The Open Path - Elias Amidon - E-Book

The Open Path E-Book

Elias Amidon

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Beschreibung

Dieses Buch führt uns zur direkten Erkenntnis nicht-dualistischen Gewahrseins als Essenz eines spirituellen Erwachens, das frei ist von den Verpflichtungen und dem kulturellen Kontext einer bestimmten Religion. Der Autor bietet den Lesern bei der Einführung in nichtdualistisches Gewahrsein eine klare und sich Schritt für Schritt vollziehende Unterstützung — weit weg von jedem Sektierertum. Bei diesem Prozess werden die Strukturen der Konzepte angegangen, die sich die Leser von sich selbst machen, und die Frische dieser Erkenntnis offenbart sich im Leben jedes Einzelnen von ihnen.

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Seitenzahl: 350

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Copyright © 2017 by Sufi Way Ltd.First published by Sentient Publications 2012

Copyright der deutschen Ausgabe© 2017 Theseus in J. Kamphausen Mediengruppe GmbH, Bielefeld

1. Auflage 2017

Übersetzung aus dem Englischen:Gunther Seipel, Sibylle Baier und Michaela von Britzkea

Lektorat:Susanne Klein, Hamburg, kleinebrise.net

Layout:Kerstin Fiebig, Bielefeld, ad-department.de

Coverdesign:Morian & Bayer-Eynck, Coesfeld, mbedesign.deCovermotiv © shutterstock/oktora

Druck & Verarbeitung:

CPI Books GmbH, Leck

ISBN Printausgabe: 978-3-95883-232-9

ISBN E-Book: 978-3-95883-233-6

www.weltinnenraum.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in derDeutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sindim Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Funk, Fernsehen und sonstigeKommunikationsmittel, fotomechanische oder vertonte Wiedergabe sowiedes auszugsweisen Nachdrucks vorbehalten.

Für Rabia

INHALT

Vorwort

Eine Bemerkung zu den Quellen des Open Path

1.Offenes Gewahrsein

Was ist offenes Gewahrsein?

Eine Anmerkung zu den Wörtern, die wir hier benutzen

Das Un-Bedingte und das Bedingte

Das Paradoxe

Übungen zu Kapitel 1: Offenes Gewahrsein

2.Die Praxis des subtilen Öffnens

Die Widersprüchlichkeit des Übens

Nichts erwarten

Die Körperhaltung

Übungen zu Kapitel 2: Die Praxis des subtilen Öffnens

3.Was verschleiert offenes Gewahrsein?

Identität herstellen

Tun

Vorlieben und Abneigungen

Wollen und Kontrollieren

Wissen und Bedeutung herstellen

Die Angst vor dem Verschwinden

Nichts verschleiert reines Gewahrsein

Übungen zu Kapitel 3: Was verschleiert offenes Gewahrsein?

4.Gedankenkonstruktionen und Fixierungen erkennen

Wie man lernt, Konstruktionen und Fixierungen wahrzunehmen

Fixierungen und ihr Ursprung

Fixierungen bemerken

Handeln ohne Voreingenommenheit

Freilassen im Augenblick des Entstehens

Übungen zu Kapitel 4: Gedankenkonstruktionen und Fixierungen erkennen

5.Selbstbefragung

Das Resonanzfeld

Die Eine Regel

Unauffindbarkeit

Weitere Wege der Selbstbefragung

Übungen zu Kapitel 5: Selbstbefragung

Einige Betrachtungen auf dem Open Path

6.Motivation und Anstrengungslosigkeit

Eine Übersicht

Motivation

Die innere Einstellung

Sehnsucht und Finden

Anstrengungslosigkeit

Schlussbemerkung

Übungen zu Kapitel 6: Motivation und Anstrengungslosigkeit

7.Über Nicht-Dualität und Gebet

Am Ende beginnen

Anfangen, wo wir sind

Bittgebete

Die indirekten Wohltaten eines Lebens des Gebets

Gebete der Annäherung und Nähe

Die Grenzen des Gebets

Lernen, wie man weise betet

Identitätsgebete

Gebete der Stille

Übungen zu Kapitel 7: Nicht-Dualität und Gebet

8.Die Kunst des Erwachens

Die Idee, dass etwas fehlt

Die Kunst des Erwachens

Die Ausübung der Kunst

Unterhaltungen, die ein Loslassen ermöglichen

Wie man eine kontemplative Praxis entwickelt, die auf Nicht-Tun beruht

Freilassen im Augenblick des Entstehens

9.Eine Kosmologie der Freude

Einleitung

Thema I: Die Abwesenheit von Geschichten erkennen

Thema II: Die Intimität von Offenheit erfahren

Thema III: Alles zugleich hingeben

Thema IV: Die Freude unbegrenzter Ganzheit

10. Der Ozean des Wohlwollens

Immanenz

1. Nicht-dualistisches Handeln

2. Gleichmut und Gelassenheit

3. Bedingungsloses Wohlwollen

Übung zu Kapitel 10: Der Ozean des Wohlwollens

11. Der Kern der Sache

Zusammenfassung des sechsten bis zehnten Kapitels

Der Kern der Sache

Aus dem Himmel herausgefallen

1. Tue nichts

2. Man muss es nicht wissen

3. Kein Subjekt

4. Dem Lauschen lauschen

5. Andeutungen

6. Entspanne

Die unsichtbare Gabe

Literatur

Meine Lehrer und Inspirationsquellen

Dank

Über den Autor

VORWORT

Dieses Buch ist ein Leitfaden zum Wachwerden in der spontanen Präsenz von Gewahrsein, unserer intimsten Natur und dem stillen Grund jeden Seins. Es richtet sich an alle, die entschlossen sind, dieses Erwachen jetzt zu verwirklichen, und die lernen möchten, es zu festigen und im Alltagsleben zum Ausdruck zu bringen.

Ursprünglich habe ich dieses Buch als Handbuch für die neunmonatigen Open Path-Trainings geschrieben, die derzeit in England, den Niederlanden, Deutschland und in den Vereinigten Staaten stattfinden. Während eines solchen Trainings werden diese schriftlichen Lehren durch drei mehrtägige Seminare, etliche Telefonkonferenzen und Einzelbegleitung ergänzt. Wenn auch diese Art des Lernens in kleinen Gruppen oder persönlichen Gesprächen ideal für diese Arbeit ist, so haben mich doch viele Open Path-Teilnehmer dazu ermutigt, dieses Kursmaterial auch unabhängig davon einer größeren Leserschaft zugänglich zu machen. Das Ergebnis dieser Anstöße ist das Buch, das du nun in Händen hältst.

