The Mailman - Andrew Welsh-Huggins - E-Book

The Mailman E-Book

Andrew Welsh-Huggins

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Beschreibung

Mercury Carter ist der Mailman. Er stellt Pakete zu, und er nimmt seine Arbeit ernst. Sendungen, die er ausliefert, werden grundsätzlich nur persönlich übergeben. Von dieser Regel gibt es keine Ausnahme. Auch dann nicht, wenn Carter am Zielort überraschend auf eine mörderische Bande stößt, die eine Frau als Geisel hält. Ein atemberaubender, wendungsreicher Thriller von radikaler Konsequenz, der mit jeder Seite an Tempo gewinnt und bis zum letzten Satz elektrisiert.

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Seitenzahl: 463

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Alexander Majors (1814–1900), Seventy Years on the Frontier

Eins

Rachel Stanfield machte eine Pause, nicht sicher, ob sie ihren Mann richtig verstanden hatte. Wie immer wollte sie ihm aber nichts unterstellen. Dankbar für die Ablenkung durch ein Geräusch draußen, blickte sie aus dem Küchenfenster, sah jedoch nichts. Vielleicht wieder eine streunende Katze, damit schon die zweite in den letzten Tagen. Sie hoffte, dass das kein Thema wurde, worüber sie mit den Nachbarn sprechen mussten, die sie noch kaum kannten.

Wenigstens war es bereits Donnerstag, dachte sie mit einem Seufzen und betrachtete die Tasche mit grünem Superfood auf dem Tisch. Die Woche hatte sich endlos lang angefühlt, und jetzt das: Der Beginn eines Streits, wie es schien, wo sie doch nur entspannen, sich beim Abendessen über ihren Tag unterhalten und anschließend in The Crown versinken wollte.

Sie fasste sich innerlich, bemühte sich um einen neutralen Gesichtsausdruck und sah Glenn an. Sie wusste, dass er es hasste, wenn sie die Brauen zusammenzog, und so arbeitete sie dagegen an, um ihren guten Willen zu zeigen. Obwohl er doch praktisch eine Dauerfalte auf der Stirn trug, den lieben, langen Tag über, jeden Tag. Besonders in letzter Zeit, aus welchem Grund auch immer. »Nicht, um hier jetzt spitzfindig zu werden«, sagte Rachel, »aber hast du gerade gesagt, sie geht durch eine Phase?« Glenn saß auf einem hellen Eichenhocker an der Kücheninsel und musterte sie, bevor er erneut an seinem Dewar’s nippte, den er wie immer pur trank. Es war sein zweiter heute Abend, wenn man denn mitzählen wollte. Was Rachel tat, und zwar nur, weil auch sie verzweifelt nach einem Drink lechzte.

»Habe ich. Weil ich denke, dass es so ist.«

»Wirklich?«, fragte Rachel vorsichtig. »Du meinst, vier Vieren und eine Fünf sind eine ›Phase‹? Eine Vier hat sie übrigens in Spanisch, was schon leichte Ironie ist.«

»Ja, das gibt einem zu denken. Aber das ist Abby. Du weißt, wie sie ist. Wenn sie sich erst mal etwas in den Kopf gesetzt hat, ist sie nicht mehr zu stoppen.«

Rachel holte ein Sieb unter der Arbeitsplatte hervor und stellte es in die Spüle. Sie gab das Grünzeug hinein, ließ Wasser darüber laufen, zählte bis zehn, schüttelte die dicksten Tropfen ab und gab alles auf zwei Blatt Küchenpapier, damit auch der Rest des Wassers herausgesogen wurde.

»Ja, aber«, sagte sie.

»Aber was?«

»Nun, wenn du sagst, ›wenn sie sich erst mal etwas in den Kopf gesetzt hat‹, ich meine, eigentlich heißt das, dass jemand etwas erreichen will. So wie: ›Als sie sich erst mal in den Kopf gesetzt hatte, in die Mannschaft aufgenommen zu werden, war sie nicht mehr zu stoppen.‹« Sie zögerte und fuhr dann fort: »Als Entschuldigung dafür, die Noten zu versemmeln, sehe ich das nicht. Besonders angesichts …«

Glenns Stirnfalte wurde tiefer, und er nahm einen weiteren Schluck aus seinem Glas. »Los doch. Sag’s schon. Besonders angesichts dessen, was wir dafür ausgeben? Ich nehme an, darauf willst du hinaus?«

»Das ist mir tatsächlich in den Sinn gekommen, ja«, sagte Rachel und bedauerte es gleich. Bevor Glenn etwas antworten konnte, stellte sie sich auf die Zehenspitzen, um die hölzerne Salatschüssel aus dem Schrank zu holen. Sie tupfte das Grünzeug noch einmal ab, gab es in die Schüssel und nahm eine gelbe Paprika und eine wachsrote Tomate aus dem Kühlschrank. Sie halbierte die Paprika, kratzte die Kerne heraus, begann sie in Streifen zu schneiden, und sagte: »Nur, um das festzuhalten, ich gönne ihr das Geld für die Nachhilfe.«

»Wirklich?«

Sie stutzte. »Es besteht kein Grund, jetzt lauter zu werden.«

»Tu ich nicht.«

Sie holte Luft. »Doch, genau in diesem Moment, und ich schätze das nicht. Ich bin ganz auf deiner Seite, nur für den Fall, dass du das vergessen haben solltest.«

»Ich …« Er hielt inne, die Stimme noch immer erhoben. Rachel sah ihn gleichzeitig fragend und besorgt an. Eine Welle der Zuneigung erfasste sie, trotz ihres Ärgers über seinen Tonfall. Es beunruhigte sie, wie er ihren Blick erwiderte, mit einer Mischung aus Unruhe, Wut und etwas Unbestimmtem, sich ständig Veränderndem, einer nicht erklärbaren Verstörung, der mit nichts, was sie in letzter Zeit tat oder sagte, beizukommen war. Wie schwarze, die Sonne verdunkelnde Wolken kam und ging dieser Blick und verzerrte sein gut aussehendes, immer noch jungenhaftes Gesicht.

»Was ist? Alles okay bei dir?«

»Alles gut«, sagte er.

»Es scheint nur so, als hättest du etwas auf dem Herzen.«

»Ich sage doch, alles gut.«

»Okay«, sagte Rachel, ohne überzeugt zu sein. »In dem Fall noch mal schnell zu Bellbrook. Ich will nur, dass du verstehst, wie ich die Sache sehe. Ich habe nichts gegen die Nachhilfe. Wirklich nicht. Sie ist jeden Penny wert. Allein schon die Lehrer. Und die Möglichkeiten, die sie da haben. Mein Gott. Ich nehme an, ich will nur sagen, dass das Ganze ein Geben und Nehmen ist und ich nicht sicher bin, ob Abby das sieht. Aber wenn sie wirklich unglücklich ist, ich meine, die Schule hier ist völlig in Ordnung.«

»Und das bedeutet?«

»Nur, dass es andere Optionen gibt, wenn sie da unglücklich ist. Wir können mit ihr arbeiten.« Sie zögerte. »Ich kann mit ihr arbeiten. Das würde mir gefallen.«

Glenn drückte die Fingerspitzen über seinem Glas zusammen, als betrachte er ein religiöses Artefakt. »Wer sagt, dass sie unglücklich ist?«

»Ich nehme es einfach nur an. All die Textnachrichten, die sie schickt?« Rachel schob die gewürfelte Paprika mit dem Messer in die Salatschüssel, hielt erneut inne und war sicher, wieder etwas gehört zu haben. Diese verflixten Katzen. Sie nahm eine Tomate. »Wie sehr sie Bellbrook hasst? Und darum bettelt, nach Hause kommen zu können? Und jetzt, ich meine, diese Noten? Die sind nur verständlich, oder? Wenn sie unglücklich ist, welchen Anreiz hat sie dann, sich anzustrengen?«

»Also du …«

Rachel hob den Kopf. »Ich was?«

»Nichts.«

»Nein, sag schon.« Sie legte das Messer zur Seite. »Ich höre.«

»Ich sage doch, es ist nichts.« Laut, fast schon zu laut.

»Glenn?«

Er senkte die Stimme. »Tut mir leid. Ich wollte nicht … Ich hätte nicht …«

Sie verschränkte die Arme vor der Brust. »Du hättest nicht andeuten sollen, dass ich auch nicht glücklich, aber trotzdem erfolgreich bin?«

»Es tut mir leid«, wiederholte er.

»Was? Dass du die Wahrheit aussprichst?«

»Rachel …«

Sie winkte mit plötzlich funkelnden Augen ab, zerteilte die Tomate mit lautem Messerklacken auf dem Schneidebrett, schob sie in die Salatschüssel und stellte die Schüssel auf die Kochinsel. Sie seufzte. Überließ es Glenn, direkt in ihr Herz zu sehen und den Finger in die Wunde zu legen, die sie nachts wach hielt. Vielleicht nicht auf die sanfteste Art, sich aber doch ihrer inneren Qualen bewusst, wobei er zur Seite fegte, was ihn dieser Tage belastete.

