltür stehen bleiben.
»Oh, äh …« Ich wühle in meiner Handtasche, weil ich weiß, dass ich den dämlichen Ausweis irgendwo da drinhaben muss. Er ist nur so groß wie eine Kreditkarte und anscheinend mein Schlüssel für alle Bereiche auf dem Schulgelände – mein Zimmer eingeschlossen.
Mrs Abbott wartet einige Sekunden und gibt dann, während ich zunehmend hektisch weitersuche, ein winziges ungehaltenes Schnauben von sich. Schließlich holt sie ihren eigenen Ausweis hervor und zieht ihn über den Türöffner. »Sie müssen Ihre Karte sicher aufbewahren – ohne sie werden Sie Probleme haben, sich im Haus zu bewegen.«
»Hier ist sie!«, sage ich, als ich sie endlich zwischen einer Puderdose und meinem AirPods-Case hervorziehe. Dann stecke ich die Karte demonstrativ in das Reißverschlussfach vorne auf meiner Handtasche. Wir gehen an etwas vorbei, das aussieht wie Postfächer, aber mit kleinem Fenster davor. Ich entdecke meinen Namen unter einem der Fächer.
»Da wären wir.« Wir stehen vor dem Zimmer mit der Nummer 7. »Dein Zuhause für den Rest des Jahres. Leider muss ich jetzt rasch weiter – du hast ja gesehen, dass noch eine Menge ansteht, was erledigt sein muss, bevor morgen das Chaos ausbricht. Ich bin mir sicher, dass Ivy bald hier sein wird. In der Zwischenzeit, pack schon einmal aus und richte dich häuslich ein. Und, Audrey – willkommen in Illumen Hall.«
»Danke«, sage ich nur. Dabei kommen mir eine Milliarde Fragen in den Sinn, aber Mrs Abbott bleibt nicht lange genug, um sie sich anzuhören. Also hole ich tief Luft, wappne mich und öffne die Zimmertür.
Das Erste, was mir auffällt, ist ein hohes Erkerfenster, direkt gegenüber der Tür und umrahmt von üppigem weißen Voilestoff und darüber schweren braunen Samtvorhängen. Davor steht eine kleine, mit dunkelgrünem Damast bezogene Bank. Das sieht aus wie ein ideales Leseplätzchen. Sogar ich könnte da in Versuchung geraten, es mir hin und wieder mit einem Buch gemütlich zu machen. Trotz des Unwetters draußen ist schon zu sehen, dass dieses Fenster bei schönem Wetter viel Licht ins Zimmer lassen wird. Die Wände sind mit Holz in einem warmen Rotton vertäfelt. Zu beiden Seiten des Zimmers finden sich je ein Bett sowie dazu passend ein Kleiderschrank, ein Schreibtisch und eine Kommode. Es wirkt, als würde ein Spiegel in der Mitte des Raums stehen.
Im Dielenboden gibt es ein paar lose Bretter, die knarzen, als ich auf sie trete, aber das ist nichts, was ein guter Teppich nicht dämpfen könnte. Ein paar Bilder zur Auflockerung, ein bisschen Deko hier und da … dann wird es gar nicht so schlecht aussehen. Lächelnd hole ich mein Handy hervor, um ein Foto an Lydia zu schicken. Sie ist meine beste Freundin zu Hause und fasziniert von Interior Design. Bestimmt wird sie reichlich Ideen haben, wie man das hier etwas aufhübschen kann.
Meine Kartons und Koffer stehen noch draußen im Flur, aber ich habe es nicht eilig, sie reinzuholen. Trotzdem packe ich schon mal meine Schuluniform aus, die sich sauber und gebügelt in der Schutzhülle von der Reinigung befindet. Ich öffne den Reißverschluss und betrachte sie. Mein neues Outfit für den Rest des Jahres. Der Blazer ist aus dunkelblauem Wollstoff mit Goldknöpfen in der Form von Sternen. Der Faltenrock ist aus dem gleichen Material, aber mit Goldstickereien verziert. Gar nicht so übel.
Als hinter mir eine Stimme ertönt, zucke ich zusammen. »Fühl dich bloß nicht zu wohl. Auf dem Zimmer hier liegt ein Fluch.«
2
IVY
»Auf dem Zimmer hier liegt ein Fluch«, sage ich und schiebe mich an dem hochgewachsenen, hellhäutigen, blonden und etwas zerbrechlich wirkenden neuen Mädchen in der Tür vorbei.
Sei nett. Mums Worte klingen mir in den Ohren. Lolas schrecklicher Unfall zu Beginn des Sommers überschattet dieses Schuljahr schon genug. Aber jetzt das Mädchen kennenzulernen, für das ich meine Privatsphäre aufgegeben habe, macht es nicht leicht, nett zu sein.
Vor allem, wenn alles an ihr geradezu schreit, dass wir uns nicht verstehen werden. Denn in einer Hand hält sie ein überdimensional großes Smartphone in einem pinkfarbenen, gepolsterten Etui, und an ihrer Schulter baumelt eine protzige Designerhandtasche. Obwohl es draußen eiskalt ist, trägt sie Flipflops. Ich urteile nicht gern gleich über einen Menschen, ohne mit ihm gesprochen zu haben, aber sie macht es mir schlicht zu einfach.
Als sie meine Stimme hört, wirbelt sie herum, ihre großen blauen Augen sind angstgeweitet. »Oh mein Gott, hast du mich erschreckt. Hi, ich bin Audrey!«
Oh, es kommt also noch schlimmer. Sie ist Amerikanerin.
