The Prayer - Isabel Ludschoweit - E-Book

The Prayer E-Book

Isabel Ludschoweit

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Beschreibung

"Ich habe gesündigt! O Michael bitte vergib mir, denn ich habe gesündigt!" Die gleiche Stadt, das gleiche Ermittlerduo, der gleiche Serienkiller! Michael Peters ist wieder da und gibt nicht auf, Kims Herz zu gewinnen. Doch diesmal ist auch Wut mit im Spiel, denn Kim hat Michael angeschossen. Die Tatsache, dass er sie entführt hatte und sie sich befreien wollte, spielt dabei keine große Rolle. Für den Serienkiller gehören er und die Polizistin zusammen. Und wenn er sie nicht haben kann, soll sie keiner haben! Wild entschlossen die Ermittlerin und Freundin seines Polizistenbruders zu erobern, beginnt eine neue Mordserie in der Stadt und diesmal führt Michael weder Tagebuch noch schreibt er Liebesbriefe. Nein, diesmal zitiert er die Bibel! Der letzte Teil der Trilogie "Die Tagebuch-Morde"

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Seitenzahl: 335

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Dieses Buch enthält potenziell triggernde Inhalte.

Dazu findet ihr eine Triggerwarnung auf S.→/→

Wir wünschen ein schönes Leseerlebnis!

Prolog

MICHAEL:

Langsam werfe ich einen Blick um die betonierte, kalte Ecke, um zu sehen, ob es tatsächlich funktioniert hat.

Ja!

Ich streife die Seiten meiner gelben Maske glatt, damit auch bloß kein Gas zwischen meiner Haut und der Maske in meine Atemwege gelangt. In meiner apokalyptischen Montur – bestehend aus einer Maske mit zwei Filtern an meinen Wangen, die mich wie ein Alien aussehen lassen – setze ich einen Fuß vor den anderen, als würde ich um Tretminen herumtänzeln, immer bereit den nächsten Angriff abzuwehren.

Der Anfang lief schonmal wie am Schnürchen. Jetzt muss ich nur noch hoffen, dass auch der Rest nach Plan verläuft.

Als das Gas anfing, sich über die Lüftung zu verteilen, öffneten sich alle Türen automatisch, sodass sich die Menschen, die verdonnert worden waren in dieser Dreckshölle zu leben, in Sicherheit bringen und Schutz suchen konnten – wie gnädig von der Gefängnisleitung. Jedoch hatte kein anderer, sei es Wache oder Insasse, eine Gasmaske bei sich, um diese fantastische Möglichkeit zu nutzen und zu fliehen. Soll mir recht sein. Dann bin ich eben der Einzige, der entkommt. So wichtig sind mir die anderen Menschen nicht – und das ist schon sehr untertrieben! Was interessiert mich das Schicksal eines anderen Menschen? Außer selbstverständlich das Schicksal von Kim und unser zukünftiges gemeinsames Leben. Es sei denn, sie schießt nochmal auf mich, dann ist es ihr Tod und wir werden erst unter der Erde vereint sein. Wenigstens kann uns Noah da nicht in die Quere kommen.

Durch die tödliche Wirkung, die das Gas hat, kann ich mich einfach durch die Gänge schleichen. Selbst wenn ich gesehen werde, schaffen es die Wachen nicht zu mir, bevor sie durch das Inhalieren des Gases einfach umkippen. Sie atmen ein und das Gas verteilt sich in ihrem Körper. Ehe sie merken, dass sie sterben und sich bewegungsunfähig versteifen, zieht sich das Gesicht ekelhaft zu Fratzen zusammen. Von den meisten Opfern ertönt noch ein Schrei, der jedoch leider kläglich in einem Lufthauch mündet. Erbärmliche Weise zu sterben, die macht so gar keine Freude. Wie die Dominosteine fallen die Menschen im Inneren des Gebäudes um. Einer nach dem anderen landet mit dem Gesicht auf den Betonboden. Keiner kann sich retten.

Mit einer ähnlichen Rasanz verliefen auch die Ereignisse der letzten Monate. So kurz war ich davor gewesen, dass Kim endlich mir gehört hätte. Doch natürlich musste Noah auftauchen und mal wieder alles ruinieren. Bei dem puren Gedanken an seinen Namen stellen sich mir die Nackenhaare auf und meine Kiefer pressen sich fest aufeinander. Ich kann gerade noch ein wütendes Knurren unterdrücken. Er denkt immer, dass alles ihm gehöre, er muss immer alles kaputt machen und sich immer das nehmen, was ich will. Er gehört endlich fortgeschafft, ein für alle Mal.

Wie soll Kim denn wissen, was für sie gut ist? Immerhin hat Noah sie mit seinen nervigen Dumpfbacken und seiner ach so reinen Seele vollkommen infiltriert. Sie hatte gar keine andere Möglichkeit, als vor Noahs Augen auf mich zu schießen. Er hatte es ihr nicht anders eingetrichtert. Und trotzdem werde ich es kein weiteres Mal dulden. Wobei ich immer noch das Bild von Kim mit der Waffe in der Hand vor meinem inneren Auge sehe: In ihrer Unterwäsche steht sie vor mir, der wunderbare Kontrast zu ihren katzenhaft grünen Augen, die mich keinen Bruchteil einer Sekunde aus ihrem Blick verschwinden lassen. Sie hatte nur Augen für mich. So stelle ich mir das Paradies auf Erden vor. Und dann drückte sie ab. Wow, kann diese Frau schießen! Sie hat genau getroffen. Die Ärzte im Krankenhaus hatten ganz schön Mühe, mich wieder zusammenzuflicken und dabei am Leben zu erhalten.

Ganze Arbeit!

Ich schleiche weiter durch die Gänge des Gefängnisses in Richtung Ausgang, stets darauf bedacht, nicht über eine Person, die am Boden liegt, zu stolpern, da die Gefahr, dass meine Maske verrutschen würde, einfach zu groß ist.

Draußen steht wie geplant ein Subaru Outback in einem hässlichen Grün. Na ja, die Farbe spielt schließlich keine große Rolle. Ich bücke mich unter meinen neuen fahrbaren Untersatz und ziehe die Schlüssel, die in dem hinteren Radkasten versteckt sind, heraus. Ich richte mich auf, wische meine schmutzigen Hände an meinem abgenutzten Gefängnisoverall ab.