Ich habe den Stil dieses Buches sehr nah am ursprünglichen Kursmaterial gehalten im Vertrauen darauf, dass Leser, die sich von diesem Buch angezogen fühlen, sich genauso intensiv mit dieser Materie auseinandersetzen werden wie die Teilnehmer des Neunmonatstrainings. Ein guter Weg könnte sein, dieses Buch mit einem Freund oder einer Gruppe von Freunden zu lesen, um Abschnitte, die euch interessieren, zu diskutieren und die Übungen gemeinsam zu machen. Solltest du das Buch allein lesen, ist es gut, langsam durch den Text zu gehen und manche Abschnitte mehr als einmal zu lesen. Es kann auch hilfreich sein, dich mit Büchern aus der Bibliografie vertraut zu machen und sie genauso aufmerksam zu lesen wie dieses Buch. Es ist eine gute Sache, das unmittelbare Erkennen nicht-dualistischen Gewahrseins aus ganz unterschiedlichen Traditionen heraus und in unterschiedlichen Ausdrucksformen zu erforschen.

Viele Kapitel in diesem Buch schließen mit Übungen. Man kann leicht über sie hinweggehen und denken, dass man schon irgendwann auf sie zurückkommen werde oder dass man schon einfach durch das Lesen versteht, um was es geht, und sich nicht wirklich in sie zu vertiefen braucht. Das mag auch manchmal durchaus so sein, aber meistens ist es so, dass sich, wenn man sich die Zeit nimmt, die Übungen durchzuführen – indem man eine tägliche Praxis des geistigen Ruhigwerdens aufrechterhält und den Alltag vereinfacht –, ein Gefühl von Gelassenheit und natürlicher Einsicht einstellt.

Andererseits möchte ich dich aber auch ermutigen, es nicht zu einer Bürde werden zu lassen, diese Texte zu studieren und dich auf diese Übungen einzulassen, und es nicht zu etwas zu machen, zu dem du dich zwingen musst. Die einfache Tatsache, dass du dieses Buch in den Händen hältst, ist an sich schon Beweis dafür, dass das „Wachwerden in der spontanen Präsenz von Gewahrsein“ schon in deinem Leben Einzug gehalten hat. Nichts muss hier mit Anstrengung gemacht werden. Öffne dich einfach für das Gewahrsein, so wie es ganz natürlich in deinem Leben auftaucht. Unternimm so viel oder so wenig an Studien und an Praxis, wie es sich für dich richtig anfühlt. Je mehr du dich natürlich dafür in deinem Leben öffnest, desto mehr wird es dich willkommen heißen. Aber mach dir keine Gedanken um das, was dabei herauskommt. Direkte Erkenntnis zeitlosen Gewahrseins ist nicht etwas, das man durch Anstrengung erringt. Es ist immer schon da und ist deine wahre Natur – jetzt.

Ich hoffe, dass wenigstens einige der Lehren, Übungen und Methoden, die ich hier beschreibe, es dir ermöglichen, synchronistisch das klare Licht zeitlosen Gewahrseins zu erkennen. Ich benutze das Wort „synchronistisch“, weil die Erkenntnis der spontanen Präsenz nicht-dualistischen Gewahrseins eigentlich gar nicht von einer Person zu einer anderen Person weitergegeben werden kann. Auf das durchscheinende Licht von Gewahrsein, das der immer-gegenwärtige Grund allen Seins ist, kann man nur hindeuten, wenn es in Wahrheit auch keine Richtung gibt, in die man verlässlich deuten könnte. Selbst wenn man es „durchscheinendes Licht“ oder „Präsenz“ oder „nicht-dualistisches Gewahrsein“ oder „es“ nennt – den Kern trifft dies alles nicht. Nichts, was man mit Worten beschreiben kann, vermag angemessen zu repräsentieren, was gleichzeitig anwesend und abwesend ist, immanent und transzendent und tatsächlich jenseits jeglicher Dimensionen, in denen diese Art von Polarisierungen einen Sinn ergeben. Es lässt kein Entwerfen von Konzepten zu. Und noch direkter: Es gibt keine Formel, die garantiert zu seiner Erkenntnis führt. Letztendlich ist es eine synchronistische Gnadengabe. Und doch ist es möglich, sich sozusagen „auf ihren Weg zu stellen“, wie es der Sufi-Mystiker Ibn al ‘Arabi ausdrückte. Und genau das ist der Zweck dieses Buches.

Eine Bemerkung zu den Quellen des Open Path

Der Ansatz des Open Path, so wie er in diesem Buch dargestellt wird, ist zutiefst geprägt durch die vierzig Jahre meines Sufi-Trainings und das umfassende Studium anderer mystischer Traditionen. (Diese Quellen sind am Ende des Buches angeführt).

Daher bezieht der Open Path seine Methoden und Übungen aus vielen verschiedenen Quellen: aus klassischen und modernen Sufi-Praktiken, Übungen und Lehren, zeitgenössischen psychologischen Methoden zur Auflösung mentaler und emotionaler Fixierungen, Meditationsübungen aus unterschiedlichen Traditionen, Formen der Selbstbefragung aus dem Zen, dem Advaita Vedanta, dem tibetischen Dzogchen und Mahamudra-Traditionen sowie aus den Lehren vieler anderer historischer und zeitgenössischer nicht-dualistischer Lehrer des Westens.

Der Open Path schließt alles ein. Er gibt nicht vor, originär zu sein – er bedient sich bei vielen anderen Traditionen und Lehrern. Dies erkenne ich hier mit tiefster Dankbarkeit für all ihre unschätzbaren Geschenke an.

