The Queen of Lies - Nina Leumann - E-Book
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The Queen of Lies E-Book

Nina Leumann

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Beschreibung

Kalia und ihr Bruder wurden adoptiert als sie noch klein waren. Ihre wahren Eltern kannten sie nicht, ihnen war es aber egal, weil sie glücklich waren. In der Welt, in der sie Leben, gibt es Menschen, die eine der 5 Fähigkeiten besitzen. An dem 19. Geburtstag soll man es herausfinden. Kalia dachte sie hat keine Fähigkeit, darum ging, sie in das Schloss arbeiten. Dort lernt sie neue Leute kennen.

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Nina Leumann

The Queen of Lies

I

Morgen soll angeblich mein Geburtstag sein. Der neunzehnte Geburtstag ist für Jeden etwas Besonderes. An diesem Tag erfährt man nämlich, ob man einer der Glücklichen ist und eine der fünf Fähigkeiten besitzt. Da mein Bruder Glück hatte und ein Mentalist ist, ist die Wahrscheinlichkeit, eine Fähigkeit der fünf Klassen zu haben, schon etwas höher. Eventuell ist er auch nur ein Ausreisser in unserer Familie. Vielleicht kommt das Gen in unserem Stammbaum sehr selten vor und er ist tatsächlich nur ein Glückspilz gewesen. Doch auch das kann ich leider nicht beantworten, da wir unsere Vorfahren nicht kennen. Ich warte schon seit Wochen gespannt auf meinen Geburtstag, auch wenn ich keinen blassen Schimmer habe, wann dieser nun wirklich ist. Ärzte, die mich bei unserer Adoption untersucht haben, haben sich damals auf den zehnten Mai geeinigt. Jedoch haben diese auch nur geschätzt. Daher bleibt mir nun nichts anderes übrig, als jeden Tag zu hoffen, dass auch ich, wie mein Bruder, ein Glückspilz bin. Mein Bruder und ich wurden als Kinder ausgesetzt. Er wurde auf knapp vier Jahre geschätzt und ich auf etwa Eines. Die Umstände, in denen wir gefunden worden sind, sind immer noch ein Mysterium. Keiner kann uns erklären, woher wir gekommen sind. Damals waren meine Adoptiveltern eines Tages in einer ruhigen Nachbarschaft spazieren gewesen. Vor einem verlassenen Haus haben sie einen kleinen, weinenden Jungen gefunden und weit und breit war keiner zu sehen. Das Haus war schon seit Jahren unbewohnt und wortwörtlich am Zerfallen. Da meine Eltern nicht weiter wussten, entschlossen sie sich, ihn mitzunehmen und uns zum nächsten Wachhaus zu bringen. Doch er weigerte sich. Seine kleine Schwester war noch in dem verlassenen Gebäude eingesperrt. Im Haus fanden sie schliesslich ein schlafendes Baby in eine Decke gewickelt, ich. Neben mir lag anscheinend ein Stück Papier mit den Worten:„Es bricht mir das Herz, doch dies ist die einzige Lösung. Lynk und Kalia, ihr seid etwas Besonderes. Ich liebe euch."Keiner wusste, wer wir waren und woher wir kamen. Nach etlichen medizinischen Untersuchungen wurden wir schliesslich in ein Waisenhaus gebracht. Lange mussten wir jedoch nicht dort verbringen, da das Pärchen, das uns in diesem Haus gefunden hat, uns kurze Zeit später adoptierte. Mit fünf haben uns unsere Eltern erklärt, dass sie nicht unsere leiblichen Eltern waren. Jedoch wusste ich da noch nicht ganz was leibliche Eltern bedeuten soll. Sie waren ja schliesslich die einzigen Eltern, die ich kannte. Im Nachhinein ist es relativ offensichtlich, dass wir nicht verwandt sind, da Lynk und ich das komplette Gegenteil unserer Eltern sind. Während wir beide beinahe strahlen, so blass wie wir sind und unsere rötlich blonden Haare betonen unseren hellen Hauttyp noch mehr. Mutter und Vater hingegen haben dunkle Haare, dunkle, fast sogar schwarze Augen und auch um einiges dunklere Haut.Mein Bruder wurde von seiner Fähigkeit vollkommen überrascht, da niemand erwartet hätte, dass ein unscheinbares Waisenkind zu den fünf Klassen gehören könnte. Das Geburtsdatum meines Bruders wurde auf den neunzehnten Juli geschätzt, aber seine Fähigkeit kam bereits einige Wochen früher zum Vorschein. Daher kann man annehmen, dass er Ende Juni geboren wurde und nicht, wie angenommen, erst im Juli. Unsere Familie feiert Geburtstage normalerweise sehr minimalistisch. Nicht, weil wir es nicht anders wollen, sondern, weil wir uns leider nicht viel mehr leisten können. Es gibt eine kleine Torte und eine Kleinigkeit als Geburtstagsgeschenk. Ich persönlich würde es auch nicht anders haben wollen. Was könnte man mehr wollen, als den Geburtstag mit der Familie zu verbringen. Meistens verbringen wir den Tag mit Kartenspielen, oder, wenn es das Wetter zulässt, verlegen wir die