Bevor ich vor der Kälte um mich herum fliehe und mich ins Auto setze, hole ich mir aus dem Kofferraum die Sporttasche, in welcher eine neue Garnitur an Klamotten auf mich wartet, sowie eine Brille und ein Bart, den ich mir aufkleben kann. Die Brille ist mit Fensterglas ausgestattet, aber sie wird trotzdem ihrer Aufgabe nachkommen und mich für andere Leute unsichtbar machen. Es ist erstaunlich, wie viel so eine kleine Veränderung ausmachen kann, um nicht mehr erkannt zu werden.

Nachdem ich mir die Klamotten über den Overall gestreift habe, versuche ich den Motor zu starten. Er braucht mehrere Anläufe, bis er endlich zündet. Ich verdrehe die Augen und presse meine Kiefer aufeinander. So ein Schrottteil. Aber Hauptsache ich komme von diesem Gefängnis weg in meinen neuen Unterschlupf.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

MICHAEL:

Kapitel 1

KIM:

KIM:

KIM:

Kapitel 2

FRIDA:

MICHAEL:

MICHAEL:

Kapitel 3

KIM:

KIM:

NOAH:

NOAH:

NOAH:

Kapitel 4

KIM:

MATHILDA:

MICHAEL:

MICHAEL:

Kapitel 5

KIM:

KIM:

NOAH:

KIM:

Kapitel 6

FIONA:

MICHAEL:

NOAH:

MICHAEL:

Kapitel 7

KIM:

KIM:

MICHAEL:

KIM:

Kapitel 8

NOAH:

KARA:

MICHAEL:

KIM:

MICHAEL:

Kapitel 9

KIM:

MELISSA:

MICHAEL:

KIM:

KIM:

MICHAEL:

Kapitel 10

MICHAEL:

KIM:

KIM:

MICHAEL:

KIM:

NOAH:

Kapitel 11

MICHAEL:

NOAH:

KIM:

MICHAEL:

KIM:

Kapitel 12

MICHAEL:

MICHAEL:

NOAH:

MICHAEL:

MICHAEL:

NOAH:

Kapitel 13

NOAH:

MICHAEL:

KIM:

Epilog

KIM:

Danksagung

Triggerwarnung

„Es hat einen Moment gedauert, bis ich erkannt

Kapitel 1

KIM:

Ein dumpfer Schlag ertönt und keine Sekunde später stehen Michael und ich umzingelt in der Mitte des Raumes. Eine Horde Polizisten, die mit Schutzwesten ausgerüstet ihre Maschinenpistolen auf uns richten, bilden eine Front vor dem einzigen Ausgang dieses Raumes, sodass es für Michael kein Entkommen gibt. Er nimmt sich ein Messer und drückt es mir gegen die Kehle, sodass ich mir einen geschockten Schrei nicht verkneifen kann. Sofort schweift mein Blick über die Kollegen und Scham überkommt mich, als ich merke, wie sie mich – nur mit Unterwäsche bekleidet – anstarren, weil sie gerade noch rechtzeitig gekommen sind, bevor Michael …

Endlich bleibt mein Blick hängen und Noah sieht mir in die Augen. Es fühlt sich an, als würden zehn Zentner Last von mir abfallen. Er ist gekommen und er wird mich retten. Daran ist nicht zu zweifeln. Seine Augen sprühen nur so vor Zorn und sind trotzdem klar und fokussiert.

„Lass sie gehen!”, ruft Noah mit fester Stimme. Ich blinzle die nächste Sturmflut an Tränen weg, als Michael mir das Messer so fest an meine Kehle drückt, dass sich eine hauchdünne Blutlinie an meinen Hals bildet und sich langsam auf meiner Haut hinabschlängelt.

„Nein, Kim gehört mir!”, ruft Michael zornig und zieht mich mit sich einen Schritt nach hinten, wo jedoch eine Kommode an der Wand steht, sodass das Messer in dem kurzen Augenblick, in dem Michael gegen die Kommode läuft, mir noch stärker in den Hals schneidet. Unwillkürlich reiße ich meine Arme an seine Hand mit dem Messer, um sie ein Stück von meinem Hals wegzuziehen und schreie vor Schmerz auf, doch Michael drückt es mir nur noch fester ins Fleisch. Ich huste und versuche, nach Luft zu schnappen. Die Blutlinie wird dicker und immer mehr Blut rinnt meinen Hals entlang und tropft auf meine Brust.

Michael zieht mich noch dichter an sich heran, doch für einen kurzen Moment verrutscht ihm das Messer. Ein Ploppen durchzuckt den Raum und Michael knickt nach hinten ein. Bevor mein Kopf begreift, was hier vor sich geht, bewegen sich meine Beine wie von allein in Noahs Richtung. Erleichtert greife ich seinen Arm und halte ihn mit einem Wimmern in der Kehle einfach fest. Ansonsten würde ich vermutlich zusammenklappen.

„Alles wird wieder gut”, flüstert Noah mir zu und ich bin dankbar, dass er da ist. Aber dies kann sich erst erfüllen, wenn Michael endlich eingesperrt oder tot ist, wobei ich das zweite bevorzuge. Michael hat so viel Schaden angerichtet. Nicht nur bei Noah und mir, sondern bei so vielen Familien, die seinetwegen eine Tochter, einen Sohn, Mutter, Vater, Freunde verloren haben.

Ich löse mich und ziehe Noahs Dienstwaffe aus seinem Holster, was er nicht zu bemerken scheint. Sein Blick fixiert den keuchenden Michael, der halb an der Kommode, halb auf dem Boden hängt. Erst als meine Augen Michael anvisieren, bemerke ich das Blut, das seine Wade hinunterläuft.

Verdient, denke ich. Karma gibt es also doch und Karma ist eine verdammte Bitch.

„Leg das Messer weg, Michael. Das Spiel ist aus”, ruft Noah seinem Zwilling zu.

„Nein, Kim gehört mir. Du wirst sie niemals kriegen”, erwidert dieser.

„Zu spät.” Noah deutet auf mich und ich bemerke seinen kurzen Blick und wie er mich angesehen hat. Michael hat gegen Noah keine Chance!

„Kim, mein Engel ...”, setzt Michael an.

Nein! Er soll einfach die Klappe halten, mich in Ruhe lassen. Ich will nicht seine Geliebte sein, ich will ihn auch nie mehr sehen!