Bekümmert von Glenns Blick, der ihr verriet, dass ihm dämmerte, wie tief er sie getroffen hatte, wandte sie sich ab, nahm die hölzerne Salatzange, die sie von ihrer Mexikoreise im letzten Sommer mitgebracht hatten, und steckte sie in den Salat. Rachel ging zum Kühlschrank, holte die Steaks heraus und spürte, wie sich ihr Magen angesichts des rot marmorierten Fleisches kurz zu drehen drohte. Sie wusste, Glenn würde seine gewohnten Zauberkräfte am Grill wirken lassen, und in ein paar Minuten – immer angenommen, seine abendliche Missstimmung verging, und sie ließen diese … Diskussion? Meinungsverschiedenheit? diesen Streit? hinter sich – würde sie ein Porterhouse-Steak genießen, wie es in keinem Restaurant zu bekommen war. Jetzt, da sie im zweiten Trimester war, ging es schon besser. Dennoch, der Anblick rohen Fleisches war ihr nach wie vor unangenehm.

Sie schob die Salatschüssel zur Seite, stellte den in Frischhaltefolie gehüllten Teller mit den Steaks vor ihren Mann und sagte: »Entschuldige, ich habe überreagiert. Was du sagst, trifft es auf den Punkt. Ich habe zwar nach wie vor das Gefühl, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, bin aber nicht immer glücklich und zufrieden damit. Und du solltest nicht darunter zu leiden haben.«

»Rachel …«

»Ich mache mir einfach nur Sorgen um Abby und hab’s an dir ausgelassen. Was nicht toll ist.«

»Und ich hätte nicht sagen sollen, was ich gesagt habe. Mir ist klar, dass es nicht leicht ist. Aber du weißt ja, wenn du je zurück willst …«

Sie winkte ein weiteres Mal ab. Trotz aller Herausforderungen durch ihren Job hatte es keinen Sinn, alles noch mal neu aufzurollen. Was entschieden war, war entschieden. Aus guten Gründen. Sie schenkte sich ein Glas Wasser ein und sagte: »Zu meiner Verteidigung: Ungeachtet meiner eigenen Situation wollte ich nur sagen, dass man manchmal hart arbeiten muss, ganz gleich, wie sehr einem eine Sache stinkt. Ziemlich oft sogar, wenn ich ehrlich sein soll, und das war auch schon vor diesem Job so.«

»Wirklich?«

»Ja, wirklich«, sagte sie und fragte sich, ob es stimmte.

»Du klingst nicht überzeugt.«

»Es ist nicht nötig, mich so herablassend zu behandeln.«

»Das tue ich doch gar nicht.«

»Sorry«, sagte sie und machte einen Rückzieher. »Ich weiß, du willst nur helfen.« Der Timer des Herdes erklang, und sie war froh über die Ablenkung, ging hinüber, um die Hitze unter den in ihrem Williams-Sonoma-Kupfertopf kochenden Kartoffeln abzustellen, den sie von Glenns Mutter zur Hochzeit bekommen hatten. Rachel schlüpfte in die Ofenhandschuhe, überhörte Glenns Angebot zu helfen und sagte: »Ich meine nur, dass ich manchmal das Gefühl habe, als verstünde Abby nicht, wie diese Welt funktioniert. Dass sie Glück mit Erfolg gleichsetzt, zu ihrem Nachteil.«

Sie leerte das Wasser in die Spüle, lehnte sich dabei etwas zurück, um dem Dampf auszuweichen, und stellte den Topf zurück auf den Herd. Und dann, obwohl sie es besser wusste, fügte sie noch an: »Und manchmal denke ich, wir sind daran schuld.«

»Was redest du da?«

»Wie leicht wir es ihr gemacht haben. Sie sieht das hier …«, Rachel schloss mit einer ausladenden Geste die Küche, das ganze Haus ein, »und alles andere und hält es für normal. Sie sieht die Mühe nicht, die nötig ist, es zu erhalten. Kein Wunder, dass sie sich nicht um ihre Noten sorgt.«

»Mit anderen Worten, wir haben es versäumt, sie sich schuldig fühlen zu lassen, weil es ihr gut geht?« Der Ärger war zurück in Glenns Stimme, wie eine giftige Chemikalie, die in ein bis dahin unberührtes Gewässer drang.

»Das sage ich nicht. Und fahr mich bitte nicht so an.«

»Ich fahr dich nicht an«, sagte Glenn und wusste dabei seine Stimme kaum in Zaum zu halten. »Und sagst du da nicht gerade, dass ich es ihr zu leicht gemacht habe? Dass ich ihr nicht erklärt habe, wie die Dinge laufen?«

»Nein«, widersprach Rachel, ziemlich aufgewühlt jetzt, und sie fragte sich, ob es Glenns Launenhaftigkeit war oder ihre Unsicherheit in Bezug auf, nun, auf alles, die sie an den Rand eines solchen Streits gebracht hatte. »Das meine ich nicht.«

»Bist du sicher? Schließlich ist sie meine Tochter.«

Das schmerzte nach allem, was sie dazu schon durchgemacht hatten. »Unsere Tochter«, sagte Rachel. »Unsere. Du weißt, dass sie das für mich ist.«

»Manchmal habe ich da meine Zweifel.«

Und das ist meine Schuld?, dachte Rachel und spürte, wie Wut in ihr hochstieg. Sie stand kurz davor, ihn das laut zu fragen, was das Schicksal ihres restaurantwürdigen Essens besiegelt hätte. Aber sie kam nicht dazu. Gerade noch rätselte Rachel über die Probleme eines Lebens als Stiefmutter, ihre Besorgnis, was Glenn betraf, und das quälende Gefühl, dass es mit der Arbeit nie wieder wie zuvor sein würde – die Gedanken überschlugen sich in ihrem Kopf – und dann stand sie wie gelähmt da, als sich die Hintertür öffnete und vier maskierte, von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidete Männer von der Veranda hereinkamen.

»Was zum Teufel …«, konnte Glenn gerade noch sagen, während er von seinem Hocker aufstand, bevor der größte und kräftigste der vier Männer ihn mit einer Pistole gegen den Kopf schlug. Er brach zusammen, kippte auf die Kücheninsel und ging zu Boden.

Trotz der Panik, die in ihr aufbrandete, eilte Rachel zu ihrem Mann. »Wer sind Sie?«, schrie sie. »Raus! Raus hier!«

Der dünnste der Vier zog seine Maske vom Kopf und starrte sie ausdruckslos an. Sie sah ihn, sah, wer er war, es durchfuhr sie wie ein Elektroschock, und sie glaubte, sich übergeben zu müssen.

»Sie?«

»Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.«

Zwei

Sie wurden auf das schwarze Ledersofa im Wohnzimmer gesetzt, die Hände mit Kabelbindern hinter dem Rücken gefesselt. Finn, der Mann, der sich seine Sturmmaske bereits in der Küche vom Kopf gezogen hatte, hatte die Vorhänge zugezogen, wahrscheinlich, um sie vor den neugierigen Blicken der Nachbarn zu schützen. Was irgendwie ein Witz war, dachte Rachel, der der Horror der Situation erst nach und nach richtig bewusst wurde, bedachte man, wie weit verstreut die Häuser hier standen, jedes von einem halben Morgen Rasen und Beeten umgeben. Es war genau die Art Ungestörtheit, die sie sich gewünscht hatten, als sie sich durch Rachels neues Gehalt etwas Besseres hatten leisten können.

Zwei der Männer standen hinter Rachel und Glenn, ihre Pistolen locker an der Hüfte. Finn saß in Glenns Ohrensessel auf der anderen Seite des gläsernen Couchtisches, die Miene ausdruckslos, eine Pistole auf dem rechten Schenkel, den vierten Mann, den, der Glenn niedergeschlagen hatte, hinter sich. Sie hatten jetzt alle ihre Sturmmasken abgelegt, was, wie Rachel instinktiv wusste, ein schlechtes Zeichen war.

»Wer sind Sie?«, fragte Glenn sicher schon zum fünften Mal, seit er mit einem Stöhnen wieder zu sich gekommen war. Finn hatte bereits mehrfach Rachels Bitte ignoriert, seine Wunde verbinden und ihm etwas gegen die Schmerzen geben zu dürfen.

Finn sagte nichts. Starrte sie nur an.

Glenn sagte: »Ist es wegen Xeneconn? Wenn ja, machen Sie einen großen Fehler.«

Finn erwiderte darauf nichts. Dann sagte Rachel: »Glenn, es geht nicht um Xeneconn.«

»Was?«, sagte Glenn und konnte ihr nur mit Mühe den Kopf zuwenden.

