The Risk – Wer wagt, gewinnt - Elle Kennedy - E-Book

The Risk – Wer wagt, gewinnt E-Book

Elle Kennedy

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Beschreibung

»The Risk – Wer wagt, gewinnt« ist nach »The Chase – Gegensätze ziehen sich an« Band zwei der neuen »Briar University«-Reihe von SPIEGEL-Bestseller-Autorin Elle Kennedy! Bad Girl Brenna Jensen würde sich nie auf einem Eishockeyspieler einlassen. Das Risiko wäre zu groß. Nicht nur, weil ihr Vater, der Trainer des Teams, sie umbringen würde. Sie hat auch nicht vor, den größten Fehler ihres Lebens zu wiederholen. Trotzdem geht ihr einer der Spieler unter die Haut. Er ist eingebildet, frech, und er macht mehr als deutlich, dass er etwas von ihr will. Auch wenn sie weiß, dass sie für ihn nie an erster Stelle stehen wird, da er sich letzten Endes doch nur für seinen Sport interessiert, wird es für Brenna immer schwerer, ihm zu widerstehen ... Hockeyspieler, Leidenschaft und Herzklopfen – mit der »Briar University«-Reihe, einem Spin-Off der beliebten »Off-Campus«-Reihe, sorgt Elle Kennedy für Knistern in der Luft! Die Autorin Elle Kennedy wuchs in einem Vorort von Toronto auf und studierte Englische Literatur an der New York University. Ihre »Off Campus«-Reihe war wochenlang auf den internationalen Bestsellerlisten und wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt. Elle Kennedy ist außerdem eine Hälfte des SPIEGEL-Bestseller-Autorenduos Erin Watt, das mit der »Paper«-Reihe große Erfolge feiert.

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Übersetzung aus dem Amerikanischen von Christina Kagerer

 

© Elle Kennedy 2019Titel der amerikanischen Orginalausgabe:»The Risk«, Elle Kennedy Inc., 2019Deutschsprachige Ausgabe:© Piper Verlag GmbH, München 2019Covergestaltung: zero-media.net, MünchenCovermotiv: svetikd / Getty Images und FinePic®, München

 

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Inhalt

Cover & Impressum

Kapitel 1 – Aber ich bin …

Kapitel 2 – Es ist halb …

Kapitel 3 – »Wo warst du …

Kapitel 4 – In den meisten …

Kapitel 5 – Ein kalter Schauer …

Kapitel 6 – Das Dime ist …

Kapitel 7 – Um drei Uhr …

Kapitel 8 – »Ich kann nicht …

Kapitel 9 – Ich habe nicht …

Kapitel 10 – Trotz Briars Sieg …

Kapitel 11 – »Ich bin sicher …

Kapitel 12 – Das Morgentraining ist …

Kapitel 13 – Am Dienstag ist …

Kapitel 14 – »O mein Gott …

Kapitel 15 – Letzten Sommer war …

Kapitel 16 – Es kann nichts …

Kapitel 17 – Als ich mit …

Kapitel 18 – Brenna ist eine …

Kapitel 19 – Am Mittwoch habe …

Kapitel 20 – Ping ping ping …

Kapitel 21 – Du lieber Himmel …

Kapitel 22 – Am Samstagmorgen kommt …

Kapitel 23 – »Habe ich einen …

Kapitel 24 – Es ist Dienstagmorgen …

Kapitel 25 – »Verdammt, Connelly …

Kapitel 26 – »Danke, dass ihr …

Kapitel 27 – »Es ist mir so …

Kapitel 28 – »Wo bist du gewesen …

Kapitel 29 – Jeder Spieler bereitet …

Kapitel 30 – In der Sekunde …

Kapitel 31 – Vierundzwanzig Stunden nach …

Kapitel 32 – »Danke, dass ich …

Kapitel 33 – Ich liebe Jakes …

Kapitel 34 – Morgensex ist etwas …

Kapitel 35 – Ich will mir …

Kapitel 36 – Jake hat Schluss …

Kapitel 37 – An diesem Abend …

Kapitel 38 – »Das gibt’s doch …

Kapitel 39 – Ich bin allein …

Kapitel 40 – Als ich in …

Kapitel 41 – Da ist ein …

Epilog

Anmerkungen

Kapitel 1 – Aber ich bin …

Brenna

Mein Date ist zu spät.

Aber ich bin ja keine komplette Zicke. Normalerweise räume ich den Typen ein Zeitfenster von fünf Minuten ein. So viel kann ich tolerieren.

Bei sieben Minuten bin ich auch noch empfänglich für eine Erklärung – vor allem, wenn ich eine Nachricht oder einen Anruf bekomme und mir der Grund für die Verspätung genannt wird. Der Verkehr kann einem die Pläne manchmal ziemlich durchkreuzen.

Bei zehn Minuten Verspätung werde ich ungeduldig. Wenn der besagte Idiot zehn Minuten zu spät ist und sich nicht einmal meldet? Nein danke, dann bin ich weg.

Nach fünfzehn Minuten frage ich mich, was ich immer noch in dem Restaurant mache.

Beziehungsweise, in diesem Fall, im Diner.

Ich sitze an einem Tisch im Della’s, einem Diner im Fünfzigerjahrestil in Hastings. Hastings ist die kleine Stadt, die ich in den nächsten Jahren meine Heimat nennen darf. Doch zum Glück wohne ich nicht mit meinem Vater unter einem Dach. Mein Dad und ich leben zwar in derselben Stadt, aber bevor ich auf die Briar University gewechselt bin, habe ich ihm klargemacht, dass ich nicht bei ihm einziehen werde. Dieses Nest habe ich bereits verlassen. Auf keinen Fall werde ich wieder dorthin zurückkehren und mich in seine überfürsorgliche Obhut begeben und mich noch mal seinen schrecklichen Kochkünsten aussetzen.

»Kann ich dir noch einen Kaffee bringen?« Die Kellnerin, eine Frau mit Locken und einer weiß-blauen Polyesteruniform, sieht mich mitleidig an. Ich schätze sie auf Ende zwanzig. Ihr Namensschild verrät mir, dass sie Stacy heißt, und bestimmt denkt sie, ich wäre versetzt worden.

»Nein danke. Nur die Rechnung, bitte.«

Als sie davongeht, hole ich mein Handy raus und schreibe meiner Freundin Summer eine Nachricht. Das ist alles ihre Schuld. Deshalb muss sie sich nun auch meine Beschwerden anhören.

Ich:Er hat mich versetzt.

Summer antwortet sofort, als hätte sie nichts anderes zu tun, als neben ihrem Telefon zu sitzen und auf einen Bericht von mir zu warten. Obwohl: Lassen wir den Konjunktiv – natürlich ist das der Fall. Meine neue Freundin ist wahnsinnig neugierig.

Summer:OMG! NEIN!

Ich: Doch.

Summer: Was für ein Arschloch. Es tut mir so, so, so, so leid, Bee.

Ich: Ach, es überrascht mich nicht sonderlich. Er ist Footballspieler. Das sind notorische Idioten.

Summer: Ich dachte, Jules wäre anders.

Ich: Falsch gedacht.

Die drei Punkte auf dem Display zeigen mir, dass sie eine Antwort tippt, aber ich weiß bereits, wie sie aussehen wird. Sie wird sich noch mal ausgiebig bei mir entschuldigen, worauf ich im Moment allerdings keine große Lust habe. Ich will jetzt bloß noch meinen Kaffee bezahlen, zurück in mein winziges Apartment gehen und meinen BH ausziehen.

Bescheuerter Footballspieler. Ich habe mich für diesen Idioten sogar geschminkt. Ja, es sollte nur ein Nachmittagsdate zum Kaffeetrinken sein, aber trotzdem habe ich mir Mühe gegeben.