„Waffe weg”, rufe ich und wie im Zeitraffer lässt mein Hirn alles nochmal Revue passieren.

Janine Mann, Harold Finke, Silas Bassett, Samuel Kling, Niklas Wellerstein, Milla Angel, Joseph Peters, der Praktikant, die Familie, die zwei Kinder, Sebastian und Julius ...

All diese Menschen hat Michael auf dem Gewissen und ich bin mir sicher, dass noch weitere folgen würden, wenn er könnte.

Ich schließe meine Augen und drücke ab!

Mit einem Schrei wache ich auf und Noah neben mir ist in höchster Alarmbereitschaft. Meine Hand wandert unwillkürlich zu meinem Hals, an dem nichts mehr von dem Schnitt, den Michael verursacht hat, zu sehen ist. Ich fahre mit meinen Fingerspitzen über meine Kehle und bilde mir ein, dass da noch etwas wäre, aber … nichts.

Erschrocken stellt Noah fest, dass ich mal wieder einen dieser Alpträume hatte, die mich seit vielen Monaten plagen. Und das, obwohl Michael eingebuchtet und verurteilt wurde. Nie wieder wird er das Gefängnis von außen sehen. Nie wieder wird ein Sonnenstrahl seine Haut berühren und nie wieder wird er sich mir nähern können. Dafür sorgt der Hochsicherheitstrakt in dem Gefängnis, das ein paar Hundert Meilen von meinem Zuhause entfernt liegt.

„Es tut mir leid“, flüstere ich Noah schuldbewusst zu, der mir sanft über meine zerzausten Haare streicht. Meinen Kopf halte ich gesenkt, weil es mir unangenehm ist, immer noch nicht von den vergangenen Ereignissen losgekommen zu sein. Alle in meinem Umfeld haben mittlerweile mit dieser Hölle abgeschlossen, doch mich verfolgt es weiterhin. Noah schläft nachts eigentlich sehr friedlich, würde er nicht von meinen panischen Schreien jedes Mal geweckt werden. Es ist nicht immer der gleiche Traum. Es sind verschiedene Sequenzen der Vergangenheit, doch alle beinhalten denselben Protagonisten. Es ist immer Michaels kalter Blick, der sich durch meinen Traum in mein Bewusstsein bohrt und mich angsterfüllt hochschrecken lässt.

„Pscht, alles gut, mein Schatz“, brummt Noah beruhigend und zieht mich näher an sich heran. Ich lege meinen Kopf an sein Schlüsselbein und versuche, meine stoßweise Atmung wieder etwas zu regulieren.

Eine Weile verharren wir so, ich an seine Seite geschmiegt und er mit der Hand über meinen Rücken kreisend, ehe ich mich aus dem Bett erhebe, um im Dunkeln auf die Toilette zu gehen. Ich bin derzeit so gestresst, dass ich nicht mal meine Periode pünktlich bekomme. Das ganze Spektakel um Michael ist zwar jetzt abgeklungen und er verrottet im Gefängnis, aber die Albträume sind geblieben und halten mich – und leider auch Noah – weiterhin auf Trab. Durch meine Therapie, die ich vor einigen Monaten angefangen habe, lerne ich Methoden, um mit solchen Problemen besser umzugehen, aber sie zu kennen und sie anzuwenden, sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Einige Augenblicke später schleiche ich wieder ins Schlafzimmer und kuschle mich unter meine Decke und an Noah. Er möchte gerade seine Nachttischlampe ausknipsen, als sich die Tür, die ich hinter mir geschlossen hatte, einen Spalt öffnet und ein kleiner, müder Nicky ins Schlafzimmer tapst.

„Ihr seid ja auch wach“, nuschelt er erstaunt. „Ich kann nicht schlafen, ich habe Angst.“ Er umklammert fest seinen Teddy und steht noch immer im Türeingang. Ich löse mich etwas von Noah und winke den kleinen Jungen herüber, sodass er sich zwischen Noah und mich kuscheln kann. So ist er wenigstens jetzt von allen Seiten gut behütet und nicht so wie vor ein paar Wochen, als Michael ihn – getarnt als Noah – von der Schule abgeholt und in eine verlassene Gegend gebracht hatte, um ihn dort gegen mich einzutauschen.

Wie schlimm das für Nicky gewesen sein muss, zumal er dachte, dass Michael sein Vater wäre. Wir haben ihn nach dem traumatischen Ereignis zu einem Kinderpsychologen geschleppt, aber so wie es scheint, hat Nicky keinen Schaden davongetragen und es sehr gut verarbeitet. Hoffen wir, dass es so bleibt und er nicht später noch irgendeine posttraumatische Belastungsstörung entwickelt. Aber im Moment ist davon nichts zu merken.

„Du musst nie wieder Angst haben, okay? Wir sind alle hier und wir passen alle auf dich auf, verstanden? Dir wird nichts mehr passieren“, beruhige ich den kleinen Jungen und ernte dafür einen dankbaren Blick von Noah. Wir haben Nickys Entführung noch nicht so gut wie verarbeitet wie er selbst.

„Kriege ich noch einen Gute-Nacht-Kuss?“, fragt er müde und zieht die Decke bis zur Nasenspitze hoch, als er es sich zwischen uns gemütlich gemacht hat.

„Aber natürlich“, antworte ich und drücke ihm nach Noah einen Kuss auf die Stirn.

„Schlaf gut“, murmle ich noch und greife Noahs Hand, die auf Nickys Bauch ruht.

Die bereits halboffenstehende Tür öffnet sich noch einen Spalt weiter, als Elena den Raum betritt.