1. OFFENES GEWAHRSEIN

»Gewahrsein ist uranfänglich; es ist der ursprüngliche Zustand, ohne Anfang, ohne Ende, ohne Ursache, ohne Stütze, ungeteilt, unverändert … Es ist die gemeinsame Matrix jeglicher Erfahrung.«1Sri Nisargadatta Maharaj (ca. 1960)

Einer der freudigsten Augenblicke im Leben eines spirituell Suchenden tritt ein, wenn das Forschen endlich ein Ende findet, wenn wir erkennen, dass das lang verfolgte Ziel dieser spirituellen Suche schon als unser natürliches Gewahrsein präsent ist. Wir erkennen, dass wir sind, was wir suchen – dieses transparente, reine Gewahrsein im Zentrum unseres Seins ist ein klares Fenster in die Einheit. Mit dieser Klärung kommt auch die Erkenntnis, dass nichts mehr zu tun ist. Nichts muss sich ändern. Wir brauchen nichts an uns zu verbessern. Uns allen steht dieses erleuchtete Gewahrsein seit jeher zu, weil es unsere innerste Natur ist. Diese Erkenntnis öffnet in uns ein unbeschreibliches Gefühl der Erleichterung und befreit uns von Selbstvorwürfen. Wir verstehen in diesen Augenblicken des Erkennens, dass wir vollkommen eins sind mit der gesamten Wirklichkeit, dass es immer schon so gewesen ist und dass dieser natürliche Zustand völlig sicher ist, frei und freundlich; er erstrahlt in überirdischer Schönheit. Wir müssen nichts tun, um dies wahr sein zu lassen. Es geschieht ganz von selbst.

Das zentrale Anliegen des Open Path ist einfach, uns vertraut zu machen mit dem Prozess des Öffnens in die fundamentale Verwirklichung dessen, was jetzt und schon immer wahr ist; wir lernen, wie wir uns in diese uns angeborene Natur hinein entspannen können und wie wir dieses Erkennen, das ich oft „offenes Gewahrsein“ oder einfach „Gewahrsein“ nenne, stabilisieren können.

Was ist offenes Gewahrsein?

Diese Frage ist der Kern unserer gemeinsamen Arbeit. Wir werden viele Worte und Übungen benutzen, um uns auf diese Frage zu konzentrieren, sodass wir immer wieder und jedes Mal direkten Einblick in das erhalten, was diese Frage uns fragt. Die Antwort, die aufsteigt, hat allerdings nichts mit Worten zu tun. Jeder von uns muss vielmehr Worte und Gedanken hinter sich lassen, um der Antwort, die kommen will, Raum zu geben. Sie wird uns intuitiv erscheinen, von innen nach außen. Im Grunde „erscheint“ sie nicht einmal, so wie ein Bild oder ein Gedanke in unserem Gewahrsein, denn bei diesem Fragen geht es darum, Gewahrsein sich seiner selbst gewahr sein zu lassen.

Damit wollen wir etwas Unmögliches: Gewahrsein kann sich genauso wenig seiner selbst gewahr sein, wie das Auge sich selbst sehen kann. Warum? Zunächst einmal weil Gewahrsein weder ein Ding noch ein Objekt ist. Es hat weder Gestalt noch Farbe. Es ist vollkommen transparent und unsichtbar. Darüber hinaus kann es weder gefühlt noch gespürt werden als irgendetwas, das uns Gewahrsein als etwas da draußen erkennbar werden lässt. Und doch wissen wir, dass wir gewahr sind und Gewahrsein einfach ist. Gewahrsein ist die Grundlage für all unsere vergangenen oder zukünftigen Erfahrungen. Jedes Objekt, jeder Gedanke, jedes Gefühl, jedes Spüren, jede Erinnerung ist uns dadurch bekannt, dass all dies im Gewahrsein erscheint. Ohne Gewahrsein könnte nichts erkannt werden. Gewahrsein ist die Wurzel unseres gesamten Existenzgefühls, aber wo ist es? Was ist es? Wie kann man es fassen? Wir wissen, dass es da ist, aber jedes Mal wenn wir versuchen, das Gewahrsein direkt anzuschauen, sehen wir … nichts!

Das ist ein Anhaltspunkt. Gewahrsein ist kein Ding. Wir könnten sagen, dass es nichts ist, aber ist es einfach nur nichts? Es ist Gewahrsein! Was immer es ist, es nimmt niemals konkrete Formen an. Es ist, wie ein Buddhist es beschreiben könnte, leer, hat keine Dinghaftigkeit. Es ist offen. Es hat keinen Umriss. Es ist Geräumigkeit und Weite an sich. Es ist grenzenlos, aber doch irgendwie völlig präsent. Und es ist hell: vollkommen klar und gleichzeitig Licht tragend, das heißt, es ist das „Licht des Gewahrseins“.

In diesem Buch werden wir immer wieder auf die Frage zurückkommen, was offenes Gewahrsein ist –, und uns dazu anhalten, diese Frage ohne Vorannahmen zu untersuchen, für uns selbst, nicht im Abstrakten, sondern direkt und erfahrungsgebunden. Ich schlage vor, es gleich hier und jetzt zu versuchen. Beobachte, während du diesen Text liest, wie du der Worte, aus dem der Text besteht, gewahr bist, der Gedanken, die daraus entspringen, der Form der Buchstaben, der Weiße des Papiers, auf dem sie geschrieben sind, oder des Computerbildschirms, auch der Dinge, die du peripher im Raum wahrnimmst, in dem du dies liest, und wie sich dein Körper beim Sitzen anfühlt. Dies alles sind Wahrnehmungen, die in „deinem“ Gewahrsein erscheinen. Sie können gesehen, gefühlt oder gespürt werden.

Was kann aber über das Gewahrsein gesagt werden, das sich dieser Wahrnehmungen gewahr ist? Schaue so tief und stetig, wie du nur kannst. Mache dich vertraut mit diesem Schauen, als ob du dich um 180 Grad drehst, vom Nach-außen-Schauen zum Nach-innen-Schauen – hin zu dem, was schaut. Was „siehst“ du? Erkunde dies selbst, sooft du kannst. Hier ein Hinweis: Wenn du Ausschau nach etwas hältst, wirst du enttäuscht werden. Erlaube dir stattdessen, dich entspannt von allem „Ausschauhalten“ zu lösen – und einfach zu „sehen“, ohne zu versuchen, eine Entdeckung zu machen. Entspanne dich. Obwohl sich Gewahrsein nicht des Gewahrseins gewahr sein kann, kann es es doch sein. Es ist es, von Natur aus.

