Verlag: beTHRILLED by Bastei Entertainment Kategorie: Krimi Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

The Numbers - Welche Zahl bringt dir den Tod? E-Book

Ewan Scott  

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E-Book-Beschreibung The Numbers - Welche Zahl bringt dir den Tod? - Ewan Scott

Brutale Morde. Ein perfider Killer. Ein riskanter Wettlauf gegen die Zeit. Die Londoner Detectives Arthur Law und Ellie Buckland jagen einen Serienkiller. Da er seine Opfer entlang der einsamen Straßen findet, wo er sie in ihren Autos brutal ermordet, hat die Presse schon bald einen Namen für ihn: Road Ripper. Als Signatur hinterlässt er am Tatort ein Spielzeug und einen Zettel mit einer scheinbar willkürlichen Zahlenfolge. Was aber ist sein Motiv? Und was bedeuten die mysteriösen Zahlen? Arthur Law und Ellie Buckland ahnen zunächst nicht, dass der Killer sie auf eine tödliche Spur locken will - und dass er ihnen nah ist. Sehr nah. Ein gefährlicher Wettlauf gegen die Zeit beginnt ... Schaffen sie es, die Hinweise zu entschlüsseln, bevor der Road Ripper erneut zuschlägt? "The Numbers" ist der Auftakt einer Reihe mit den Ermittlern Law und Buckland. Leserstimmen: "Rasant, spannend und sehr gut zu lesen. Da möchte man das Buch eigentlich gar nicht mehr aus der Hand legen." (NIKKI-HO, Lesejury) "Das Buch war der absolute Hammer total fesselnd und klasse beschrieben. Ich hätte es am liebsten in einem Rutsch gelesen." (MONABERLIN261169)

Meinungen über das E-Book The Numbers - Welche Zahl bringt dir den Tod? - Ewan Scott

E-Book-Leseprobe The Numbers - Welche Zahl bringt dir den Tod? - Ewan Scott

Inhalt

Cover

Über dieses Buch

Über den Autor

Titel

Impressum

PROLOG

KAPITEL 1

KAPITEL 2

KAPITEL 3

KAPITEL 4

KAPITEL 5

KAPITEL 6

KAPITEL 7

KAPITEL 8

KAPITEL 9

KAPITEL 10

KAPITEL 11

KAPITEL 12

KAPITEL 13

KAPITEL 14

KAPITEL 15

KAPITEL 16

KAPITEL 17

KAPITEL 18

KAPITEL 19

KAPITEL 20

KAPITEL 21

KAPITEL 22

KAPITEL 23

KAPITEL 24

KAPITEL 25

KAPITEL 26

KAPITEL 27

KAPITEL 28

KAPITEL 29

KAPITEL 30

KAPITEL 31

KAPITEL 32

KAPITEL 33

KAPITEL 34

KAPITEL 35

KAPITEL 36

KAPITEL 37

KAPITEL 38

KAPITEL 39

KAPITEL 40

KAPITEL 41

KAPITEL 42

KAPITEL 43

KAPITEL 44

KAPITEL 45

KAPITEL 46

KAPITEL 47

KAPITEL 48

KAPITEL 49

KAPITEL 50

DANKSAGUNG

Über dieses Buch

Brutale Morde. Ein perfider Killer. Ein riskanter Wettlauf gegen die Zeit.

Die Londoner Detectives Arthur Law und Ellie Buckland jagen einen Serienkiller. Da er seine Opfer entlang der einsamen Straßen findet, wo er sie in ihren Autos brutal ermordet, hat die Presse schon bald einen Namen für ihn: Road Ripper. Als Signatur hinterlässt er am Tatort ein Spielzeug und einen Zettel mit einer scheinbar willkürlichen Zahlenfolge. Was aber ist sein Motiv? Und was bedeuten die mysteriösen Zahlen? Arthur Law und Ellie Buckland ahnen zunächst nicht, dass der Killer sie auf eine tödliche Spur locken will – und dass er ihnen nah ist. Sehr nah. Ein gefährlicher Wettlauf gegen die Zeit beginnt … Schaffen sie es, die Hinweise zu entschlüsseln, bevor der Road Ripper erneut zuschlägt?

»The Numbers« ist der Auftakt einer Reihe mit den Ermittlern Law und Buckland.

Über den Autor

Ewan Scott ist das Pseudonym eines schottischen Arztes. Er arbeitete als Barmann, LKW-Belader, Pathologe und Chirurg. Er studierte in Glasgow, wo er zeitweise auch arbeitete. Nach Stationen in Dundee, Nottingham, Amsterdam, London, Australien, auf Barbados und Borneo lebt der Autor nun im Süden Englands. In seiner Freizeit begeistert er sich für Luftfahrt, taucht und segelt gern. »The Numbers«ist Ewan Scotts Debüt.

Ewan Scott

THE NUMBERS

Welche Zahl bringt dir den Tod?

Aus dem Englischen vonDiana Beate Hellmann

beTHRILLED

Deutsche Erstausgabe

»be« – Das eBook-Imprint von Bastei Entertainment

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Titel der Originalausgabe: The Numbers

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2018 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Christina Neuhaus

Covergestaltung: Massimo Peter-Bille unter Verwendung von Motiven © shutterstock: Berka7 | chingyunsong | elegeyda | Kindlena | Krivosheev Vitaly

eBook-Erstellung: Jilzov Digital Publishing, Düsseldorf

ISBN 978-3-7325-5247-4

www.be-ebooks.de

www.lesejury.de

Im Jahre 1885 baute Carl Benz das erste Automobil.

Es hatte drei Räder, wie ein Versehrtenfahrzeug.

Und es schluckte Alkohol, wie so viele Fahrer.

Seither haben sie etwa siebzehn Millionen Menschen getötet.

In einem Krieg, für den nie mobil gemacht wurde …

Aus Autogeddon von Heathcote Williams

Ich muss zugeben, ich entwickelte allmählich eine krankhafte Obsession für die M25, die Autobahn, die ringförmig um die Hauptstadt herumführt. Mit den Leitplanken, die wie stumpfes Silber wirken und als Schutzbarriere zwischen Fahrer und Landschaft fungieren. War dieses düstere Band, das Margaret Thatcher am 29. Oktober 1986 eröffnete, in Wahrheit eine Einzäunung? Markierte dieser fiktive Graben womöglich die Grenze zu dem, was London genannt werden konnte? Oder war er eine vom Verkehrsministerium und der Highways Agency finanzierte Galgenschlinge, mit der man der Metropole die Luft abschnüren wollte?

Aus London Orbital von Iain Sinclair

In dieser Woche bekam ich es jedoch mit einer Frau zu tun, die mit 30 Sachen über die A44 fuhr, und das trieb mich nicht nur zur Weißglut, sondern in einen semi-katatonischen Zustand nackter Raserei. Mein Blut verwandelte sich in Säure und fing an zu zischen. Mein Herz war plötzlich von Hass erfüllt. Es hätte nicht viel gefehlt, und ich wäre ihr zu ihrem Haus gefolgt, und zwar nur um es niederbrennen zu können. Ich hatte nur keine Zeit dazu.

Aus Don’t Stop Me Now von Jeremy Clarkson

Als Henry Lesser ihn fragte: »Was machst du beruflich?«, grinste Panzram und erwiderte: »Ich reformiere Menschen.« Als Lesser daraufhin wissen wollte, wie er das anstellte, antwortete er: »Indem ich sie töte.«

Aus The Serial Killers von Colin Wilson und Donald Seaman

PROLOG

Das Baby schaut zu ihm auf, Vertrauen strahlt aus den Augen der Kleinen.

Lau steht da – das Kind in der linken, eine Lötlampe in der rechten Hand. Gegen seinen Kopf presst sich die Mündung einer Waffe. Drei Bodyguards beobachten ihn, halten mit teilnahmsloser Miene ihre Heckler & Koch-Maschinenpistolen auf ihn gerichtet.

Lau befindet sich in einem Keller in Hongkong. Der Kerl, der ihm die Waffe an den Kopf hält, ist Danny Leung, ein Triadenleutnant.

Neun Monate hat Lau versucht, als verdeckter Ermittler den sagenumwobenen Boss der Tai-Huen-Chai-Triade aufzuspüren, den jeder unter dem Namen Gideon Chang kennt. Gideons Leute entführen Kinder und bringen ihnen systematisch Verbrennungen und Verstümmelungen bei, um sie anschließend zum Betteln vor die Eingänge der Hongkonger U-Bahn zu schicken.