„Ich weiß, ich bin schon zu alt dafür, aber kann ich auch dazu kommen?“

„Selbstverständlich“, antwortet diesmal Noah. „Du wirst niemals zu alt sein, um sowas zu fragen oder dazuzukommen.“

Auch Elena hat in den letzten Monaten viel durchmachen müssen. Und das nicht nur weil Michael auf freiem Fuß gewesen ist, sondern auch wegen des Verlusts ihres Babys. Die Eileiterschwangerschaft hat sie ziemlich mitgenommen. Als sie ins Krankenhaus eingeliefert wurde, weil die Eileiter durch das falsch eingenistete Ei gerissen ist, habe ich mir furchtbare Sorgen gemacht. Natürlich haben mir die Ärzte jegliche Informationen vorenthalten, weil ich nicht mit Elena verwandt bin, sondern „nur“ die Freundin ihres Vaters. Ich müsste sie adoptieren und dafür müssten Noah und ich heiraten, woran in den letzten Monaten mit Michael nicht zu denken war. Nach einigen Gesprächen mit Elena und Nicky und nachdem wir einen Anwalt für Familienrecht konsultiert haben, haben wir uns für eine „Vollmacht zur Wahrnehmung sorgerechtlicher Entscheidungen“ entschieden. Auch Elena war damit einverstanden, was mich sehr glücklich macht. Am Anfang konnte sie nicht ganz verstehen, warum Noah und ich darüber nachdenken und wieso nicht einfach alles so bleiben kann, wie es war. Als ich ihr jedoch meine Beweggründe geschildert habe, hat sie es verstanden. Und auch wenn es nicht mehr lange dauert, bis sie volljährig wird und ihre eigenen Entscheidungen treffen kann, hat sie der Vollmacht zugestimmt. Mit diesem „Vertrag“ bin ich dazu berechtigt, Nicky, auch ohne, dass Noah vorher mit allen Lehrkräften spricht, von der Schule abzuholen. Ich bekomme Informationen aus der Schule und im Falle eines Falles vom Krankenhaus – was meiner Meinung nach der wichtigste Aspekt ist.

Ich rücke noch ein Stück an den Rand, sodass Elena sich ebenfalls zu Noah und mir ins Bett kuscheln und sich zwischen Nicky und mich quetschen kann.

Gott sei Dank wären das dann alle Mitglieder der Familie, ansonsten müsste einer demnächst auf den Boden umziehen.

***

KIM:

„Das ist nicht dein Ernst, Tucker.“

„Doch, ich habe es selbst von Mia gehört, die es gehört hat, als Schmitz und Kuti sich unterhielten, die es wohl von …“

„Das ist keine Quelle, Tucker“, erkläre ich. „Flurfunk ist Klatsch und Tratsch und nichts weiter.“

„Der Flurfunk wusste aber auch, dass du und Noah zusammenkommen würdet“, sagt Tucker stolz und stellt seine Kaffeetasse auf seinem Schreibtisch ab, um seine Arme protzig hinter seinem Kopf zu verschränken.

„Das waren reine Spekulationen und Mias Hoffnungen, die sie niemandem vorenthalten wollte.“

„Was wollte ich niemandem vorenthalten?“, stößt nun auch Mia vor Dienstbeginn zu Tucker und mir an den Schreibtisch.

„Deine Hoffnungen, dass Kim und Noah zusammenkommen würden“, fasst mein ehemaliger Partner zusammen.

Mia verdreht die Augen: „Ihr seid füreinander bestimmt, das hat jeder gesehen und das hat nichts mit Hoffnung zu tun, obwohl du durch dein ständiges Grübeln fast alles verbockt hättest. Aber das ist dir zu verzeihen. Dafür bin ich ja schließlich da.“

„Habt ihr auch die Einladung von Pavlovic und Sanders bekommen?“, wechselt Tucker abrupt das Thema.

„Dass die zusammen sind, verstehe ich aber wirklich nicht. Sanders ist so alt, griesgrämig und muffig und sie ist so … nett.“

„Mia“, tadele ich meine beste Freundin. „Sie lieben sich und das sollte doch wohl reichen. Außerdem geben sie ein sehr schönes Paar ab, finde ich.“

„Wenn du meinst“, antwortet Mia mürrisch, noch nicht völlig überzeugt.

„Ich finde es schön. Sie tun sich gut und sie sind beide sehr glücklich. Dir hat man bestimmt auch oft erzählen wollen, dass du nicht zu Abby passt, sondern lieber Tim heiraten solltest.“

„Touché.“

Tim war ihr Freund, bevor sie mit Abby zusammengekommen ist. Er hatte damals auch hier auf diesem Revier gearbeitet und die beiden waren das Vorzeigepärchen am Arbeitsplatz. Na ja. Zumindest so lange bis Mia festgestellt hat, dass sie auch auf Frauen steht. Sie lernte Abby durch einen Fall kennen, bei dem es um Kunstraub in einem Museum ging. Zu der Zeit hatte Abigail nämlich noch als Fachangestellte für romantische Kunst im örtlichen Museum „Kunst durch die Zeiten“ gearbeitet. Erst vor ein paar Jahren wandte sie diesem Job den Rücken zu und ist nun als Freiberuflerin unterwegs. Sie nimmt an einem Kunstwettbewerb nach dem anderen teil und ist kein unbekanntes Gesicht mehr in unserer Stadt. Als Reaktion darauf, dass Mia ihre jetzige Frau kennenlernte und sich immer mehr zu ihr hingezogen fühlte, verließ Tim die Stadt und wurde anschließend in einen anderen Ort versetzt. Ihre Trennung vor ein paar Jahren war ein ziemlicher Schock für alle, die sie kannten. Nichtsdestotrotz bin ich froh, dass Mia Abby gefunden hat. Sie sind einfach füreinander bestimmt und ich wüsste nicht, was ich schon so oft ohne sie getan hätte.

„Was machst du da?“, fragt Mia Susan Schmitz, die seit ein paar Monaten nun zu unserer eingeschworenen Clique zählt. Sie läuft – ihren Blick auf den Handybildschirm fixiert – schnurstracks an uns vorbei in Richtung Teeküche.

Ein bisschen lauter ruft Mia nun: „Hey! Stehengeblieben, Officer Schmitz.“ Susan zuckt zusammen und dreht sich zu uns um.

„Äh, was?“

„Was gibt es denn so Spannendes, dass du uns nicht mal ‚Hallo‘ sagen kannst?“

Sie wird rot und erwidert ein einfaches „Hallo“. Die Situation scheint ihr sichtlich unangenehm zu sein und sie lässt ihr Handy schnell in ihrer Hosentasche verschwinden, ehe sie zu uns herübergelaufen kommt.

„Was hast du gerade gemacht“, fragt Mia weiter, ohne zu merken, wie peinlich Schmitz diese Frage ist.

„Nicht so wichtig.“

„Bitte?“

„Ich habe mit jemandem geschrieben.“

„Echt wem? Kennen wir ihn? Ist es einer von der Arbeit?“ Susans Farbton wird noch ein wenig dunkler.

„Du musst nicht antworten“, sage ich. Sie schenkt mir ein verschmitztes Lächeln.

„Doch“, brüllen Tucker und Mia wie aus einem Munde.