Feier an den Strand und geniessen die Sonne. Der neunzehnte Geburtstag ist anders. Traditionellerweise wird dieser mit einem grossen Fest gefeiert. Es gibt schliesslich die Möglichkeit, dass man Jemanden mit einer Fähigkeit feiern darf, nicht alle Tage. Mein Bruder, Lynk, hatte zu seiner verspäteten Feier über fünfzig Leute eingeladen, was im Vergleich zu anderen noch immer als wenig bezeichnet werden könnte, doch meine Eltern haben beinahe all ihr Erspartes für diese Feier ausgegeben.Aber da die Fähigkeiten nun aber eventuell doch in unseren Genen liegen und die Möglichkeit, dass ich ebenfalls Eine besitze besteht, wird jetzt leider auch von mir eine ähnliche Feier erwartet.Mein Verlangen, meinen Geburtstag mit Leuten zu feiern, die mich sonst kaum beachten, hält sich jedoch in Grenzen. Nach langem Überreden habe ich es schliesslich doch geschafft, eine kleinere Feier zu bekommen. Etwa zwanzig Gäste sind nun eingeladen. Meiner Meinung nach sind dies trotzdem etwa fünfzehn Leute zu viel, aber man kann ja nicht alles haben. Die meisten Gäste wurden sowieso von meinen Eltern eingeladen, wie Verwandte, die man sonst vielleicht alle zwei Jahre sieht. Lynk hat ebenfalls ein paar seiner Kindheitsfreunde eingeladen. Alles in allem sind nur zwei Personen unter den Gästen, die ich eingeladen habe. Meine beste Freundin Sahira und Kerros, welchen ich ebenfalls auch schon seit ich denken kann kenne. Da Sahira und Kerros nun auch zusammen sind, kommen sie sowieso immer nur im Doppelpack. Vorbereitungen für morgen laufen schon auf Hochtouren und sobald ich nur in die Nähe unserer Küche komme, strömen mir verschiedenste Gerüche entgegen. Sonst bestehen unsere Mahlzeiten meist nur mit simplen Zutaten, da ausgefallene Lebensmittel für den Alltag zu teuer sind. Doch solche Feierlichkeiten gelten als Ausnahmen. Meine Mutter hat schon vor einer Woche angefangen, das Haus auf Hochglanz zu bringen und heute verbringt sie bereits den ganzen Tag mit Kochen und Backen. Währenddessen kümmert mein Vater sich um unseren Garten und trifft dort jegliche Vorbereitungen. Gelegentlich erhält er auch die Erlaubnis, meiner Mutter unter die Arme zu greifen. Sie steht mit ihrer üblichen Schürze, welche nun einem farbenfrohen Gemälde gleicht und dringend gewaschen werden müsste, vorm Herd. Ihre dunklen Locken sind voller Mehl und anderen undefinierbaren Zutaten. Gestresst wischt sie sich mit ihren kunterbunten Ärmeln die kleinen Schweissperlen von der Stirn und lässt einen tiefen Seufzer raus. „Brauchst du Hilfe, Mama?", frage ich sie, um sie auf mich aufmerksam zu machen. „Ach Schätzchen», antwortet sie mir, ohne sich vom Herd abzuwenden. „Kannst du mir den Topf von dort drüben reichen? Sonst sollte ich alles unter Kontrolle haben." Ich bringe ihr den Topf und sofort fängt sie wieder an, mich zu ignorieren und widmet sich weiterhin dem Kochen. Meiner Meinung nach macht sie sich viel zu viel Stress. Ich beobachte sie noch etwas länger, doch da ich auch hier nicht behilflich sein kann, drehe ich mich schliesslich wieder um und laufe die Treppen hinauf, wo sich Lynks und mein Zimmer befindet. Lynk und ich haben uns schon immer ein Zimmer geteilt, bis er dann mit neunzehn in die Hauptstadt, nach Kabisera, gezogen ist. Er wurde an einer der besten Schulen für besondere Gaben angenommen und wird seither als Mentalist ausgebildet. Unser Dorf ist im Vergleich zu Kabisera wirklich winzig und hat, abgesehen von dem Strand, absolut nichts zu bieten.Lynks Schule, Paaralan, ist weltweit für ihre vielen äusserst begabten Absolventen bekannt und es ist für jeden eine Ehre, diese Ausbildungsstätte besuchen zu dürfen. Seit ich alt genug war um zu verstehen, was es bedeutet zu den fünf Klassen zu gehören, war es mein grösster Wunsch, nach Paaralan gehen zu dürfen und dadurch, dass Lynk auch die Schule besucht, hat sich dieser Wunsch nur vergrössert.Ich klopfe an die Zimmertür und warte geduldig auf eine Reaktion. Wir haben früh genug gelernt, dass wir unsere Privatsphäre respektieren müssen und nicht unangekündigt ins Zimmer platzen können. Auch wenn es uns beiden gehört. Man weiss schliesslich nie was auf der anderen Seite der Zimmertür passiert. „Ja?", höre ich eine Stimme von drinnen. Ich öffne die Tür und sehe Lynk auf seinem alten Bett sitzen. Er hat seinen Port, ein modernes, aber auch äusserst teures Gerät, das sich sonst nur die Familien mit viel Geld leisten können, in der Hand. Er hat den Port von der Schule gesponsert bekommen, da