Sie hängt die Sachen aus der Reinigung an die Rückseite der Tür, dann streckt sie mir grinsend die Arme entgegen und entblößt ihre perfekten weißen Zähne. »Ich freu mich so, dich kennenzulernen!«, sagt sie.
Ich weiche ihrer Umarmung aus. »Oh wow … nicht so hastig«, murmele ich. Ihren gequälten Gesichtsausdruck ignorierend gehe ich an ihr vorbei und lege meine abgewetzte Lederreisetasche auf eines der Betten, um es für mich zu beanspruchen. Es ist das bessere Bett – das mit der Aussicht aus dem Erkerfenster und der nagelneuen Matratze, was man nur weiß, wenn man hier alles in- und auswendig kennt, so wie ich. »Ich nehme diese Seite«, erkläre ich – und bestätige das Offensichtliche, aber wahrscheinlich braucht sie das.
Achselzuckend stellt sie ihre Tasche auf dem Bett gegenüber ab. Dann setzt sie sich und der Lattenrost ächzt. Ich frage mich, aus welchem staubigen Kellerraum man das Bett wohl rausgezerrt hat, sodass aus diesem geräumigen Einzelzimmer ein beengtes Doppelzimmer wurde.
»Du bist also meine neue Mitbewohnerin«, stellt sie fest.
»Deine Fähigkeit zu logischen Schlussfolgerungen sind erstaunlich«, antworte ich mit betont vornehmer Stimme. »Ich bin Ivy.«
Stirnrunzelnd zupft sie an einem babyrosa lackierten Fingernagel herum. Ich drehe ihr den Rücken zu, tue so, als interessierte ich mich für den Inhalt meiner Tasche, spüre aber, wie es mir schon leidtut. Es ist nicht ihre Schuld, dass ich so fürchterlich schlechte Laune habe. Na ja, okay, irgendwie doch. Aber das kann sie nicht wissen.
Schon seit meiner ersten Nacht in Illumen Hall habe ich von diesem Jahr geträumt – während ich im Bett liegend an die Decke starrte und hörte, wie sich andere Mädchen hin und her wälzten und Geräusche im Schlaf machten. Davon geträumt, endlich, endlich mein eigenes Zimmer zu haben. Ich habe geschuftet, habe in jeder Hinsicht an meinem allerbesten Benehmen gearbeitet, um die eine Schülerin im Helios House zu sein, die in der Elften das Privileg besitzt, ein eigenes Zimmer zu bewohnen. Als ich am Ende des letzten Schuljahres die Zusage dafür erhielt, war das besser als jeder gewonnene Preis.
Denn Illumen Hall ist mein Zuhause. Viel mehr als die winzige Sozialwohnung meiner Mum. Und endlich war es so weit, dass ich mir mein Zuhause nicht mehr mit jemand teilen musste. Ich würde mein eigenes Zimmer bekommen – Lolas altes Zimmer. Ich hatte sie immer darum beneidet und hoffte, es würde mir helfen, mich ihr nahe zu fühlen, jetzt, da sie nicht mehr da war.
Solange, bis mich Mrs Abbott bat, das Zimmer mit Audrey Wagner zu teilen. Der Amerikanerin.
Es handelte sich nicht wirklich um eine Bitte – eher eine Forderung, und wenn Mrs Abbott etwas fordert, widerspricht man nicht.
»Wie lange bist du schon hier auf der Schule?«, fragt Audrey.
Ich atme hörbar durch die Nase aus, während ich weiter meine Tasche leere. Als ich nicht antworte, redet sie einfach weiter. Grrr, kapiert das Mädchen denn gar nichts?
»Keine Ahnung, wie ihr alle in solch einem Gebäude leben könnt. Ich fühle mich wie in einem verdammten Museum.« Ihr Akzent geht mir jetzt schon auf die Nerven, dennoch bin ich so neugierig, dass ich mich umdrehe, um ihr ins Gesicht zu sehen.
Sie lächelt sehr breit, sodass ich jeden Zahn in ihrem Mund erkennen kann. Ihre Zähne stehen extrem symmetrisch und sind beinah schimmernd weiß – ich bin ein wenig neidisch. Das Blau ihrer Augen erinnert mich an eine Porzellanpuppe, und obwohl ihr Haar offen und vom Regen nass ist, sieht es perfekt zerzaust und beachig aus, einfach lässig und ganz boho.
Sie wirkt so unschuldig und aufrichtig. Meint man das, wenn von Südstaaten-Charme die Rede ist? Ich ändere meine innere Haltung. Ich muss mich mit diesem Mädchen nicht anfreunden, aber die Geschichte von Illumen Hall gehört zu meinen Lieblingsthemen, also kann ich nicht widerstehen. »Dieser Teil des Gebäudes ist eigentlich ziemlich neu – viktorianisch, würde ich sagen.«
Ihr fällt die Kinnlade herunter. »Ist das nicht mindestens hundert Jahre her?«
Ich rolle mit den Augen. »Du willst etwas Altes? Wir haben hier auch einen Bau aus dem Jahr 1487.«
»Wow, in Savannah, das ist die Stadt, aus der ich komme, haben wir ein paar Häuser aus dem 18. Jahrhundert, und das gilt als … echt verdammt alt.«
Ich unterdrücke ein Lächeln. Vielleicht ist sie doch nicht so süß und unschuldig.