Ich beuge mich über meine Tasche und suche darin nach kleinen Dollarscheinen. Als ein Schatten auf den Tisch fällt, nehme ich an, dass es Stacy ist, die mit meiner Rechnung zurückgekommen ist.

Doch sie ist es nicht.

»Jensen«, sagt eine überhebliche männliche Stimme. »Bist wohl versetzt worden, wie?«

O Mann. Von all den Menschen, die hier hätten auftauchen können, ist das der letzte, den ich im Augenblick sehen will.

Als sich Jake Connelly mir gegenüber an den Tisch setzt, werfe ich ihm einen finsteren Blick zu anstatt eines Lächelns. »Was tust du hier?«, frage ich.

Connelly ist der Captain des Eishockeyteams von Harvard, sprich, DER FEIND. Harvard und Briar sind Rivalen, und mein Vater ist zufällig der Cheftrainer von Briar. Er trainiert Briar schon seit zehn Jahren und hat in dieser Zeit drei Meisterschaften mit ihnen gewonnen. Das Jensen-Zeitalter – das war die Überschrift eines Artikels, den ich kürzlich in einer der Zeitungen von New England gelesen habe. Auf einer ganzen Seite ging es darum, wie gut Briar in dieser Saison ist. Aber leider ist Harvard das auch – dank des Superstars, der mir gerade gegenübersitzt.

»Ich war gerade in der Gegend.« Seine dunkelgrünen Augen funkeln mich amüsiert an.

Das letzte Mal, als ich ihn gesehen habe, war er mit einem seiner Mannschaftskameraden in der Arena von Briar und hat uns ausspioniert. Nicht viel später haben sie von uns richtig eins auf die Mütze bekommen, als unsere Teams gegeneinander gespielt haben. Das war ungemein befriedigend und hat die Niederlage vom Anfang der Saison wieder wettgemacht.

»Mm-hm, natürlich warst du bloß zufällig in Hastings. Wohnst du nicht in Cambridge?«

»Schon, aber was hat das damit zu tun?«

»Das liegt eine Stunde entfernt.« Ich grinse ihn an. »Ich wusste gar nicht, dass ich einen Stalker habe.«

»Du hast mich erwischt. Ich stalke dich.«

»Ich fühle mich geschmeichelt, Jakey. Es ist schon eine Weile her, seit jemand so besessen von mir gewesen ist, dass er aus einer anderen Stadt hergefahren ist, um mich zu sehen.«

Sein Mund verzieht sich zu einem Grinsen. »Na ja, so heiß, wie du bist …«

»Ach, du findest mich heiß?«

»… würde ich mir das Benzingeld sparen, um hierher zu fahren, nur damit du mich blöd anmachen kannst.« Er fährt sich mit der Hand durch sein dunkles Haar. Es ist jetzt ein bisschen kürzer, und er hat einen Dreitagebart.

»Du sagst das so, als würde ich es darauf anlegen«, antworte ich ihm mit zuckersüßer Stimme.

»Darauf lasse ich mich nicht ein. Träum weiter, Hottie«, sagt er spöttisch.

Ich verdrehe so sehr die Augen, dass mir fast ein Muskel reißt. »Im Ernst, Connelly, warum bist du hier?«

»Ich habe eine Freundin besucht. Und dann wollte ich noch einen Kaffee trinken, bevor ich zurück in die Stadt fahre.«

»Du hast Freunde? Da bin ich aber erleichtert. Ich habe schon gesehen, wie du mit deinen Teamkollegen rumhängst, aber ich habe immer angenommen, dass sie bloß so tun, als würden sie dich mögen, weil du ihr Captain bist.«

»Sie mögen mich, weil ich einfach toll bin.« Er grinst mich wieder an.

Zum Dahinschmelzen – so hat Summer sein Lächeln einmal beschrieben. Dieses Mädchen hat wirklich eine ungesunde Besessenheit von dem guten Aussehen dieses Typen entwickelt. In Bezug auf ihn hat sie auch diese Ausdrücke verwendet: verdammt scharf, zum Anbeißen und geradezu anbetungswürdig.

Summer und ich kennen uns erst seit ein paar Monaten. Wir sind in ungefähr dreißig Sekunden von zwei komplett Fremden zu besten Freundinnen geworden. Aber hey, sie hat von einem anderen College hierher gewechselt, weil sie einen Teil ihres alten Verbindungshauses in Brand gesteckt hat. Wie hätte ich dieses verrückte Mädchen nicht auf Anhieb ins Herz schließen können? Sie studiert Modegeschichte, ist unheimlich witzig und überzeugt davon, dass ich auf Jake Connelly stehe.

Sie hat unrecht.

Der Kerl sieht unheimlich gut aus und ist ein phänomenaler Eishockeyspieler, allerdings auch ein totaler Aufreißer. Da ist er natürlich nicht der Einzige. Viele Sportler haben ihren Reigen an Mädchen, die absolut zufrieden damit sind, erstens: mit den Jungs rumzumachen, zweitens: keine feste Beziehung mit ihnen einzugehen und drittens: immer an zweiter Stelle hinter dem Sport, den der Typ macht, zu stehen.

Doch so ein Mädchen bin ich nicht. Ich habe nichts dagegen, mit Typen rumzumachen, aber zweitens und drittens kommen nicht infrage.

Ganz abgesehen davon, dass mein Vater mich umbringen würde, wenn ich jemals mit DEM FEIND ausgehen würde. Dad und Jakes Coach Daryl Pedersen sind bereits seit Jahren befeindet. Laut meinem Vater opfert Coach Pedersen Babys an Satan und betreibt in seiner Freizeit schwarze Magie.

»Ich habe viele Freunde«, fügt Connelly hinzu. Er zuckt mit den Schultern. »Unter anderem eine sehr gute Freundin, die auf die Briar University geht.«

»Ich habe immer das Gefühl, wenn jemand damit angibt, viele Freunde zu haben, bedeutet das meistens genau das Gegenteil. Schon mal was von Überkompensation gehört?« Ich grinse ihn unschuldig an.

»Zumindest bin ich nicht versetzt worden.«

Das Lachen vergeht mir. »Ich wurde nicht versetzt«, lüge ich. Aber genau in diesem Moment kommt die Kellnerin zurück und lässt meine Lüge auffliegen.

»Du hast es doch noch geschafft!« Bei Jakes Anblick erkenne ich Erleichterung in ihrer Miene. Gefolgt von Anerkennung, als sie ihn sich genauer ansieht. »Wir haben uns schon Sorgen gemacht.«

Wir? Ich wusste ja gar nicht, dass wir dieses demütigende Erlebnis teilen.

»Die Straßen waren nass«, sagt Jack zu ihr und nickt in Richtung Fensterscheiben, an denen der Regen in Strömen runterläuft. In diesem Moment blitzt es auch noch. »Man sollte extra vorsichtig fahren, wenn es regnet.«

Sie nickt zustimmend. »Die Straßen werden wirklich sehr nass, wenn es regnet.«

Ach was. Regen macht die Straßen nass. Könnte bitte jemand das Nobelpreiskomitee verständigen?

Jakes Mundwinkel zucken.

»Kann ich dir etwas zu trinken bringen?«, fragt sie ihn.

Ich werfe ihm einen warnenden Blick zu.

Er erwidert meinen Blick mit einem Grinsen, bevor er sich der Kellnerin zuwendet. »Ein Kaffee wäre großartig …«, er schaut kurz auf ihr Namensschild, »… Stacy. Und auch noch einen für meine schmollende Begleitung.«

»Ich will keinen Kaffee mehr, und ich bin auch nicht seine Begleitung«, knurre ich.