sie meinen, dass alle Schüler auf diese Technologie Zugriff haben sollen. Konzentriert starrt er auf den Bildschirm und tippt darauf herum, vermutlich schreibt er seinen Schulfreunden. „Hey", sage ich und setze mich im Schneidersitz auf den Boden. „Was gibt's?", fragt er abwesend. Sofort platzen alle Fragen, die mich in letzter Zeit auch schon im Schlaf plagen und meine ständigen Begleiter geworden sind, aus mir heraus. „Was, wenn ich nicht eine der fünf Gaben habe?" Er blickt von seinem Port auf und runzelt die Stirn. „Was, wenn ich nicht mit dir nach Kabisera gehen kann?"Seine Miene ändert sich und ich kann in seinen Augen Trauer erkennen, auch wenn er versucht, es zu verstecken. Lynk weiss, wie sehr ich mir das gewünscht habe und wie enttäuscht ich wäre, wenn es nicht klappt. „Wieso solltest du nicht in eine der fünf Klassen fallen? Wir haben doch fast die gleichen Gene", versucht er mich aufzuheitern. „Ja, aber-", fange ich an. „Und auch falls du nicht in Paaralan angenommen wirst", unterbricht er mich, „ist das nicht der Untergang der Welt. Du hättest viel weniger Plichten der Regierung gegenüber und könntest mehr Entscheidungen über dein eigenes Leben treffen. „Aber ich will nicht wieder alleine hierbleiben", erwidere ich jammernd. Er lacht auf und legt seinen Port auf die Seite. „Es ist dort nicht so toll, wie du es dir vorstellst", sagt er mit einem Lachen. Bevor ich mich weiter beschweren kann, setzt er fort. „Aber warten wir einfach mal ab, was in den nächsten Tagen passiert und wer weiss, vielleicht kommst du schon nächste Woche nach Kabisera. „Möglicherweise haben sie deinen Geburtstag auch einfach falsch geschätzt und du zeigst erst in zwei Monaten Anzeichen." Sehr hilfreich. Ich kann mir ein Augenrollen nicht verkneifen und stehe seufzend wieder auf. „Bis dahin müsste ich also vermutlich hierbleiben und mich in einem normalen Beruf zu Tode langweilen", sage ich mehr zu mir selbst als zu ihm. „Naja egal. Ich kann's ja nicht beeinflussen und sollte jetzt sowieso schon längst schlafen", meine ich auf dem Weg zur Tür. Lachend wendet er sich mit einem Kopfschütteln wieder seinem geliebten Port zu. Ich laufe wieder die Treppe hinunter und schlüpfe ins enge Badezimmer. Während des Zähneputzens mustere ich mein Spiegelbild. Unter meinen Augen befinden sich dunkle Augenringe, die nie ganz verschwinden und immer präsent sind, egal wieviel ich schlafe. Mit einem Schulterzucken widme ich mich wieder dem Zähneputzen. Morgen werde ich mich zur Abwechslung mal schminken, also stören mich die Augenringe nicht allzu sehr. Sobald ich mich endlich in mein Bett gekuschelt habe, zieht mich auch schon der Schlaf in die Tiefe.„Lia, aufstehen! ", flüstert mir eine weit entfernte Stimme zu. Eine Hand rüttelt meine Schulter. „Alles Liebe zum Geburtstag Schätzchen." Ich öffne meine Augen und sehe meine Mutter vor meinem Bett stehen. „Wieviel Uhr ist es?" „Acht. Minka ist schon hier, um dich zu schminken und deine Haare zu machen, also zieh dich schnell an und komm hinunter."Als ich einige Minuten später nach unten komme, ist der ganze Esstisch mit Equipment bedeckt, wovon ich nichts, bis auf eine simple Bürste, erkenne. „Ach, Kalia. Jedes Mal, wenn ich dich sehe, bist du noch hübscher geworden. Wenn du so weitermachst, wird dir keiner mehr widerstehen können.", meint Minka, eine Bekannte meiner Mutter, mit einem fröhlichen Lachen. „Minka! Ich hoffe doch wohl sehr, dass die Männer noch einige Jahre warten. Ich bin noch nicht bereit, meine kleine Kalia gehen zu lassen.", sagt meine Mutter mit wässrigen, aber stolzen Augen. „Mama!", versuche ich sie daran zu hindern, noch peinlicher zu werden, doch das ruft nur Gelächter von den zwei Frauen hervor. Mit roten Wangen setzte ich mich verlegen auf den Stuhl in der Mitte des Raums. Minka fängt sofort an, meine Haare zu kämmen und mit diversen Produkten zu frisieren. Ich hätte keinen Plan wofür die meisten dieser Sachen überhaupt verwendet werden, aber dafür ist ja Minka da. Ich habe schon vor Jahren aufgegeben, etwas aus meinen Haaren zu machen. Es ist hoffnungslos. Sie sind einfach viel zu stur, um sich in eine andere Richtung zu biegen. Den einzigen Weg, den sie kennen, ist vertikal nach unten. Geflochtene Zöpfe lösen sich innerhalb kürzester Zeit wieder auf und Locken kann ich komplett vergessen. Meine Haare schaffen es in Rekordzeit, wieder in ihre ursprüngliche Form zurückzukehren. Minka holt einige hölzerne Lockenwickler aus einer ihrer