Wie auch immer. Ich bin hergekommen, um mein Bett zu beanspruchen, und das ist erledigt. In diesem Schuljahr erwartet mich viel Arbeit und etliches andere, auf das ich mich konzentrieren muss, dazu meine Freunde Harriet, Tom, Max und Teddy, ich brauche nicht noch eine Freundin. Indem sie hier aufgetaucht ist, hat sie mir sowieso schon mein Schuljahr ruiniert, und ich will sie nicht mögen. Mir reicht es, wenn wir uns einfach das Zimmer teilen und höflich miteinander umgehen. Ich gehe zur Tür, aber schon ist Audrey aufgesprungen.
»Hey, also, kannst du mir vielleicht alles zeigen? Du scheinst dich hier ja gut auszukennen. Und ich verspreche dir, eine großartige Mitbewohnerin zu sein. Ich kann mit einer Kerze und einer Gabel mörderisch gute S’Mores machen …«
Ich runzele die Stirn. »Was ist ein S’More?«, frage ich, obwohl ich es genau weiß.
»Oh, kennt ihr die hier nicht? Die sind köstlich. Geschmolzene Marshmallows und Schokolade zwischen zwei Graham-Crackern …«
»Zwei Gramm Cracker?« Sie macht es einem leicht.
Sie verhaspelt sich. »Na ja, ähm, so eine Art Cookie-Ding?«
Mit hochgezogener Augenbraue warte ich auf weitere Erklärungen.
Sie lässt die Schultern sinken. »Gibt’s die hier auch nicht?«
Ich schüttele den Kopf. »Aber das klingt genau nach dem, was du hier können musst – du passt ausgezeichnet hierher«, antworte ich, und meine Stimme trieft vor Sarkasmus.
»Du bist witzig«, sagt sie und kneift belustigt die Augenwinkel zusammen. Unser Verständnis von Humor ist eindeutig sehr unterschiedlich. Das Ganze beginnt, selbst mir unangenehm zu werden.
Dieses Mädchen hat wirklich keinen Schimmer, worauf sie sich hier einlässt. Ich ahne, warum Mrs Abbott mich gebeten hat, mein Zimmer mit ihr zu teilen. Sie dachte anscheinend, ich würde sie unter meine Fittiche nehmen und dafür sorgen, dass sie für die steile Fahrt in die Oberstufe angeschnallt ist. Letztes Jahr hätte ich das vielleicht sogar gemacht. Doch das war vor dem schrecklichen Ereignis am Strand vor ein paar Monaten. Vor Lola. Bevor mir meine Privatsphäre wichtiger wurde als jemals zuvor.
Sei nett. Wieder höre ich Mums Worte. Ich beiße die Zähne zusammen. »Ich bin mir sicher, S’Mores sind toll«, sage ich übertrieben seufzend. »All das Gerede vom Essen hat mich hungrig gemacht. Soll ich dir zeigen, wo der Speisesaal ist? Die Versammlung zur Begrüßung aller Schülerinnen und Schüler ist erst in ein paar Stunden, also hast du genug Zeit, vorher noch etwas zu essen.«
»Sicher?« Zögernd nimmt sie ihre Handtasche vom Bett. Vielleicht habe ich sie mit diesem S’Mores-Scherz verschreckt. Sie hält in ihrer Bewegung inne und sieht sich im Zimmer um.
»Kommst du oder was?«
Sie knabbert an der Unterlippe. Auf einmal wirkt sie ängstlich und mir läuft ein Schauer über den Rücken. Wovor fürchtet sie sich bloß?
»Als du eben gekommen bist, hast du etwas erwähnt. Dass auf diesem Zimmer ein Fluch liegt? Was hast du damit gemeint?« Jetzt starrt sie mich richtig an.
Ich atme tief ein und gebe mir Mühe, äußerlich ruhig zu wirken. Ich will nicht, dass sie sich hier wohlfühlt. Ich will, dass sie verschwindet. »Oh, das … hat dir Mrs Abbott nichts davon erzählt? Das Mädchen, das zuletzt in diesem Zimmer gewohnt hat, ist ertrunken.«
3
AUDREY
Na, das ist allerdings makaber. Ich erschauere. Ein paar lange Augenblicke starren wir uns einfach nur an. Sie trägt schon ihre Schuluniform und ein glänzendes Abzeichen mit einem eingravierten P am Kragenaufschlag der Jacke. Mit ihrer Sommerbräune, dem sorgsam frisierten dunklen Bob und der schlanken Figur sieht sie auf den ersten Blick harmlos aus, aber ihre Worte haben es in sich.
Und ich muss definitiv nicht noch mehr über eine Ertrunkene hören.
»Weißt du was? Ich glaube, ich finde mich schon selbst zurecht. Ich meine, das ist schließlich eine Schule und kein Escape-Room. Dann bis später.«
Ich glaube, damit hat Ivy nicht gerechnet. Sie nimmt die Schultern zurück. Noch nie habe ich jemand so reglos gesehen. Aber dann zuckt sie rasch mit den Achseln. »Wie du willst.«
Ich hätte eigentlich erwartet, dass sie mir zumindest noch sagt, in welcher Richtung sich der Speisesaal befindet. Aber sie rauscht ohne ein weiteres Wort davon. Ich hole tief Luft. Ohne es zu merken, habe ich an meinem Nagellack gezupft. Wenn ich so weitermache, geht er ab und mit ihm die obere Schicht meines Nagels. Also zwinge ich mich, die Finger davon zu lassen, und balle die Hände zu Fäusten. Dieses Chick – und diese Schule – werden mir nicht meine Nägel ruinieren.
Es kann doch nicht so schwer sein, sich hier zurechtzufinden.