»Ich sagte, es geht nicht um Xeneconn.«

»Woher weißt du das?«

»Ich weiß es einfach.«

»Aber wie …«

»Sie sollten auf Ihre Frau hören.«

Beide hoben den Blick. Finn hatte endlich etwas gesagt.

»Sagen Sie uns, was das hier soll.« Glenn klang immer noch unbeholfen, er bemühte sich um die richtigen Worte. »Wenn es nichts mit Xeneconn zu tun hat, warum sind Sie dann hier?«

Die Art, wie er die Frage stellte, ließ Rachel aufmerken. Als könnte etwas an Glenns Firma diesen Schlägern einen Grund geben, hier zu sein. Aber das ergab keinen Sinn …

Bevor sie ihren Gedanken beenden konnte, sagte Finn: »Warum fragen Sie nicht Rachel? Oder sollte ich sagen, Anwältin Stanfield? Sie und ich wissen beide, warum ich hier bin.«

»Sie weiß was?« Glenn sah Rachel an. »Kennst du diesen Mann?«

Sie nickte zögernd. »In gewisser Weise.«

»In gewisser Weise? Was soll das heißen?«

»Er ist der, von dem ich dir erzählt habe …«

»Es soll heißen, dass es an der Zeit ist, zur Sache zu kommen«, sagte Finn. Er lehnte sich etwas vor und sah Rachel mit gefurchter Stirn an, was sie all ihren verbliebenen Mut zusammennehmen und seinen Blick erwidern ließ. Sie studierte sein Gesicht, das kurz geschnittene schwarze Haar, die Narbe auf der linken Wange und das etwas schwache Kinn, das ganz so wirkte, als wäre einem Bildhauer kurz vor Vollendung einer Büste der Ton ausgegangen. Dieses Gesicht, das sie, als sie Finn vor zwei Tagen zum ersten Mal gesehen hatte, bereits so verunsichert hatte.

»Um das Ganze zu rekapitulieren«, sagte Finn. »Sie haben während der letzten sechs Wochen die eidesstattliche Aussage einer Frau aufgenommen, Stella Wolford, und ich habe Sie wiederholt und professionell um eine Kopie dieser Aussage gebeten. Sie haben meine Bitte jedoch zurückgewiesen.«

Rachel konnte nicht anders: »Professionell?«

»So wie ich es sehe, ja.«

Rachel erinnerte sich an die zahlreichen Anrufe, E-Mails und Textnachrichten, die sie von Finn in den letzten Tagen bekommen hatte, immer fordernder, was am Sonntagmorgen in seinem Auftauchen vor dem Müsliregal bei Whole Foods gegipfelt hatte. Um die Sache ihr gegenüber persönlich zu begründen, wie er es ausdrückte. Sie nannte es Stalking und sagte ihm, er solle sich zum Teufel scheren.

Aber jetzt darüber zu streiten, schien unsinnig. Sie konnte nur hoffen, dass sie es schafften, ohne weitere Verletzungen aus dieser Sache herauszukommen.

»Wie ich Ihnen erklärt habe«, sagte Rachel und zwang sich, ihre Stimme ruhig zu halten, »ist es ein geschütztes Dokument, das ich nicht herausgeben darf, solange es beim Gericht hinterlegt ist.«

»Und wie ich Ihnen erklärt habe: Wen stört das? Ich will es trotzdem.«

Rachel beharrte auf dem Gesagten. »Ein Anwalt mit einer legitimen Verbindung zu dem Fall könnte den Antrag stellen, Einblick in die Unterlagen zu bekommen. Es ist möglich, dass …«

»Ja, ja«, erwiderte Finn. »Ich habe Ihnen bereits gesagt, dass es einen solchen Anwalt auf meiner Seite nicht gibt. Und nachdem ich Sie wiederholt, und professionell, darum gebeten habe, zwingen Sie mich jetzt zu meinem Bedauern, meine eigenen Arrangements zu treffen. Konkret: Sie haben sechzig Sekunden, das Dokument herzuschaffen, oder wir werden Ihrem Mann die Finger abschneiden. Einen für jede Minute Verspätung.« Er nickte dem Mann hinter Rachel zu, der eine Gartenschere aus der Tasche zog und sie dreimal öffnete und wieder schloss. Schnipp. Schnipp. Schnipp.

»Sagen Sie mir wenigstens, warum Sie es wollen«, sagte Rachel mit erhobener Stimme. »Was für ein Interesse können Sie daran haben?«

»Fünfundfünfzig Sekunden.«

Rachels Gedanken überschlugen sich, während sie zu verstehen versuchte, warum dieser brutale Kerl, dieser Irre, ausgerechnet die eidesstattliche Aussage einer kleinen Angestellten eines Gesundheitsunternehmens haben wollte, die gefeuert worden war und aus irgendeinem Grund annahm, dagegen klagen zu können. Was zum Teufel sah sie hier nicht?

»Fünfundvierzig Sekunden.« Finn gab dem Scherenmann ein Zeichen, der hinter dem Sofa vorkam, sich neben Glenn setzte und nach dessen gefesselten Händen griff.

»Rachel«, sagte ihr Mann mit schwacher Stimme.

Rachel fühlte, wie ihr Tränen in die Augen schossen. Nicht wegen sich oder Glenn, oder ihrem ungeborenen Kind. Wegen Glenns Tochter. Ihrerbeider Tochter. Sie stellte sich einen Schulmitarbeiter vor, der Abbys Klasse betrat und ihr, der sturen, eigensinnigen, brillanten, schönen Abby bedeutete, ihm hinaus auf den Flur zu folgen. Mädchen, ich fürchte, ich habe keine guten Nachrichten für dich. Nein, nicht ihre Tochter. Doch, ja, gottverdammt. Ihre Tochter.

»Fünfunddreißig Sekunden.«

»Okay, okay«, sagte Rachel. »Ich meine, das ist irrsinnig. Und völlig illegal. Aber okay.«

»Dreißig.«

»Ich brauche meinen Laptop«, rief sie. »Er ist in meiner schwarzen Aktentasche, im Arbeitszimmer hinter der Küche.«

»Die Aussage ist darauf gespeichert?«

»Nicht auf dem Laptop. Auf einem Server, auf den ich von hier Zugriff habe. Ich brauche nur eine Minute, um durch die Firewall zu kommen.«

»Ich brauche eine Kopie.«

»Die kann ich für Sie herunterladen. Ausdrucken. Was immer am einfachsten ist.«

»Beides. Und um das klarzustellen: Wenn es dabei irgendeinen Trick gibt, irgendeinen stummen elektronischen Auslöser, etwas, das jemanden alarmiert, folgt die gleiche Bestrafung. Kapiert?«

»Ja«, sagte Rachel. Schweiß lief ihr den Rücken herunter und durchnässte ihre Bluse. »Keine Tricks. Versprochen.«

Finn nickte dem großen Kerl zu, der Glenn niedergeschlagen hatte und in Richtung Arbeitszimmer ging. Eine Minute verstrich. Rachel hörte etwas, das wie umstürzende Möbel klang. Sie warf einen schnellen Blick zu Glenn, den er erwiderte, und ihr gemeinsames Verständnis, diesen Abend womöglich nicht zu überleben – alle vier Männer waren unmaskiert und offenbar unbesorgt, wiedererkannt zu werden – zerriss ihr das Herz. Nach zwei langen zusätzlichen Minuten kam der Mann zurück und gab Finn den Laptop.

»Das hier habe ich auch noch gefunden.« Seine Stimme war tief und rau wie die eines lebenslangen Rauchers mit einer schweren Erkältung. Rachel sah ungläubig auf die Pistole in der Hand des Mannes.

»Interessant«, sagte Finn, nahm die Waffe an sich und wandte sich an Rachel. »Das hier scheint nicht die Art Gegend zu sein, in der Sie eine Pistole brauchen. Wofür haben Sie die?«

Rachel sah zu Glenn. »Keine Ahnung. Die habe ich noch nie gesehen.«

»Stimmt das?« Er hielt sie ihr und dann Glenn hin. »Sie ist also einfach so wie von Zauberhand aufgetaucht?«

»Es sei denn, Sie haben sie mitgebracht.«

»Warum sollte ich? Ich habe genug Knarren.«

»Nun, mir gehört sie ganz sicher nicht.«

»Ihnen?«, sagte Finn an Glenn gewandt.

»Zur Hölle mit Ihnen.«

Rachel zuckte zusammen. Sagte Glenn, dass er …

»Ich nehme das als ein Ja«, sagte Finn. Er gab dem großen Kerl die Pistole zurück. »Aber darauf kommen wir später noch. Im Moment brauche ich diese Aussage.« Er sah den Mann mit der Gartenschere an. Der nickte und beugte sich zu Rachel vor, griff hinter sie und schnitt den Kabelbinder auf. Sie stieß ungewollt einen leisen Schrei aus, und während sie sich neues Gefühl in die Finger rieb, gab Finn ihr den Laptop.