Taschen, sprüht diese mit etwas Wasser ein und hält den ersten Lockenwickler über eine dünne Strähne. Plötzlich schwebt die Holzrolle von selbst zu meinen Haaren und dreht die Strähne um das Stück Holz. Stückchenweise wickeln sie sich um meine hellen Haarsträhnen. Sobald alle Lockenwickler in meinen Haaren untergebracht sind, fangen sie an sich zu erwärmen und dampfen schliesslich einige Sekunden leise vor sich hin. Verwundert nehme ich einen dieser magischen Wickler vom Tisch und untersuche ihn neugierig. Minka grinst mich an und lacht. „Ganz schön praktisch diese Dinger, nicht wahr?" „Ich wusste nicht einmal, dass so etwas überhaupt existiert.", sage ich verblüfft. „Die sind auch etwas ganz Besonderes. Ich habe sie vor einer Ewigkeit auf einem Markt einer älteren Dame, die keinen Nutzen mehr für sie hatte, abgekauft. Ihre Haare waren zu kurz um sie einzudrehen." Sprachlos starre ich sie weiterhin an. „Sie meinte eine Animatorin hätte diese Lockenwickler speziell dafür entwickelt und hat mir gezeigt, wie man sie verwendet. Man muss sich nur vorstellen, was sie machen sollen und schon fangen sie an."Wortlos staune ich über diese unscheinbaren Holzrollen, was wiederrum zu einem noch herzlicheren Lachen von ihr führt. „Eine echte Animatorin hat das gemacht?", frage ich beeindruckt. Animatoren sind selten. Vielleicht sogar die seltensten der fünf Klassen. Gute Animatoren können beinahe jeden Gegenstand sozusagen zum Leben erwecken und ihnen Befehle erteilen. Wenn der Animator alles richtig macht, können diese Gegenstände auch noch nach deren Tod Befehle befolgen.Lächelnd nimmt sie die restlichen Lockenwickler vom Tisch und legt sie wieder zurück in ihre Tasche. „Mhm. Die waren auch ganz schön teuer. Ein Goldstück und vier Silberstücke haben sie mich gekostet. Aber das war es mir auf jeden Fall wert. Sie machen die schönsten Locken, die ich je gesehen habe", prahlt sie.Als nächstes zückt sie eine glitzernde grüne Box aus ihrer Tasche und kniet sich vor mich auf den Boden. Sie holt eine kleine Bürste heraus und fängt an, mir Puder auf die Haut zu wedeln. Folgsam schliesse ich meine Augen und darf sie erst nach einer gefühlten Ewigkeit wieder öffnen.Mir fehlen die Wörter. Da ich mich kaum schminke, bin ich es überhaupt nicht gewohnt, mich so zu sehen. Ich weiss nicht mal mehr, wann ich das letzte Mal Schminke aufgetragen hatte. Jedes einzelne Härchen war perfekt frisiert. Meine Haut wirkt nahezu makellos. Da ich meine Sommersprossen recht niedlich finde, gefällt mir, dass sie auch noch durch die dünne Puderschicht sichtbar sind. Die Farben auf meinem Lidschatten sind exakt auf meine rötliche Haarfarbe abgestimmt und betont das dunkle blau in meinen Augen. Noch nie hatte ich mich so gewagt geschminkt. Sonst versuche ich, eher nicht auszufallen und in der Menge unterzugehen, doch heute fühlte es sich richtig an, aus der Menge herauszustechen. Heute wird etwas Besonderes. Heute bin ich etwas Besonderes.Zurück in meinem Zimmer warten Sahira und meine Mutter schon ungeduldig auf mich und halten mir das bezauberndste Kleid entgegen. Simple und doch extravagant. Die Perlen und Spitze, die das Kleid zieren, machen das Ensemble absolut perfekt. Ich habe noch nie so etwas Schönes gesehen.Meine Stummheit nimmt meine Mama vermutlich als ein schlechtes Zeichen, da sie sofort das Kleid weglegt und ihre Hände auf meine Wangen legt. „Oh Schätzchen, gefällt es dir nicht? Wir können schnell ein Anderes holen gehen, wenn du dieses hier nicht magst. Wir dachten nur, dass diese Farbe toll an dir auseh- " Ich unterbreche sie mit einer festen Umarmung bevor sie noch mehr sagen kann. „Es ist absolut perfekt." Ein erleichtertes Seufzen entkommt ihr und sie erwidert die feste Umarmung. „Ich weiss gar nicht wie ich mich dafür bedanken soll. Was habt ihr euch gedacht, so ein teures Kleid zu kaufen?", frage ich sie fassungslos. „Da du nicht viele Freunde einladen wolltest, hatten wir einiges von dem eingeplanten Budget übrig und als ich mit Sahira ein Kleid kaufen war, habe ich dieses Kleid gesehen und konnte nicht anders, als es mitzunehmen."Ich drehe mich zu Sahira und werfe meine Arme ebenfalls um sie. Wahrscheinlich war sie diejenige, die das Kleid ausgesucht hat. Meine Mutter hat so viel Modesinn wie eine Schnecke. Leider bin ich in diesem Bereich ebenfalls ein hoffnungsloser Fall. Ich schlüpfe erwartungsvoll mit einem riesigen Lächeln auf dem Gesicht ins Kleid und begutachte mein Spiegelbild. Heute wird ein guter Tag.