An der Zimmertür gibt es außer dem Ding für die Schlüsselkarte, wie man es in Hotels hat, noch ein altmodisches Schloss. Dafür habe ich allerdings keinen Schlüssel. Also schiebe ich meinen Laptop unter die Bettdecke und ziehe die schwere Tür hinter mir zu. Ich beschließe, nicht in die Richtung zu gehen, aus der ich mit Mrs Abbott gekommen bin, sondern in die entgegengesetzte.
Mein Gott, ich hoffe wirklich, dass nicht alle hier so unwirsch sind wie meine Mitbewohnerin. Eigentlich bin ich es gewohnt, beliebt zu sein – ich will, dass andere mich mögen. Und ich merke schon, dass ich zu überlegen beginne, wie ich mir Ivys Freundschaft verdienen könnte. Ihre Tasche war ziemlich alt und schäbig. Zu Hause habe ich mindestens drei in der Art, da könnte ich ihr locker eine mitbringen …
Nein, das hätte die alte Audrey gemacht. Die Audrey, die sich wie ein Meisteryogi der Freundschaft für andere rückwärts überschlug. Und was hat mir das gebracht? Dass ich mich dermaßen verbog, dass ich die Knoten einfach nicht mehr aufkriegte. Das passiert mir nicht noch mal.
Als der Flur in ein anderes weitläufiges Atrium mündet, von dem Treppen in verschiedene Richtungen abzweigen, öffne ich Snapchat, um Lydia ein Selfie zu schicken. Dafür posiere ich an ein poliertes Geländer gelehnt und versuche, so viel wie möglich von der Pracht des Raumes einzufangen (und dabei selbst auch noch süß auszusehen). Dem Foto füge ich mehrere Emojis mit Herzchenaugen hinzu, dann tippe ich auf Senden. Es fühlt sich an, als läge eine schwere Last auf meiner Brust, weil ich sie so vermisse.
Genau genommen vermisse ich die Audrey und die Lydia von vor sechs Monaten. Bevor sich alles änderte. Ich schüttele den Kopf. Das hier ist mein Neuanfang.
Stimmen, die von unten die Treppe heraufschallen, bedeuten wohl, dass andere Schülerinnen und Schüler eintreffen. Bei der Vorstellung, neue Leute kennenzulernen, dreht sich mir der Magen um. Das muss besser funktionieren als mit Ivy. Sonst werden es zwei sehr lange letzte Jahre an der Highschool – oder in der Sixth Form, wie man das hier verwirrenderweise nennt. Ich kontrolliere mein Aussehen mit dem Handy. Das Augen-Make-up, das ich heute Morgen so sorgfältig aufgetragen habe, ist an einem Augenwinkel verwischt. Ich tupfe mit dem Ringfinger darauf herum.
»Lass das nicht die Housemistress sehen, sonst könntest du ’ne Menge Ärger kriegen.«
Die tiefe Stimme lässt mich zusammenzucken und das Handy rutscht mir aus der Hand. Ich quietsche und bin mir schon der Unvermeidlichkeit dessen bewusst, was gleich passieren wird. Ausgeschlossen, dass ich schnell genug reagieren könnte, um es zu verhindern. Das Handy schlägt auf den glänzenden Stufen auf. Einmal, zweimal …
Schließlich bleibt es zu Füßen des Jungen liegen, der mich erschreckt hat. Ich stolpere ihm die Stufen hinterher, wobei meine Flipflops laut klatschen. Da sinkt er schon auf ein Knie, nimmt das Handy und streckt es mir theatralisch hin. »Mylady«, sagt er, »Euer iPhone.«
Ich komme nicht mal dazu einzuschätzen, ob er hot ist (normalerweise machte ich das als Erstes), so schnell schnappe ich mir das Handy von seiner ausgestreckten Handfläche, ignoriere sein ironisches Grinsen und drehe das Telefon um.
Stöhnend lasse ich mich auf die Treppenstufe sinken. Ein Spinnennetz aus Rissen breitet sich von der linken oberen Ecke des Displays aus und eine gezackte Linie reicht bis ans untere Ende. Obwohl ich weiß, wie blöd das ist, weil es sich doch nur um ein Handy handelt – das mit einer kurzen E-Mail an meinen Dad schnell ersetzt ist –, muss ich mir auf die Unterlippe beißen, um nicht in Tränen auszubrechen.
Der Typ setzt sich neben mich. »Hab gehört, das bedeutet sieben Monate Pech.«
Ich verdrehe die Augen. »Das gilt für Spiegel, nicht für Handydisplays. Und meinst du nicht vielleicht sieben Jahre?«
»Sieben Jahre sind es bei einem richtigen Spiegel. Das hier ist eine digitale Version. Da geht’s schneller.« Er hält einen Moment inne – vielleicht erwartet er, dass ich lache oder so. Aber ich bin noch immer geschockt. »Weißt du, ich könnte das für dich in Ordnung bringen«, sagt er.
Jetzt hat er meine Aufmerksamkeit. Ich blinzele und mustere ihn das erste Mal genauer. Er ist hot. Mit einer dichten Mähne brauner Haare, warmen Augen, die an dunklen Honig erinnern, markanten Wangenknochen und kantigem Kinn. Seinen Schulblazer trägt er zu Hemd und Jeans. Damit ist er schon mal besser angezogen als jeder der Jungs, mit denen ich in Georgia normalerweise abhing. Keiner von denen hatte je was anderes als Boardshorts und ausgeleierte T-Shirts an. Seine Wimpern sind so lang, dass die Spitzen seinen Brauenbogen berühren. Ich lächele. »Das kannst du?«
»Tja, new girl, mit dem hier ginge es leichter.« Er greift in die Innentasche seiner Jacke und holt ein altes iPhone in einer billigen Pokémon-Hülle heraus. »Nimm das hier. Wir können die Hülle austauschen«, fügt er noch hinzu.