»Machen Sie schnell.«

Mit zitternden Händen öffnete Rachel ihren Computer und schaltete ihn ein. Glenn neben ihr sah zu und unterdrückte ein Ächzen.

»Und?«, sagte Finn.

Himmel, dachte Rachel und roch den ranzigen Geruch der Angst, die in ihr hochstieg. Sie klickte auf den WLAN-Button, ohne dass etwas geschah. Das fehlte gerade noch.

»Da funktioniert was nicht. Ich kann mich nicht einloggen.«

Sie erwartete, dass Finn auf sie losging, oder schlimmer noch. Stattdessen fluchte er zu ihrer Überraschung leise in sich hinein und nickte erneut dem großen Kerl zu, der darauf in der Küche verschwand. Einen Moment später war die Verbindung da.

»Geht’s jetzt?«

»Ja«, sagte Rachel. »Was haben Sie …«

»Die Aussage. Jetzt.«

In weniger als fünf Minuten, in denen Finn jeder ihrer Bewegungen folgte, war Rachel in der Datenbank, klickte auf den entsprechenden Ordner und Stella Wolfords Aussage.

»Da.«

Finn nahm den Laptop, las eine volle Minute und scrollte dabei durch das Dokument. Als er fertig war, gab er Rachel den Laptop zurück und dazu einen USB-Stick. »Laden Sie die Aussage darauf und drucken Sie sie aus.«

Zehn Minuten später steckte Finn den Stick ein und blätterte durch den Ausdruck, den Rachels Drucker ausgespuckt hatte.

»Zufrieden?«, sagte Rachel.

»Nicht wirklich. Das alles wäre so viel einfacher gewesen, wenn Sie von Beginn an kooperiert hätten. Die Verzögerung lässt mich annehmen, dass Sie etwas verbergen.«

»Es gibt keine Verzögerung«, protestierte Rachel. »Ich verberge gar nichts. Wie ich Ihnen mehrfach erklärt habe, handelt es sich um ein geschütztes Dokument, das Sie überhaupt nicht sehen dürften.«

»Dennoch, mein Verdacht führt mich zu weiteren Fragen. Beginnend mit: Wo ist Stella Wolford?«

»Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nicht einmal sicher, wo sie wohnt.«

»Nun, ich schon. Tatsächlich stimmt die Adresse hier …«, Finn wedelte mit dem Ausdruck in Rachels Richtung, »mit unseren Unterlagen überein. Nur ist sie da nicht zu finden. Wie kann das sein?«

Rachel blinzelte ihre Tränen weg. »Woher soll ich das wissen?«

»Interessanterweise hat Wolfords Anwalt das Gleiche gesagt. Und sehen Sie, was mit ihm passiert ist.«

Rachels Magen zog sich zusammen. »Wovon reden Sie da? Was ist mit ihm?«

»Nächste Frage«, sagte Finn, ohne darauf einzugehen. »Was bedeuten die Zahlen Zweiundzwanzig-Sieben für Sie?«

»Zweiundzwanzig-Sieben?«

»Sie haben gehört, was ich gesagt habe.«

»Nichts. Was haben die mit irgendwas von alldem zu tun?«

»Und für Sie?« Die Frage ging an Glenn.

»Nichts«, murmelte der.

Finn lehnte sich zurück, blätterte ein weiteres Mal durch den Ausdruck und sah dann wieder Rachel an.

»Warum glaube ich, dass Sie lügen?«

»Ich lüge nicht. Ich habe keine Ahnung, was die Zahlen bedeuten sollen.«

»Ein neutraler Beobachter könnte denken, dass Sie allen Grund zu lügen haben. Besonders, was diese Zahlen angeht.«

»Aber ich lüge nicht. Wir lügen nicht.« Trotz allem, was ihnen hier drohte, wurde Rachel immer wütender auf Finn und seine Weigerung, ihr zu glauben. Als würde sie in solch einer Situation lügen. »Sie haben die Aussage jetzt, ohne dass ich irgendeine Vorstellung davon hätte, wofür Sie sie brauchen. Es gibt keine ›Zweiundzwanzig-Sieben‹ darin, bis vielleicht auf eine Seitenzahl oder so. Wenn Sie mir Genaueres dazu sagen könnten, wonach Sie suchen, könnte ich Ihnen vielleicht helfen.«

Anstatt ihr zu antworten, sagte Finn zum Scherenmann: »Die Tasche.«

Der Mann hob eine schwarze Nylontasche von seiner linken Schulter und stellte sie mit einem lauten Knallen auf den Couchtisch.

»Mach sie auf.«

Der Mann, ausgemergeltes Gesicht, gespaltenes Kinn, blonder Igelschnitt, trat vor und öffnete den Reißverschluss der Tasche. Ohne dazu aufgefordert zu werden, holte er eine Reihe kleiner Stoffbeutel hervor. Eine Minute später sah Rachel verschiedene Dinge vor sich auf dem Couchtisch ausgebreitet. Einen Satz glänzender Skalpelle. Zwei Rollen mit schwarzem Draht. Einen kleinen Gasbrenner. Drei Zangen – eine Kneifzange, eine Spitzzange und einen Seitenschneider – sowie eine Bohrmaschine, in der ein Bohrer fast so dick wie ein Finger steckte. Während sie das alles noch betrachtete, legte der Mann die Gartenschere dazu.

»Mein Mitarbeiter hier …«, Finn nickte in Richtung des Mannes, »hat sich mit diesen Werkzeugen vertraut gemacht, um Informationen aus Menschen herauszubekommen. Er ist sehr gut darin. Begabt, könnte man sagen. Und das ist jetzt Ihre letzte Möglichkeit, die Wahrheit zu sagen, bevor er übernimmt. Wo Stella Wolford ist. Und was die Zweiundzwanzig-Sieben betrifft. Es ist ganz einfach.«

»Ich weiß nichts über Stella Wolford und auch nichts über diese Zahlen«, sagte Rachel und betonte jedes Wort, bemüht, die Fassung zu bewahren. Als Finn die Brauen hob, sagte sie: »Ich sage die Wahrheit.«

»Bitte, tun Sie ihr nichts«, sagte Glenn. »Nehmen Sie mich, aber lassen Sie Rachel. Sie ist schwanger, Himmel noch mal. Ich flehe Sie an.«

»Es tut mir leid, das zu hören«, sagte Finn, »aber an diesem Punkt ist das nicht mehr als Schnee von gestern.«

Rachel wandte sich zu Glenn und fing seinen Blick auf. Sie wünschte, er hätte ihnen gerade das nicht verraten. Sie war wütend. Aber der Blick in sein Gesicht nahm ihr die Wut: seine Wunde, das Blut, die Schwellung, und ihre Liebe und Angst, die sie für ihn empfand, zogen ihr das Innerste zusammen.

Finn erhob sich aus seinem Sessel. »In den Keller«, sagte er zu seinem Trio. »Er zuerst. Sie soll zusehen – fixiert ihr den Kopf mit Klebeband, wenn nötig. Wie immer, ihr wisst, wie es geht.«

»Nein«, rief Rachel. »Ich schwöre. Ich sage die Wahrheit, wir wissen nicht, wovon Sie reden. Bitte …«

Sie brach mitten im Satz ab, da der Mann, der noch hinter ihnen stand, mit einer fließenden Bewegung über ihren Kopf langte und sie knebelte, wobei er das Tuch so fest und schmerzhaft verknotete, dass sie kurz dachte, sie würde ohnmächtig werden.

»Warten Sie!«, rief Glenn. »Ich habe Geld. Jede Menge. Millionen. Alles, was Sie wollen.«

So verängstigt sie war, starrte Rachel ihren Mann ungläubig an. Millionen? Was redete er da?

Einen Moment später verstummte auch er, und sein Knebel verzerrte sein geschwollenes Gesicht zu einer entsetzten Grimasse.

»Los doch«, sagte Finn. »Wir haben nicht den ganzen Abend Zeit. Ich komme gleich nach. Alles, was sie wissen, klar?«

Der Mann mit der Tasche nickte und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen.

»Oh, und …«, sagte Finn.

Der Mann hielt inne.

»Finde raus, ob das mit dem Geld stimmt. Wenn ja, wollen wir sämtliche Bankinformationen. Könnte nützlich sein.«

Der Mann nickte wieder, und sein Ausdruck hatte etwas zutiefst Befriedigtes, fast schon Glückseliges.

Rachel schrie gegen ihren Knebel an und wehrte sich vergeblich, als sie der Mann, der Glenn niedergeschlagen hatte, grob auf die Beine riss, mit seinen riesigen Pranken bei den Oberarmen packte und in Richtung der Tür zum möblierten Keller stieß. Der Keller war schalldicht, um laute Musik spielen zu können. Sie sah, wie einer der beiden anderen, der große Rotschopf, Glenn vom Sofa zog, und der Mann mit der Nylontasche seine Werkzeuge einsammelte. Mein Gott, dachte sie voller Panik, und ihre Augen füllten sich mit Tränen. Wie kann das alles sein?