Stacy blinzelt verwirrt. »Ach? Aber …«

»Er ist ein Harvard-Spion, der geschickt wurde, um Briars Eishockeyteam auszuspionieren. Sei nicht freundlich zu ihm, Stacy. Er ist der Feind.«

»So eine Drama-Queen.« Jake lacht leise vor sich hin. »Ignorier sie, Stacy. Sie ist nur sauer, weil ich zu spät gekommen bin. Zwei Kaffee und auch noch einen Kuchen, wenn es geht. Von dem …« Sein Blick wandert zu der Vitrine auf dem Tresen. »O verdammt, ich kann mich nicht entscheiden. Das sieht alles so köstlich aus.«

»Ja, das ist wahr«, höre ich Stacy murmeln.

»Wie bitte?«, fragt er, aber sein Grinsen sagt mir, dass er sie schon verstanden hat.

Sie wird rot. »Ähm … ich wollte bloß sagen, dass wir nur noch Pfirsich und Pekannuss übrig haben.«

»Mmmhh …« Er leckt sich über die Unterlippe. Was für eine verdammt sexy Bewegung. Alles an ihm ist so verdammt sexy. Deswegen hasse ich ihn auch. »Weißt du was? Ich nehme von beidem ein Stück. Mein Date und ich werden sie uns teilen.«

»Das werden wir nicht tun«, sage ich fröhlich, doch Stacy ist bereits unterwegs, um King Connelly seinen blöden Kuchen zu holen. Verdammt.

»Hör mal zu, sosehr ich es auch genieße, mit dir darüber zu diskutieren, wie mies dein Team ist … ich bin heute zu müde, um dich zu beleidigen.« Ich versuche, meine Müdigkeit zu verbergen, aber ich denke, mein Tonfall bringt sie zum Ausdruck. »Ich will nach Hause.«

»Noch nicht.« Seine lockere, leicht spöttische Stimmlage nimmt einen ernsteren Tonfall an. »Ich bin nicht deinetwegen nach Hastings gekommen, aber jetzt, da wir zusammen einen Kaffee trinken …«

»Gegen meinen Willen«, unterbreche ich ihn.

»… gibt es etwas, das wir bereden müssen.«

»Ach wirklich?« Nun packt mich doch die Neugierde. Ich überspiele sie mit Sarkasmus. »Ich kann kaum erwarten, es zu hören.«

Jake legt seine Hände auf die Tischdecke. Er hat tolle Hände. Also wirklich tolle Hände. Ich habe so eine Art Fetisch, was Männerhände betrifft. Wenn sie zu klein sind, törnt mich das sofort ab. Wenn sie zu groß und fleischig sind, macht mir das ein bisschen Angst. Connelly ist allerdings mit sehr schönen Händen gesegnet. Seine Finger sind lang, aber nicht knochig. Seine Handflächen groß und kräftig, aber nicht fleischig. Seine Fingernägel sind sauber, aber zwei seiner Knöchel sind rot und aufgeschürft – wahrscheinlich von einer Rangelei auf dem Eis. Ich kann seine Fingerkuppen nicht sehen, doch ich bin mir sicher, dass sie schwielig sind.

Ich liebe es, wie sich schwielige Fingerkuppen auf der nackten Haut anfühlen, wie sie über die Nippel streichen …

Ähm … nein. Solche lüsternen Gedanken dürfen mir in Gegenwart dieses Mannes gar nicht kommen.

»Ich will, dass du dich von meinem Kumpel fernhältst.« Obwohl er den Mund dabei zu einem Grinsen verzieht, weiß ich, dass es nicht nett gemeint ist. Es sieht zu düster aus.

»Von welchem Kumpel?« Aber wir wissen beide, dass ich nicht lange überlegen muss, wen er meint. Ich kann an einem Finger einer Hand abzählen, mit wie vielen Harvard-Spielern ich bereits rumgemacht habe.

Ich habe Josh McCarthy auf einer Harvard-Party kennengelernt, zu der Summer mich vor einer Weile mitgeschleift hat. Erst einmal ist er ausgeflippt, als er erfahren hat, dass ich die Tochter von Chad Jensen bin. Aber dann hat er eingesehen, einen Fehler gemacht zu haben, und sich übers Internet bei mir entschuldigt. Seitdem sind wir ein paarmal miteinander ausgegangen. McCarthy ist süß, ein bisschen trottelig und ein super Kandidat, wenn es um unverbindlichen Sex geht. Da er in Boston wohnt, besteht nicht die Gefahr, dass er mich ständig anhimmelt oder unerwartet vor meiner Haustür steht.

Natürlich ist er nicht meine erste Wahl. Und das nicht nur, weil mein Vater mich umbringen würde. Die Wahrheit ist, McCarthy macht mich einfach nicht an. Sein Sarkasmus lässt zu wünschen übrig, und er langweilt mich auch ein bisschen, wenn seine Zunge sich nicht gerade in meinem Mund befindet.

»Ich meine es ernst, Jensen. Ich will nicht, dass du mit McCarthy rummachst.«

»Meine Güte, ich weiß selbst am besten, was gut für mich ist! Das ist doch nur was Lockeres.«

»Was Lockeres«, ahmt er mich nach. Das ist keine Frage, sondern eine sarkastische Feststellung, die zeigt, dass er mir nicht glaubt.

»Ja, was Lockeres. Soll ich Siri für dich bitten, das Wort zu definieren? ›Locker‹ bedeutet ›nicht ernst‹. Überhaupt nicht ernst.«

»Für ihn schon.«

Ich verdrehe die Augen. »Das ist dann sein Problem, nicht meins.«

Aber innerlich beunruhigt mich Jakes Aussage. Für ihn schon.

O Mann, ich hoffe, das stimmt nicht. Ja, McCarthy schreibt mir oft, doch ich habe immer versucht, die Unterhaltung nicht fortzuführen, außer es ging um einen lockeren Flirt. Ich habe auch nie ein Lachen zurückgeschickt, wenn er mir ein lustiges Video gesendet hat, weil ich ihn zu nichts ermutigen wollte.

Aber … vielleicht habe ich es ja nicht so klargemacht, wie ich dachte?

»Ich habe es satt, ihn wie einen liebeskranken Idioten herumlaufen zu sehen.« Jake schüttelt genervt den Kopf. »Er steht total auf dich, und das lenkt ihn vom Training ab.«

»Noch mal: Inwiefern ist das mein Problem?«

»Wir sind mitten in den Endspielen. Ich weiß, was du vorhast, Jensen. Du musst damit aufhören.«

»Womit aufhören?«

»McCarthy den Kopf zu verdrehen. Sag ihm, dass du nicht an ihm interessiert bist, und triff dich nicht mehr mit ihm. Ende.«

Ich mache einen Schmollmund. »Ach, Daddy, sei doch nicht so streng.«

»Ich bin nicht dein Daddy.« Seine Mundwinkel zucken. »Auch wenn ich es sein könnte.«

»Wie eklig. Ich werde dich nicht im Bett ›Daddy‹ nennen.«

Wieder mal beweist Stacy, dass sie die Meisterin des schlechten Timings ist, indem sie genau in dem Moment, in dem ich das sage, an unseren Tisch kommt.

Sie stolpert, und das beladene Tablett, das sie trägt, wackelt bedenklich. Die Teller und die Tassen klirren aneinander. Ich bereite mich schon innerlich darauf vor, gleich eine Ladung heißen Kaffee übergeschüttet zu bekommen, als sie vorwärtsstolpert. Aber sie kann sich noch fangen und das Desaster abwenden.

»Kaffee und Kuchen!«, ruft sie mit glockenheller Stimme, als hätte sie kein Wort gehört.

»Danke, Stacy«, sagt Jake betont. »Ich muss mich für das lose Mundwerk meiner Begleitung entschuldigen. Kannst du jetzt verstehen, warum ich mich mit ihr nicht gerne in der Öffentlichkeit zeige?«

Stacy wird rot im Gesicht und eilt davon.

»Du hast sie mit deinen schmutzigen Sexfantasien fürs Leben traumatisiert«, erklärt er mir, bevor er mit der Gabel in seinen Kuchen sticht.