Der Grund, dass drei Bodyguards mit ihren Heckler & Kochs nun auf ihn zielen und Leung ihm die Mündung seiner Waffe an die Schläfe hält, ist folgender: Leung befürchtet, Lau könne ein Cop sein. Deshalb hat er Lau befohlen, sich zu bewähren, indem er das Baby mit der Lötlampe verbrennt.

Lau schaut das kleine Mädchen an.

Sie runzelt ihre winzige Stirn, und ihre Augen wandern einen Moment, bis sie ihn fest anblicken.

»Ich zähle jetzt bis drei, und dann stirbst du«, verkündet Leung.

In einer einzigen fließenden Bewegung presst Lau das Baby an seine Brust, fegt den Arm mit der Waffe beiseite und hält Leung die kobaltblaue Flamme der Lötlampe ins Gesicht. Leung schreit laut auf und schlägt die Hände vor die Augen. Lau lässt die Lötlampe fallen und entreißt Leung die Waffe. Drei Doppelschüsse, und die Bodyguards gehen zu Boden. Lau vollführt mit dem Oberkörper eine Drehung und versetzt Leung, der sich immer noch die Hände vors Gesicht hält, einen Ellbogenschlag. Dann schießt er ihm in die Brust. Zwei Mal. Leung bricht neben den Bodyguards zusammen.

Lau tastet am Hals nach Leungs Puls.

Nichts.

Er schlängelt sich durch den Keller, ein einziges Labyrinth aus Räumen, und entdeckt Kinder, die auf unterschiedlichste Weise verstümmelt worden sind. Sie sitzen in Käfigen und schrecken zurück, als sie ihn erblicken. Entsetzt starrt er auf die Instrumente, mit denen sie gefoltert wurden: Lötlampen, Flaschen mit der Aufschrift »Salzsäure« und eine abscheuliche Kollektion von Brandeisen.

Lau findet ein Telefon und stellt Kontakt zu seinen Leuten her. Während er auf die Verstärkung wartet, geht er noch einmal in den Raum zurück, in dem er die Bodyguards getötet hat, und sieht, dass sie unverändert daliegen.

Danny Leung indes ist spurlos verschwunden.

KAPITEL 1

Lenny Nelson war sich sicher, dass der Wagen ihn verfolgte.

Vor lauter Angst krampften sich ihm die Eingeweide zusammen, und er wünschte, nicht einfach vor dem Kerl ausgeschert zu sein und ihn damit zum Bremsen gezwungen zu haben. Er hätte sich zumindest dafür entschuldigen sollen, hätte den Warnblinker betätigen, winken oder diese Geste machen können, bei der man sich, einem Pistolenlauf gleich, zwei Finger an den Kopf hielt, damit der Fahrer hinter einem sah, dass man sich der Dummheit bewusst war, die man begangen hatte.

Er hatte jedoch keinerlei Reue gezeigt. Und jetzt verfolgte ihn dieser Wagen, den er um Haaresbreite in einen Unfall verwickelt hatte. Daran bestand inzwischen kein Zweifel mehr.

Es war passiert, als sie vor der Mautstation in der Schlange gestanden hatten. Er war mit seinen Gedanken ganz woanders gewesen, hatte an seinen verfluchten Schwiegervater gedacht, der in Dubai lebte und nur deshalb in regelmäßigen Abständen bei ihnen in London vorbeischneite, um Unfrieden in der Familie zu stiften. Und jedes Mal, wenn er kam, erwartete Trish, dass Lenny all seine anderen Verpflichtungen absagte, und sich mit ihnen zum Abendessen in einem der sündhaft teuren Restaurants zu treffen, die in dieser Woche gerade angesagt waren. Der nächste königliche Besuch (morgen) war soeben angekündigt worden (heute). Notiz an mich selbst: Dieses Mal werde ich ihm Paroli bieten. Scheiße, beim letzten Mal … ja, da hatte der alte Mistkerl doch wahrhaftig die Frechheit besessen, einen Chateaux Recougne zu bestellen, der pro Flasche zweihundert Pfund kostete, und es wie immer ihm überlassen, die Zeche zu zahlen. Trish verweigerte man sich nicht, aber ihrem alten Herrn würde er dieses Mal die Stirn bieten. Und da er vor der verdammten Mautstation in ausgerechnet der Schlange stand, die am längsten war, hatte er sich ›Scheiß drauf‹ gedacht und einfach die Fahrspur gewechselt, ohne zuvor in den Rück- oder Außenspiegel zu schauen, ohne den Blinker zu setzen, ohne alles.

Schon im nächsten Moment hatte er auf dem Asphalt Reifen quietschen gehört, weil der Wagen hinter ihm erst im allerletzten Moment zum Stehen kam. Ein Blatt Papier hätte vielleicht gerade noch zwischen sie gepasst.

Und jetzt war er hier, rund fünf Meilen von zu Hause entfernt, und überlegte, was er tun sollte, weil er in Kürze von der Autobahn ab- und auf der Bundesstraße weiterfahren musste, sodass sie sich schon bald im finstersten Kent befinden würden. Wo weit und breit keine Menschenseele war für den Fall, dass das Ganze zu einem Akt von Gewalt im Straßenverkehr ausartete.

Gleich erreichten sie eine Ausfahrt. Vielleicht bildete er sich das Ganze ja nur ein. Vielleicht würde der Typ ja jetzt von der Autobahn abfahren.

Ja?

Nein. Im Gegenteil, der Verfolger war inzwischen noch näher herangekommen.

Welche Möglichkeiten blieben ihm? Er konnte ganz normal weiterfahren, oder Gas geben. Ja, das war die Lösung. Freunde machten sich vielleicht lustig über seinen Job im Versicherungswesen, aber sein Wagen war ein Mercedes-E-Cabriolet, und er war ziemlich sicher, dass er damit schneller war als dieser – was für ein Auto fuhr der Kerl überhaupt?

Er nahm den Wagen im Rückspiegel genauer in Augenschein. Es war ein unscheinbares Fahrzeug; es besaß sogar eine undefinierbare Farbe.

Er konnte die Polizei rufen. Er nahm die Hand vom Lenkrad, doch sein Finger erstarrte über der Anruftaste in der Mittelkonsole. Ein derart unscheinbares Fahrzeug … Scheiße, was, wenn der Typ die Polizei war? Er überprüfte seine Geschwindigkeit und stellte fest, dass sein Tacho fünfundsiebzig anzeigte. Wie schnell durfte man hier fahren? Zehn Prozent waren erlaubt, richtig? Also konnte er auf siebenundsiebzig beschleunigen, ohne Gefahr zu laufen, einen Strafzettel zu bekommen. Trotzdem reduzierte er das Tempo und fuhr nur noch siebzig.

Wodurch ihm sein Verfolger noch näher kam.

Jetzt sah er sich den Fahrer genauer an, weil er herausfinden wollte, ob er womöglich doch ein Cop war. Viel konnte er nicht erkennen, lediglich eine verschwommene Silhouette am Steuer. Wie kerzengerade er dasaß, ließ jedoch auf einen Angehörigen vom Militär oder Polizei schließen. Mit Sicherheit auf einen Menschen, der einen ernstzunehmenden Eindruck machte. Um nicht zu sagen, einen unheimlichen.

Der Kerl bewegte sich auch irgendwie merkwürdig. Als er von der Mautstation weggefahren war, hatte er im Rückspiegel gesehen, wie der Mann das Geld mit der Eleganz eines Roboters in den Korb gelegt hatte. Die meisten Leute schmissen es einfach nur hinein. Nicht dieser Typ. Er hatte diese Pflicht mit pedantischer Gewissenhaftigkeit erledigt. Und danach hatte er begonnen, ihn zu verfolgen.

Es war an der Zeit, von der Autobahn abzufahren. Er setzte den Blinker. Der Cop tat das Gleiche. Über das Autobahnkreuz 2 auf die A2, die am Fluss entlang in westliche Richtung und zurück nach London führte.

Sie fuhren durch Dartford. Die Straßen wurden schmaler, während ihre Nummern immer länger wurden. Aus der A2 wurde die A2026, dann endete auch die, und sie drangen vor in die Wildnis der Landstraßen. Der Verkehr lichtete sich, bis gar keiner mehr herrschte. Sie bewegten sich auf London zu, sie beide, und sie hielten sich einmütig an die Geschwindigkeitsbegrenzung. Sein Verfolger kam immer näher. Jetzt konnte er ihn etwas deutlicher erkennen. Runder Kopf. Bürstenhaarschnitt. Möglicherweise ein Oberlippenbart. Das war der Augenblick, auf den er gewartet hatte. Er trat das Gaspedal durch und spürte, wie sein grandioses Auto nach vorn schoss. Genau so, Baby! Er blickte in den Rückspiegel und sah, dass die Scheinwerfer seines Verfolgers in der Ferne verschwanden.