II

Laute Musik durchdringt die dünnen Wände unseres Hauses und schallendes Gelächter erklingt vom Garten. Der Grossteil der Gäste ist bereits da und in unserem Garten bildet sich langsam ein kleines Menschenmeer. Doch trotz der fröhlichen Stimmung verstecke ich mich immer noch in meinem kleinen Zimmer. Jedes Mal, wenn ich genug Mut gesammelt habe und mich auf den Weg in den Garten mache will, werde ich von Nervosität überfallen und drehe wieder um. Ich will mich nicht den Tatsachen stellen müssen. Es haben sich noch immer keine Anzeichen einer Gabe gezeigt. Und wenn sich bis morgen keine Fähigkeit offenbart, muss ich wie alle anderen den Eignungstest durchführen. Ich könnte nicht mit Lynk zur Schule gehen. Und ich müsste einen gewöhnlichen Beruf finden, welcher mir automatisch nach dem Test anhand meiner Stärken und Schwächen zugeteilt wird. Ich war schon immer recht gut in Naturwissenschaften und eine leidenschaftliche, jedoch vielleicht nicht allzu begabte Köchin. Wer weiss, welche Stärken der Eignungstest entdeckt. Wenn ich schon nicht nach Paaralan gehen kann, dann will ich wenigstens etwas Aussergewöhnliches machen, das Spass macht. Aber Schluss mit all diesen Gedanken. Möglicherweise dauert es einfach einen Tag bis sich meine Fähigkeit einspielt.Ich atme ein letztes Mal tief durch und mache mich nun endgültig auf den Weg zu meinen Gästen. Mein Bauch flattert und die Nervosität überkommt mich nochmals. Als ich erneut einen Rückzieher machen will und mich am liebsten im Bett verkriechen würde, stolziert mein Bruder mit einem breiten Lächeln in meine Richtung. „Oh, hey, da bist du ja endlich. Was dauert denn so lang? Es sind schon fast alle Gäste da», mit einem kleinen Augenrollen fügt er hinzu, „was nicht besonders schwer ist, da du auch nicht viele eingeladen hast. Aber du solltest sie trotzdem mal begrüssen kommen", empfiehlt mir Lynk während er mich am Ellbogen den Gang entlang zieht. „Ja ich weiss...", entgegne ich kleinlaut. Er dreht sich zu mir um und zieht besorgt seine Augenbrauen zusammen. „Ist alles in Ordnung?" Seine sanften grünen Augen mustern meinen Gesichtsausdruck sorgfältig. „Naja, ich bin etwas nervös. Es haben sich bis jetzt noch immer keine Anzeichen gezeigt und ich kann mir nicht vorstellen, den Rest meines Lebens mit einem gewöhnlichen Beruf zu verbringen", gestehe ich. Er löst seinen Griff um meinen Ellbogen und überrascht mich mit einer plötzlichen Umarmung. „Kalia. Mach dir darüber heute keine Gedanken, okay? Heute ist dein Tag und du solltest wenigstens versuchen, ihn zu geniessen. Du bist perfekt, so wie du bist. Ich liebe dich. Auch wenn du manchmal unglaublich nervig und stur sein kannst." Mit seinen letzten Worten breitet sich auf meinem Gesicht ein ungewolltes Lächeln aus und ich schlage ihn, so gut es in seiner festen Umarmung auch geht, gegen seinen Oberarm. Er grinst mir frech entgegen und packt abermals meinen Arm. „Komm, jetzt gibt's keine Ausreden mehr." Und damit zieht er mich voran.„Kalia!!! Da bist du ja endlich. Wir haben uns schon Sorgen um dich gemacht!", ruft mir mein Vater laut zu und übertönt somit die Musik. Augenblicklich richten sich somit die Blicke auf mich und ich wollte am liebsten im Boden verschwinden. Er kommt mit offenen Armen auf mich zu und zieht eine Gruppe von Leuten, die ich kaum kenne, mit sich. Mit einem innerlichen Stöhnen und einem aufgesetzten Lächeln bedanke ich mich für alle Glückwünsche. Nachdem sich der Ansturm ein bisschen gelegt hat, kommen Sahira und Kerros auf mich zu. Sie umarmen mich beide zugleich und schnüren mir dabei beinahe die Luft ab. „Wo warst du denn so lange?", fragt Sahira, „du wolltest doch nur kurz ins Badezimmer." „Ich hatte einfach etwas Angst davor, mich den ganzen Leuten zu stellen", murmle ich. „Das macht alles zu real. Und ich musste mich einfach noch ein bisschen beruhigen, damit ich nicht hyperventiliere und vor euch allen an meinem Geburtstag einen Herzinfarkt bekomme und Tod umfalle", versuche ich zu scherzen, doch meine Augen verraten mich. Beide wissen sofort, dass ich mich am liebsten den ganzen Abend verstecken und mit keiner Menschenseele sprechen würde. Zum Glück reiten sie aber nicht länger darauf herum und begleiten mich zu den „jungen" Gästen. Auf der anderen Seite des Gartens sitzt mein Bruder, der anscheinend irgendwann unbemerkt wegeschlichen ist, gemütlich mit seinen Freunden auf einem ausgebreiteten Tuch. Sobald mich Lynk sieht, springt er auf und eilt zu mir rüber. Er umarmt mich ein weiteres Mal und hebt mich dabei auf. „Mir ist aufgefallen, dass ich dir noch gar nicht gratuliert habe, also: ich wünsche der allerbesten Schwester die es gibt, alles Liebe zum Geburtstag!"