»Hopphopp«, sagte Finn.

Rachel versuchte sich aus dem eisernen Griff des Mannes zu befreien, doch es war hoffnungslos. Genauso gut hätte sie versuchen können sich aus den eingedrückten Überbleibseln eines verunglückten Autos zu befreien.

Und mit einem Mal spürte sie alle Kraft aus sich weichen, so wie Wasser in einem Gully verschwand. Sie betete dafür, dass, was immer jetzt folgen mochte, schnell ging und ihr Tod bald kam. Für sich und Glenn wünschte sie das, und für Abby, die erfahren würde, was mit ihnen geschehen war.

Warum sich wehren? Es hatte keinen Sinn.

Es war vorbei.

In dem Moment klingelte es an der Haustür.

Drei

»Keine Bewegung«, sagte Finn.

Stone und Paddy, die Rachel und Glenn gepackt hielten, blieben so schnell und reglos stehen, als hätte ihr Boss auf einen Knopf gedrückt. Gutes Training war immer zu erkennen, dachte Finn. Sie warteten, die Blicke auf die Tür gerichtet, nicht auf Finn. Gute Hunde. Was auf eine finstere Weise komisch war, wenn man darüber nachdachte.

»Erwarten Sie jemanden?«, sagte Finn.

Rachel schüttelte den Kopf.

»Sind Sie sicher?«

Sie nickte, vielleicht etwas zu schnell, wie Finn dachte. Vielleicht log sie. Oder drehte aus Panik durch, die sie, wie er aus Erfahrung wusste, wie Gift durchströmte. Er durchquerte den Raum.

»Hören Sie gut zu«, sagte er, ohne seinen Ärger über die Unterbrechung im Geringsten zu verbergen. »Wenn Sie in irgendeiner Weise laut werden oder um Hilfe rufen, breite ich die Innereien Ihres Mannes hier auf dem Boden aus. Verstanden?«

Sie nickte wieder. Er gab Vlad ein Zeichen, der einen Schraubenzieher aus seiner Tasche voller schöner Dinge holte und damit den Knoten von Rachels Knebel löste, ohne dabei auf ihr verschrecktes Wimmern zu achten. Finn zog die Brauen zusammen, als er sah, wie erleichtert sie schien, hatte aber nicht die Zeit, länger darüber nachzudenken.

Es klingelte wieder.

»Wer ist das?«, sagte Finn.

»Ich weiß es nicht«, flüsterte sie.

»Sie lügen. Genau wie bei Stella Wolford. Den Zahlen. Und der Pistole in Ihrem Arbeitszimmer.«

»Bitte. Ich sage die Wahrheit. Ich habe keine Ahnung, was Ihre Zweiundzwanzig-Sieben bedeuten soll.« Sie sah zur Tür. »Und ich weiß auch nicht, wer da an der Tür ist. Wir kennen unsere Nachbarn nicht und bekommen unsere Pakete ins Büro geliefert. Lebensmittel und Essen bestellen wir nie.«

»Sie lügen.«

»Nein …«, sagte sie und hielt inne, als er warnend einen Finger hob.

Das Problem war, dass Finn diesmal nicht sicher war. Etwas an Rachels Blick sagte ihm, dass sie das Klingeln genauso überraschte wie ihn. Dass sie wirklich nicht wusste, wer da vor der Tür stand. Ob sie die Wahrheit in Bezug auf Stella Wolfords Aufenthaltsort oder die 22-7 sagte – er hatte seine Zweifel – war etwas anderes. Der Unterschied jetzt war natürlich, dass er zum ersten Mal, seit sie von der Veranda hier hereinmarschiert waren, Hoffnung in Rachels Augen sah, während er nur Ärger über die Komplikation empfand.

Wie immer, es war eine unerwünschte Unterbrechung zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt. Nicht, dass Jason sich darum scheren würde. Das wusste Finn.

Wieder klingelte es, und der tiefe Gong begann an seinen Nerven zu nagen.

Wer klingelt dreimal an einer Tür?

»In den Keller«, sagte Finn und entschied, was zu tun war. »Vlad und Paddy. Parkt sie da, und macht noch nichts. Kein verdammtes Geräusch, klar?« Er wandte sich an Stone. »Du bleibst hier bei mir.«

Als Vlad und Paddy mit ihren Gefangenen hinter der Ecke verschwanden, bedeutete Finn Stone, sich knapp außerhalb des Blickfelds im Esszimmer zu positionieren. Er steckte seine Pistole hinten in den Hosenbund und öffnete langsam die Tür.

»Na, endlich«, sagte der Mann, der vor ihm stand. »Ich dachte schon, es wäre keiner zu Hause.«

Finn starrte ihn an.

»Kann ich Ihnen helfen?«, fragte er schließlich.

»Hoffentlich. Eine Sendung für Rachel Stanfield?«

Der Mann war klein, keine einsachtzig, hager und schmal gebaut. Eine Drahtgestellbrille, braune Augen und dazu, ausgerechnet, eine Baseballkappe der Rochester Red Wings. Sein Gesichtsausdruck lag irgendwo zwischen gelangweilt und selbstgefällig. Der Mann trug graue Nylon-Wanderschuhe, ausgeblichene beigefarbene Cargo-Shorts und ein schwarzes T-Shirt unter einer braunen Weste mit vielen aufgesetzten Taschen. In der linken Hand hielt er ein Klemmbrett mit einem einzelnen weißen Blatt Papier. Finn blickte an ihm vorbei und sah einen großen weißen SUV mit eingeschalteter Warnblinkanlage. Ein älterer Chevy Suburban, wenn Finn raten sollte, obwohl er im schwindenden Licht Indianas nicht sicher sein konnte. Der Wagen war mit der Schnauze zur Straße hin geparkt, was Finn zwei Dinge überlegen ließ.

Der Mann hatte, als er das Haus erreichte, rückwärts eingeparkt, damit er schneller weiterkam, wenn er seine Sendung zugestellt hatte. Was nicht wirklich merkwürdig war, aber doch ungewöhnlich. Bedenklicher war, dass er auf den Rasen gefahren war, neben ihren Van, den sie halb die asphaltierte Einfahrt hinaufgeparkt hatten, bevor sie nach hinten geschlichen waren. Ziemlich seltsam, keine Frage. Warum nicht hinter dem Van parken und die paar Meter zu Fuß gehen?

Ihm gefiel nicht, was er da sah, und er wandte sich wieder dem Mann zu.

»Ms Stanfield ist im Moment nicht da. Aber ich unterschreibe gern für sie, was immer Sie haben.«

»Ich weiß das zu schätzen, aber die Sendung muss an den Namen auf der Rechnung gehen.«

»Ich erwarte sie nicht so bald zurück.«

»Verstehe. Aber Regeln sind Regeln.«

Frustriert überdachte Finn seine Optionen. Beginnend mit der Möglichkeit, den Mann umzulegen, wo er stand. Pech für den Kerl, aber mein Gott. Einen Schlag gegen den Kopf, einen in den Nacken, und Stone konnte sich um den Rest kümmern, während er die Befragung im Keller beaufsichtigte. Es würde die Sache natürlich komplizieren, aber es stand mehr auf dem Spiel als das Verschwinden eines mickrigen kleinen Kurierfahrers. Auch wenn Finn bei Jasons apokalyptischen Monologen oft glasige Augen bekam, war er doch inhaltlich völlig bei ihm, so wie es jeder gute, lebende Amerikaner sein würde. Sein sollte.

Was Finns Hand jedoch untätig bleiben ließ, war das Blinken des SUVs. Es ließ ihn sich fragen, ob der Mann allein war. Es sprach auch irgendwie für einen festen Zeitplan, und dass der Mann Teil eines größeren Auslieferungssystems war und sein Verschwinden früher, als es Finn gefallen würde, Alarmglocken schrillen ließe.

»Sorry«, sagte Finn. »Für wen arbeiten Sie? Jemanden wie Amazon?«

»Oh, Gott, keinen so Großen. Nein, ich bin selbstständig. Unabhängig.«

»Unabhängig?«

»Genau. Ich arbeite auf eigene Rechnung.«

»Und Rachel – Ms Stanfield – erwartet Sie?«

»Das weiß ich nicht wirklich.«

»Wie bitte?«

»Ich sagte, ich weiß es nicht. Ob sie mich erwartet, meine ich.«

»Warum nicht?«

Der Mann zog die Stirn kraus. Er hob die rechte Hand, was Finn zusammenzucken ließ, und zog seine Kappe gerade. »Ich stelle nur Dinge zu. Es ist durchaus möglich, denke ich, dass sie mich erwartet, ich bin da aber nicht hundertprozentig sicher.«

Finn spürte, wie sein Blutdruck anstieg. Nichts an dieser Geschichte fühlte sich richtig an, obwohl er den Mann kaum für eine Bedrohung halten konnte. Tatsache war jedoch, dass er hier viel zu viel Zeit verschwendete, was ihm nicht gefiel.