Ich ziehe eine Augenbraue hoch. »Was bist du denn? So eine Art Schwarzmarkt-Handy-Dealer?«
Er lacht, und das schallt so laut von den Wänden der großen Halle wider, dass ich zusammenzucke. Diese Schule kommt mir fast wie eine Kirche vor, deshalb wirkt es, als würde sein Gelächter sie quasi entweihen. Aber er scheint es nicht mal zu bemerken. Vielleicht kann man, sobald man sich an diesen Ort gewöhnt hat, total ungeniert laut sein. »Nicht wirklich. Komm, wir sind das ganz falsch angegangen. Ich bin Theodore.«
Ich lächele ihn an. »Audrey.«
»Ah«, sagt er nur.
»Was bedeutet ›Ah‹?«
Er wird rot. Das Pink seiner Wangen breitet sich bis zum Haaransatz aus. Süß. »Du bist Ivys neue Mitbewohnerin.«
»Oh, dann kennst du Ivy?«
»Jeder kennt Ivy«, erwidert er. Seine Mundwinkel bewegen sich ein Stückchen nach oben. »Also sagen wir fünfzig Pfund für das Handy?« Er wedelt mit seinem Pikachu-Ding vor meiner Nase.
Ich stehe auf, weil ich mich plötzlich unbehaglich fühle. Sicher werde ich diesem Typen nicht irgendein altes Schrotthandy abkaufen. Wie einen Schutzschild umklammere ich mein kaputtes Telefon. »Nein, danke. Ich behalte meins.«
»Oh nein … du verstehst nicht. Jeder braucht ein –«
»Ich komme schon klar.« Ich laufe ein paar Stufen hinunter.
»Tja, also falls du deine Meinung änderst, ich hänge meistens im SCR ab.«
Ich nicke, obwohl ich keine Ahnung habe, was oder wo SCR ist. Ich will hier erst mal nur weg. Bisher habe ich in Illumen Hall drei Leute kennengelernt – und alle kamen mir seltsam vor. Damit habe ich nicht gerechnet.
Ich laufe die Treppe runter und befinde mich plötzlich mitten in einer Flut aus Schülerinnen und Schülern, die durch schwere Doppeltüren hereinströmen.
Als ich noch einen letzten schnellen Blick die Stufen hinaufwerfe, ist Theodore bereits verschwunden. Besser so, denke ich. Schließlich ist meine Trennung von Brendan noch frisch. Tatsächlich ist da sogar eine Sprachnachricht von ihm, die ich mir noch nicht angehört habe …
Kopfschüttelnd verscheuche ich die Gedanken an den heißen englischen Typen, den ich gerade kennengelernt habe, und die an den noch heißeren, den ich in den Staaten zurückgelassen habe. Das hier soll doch mein Neubeginn sein.
Kein Drama mit Jungs.
Keine bitchigen Freundinnen.
Und definitiv keine Ertrunkenen mehr.
4
IVY
»Von links einreihen, bitte, und auch die Plätze ganz vorne besetzen …« Ich deute zu den Holzstühlen vor der Bühne, während die Schülerinnen und Schüler hintereinander in die Aula drängen, flüsternd und plappernd. Die Neuen am Internat sorgen für ein leises aufgeregtes Surren in der Luft, gemischt mit der Nervosität des ersten Schultags. Alle anderen sind ungewöhnlich gedämpfter Stimmung, vor allem als sie sehen, was auf der Bühne steht. Das reicht, um selbst die gesprächigsten Leute zum Schweigen zu bringen.
Ich versuche, nicht zur Bühne zu schauen und mich auf die anstehende Aufgabe zu konzentrieren.
Als Prefect, also Aufsichtsschülerin, genießt man zwar eine Menge Vergünstigungen, allerdings sind die mit langweiligen Pflichten verbunden, die einem die Tränen in die Augen treiben, wie eben die Rolle der Ordnerin bei der wöchentlichen Schulversammlung. Ja, sicher … Menschen in guter körperlicher Verfassung sollten in der Lage sein, geordnet Platz zu nehmen. Aber wie sich jedes Mal herausstellt, ist es damit nicht weit her. Würden wir jedem die Platzwahl überlassen, liefe die ganze Veranstaltung auf ein Chaos hinaus. Es ist anstrengend, die Neulinge wie verlorene Schafe herumirren zu sehen und sie wie ein Schäferhund hüten zu müssen, das zehrt an diesem düsteren Morgen wirklich an meiner Begeisterungsfähigkeit.
Als ich mitbekomme, wie sich einer der Neuen entschließt, über einen Stuhl zu springen, als würde er Hürdenlauf üben, schenkt mir Mrs Abbott einen ihrer Blicke, und ihre stechend grauen Augen werden zu schmalen Schlitzen, während sie beobachtet, wie ich die Situation wieder in den Griff bekomme. Ich werfe ihr ein knappes Lächeln zu und sorge für mein schönstes und charmantestes, Zähne zeigendes Grinsen, das von Mrs Abbot mit Augenrollen quittiert wird. Sie und ich, wir haben eine sehr komplexe Beziehung. Ich glaube nicht, dass sie meine Herkunft gutheißt – trotzdem kann sie nicht leugnen, dass ich meinen Platz hier verdient habe. Wir reiben uns aneinander wie zankende Verwandte, aber ich schaffe es letztlich doch immer irgendwie, sie für mich zu gewinnen.