„Ihr seid unfassbar …!“ Ich schüttle den Kopf.

„Okay, aber ihr dürft nicht lachen. Ich habe ihn auf einer Dating-App kennengelernt.“

„Das ist doch toll. Darüber habe ich auch schon Menschen kennengelernt. Das ist doch total normal heutzutage. Wie heißt er denn? Und die viel wichtigere Frage: Sieht er gut aus?“

„Mia“, tadele ich meine beste Freundin erneut. Oft merkt sie gar nicht, wie aufdringlich oder oberflächlich sie manchmal ist. Auch wenn sie es nicht böse meint, nehmen es einige Menschen leider immer wieder falsch auf.

Susan hat sich vor zwei Monaten erst von ihrem damaligen Freund getrennt. Er war ein echtes Arschloch, hat sich nicht wirklich um sie gekümmert. Die ganze Beziehung war eher ein Parasitismus und Susan war der Wirt. Der Typ hatte keinen Job, aber auch nicht die „Lust“, sich einen Job zu suchen. Das Wort „Arbeit“ war ihm fremd. Er hat Susan von vorne bis hinten ausgenutzt, doch sie war wortwörtlich blind vor Liebe und hat immer wieder neue Ausreden gefunden, sich nicht von ihm zu trennen: „Er braucht mich doch.“ „Er hat sonst niemanden.“ „Eigentlich liebt er mich. Er zeigt das nur anders als normale Männer.“

Doch als sie ihm dann endlich gesagt hatte, dass es so nicht weitergehen kann, hat er seine sieben Sachen gepackt und sich aus dem Staub gemacht. Susan bekam lediglich eine SMS, in der es hieß, er könne nicht damit leben, dass sie ihn nicht so liebt, wie er ist und sie ihn ständig versucht, zu ändern, woran er leider kaputtgehe. Im Großen und Ganzen also ein riesiger Arsch.

„Er heißt Luke und er sieht nicht schlecht aus.“

„Was heißt „nicht schlecht“? Ist das so eine Beschreibung, die Kim für Noah benutzen würde, obwohl wir alle wissen, dass Noah besser als „Nicht schlecht“ aussieht?“

„Ich bin anwesend. Ich kann dich hören, Mia.“

„Ja, ja.“

„Ähm, ich bin mir nicht ganz sicher, was ihr jetzt von mir hören wollt.“ Hilflos sieht Susan in die Gruppe.

„Am besten zeigst du uns ein Bild“, fordert nun Tucker Schmitz auf, die mir einen gequälten Blick zuwirft.

„Du musst nicht antworten“, forme ich mit meinen Lippen hinter Tuckers Rücken.

„Kim, hör auf, uns in die Arbeit zu pfuschen“, sagt Mia und dreht sich mit einem vielsagenden Blick zu mir um. Das Bild, das sich vor mir auftut, ist schon grotesk. Schmitz steht eingekesselt in der Falle von zwei gierigen Hyänen, die sich schon ungeduldig die Lefzen lecken. Unsicher zieht Susan ihr Handy aus der Hosentasche, das sie so schnell dort drin verschwinden hat lassen, wieder heraus.

„Aber danach lasst ihr mich in Ruhe?“

Mia und Tucker nicken übertrieben, sodass allen klar sein sollte, dass dies erst der Anfang ist.

„Okay, ich zeige euch ein Bild. Aber wir haben uns erst zweimal getroffen. Das ist noch nichts Spruchreifes, verstanden?“

„Wir versprechen, wenn wir das Bild gesehen haben, lassen wir dich in Ruhe. Aber wir wollen Updates.“ Schmitz entsperrt ihr Gerät, sucht kurz und hält ihnen dann den Bildschirm entgegen.

„Oh mein Gott“, entfährt es Mia. „Der sieht ja mehr als gut aus.“

„Manchmal bin ich mir nicht sicher, ob du wirklich nicht auf Männer stehst.“

„Manche Männer empfinde ich als anziehend, aber niemand kommt je auch nur ansatzweise an Abby heran.“

Schmitz hält nun auch mir das Foto entgegen. So ungerne ich mich bei sowas äußere, muss ich Mia zustimmen. Der Typ auf dem Bild sieht wirklich verdammt gut aus. Er hat braune kurze Haare, die – nicht übertrieben, sondern gutaussehend – gegelt sind, blaugraue Augen und einen sehr gepflegten Bart.

„Und auf welcher App habt ihr euch gefunden?“

„LoveBirds.“

„Diese App gibt es immer noch?“, fragt Tucker erstaunt.

„Offensichtlich.“

„Wo bleibt ihr denn?“ Noah kommt angelaufen. „Wir haben eine Besprechung und die Hälfte der Leute ist noch nicht da. Auf jetzt.“

***

KIM:

„Wir waren gerade auf dem Weg“, flunkere ich und die Gruppe setzt sich in Bewegung. Wir folgen Noah in einen Raum, der wirklich nur sehr karg möbliert ist und dadurch sehr traurig wirkt und nehmen schnell Platz. Nach ein paar Sekunden kommen auch noch ein paar andere Kolleginnen und Kollegen dazu und setzen sich auf einen Stuhl. Noah schaut streng in die Runde, weshalb einige seinem Blick auszuweichen versuchen. Instinktiv frage ich mich, was los ist, aber da dies ausnahmsweise die Besprechung unseres Chefs ist, weiß Noah vermutlich auch nicht, worum es geht. Ich kann aber verstehen, dass er dieses Meeting schnell hinter sich bringen möchte, denn ich kenne keinen Menschen, der gerne Zeit mit unserem Chef verbringt.

Als ich heute Morgen auf dem Weg zum Präsidium gewesen bin, habe ich mit vielem gerechnet. Dies ist in meinem Beruf nur logisch, immerhin kann jeder Tag etwas Unvorhergesehenes bereithalten, was das Leben einiger auf den Kopf stellt – eine ausgeraubte Wohnung nach einer traumhaften Urlaubsreise, ein verschwundener Geliebter kurz vor dem zehnten Jahrestag, ein blutig verstümmelter Körper auf den weißen Fliesen im Badezimmer. Es passiert viel und es passiert jedem, darauf bin ich immer vorbereitet, wenn ich morgens zur Arbeit fahre. Womit ich heute allerdings nicht gerechnet habe, ist zu lernen, wie laut das Ticken einer Uhr sein kann, wenn in einem mit dreizehn Menschen gefüllten Raum keiner etwas zu sagen hat oder besser sagen kann. Zwölf Kollegen und ich, doch jeder scheint seine Stimme irgendwo ganz weit weg verloren zu haben, außerhalb des Besprechungszimmers mit dieser entsetzlich lauten Uhr.