Schon im nächsten Moment sah er hinter sich das Blaulicht und kapitulierte. Vierundfünfzig Sekunden später fuhr er an den Straßenrand.

Bitte, verpass mir keinen Strafzettel.

Er beobachtete, wie der Cop die Fahrertür öffnete und aus seinem Wagen stieg. Er war groß gewachsen und hatte breite Schultern. Er trug Zivilkleidung, hatte sich die Hemdsärmel aufgerollt und besaß Oberarme so dick wie Oberschenkel. Er schloss die Fahrertür mit der übertriebenen Sorgfalt eines Cyborg.

Als der Cop sich der Fahrertür näherte, ließ Lenny auf seiner Seite das Fenster herunter. »Kann ich Ihnen helfen, Officer?«

»Das können Sie in der Tat, Sir. Dort hinten am Dartford Crossing – an der Queen Elizabeth II Bridge, um die Stelle mit ihrem korrekten Namen zu benennen – haben Sie gegen mehrere Regeln verstoßen. Ist Ihnen bewusst, um welche es sich dabei gehandelt hat?«

»Passen Sie auf, es tut mir leid. Ich habe Probleme mit meiner besseren Hälfte und -«

»Ich werde es Ihnen sagen. Sie haben eine doppelte weiße Linie überfahren, und zwar an einer Stelle, an der die Linie, die Ihrem Fahrstreifen am nächsten war, nicht unterbrochen war. Als Sie die Fahrspur wechselten, haben Sie einen anderen Verkehrsteilnehmer – mich – gezwungen, auszuweichen und zu beschleunigen. Und Sie haben noch gegen eine zweite, allgemeinere Regel verstoßen. Ich würde sagen, dass Sie gefahren sind, ohne in angemessenem Maß Rücksicht auf andere Verkehrsteilnehmer zu nehmen. Oder wie würden Sie das nennen, Sir?«

Der Ton seines Gegenübers bewirkte, dass sich Lenny die Nackenhaare sträubten. Es war jedoch ratsam, Cops gegenüber nicht allzu pampig zu werden.

»Schauen Sie, Officer, es tut mir leid. Ich war abgelenkt. Mein Kind ist krank und -«

»Schalten Sie den Motor ab und steigen Sie aus dem Fahrzeug. Bitte.«

»Warum sollte ich -?«

Der Cop deutete auf seinen Wagen. »Das von meiner Dashcam aufgezeichnete Bildmaterial, Sir. Wenn Sie mit eigenen Augen sehen, was ich meine, werden Sie vielleicht einsichtig.«

»Kann ich danach dann weiterfahren?«

Der Cop nickte. Dieser herablassende Penner wollte es offenbar bei einer Verwarnung bewenden lassen. Na gut. Aber warum hatte er damit gewartet, bis sie hier draußen waren?

»Ich muss Ihren Dienstausweis sehen«, sagte Lenny.

»Selbstverständlich, Sir.«

Lenny schaute sich den Ausweis mit zusammengekniffenen Augen an. Das Ding sah koscher aus, das schon; andererseits wusste er nicht, wie ein gefälschter aussah. Er schaltete den Motor ab und zog den Schlüssel aus dem Zündschloss. Irgendjemand hatte ihm mal erzählt, dass man das tun musste, wenn man angehalten wurde: den Schlüssel abziehen und den Cops aushändigen.

Der Cop nickte, als wisse er diese Geste zu würdigen, und griff nach etwas hinter seinem Rücken. »Ich danke Ihnen für Ihre Kooperationsbereitschaft, Sir.«

Als er seinem wunderschönen Benz fast entstiegen war, hörte Lenny plötzlich ein Zischen und verspürte einen grauenvollen Schmerz im Nacken. Dann schaltete seine Welt sich ab.

KAPITEL 2

Als der im Jahre 1999 zugelassene silberfarbene BMW zum Stehen kam, straffte sich Detective Sergeant Ellie Buckland. Sie war es nicht gewohnt, einen Hosenanzug zu tragen, und hatte sich diesen hier gerade erst bei Hobbs gekauft. Zwar hatte sie etwas Konservatives gesucht, hatte aber der Versuchung, etwas zu wählen, was zumindest ein bisschen Farbe besaß, am Ende nicht widerstehen können. So hatte sie sich für dieses grau-violett karierte Modell entschieden. Sie nahm an, dass sie darin elegant aussah. Elegant schon, wohl fühlte sie sich in dem Aufzug dagegen nicht.

Das Gefährt wippte, als es zum Stehen kam. Die Tür des Wagens wurde aufgestoßen, und ihm entstieg ein Mann. Unter seinen Schuhsohlen knackten die gefrorenen Grashalme. Das musste DI Nixon sein, der Detective Inspector.

Sie machte sich daran, ihm entgegenzugehen. »Die Leiche wurde von der Morgenpatrouille aufgefunden, Sir«, rief sie ihm entgegen.

Er sah zu ihr auf und schlug die Tür seines uralten Wagens mit Wucht zu. »Ihnen auch einen schönen guten Morgen.«

»Natürlich, guten Morgen, Sir, ich -«

»DS Buckland, nicht wahr? Sind Sie schon lange vor Ort?«

Sie stolperte über ein Loch im Rasen. »Seit etwa zwanzig Minuten, mehr oder weniger.«

»Morgenpatrouille, sagen Sie? War das nicht der Titel eines alten Spielfilms?«

Für einen kurzen Moment fragte sie sich, ob er mit dieser Frage auf ihre Vergangenheit in der RAF, der Royal Air Force, anspielte. Sie hielt im Laufen inne und wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Und als die sarkastische Gestalt ein Stück näher kam, ging ihr plötzlich auf, dass das auf keinen Fall DI Nixon sein konnte. Sie versuchte, nicht allzu verwirrt dreinzublicken, als er etwa anderthalb Meter vor ihr stehen blieb, sie mit erhobenen Augenbrauen musterte und ganz offensichtlich eine Antwort erwartete.

»Nein, Sir«, sagte sie schließlich. »Mit Morgenpatrouille meinte ich Golfspieler, die vor dem ersten Hahnenschrei aufstehen.«

»Gegolft habe ich noch nie.«

Ah, Scheiße, schoss es ihr durch den Kopf. Das hier musste eine dieser Nummern sein, mit der man Leute an ihrem ersten Arbeitstag verarschen wollte. Zumal man ihr erzählt hatte, DI Nixon sei ein Scratch-Golfer mit einem Handicap von ungefähr 0 …

Sie versuchte, gelassen zu bleiben. »Wie auch immer, ich glaube, es wurde hier ganz nach Vorschrift vorgegangen.«

Er bedeutete ihr mit einem Winken, ihm zu folgen. Dann lief er offenbar aus reinem Instinkt heraus auf den abgesteckten Durchgang zu. Als er durch die Lücke in der Absperrung trat, eilte sie ihm nach.

Abrupt hielt er inne und drehte sich um. Daraufhin musste auch sie urplötzlich stehen bleiben, damit sie ihm nicht in die Hacken trat. Der Mann sah aus wie ein Boxer, der nicht mehr in Form war, hielt seinen Oberkörper aber immer noch leicht nach vorn gebeugt, als wolle er jeden Moment in den Ring steigen. Sie schätzte ihn auf einen Meter achtundsiebzig. Und auf etwas über zweihundert Pfund beim Einwiegen. Er hatte eine Wampe, wie sie Männern mittleren Alters eigen war, die unvereinbar wirkte mit dem Körper eines athletischen Mittelgewichtlers. Flinke Augen lagen unter trägen Augenlidern. Die Nase war leicht gekrümmt. Und er war eindeutig –

»Ich bin nicht DI Nixon«, sagte er.