„Ich bin deine einzige Schwester", lache ich als er mich wieder auf den Boden lässt. Er zuckt mit seinen Schultern, macht es sich wieder auf dem Boden bequem und erntet sich dabei wieder einmal eines meiner berüchtigten Augenrollen. Kerros setz sich neben meinen Bruder und Sahira folgt ihm natürlich sofort. Also setze ich mich auf den einzigen freien Platz zwischen ihr und Leron, Lynks ältestem Kindheitsfreund. Sobald ich mich niedergelassen habe, gratuliert er mir ebenfalls zum Geburtstag und wir vertiefen uns sofort in ein Gespräch. Da Leron damals unser Nachbar war, haben Lynk und er sich fast jeden Tag gesehen und waren beinahe sogar unzertrennlich. Natürlich durfte ich anfangs nie auf deren Abenteuer mitkommen. Für sie war ich immer nur die nervige kleine Schwester. Als die Jahre jedoch vergingen und der Altersunterschied nicht mehr so offensichtlich war, wurde ich immer öfter in deren Unternehmungen inkludiert. Somit haben Leron und ich uns ebenfalls schnell angefreundet. Ich würde es jetzt vermutlich nie gestehen, aber ich war, seitdem ich eingesehen hatte, dass Jungs nicht nur nervige Wesen sind, heimlich in Leron verliebt gewesen. Doch auch diese Gefühle verflüchtigten sich als ich älter wurde und waren jetzt nur mehr eine peinliche Erinnerung.Was mein Bruder aber nicht weiss, und was ich ihm auch nicht verraten werde, ist, dass mein erster Kuss mit Leron war. Lynk wäre vermutlich nicht sonderlich erfreut, wenn er wüsste, dass sein bester Freund seine kleine Schwester geküsst hatte und laut meinem Bruder bin ich vermutlich noch immer viel zu jung, um nur an das andere Geschlecht zu denken.Nun zu meinem ersten Kuss gibt es nichts Interessantes zu sagen. Leron hatte mich eines Tages wie aus dem Nichts zum Abschied geküsst und ist dann nachhause gelaufen. Es war das komplette Gegenteil dieser romantischen Vorstellungen, von denen man als Vierzehnjährige träumt. Der Kuss an sich war seltsam und angespannt und danach herrschte nur peinliche Stille zwischen uns. Er war Minuten lang gar nicht mehr in der Lage zu sprechen. Er stotterte lediglich etwas herum, gab jedoch nach mehreren Versuchen auf und rannte nach Hause.Obwohl es sich nicht so angefühlt hatte, wie ich es mir vorgestellte habe, war mein peinliches kleines Gehirn von damals anfangs froh darüber, dass Leron mich geküsst hatte. Je länger ich aber über den Kuss und Leron nachdachte, desto klarer wurde es mir, dass meine Gefühle für ihn in keiner Weise romantisch waren. Mittlerweile empfinde ich leider nur freundschaftliche Gefühle, denn er wäre eigentlich der perfekte Partner. Er ist liebevoll, fürsorglich und ist immer in der Lage, mich zum Lachen zu bringen.Einige Wochen nach dem ersten Kuss war es zwischen uns etwas angespannt, doch nach und nach löste sich die Anspannung zwischen uns auch wieder. Seitdem kam es hin und wieder zwar zu flüchtigen Küssen, aber diese waren eher erzwungen, da ich versuchte mich doch zu überzeugen, dass ich noch Gefühle für ihn hatte. Seither haben wir keine weiteren Versuche gemacht, unsere Freundschaft zu etwas mehr zu machen.Als ich mich für ein Stück Torte in die Küche begebe, reisst mich jemand aus meinem Gedankengang. „Hat dir eigentlich schon jemand gesagt, wie wahnsinnig hübsch du heute bist? Also sonst bist du natürlich auch hübsch, aber heute bist du einfach unglaublich schön." Ich drehe mich um und muss sofort lachen. Leron lehnt mit überkreuzten Armen gelassen gegen die Wand, doch sein Gesicht wiederspiegelt Verlegenheit. Mein Lachen verunsichert ihn jedoch nur noch mehr und man könnte behaupten, dass er sogar ein wenig rot anläuft. „In meinem Kopf hat sich das Kompliment viel besser angehört", meint er schüchtern als er sich von der Wand abstosst. Mit einem breiten Grinsen drehe ich mich wieder zur Torte. „Nur meine Eltern und das zählt nicht wirklich. Sahira meinte nur, dass ich mir öfters mehr Mühe geben sollte. Laut ihr hätte ich dadurch anscheinend bessere Chancen einen Jungen zu finden, der mich mag", antworte ich mit einem Achselzucken. Er schlendert zur anderen Seite der Küchentheke, schaut mir wieder in die Augen und öffnet seinen Mund. „Ich mag dich" „Das will ich aber auch hoffen, du bist ja schliesslich mein Freund", erwidere ich mit einem Augenrollen. „Kalia–", fängt Leron an, doch er wird unterbrochen bevor er zu Ende sprechen kann.Plötzlich ruft mich mein Vater aus dem Garten. „Tut mir leid, ich muss gehen. Später?", frage ich Leron. „Sicher", erwidert er mit einem Seufzer.Einige Stunden später bin ich vom vielen Reden und Zuhören vollkommen erschöpft. Mittlerweile haben sich fast alle Gäste verabschiedet. Nur noch Sahira, Leron und Kado, ein weiter Schulfreund meines Bruders, sind da. Kado ist ebenfalls aus unserem Dorf und obwohl unser Dorf recht klein ist, haben wir ihn noch nie zuvor gesehen. Mein Bruder hat ihn im ersten Jahr in Paaralan kennengelernt und da Kado ebenfalls für einen Familienbesuch zuhause war, hat Lynk ihn