Die Year Sevens, die Siebtklässler, die ganz neu hier sind, geben ein ziemlich lustiges Bild ab. Sie bestaunen die Größe des Saals, die mittlerweile zum Teil verblichenen, mit goldenen Buchstaben eingravierten Namen der Headgirls und -boys, also der Schulsprecherinnen und Schulsprecher, und der Aufsichtsschülerinnen und -schüler, die auf Mahagonitafeln an der Wand verzeichnet sind und bis in die Mitte des 18. Jahrhunderts zurückreichen. Mein Name steht dieses Jahr in funkelndem frischem Blattgold unter »Prefect«. Doch ein Name fehlt dieses Jahr unter der Rubrik »Headgirl« unübersehbar. Stattdessen steht da Araminta Pierce.
Lolas vollständiger Name ist hingegen unter einem großen Foto zu lesen, das auf eine Leinwand hinten auf der Bühne projiziert wird. Selbst in Schwarz-Weiß sieht man ihre Haut schimmern und ihre Augen funkeln. Lola hätte dieses Bild gehasst. Sie war die Perfektion in Person, bis hin zu der verirrten perfekten blonden Locke, die sich oberhalb ihres Ohrs kringelt. Aber gegen Ende des letzten Schuljahrs hatte sie sich einen Undercut in ihre langen blonden Wellen rasiert, und ihre Augen waren mit Kajal umrandet, so schwarz, dass ihre hellblauen Pupillen durchscheinend wirkten. Und dann war da ja noch das Elster-Tattoo.
Alle – sogar ihre besten Freunde – waren davon schockiert.
Unter dem Foto auf der Bühne steht:
DOLORESRADCLIFFE
2003 – 2020
FÜR IMMER IN UNSERENHERZEN
Ich ringe nach Luft. Das alles kommt mir immer noch unwirklich vor. In all meinen Jahren an dieser Schule sind wir noch nie von irgendeiner Tragödie heimgesucht worden – nicht in dieser Größenordnung.
Außerdem befindet sich auf der Bühne eine Staffelei, über die roter Samt drapiert ist. Ich erwarte beinahe, dass Lola darunter hervorkommt und lacht, als wäre alles nur ein gigantischer Streich gewesen.
Wäre sie noch hier, wäre alles ganz anders. Diese Versammlung wäre fröhlich, nicht betrübt. Ich wäre an ihrer Seite und hätte für sie Besorgungen erledigt, während sie ihre Pflichten als Schulsprecherin erfüllte. Es hat mir nie etwas ausgemacht, ihr morgens den Kaffee zu holen oder ihr bei Kursarbeiten zu helfen, weil ich auf diese Weise Zeit mit ihr verbringen konnte – und Lolas Gegenwart erhöhte sofort auch die eigene Bedeutung. Sie war dermaßen verführerisch, so mühelos schön, dass im Grunde jeder auf sie stand. Aber es war nicht nur ihr Äußeres, das sie so magnetisch anziehend machte. Sie war warmherzig und charmant, und jedes Wort, das ihr über die Lippen kam, hinterließ Wirkung. Ihr Lachen war dermaßen ansteckend, dass einem schnell der Kiefer schmerzte. Sich in ihrer Umlaufbahn zu bewegen, war eine Freude, so pur wie ein Strandbesuch, den Wellen zu lauschen, den Sand zwischen den Zehen zu spüren und dazu ein Glas eiskalten Cider in der Hand zu halten.
Ohne sie fühlt sich alles so leer an.
Ich drehe mich um, blinzele und dirigiere die letzten der älteren Schüler auf ihre Plätze. Seit Lolas Tod sind Wochen – ein ganzer Sommer –, viele Sonnenuntergänge, Verkupplungen, Trennungen und tropische Schauer in Kent vergangen. Die Uhr tickt weiter.
Beim Anblick der Mitschüler, denen es offenbar gut geht, empfinde ich einen Anflug von Neid. Lächelnd begrüßen sie sich, als wäre das heute ein normaler erster Schultag nach den Ferien, als ob sie Lolas Tod nicht so erschüttert hätte wie mich. Ich hatte mir geschworen zu versuchen, das Schuljahr zu beginnen, ohne mich allzu sehr davon beeinflussen zu lassen. Aber so wie ich mich jetzt fühle, da ich Lolas Gesicht noch einmal sehe, ist klar, das wird nicht möglich sein.
Ich nehme meinen Platz am Ende einer Stuhlreihe ein, neben Teddy. Er ist der zweite Aufsichtsschüler für Helios House – und mein Boyfriend. Könnte man so sagen. Er drückt meine Hand, und ich streiche über seine Finger, aber ich schaue ihm nicht in die Augen. Das könnte mich aus der Fassung bringen und ich will jetzt nicht in Tränen ausbrechen.
Dann sind auf dem Holzboden der Bühne Schritte zu hören und ich schließe für einen Moment die Augen.
Mrs Abbott begibt sich in die Mitte der Bühne und schiebt das Mikrofon zurecht. Ich sehe, dass Araminta und der neue Schulsprecher Xander Tamura wie Leibwächter neben ihr Stellung beziehen. Am Rand der Bühne spielt ein Mitschüler Stuff We Did auf dem Klavier. Das Lied stammt aus dem Disney-Film Oben, einem von Lolas Lieblingsfilmen, und ist ein wirklich schöner Song, aber schwer zu spielen. Ich spiele Klavier, seit ich alt genug war, um an einem zu sitzen, und jetzt unterrichte ich an den Wochenenden andere Internatsschüler.