Tick tack …

Noah neben mir hat gerade seine Kaffeetasse an die Lippen führen wollen, doch er ist mitten in der Bewegung erstarrt und verharrt nun so. Mia und Tucker zu meiner Rechten blicken mit weit aufgerissenen Augen geradeaus und rühren sich ebenfalls nicht mehr, wobei sie nicht mal zu blinzeln wagen. Alle anderen im Raum verhalten sich ganz ähnlich, keiner macht einen Mucks, ja gar eine Bewegung, als könnten wir so die Zeit zum Stillstand bringen.

Tick tack …

Die Uhr macht mir schmerzlich bewusst, dass dies nicht funktioniert, doch auch ich fühle mich, wie in einer Blase gefangen, an der alles abprallt, solange ich sie nicht zum Zerplatzen bringe.

Dieser seltsame Moment im Besprechungszimmer, in welches uns Noah vor einigen Minuten gescheucht hat, um eine wichtige Durchsage zu machen und seitdem wir in diesem Schockzustand gefangen sind, kann kaum mehr als ein paar Sekunden gedauert haben, doch in meinem Kopf kommt es mir vor wie unzählige Minuten. Fünf einfache Worte. Schier wahllos aneinandergereiht. Man könnte sie verdrehen, austauschen, einen neuen Satz bilden. Ihre Bedeutung dringt nur langsam zu mir durch und doch verstand ich sie in dem Moment, als sie ausgesprochen wurden.

Michael. Ist. Auf. Freiem. Fuß.

„Kim, ist alles in Ordnung?“, wendet sich Noah an mich.

In Ordnung? Soll das ein Witz sein?

„Nichts ist in Ordnung!“, keife ich ihn an und bereue es nicht einmal. „Ich wüsste nicht, wie irgendetwas in Ordnung sein soll.“

Ich stürme durch das Foyer und Noah mir hinterher. Er hat Probleme, mit mir mitzuhalten, doch das lässt mich nicht langsamer werden.

„Tut mir leid, ich weiß, nur … Wo willst du eigentlich hin? Jetzt warte doch einmal.“ Mit einigen schnellen Sätzen springt er vor mich, um mich zum Stehen zu bringen, doch in meinem Zustand kann mich gerade nichts halten, nicht einmal er. Das Blut in meinen Adern ist am Kochen und ich spüre, wie ich dringend etwas brauche, auf das ich unkontrolliert einschlagen kann. Wie ein Rammbock dränge ich mich an ihm vorbei und Noah macht keine Anstalten, mich festzuhalten. Offenbar hat er kapiert, dass dies gerade genau das Falsche wäre.

„Bitte. Ich muss kurz für mich sein.“ Eigentlich will ich ihn nicht von mir stoßen, aber erst muss da einiges aus mir raus, was sich seit Monaten angestaut hat und am liebsten wäre es mir, er wäre dabei nicht anwesend.

„Gib mir eine halbe Stunde, mehr verlang ich gar nicht.“

Ich bin endlich stehengeblieben und schaue Noah eindringlich an, der meinen Blick erwidert.

„Okay.“

Ich nicke dankbar, dann rausche ich in Richtung Treppe davon und lasse ihn im Foyer stehen.

Meine bandagierte Faust knallt gegen den Sandsack und ich spüre den festen Widerstand unter meinen Knöcheln. Es tut gut. Noch einmal schlage ich zu und nochmal und nochmal. Schweiß rinnt mir die Schläfe hinunter, aber ich höre nicht auf, mache immer weiter.

Er ist wieder draußen, schießt es mir durch den Kopf.

Ich sehe meine Umgebung nicht mehr, nehme nur noch den roten Kunststoff wahr. Er dellt sich mit jedem Hieb ein und kehrt dann wieder in seine Ausgangsform zurück.

Er wird wieder Menschen wehtun. Ich schlage fester zu. Intensiver. Mit mehr Wut.

Er wird versuchen, meinen Liebsten nah zu kommen. Ein Feuer in meiner Brust lodert immer heißer und immer heller. Es scheint mich zu verbrennen, doch das ist mir egal.

Es wird niemals aufhören, ehe ich ihn nicht eigenhändig umbringe. Ein rasender Schrei entfährt meiner Kehle, getrieben von blankem Zorn und Hass. Mein Hals brennt, doch ich begrüße den Schmerz. Je länger und lauter ich schreie und je härter ich auf den Boxsack eindresche, desto weiter löst sich der Knoten in meiner Brust. Ich fühle mich freier, beschwingter, stärker!

Mein Schrei verebbt und ich höre auf, zu schlagen. Erschöpft und außer Atem sinke ich gegen den baumelnden roten Sack und keuche. Ich erinnere mich nun wieder, wo ich bin: im Trainingsraum der Polizeiwache. Es hat gutgetan, alles rauszulassen, denn mein erschöpfter Kopf sieht endlich wieder klarer, als hätte ich eine hohe Mauer eingerissen und nun sehe ich endlich das Licht dahinter. Nicht, dass es irgendetwas Gutes an der Situation gäbe, aber immerhin ist meine Wut weg oder zumindest für den Moment verbraucht.

Ich kann es immer noch nicht fassen. Michael ist wieder draußen!

„Scheiße!“, entfährt es mir und ich rutsche auf dem Boden, immer noch schwer atmend.

„Von meiner Seite ebenso ein Scheiße“, höre ich jemanden hinter mir und zucke zusammen. Schon denke ich, Noah wäre mir doch gefolgt, aber als ich den Kopf drehe, sehe ich Martin Bush hinter mir stehen. In seinem perfekt gebügelten grauen Hemd passt er so gar nicht in den Trainingsraum und bildet optisch einen starken Kontrast zu mir in meinen durchgeschwitzten Sportsachen und den zerzausten Haaren.

„Oh, ich dachte, ich wäre allein.“

„Keine Sorge, das sind Sie auch. Nach diesem Gebrüll wird sich keiner mehr hier hinein trauen.“ Er lächelt und ich werde etwas rot, obwohl dies mit meinem eh schon geröteten und verschwitzten Gesicht nicht auffällt.