»Dann muss da ein Fehler passiert sein. Ich sollte mich hier nämlich mit -«

»Nixon ist nicht im Dienst, er ist krank. Herzinfarkt.«

Entsetzt starrte sie ihn an. »Das kann nicht sein. Erst heute Morgen hat mein -«

»Der arme Kerl liegt im Krankenhaus. Das haben wir gerade erst erfahren. Ich bin Law. Sie werden mit mir zusammenarbeiten.«

»DCI Law? Der Detective Chief Inspector? Sind Sie nicht der SIO?«

»Meine Güte, das ging ja schnell.« Er lächelte kurz. »Bringen sie euch in Hendon jetzt nur noch Abkürzungen bei? Ja, ich bin der Senior Investigative Officer. Des MIT. Kennen Sie das?«

»Das Major Investigation Team.«

Er nickte, seine Züge verhärteten sich. »Vergessen Sie den Mist, den man Ihnen beigebracht hat, und lassen Sie sich von mir erklären, wie die Jagd nach einem Serienmörder in der realen Welt läuft. Ich habe drei Detective Inspectors unter mir: DI O’Keefe, der dafür verantwortlich ist, Informationen zu sammeln, DI Mendez, die für die Überwachung und das Observieren zuständig ist. Und DI Nixon, der für die Tatorte verantwortlich ist, derzeit aber dem Onkel Doktor untersteht.«

Auch seine Art sich zu artikulieren hatte etwas Besonderes, fand Buckland: Er drückte sich kultiviert aus, sogar vornehm; trotzdem sprach er manche Worte undeutlich aus, als würde er leicht lallen.

»DI Nixon wollte Sie bei Ihrem ersten Mordfall unter seine Fittiche nehmen. Aber Nixon steht nun nicht mehr zur Verfügung. Und wir werden seine Aufgaben keinem anderen Beamten übertragen.«

War das, was sie in seinem Atem roch, das, wofür sie es hielt? Unauffällig trat Buckland einen Schritt näher.

Ebenso unauffällig trat er einen Schritt zurück. »Stattdessen werde ich das jetzt übernehmen. Ich muss mithin als Tatort-DI fungieren und zugleich als SIO. Können Sie mir folgen?«

»Ich glaube ja.«

»Gut. Jeder der drei DIs hat fünf Detective Sergeants, und jeder der Detective Sergeants hat vier Detective Constables. Dann gibt es da die diversen uniformierten Beamten, die für den Fall abgestellt wurden, und all die anderen in Zivil – die Analytiker, der Betreuerstab und so weiter. Als ich das letzte Mal nachgezählt habe, waren es über hundert Leute, die alle nach einem Mann suchen. Nicht gerade Morse und Lewis, stimmt’s?«

Sie sah ihn an, wusste nicht, ob er gutgelaunt war oder nicht. Und er hatte eine Schnapsfahne, ohne jeden Zweifel.

»Sehe ich das richtig, dass das hier Ihr erster Mordfall ist?«

Sie nickte. Verdammter Mist, sie hatte sich so gut auf DI Nixon vorbereitet, sich mit allen Details zu seinem Berufs- und Privatleben vertraut gemacht, die ihr bei ihrer gemeinsamen Arbeit zum Vorteil hätten gereichen können. Aber über diesen Law wusste sie so gut wie nichts.

»Sie sind vor mir hier eingetroffen.« Er zuckte so heftig mit den Achseln, dass sein zerknittertes Jackett erzitterte, dann zeigte er mit der Hand in die Runde. »Warum fassen Sie nicht kurz für mich zusammen, was passiert ist?«

»Sir. Die Straße verläuft durch die Golfanlage, sodass die Morgen-Golfer den Wagen entdeckt haben, als sie zu diesem Loch hier kamen. Sie wollten wissen, was es damit auf sich hat, und haben dann die Leiche darin entdeckt -«

»Und sie aus dem Wagen gezerrt?«

»Jawohl, Sir. Über dem Kopf des Opfers war eine Tüte. Die haben sie heruntergerissen.«

»Was für ein Chaos.«

»Jawohl, Sir. Sie haben es gut gemeint, den Tatort aber auf das Übelste kontaminiert.«

Sie deutete mit dem Kopf auf eine ängstliche Vierergruppe, die auf dem Fairway stand: die Spieler, die den Toten gefunden hatten. Dicht gedrängt standen sie da, um einander Wärme zu spenden oder ein Gefühl von Sicherheit zu vermitteln, und traten auf dem frostigen Boden mit bleichen und entsetzten Mienen von einem Fuß auf den anderen.

»Wie sich herausstellte, haben sie in der vergangenen Woche im Golfclub an einem Kurs für Wiederbelebungsmaßnahmen teilgenommen. Mund-zu-Mund-Beatmung und dergleichen. Also haben sie die Wagentür geöffnet, das Opfer herausgezerrt und versucht, es wiederzubeleben.«

»Unglaublich. Kein Wunder, dass sie jetzt auf ihre Fußspitzen starren.«

Während sie sich die vier Golfer genauer ansah, fragte sie sich, ob deren Bestürzung auf den makabren Fund oder auf den unvermeidlichen Anschiss zurückzuführen war, den sie sich wegen der Kontaminierung von den SOCOs eingehandelt hatten. Sie hatte gehört, dass die Leute von der Spurensicherung hier in der Provinz »Kriminaltechniker« genannt wurden, wohingegen sie überall sonst »Scenes of Crimes Officers« – Tatortbeamte – hießen. So oder so eilte ihnen nicht gerade der Ruf voraus, sich in Zurückhaltung zu üben, wenn sie es mit Idioten zu tun bekamen, die Beweismittel ruinierten.

Sie überließ die vier Golfer ihrem Elend und schaute in Richtung der Leiche. Die lag auf dem Fairway, neben dem Wagen, einem funkelnagelneuen silberfarbenen Mercedes E-Klasse. Ein protziges Cabriolet.

»Werfen wir mal einen Blick auf den Star dieser Show.«

Sie schluckte, um der Trockenheit in ihrem Mund entgegenzuwirken, und folgte der zerknitterten Gestalt zum Herzen des Tatorts.

Neue Karriere; neuer Hosenanzug; neuer Boss; ihre erste Leiche in ihrem ersten Mordfall. Sie versuchte, den eiskalten Schweiß in ihren Handflächen zu ignorieren, und bückte sich, um das sechste Opfer des Road Rippers in Augenschein zu nehmen.

KAPITEL 3

Die Leiche trug ebenfalls einen Hosenanzug. Das Gesicht des Mannes war violett verfärbt, die Zunge hing heraus, die Augen waren blutunterlaufen. Er lag flach auf dem Rücken, was logisch war, da man versucht hatte, einen stümperhaften Wiederbelebungsversuch an ihm vorzunehmen.

Law hockte sich neben Buckland. »Sieht aus, als sei er erstickt worden. Sie erwähnten, dass das Opfer eine Tüte über dem Kopf hatte, Sergeant. Wo ist die jetzt, wissen Sie das?«

»Die SOCOs haben sie sichergestellt. Sie mussten ihr offenbar über den halben Golfplatz hinweg nachjagen. Und sie haben sich darüber beklagt, dass die Golfer sie angefasst hatten.«

»Sorgen Sie dafür, dass den vieren Fingerabdrücke abgenommen werden, damit wir sie ausschließen können.«

»Das habe ich bereits in die Wege geleitet, Sir.«

»Das haben Sie schon getan? Sehr schön. Obwohl es natürlich überhaupt keine Rolle spielen wird. Seine Fingerabdrücke werden nicht auf dieser Tüte sein.« Er zuckte mit den Achseln. »Er hat bei keinem der fünf vorausgegangenen Fälle irgendwelche Spuren hinterlassen.«

Sie wusste, dass das vor Jahren der für sie wichtigste Hinweis gewesen wäre: Die Tatsache, dass ein Täter wusste, wie man Spurenmaterial von den Gegenständen entfernte, die er an seinen Tatorten zurückließ. Heute verriet ihnen dieser Umstand lediglich, dass er sich einschlägige Sendungen auf dem Discovery Channel anschaute.

»Beschäftigen wir uns erst eingehender mit ihm, wenn der Gerichtsmediziner hier ist, und schauen wir uns im Moment erst mal seinen Wagen an.«

Sie richteten sich auf, drehten sich um und liefen auf den Benz zu.

»Er hinterlässt eine Signatur. Da – sehen Sie den Zettel unter dem Scheibenwischer?« Das frostige Gras gab unter ihren Füßen nach, als sie vor dem Fahrzeug stehen blieben. »Der Zettel steckt in einem Klarsichtbeutel, wie immer. Ist das schon fotografiert worden?«

»Ich bin versucht, die Frage zu bejahen, Sir – aber um ehrlich zu sein, weiß ich es nicht.«

Er nickte. »Gute Antwort. Ich höre lieber schlechte Nachrichten, als mit jemandem zusammenzuarbeiten, der es mir immer nur recht machen möchte. Bewegen Sie den Fotografen dazu, auf der Stelle zurückzukommen. Ich hätte gern ein Bild davon, bevor ich den Zettel anrühre.«

***

Der Fotograf schoss seine Fotos. Law streifte sich die Handschuhe über, zog die Schutzhülle vorsichtig unter dem Scheibenwischer hervor, öffnete sie und nahm das Stück Papier heraus. Er starrte darauf, so stumm, dass es sie fast zur Verzweiflung brachte, weil sie dadurch gezwungen war, sich dicht neben ihn zu stellen und sich den Hals zu verrenken, um etwas erkennen zu können.