gleich eingeladen. Trotz der Dunkelheit sitzen wir immer noch zusammen im Garten. Die Sonne ist bereits hinter dem Horizont verschwunden und eine kühle Frühlingsbrise weht durch die Luft. Sahira räuspert sich neben mir und mustert mich mit einem besorgten Blick. „Na, was denkst du?" „Ach, nur das übliche, Kleider, Geld und Männer", erwidere ich sarkastisch. Das bringt Sahira zum Lachen. „Du würdest nie über Kleider oder Geld nachdenken. Männer vielleicht, aber dann hättest du einen anderen Blick", sagt sie grinsend. „Was denkst du wirklich? Ich weiss, dass du dir Sorgen machst, aber es ist nicht allzu schlecht normal zu sein." „Ich weiss, aber seit Lynk nach Kabisera gezogen ist, habe ich mir nichts anderes gewünscht, als auch dorthin zu kommen." „Vielleicht findest du ja eine Arbeit in Kabisera, bei der du nicht vor Langeweile sterben würdest, oder ich könnte Nilla für dich fragen, ob sie dich auch anstellen kann." Nilla ist die beste Schneiderin, die ich kenne. Sie ist zwar auch die einzige in unsere Stadt, aber sie schneidert wirklich wunderschöne Kleidung. Sahira hat gleich nach ihrem neunzehnten Geburtstag, vor einigen Monaten, angefangen für sie zu arbeiten. Dieser Job ist perfekt für sie. Seit ihrer Kindheit ist sie schon in Mode vernarrt und hat diese Leidenschaft jeher beibehalten. „Nein, passt schon. Du weisst wie hoffnungslos ich mit Mode bin", meine ich lachend. „Was würdest du denn gerne machen? Hast du eine Ahnung was beim Test rauskommen könnte?" Ich schüttle meinen Kopf ernüchtert.Für Sahira hat der Eignungstest sofort eine Begabung für Mode gezeigt und da sie Nilla auch schon länger kannte, hat sie natürlich sofort einen Platz dort bekommen. Ich hingegen habe wirklich keinen Plan, worin ich gut wäre. „Wahrscheinlich gehe ich dann morgen schon zum Eignungstest. Ich will es nicht noch länger hinauszögern." Sie stimmt mir zu und schliesst sich wieder den anderen Konversationen an.Als die Luft für meinen Geschmack zu kalt wird und da mein Sommerkleid definitiv nicht für diese Temperaturen gemacht wurde, mache ich mich auf den Weg in mein Zimmer, um eine Jacke zu holen. Doch kurz bevor ich mein Zimmer erreiche, ruft mir jemand von den Stiegen zu. Lerons Gestalt eilt die Treppen hinauf und lächelt mich an. „Hey." „Leron. Was gibt's?" Im künstlichen Licht sehen seine Haare heller aus als sonst. Mit seinen dunkelblonden Haaren und braunen Augen ist sein Aussehen relativ gewöhnlich. Doch trotz des gewöhnlichen Aussehens sticht er aus der Menge heraus. Vielleicht ist es sein unglaublich süsses Lächeln. Sobald er lacht, bekommt man das Gefühl, man könnte ihm alles anvertrauen. Oft habe ich das Bedürfnis, sobald er mich anlächelt, ihm mein Herz auszuschütten. „Also wegen vorhin, in der Küche... Hast du kurz Zeit?" „Klar, willst du reinkommen?", frage ich ihn und leite ihn dabei in mein Zimmer. Er setzt sich auf Lynks Bett und ich mache mich auf die Suche nach einer Jacke, die nicht allzu schrecklich mit dem Kleid aussehen würde. Doch im Endeffekt greife ich natürlich zu meinem Lieblingspullover und setzte mich erwartungsvoll auf das andere Ende von Lynks Bett. „Also, was wolltest du vorhin sagen?" Er räuspert sich unsicher und richtet seinen Blick auf den Boden. „Naja ich wollte dir eigentlich nur sagen, dass ich dich eben wahnsinnig schön finde und du einfach das tollste Mädchen bist, das ich kenne. Und ich weiss nicht ganz wie ich dir das jetzt sagen soll, aber-"Plötzlich klopft es an der Tür. „Leron?" Lynk öffnet die Tür und blickt zuerst auf Leron und dann auf mich. Seine Augen wandern wieder zu Leron. „Was macht ihr da?", fragt er mit gerunzelter Stirn. Ich öffne meinen Mund doch Leron meldet sich zuerst. „Ehm. Nichts, wir reden nur." Mit einem skeptischen Blick wendet mein Bruder sich wieder mir zu und hebt seine Augenbrauen fragend nach oben. Theoretisch ist es komplett egal, ob wir ihm antworten oder nicht, durch seine Fähigkeit weiss er sowieso, was wir denken. Ich mustere Leron kurz und merke, wie unangenehm ihm diese Situation ist, also entscheide ich mich, ihm ein bisschen auszuhelfen. „Ja, also eigentlich wollte ich mir nur einen Pullover holen und da Leron auch etwas kalt war, hat er mich gefragt, ob er sich einen Pullover ausborgen kann."