Manche sagen, dass es an diesem Punkt hilft, wenn man den Blickwinkel verschiebt: Anstatt nach etwas mit den Augen oder dem Intellekt zu suchen, erlaube deinem Herzen, sich für die Frage zu öffnen: „Was ist Gewahrsein?“ Unter „Herz“ verstehe ich die gesamte Präsenz von Gewahrsein, in der Intellekt und Wahrnehmungen sowie körperliche und emotionale Empfindungen und Gefühle stattfinden. Die Sufis nennen es Al ‘Ayn Al Qalb – „das Auge des Herzens“. Dies ist ganz einfach die Gesamtheit des Gewahrseins, wie sie durch deinen Körper erfahren wird. Öffne dich für die All-Gegenwärtigkeit des Gewahrseins mit ganzem Herzen.

Eine Anmerkung zu den Wörtern, die wir hier benutzen

Auf den folgenden Seiten werde ich viele Namen benutzen, um auf diese unbeschreibliche, aber zweifellos erkennbare Realität hinzudeuten – den sublimen Grund allen Seins. Diese unterschiedlichen Namen, die aus vielen spirituellen Traditionen der Welt stammen, deuten sowohl auf diese ursprüngliche Realität hin als auch auf unsere Fähigkeit, sie zu erkennen: nicht-dualistisches Gewahrsein, reines Gewahrsein, offenes Gewahrsein, Gegenwart-Gewahrsam, un-bedingter Geist, Rigpa, Ur-Erfahrung, Dies, Grundzustand, das Sublime, Buddha-Natur, ursprüngliche Natur, spontane Präsenz, die Einheit des Seins, der Seinsgrund oder Urgrund des Seins, das Reale, Klarheit, Gottes-Bewusstsein, göttliches Licht, das klare Licht, Illumination, Erkenntnis, Realisierung, Erleuchtung.

Diese Begriffe beziehen sich alle auf die Realität, die ungezählte Sucher im Laufe der Geschichte erkundet haben, worüber sie meditiert haben, die sie erfahren haben, von der sie gesprochen haben. Wie auch immer es ausgedrückt wird, diese Bezeichnungen weisen hin auf das letztendliche Ziel menschlichen Verlangens nach Erfüllung, Glück und Zugehörigkeit sowie auf das Ziel allen spirituellen Suchens: die Erkenntnis, dass wir letztlich untrennbar sind von dem, was die Sufis den „uferlosen Ozean“ des un-bedingten Gewahrseins und der Liebe nennen.

In diesem Kapitel sowie im weiteren Verlauf des Buches benutze ich einfach „offenes Gewahrsein“ und „Gewahrsein“, um diese frische, allgegenwärtige Realität zu benennen, weil diese Ausdrücke relativ frei sind von religiösen Konnotationen und mehr auf eine direkt erlebbare Erfahrung hinweisen als zum Beispiel „Erleuchtung“ oder „Realisierung“. Auf diese Weise gibt uns unser alltägliches, persönliches Gefühl von Gewahrsein einen Zugang zum Erleben eines zeitlosen Seins frei von Konzepten. Das näher bestimmende Wort „offen“ deutet an, dass es sich hier um das grenzenlose Gewahrsein an sich handelt, das inhaltsfrei ist, leer und unbeeinflusst von allen Phänomenen, die in ihm aufscheinen – genauso wie ein Spiegel nicht betroffen ist von dem, was sich in ihm zeigt.

Aber auch der Ausdruck „offenes Gewahrsein“ ist nicht perfekt. Wenn man etwas „offen“ nennt – oder ein beliebiges anderes Adjektiv benutzt –, beinhaltet dies stillschweigend immer auch ein Gegenteil. Und das, worum es uns geht, hat kein Gegenteil. Außerdem schwingt für viele Menschen bei Begriffen wie „offenes Gewahrsein“ – oder auch einfach nur „Gewahrsein“ – zu wenig Göttliches mit, wie immer das nun interpretiert werden mag. Anstatt mich aber in diesen Bedenken zu verstricken, hoffe ich, dass du im Fortgang dieses Buches eine Geschicklichkeit darin entwickelst, über die Grenzen der verwendeten Wörter hinauszusehen und ihre tiefere Bedeutung im Herzen zu empfinden.

Das Problem ist, dass Sprache grundsätzlich dualistisch ist. Sie ist ein ständiger Prozess von Zustimmung, Ablehnung oder dem Vergleichen des Wertes einer Sache mit einer anderen. Ihre Subjekt-Prädikat-Struktur kann darüber hinaus nicht umhin, immer die Subjekt-Objekt-Polarität zu verstärken, die uns fortwährend als abgesonderte Geschöpfe bestimmt, die sich durch eine Welt von voneinander getrennten Objekten einen Weg bahnen müssen. Der Gebrauch von Pronomen ist ein weiteres gutes Beispiel für die dualistische Struktur unserer Sprache. Wie praktisch sie auch sein mögen, die Pronomen „ich“, „du“, „er“, „sie“, „mich“, „mein“ usw. implizieren, dass voneinander getrennte einzelne Dinge oder Wesenheiten tatsächlich existieren. Ein anderes linguistisches Problem ist unser Gebrauch von Präpositionen. Wenn wir beispielsweise sagen: Verweile im natürlichen tiefen Frieden, dann beinhaltet das eine ganz bestimmte Topographie: Etwas ruht in etwas anderem. Schon wieder lokalisieren wir voneinander getrennte „Etwasse“ im Raum in Bezug aufeinander, während das, was zum Ausdruck kommen will, weder etwas mit Raum noch mit „Dinglichkeit“ zu tun hat.

Würden wir hingegen versuchen, jegliche Sprachformen zu meiden, die dualistisch interpretiert werden könnten, dann hätten wir für unser Werk hier nur ein recht armseliges Werkzeug an der Hand. Also werde ich im Folgenden nicht versuchen, von Pronomen, Präpositionen oder sonstigen Ausdrücken wegzusteuern, die man dualistisch interpretieren könnte. Aber ich verändere Wörter häufiger, definiere sie um oder stelle sie zwischen Anführungszeichen; ich zeige ihre Begrenzungen auf, auch wenn ich sie benutze, und vertraue darauf, dass du sie ihre Wirkung entfalten lässt – wie provisorisch es dabei auch immer zugehen mag. Wenn wir Glück haben, werden die von mir in diesem Buch verwendeten Wörter – und Methoden – ohnehin letztlich ganz wegfallen, wenn die natürliche Wahrheit klar zum Vorschein kommt.