»Was steht darauf, Sir?«

»Eine Zahlenfolge, mit der Hand geschrieben. Das ist sein Ding. Heute sind es die Ziffern 129, 133, 134 und 144. Was sie bedeuten – nun, was das angeht, habe ich genauso wenig Ahnung wie Sie. Wir haben es bislang mit fünf Leichen zu tun – das hier ist die sechste –, die alle in der Nähe der M25 aufgefunden wurden. Alle befanden sich in ihren Fahrzeugen, und jedes Mal klemmte eine Liste mit Zahlen unter den Scheibenwischern. Die Zahlen sind jedes Mal andere.«

Sie beobachtete, wie er um den Wagen herumlief, dabei immer wieder in die Fenster schaute und sich die Hand vor die Augen hielt, wenn das Licht ihn blendete. »Und nach den Erfahrungen der Vergangenheit zu urteilen …«

Irgendetwas stimmt mit seinen Händen nicht, dachte sie. Das war sogar durch die Handschuhe zu erkennen. Es sah so aus, als habe er Arthritis oder etwas in der Art; was es genau war, konnte sie allerdings nicht feststellen.

»Jawohl, da ist es. Ein kleines Spielzeug, dort, schauen Sie, auf dem Rücksitz.«

Sie begutachtete das Fundstück durch das Wagenfenster. »Sieht aus wie das Schühchen einer Puppe oder … Nein, warten Sie – ich glaube, das ist ein winziger Rollschuh.«

»Ja. Kleine Spielzeuge und nichtssagende Zahlenfolgen – Sie könnten sich über Nacht damit profilieren, wenn Sie herausfänden, was das zu bedeuten hat, Sergeant.«

Sie sah ihm in die Augen und hielt seinem Blick stand. »Wie Sie schon sagten, Sir, läuft das heute wohl nicht mehr so, oder?«

Ein angedeutetes Lächeln legte sich auf seine Lippen, schwand aber sofort wieder. »Sie sind also ein Teamplayer? Hervorragend. Dann können wir das ja alles bei dem morgigen Gold-Level-Meeting besprechen. Haben Sie so ungefähr den Durchblick, was die Hierarchiestufen im Einzelnen bedeuten?«

»In der Theorie schon, Sir. Der Gold-Level ist strategisch. Wir treffen uns mit dem DCS -«

»Mit Detective Chief Superintendent Rawl Greenidge. Ein sanfter Riese, der von irgendeiner kleinen Insel in der Karibik stammt, deren Namen ich immer wieder vergesse. Steht kurz vor der Pensionierung, ist aber blitzgescheit wie eh und je.«

»Silver-Level ist operativ – als Senior Investigator ist das Ihr Level, Sir. Und Bronze ist für besondere Aufgaben: Aufklärung, Überwachung, Tatort-Ermittlung.«

»Sie haben Ihre Hausaufgaben gemacht. Gut. Da ist noch etwas, das Sie wissen sollten. Wir bekommen einen praxisfremden Statistiker zugeteilt, der uns bei unseren Ermittlungen ›helfen‹ soll. Und der natürlich zum Gold-Level gehört. Ich weiß nicht, was die sich einbilden …«

Law ließ eine Schimpftirade vom Stapel. Als er sich die Handschuhe herunterriss, nutzte Buckland die Gelegenheit, sich seine Hände genauer anzusehen und dahinterzukommen, was mit ihnen los war. Die Hände waren zwar kräftig und männlich, doch er hatte lange, elegante Finger wie ein Chirurg. Was ungewöhnlich an ihnen war, konnte sie jetzt sehen. Die Knöchel von Zeige- und Ringfinger waren mit einer dicken roten Hornhaut bedeckt, als seien sie gebrochen gewesen und schief verheilt, oder als würden sie hervorstehen. Sie hatte recht gehabt. Der Mann war früher mal Boxer gewesen.

»… und zu einem Zeitpunkt, da der Polizeiapparat sechstausend Beamte abserviert, sind die hohen Herren plötzlich ganz verrückt auf kostspielige Experten. Vielleicht kann der uns ja was über die Zahlen erzählen. Dann hätte der unbrauchbare Schwachkopf wenigstens was zu tun.«

Etwas hinter ihm erregte ihre Aufmerksamkeit. »Sir? Ich glaube, da möchte jemand etwas von Ihnen.«

Er drehte sich so ruckartig um, dass seine Schuhe auf dem frostigen Boden knirschten. Eine Frau entstieg einem dunkelblauen Audi, winkte und beugte sich dann mit dem Oberkörper nach vorn, um eine Tasche vom Rücksitz des Wagens zu hieven.

»Dr. Callaghan, wie schön, Sie zu sehen. Wie geht’s meiner Lieblings-Gerichtsmedizinerin?«

Lachfältchen erschienen um die Augen der Frau, und sie lief auf Law und Buckland zu. »Schon gleich besser, weil ich Sie sehe, DCI Law.« Sie blieb wie angewurzelt stehen. »Arthur, was ist los? Sie sehen schrecklich aus!«

»Vielen Dank, Teagan. Sie dagegen sehen verdammt großartig aus, wie immer.«

Und die Pathologin sah wirklich fantastisch aus, dachte Buckland. Sie war schätzungsweise fünfzig und etwa einen Meter fünfundsechzig groß. In ihrer lindgrünen Killy-Jacke war sie wie ein frischer Wind an diesem Tatort, bildete einen Kontrast zu ihnen wie ein Nymphensittich zu zwei Tauben.

Sie trat einen Schritt auf die Pathologin zu und streckte ihr die Hand entgegen. »Ich bin DS Buckland, Ma’am.«

Dr. Teagan Callaghan schüttelte ihr die Hand und taxierte sie.

»DS Buckland kommt gerade frisch aus Hendon«, hörte sie ihren Boss erklären. »Eigentlich war geplant, dass DI Nixon sie einarbeitet, aber -«

»Das hab ich gehört. Der arme Kerl. Schön, Sie kennenzulernen, DS Buckland. Viel Glück mit Ihrem neuen Boss.« Callaghan wandte sich Law zu. »Um zu etwas Erfreulicherem überzugehen, wie geht’s Ihrer entzückenden Tochter? Hat sie immer noch Spaß an ihrem Medizinstudium?«

»Casey geht’s gut, vielen Dank. Sie ist inzwischen im zweiten Jahr. Nimmt derzeit Fahrstunden. Tatsache ist, dass sie heute ihre erste hat. Sie ist das ein bisschen später angegangen als die meisten anderen.«

»Fahrstunden. Und wir ermitteln hier in einer Serie von Fahrzeugmorden.« Die Gerichtsmedizinerin stellte ihre Tasche zwischen ihnen auf den Boden und schob sich mit beiden Händen das Haar nach hinten. »Wissen Sie, Arthur, ich habe auf der Fahrt gerade an Casey gedacht. Vielleicht entscheidet sie sich ja für den Fachbereich Pathologie. In diesem Fall könnte ich ihr ein bisschen helfen, mit gutem altmodischem Vitamin B.«

Als ihr Boss die Pathologin daraufhin mit ausdrucksloser Miene ansah, beschlich Buckland plötzlich das Gefühl, dass sie es hier mit einem einsamen Trinker zu tun hatte, der nicht die geringste Ahnung hatte, was seine erwachsene Tochter mit ihrem Leben anfangen wollte.

»Ich würde gern noch weiterplaudern, Teagan, aber wir machen uns besser an die Arbeit.« Er zeigte auf die frostige Anhöhe, auf der das Opfer lag. »Schauen wir uns die Leiche mal richtig an.«

KAPITEL 4

DS Ellie Buckland hielt ihren Dienstausweis an den Sensor und drückte den Knopf für die dritte Etage.