»Sorry, Daddy.«

Er grinst mitten im Bissen, und ein paar Krümel fliegen aus seinem Mund. Er nimmt sich eine Serviette. »Du darfst mich in der Öffentlichkeit nicht so nennen.« Er funkelt mich mit seinen dunkelgrünen Augen an. »Heb dir das für später auf.«

Das andere Stück Kuchen – Pekannuss, wie es aussieht – steht unangetastet vor mir. Ich greife stattdessen nach dem Kaffee. Ich brauche noch etwas Koffein, um meine Sinne zu schärfen. Mir gefällt es nicht, mit Connelly hier zu sein. Was, wenn uns jemand sieht?

»Oder ich hebe es mir für McCarthy auf?«, kontere ich.

»Nein, das tust du nicht.« Er steckt sich noch ein Stück Kuchen in den Mund. »Du wirst dich nicht mehr mit ihm treffen, schon vergessen?«

Okay, er muss jetzt wirklich damit aufhören, mir Vorschriften bezüglich meines Liebeslebens zu machen, als hätte er da ernsthaft etwas zu sagen. »Du triffst keine Entscheidungen für mich. Wenn ich mich mit McCarthy treffen will, dann treffe ich mich mit ihm. Und wenn ich mich nicht mit ihm treffen will, dann treffe ich mich nicht mit ihm.«

»Okay.« Er kaut langsam fertig und schluckt runter. »Willst du dich mit ihm verabreden?«

»Verabreden nicht, nein.«

»Dann ist es ja gut.«

Ich verziehe den Mund, ehe ich einen Schluck von meinem Kaffee nehme. »Vielleicht überlege ich es mir ja noch anders, was die Sache mit dem Date angeht … Ich sollte ihn fragen, ob er mit mir zusammen sein will. Weißt du, wo ich einen hübschen Freundschaftsring herkriege?«

Jake bricht sich ein Stück Kuchen mit der Gabel ab. »Du hast deine Meinung darüber nicht geändert. Du warst schon fünf Minuten nachdem du ihn kennengelernt hattest nicht mehr an ihm interessiert. Es kann nur zwei Gründe geben, warum du noch mit ihm rummachst: Entweder bist du gelangweilt, oder du versuchst, uns zu sabotieren.«

»Tatsächlich?«

»Ja. Nichts kann dein Interesse lange halten. Und ich kenne McCarthy. Er ist ein Milchbubi. Lustig, nett – aber du bist sein Untergang. Er passt einfach nicht zu einer Frau wie dir.«

»Ach, du denkst schon wieder, dass du mich so gut kennst.«

»Ich weiß, dass du Chad Jensens Tochter bist. Ich weiß, dass du jede Gelegenheit nutzen würdest, um meinen Spielern den Kopf zu verdrehen. Ich weiß, dass wir in ein paar Wochen in den Endspielen wahrscheinlich gegen Briar spielen werden, und der Gewinner kommt automatisch in die nationale Runde …«

»Wir natürlich«, unterbreche ich ihn.

»Ich will, dass meine Jungs sich auf das Spiel konzentrieren können. Alle sagen, dein Dad sei ein fairer Kerl. Ich habe gehofft, das Gleiche würde für seine Tochter gelten.« Er gibt einen missbilligenden Laut von sich. »Und nun spielst du deine Spielchen mit dem armen McCarthy.«

»Ich spiele keine Spielchen«, sage ich unbeirrt. »Wir machen manchmal miteinander rum. Wir haben Spaß. Und anders, als du denkst, haben meine Entscheidungen nichts mit meinem Vater oder seinem Team zu tun.«

»Meine Entscheidungen haben sehr wohl etwas mit meinem Team zu tun«, entgegnet er. »Und eine davon ist, dass du dich von meinen Jungs fernhältst – ist das klar?!« Er steckt sich noch ein Stück Kuchen in den Mund. »Verdammt, der ist ausgezeichnet. Willst du auch mal?« Er streckt mir seine Gabel entgegen.

»Ich würde eher sterben, als diese Gabel an meine Lippen zu legen.«

Er lacht nur. »Ich will den Pekannusskuchen probieren. Darf ich?«

Ich starre ihn an. »Du bist derjenige, der ihn bestellt hat.«

»Wow, du bist aber heute zickig, Hottie. Aber das wäre ich wahrscheinlich auch, wenn ich versetzt worden wäre.«

»Ich wurde nicht versetzt.«

»Wie lauten sein Name und seine Adresse? Willst du, dass ich dem Kerl einen Besuch abstatte?«

Ich knirsche mit den Zähnen.

Er nimmt einen großen Bissen von dem unangetasteten Kuchen vor mir. »O Mann, der ist sogar noch besser. Mmm. Ooohh. Das ist gut.«

Und plötzlich sitzt der Captain der Eishockeyteams von Harvard vor mir und stöhnt und keucht, als würde er eine Szene von American Pie nachspielen. Ich versuche, unbeeindruckt zu bleiben, aber diese verräterische Stelle zwischen meinen Beinen hat andere Vorstellungen und fängt bei Jakes Sexgeräuschen zu pochen an.

»Kann ich nun gehen?«, knurre ich. Moment mal. Warum frage ich ihn um Erlaubnis? Ich bin schließlich nicht seine Geisel. Ich muss zugeben, dass mich dieser Kerl ein bisschen amüsiert, doch er hat mir auch gerade vorgeworfen, dass ich mit einem seiner Mannschaftskollegen schlafe, um Harvards Chancen gegen Briar zu verringern.

Ich liebe meine Mannschaft, das geht allerdings entschieden zu weit.

»Klar. Geh, wenn du willst. Aber erst schreibst du McCarthy, dass es vorbei ist.«

»Sorry, Jakey. Ich nehme von dir keine Befehle entgegen.«

»Doch, jetzt schon. Ich brauche McCarthy in den Endspielen. Punkt.«

Ich strecke trotzig mein Kinn nach vorne. Ja, ich muss mit Josh unseren Beziehungsstatus klären. Ich dachte, ich hätte deutlich gemacht, dass es für mich bloß eine lockere Affäre ist. Aber anscheinend sieht er mehr darin als ich, wenn sein Captain ihn als »liebeskranken Idioten« bezeichnet.

Doch natürlich will ich Connelly nicht die Genugtuung geben, nachzugeben. Da bin ich kleinlich.

»Ich nehme keine Befehle von dir entgegen«, wiederhole ich und schiebe einen Fünf-Dollar-Schein unter meine halb leere Kaffeetasse. Das sollte für meine Zeche samt großzügigem Trinkgeld als Wiedergutmachung für den Stress mit uns beiden, den Stacy heute ertragen musste, reichen. »Ich werde mit McCarthy tun und lassen, was ich will. Vielleicht rufe ich ihn jetzt gleich an?«

Jack kneift die Augen zusammen. »Bist du immer so kompliziert?«

»Ja.« Grinsend stehe ich auf und schlüpfe in meine Lederjacke. »Fahr vorsichtig zurück nach Boston, Connelly. Ich habe gehört, die Straßen werden wirklich nass, wenn es regnet.«

Er lacht leise vor sich hin.

Ich mache den Reißverschluss meiner Jacke zu und beuge mich ganz nah an sein Ohr. »Ach, und Jakey?« Ich könnte schwören, sein Atem geht schneller. »Ich werde dir einen Platz hinter der Briar-Bank freihalten, wenn wir in der Endrunde spielen.«

Kapitel 2 – Es ist halb …

Jake

Es ist halb zehn, als ich heimkomme. Die Dreizimmerwohnung, in der ich mit meinem Mannschaftskollegen Brooks Weston wohne, könnte ich mir selbst niemals leisten – auch nicht mit dem ansehnlichen Einsteigervertrag, den ich bei den Oilers unterschrieben habe. Das Apartment liegt im Dachgeschoss eines vierstöckigen Wohnhauses und ist einfach der Wahnsinn – eine Chefkoch-Küche, Erkerfenster, Dachfenster, ein riesiger Balkon und sogar eine private Garage für Brooks Mercedes.