„Und wieso hat er dann noch keinen? Er weiss doch wo meine Pullover sind." „Keine Ahnung. Vielleicht wollte er nicht unhöflich sein und sich einfach einen nehmen", sage ich genervt und gehe Richtung Tür. „Da du jetzt da bist, kannst du ihm ja selber einen geben", erwidere ich bevor ich aus dem Zimmer verschwinde. Als ich wieder in der Küche bin, höre ich jemanden die Stiegen hinunterkommen. „Danke Lia. Ich wusste nicht ganz was ich Lynk sagen sollte." „Keine Sorge, aber ich weiss immer noch nicht, was du mir eigentlich sagen wolltest." „Kannst du kurz mitkommen? Ich will nicht schon wieder von jemanden gestört werden." Sobald ich zustimme, nimmt er sanft meinen Arm und zieht mich in den Garten, vorbei an den anderen Gästen um die Ecke des Hauses. Dort leitet er mich bis ans andere Ende des Gartens, sodass die munteren Stimmen der Gäste nur noch ein leises Gemurmel sind. Er stellt sich vor mich hin und legt seine Hände auf meine Schultern. Nach einem nervösen Seufzer sieht er mir tief in die Augen und öffnet seinen Mund ein wenig, jedoch sagt er nichts. Sein Blick senkt sich ein wenig und plötzlich legt er eine Hand auf meine Wange. Doch bevor ich widersprechen kann, bringt er sein Gesicht so nah, dass ich seinen Atem auf meinem Mund spüren kann. Innerlich schreit mir mein Gehirn zu, mich wegzudrehen oder wenigstens etwas zu sagen, aber mein Körper ist etwas überfordert von seiner unerwarteten Handlung und will mir nicht mehr gehorchen. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet! Bevor sich unsere Lippen berühren flüstert er mir noch etwas zu. „Ich glaube ich mag dich mehr als nur freundschaftlich."Ich komme nicht dazu etwas zu erwidern, denn er senkt seine Lippen auf meine. Zunächst hält er ganz still, als hätte er Angst davor, ich würde zerbrechen. Doch ich bin zu perplex, um auf seinen unerwarteten Kuss zu reagieren. Unser letzter Kuss war vor mehr als drei Jahren und ich hätte nie gedacht, dass er mich nochmal küssen würde, vor allem nicht so plötzlich. Nach einigen Sekunden fängt er an seine Lippen zögerlich zu bewegen. Nachdem mein Gehirn gänzlich aufgegeben hat zu denken, verharre ich in meiner Starre. Seine Hand gleitet langsam von meiner Schulter über meinen Arm zu meiner Taille. Er zieht mich vorsichtig zu ihm hin. Doch als er versucht seine Zunge ins Spiel zu bringen, stosse ich ihn nun endlich von mir weg. „Was? Wie... wieso küsst du mich?" Er sucht verzweifelt nach einer Antwort, öffnet seinen Mund, aber schliesst ihn gleich danach wieder. Diesen Vorgang wiederholt er mehrmals. „Ehm..." „Ich dachte das hätten wir hinter uns», sage ich sanft. „Ich wusste nicht, dass du so empfindest. Es tut mir leid, ich weiss nicht ganz wie ich das jetzt sagen soll. Ich will dich nicht verlieren, aber..." Den letzten Teil lasse ich so stehen.Seine Augen suchen meine. Keiner von uns weiss so richtig, wie wir jetzt auf meine Offenbarung reagieren sollen, also wende ich mich ab und lasse mich leise wieder neben Sahira nieder.Leron kommt mir verständlicherweise nicht hinterher. Vermutlich ist er nachhause gegangen. Es bricht mir wirklich das Herz, ihm das jetzt so gesagt zu haben, aber nie im Leben hätte ich geglaubt, dass er doch noch Gefühle für mich hat. Falls ich dadurch jetzt unsere Freundschaft zerstört habe, würde ich mir das nie verzeihen. Früher waren unsere Küsse nie so erst, aber dieser Kuss war anders. Nicht mehr in der Stimmung viel zu reden, halte ich mich eher zurück und beobachte die anderen.Bis spät in die Nacht sitzen wir nun zu fünft im Garten. Ich muss Sahira zum Schluss schon fast zwingen zu gehen. Letztendlich war ich einfach schon viel zu müde und wollte nur noch schlafen. Jetzt stehe ich vor dem Spiegel im Bad und versuche die ganze Schminke von meiner Haut zu rubbeln. Keinen Plan welche Produkte Minka verwendet hat, aber es ist beinahe unmöglich alles zu entfernen. Meine Locken haben sich ebenfalls prächtig gehalten. Diese Lockenwickler hätte ich auch gerne. Nach einer Ewigkeit habe ich es nun doch noch geschafft, mein Gesicht von der Schminke zu befreien und mich erschöpft in mein Bett zu schleppen. Sobald ich unter der Decke bin sind meine aufwühlenden Gedanken auch schon vergessen und meine Müdigkeit gewinnt.

III

„Womit kann ich dir denn helfen?", fragt mich die ältere Dame mit knalligen, orangenen Haaren hinter dem Tisch. „Ich bin für den Eignungstest hier", teile ich ihr kleinlaut mit. Nach dem Frühstück heute Morgen habe ich mich sofort auf den Weg ins Stadtzentrum gemacht. Ich will diesen blöden Test so schnell wie möglich hinter mich bringen. Nun stehe ich vor dieser äusserst schlecht gelaunten Dame, die sich wohl auch besseres vorstellen könnte, als hier zu sitzen.Sie mustert mich gelangweilt und verdreht ihre Augen. „Hast du denn schon einmal den Test gemacht?" Darauf schüttle ich etwas eingeschüchtert meinen Kopf. Mit einem lauten Seufzer und wackeligen Beinen hebt sie sich von dem quietschenden Stuhl ab. „Dann kannst du mir gleich folgen und wir sehen, ob eines der Prüfungszimmer frei ist." Zu meiner Überraschung macht sie sich flott auf den Weg und verschwindet hinter einer Ecke. Für so eine kleine, alte Frau ist sie äusserst schnell unterwegs.Ruckartig bleibt sie vor einer hölzernen Tür mit einer grossen Nummer darauf stehen. „Warte da drinnen bis dein Überwacher kommt." Damit dreht sie sich um und würdigt mich keines letzten Blickes.