Er sagte: »Nun, und von wem kommt Ihr Paket, wenn ich fragen darf?«

»Dürfen Sie nicht.«

»Entschuldigung?«

»Ich sagte, dürfen Sie nicht. Ich will nicht unhöflich sein oder so, aber wo die Sendungen herkommen, ist vertraulich. Wieder die Regeln.«

Finn öffnete und schloss die Faust, während er gegen die Versuchung ankämpfte, nach der Pistole zu greifen. »Sie sagten, Sie sind selbstständig?«

»So ist es. Ich bin ein selbstständiger Kurier.«

»Und diese Regeln, von wem sind die?«

Der Mann dachte kurz nach. »Von mir, nehme ich an.«

»Können Sie mir wenigstens Ihren Namen nennen, damit ich Sie Ms Stanfield melden kann, wenn sie wieder verfügbar ist?«, sagte er.

»Sicher. Ich heiße Merc. Merc Carter.«

»Okay. Also hören Sie, Mark …«

»Sorry. Ich heiße Merc. Nicht Mark. Das ist kurz für Mercury. Aber keine Sorge, das höre ich ständig.«

»In Ordnung, Merc. Und wo ist es?«

»Wo ist was?«

»Das Paket. Ich sehe nur Ihr Klemmbrett.«

Statt ihm zu antworten, sagte Carter: »Irgendeine Vorstellung, wann Ms Stanfield wieder da sein könnte? Ich bin ein bisschen unter Druck. Ich muss noch nach Louisville.«

Was. Zum Teufel. Als bräuchte er diese Scheiße jetzt, dachte Finn.

»Ich weiß tatsächlich nicht, wann sie wieder da ist«, sagte er und warf einen schnellen Blick hinter sich. »Aber Sie können gerne hereinkommen und auf sie warten.«

»Nett von Ihnen. Aber nein, danke.«

Als Finn sich wieder zu ihm umdrehte, sah er zu seiner Überraschung, dass Carter einen guten Meter weiter entfernt stand als noch Sekunden zuvor. In dem Moment, in dem Finn den Blick von ihm genommen hatte, war er ohne ein Geräusch ein Stück zurückgewichen. So schnell und still, dass es nicht natürlich schien, ganz so, als fehlten drei oder vier Bilder einer Filmaufnahme der Szene.

Sonderbar, dachte Finn.

»Sind Sie sicher? Ich mache Ihnen einen Kaffee, während Sie warten? Oder etwas Stärkeres?«

»Danke, sehr nett, aber ich bin sicher«, sagte Carter. »Ich setze mich einfach in meinen Wagen und erledige etwas Papierkram, wenn Sie nichts dagegen haben. Sind Sie sicher, Sie können nicht wenigstens grob sagen, wann sie wieder da sein könnte? Für den Fall, dass ich ein paar Dinge meinerseits umdisponieren muss? Andere Sendungen, meine ich.«

»Ich kann es wirklich nicht sagen. Aber Sie können Ihre Nummer hinterlassen, und ich sage ihr, sie soll Sie anrufen, wenn sie wieder da ist.«

»Ich gebe der Sache einfach ein paar Minuten, danke.« Carter drehte sich um und ging zurück zu seinem SUV, bevor Finn noch etwas erwidern konnte.

Finn stand in der Tür und sah zu, wie Carter in sein Auto stieg. Halb rechnete er damit, dass er den Motor anließ und davonfuhr, aber der Wagen blieb, wo er war, und die Warnblinkanlage leuchtete stetig weiter auf. An, aus. An, aus. Soweit Finn sagen konnte, saß Carter hinterm Steuer und studierte sein Klemmbrett.

»Alles okay?«, knurrte Stone, als Finn wieder hereinkam und mit ratlosem Blick im Wohnzimmer stand.

»Ich bin nicht sicher.«

»Nicht sicher, warum? Klingt so, als wäre es einfach nur ein Typ, der zur falschen Zeit am falschen Ort gelandet ist.«

»Vielleicht.«

»Vielleicht?«

»Ich weiß nicht. Mir gefällt das nicht.« Er erzählte Stone, wie Carter seinen Wagen geparkt hatte.

»Also gut«, sagte Stone. »Und was jetzt?«

Finn wägte seine Optionen ab. Er dachte an Stella Wolford, die 22-7, Jasons so verrückte wie tödliche Instruktionen – kein Krach, kein Durcheinander, keine Zeugen – und an das Paar unten im Keller, das einem Schicksal entgegensah, das niemand, außer Finn und Vlad natürlich, seinen schlimmsten Feinden wünschen würde. Carter hatte gesagt, dass er unter Zeitdruck stehe. Nun, so ging es Finn auch. Raum für unerwartete Entwicklungen gab es nicht, so klein sie auch sein mochten. Besonders keine, die mit einem freiberuflichen Kurierfahrer zu tun hatten – immer angenommen, dass er das wirklich war –, der nach Belieben seine eigenen verdammten Regeln aus dem Hut zu zaubern schien.

Finn zog den Vorhang auf und sah hinaus zu dem SUV. Bildete er es sich nur ein, oder starrte Carter zum Haus herüber? In diesem Moment entschied er sich.

»Geh und kümmere dich um ihn«, sagte Finn zu Stone und neigte den Kopf in Richtung Tür. »Ich bin ziemlich sicher, dass er allein ist, aber sei vorsichtig, nur für den Fall. In der Garage sollte Platz für seinen Wagen sein. Wenn nicht, parke ihn hinten. Ob so oder so, ist egal.«

»Verstanden«, sagte Stone und ging zur Tür, die Pistole an der Seite. »Irgendwas, das ich wissen sollte? Über den Typ, meine ich?«

»Nun, er hat einen komischen Namen«, sagte Finn und erzählte ihm die Merc/Mark-Sache.

»Sonst noch was?«

»Nichts«, sagte Finn, der mit seinen Gedanken bereits unten im Keller war. »Absolut nichts.«

Vier

Carter saß in seinem Suburban, das zweite Spiel einer Dreier-Serie zwischen den Jays und den Mets schallte aus dem Radio, und er massierte sich die Stirn. Zum Glück wurden seine Kopfschmerzen dieser Tage weniger und hauptsächlich durch Unterbrechungen seines Tagesablaufs ausgelöst. Sie waren so etwas wie sein ganz persönlicher Kanarienvogel in der Kohlegrube seines Alltags. Was wie heute bedeutete, den sich entwickelnden Ereignissen besondere Beachtung beizumessen. Er hatte schon überlegt, die Sache mit dem Kerl an der Tür seinem Onkel zu melden, entschied aber, wahrscheinlich nicht die Zeit dafür zu haben. Und er hatte recht, obwohl ihm am Ende eine zusätzliche Minute blieb, auf die er nicht gezählt hatte.

Ursprünglich hatte er angenommen, der Mann, der ihm die Tür geöffnet hatte, der mit der Iowa-förmigen Narbe links auf dem Gesicht und der hinten im Hosenbund versteckten Pistole, würde die Sache selbst in die Hand nehmen. Er wirkte wie einer, der das Sagen hatte – jedenfalls in der Geschichte, in die Carter da hineingestolpert war. Carter hatte angenommen, er würde sich persönlich um die Sache kümmern wollen. Er schien die Art Perfektionist zu sein, die Carter unter anderen Umständen zu schätzen wusste.

Stattdessen bekam Carter eine zusätzliche Minute, weil der Typ den Job an den Gorilla delegiert hatte, der da gerade die Zufahrt herunter auf den Suburban zukam. Carter entschied, dass es weniger eine Fehlkalkulation seinerseits war, sondern lediglich besagte, dass in dem Haus einiges vorging. Zumindest, soweit Carter es ermessen konnte. Weil gute Manager, ob nun Perfektionisten oder nicht, Aufgaben an Untergebene delegierten, wenn sich die Dinge zuspitzten.

Der Gorilla kam an die Fahrertür. Carter sah aus dem Augenwinkel, wie der Mann, dessen Züge auf einen nordischen Hintergrund schließen ließen, mit einer Pistole ans Fenster klopfte. Er hatte eisblaue Augen und ein vernarbtes Gesicht, das auf eine üble Form von Kindheitsakne oder ein unliebsames Intermezzo mit einem heftigen Brandbeschleuniger zurückzuführen war. Carter ignorierte ihn und grub stattdessen mit der rechten Hand in der rechten Tasche seiner Weste nach etwas. Noch ein Klopfen, diesmal ein wenig lauter. Carter schenkte dem Kerl auch weiter keine Beachtung. Ein drittes Klopfen, ziemlich kräftig jetzt, von der Art, die einen mit der Sorge erfüllen mochte, das Glas könne bersten, so wie in einem der Videos mit Notfall-Glasbrechern, die es auf YouTube zu sehen gab. Wie dem an Carters Schlüsselring.