Ach ja, und ich zahle keine Miete.

Ein paar Wochen vor Beginn des ersten Semesters haben Brooks und ich uns bei einem gemeinsamen Abendessen der Mannschaft kennengelernt. Wir haben uns auf Anhieb gut verstanden, und schon als der Nachtisch serviert wurde, hat er mich gefragt, ob ich bei ihm einziehen will. Wie sich herausgestellt hat, lebte er in einem Dreizimmerapartment in Cambridge und suchte noch einen Mitbewohner – mietfrei natürlich.

Er hatte bereits eine Sondergenehmigung bekommen, außerhalb des Campus wohnen zu dürfen. Ein schöner Nebeneffekt, wenn man der stinkreiche Sohn eines Ehemaligen ist, dessen Spenden schmerzlich vermisst würden, wenn das College ihn nicht bei Laune hielte. Brooks’ Vater hat noch ein paar Fäden gezogen, und schon bekam auch ich die Erlaubnis, außerhalb des Campus wohnen zu dürfen. Geld regiert eben doch die Welt.

Was die Miete angeht, habe ich mich erst quergestellt, weil nichts im Leben umsonst ist. Aber je besser ich Brooks Weston kennengelernt habe, desto mehr habe ich verstanden, dass für ihn alles gratis ist. Der Kerl hat noch nicht einen einzigen Tag in seinem Leben gearbeitet. Sein Treuhandfonds ist enorm hoch, und er bekommt alles auf dem Silbertablett serviert. Seine Eltern – oder einer ihrer Lakaien – haben die Wohnung für ihn gekauft und bestehen darauf, dass er keine Miete zahlt. In den letzten dreieinhalb Jahren habe ich also einen Einblick davon bekommen, wie es ist, ein reicher Junge aus Connecticut zu sein.

Da ich jedoch kein Schnorrer bin, habe ich versucht, ihm Geld zu geben. Aber weder Brooks noch seine Eltern wollten es annehmen. Mrs Weston war entsetzt, als ich das Thema bei einem ihrer Besuche angeschnitten habe. »Ihr Jungs müsst euch auf euer Studium konzentrieren«, hat sie gesagt, »und sollt euch keine Sorgen darüber machen, wer die Rechnungen bezahlt!«

Ich musste mir das Lachen verkneifen, weil ich schon Rechnungen bezahle, solange ich denken kann. Ich war fünfzehn, als ich meinen ersten Job angenommen habe, und in dem Moment, in dem ich meinen ersten Gehaltsscheck in den Händen hielt, musste ich meinen Beitrag zu unserem Haushalt damit leisten. Ich habe Lebensmittel eingekauft und meine Handyrechnung, mein Benzin und unser Kabelfernsehen bezahlt.

Meine Familie ist nicht arm. Dad baut Brücken und Mom ist Friseurin, und ich würde sagen, wir sind Mittelschicht. Wir sind aber nie im Geld geschwommen, also war es für mich zuerst ein Schock, Brooks’ Lebensstil mit anzusehen.

Ich habe mir bereits insgeheim geschworen, dass ich der Familie Weston alles zurückzahlen werde, wenn ich erst mal in Edmonton bin und meinen ersten NHL-Vertrag unter Dach und Fach habe.

Mein Handy vibriert, als ich mir gerade meine Timberlands von den Füßen streife. Ich hole es aus meiner Tasche und lese die Nachricht von meiner Freundin Hazel, mit der ich mich vorhin im eleganten Speisesaal der Briar University getroffen habe.

Hazel:Bist du gut nach Hause gekommen? Es regnet ja wie verrückt da draußen.

Ich:Bin gerade zur Tür rein. Danke noch mal für den schönen Nachmittag.

Hazel:Jederzeit wieder. Wir sehen uns am Samstag beim Spiel!

Ich: Klingt gut.

Hazel schickt mir noch ein paar Emojis mit Kussmund. Andere Typen würden da wahrscheinlich mehr hineininterpretieren, aber ich nicht. Zwischen Hazel und mir läuft nichts, alles ist nur rein platonisch. Wir kennen uns bereits seit der Grundschule.

»Yo!«, ruft Weston aus dem Wohnzimmer. »Wir warten hier schon alle auf dich!«

Ich ziehe mir die nasse Jacke aus. Brooks’ Mutter hat eine Innenausstatterin kommen lassen, als wir eingezogen sind, die sich um alles gekümmert hat, an das Kerle nicht denken würden: Mantelhaken, Schuhregale, Abtropfgestell fürs Geschirr – eben alles, wofür Männer keinen Kopf haben, weil es nicht um Titten geht.

Ich lege meine Sachen in unserem Gang ab und gehe dann durch die Tür, die ins Wohnzimmer führt. Ess- und Wohnbereich liegen zusammen und sind auf die offene Küche hin ausgerichtet. Meine Mannschaftskollegen haben sich auf Sesseln, Stühlen und Barhockern im ganzen Raum verteilt.

Ich sehe mich um. Nicht alle aus dem Team sind hier. Aber das ist schon okay, wenn man bedenkt, dass ich dieses Meeting in letzter Sekunde einberufen habe. Auf der Fahrt von Hastings hierher habe ich mich über Brennas Bemerkung bezüglich der Endrunde geärgert und mir darüber Sorgen gemacht, wie sie McCarthy ablenkt. Das hat zu all den anderen Ablenkungen geführt, die mein Team stören könnten. Und da ich ein Mann der Tat bin, habe ich sofort eine Nachricht geschrieben: Mannschaftsbesprechung, bei mir, jetzt.

Die Mehrheit unseres Kaders – fast zwanzig Leute – ist anwesend, was bedeutet, dass mir der Geruch verschiedenster Duschgels, Aftershaves und auch vom Schweiß der Mistkerle, die beschlossen haben, sich nicht zu duschen, bevor sie hierherkommen, in die Nase steigt.

»Hey«, begrüße ich die Jungs, »danke, dass ihr gekommen seid.«

Als Antwort bekomme ich Nicken, nach oben gerichtete Daumen und anerkennendes Grunzen.

Nur einer schenkt mir keine Beachtung: Josh McCarthy. Er lehnt sich an die Wand neben der braunen Ledergarnitur und hat den Blick auf sein Handy gerichtet. Seine Körpersprache verrät leichte Frustration, die Schultern sind verspannt.

Er denkt wahrscheinlich immer noch pausenlos an Brenna Jensen. Ich unterdrücke meine eigene Frustration, die bei seinem Anblick in mir aufsteigt. Der Junge sollte seine Zeit nicht mit ihr verschwenden. McCarthy ist im zweiten Semester, und ja, er sieht gut aus, aber er spielt einfach nicht in Brennas Liga. Dieses Mädchen ist der absolute Wahnsinn. Sie ist eine der schärfsten Frauen, die ich je gesehen habe. Und sie hat ein verdammt loses Mundwerk. Die Art Mundwerk, die man ab und zu mal mit einem anderen Mund darauf stopfen sollte – oder mit einem Schwanz zwischen ihren roten Lippen.

Ach, verdammt. Ich schiebe den Gedanken schnell beiseite. Ja, Brenna sieht fantastisch aus, doch sie ist auch eine große Ablenkung. Deswegen hat McCarthy noch nicht einmal den Kopf gehoben, seit ich das Zimmer betreten habe.

Ich räuspere mich laut. Er und die anderen, die ebenfalls auf ihre Handys geschaut haben, drehen die Köpfe in meine Richtung. »Ich werde mich kurzfassen«, sage ich.