Als der Fahrstuhl nach oben fuhr, sprach sie aus Aberglaube ein stummes Dankgebet, weil ihr gelungen war, die Tatortbesichtigung hinter sich zu bringen, ohne alles zu vermasseln. Sie fand, dass sie ihre Sache ganz gut gemacht hatte. Klar, ihr war natürlich schlecht geworden, vor allem, als die Pathologin von ihnen verlangt hatte, die Leiche anzufassen und umzudrehen, damit sie den Rücken untersuchen konnte. Die Übelkeit hatte aber wieder nachgelassen, und niemand hatte ihr Frühstück zu Gesicht bekommen.

Mit einem Klingeln öffneten sich die Fahrstuhltüren. DCI Law wollte, dass sie den Fall für das Meeting zusammenfasste. Ihr Puls raste bei der Vorstellung, vor all diesen erfahrenen Polizeibeamten eine derart entscheidende Aufgabe zu übernehmen.

Bitte, Gott, ich will das so sehr – mach, dass ich das nicht versaue.

Sie bahnte sich ihren Weg durch einen neonröhrenhellen Korridor zur Einsatzzentrale. Als sie die Tür aufdrückte, blieb sie erst einmal staunend stehen. Das hier einen Raum zu nennen, wäre die Untertreibung schlechthin. Im Hinblick auf die Größe entsprach er eher der Halle in einem Kongresszentrum. Und die war zu einem Großraumbüro umgerüstet worden. Schlagartig bekam sie einen trockenen Mund: Über einhundert erfahrene Polizeibeamte und deren Mitarbeiter würden mit kritischem Blick ihre Arbeit beäugen.

Sie suchte nach dem Whiteboard und entdeckte es am anderen Ende des Raums neben einer Leinwand, einem Projektor und einem altmodischen Rednerpult. Sie marschierte darauf zu und war dankbar, sich an die Arbeit machen zu können, bevor dieser Ort sich füllte und die Computerbildschirme und Telefone in den einzelnen Büroboxen zum Leben erwachten.

Als sie schnellen Schrittes an den Gruppenräumen vorbeilief, in denen man sich in persönlicherem Rahmen zusammensetzen konnte, schaute sie zum Gemeinschaftsbereich herüber. Die Strahlen der niedrig stehenden Wintersonne fielen durch die Lamellenvorhänge und illuminierten das Board am anderen Ende des Raums.

Law war der Senior Investigator des Falles, der leitende Ermittlungsbeamte. Es war reiner Zufall gewesen – DI Nixons Herzinfarkt –, dass sie nun vorübergehend zu Laws Assistentin geworden war. Und er musste sie wirklich für fähig halten, weil er sie andernfalls nicht mit etwas so Gewaltigem wie diesem Fall betraut hätte. Sie würde tun, was sie konnte, um es gut zu machen. Trotzdem machte sie sich bereits bei der Vorstellung fast in die Hose.

Sie klappte ihren Laptop auf. Zuvor hatte sie bereits eine Tabelle vorbereitet, die sie nun auf das Whiteboard übertragen wollte. Sie nahm eine Rolle mit schwarzem Klebeband zur Hand und bastelte daraus die Zeilen und Spalten, die auf ihrem Spickzettel standen. Nachdem sie die benötigten Kästchen fertig hatte, begann sie, den Inhalt der Tabelle zu übertragen.

Sie nahm einen schwarzen Filzstift und schrieb in die erste Spalte die Namen der Opfer. In die zweite trug sie das Fahrzeugmodell ein, das sie gefahren hatten. In den folgenden Spalten vermerkte sie, was ihrer Meinung nach die herausstechenden Besonderheiten jedes einzelnen Verbrechens gewesen waren. In die vorletzte Zeile setzte sie die geheimnisvollen Zahlen ein, die auf den Zetteln unter dem Scheibenwischer gestanden hatten.

Und in die letzte Spalte schließlich schrieb sie das Spielzeug, das der Mörder am Tatort zurückgelassen hatte.

Sie überprüfte noch einmal die Richtigkeit aller Fakten, dann trat sie einen großen Schritt zurück und suchte nach Mustern.

Eine Sache war klar: Im Grunde gab es nur einen Tatort – die London Orbital.

Die M25-Mordserie hatte im Oktober vergangenen Jahres ihren Anfang genommen.

Das seltsamste an den Fällen war, dass sie zwar alle gleichermaßen brutal, aber völlig unterschiedlicher Art gewesen waren. Dem ersten Opfer war mit einem Tischlerhammer der Schädel eingeschlagen worden; dem zweiten Opfer war so lange der Brustkorb zusammengequetscht worden, bis seine gebrochenen Rippen die Lungen durchstoßen hatten; das dritte Opfer verblutete, weil sein Becken zertrümmert worden war, wodurch die Beckenarterien verletzt wurden. Sie war zwar keine Expertin, aber sie glaubte sich zu erinnern, dass es enormer Kraft bedurfte, um ein Becken zu brechen. Sie schaute in der Akte nach. Grundgütiger Himmel! Der Mörder hatte das Opfer mit dem Wagen des Opfers überfahren, um diese Verletzungen zu verursachen.

Law hatte erklärt, warum eine Verbindung zwischen den einzelnen Fällen bestand. Nach dem dritten Mord hatte das Kriminalanalyse-System HOLMES 2 auf eine Signatur aufmerksam gemacht, die in allen Fällen die gleiche war: Sämtliche Opfer waren hinter dem Steuer aufgefunden worden, wo man sie in einer unnatürlich perfekten Haltung in Pose gesetzt hatte. Bei allen Morden hatte der Täter auf dem Rücksitz ein Spielzeug und unter dem Scheibenwischer einen Zettel mit einer Zahlenfolge zurückgelassen.

Keiner hatte eine Idee, was die Nummern zu bedeuten oder ob sie überhaupt eine Bedeutung hatten. Und vermutlich deshalb wurde jetzt ein Statistiker hinzugezogen, der herausfinden sollte, ob sie zu irgendeinem obskuren Zahlensatz gehörten.

Es gab da noch ein weiteres Problem, und zwar in praktischer Hinsicht: Die Tatorte lagen verstreut auf einem Straßenring, der um London herumführte, was bedeutete, dass die Ermittlungen in mehr als einem polizeilichen Zuständigkeitsbereich angestellt werden mussten.

Aus genau diesem Grund hatte sie einen AA Straßenatlas von Großbritannien mitgebracht. Sie entschied sich für den Schreibtisch, der ihr am nächsten stand, und legte den Atlas, ohne auf die von Kaffeebechern verursachten Ränder zu achten, darauf und klappte ihn auf. Zuerst sichtete sie die Seiten mit dem Routenplaner, um eine Vorstellung davon zu bekommen, wo sich die London Orbital im Verhältnis zum ganzen Land befand, dann die Seiten 50 und 36, die den Verlauf der Autobahn im Detail zeigten.

Ob man sie liebte oder hasste, war unwichtig; fest stand, dass die M25 ein britisches Kultobjekt war. Sie zeichnete mit dem Finger nach, wie die Autobahn durch Kent, Surrey, Berkshire, Buckinghamshire, Middlesex, Hertfordshire und Essex führte, an manchen Stellen über die Landkreisgrenzen dessen führte, was zu Greater London zusammengefasst worden war. Nicht auf der Karte markiert waren die zahlreichen Polizeidienststellen, durch die sich die Verkehrsader wand. Es waren sechs, und zwar in Kent, Surrey, Thames Valley, Hertfordshire und Essex sowie in der Mitte der Metropolitan Police Service.

Territorialkonflikte waren da vorprogrammiert. Wenn jedoch eine Verbindung zwischen den Morden bestand, musste eine Polizeibehörde das Sagen haben, wie Law erklärt hatte – und so war am Ende die Londoner Polizei damit beauftragt worden, das Major Investigation Team zu bilden, das federführende Sondereinsatzkommando.

Sechs Polizeiapparate: Schon das zeigte, dass es sich hier um eine monumentale Ermittlung handelte.

Buckland hatte immer noch Freunde aus ihrer Zeit bei der Air Force – die Leute, die immer noch mit ihr sprachen –, die glaubten, es gebe aktive Ermittlungseinheiten bei Scotland Yard. Falsch. Die Arbeit wurde in ganz normalen Revieren wie diesem hier in Shoreditch geleistet und in riesigen Sondereinsatzräumen wie dem, in dem sie im Augenblick stand, und den man nach dem vierten Mord eingerichtet hatte.

Plötzlich besorgt, irgendeinen Fehler begangen oder etwas ausgelassen zu haben, schaute sie noch einmal auf ihre Tabelle, und sah ihn, genau da, Nummer 4: der arme Kerl, der an einem Riss der beiden überlebenswichtigen Organe in seinem Abdomen gestorben war.