„Ich musste mich nur etwas abregen“, erkläre ich mich peinlich berührt und stelle mich mühsam wieder auf. Meine Beine sind ganz wackelig, aber ich fühle mich dennoch gut und irgendwie unverwundbar.

„Ich verstehe, ich habe es auch eben erfahren. Es muss schlimm sein. Zu wissen, meine ich, dass er schon wieder entwischt ist.“

Ich seufze, dann nehme ich mir ein Handtuch und trockne mein Gesicht etwas.

„Hier.“ Bush reicht mir eine Wasserflasche, die aus dem Getränkeautomaten im Foyer stammt.

Ich greife gierig danach. In meiner Hetze habe ich nicht an etwas zu trinken gedacht und bin ihm nun sehr dankbar. Es zischt beim Öffnen und ich nehme sechs große Schlucke, wobei sich fast die halbe Flasche leert.

„Es ist beschissen“, antworte ich schließlich und Bush nickt. „Ich meine, wir haben so lange hinter ihm hergejagt, so viele Opfer gebracht und als wir ihn endlich hatten, war das wie eine finale Entlohnung. Die ganze Anstrengung, all die Last fiel ab und ich fühlte einen endgültigen Neustart kommen. Und wofür? Damit wir alles nochmal machen? Damit er uns wieder auslacht? Damit alles umsonst war?“

Ich tigere beim Sprechen auf und ab, während die Augen meines Kollegen mich mitleidig verfolgen.

„Es tut mir leid, aber das ist unser Job, nicht wahr?“, erwidert er leise.

„Ja, aber ich stand noch nie vor so einer schwierigen Aufgabe wie bei diesem Fall.“ Ich werfe einen Blick auf die Uhr an der Wand und bemerke erschrocken, dass ich seit über vierzig Minuten hier unten bin. Ich entschuldige mich schnell bei Bush und sprinte mit meiner Restenergie die Treppe empor und in Richtung Noahs Büroplatz.

Immer noch verausgabt und mit den nassen Trainingssachen erreiche ich ihn an seinem Schreibtisch. Er tut so, als würde er seine Ablagen sortieren, doch ich erkenne sofort, dass er mit den Gedanken woanders ist.

„Tut mir leid, das war keine halbe Stunde.“ Ich ziehe mir einen Stuhl im Gehen heran und setze mich neben ihn.

„Was? Oh, stimmt … naja. Geht … geht es dir wieder einigermaßen gut?“, fragt er vorsichtig.

Ich versuche mich an einem Lächeln. „Ja, es musste einiges raus, denke ich.“

„Verstehe.“

Wir schweigen. Was sollten wir groß erzählen, die Fakten sind klar.

„Also geht es wieder los. Alles von vorne?“ Noahs Blick geht ins Leere.

„Scheint so.“

Unser Chef hat uns alles erläutert. Am Donnerstag vor drei Tagen hat es einen Gasangriff in dem Gefängnis gegeben, in welchem Michael untergebracht worden war. Durch die Rohre war es durch das gesamte Gebäude geleitet worden. Kohlenmonoxid. Farblos, geruchlos, tödlich. Alle Insassen und die Wärter haben es zunächst unbemerkt eingeatmet und sind schlussendlich bewusstlos geworden und gestorben. Ohne Hilfe führt die Vergiftung zum Tod. Allerdings fehlte eine Leiche. Ein Insasse war geflohen. Michael war weg. Wie das Gas in die Rohre gelangt ist, wer ihm geholfen hat oder wie er davongekommen ist, ist alles noch ungeklärt.

„Hey, Kim“, sagt Noah plötzlich und wir sehen uns fest in die Augen. In seinem Blick liegt etwas Bedrohliches, was zuvor nicht da gewesen ist.

„Ja?“

Er blickt sich im Büro um, doch wir sind allein in dieser Etage. Die anderen sind alle schon ausgeflogen.

„Wenn wir ihn diesmal kriegen … dann bringen wir ihn um. Egal was kommt, er muss sterben, damit das ein Ende hat.“

Ich sehe ihn mit derselben Ernsthaftigkeit und Überzeugung an. Dann nehme ich seine Hand und drücke sie einmal fest. „Wir zögern nicht mehr, wir töten ihn.“

Damit war unsere Vereinbarung besiegelt. Wenn wir etwas verändern wollten, müssen wir selbst zu Mördern werden.

Kapitel 2

FRIDA:

So süß. Schüchtern, sich immer wieder umblickend stand er da. Der eine Arm hing an der Seite herunter, der andere war vor seiner gutaussehenden Brust verschränkt.

Verunsichert.

Ja, so konnte ich ihn wahrscheinlich am treffendsten beschreiben.

Verunsichert.

Dabei hatte er eigentlich gar nichts, weshalb er verunsichert sein musste. Er sah gut aus, war niedlich und ein echter Gentleman. Er konnte wahrscheinlich jede haben und trotzdem hat er ein Profil auf einer Dating-Seite.

Glück für mich, Pech für alle anderen.

„Geh da nicht allein hin“, „Nimm mich mit“, „Sag mir wenigstens, wo ihr euch trefft, damit ich in der Nähe bleiben kann“, hatte Jacky gesagt, nachdem ich ihr ein Bild von M. gezeigt hatte.

„M.“.

Wie mysteriös.

„So gut wie auf diesem Profilbild sieht keiner in Echt aus, Frida. Das muss dir doch klar sein“, versuchte Jacky mich von dem Date abzubringen.

Nein, es war mir nicht klar und nein, es war auch nicht so. Wieder legte sich ein triumphierendes Grinsen in mein Gesicht. Jacky wollte M. doch nur für sich haben. Sie war auch auf dieser Dating-Seite registriert und hatte nach rechts gewischt, aber es hatte bei ihnen nicht gematched. Bei M. und mir aber schon.

„Ist irgendwas? Habe ich was falsch gemacht?“, fragte er von der anderen Tischseite.

Verunsichert.

„Nein. Ich denke nur gerade daran, wie meine Freundin wohl reagiert, wenn sie erfährt, dass du in Real Life genauso aussiehst wie auf deinem Profilbild.“

„Wieso sollte ich auch anders aussehen?“, fragte M. ganz unschuldig.