»Ist auch besser so«, raunt mich Brooks von der Couch aus an. Er trägt bloß eine schwarze Jogginghose. »Deinetwegen musste ich extra wieder aufstehen und ein Mädchen zurücklassen.«

Ich verdrehe die Augen. Natürlich war Brooks gerade mit einem Mädchen im Bett. Das ist er ständig. Nicht, dass ich ein unbeschriebenes Blatt bin, ich hatte auch schon jede Menge Frauen in unserer Wohnung. Die Nachbarn unter uns tun mir richtig leid, da sie die ganze Zeit Leute die Treppen rauf- und runtergehen hören. Doch zu ihrem Glück veranstalten wir nicht viele Partys. Eine Party verunstaltet bloß die Wohnung. Für so etwas gibt es die Verbindungshäuser.

»Da bist du nicht der Einzige«, sagt Dmitry, unser bester Abwehrspieler, zu Weston. »Ich habe mein Bett für dieses Meeting auch verlassen. Mein Bett. Punkt. Weil ich total erledigt bin.«

»Das sind wir alle«, mischt sich unser Linksaußen Heath ein.

»Ja, D, willkommen im Club der Müden«, zieht Coby, einer unserer ältesten Spieler, Dmitry auf.

Ich gehe durch das Zimmer in die Küche, wo ich mir eine Flasche Wasser hole. Ja, ich verstehe sie. Der letzte Monat war hart. Alle Teams aus der Ersten Liga haben bisher starke Leistungen gezeigt, was bedeutet, dass man gegen die besten Mannschaften spielen muss. Wir hoffen alle, dass wir gut genug sind, um uns automatisch für das nationale Turnier qualifizieren zu können – und wenn nicht, dass unsere Statistik dafür reicht, um für die Endrunde zugelassen zu werden. Die ganze Saison steht hier auf dem Spiel.

»Ja«, pflichte ich ihnen bei und öffne meine Flasche, »wir sind alle ausgelaugt. In den Kursen kann ich kaum die Augen offen halten. Mein ganzer Körper ist ein einziger blauer Fleck. Wir leben und atmen nur für diese Play-offs. Ich überlege mir jeden Abend vor dem Einschlafen neue Strategien.« Ich nehme einen großen Schluck Wasser. »Aber dafür haben wir uns nun mal entschieden, und wir sind so kurz davor, dafür belohnt zu werden. Das Spiel gegen Princeton wird das härteste werden, das wir diese Saison hatten.«

»Wegen Princeton mache ich mir keine Sorgen«, sagt Coby und grinst überheblich. »Die haben wir dieses Jahr schon mal geschlagen.«

»Am Anfang des Jahres«, stelle ich fest. »Seitdem sind sie besser geworden. Sie haben das Viertelfinale gegen Union gerockt.«

»Na und?« Coby zuckt mit den Schultern. »Wir haben auch gerockt.«

Er hat recht. Letztes Wochenende haben wir so gutes Eishockey wie schon lange nicht mehr gespielt. Aber nun kommen die Halbfinalspiele, und es wird ernst.

»Jetzt kommen nicht mehr die zwei Besten von drei weiter«, rufe ich meinen Jungs in Erinnerung. »Jetzt kommt nur noch der Sieger weiter. Wenn wir verlieren, sind wir draußen.«

»Nach unserer Saison?«, sagt Dmitry. »Wir werden auch zu den nationalen Turnieren zugelassen, wenn wir uns nicht automatisch qualifizieren.«

»Würdest du darauf wetten?«, kontere ich. »Hättest du es nicht lieber, wenn das sicher wäre?«

»Schon, aber …«

»Nichts aber«, unterbreche ich ihn. »Ich werde unsere Hoffnungen nicht daran knüpfen, dass unsere Statistik vielleicht gut genug ist, um trotzdem weiterzukommen. Ich will, dass wir Princeton dieses Wochenende schlagen, verstanden?«

»Ja, Sir«, murmelt Dmitry.

»Ja, Sir«, sagt auch einer der Jüngeren.

»Ich habe euch gesagt, ihr sollt mich nicht Sir nennen, Herrgott.«

»Du willst, dass wir dich Herrgott nennen?« Brooks blinzelt unschuldig.

»Das auch nicht. Ich will einfach bloß, dass ihr gewinnt. Dass wir gewinnen. Und wir sind so verdammt nah dran, dass ich den Duft des Sieges schon riechen kann.«

Es ist bereits … verdammt, ich weiß nicht einmal mehr, wie viele Jahre es schon her ist, seit Harvard das letzte Mal die NCAA Championship gewonnen hat. Auf jeden Fall nicht zu meiner Zeit.

»Wann haben die Harvard Crimson das letzte Mal die Frozen Four gewonnen?«, frage ich Aldrick, unseren Statistik-Freak. Er ist ein wandelndes Lexikon und kennt alle Fakten über Eishockey.

»1989«, antwortet er.

»’89«, wiederhole ich. »Das sind fast drei Jahrzehnte, in denen wir nicht mehr Nationaler Meister waren. Beanpot-Turniere zählen nicht. Genauso wenig wie Conference-Finals. Wir wollen den ultimativen Preis.«

Ich werfe noch einen Blick durch den Raum. Zu meiner Überraschung schaut McCarthy schon wieder auf sein Handy und versucht nicht einmal, es heimlich zu tun.

»Jetzt mal im Ernst. Hast du überhaupt eine Ahnung, was gerade mit meinem Schwanz passiert ist, als du geschrieben hast, dass wir uns treffen müssen?«, mischt sich Brooks ein. »Schokoladensirup war im Spiel.«

Ein paar von uns johlen.

»Und du wolltest uns nur eine Rede über das Wunder halten? Ja, wir haben es verstanden«, sagt Brooks. »Wir müssen gewinnen.«

»Ja, das müssen wir. Und was wir ganz und gar nicht brauchen können, ist Ablenkung.« Ich werfe erst Brooks einen vielsagenden Blick zu, dann McCarthy.

Letzterer sieht mich verwirrt an. »Was?«

»Du darfst dich auch nicht ablenken lassen.« Ich schaue ihm nun direkt in die Augen. »Hör auf, mit Chad Jensens Tochter rumzualbern.«

Er macht plötzlich einen niedergeschlagenen Eindruck. Es tut mir nicht leid, dass ich McCarthys »Geheimnis« vor allen anderen zur Sprache gebracht habe, weil ich mir ziemlich sicher bin, dass es jeder hier im Raum bereits weiß. Er geht mit seinem Techtelmechtel mit Brenna nicht gerade diskret um. Zwar prahlt er nicht damit, was sie beide so alles im Bett treiben, doch er kann auch nicht aufhören, davon zu schwärmen, wie toll das Mädchen ist.

»Hör mal, ich sage euch normalerweise nicht, was ihr mit eurem besten Stück tun und lassen sollt. Aber es geht hier nur noch um ein paar Wochen. Ich bin mir sicher, für diese Zeit könnt ihr euren kleinen Mann in eurer Hose lassen.«

»Keiner darf also mehr Sex haben?«, fragt Jonah, ein Student aus dem ersten Semester, entsetzt. »Denn wenn das der Fall ist, dann erklärst du das meiner Freundin.«

»Viel Glück, Captain. Vi ist eine Nymphomanin«, sagt Heath mit einem Grinsen und meint damit Jonahs feste Freundin.

»Moment mal – hast du nicht vor Kurzem erst die Bar mit dieser Rothaarigen verlassen?«, will Coby wissen. »Das sieht nämlich nicht so aus, als würdest du nach deinen eigenen Regeln spielen.«

»Ganz schön heuchlerisch«, sagt Brooks anklagend.