Dem Klopfen folgte eine Aufforderung mit der heiseren Stimme von jemandem, der offenbar Splitt zum Frühstück aß und mit Sand herunterspülte.

»Du da. Mach die Tür auf.«

Carter drehte das Radio lauter. Es stand drei zu zwei im zweiten Teil des ersten Innings, mit zwei Spielern auf den Bases. Mann. Wie die Jays in diesem Jahr pitchten. Sie sollten besser …

»Hey!«, sagte der Mann.

Na gut, dachte Carter, drückte auf den Knopf, ließ das Fenster herunterfahren, rief »Buuuh!«, kniff die Augen zusammen und leerte die Dose Pfefferspray in seiner Hand in das Gesicht des Mannes. Die Wirkung wäre witzig gewesen, doch die Situation war zu ernst, um sich darüber zu amüsieren. Von Carters »Buuuh!« auf dem falschen Fuß erwischt, schnappte der Mann ungewollt nach Luft und sorgte so dafür, dass eine um mehr als zwanzig Prozent erhöhte Menge capsaicingesättigter Partikel in seine Lunge gelangte. Funktionierte jedes Mal. Carter wusste nicht genau, warum. Er war sicher, dass man es ihm in den Tagen seiner Ausbildung erklärt hatte, doch das war eine Weile her. Es hatte etwas mit den Reflexen zu tun, Kampf oder Flucht, Nervenimpulsen. Irgend so etwas. Nichts, womit er sich in diesem Moment aufhalten sollte.

Die Finger um die Sprühdose geschlossen, öffnete Carter die Augen und rammte dem Mann die rechte Faust gegen die Nase. Er zuckte leicht zusammen, als er Knochen und Knorpel brechen spürte. Aber nicht seine. Mit fast der gleichen Bewegung stieß er die Tür hart und schnell auf und schlug sie dem Mann gegen den Kopf, der vorgebeugt mit der vereinten Wirkung von Pfefferspray und gebrochener Nase zu kämpfen hatte.

Carter sprang aus dem Wagen, trat den Mann dahin, wo es zählte, wartete darauf, dass er zusammenklappte – sie klappten immer zusammen – und rammte ihm das Knie gegen den Kopf. Der Mann ging zu Boden, Carter setzte ihm den rechten Fuß zwischen die Schulterblätter, drückte ihn flach auf den Asphalt, setzte sich auf ihn und nahm ihm mit der gleichen Bewegung die Pistole aus der Hand, die der Kerl beeindruckenderweise trotz allem, was gerade mit ihm geschah, immer noch festhielt.

»Gaah«, ächzte er.

Carter warf die Pistole ins Gras und zog zwei kräftige Sechzig-Zentimeter-Kabelbinder aus einer Tasche links an seiner Weste. Mit ein paar schnellen Bewegungen fesselte er dem Mann die Hände auf den Rücken und zog den Binder stramm genug, dass die Haut an den Handgelenken weiß wurde. Als Nächstes riss er ihm die schweren Stiefel herunter und machte das Gleiche mit den Füßen, wofür er zwei Binder verknüpfte, um sicher zu sein, dass sie auch wirklich ganz herumreichten. Der Kerl hatte wirklich dicke Fußgelenke.

Er arbeitete schnell, da sein Gegner sich vom Pfefferspray und den Schlägen gegen den Kopf zu erholen und zu wehren begann. Carter zog das Schnürband aus dem rechten Stiefel, holte ein Paar Latexhandschuhe aus einer seiner Brusttaschen, schlüpfte hinein und benutzte den dicken Lederschuhriemen als Knebel, indem er ihn dreimal über den Mund spannte. Es war qualitativ gutes Leder, es waren schöne Stiefel. Carter war froh, dass er die Handschuhe hatte, da Tränen und Rotz unvermindert weiterflossen.

Zufrieden kniete er da und durchsuchte den Mann, der sich trotz allem immer noch wand und wütende, kehlige Geräusche von sich gab.

Carter beugte sich vor.

»Hör zu.«

Der Mann drehte den Kopf und sah Carter aus blutunterlaufenen Augen an, in denen blanke Wut lag und das Versprechen eines gewaltsamen Todes.

»Wenn du nicht aufhörst zu zappeln, trete ich dir den Kopf ein.«

Der Mann knurrte eine unverständliche Drohung durch den Knebel, wobei die Zielrichtung klar war.

»Ich glaube, du hörst mir nicht zu«, sagte Carter. »Ich habe gesagt, dass ich dir den Kopf eintrete, wenn du nicht ruhig bleibst. Was ich dir verständlich machen will, ist, dass du dabei wahrscheinlich ein Auge verlierst, aber das ist noch nicht das Schlimmste. Das Problem bei Brüchen der Augenhöhle ist, dass sich manchmal Knochensplitter lösen und ins Hirn eindringen, und dann trinkst du für den Rest deines Lebens dein Abendessen durch einen Strohhalm. Verstehst du?«

Nach einem Moment beruhigte sich der Mann. Carter nickte sich selbst anerkennend zu. Eine gute Sache an Profis war, dass sie keine wilden, verrückten Dinge veranstalteten. Sie kapierten, was du draufhattest. Das Problem war nur: In einer Situation wie dieser glichen sie Silberfischen. Wo einer auftauchte, gab es für gewöhnlich noch mehr. Anders gesagt, was immer da in dem Haus vorging, in was immer Carter hineingestolpert war, es hatte noch kein Ende. Da war er sicher.

»Also gut.« Carter wandte seine Aufmerksamkeit wieder seinem Gefangenen zu. »Ich stelle dir jetzt ein paar Fragen. Während ich das tue, konzentriere dich auf die Vorstellung von Augenhöhlenbrüchen. Verstanden?«

Keine Antwort. Aber der Mann, der da auf dem kalten Asphalt lag, hielt seine eisblauen Augen unverwandt auf Carter gerichtet und merkte sich offenbar jeden Millimeter seines Gesichts. Es wäre ein verstörendes Gefühl, wäre Carter nicht so daran gewöhnt.

»Frage Nummer eins: Lebt Rachel Stanfield noch?«

Der Mann nickte langsam.

»Du denkst an diese Splitterbrüche?«

Ein Nicken.

»Und du bleibst bei deiner Antwort?«

Noch ein Nicken.

»Die Sache ist die, dass ich eine Sendung für sie habe und sie die Einzige ist, der ich sie übergeben kann. Es würde alles durcheinanderbringen, wenn sie sie nicht annehmen könnte. Und ich habe noch nie eine Sendung nicht an ihr Ziel gebracht, es hat also auch was mit Stolz zu tun. Um es kurz zu machen, es ist wichtig, dass sie in der Lage ist, den Erhalt selbst per Unterschrift zu bestätigen. Kannst du mir folgen?«

Der Mann rührte sich einen Moment lang nicht. Schließlich nickte er jedoch ein weiteres Mal.

»In Ordnung.« Carter wusste, dass der Mann womöglich log, da er nicht sicher war, wie die Reaktion aussähe, falls er eingestände, dass die Empfängerin von Carters Sendung tot war. Aber Carter baute darauf, dass der Kerl es nicht gewohnt war, sich einem so einfachen Ziel wie einem Kurierfahrer zu nähern und sich schon einen Moment später hilflos wie ein Schwein am Schlachttag auf der Erde niedergestreckt wiederzufinden. Das war eine unerwartete Wendung der Dinge, die wahrscheinlich, zumindest für den Moment, unmissverständlich klar machte, welche Folgen es hätte, sollte er ihm nicht die Wahrheit sagen.

»Frage Nummer zwei: Wie viele andere?«

Zunächst kam keine Reaktion. Carter sah Unentschiedenheit in den erbarmungslosen blauen Augen aufscheinen. Nach der Verfassung des Opfers zu fragen, war eine Sache. Dem Gegner zu verraten, wie stark man war, eine andere. Verstehe, dachte Carter. Das hatten wir schon. Am Ende blinzelte der Mann zweimal, langsam, als wollte er kein Missverständnis aufkommen lassen.

»Zwei weitere, neben dir?«

Der Mann nickte entschieden, um zu zeigen, dass er kooperierte.

»Guter Junge. Rachel Stanfield lebt also noch, und bei ihr sind noch zwei andere, neben dir. Bewaffnet, nehme ich an?«

Noch ein Nicken.

»Sonst noch jemand?«

Eine leichte Unentschiedenheit zog über die Miene des Mannes.

»Ist neben Rachel Stanfield und deinen beiden Kollegen noch jemand im Haus?«

Der Mann nickte zögernd.