„Du bist nicht auf vielen Dating-Plattformen, oder?“

„Nicht wirklich, das hier ist heute auch eher etwas experimentell. Nachdem mein Bruder mir meine Freundin ausgespannt hat und ich jetzt zwei Jahre allein gewesen bin, dachte ich mir, es wäre wieder an der Zeit, selbst auf die Suche zu gehen.“

„Oh nein, welcher Bruder spannt seinem Bruder denn die Freundin aus?“

„Meiner offensichtlich.“

„Das tut mir leid. Auch wenn es mich irgendwie froh macht, denn ansonsten hätten wir uns nicht kennengelernt“, argumentierte ich lächelnd.

„Das stimmt.“ Nun grinste auch er. Es war ein Grinsen, das mein Herz schmelzen ließ. Jacky hätte einiges zu schlucken, wenn ich ihr von diesem Date erzählen würde.

Ein Kellner räumte unsere leeren Teller ab und ein paar Minuten später brachte man uns ein köstliches Dessert. M. hatte wirklich einen guten Geschmack, als er unser Essen bestellt hatte. Einen Nudelteller hatten wir. Denn M. liebte Nudeln über alles.

Als wir fertig mit dem Essen waren, liefen wir noch eine Weile durch den angrenzenden Park, ehe M. mich mit zu sich nehmen wollte. Es war sehr idyllisch mit diesem tollen Mann Hand in Hand durch die Nacht zu spazieren.

***

MICHAEL:

Zu spät, denke ich und warte ungeduldig vor dem Restaurant. Suchend blicke ich mich um. Es waren erstaunlich wenige Leute unterwegs. Für einen Freitagabend hätte ich mehr Andrang auf das Restaurant erwartet. Immerhin sind Menschen ziemlich gefühlsduselig und „brauchen“ diese körperliche und seelische Nähe. Pfui! Einfach nur ekelhaft.

Endlich erscheint die Frau, mit der ich heute Abend verabredet bin.

Lächeln, du musst freundlich sein.

Widerlich.

Die Frau kommt näher und erwidert mein Lächeln. Wir gehen in das Restaurant hinein und sie hört einfach nicht auf, zu quatschen. Wenn sich dieser Plan nicht lohnt, dann wird es Tote regnen. Und eins steht fest, diese Frau würde nicht mehr lange leben. Es ist eine Befreiung für diese Welt, wenn sie das Diesseits verlässt und niemals wiederkehrt.

Sie grinst mich schräg an. Was geht bloß mit dieser nervigen Frau ab?

Beruhige dich, Michael. Du musst das jetzt durchziehen. Für Kim.

Ich atme tief durch und stelle mir also vor, dass nun Kim vor mir sitzen würde.

Ihre kastanienbraunen Haare liegen leicht gewellt auf ihrer Schulter und ihre smaragdgrünen Augen funkeln mir katzenhaft entgegen. So würde sich arbeiten lassen.

„Ist irgendwas? Habe ich was falsch gemacht?“, gehe ich auf ihr dummes Grinsen ganz unschuldig ein – fast schon verunsichert. Dabei weiß ich selbstverständlich, dass ich nichts falsch gemacht habe.

Ich mache niemals etwas falsch!

Ich bin perfekt!

„Nein. Ich denke nur gerade daran, wie meine Freundin wohl reagiert, wenn sie erfährt, dass du in Real Life genauso aussiehst wie auf deinem Profilbild.“

„Wieso sollte ich auch anders aussehen?“, erhalte ich weiter den anstrengend lieben Schein der Unschuld.

„Du bist nicht auf vielen Dating-Plattformen, oder?“

„Nicht wirklich, das hier ist heute auch eher etwas experimentell. Nachdem mein Bruder mir meine Freundin ausgespannt hat und ich jetzt zwei Jahre allein gewesen bin, dachte ich mir, es wäre wieder an der Zeit, selbst auf die Suche zu gehen.“ Natürlich war das gelogen. Nur weil Noah mir Kim weggenommen hat, würde ich nicht auf die Suche nach einer anderen Frau gehen. Natürlich hole ich mir Kim zurück, denn ich kriege immer das, was mir gehört.

„Oh nein, welcher Bruder spannt seinem Bruder denn die Freundin aus?“

„Meiner offensichtlich.“ Und er würde dafür büßen!

„Das tut mir leid. Auch wenn es mich irgendwie froh macht, denn ansonsten hätten wir uns nicht kennengelernt“, sagt sie lächelnd.

„Das stimmt“, erwidere ich, obwohl es nicht stimmt. Immerhin entscheide ich hier, was passiert und was nicht. Wenn ich sie nicht ausgesucht hätte, wären wir uns nie begegnet. Ich mache die Regeln und ich bin der Spielleiter.

***

MICHAEL:

„Eine Sache, von der viele Menschen eine falsche Vorstellung haben, ist das Konzept des Blutverlustes. Wie oft habe ich schon in Romanen von Opfern gelesen, die literweise Blut verlieren und dennoch weiterkämpfen, sich hilfesuchend in den nächsten Ort schleppen oder nach einem kurzen Krankenhausbesuch wieder auf den Beinen stehen. Filme, in denen der Held so schwer verwundet wird, dass sein Blut in kürzester Zeit wasserfallartig aus seinem Körper strömt und er nichtsdestotrotz seine Mission erfolgreich vollendet – im Zweifelsfall auch noch sausexy dabei aussieht.“

Lächerlich, denke ich mir dabei.

„Erstens bezweifle ich, dass die Autoren oder Produzenten jemals einen echten Menschen verbluten sehen haben und zweitens auch nicht gewappnet wären für diese grausame Realität, welche sie in ihren Werken so verzerren und romantisieren.

Natürlich hängt, wie schnell dein Opfer stirbt, auch damit zusammen, wie ausgewachsen es ist. Kinder halten selbstverständlich viel weniger Blut in ihren zarten Körpern und können schon nach nur einem Liter abkratzen. Eine ausgewachsene, große Frau hingegen kommt mit einem Liter noch klar, zumindest bis auf weiteres. Ihr Körper beinhaltet ungefähr fünf Liter an Blut und hat mit einem Liter erst um die zwanzig Prozent verloren. Eineinhalb Liter sollten schon problematischer werden. Der Puls wird schwächer und der Blutdruck sinkt, vielleicht fällt sie ins Koma – angenehmer wäre es für sie, vor allem, wenn niemand die Blutung jetzt noch stoppt. Spätestens ab zwei Litern sollte die Frau jedenfalls tot sein.