Ich unterdrücke ein Seufzen und halte eine Hand nach oben, um sie zum Schweigen zu bringen. »Ich sage ja gar nicht, dass ihr keinen Sex mehr haben dürft. Ich sage bloß, dass ihr euch nicht ablenken lassen sollt. Wenn euch das Mädchen Schwierigkeiten macht, dann lasst es bleiben. Jonah – du und Vi, ihr habt schon ewig ein heißes Liebesleben, und es hat deine Leistung auf dem Eis noch nie beeinträchtigt. Also macht damit weiter, in Gottes Namen. Aber du …« Ich werfe McCarthy einen ernsten Blick zu. »Du hast die ganze Woche im Training nur Mist gemacht.«

»Nein, das habe ich nicht«, protestiert er.

Jetzt meldet sich unser Torwart Johansson zu Wort. »Du hast heute Morgen kein einziges Mal ins Tor getroffen.«

McCarthy sieht ihn verblüfft an. »Du hast alle meine Schüsse gehalten. Kriege ich nun hier eins auf die Mütze, weil du ein guter Torwart bist?«

»Du bist unser Top-Torschütze nach Jake«, erwidert Johansson achselzuckend. »Du solltest schon ein paarmal treffen.«

»Und was hat Brenna damit zu tun, dass ich einen schlechten Tag hatte? Ich …« Er hält abrupt inne und wirft einen Blick auf sein Handy. Anscheinend hat er wieder eine Nachricht bekommen.

»Mein Gott, Connelly hat recht«, zischt Potts, einer der Flügelstürmer, McCarthy an. »Leg dein Handy weg. Wir würden dieses Meeting gerne so schnell wie möglich hinter uns bringen, damit wir nach Hause gehen und uns ein Bier aufmachen können.«

Ich drehe den Kopf in Potts’ Richtung. »Wo wir gerade von Bier sprechen … Du und Bray dürft bis auf Weiteres auf keine Verbindungspartys mehr gehen.«

Will Bray ruft: »Ach, komm schon, Connelly.«

»Bier-Pong macht Spaß, das verstehe ich. Aber ihr zwei müsst euch damit jetzt zurückhalten. Ihr bekommt bereits richtige Bierbäuche, Potts.«

Alle Augen im Raum richten sich nun auf seinen Bauch. Er ist momentan unter einem dicken Harvard-Kapuzenpulli versteckt, doch ich sehe den Kerl jeden Tag in der Umkleide. Ich weiß, was sich darunter verbirgt.

Brooks macht mir gegenüber ein abfälliges Geräusch. »Ich kann nicht glauben, dass du dich über Potts’ Figur lustig machst.«

Ich werfe meinem Mitbewohner einen finsteren Blick zu. »Ich mache mich nicht über seine Figur lustig. Ich will nur sagen, dass diese ganzen Bier-Pong-Turniere ihn auf dem Eis mit der Zeit langsamer machen.«

»Das stimmt«, sagt Potts niedergeschlagen. »Ich bin wirklich schlecht geworden.«

Irgendjemand schnaubt.

»Du bist nicht schlecht«, versichere ich ihm. »Aber ja, du könntest mal ein paar Wochen auf Bier verzichten. Und du …« Nun ist Weston an der Reihe. »Du musst jetzt auch mal ein bisschen abstinent sein.«

»Vergiss es. Sex weckt in mir Superkräfte.«

Ich verdrehe die Augen. Das tue ich oft in Brooks’ Gegenwart. »Ich rede nicht von Sex. Ich rede über deine Partydrogen.«

Er knirscht mit den Zähnen. Er weiß genau, was ich meine – und unsere Teamkollegen auch. Es ist kein Geheimnis, dass Brooks auf Partys mal die ein oder andere Droge einwirft. Hier einen Joint, da eine Line Koks. Er ist sehr vorsichtig, wenn er das tut, und passt auch auf die Menge auf. Wahrscheinlich ist es ebenfalls von Vorteil, dass Koks bloß achtundvierzig Stunden im Blut bleibt.

Das heißt nicht, dass ich diesen Mist toleriere. Das tue ich nämlich nicht. Aber Brooks zu sagen, was er tun soll, ist, als würde man gegen eine Wand reden. Einmal habe ich ihm gedroht, es dem Coach zu sagen, und Weston hat einfach gemeint, ich solle nur machen. Er spielt Eishockey, weil es ihm Spaß macht, und nicht, weil er dieses Spiel liebt und eines Tages Profi werden will. Er könnte es von heute auf morgen aufgeben – und Drohungen helfen nicht bei Menschen, die keine Angst davor haben, etwas zu verlieren.

Er ist nicht der Erste, der ab und zu mal Drogen nimmt, und er wird auch nicht der Letzte sein. Doch er macht es bloß in seiner Freizeit und niemals an einem Spieltag. Nach den Spielen ist er allerdings völlig ungezügelt.

»Wenn du erwischt wirst oder bei einem Drogentest durchfällst – dann weißt du, was geschehen wird. Ich gratuliere dir also hiermit dazu, dass du bis nach den Frozen Four offiziell clean bleiben wirst«, sage ich zu ihm. »Hast du mich verstanden?«

Nach einem langen Moment nickt er und sagt: »Ja, habe ich.«

»Gut.« Ich wende mich den anderen zu. »Konzentrieren wir uns darauf, kommendes Wochenende Princeton zu schlagen. Alles andere ist zweitrangig, okay?«

Coby grinst mich herausfordernd an. »Worauf verzichtest du denn, Captain?«

Ich runzle die Stirn. »Wovon redest du?«

»Du berufst ein Teammeeting ein. Du sagst dem armen McCarthy, dass er seinen Schwanz in der Hose lassen soll, du verbietest Weston seinen Spaß auf Partys und du vermiest Potts und Bray ihren Titel in den Bier-Pong-Meisterschaften. Was tust du für die Mannschaft?«

Plötzlich wird es im Apartment ganz ruhig.

Eine Sekunde lang bin ich sprachlos. Meint er das ernst? Ich schieße in jedem Spiel mindestens ein Tor. Und wenn ein anderer Spieler ein Tor schießt, dann meistens nach meiner Vorlage. Ich bin der schnellste Eishockeyspieler der Ostküste, und ich bin ein verdammt guter Captain.

Ich öffne den Mund, um etwas zu erwidern, als Coby zu lachen anfängt.

»Du hättest dein Gesicht sehen sollen.« Er grinst mich an. »Chill doch mal, Alter. Du tust eine Menge für uns. Du bist der beste Captain, den wir je hatten.«

»Ay, ay«, rufen auch ein paar andere.

Ich entspanne mich wieder. Doch Coby hat irgendwie recht. »Hört mal zu. Ich werde mich nicht dafür entschuldigen, dass ich unseren Sieg will. Aber es tut mir leid, wenn ich zu hart zu euch war. Vor allem zu dir, McCarthy. Ich verlange bloß von euch, dass ihr euch auf die Spiele konzentriert. Schafft ihr das?«

Ungefähr zwanzig Köpfe nicken mir zu.

»Gut.« Ich klatsche in die Hände. »Ihr könnt jetzt gehen. Schlaft etwas, und seid morgen früh in Bestform.«

Die Gruppe löst sich auf. Wieder einmal müssen unsere Nachbarn es ertragen, dass unzählige Personen die Treppen hinuntergehen – dieses Mal sind es fast zwei Dutzend Eishockeyspieler, die die Stufen runtertrampeln.

»Dad, darf ich jetzt auch ins Bett gehen?«, fragt Brooks sarkastisch.

Ich grinse ihn an. »Ja, mein Sohn. Ich werde absperren.«

Er zeigt mir den Stinkefinger und verschwindet im Badezimmer. In der Zwischenzeit bleibt McCarthy in der Eingangstür stehen und wartet auf mich.

»Was soll ich Brenna denn nun sagen?«, fragt er mich.