Noch ein letzter Punkt zum Thema Sprache: Wenn wir beschreibende Wörter und Sätze benutzen, um uns auf eine Realität zu beziehen, die das „letztendliche Ziel menschlichen Verlangens“ ist, dann kann es leicht geschehen, dass dieses Ziel unerreichbar erscheint für normale Sterbliche, wie wir es sind. Die meisten religiösen und mystischen Traditionen haben immer schon die Ansicht vertreten und betont, dass eine Kluft zwischen normalen Menschen und sublimer Weisheit besteht. Zu einem gewissen Grade haben wir alle die Vorstellung ererbt, dass Erleuchtung jenseits unserer Reichweite liegt. Eines der zentralen Ziele des Open Path ist unsere Befreiung von dieser Fixierung, denn sie ist nur eine Vorstellung. Reines Gewahrsein, Erleuchtung, Erwachen, Realisierung ist unser Geburtsrecht – in Wirklichkeit sind wir es schon. Wir brauchen nichts zu tun, um es zu erlangen. In Wahrheit tun wir alle schon viel zu viel – sowohl äußerlich als auch innerlich – und genau dieses „Tun“ ist es doch, was uns den Weg des Erkennens dieser präsenten, weiten, strahlenden Natur verstellt, die unserem Wesen und aller Wesenheit innewohnt.

Das Un-Bedingte und das Bedingte

Vielleicht hast du ja schon gemerkt, dass wir angefangen haben, eine Unterscheidung zwischen offenem Gewahrsein, das ohne Inhalte ist, und den verschiedenen Phänomenen zu treffen, die die alltäglichen Inhalte unseres Gewahrseins ausmachen. Diese Unterscheidung ist identisch mit der, die wir zwischen dem vollziehen, was wir „das Un-Bedingte“ und „das Bedingte“ nennen. Wir werden darauf zurückkommen, wie die Begrenztheit unseres bedingten Bewusstseins erkannt und losgelassen werden kann, sodass wir uns für das un-bedingte, reine Gewahrsein öffnen können. Wir werden auch auf etwas hindeuten, das auf den ersten Blick so aussehen mag, als sei der „absolute Bereich“ offenen Gewahrseins etwas anderes als der „relative Bereich“ des bedingten Lebens. Diese Unterscheidung ist jedoch eine pädagogische Finte, die im Frühstadium unserer Arbeit recht wichtig ist. Man könnte zwar argumentieren, dass eine Polarisierung dieser Art in völligem Widerspruch zur Essenz des nicht-dualistischen Gewahrseins steht, aber ich glaube, es ist hilfreich, anfänglich diese Unterscheidung zu treffen und diese beiden Aspekte unserer Erfahrung auseinanderzuhalten, um unnötige Verwirrung zu vermeiden. In späteren Phasen unserer gemeinsamen Arbeit werden wir sehen, dass die alltägliche konditionierte Erfahrung und das reine un-bedingte, offene Gewahrsein voneinander untrennbar sind.

Diese scheinbare Gegensätzlichkeit zwischen dem Un-Bedingten und dem Bedingten ist wohlbekannt und zieht sich durch alle religiösen und spirituellen Traditionen. Wir sehen sie in den Archetypen von Gott und Luzifer, dem Heiligen und dem Profanen, dem Absoluten und dem Relativen, Himmel und Erde, Nirvana und Samsara, dem Unendlichen und dem Endlichen, dem Einen und dem Vielen, dem Ewigen und dem Sterblichen und so weiter. Ein wichtiger Grund, diese beiden Aspekte „auseinanderzuhalten“, liegt darin, dass uns dies erlaubt, unsere gewohnheitsmäßigen Vorstellungen über die Realität unserer bedingten alltäglichen Erfahrung infrage zu stellen – und so den transparenten Grund, aus dem alle Erfahrung aufsteigt, erkennen zu können.

Wir erscheinen alle als menschliche Geschöpfe, deren Körper-Geist-Wesen offenbar das Resultat einer schier endlosen Geschichte von Bedingtheiten sind, die zu unserer physischen Existenz in diesem Augenblick geführt haben. Wir können diesem Bedingtsein nicht entrinnen. Wir können unserem Karma nicht entkommen, das unsere Körper-Geist-Gestalt in Zeit und Raum geschaffen hat. Dieses immense Feld scheinbarer Bedingtheiten ist so komplex und so fern vom Bereich menschlicher Erkenntnis, dass wir nur in Ehrfurcht darüber staunen können, überhaupt in dieser Form hier zu sein.

Wenn wir uns jedoch in diesem unendlichen Meer von Bedingtheiten an eine spezifische Identität als ein persönliches „Ich“ binden, dann wird diese Bindung eine Quelle großen Leidens. Stellt euch zum Beispiel ein fünfzehnjähriges Mädchen vor, das sich hasst, weil es denkt, nicht so hübsch oder beliebt zu sein wie ihre Klassenkameradinnen. Diese Auffassung über ihre Identität existiert aufgrund vieler Bedingungen – infolge ihrer Kultur und ihres sozialen Status, ihrer genetischen Ausstattung, ihrer Religion, ihrer spezifischen Ausbildung, ihrer Familie usw. Während sie versucht herauszufinden, wer sie ist, sieht sie sich überall in diesen Bedingungen gespiegelt und glaubt, dass ihre Interpretation davon zutreffend sei. Hier handelt es sich um „auf sich selbst bezogenes Bewusstsein“ oder bedingtes Bewusstsein.

Das bedingte Bewusstsein glaubt, dass es eine Wesenheit gäbe, ein Ich, das haben muss, was es sich wünscht, und das zu vermeiden sucht, was es nicht will, um glücklich zu sein. Ein äußerst komplexes Feld von Neigungen und Abneigungen, von Hoffnungen und Befürchtungen sucht diese Idee eines Ichs heim und erweckt so den Anschein, dieses Ich habe Bestand, Substanz und Realität. In unserer Identifikation mit diesem Ich liegt die Wurzel unserer Unzufriedenheit und unseres Leidens.