Teddy flüstert: »Haben du und Clover dieses Lied nicht schon mal zusammen gespielt? Der Typ ist nicht so gut wie ihr beide.«
»Ja, haben wir.« Bei der Erwähnung von Clover lächele ich unweigerlich. Sie ist zwei Jahre unter mir – mein Küken –, und ich habe meine Aufgabe, sie zu betreuen, bisher sehr ernst genommen. Sie wird jetzt gerade irgendwo hinter der Bühne sein, die Scheinwerfer einstellen und an Kabeln ziehen, wahrscheinlich trägt sie unter ihrem Schulblazer ein T-Shirt mit reichlich ordinärem Aufdruck. Keine Ahnung, wie sie damit durchkommt, aber ich bewundere ihre mutige Art. Jeder kennt Clover. Wenn es darum geht, gegen die Wasserverschwendung an der Schule zu protestieren oder weil die Schulkantine nicht ausreichend vegetarische Gerichte anbietet, kann man sicher sein, dass Clover etwas dagegen unternimmt, mit einem deutlich formulierten Protestschild in der Hand und manchmal mit dem Megafon von Mrs Abbot – in den seltenen Fällen, in denen das Ding nicht in ihrem Büro eingeschlossen ist.
Clover und ich sind sehr unterschiedlich – sie meditiert gern, singt im Chor und rasiert sich tagelang weder Achselhöhlen noch Beine, nur um zu beweisen, dass Frauen gesellschaftlichen Erwartungen nicht entsprechen sollten. Sie ist ein bisschen wie Marmite – entweder liebt man sie, oder man hasst sie, aber beides ist ihr scheißegal. Ich bewundere, welche Leidenschaft sie in alles steckt, was sie tut. Was das betrifft, sind wir Seelenverwandte und infolgedessen Freundinnen.
Mrs Abbotts Stimme holt mich zurück in die Gegenwart. »Willkommen, Schülerinnen und Schüler von Illumen Hall. Es ist angebracht, unser neues Schuljahr damit zu beginnen, dass wir uns einen Moment Zeit nehmen, um einen großen Verlust in unserer kleinen Gemeinschaft zu beklagen: Dolores Radcliffe, oder wie viele von euch sie kannten: Lola.« Mrs Abbott bewegt sich unruhig auf der Stelle. Ihre Stimme wankt. »Ich möchte diese Gelegenheit auch nutzen, um jenen von euch zu danken, die der Polizei mit Aussagen und Augenzeugenberichten geholfen haben. Ich kann mir vorstellen, dass es für viele von euch kein leichter Sommer war.«
Auf der anderen Seite der Aula schniefen erste Grüppchen und Taschentücher werden herumgereicht. Rechts von mir sind Lolas enge Freundinnen Jane und Heloise, sie halten heftige Schluchzer zurück, indem sie geräuschvoll schlucken und sich die Nase putzen. Lola wurde wirklich von allen geliebt. Sie besaß die Fähigkeit, den Leuten das Gefühl zu vermitteln, dass alle zur Schule gehörten – obwohl fast bis zur Gründung des Internats zurückzuverfolgen war, dass die Vorfahren ihrer Familie in Illumen waren, ließ sie das niemanden spüren.
Lola hat in mir etwas gesehen. Unsere Beziehung ist schwer zu beschreiben – ich gehörte nicht zu ihren besten Freundinnen, aber ich schaute zu ihr auf, und sie war meine Mentorin. Ich hatte das Gefühl, sie zu kennen – vielleicht sogar besser als die, mit denen sie häufig abhing. Die offizielle Todesursache lautet nach Aussage der Polizei »Tod durch Unfall«, da Lola keinen Abschiedsbrief hinterlassen hat. Aber wir werden alle immer und immer wieder vor der Gefahr gewarnt, uns in der Nähe der Klippen aufzuhalten, vor allem nachts. Absichtlich dort entlangzugehen, nah am Rand … Der Begriff »Selbstmord« begleitete alle Spekulationen, und vermutlich weiß man nie, welche inneren Dämonen andere Menschen vor der Außenwelt verstecken.
Ich habe meine Hände so fest zu Fäusten geballt, dass von den Nägeln kleine halbmondförmige Kerben in den Handflächen zurückgeblieben sind. Dr. Kinfeld wäre nicht erfreut – vielleicht sollte ich doch einen weiteren Termin bei ihr vereinbaren, obwohl meine Therapie eigentlich beendet ist.
»Aber auch wenn wir trauern und versuchen zu lernen, wie wir mit unseren Gefühlen von Verlust und Traurigkeit leben können, sollten wir auch daran denken, dass Dolores Radcliffe nicht gewollt hätte, dass wir nur unter Tränen an sie denken, denn sie war eine Quelle des Lichts und der Schönheit in unserem Leben. Deshalb freue ich mich, dank der Unterstützung von Lolas Eltern, Mrs und Mr Radcliffe, ankündigen zu dürfen, dass wir Lola zu Ehren in diesem Jahr das Schwimmbad umbenennen werden.«
Der Saal bricht in tosenden Applaus aus, als Mrs Abbott auf Mrs und Mr Radcliffe deutet, die, wie ich jetzt erkennen kann, in der ersten Reihe sitzen. Mrs Radcliffe trägt immer noch schwarze Trauerkleidung mit einem roten Akzent in Form eines Schals um ihren Hals. Mr Radcliffe an ihrer Seite wirkt feierlich ernst. Neben ihnen sitzt Lolas gut aussehender älterer Bruder Patrick, den ich, seit er zur Uni ging, jahrelang nicht mehr gesehen habe. Er war Schulsprecher, als ich damals nach Illumen Hall kam, und wurde von allen geliebt. Die Radcliffes galten als das IH-Königshaus. Lolas und Patricks Eltern haben sich sogar hier kennengelernt.