»Ihr Mann?«

Ein Nicken.

»Kinder?«

Ein Kopfschütteln.

»Haustiere? Ein Hund? Irgendwas in der Art?«

Wieder schüttelte der Mann den Kopf, wobei Carter jetzt noch etwas anderes in seinen Augen entdeckte. Etwas an der Frage nach einem Hund hatte eine Reaktion hervorgerufen, ein leichtes Flattern, das Carter nicht zu lesen vermochte.

»Bist du sicher?«

Ein Nicken.

»Rachel Stanfield, ihr Mann und zwei von euch, das ist es?«

Ein Nicken.

»Ich weiß deine Offenheit zu schätzen«, sagte Carter, zog einen Totschläger aus der rechten Westentasche und schlug dem Mann leicht auf den Hinterkopf. Wieder war er raus, aber klar, nicht ganz raus. Er ging um die Füße des Mannes, packte die Kabelbinder, mit denen sie gefesselt waren, und zog ihn weg vom Suburban aufs Gras. Carter überdachte seine Optionen und positionierte seinen Gefangenen hinter einem mit Ziergras und Chrysanthemen bepflanzten Beet. Zufrieden damit, dass der Mann zumindest für den Moment sicher versteckt war, nahm er dessen Pistole, eine leistungsstarke Ruger, entfernte das Magazin und die in der Kammer steckende Patrone. Er ging zurück zur Fahrertür seines Suburban, öffnete sie und legte Waffe und Munition auf den Beifahrersitz.

Und er holte Luft. Blickte auf die Uhr. Fünf Minuten waren seit dem ersten Klopfen mit der Pistole an die Scheibe vergangen. Er sah zur Tür des Hauses. Er hatte, dachte er, weniger als eine Minute, bis sie sich wieder öffnete. Bevor der Nächste kam. Der Nächste von mindestens dreien, nahm er an, da der Mann, der herausgeschickt worden war, um ihn stillzulegen, und der jetzt bewusstlos auf dem Rasen lag, ohne Frage gelogen hatte, was die Zahl seiner Komplizen anging. Carter warf es ihm nicht vor. Er hätte es genauso gemacht. Hatte er sogar schon.

Die einzige Frage war, ob Carter warten sollte, bis der Nächste herauskam, oder ob er besser selbst hineinstürmte. Er musste sich schnell entscheiden, da erst noch ein paar Dinge zu tun waren. Im Übrigen nahm er an, falls Rachel Stanfield tatsächlich noch lebte, dass ihr wahrscheinlich nicht mehr viel Zeit bliebe, wenn nicht schnell etwas geschah.

Denn: Es waren Profis.

Fünf

Mom? Was ist? Ich kann deine Nachricht nicht verstehen. Mom?

Dein Vater, flüsterte sie.

Mom …?

 

Als Kind sah Carter alles klar vor sich. Er würde die Highschool abschließen, darauf warten, dass die Scouts anriefen, und seine Zeit bei den Minors ableisten – die erste Wahl wären dabei die Red Wings, klar, aber er würde nicht wählerisch sein. Es gab viele Optionen. Natürlich die Durham Bulls, denn wer liebte den Film nicht? Die Columbia Clippers klangen auch gut, vor allem, weil der Bruder seiner Mom, Onkel Bill, ein großer Fan war und ihn bei ihren jährlichen Besuchen im Sommer immer zu einem Spiel mitnahm. Oder vielleicht auch die Pawtucket Red Sox, hauptsächlich, weil er den Namen der Stadt so gern aussprach. Pawtucket. Pawtucket. Pawtucket. Himmel, selbst noch die Iowa Cubs würden für den Anfang taugen. Er würde sowieso nur ein oder zwei Jahre bei den Minors sein. Danach kam die große Bühne mit seinen Favoriten (in umgekehrter Reihenfolge): den Mets, den Indians, den Reds, den Brewers und den Blue Jays. Die Leute hoben die Brauen, wenn er Toronto als Möglichkeit nannte, bis er ihnen erklärte, dass sein Vater da geboren sei und die Jays, nach den Rochester Red Wings, praktisch sein Heimteam waren.

Ja, Carter hatte alles genau geplant. Außer, dass er sich als Junior bei dem Versuch, statt nur bis zur ersten gleich bis zur zweiten Base zu kommen, das linke Sprunggelenk brechen würde. Der bullige Baseman der McQuaid High, mit dem er zusammenstieß, wollte seine Base genauso wenig einem spillerigen Bantamgewicht überlassen, wie eine Betonsäule einem überschnellen Radfahrer weichen würde.

Die Ironie war, dass Carter für sein Base-Running bekannt war. Mercury hatte sich als der perfekte Name für einen Sprinter wie ihn erwiesen. Die Tatsache, dass sein Vater, der Postbote war, ihn voller Überschwang, was so gar nicht typisch für ihn war, nach dem ursprünglichen Postboten, dem Boten der Götter, benannt hatte, zahlte sich auf dem Spielfeld aus.

Bis zu dem Unfall.

Und das war es dann.

An den Trostpreis, Ersatz-Shortstop an der SUNY, der State University of New York, in Geneseo, der einzigen Uni, die ihn auch nur in Betracht zog, wollte er nicht erinnert werden. Sicher, hinterher würde er wahrscheinlich körperlich fitter sein, besonders, weil sein Vater und sein Onkel, die Carters Trübsinn nicht mehr ertrugen, ihn hinunter in den Keller schickten, ihn in Handschuhe und an den Boxsack zwangen, an dem sie sich gemeinsam ausließen. Dennoch, beinahe hätte er der Mannschaft noch vor dem zweiten Jahr den Rücken gekehrt, hätte sein Vater ihn nicht zur Vernunft gebracht.

»Vergiss nicht, was ich immer sage, Merc.«

»Und das wäre?« Er schützte sein Klapphandy mit einer Hand vor dem milden Märzwind, während er zur Uni trottete.

»Es gibt nur zwei Arten von Baseball. Baseball spielen und …«

»… nicht Baseball spielen«, sagte Carter und beendete den Gedanken. »Ja, verstehe.«

Und das tat er, wobei er seinem Vater den klugen Rat in dem Moment nicht wirklich dankte.

Was so schade war, da er nicht lange danach jede Möglichkeit verlor, seinem Vater noch für irgendetwas zu danken.

 

»Moment mal«, sagte Finn mit einem Blick auf das Skalpell in Vlads rechter Hand.

»Was?«, sagte Vlad ungeduldig, während er sich über Rachel beugte.

Finn lauschte, doch oben blieb alles still. Genau das war das Problem.

»Ich sagte, Moment mal.«

»Was ist denn los?«, fragte Paddy.

»Haltet die Schnauze und wartet einen Moment.«

Es war nicht das Ausbleiben von Schüssen. Stone würde seinen Schalldämpfer benutzen oder den Kurierfahrer in die Garage zwingen und es da machen, außer Hörweite. Das war es nicht. Es war die Zeit, die verstrichen war, seit Finn Stone losgeschickt hatte, sich um die Unterbrechung zu kümmern. Finn war stolz auf seine innere Uhr, seine Fähigkeit, das Vergehen von Minuten oder Stunden fast auf die Sekunde zu schätzen, seit seiner Kindheit schon – soweit es denn eine gegeben hatte. Nach ihrem letzten Feuergefecht hatte Vlad lange genug jede Aufmerksamkeit fahren lassen, um zu bemerken: »Nur vier Minuten? Hat sich für mich wie zwanzig angefühlt.«

Falsch. Es waren genau drei Minuten und siebenundvierzig Sekunden gewesen.

Jetzt waren fast genau sieben Minuten vergangen. Und wo war Stone? Er war keiner, der zu Verzögerungen neigte. Was einer der vielen Gründe war, warum Finn ihn für den Job ausgesucht hatte.

»Was geht hier ab?«, sagte Finn zu Rachel.

Fest an einen Stuhl gebunden, die Hände hinter dem Rücken, die Augen weit aufgerissen, bewegte sie den Kopf kaum spürbar vor und zurück.

»Noch einmal. Dieser Typ. Was will er liefern?«

Sie schüttelte erneut den Kopf.

»Sie lügen. Kuriere tauchen nicht einfach so auf.«

Wieder ein Kopfschütteln, heftiger jetzt, als wollte sie sich von einer lästigen Fliege befreien. Diese großen Augen beschimpften ihn. Finn sah zu Glenn, der auf seinen eigenen Stuhl gebunden dasaß, seiner Frau gegenüber, die Augen stumpf vor Schmerz von der unbehandelten Kopfwunde. Sein Blick haftete unbeirrt auf Rachel. Finn erkannte in seinem Ausdruck eine ungewöhnliche Hingabe. Eine Sorge, die er auszunutzen gedachte, wenn er denn je die anstehende Aufgabe in Angriff nehmen konnte. Aber da war immer noch dieses eine Problem.