In diesem Buch werden wir mit verschiedenen Mitteln daran arbeiten, diese Konstruktionen durchschauen zu lernen – die Bedingtheiten, die eingeschliffenen Ideen, die wir über unsere Identität haben und für wahr halten, die ausgebildeten Strukturen, die uns genauso in Trugschlüssen bezüglich unserer Identität gefangen halten wie die geschilderten das fünfzehnjährige Mädchen. Althergebrachte Annahmen sowie mentale und emotionale Konditionierungen wieder abzubauen ist nicht immer angenehm, aber es ist durchaus möglich und auch nicht so schwierig, wie wir manchmal meinen. Wir neigen dazu, unseren persönlichen Fixierungen eine konkrete Realität zuzuschreiben, während sie in Wirklichkeit aller Substanz entbehren. Wenn wir ihnen klar und beständig begegnen, verschwinden sie wie Schnee im Wasser.

Dieses „Verschwinden“ ist die spontane Anwesenheit des Un-Bedingten mitten im Bedingten. Alles, was wir für wahr halten, ist bedingt. Wenn wir uns nicht länger an unsere Glaubensvorstellungen klammern, öffnen wir uns für die Klarheit des un-bedingten und von selbst stattfindenden Gewahrseins.

Das Paradoxe

Ich möchte auch noch auf den häufigen Gebrauch paradoxer Ausdrucksweisen in unserer gemeinsamen Arbeit hinweisen. Ein „Paradox“ benennt in diesem Kontext eine sprachliche Kollision, die uns dabei hilft, das dualistische Subjekt-Objekt-Arrangement unserer Gedanken und der Sprache zu durchbrechen, mit der wir unsere Alltagswelt und unsere Annahmen über sie definieren. Ein Paradox ist die Inkonsistenz zweier widersprüchlicher Feststellungen, von denen jeweils behauptet wird, dass sie wahr seien. Ihre Kollision führt zu vorübergehenden Kurzschlüssen bei unseren üblichen Gedanken und Annahmen. Und durch diese „Lücke“ hindurch lässt sich manchmal blitzartig das Wirkliche erfahren.

So kann es zum Beispiel, wie oben schon erwähnt, sein, dass wir die Offenheit von Gewahrsein als Nichts „erleben“. Genauso ist es auch: Offenes Gewahrsein ist nichts. Aber es ist auch Gewahrsein. Wie kann es gleichzeitig „nichts“ und „gewahr“ sein? Dadurch, dass offenes Gewahrsein anscheinend ein „Zustand“ ist, den wir benennen und über den wir nachdenken können, kann es leicht geschehen, dass wir es behandeln, als sei es ein Ding wie jedes andere. Aber es ist kein Ding oder Zustand. Es ist vielmehr leer, ohne Bedingungen und Eigenschaften. Die spontane Präsenz des un-bedingten, offenen Gewahrseins hat keine Grenzen oder Einschränkungen. Es ist nichts Persönliches, und doch ist es die Essenz unseres Wesens. Eine Analogie wäre, sich vorzustellen, dass Gewahrsein wie der Raum ist, grenzenlos, ohne Anfang oder Ende, seinem Wesen nach leer – aber alle Phänomene erscheinen darin. Und wie der Raum, so ist auch Gewahrsein weit offen – das heißt ohne Inhalt, ohne Struktur, ohne Bedingungen, ohne persönliches Selbst. Diese Offenheit durchzieht alle Dinge. Es ist kein Ding, aber es durchzieht alle Dinge. Wenn Beschreibungen diesen Grad an Paradoxie erreichen, dann fangen sie an, die Grenzen der Sprache zu durchstoßen und auf eine andere Ordnung des Verstehens hinzuweisen.

Den gleichen Versuch, das paradoxe Miteinander-Erscheinen des „Einen und des Alles“ auszudrücken, finden wir im Werk des großen Sufi-Meisters Ibn al ‘Arabi:2

»Wie kann ich Dies kennen, wenn Es das zuinnerst Versteckte ist, das nicht bekannt ist? Wie kann ich Dies nicht kennen, wenn Es das im Äußeren Manifestierte ist, das Sich mir durch alle Dinge bekannt macht? Wie kann ich Seine Einheit erkennen, wenn ich doch in meiner Einzelheit keine Existenz habe? Wie kann ich Seine Einheit nicht erkennen, wenn Einssein das Geheimnis des Dienens ist?

Diesem sei Ehre! Es gibt nichts außer Diesem! Nichts kann Seine Einheit erkennen, denn Es ist in der Vor-Ewigkeit ohne Anfang und in der Nach-Ewigkeit ohne Ende. In Wirklichkeit kann nichts außer Diesem Seine Einheit wahrnehmen, und alles in allem kennt niemand Dies außer Diesem.

Es versteckt sich und Es zeigt sich – und doch versteckt Es sich nicht vor Sich Selbst, und macht sich nur sichtbar für Sich Selbst, denn Dies ist Dies, und es gibt nichts außer Diesem. Wie kann dieses Paradox gelöst werden, wenn das Erste das Letzte ist und das Letzte das Erste?«

Weil die Realität paradoxer Natur ist – gleichzeitig dinglich und kein Ding –, wird es in unserer Arbeit manchmal nützlich sein, widersprüchliche Aussagen zu machen oder eine vorherige Aussage auf eine Weise näher zu bestimmen und zu korrigieren, durch die ein Widerspruch aufzutauchen scheint. Dieses mentale Pingpong-Spiel hilft manchmal, den Intellekt zu ermüden, damit er sein ständiges Beharren darauf, dass alles logisch sein soll, weniger hartnäckig verfolgt und sich entspannt. Wenn das geschieht, fällt unsere Besessenheit von den Bedeutungen und Interpretationen weg und wir beginnen, die Dinge in einem neuen Licht zu sehen.

Obwohl ein Paradox die Erfahrung des offenen Gewahrseins recht gut beschreibt, handelt es sich dabei doch um eine unverkennbare Erfahrung. Es ist ganz präzise und gleichzeitig ist diese „Erfahrung“ frei von allen Strukturen und Attributen. Zu Beginn können wir vielleicht nur einen ganz flüchtigen Blick von diesem „Es“ erhaschen, von dem wir sprechen. Obwohl die spontane Präsenz offenen Gewahrseins allgegenwärtig ist, wird unsere Fähigkeit, darin zu ruhen, begrenzt durch unsere mentalen Reflexe, die vermeiden wollen, dass uns unser Selbstgefühl abhandenkommt. Aber mithilfe der Übungen und Erinnerungen in diesem Buch werden wir ermutigt, immer wieder zu diesem „Blick“ zurückzukehren. Allmählich werden diese „Augen-Blicke“ länger, und dieses Ruhen im unbegrenzten, ungedachten, reinen Gewahrsein wird immer mehr unser Zuhause.