Lola war die Einzige aus der Familie, die hier keinen Abschluss wird machen können.
»Wir haben ebenfalls ein wunderschönes Porträt von Dolores, und ich werde ihre Eltern bitten, es am Ende der heutigen Schulversammlung zu enthüllen. Es wird am Eingang von Helios House aufgehängt, wo Lola so viele glückliche Jahre verbracht hat. Sollte übrigens jemand das Bedürfnis haben, mit dem Vertrauenslehrer zu sprechen, dann vereinbart das bitte mithilfe eures Tutors oder kommt zu mir«, fährt Mrs Abbott fort. »Jedem, der sie benötigt, steht Unterstützung zur Verfügung, also bitte leidet nicht still vor euch hin.«
Daraufhin geht sie zum Standardteil ihrer Rede über, den wir jedes Jahr hören. Das ist tröstlicher. Denn das gehört zur Bubble unseres Lebens in Illumen Hall. Zum Sicherheitsnetz. Ich spüre, wie ich mich entspanne und meine Muskeln geradezu mit dem Stuhl verschmelzen. Mir war nicht bewusst, wie ungeheuer nervös mich das ganze Gerede über Lolas Tod gemacht hatte.
»Außerdem möchte ich unsere neuen Schülerinnen und Schüler willkommen heißen! Es tut mir leid, dass euer erster Tag so begonnen hat, aber Illumen Hall heißt euch mit offenen Armen willkommen, und wir freuen uns alle sehr, euch hier begrüßen zu dürfen …«
Gerade als Mrs Abbott dazu ansetzen möchte, warum Illumen Hall der beste Ort ist, um zu lernen und zu wachsen, ist plötzlich ein Knall zu hören – und dann geht das Licht aus, Stromausfall. Der Saal ist in Dunkelheit getaucht. Überall wird nervös die Luft eingezogen, und Rufe ertönen, und Mrs Abbott schreit gegen den Lärm an: »Bleibt alle ruhig!« Doch ohne das Mikrofon und die Lautsprecher könnte sie ebenso gut versuchen, eine Gnuherde kurz vor einer Stampede zu beruhigen. Die Energie im Saal steigert sich, eine Art Drang davonzurennen, sich zu bewegen, und Wind weht mir ins Gesicht, als ob jemand eine Tür geöffnet hätte, um zu fliehen.
Es dauert nur ein paar Atemzüge, bis es erneut knallt und die Lichter wieder angehen. »Sorry«, sagt eine Stimme hinten im Saal. Wie Erdmännchen drehen wir alle gleichzeitig den Kopf um und sehen einen grauhaarigen Handwerker in einer dunkelblauen Latzhose, der sich die Hände am Latz abwischt. »Sicherung durchgebrannt. Jetzt ist alles wieder in Ordnung.«
»Bitte alle beruhigen«, sagt Mrs Abbott, kaum in der Lage, ihre Verärgerung zu zügeln. In den Schuhen dieses Mannes möchte ich nicht stecken. »Bekanntlich lassen wir diverse Bauarbeiten an der Schule durchführen, die bald abgeschlossen sein sollten, aber in der Zwischenzeit kann es zu unerwarteten Störungen kommen.«
In dem Moment wird das Stimmengewirr in der Aula auf einmal wieder größer. Teddy stupst mich an. »Hast du mir das gegeben?«
Er hält ein Rechteck aus neonorangefarbenem Papier hoch, einen Flyer. Ich schüttele den Kopf. »Nein, natürlich nicht.«
»Oh, du hast ja auch einen«, sagt er.
Ich schaue auf meinen Schoß. Tatsächlich liegt dort jetzt ein Flyer in Neonpink, der vor wenigen Minuten noch nicht da war. Stirnrunzelnd nehme ich ihn und drehe ihn um.
ICH WEISS, WER LOLA GETÖTET HAT, UND EINE ODER EINER VON EUCH IST ALS NÄCHSTES DRAN
whokilledlola.com
5
AUDREY
Verdammt. Sie ist also der Grund, warum ein Fluch auf meinem Zimmer liegt.
Als ich die Augen schließe, habe ich immer noch das Schwarz-Weiß-Foto dieses Mädchens vor mir, das auf uns herabschaut. Dolores Radcliffe. Sie muss der Schule echt viel bedeutet haben, weil überall in der Aula Schülerinnen und Schüler weinen.
Und dann auch noch die Sache mit dem Flyer. Hat mich zu Tode erschreckt. Aber diese Webseite werde ich mir auf gar keinen Fall ansehen. Schließlich bin ich hergekommen, um Dramen dieser Sorte hinter mir zu lassen.
»Bist du okay? Du wirkst ein bisschen blass.«
Ich schaue auf, während mein Herz immer noch rast. Ich bin einfach auf meinem Platz sitzen geblieben, obwohl die Aula inzwischen schon fast leer ist. Mir gegenüber stehen zwei Mädchen, beide in makellosen Schuluniformen. Ich erkenne diejenige, die sich näher bei mir befindet – sie war vorhin eine der Schülerinnen auf der Bühne, neben Mrs Abbott.
»Oh yeah, sorry«, antworte ich.