Sie schaute in die Zeile darunter. Beim fünften Mord (bei dem die bizarre Todesursache eine Le Fort III-Oberkieferfraktur gewesen war – was das war, würde sie nachschlagen müssen) hatte man Law zum SIO ernannt. Er hatte daraufhin sein Team zusammengestellt, bis er am Abend des 4. Januars, einem Dienstag, einen neuen Detective akzeptiert hatte, der gerade erst seinen Abschluss am Hendon Police College gemacht hatte.

Sie.

Detective Sergeant Elisavet »Ellie« Buckland.

Trotz allem, was in ihrer Personalakte stand, hatte er sich für sie entschieden.

Und jetzt fühlte sie sich wie eine Hochstaplerin.

Hinter sich hörte sie ein Geräusch und drehte sich um. Es war Law, der schweigend auf ihre Arbeit starrte, sein Gesicht zeigte keinerlei Regung.

Im nächsten Moment nickte er. »In Ordnung, DS Buckland. Schätze, es wird Zeit, dass Sie das Team kennenlernen.«

KAPITEL 5

Als ihre neuen Kollegen in den Raum marschierten, bezog sie Stellung neben dem Whiteboard.

Einige setzten sich, andere blieben stehen, manche lehnten sich gegen die Wand oder gegen einen der Schreibtische, aber alle wollten sehen, wer die Neue war. Ein paar Nachzügler drückten auf ihren Telefonen herum, um rasch den letzten Anruf zu beenden, und suchten sich dann hastig irgendwo am Rand einen Platz, wobei sie mit dem Mund Entschuldigungen formten, mit denen sie Law bedachten, der gleich neben ihr stand. Sekunden später strafften sich alle, als der DCS zur Tür hereinstürmte.

Es wurde totenstill im Raum. Als Greenidge Platz nahm, protestierte sein Stuhl quietschend, und sein Knie knackte wie ein Pistolenschuss. Er fuhr sich mit den Fingern der einen Hand durchs Haar, rieb sich mit der anderen das Knie und musterte dabei heimlich mit vor Schmerz zusammengekniffenen, traurig in die Welt blickenden braunen Augen das versammelte Team. Dann richtete er seinen Blick auf Law und nickte ihm zu.

Law betrachtete das als sein Stichwort. »Guten Morgen, Sir. Morgen, Leute. Ich möchte Ihnen DS Ellie Buckland vorstellen. Sie wird uns heute die Zusammenfassung liefern.«

Sie beschloss, sofort zur Sache zu kommen und den ganzen Vorstellungskrampf, den man in Kursen zum Thema Unternehmensführung lernte, zu übergehen. Sie ignorierte das freundliche Gurren der Tauben ebenso wie die lüsternen Blicke der Raubvögel, und zeigte mit dem Finger auf die Überschriften ihrer Tabelle auf dem Whiteboard, die sie zugleich laut vorlas.

»Das Opfer, das Wagenmodell, der Tatort, die Todesart. Die vom Mörder zurückgelassenen Zahlen und Spielzeuge. Irgendeine Art von Botschaft.«

Sie schaute über ein Meer von was … etwa achtzig Gesichtern? Manche machten einen entzückten Eindruck; andere wirkten müde und gelangweilt.

Sie räusperte sich. »Was sehen Sie auf diesem Brett?«

»Einen Haufen ungelöster Mordfälle!«

Alle brachen in schallendes Gelächter aus. Law hob die Hand und öffnete den Mund, doch als er ihren Blick sah, besann er sich. Sie wartete, ließ das Gelächter einfach über sich ergehen, sagte nichts, konzentrierte sich darauf, keine Miene zu verziehen. Bitte, Gott, lass mich nicht rot werden. Das Gelächter verebbte und verstummte schließlich ganz. Es wurde still im Raum. Sie zwang sich, langsam und ruhig zu atmen und wartete; sie war wild entschlossen, kein Wort zu sagen.

Mehrere Sekunden vergingen.

»Alle Opfer sind Männer«, sagte jemand.

Der Triumph strömte durch ihre Venen, sodass sie sich zwingen musste, ihrer Stimme weiterhin einen neutralen Ton zu verleihen. »Richtig. Es sind alles Männer. Und das deutet darauf hin, dass auch der Mörder ein Mann ist.« Sie betonte das wie eine Feststellung, nicht wie eine Frage, und hoffte, dass die falsche Logik vielleicht irgendetwas in Gang setzte. »Ich habe gelesen, dass weibliche Serientäter äußerst selten sind – sie machen nur fünf Prozent der großen amerikanischen Serienmörder aus, richtig?«

»Es gibt noch etwas, was darauf schließen lässt, dass der Mörder aller Wahrscheinlichkeit nach ein Mann ist. Die Todesarten waren sehr körperlich.«

Sie schaute ins Publikum und identifizierte die Person, die das gesagt hatte: eine Frau mit schulterlangen blonden Haaren, die aus einem stahlharten Gesicht straff nach hinten gekämmt waren. Mit einem Mund, der wirkte, als würde er nur selten lächeln, und mit Augen, die verrieten, dass sie niemals lächelten.

»Das würde einer Frau körperlich zu viel Kraft abverlangen. Und die Mordmethoden sind auch – ich weiß nicht – sie fühlen sich einfach irgendwie mechanisch an.«

»Sie vergessen etwas, Yvette. Er oder sie benutzt eine Elektroschockpistole.«

Buckland suchte nach dem Besitzer dieser Stimme. Ein Orientale. Mit dunklem lockigem Haar und so viel Bartstoppeln am Kinn, dass es aussah wie ein Magnet, den man in Eisenspäne getunkt hatte.

Sie musste ihnen zeigen, wer hier das Kommando hatte. »Entschuldigen Sie bitte, Sie beide. Sie sind? Würden Sie sich wohl bitte vorstellen?«

»DC Yvette Loftus, Ma’am.«

»DC Ayaz Ashar, Ma’am – und was ich damit sagen will, ist, dass es durchaus weibliche Bodybuilder gibt, die Steroide schlucken und anderen Mist. Wir können einen weiblichen Täter nicht einfach ausschließen, nur weil die Morde alle so brutal waren.«

Loftus bedachte ihren Kollegen mit einem verächtlichen Blick. »Meinen Sie nicht, dass diese Morde einen maskulinen Charakter haben, Ayaz?«

Ashar hob die Hände, als übe er sich in der Kunst der Pantomime, um ihr zu vermitteln, dass er sich ergab.

Loftus zeigte mit dem Finger auf ihn. »Weibliche Serientäter morden vorwiegend mit Gift. Frauen morden innerhalb der Familie oder bei der Arbeit. Sie morden in Krankenhäusern und Pflegeheimen. Sie morden, um sich materiell zu bereichern. Sehen Sie davon irgendetwas in unseren Fällen?«

»Ich pflichte Ihnen bei, dass das Ganze ein bisschen nach Testosteron riecht. Ich finde nur, dass wir allen Möglichkeiten gegenüber aufgeschlossen bleiben sollten.«

»Es ist schwer, aufgeschlossen zu bleiben, wenn man seinem Hirn keine Chance gibt.«

Ashar zuckte mit den Achseln, als schwenke er die weiße Fahne. »Egal.«

Loftus nickte und erlaubte sich für den Bruchteil einer Sekunde einen triumphierenden Gesichtsausdruck. Buckland war aufgefallen, dass einige Teammitglieder bei dem aufmüpfigen Wortwechsel etwas munterer geworden waren, und sie gratulierte sich selbst dafür, zugelassen zu haben, dass die beiden ihren Disput austrugen; jetzt war es an der Zeit, das Heft wieder in die Hand zu nehmen und fortzufahren.

»Einigen wir uns im Moment mal darauf, dass der Täter körperlich ausgesprochen fit ist. Das müssen wir immer im Hinterkopf behalten. Ist er beispielsweise beim Militär – oder nur ein sportlicher Mensch?«

Den Analytiker musste sie später ausfindig machen und dafür sorgen, dass diese Punkte in HOLMES eingespeist wurden. Aber nicht jetzt. Im Moment ging es um Impulse.