Ein tibetischer Lehrer beschrieb diesen Prozess einmal als das Erklingen einer Glocke. Wir berühren für einen Augenblick die Erfahrung des leeren Gewahrseins, als ob wir eine kleine Glocke zum Klingen bringen. Sie hallt in uns wider, und wenn wir nichts tun, dann klingt der Ton nach, bis er ganz natürlich verhallt ist. Aber wenn wir die Glocke des leeren Gewahrseins zum Klingen bringen und dann heftig darauf reagieren, etwa indem wir sagen: „Oh! Das ist es! Oh, wo ist es denn?“, dann ist es so, als ob man den Versuch unternimmt, die Glocke immer wieder hintereinander anzuschlagen: Das Erklingen des Tons wird dadurch unterbrochen.

Diese Erkenntnis lehrt uns, die Glocke zum Klingen zu bringen und den Ton so lange ausklingen zu lassen, wie er von Natur aus ausklingt. Ist er verschwunden, schlagen wir ihn wieder an – das heißt, wir heißen ihn willkommen, ganz ohne jede Anstrengung unsererseits, und lassen ihn in Ruhe. Allmählich wird der Ton länger schwingen und wir lernen, ganz natürlich in seiner Offenheit, Stille und Leichtigkeit zu ruhen.

ÜBUNGEN ZU KAPITEL 1: OFFENES GEWAHRSEIN

Suche dir einen Platz, wo du für wenigstens zwanzig Minuten allein und ungestört sein kannst. Setze dich entspannt hin, den Rücken ziemlich gerade, ohne dich anzuspannen. Atme normal. Du kannst die Augen offen halten oder schließen. Du kannst auch experimentieren und diese Übungen manchmal mit offenen und manchmal mit geschlossenen Augen machen.

1. Schwerkraft und Gewahrsein

Ruhe in deiner natürlichen, klaren und aufmerksamen und dennoch entspannten Geisteshaltung. Wenn Gedanken, Gefühle oder Empfindungen in deinem Gewahrsein auftauchen, lasse sie einfach sein – ohne Widerstand und ohne ihnen zu folgen.

Jetzt nimm die Empfindung wahr, die die Schwerkraft auf deinen Körper ausübt. Erlaube deiner Aufmerksamkeit, das Gewicht deines Körpers auf dem Stuhl oder dem Kissen wahrzunehmen, das Gewicht deiner Füße auf der Erde, deiner Hände auf deinem Schoß und so weiter. Nun richte deine Aufmerksamkeit auf eine dieser Empfindungen.

Als Nächstes frage dich behutsam: Was ist es, das sich dieser Empfindungen gewahr ist? Versuche so zu fragen, dass es klar ist, dass du nicht nach einer verbalen Antwort suchst, sondern nach einer gefühlten Empfindung der Antwort. Spüre die Antwort unmittelbar. Öffne dich für die unmittelbare Erfahrung von dem, „was gewahr ist“ – anstatt einer Idee davon.

Du wirst sehen, dass es hilft, bei dieser Art von Befragung nicht energisch zu sein – es geht darum, sich für das, „was gewahr ist“, zu öffnen, anstatt angestrengt und ergebnisorientiert ins Unbekannte zu schauen.

2. Attribute des Gewahrseins

Konzentriere dich nach der vorherigen Übung oder auch zu einem anderen Zeitpunkt wieder auf eine der beständigen Empfindungen in deinem Körper, die die Schwerkraft anzeigen – zum Beispiel auf den Druck, den dein Körper auf den Stuhl oder das Kissen ausübt.

Frage wieder ganz behutsam: Was ist sich dieser Empfindungen bewusst? Sobald du fühlst, dass du unmittelbar eine Intuition von dem, „was gewahr ist“, hast, stelle dir die folgenden Fragen. Lasse dir dabei Zeit, die gefühlte Empfindung deiner „Antworten“ zu spüren. Gehe ganz langsam vor, lass dir alle Zeit der Welt.

•Hat dieses Gewahrsein eine äußere Begrenzung oder Einschränkung, durch die ich angeben könnte, was es ist?

•Hat dieses Gewahrsein eine Farbe, die mir zeigt, was es ist?

•Hat dieses Gewahrsein eine Beschaffenheit, die mir zeigt, was es ist?

•Hat es eine Vorderseite und eine Rückseite? Eine Ober- oder eine Unterseite?

•Hat dieses Gewahrsein einen Mittelpunkt, einen Anfangspunkt, durch den es bestimmt werden kann?

•Kannst du irgendeine Stelle finden, wo Gewahrsein nicht ist, eine Stelle jenseits davon?

•Kannst du irgendeinen Unterschied finden zwischen dem, was der Schwerkraft gewahr ist, und „dir“? Wenn ja, was ist der Unterschied?

Wenn du diese Befragung aufmerksam angehst, kann es sein, dass du keine Begrenzung, Farbe, Qualität, Vorder- und Rückseite findest, keinen Mittelpunkt, nichts jenseits davon und auch keinen Unterschied zwischen dir und „dem“. Wenn das für dich stimmt, dann ruhe einfach in dieser Unauffindbarkeit.

Falls du eine Begrenzung, eine Qualität, eine Vorder- oder Rückseite findest oder etwas jenseits davon oder einen Unterschied zwischen dir und „dem“, dann schau dir das, was du findest, genau an und frage dann: Was ist es, das da so genau hinschaut? Hat es eine Begrenzung, eine Farbe, eine Qualität, eine Vorder- und Rückseite, einen Mittelpunkt, etwas jenseits davon? Und gibt es einen Unterschied zwischen „dir“ und „dem“?

3. Die sieben Richtungen

Sitze ganz ruhig in deinem natürlichen, klaren, wachen Gemütszustand. Sei aufmerksam; dein Körper ist entspannt dabei. Atme natürlich.

Wenn deine Augen offen sind, lasse sie sich entspannen, sodass der Blick auf nichts direkt gerichtet ist.

Werde dir der Richtung geradeaus genau vor dir gewahr. Stelle dir diese Richtung vor – wie sie direkt vor dir durch den Raum geht, durch die Wand hindurch, aus dem Haus oder dem Gebäude hinaus, durch andere Gebäude oder Hinterhöfe hindurch, durch Straßen, durch die Landschaft vor dir, durch die Stadt oder das Dorf, durch das Land, dann über die Krümmung der Erde hinaus, immer weiter in dieser Richtung genau vor dir, weiter geradeaus durch die Atmosphäre, und nun durch die oberen Schichten der Atmosphäre und ins Weltall hinaus, an den Kreisbahnen von Satelliten vorbei. Die Erde darunter erscheint wie ein riesiger Ball, die Richtung direkt vor dir ist voll mit Millionen von Sternen, der Mond erscheint auf einer Seite, die strahlende Sonne und direkt vor dir – immer einfach dieser Richtung folgend – die Umlaufbahnen der Planeten in unserem Sonnensystem im tiefen Raum, weiter und weiter, Milliarden von Kilometern, jetzt an den nächsten Sternen unseres nächsten Sternhaufens vorbei, weiter und weiter über Milliarden von Sternen in unserer Galaxie, die Milchstraße, in den Raum hinein – jenseits unserer Galaxie. Die Milchstraße erscheint unter dir als ein riesiger Spiralnebel von Sternen. Die Richtung vor dir ist überall gesprenkelt mit Sternen, Galaxien von Sternen, Konstellationen von Galaxien und so weiter und so weiter. Erkenne, dass all das genau vor dir ist.

Nun kehre zu deinem Ausgangsort zurück und wiederhole diese Fantasiereise fünfmal. Stelle dir zuerst die Richtung direkt hinter dir vor und nimm dir genug Zeit, um Schritt für Schritt den Weg von deinem Zimmer zu den fernsten Galaxien zurückzulegen. Dann tue das Gleiche zu deiner Rechten, zu deiner Linken, über dir und dann unter dir.

Wenn du dir diese sechs Richtungen vorgestellt hast, beende diese Reise. Jetzt bist du im Mittelpunkt dieser sechs Koordinaten. Ruhe hier und werde dir gewahr, dass du durch diese Koordinaten verortet bist im unendlichen Raum.

Jetzt frage dich: Was ist es, das sich dieser Richtungen, des riesigen Raums gewahr ist? Unterscheidet es sich von diesem Raum? Ist es dasselbe? Oder ist es eine siebte Richtung?

1 Nisargadatta Maharaj: I Am That – Talks with Sri Nisargadatta Maharaj. Acorn Press, Durham NC 2005, S. 241. (Die Übersetzung der Zitate stammt hier und im Folgenden von den Übersetzern dieses Buches.)

2 In dieser Passage von Ibn al ‘Arabi habe ich mir die Freiheit genommen, das persönliche Pronomen „Du“, wie es im Originaltext erscheint – eine typische Anrede, die Sufis für Gott oder Allah gebrauchen –, auszutauschen mit den unpersönlichen Wörtern „Dies“ und „Es“. Diese Wörter verweisen auf das un-bedingte, offene, von selbst stattfindende Gewahrsein, den Seinsgrund, die Buddha-Natur usw., und zwar auf dieselbe Art, wie das Wort „Du“ es für Sufis und andere Mystiker tut, die kein Problem haben mit der Intimität, die eine solche Personifizierung beinhaltet. In den Zitaten von Sufis und anderen im Rest des Buches habe ich allerdings die ursprünglichen Wörter beibehalten – „Du“, „Gott“, „Herr“, „Allah“, „Er“, „Ihm“, „Geliebter“, „Freund“ usw. werden dann so zitiert, wie sie im Originaltext erscheinen, und ich empfehle denjenigen Lesern, die sich nicht wohlfühlen mit dieser Art der Personifizierung, sie für sich einfach mit „Dies“ oder „Es“ zu übersetzen oder sonst einen Ausdruck zu verwenden, den sie angenehmer finden, um das zu benennen, von dem wir hier sprechen: die spontane Präsenz des Urgrunds allen Seins, der letztlich, und immer, unbenennbar ist.

2. DIE PRAXIS DES SUBTILEN ÖFFNENS

Dieses Kapitel führt in eine Übung ein – die Praxis des subtilen Öffnens –, die während dieser Anfangsphase unserer Arbeit für dich hilfreich sein kann. Versuche sie für die nächsten Monate zu einem Bestandteil deines üblichen Tagesablaufs werden zu lassen. Zehn oder fünfzehn Minuten täglich sind wahrscheinlich genug, aber vielleicht stellt sich auch heraus, dass du den letzten Teil der Übung verlängern möchtest.

Diese Praxis dient erst einmal einfach dazu, den Geist zu beruhigen. Dabei beabsichtigen wir, ein Werkzeug zu finden, mit dem zum einen die Dichte und das Tempo der Gedanken und Gefühle, die unser Gewahrsein durchfluten, verringert und verlangsamt werden; zum anderen dient sie dazu, unsere Identifikation mit dem Inhalt dieser Gedanken und Gefühle weniger krampfhaft werden zu lassen. Weiter bezwecken wir, mit der Erfahrung innerer Entspannung und Weite vertraut zu werden, die mit einem ruhigeren Geisteszustand einhergeht.

Obwohl wir durchaus einen unmittelbaren Nutzen aus der Erfahrung ziehen können, nicht mehr unserem einem ruhelosen Affen gleichenden Geist ausgeliefert zu sein, ist dies nicht der Grund, warum wir diese Übungen am Anfang praktizieren. In der Arbeit mit diesen Übungen streben wir nicht an, alle Gedanken, die in uns aufsteigen, anzuhalten. Ein ruhiger Geist ist nicht gleichbedeutend mit dem „Erwachen zu offenem Gewahrsein“. Man kann zum klaren Licht des Gewahrseins erwachen, auch wenn weiter Gedanken aufsteigen, so wie man auch immer noch die Unzahl von Farben und Texturen der Welt sehen oder die Fülle der Geräusche der Welt hören kann.

Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass wir in der Arbeit des Open Path unseren Gedanken nicht den Krieg erklären. Wir lassen unsere Gedanken so sein, wie sie sind. Wir lernen einfach, weniger Interesse an ihnen zu haben. Dieses Desinteresse hat den Effekt, größere Ruhe in unser geistiges Umfeld zu bringen. In dieser ruhigeren Umgebung haben wir wahrscheinlich eine bessere Chance, uns in die offene Klarheit hinein zu entspannen, in der Gedanken, Empfindungen und Gefühle aufsteigen. Diese Klarheit ist Gewahrsein selbst – offen und durchsichtig.