»Befassen wir uns jetzt mal mit der Vorgehensweise«, fuhr sie fort. »Die meisten Serienmörder verfahren nach einem Modus Operandi, der immer der gleiche ist. Sie erschießen ihre Opfer, erstechen sie, ertränken sie, was immer das Faible des Täters eben ist. Schauen Sie sich die Namen an: Der Stockwell-Würger zum Beispiel. Manchmal wird dabei variiert: Peter Sutcliffe hat Werkzeuge benutzt – einen Hammer, ein Messer, einen angespitzten Schraubenzieher. Unterschiedliche Werkzeuge zwar, aber immer Werkzeuge. Unser Mörder allerdings tut das nicht. Für mich persönlich ist das einzig Auffallende an diesen Mordmethoden, dass sie alle so verschieden sind.«

»Damit liegt DS Buckland goldrichtig.«

Die Stimme, die das ausrief, hatte einen Glasgower Akzent, und sie suchte den Besitzer. Sie hatte von allen das gleiche zu verlangen, selbst dann, wenn der Knabe offenbar auf ihrer Seite war. »Stellen Sie sich bitte vor«, sagte sie daher.

»DS Kenny MacAdam.«

Graues Haar umrahmte ein längliches Gesicht mit sehr tiefen Falten. MacAdam sah aus, als sei er einer der ältesten Beamten im Team. Warum hatte er es da nicht zu einem höheren Dienstrang gebracht?

»Hinsichtlich der Vorgehensweise sind alle Fälle identisch. Er hält das Opfer an, setzt es mit einer Elektroschockpistole außer Gefecht und tötet es dann.« Mac Adam erhob sich und ließ den Blick beim Sprechen durch den Raum gleiten. »In der Tatausführung sind sie jedoch alle grundverschieden. Hughes starb an einer Kopfverletzung. Wilenski an einem Thoraxtrauma. Da Silva an einem zertrümmerten Becken. Cohen an Bauchverletzungen. Trotman an Gesichtsfrakturen … und Lenny Nelson ist gestern Abend – wir warten zwar noch auf den offiziellen Obduktionsbefund –, aber es ist davon auszugehen, dass er erstickt wurde.«

Law stellte sich vor die Gruppe. »Kenny hat recht. Erkennt irgendjemand ein Muster in diesen unterschiedlichen Todesarten?«

»Diesen Verletzungsmustern muss irgendein Symbolismus innewohnen, der uns bisher entgangen ist.« Das sagte der Boss. Greenidge hatte eine tolle Stimme, wie man sie sonst nur in einem Trailer für irgendeinen neuen Kinofilm hörte. Sein Bariton dröhnte förmlich durch den Raum. »Warum hören wir uns dazu nicht mal die Meinung eines Mediziners an? Vielleicht die eines der Pathologen?«

Law nickte. »Gute Idee, Sir. Ich bin sicher, dass Dr. Callaghan nichts dagegen einzuwenden hätte.«

»Prima. Machen wir das so.« Greenidge bedeutete Buckland mit einem Kopfnicken, doch bitte fortzufahren.

»Nach unserem gegenwärtigen Kenntnisstand«, sagte sie, »werden die Opfer willkürlich ausgewählt. Sie scheinen nicht viel gemein zu haben. Hughes war Labortechniker, Wilenski Dachdecker, da Silva besaß eine Restaurantkette, Cohen war Finanzberater, Nelson war Versicherungsvertreter, und Trotman war Zahnarzt. Wir haben die üblichen Stellen durchforstet, einschließlich der sozialen Netzwerke, und bislang deutet nichts darauf hin, dass sie einander je begegnet sind.«

»Was ist denn mit den Fahrzeugen? Besteht zwischen denen irgendeine Verbindung?« Wer das gefragt hatte, wusste sie. DI O’Keefe, der für das Sammeln der Informationen verantwortlich war. Eisblaue Augen, nach hinten gegeltes Haar und ein Glencheck-Jackett – dem Aussehen nach zu urteilen aus dem Laden für Übergrößen. Der Mann war gewaltig. Eine fleischige Hand umschlang den Starbucks-Becher, den er beim Sprechen hin und her schwenkte. »Autohändler, zum Beispiel?«

Der DCS nickte. »Es lohnt sich, mal einen Blick darauf zu werfen.«

»Das ist eines der Dinge, die nach dem heutigen Meeting in Angriff genommen werden müssen. Autos und Autohändler. Ich weiß, das ist Routinearbeit, aber die ist auch wichtig. Und das Gleiche gilt für die Bänder der Überwachungskameras, da muss Dampf gemacht und alles durchgesehen werden, Kamera für Kamera, Bild für Bild. Und drittens: Es muss bei den wichtigen, noch ausstehenden Befragungen peinlich genau bis ins kleinste Detail gegangen werden.«

Ebenso plötzlich wie spontan wurde gemault. Wie ungern sie diese Art von Kleinarbeit machten, konnte man an ihren Gesichtern ablesen.

Laws Stimme übertönte das allgemeine Gemurmel. »Bevor wir jetzt alle unserer Wege gehen, möchte ich betonen, dass wir unbedingt helle Köpfe für Folgendes brauchen: Was bedeuten die Zahlen? Was bedeuten die Spielzeuge? Welche Bedeutung haben die Orte, an denen die Leichen aufgefunden wurden?«

»Wer ruft Dr. Callaghan an?«, fragte Greenidge.

Buckland antwortete, bevor ein anderer die Chance hatte, ihr zuvorzukommen. »Ich werde das tun, Sir.« Als sie es ausgesprochen hatte, drehten sich ein paar Gesichter in ihre Richtung, und das Wort Speichellecker war in ihren Blicken zu lesen. Und scherte sie das? Nicht die Bohne.

Als Greenidge sich erhob, gab sein Knie wieder ein synoviales Knacken von sich, das so laut war wie ein Schuss. Als auch alle anderen im Raum aufgestanden waren, sah er sich um.

»DS Buckland – gute Arbeit und willkommen im Team.«

»Vielen Dank, Sir.«

»Und wir haben noch weitere Neuzugänge zu verzeichnen. Ein Team von Detectives der Greater Manchester Police wird uns ein paar Tage begleiten.«

Wieder wurde in der Runde gestöhnt, dieses Mal allerdings verhaltener.

Greenidge hob die Hand wie ein Verkehrspolizist. Das Team verstummte. »Ich verlange, dass Sie diese Leute herzlich willkommen heißen und ihr Besuch produktiv ist. Oh, und an unserer nächsten Einsatzbesprechung wird auch unser wissenschaftlicher Statistiker teilnehmen. Dr. Geoffrey fforde ist sein Name. Den man mit einem kleinen ›f‹ schreibt. Irgendein mittelalterlicher Brauch.«

Buckland spürte das kollektive resignierte Seufzen, das daraufhin erklang, mehr, als dass sie es hörte. Greenidge nickte seinen Leuten zum Abschied zu wie ein gütiger Stammesältester, und bewegte sich dann Achtung gebietenden Schrittes auf die Tür zu. Als er sie erreichte, drehte er sich noch einmal um.

»DS Law? Kann ich Sie bitte unter vier Augen in meinem Büro sprechen?«

KAPITEL 6

»Fünfunddreißig Jahre, Law. Nicht übel für den Sohn eines Mannes, der sich in den sechziger Jahren als Busschaffner verdingen musste. Und in diesen dreieinhalb Jahrzehnten habe ich mir daheim in Bequia ein Haus gebaut. Kann es kaum noch erwarten. Ich würde ja auf der Stelle gehen, aber die hohen Tiere wollen, dass ich den Fall hier noch zu Ende bringe.«

»Ich glaube, ich weiß gar nicht, wo Bequia ist. Und buchstabieren kann ich’s erst recht nicht.«

»Man buchstabiert es B-E-Q-U-I-A und spricht es BEH-KWAY aus. Ein idyllisches Plätzchen auf den Grenadinen, in der Nähe von St. Vincent im Osten des Karibischen Meeres. Sie müssen mich dort mal im Urlaub besuchen kommen und mir den neuesten Tratsch erzählen, sofern man Sie nicht feuert, bevor es dazu kommen könnte.«

»Ja, Sir. Na ja, ich sollte wirklich -«

»Einen Moment noch, Law. Nehmen Sie bitte Platz. Ich habe Ihnen etwas zu sagen. Sie wissen, wie groß der Druck ist, den man auf mich ausübt, nicht wahr? Der kommt direkt vom Stellvertretenden Commissioner, aber auch von ganz oben.«

»Ich weiß, wie das läuft.«

»Das ist der eigentliche Grund dafür, dass ich mich bereit erklärt habe, dem Team aus Manchester zu erlauben, Einblick in unsere Ermittlungen zu nehmen.«

»Was für Leute sind das, Sir?«

»DCI Robertson und -«

»Dean Robertson?«