Ich weiß nicht, ob er sauer ist, da sein Gesichtsausdruck nichts verrät. »Sag ihr einfach, dass du dich auf deine Spiele konzentrieren musst. Sag ihr, dass ihr euch nach der Saison wieder treffen könnt.«

Sie werden sich nie wieder treffen.

Diesen Gedanken spreche ich nicht laut aus, aber ich weiß, dass es so ist. Brenna Jensen würde sich nie von jemandem vertrösten lassen, schon gar nicht von einem Harvard-Spieler. Wenn McCarthy die Sache beendet – wenn auch bloß vorübergehend –, dann wird sie endgültig einen Schlussstrich ziehen.

»Briar hat im letzten Jahrzehnt drei Nationale Meisterschaften gewonnen«, sage ich trocken. »Wir haben keine einzige gewonnen. Das ist nicht akzeptabel, Mann. Also sag du mir: Was ist wichtiger für dich? Dir von Brenna Jensen den Kopf verdrehen zu lassen oder ihr Team zu schlagen?«

»Ihr Team zu schlagen«, antwortet er wie aus der Pistole geschossen.

Er hat keine Sekunde gezögert. Das gefällt mir. »Dann werden wir sie auch schlagen. Tu, was getan werden muss.«

Mit einem Kopfnicken geht McCarthy zur Tür hinaus. Ich schließe hinter ihm ab.

Fühle ich mich schlecht? Vielleicht ein bisschen. Aber jeder kann sehen, dass Brenna und er nicht füreinander bestimmt sind. Das hat sie selbst gesagt.

Ich beschleunige das Unvermeidbare nur etwas.

Kapitel 3 – »Wo warst du …

Brenna

»Wo warst du, Brenna? Ich habe dich dreimal angerufen.«

Bei dem strengen Tonfall meines Dads stellen sich mir regelmäßig die Nackenhaare auf. Er redet mit mir wie mit seinen Spielern – schroff, ungeduldig und erbarmungslos. Ich würde ja gerne behaupten, dass das immer schon so gewesen ist, dass er mich mein ganzes Leben bereits so angeraunzt hat. Aber das wäre gelogen.

Dad war nicht die ganze Zeit derart forsch zu mir. Meine Mutter ist bei einem Autounfall gestorben, als ich sieben Jahre alt war, wodurch mein Dad beide Elternrollen übernehmen musste. Und er war gut in beidem. Früher hat er mit liebevoller Stimme und sanftem Gesichtsausdruck zu mir gesprochen. Er hat mich auf seinen Schoß gezogen, mir durch die Haare gewuschelt und gesagt: »Erzähl mir, wie es in der Schule war, Peaches.« Ja, sein Spitzname für mich war »Peaches«, verdammt.

Doch das ist lange her. Heute bin ich nur Brenna, und ich kann mich nicht daran erinnern, wann ich die Worte »liebevoll« und »sanft« das letzte Mal im Zusammenhang mit meinem Vater verwendet habe.

»Ich bin im strömenden Regen heimgelaufen«, erwidere ich. »Da konnte ich nicht ans Telefon gehen.«

»Von wo heimgelaufen?«

Ich ziehe mir in dem vollen Flur meines Erdgeschoss-Apartments die Stiefel aus. Ich habe es von einem netten Paar namens Mark und Wendy gemietet, die beide berufsmäßig viel reisen. Dadurch – und weil ich einen separaten Eingang habe – vergehen manchmal Wochen, in denen ich sie überhaupt nicht sehe.

»Von Della’s Diner. Ich habe dort einen Kaffee getrunken«, sage ich.

»So spät?«

»Spät?« Ich drehe den Kopf Richtung Küche, die sogar noch kleiner ist als der Flur, und werfe einen Blick auf die Uhr an der Mikrowelle. »Es ist noch nicht einmal zehn Uhr.«

»Hast du morgen nicht ein Bewerbungsgespräch?«

»Was hat das denn damit zu tun? Denkst du, wenn ich um halb zehn nach Hause komme, werde ich den Wecker morgen früh nicht hören?« Ich kann mir den Sarkasmus in der Stimme nicht verkneifen. Manchmal ist es schwierig, nicht zurückzublaffen, wenn er mich so anraunzt.

Er ignoriert meinen Tonfall. »Ich habe heute mit jemandem gesprochen, der beim Sender arbeitet«, sagt er. »Stan Samuels – er sitzt in der Sendezentrale. Ein netter Kerl.« Dads Stimme nimmt einen schroffen Tonfall an. »Ich habe ihm erzählt, dass du morgen zum Bewerbungsgespräch kommst, und ihn gebeten, ein gutes Wort für dich einzulegen.«

Ich entspanne mich etwas. »Oh, das war aber nett von dir. Danke.« Manche Menschen fühlen sich schlecht, wenn sie durch Vitamin B weiterkommen, aber ich habe kein Problem damit, die Beziehungen meines Vaters zu nutzen, wenn sie mir dabei helfen, dieses Praktikum zu bekommen. Es gibt sehr viele Bewerber, und obwohl ich mehr als qualifiziert dafür bin – wofür ich hart gearbeitet habe –, habe ich trotzdem einen Nachteil, weil ich eine Frau bin. Leider wird diese Domäne nach wie vor von Männern beherrscht.

Der Sender der Briar University bietet Studenten im letzten Semester die Möglichkeit an, offiziell dort zu arbeiten. Ich hoffe, ich kann die anderen Bewerber ausstechen, denn wenn ich ein Sommerpraktikum bei HockeyNet machen kann, dann stehen die Chancen gut, dass ich meinen Arbeitsplatz im letzten Semester dort sicher habe. Und das bedeutet wiederum, dass ich meinen Kommilitonen gegenüber einen Vorteil habe und nach dem Abschluss schneller einen Job finden werde.

Ich wollte schon immer Sportjournalistin werden. Ja, HockeyNet gibt es erst seit zehn Jahren (und die Gründer müssen einen schlechten Tag gehabt haben, als sie sich für den Namen entschieden haben), doch der Sender überträgt nur Eishockey. Das war zu der Zeit, als HockeyNet gegründet wurde, eine Marktlücke im Bereich der Sportsender. Ich schaue regelmäßig ESPN, aber dort wird wirklich nicht viel Eishockey livegeschaltet. Was ich unerhört finde. Ich meine, Eishockey ist schließlich die viertgrößte Sportart des Landes, doch die bekannteren Sender tun oft so, als sei es unwichtiger als Motorsport, Tennis oder sogar Golf.

Ich träume davon, hinter der Kamera mit den großen Sportreportern an den Tischen zu sitzen, über Highlights zu berichten, Spiele zu analysieren und meine Tipps abzugeben. Sportjournalismus ist ein harter Beruf für Frauen, aber ich kenne mich mit Eishockey aus, und ich bin mir sicher, dass ich dieses Bewerbungsgespräch morgen meistern werde.

»Lass mich wissen, wie es gelaufen ist«, sagt mein Dad.

»Natürlich.« Als ich durch das Wohnzimmer gehe, berührt mein linker Socken etwas Nasses, und ich quietsche auf.

Dad ist sofort besorgt. »Alles okay?«

»Tut mir leid, mir geht es gut. Der Teppich ist nass. Ich muss etwas verschüttet haben …« Ich halte inne, als ich eine kleine Pfütze vor der Terrassentür, die in den Hintergarten führt, entdecke. Draußen regnet es immer noch, und die Tropfen prasseln unnachgiebig auf den Steinboden. »Mist. Vor der Terrassentür ist eine Pfütze.«

»Das ist nicht gut. Womit haben wir es hier zu tun? Abflusswasser, das ins Haus fließt?«

»Woher soll ich das wissen? Denkst du, ich habe das Abwassersystem studiert, bevor ich hier eingezogen bin?« Er kann nicht sehen, dass ich die Augen verdrehe, doch ich hoffe, er erkennt es an meiner Stimme.

»Sag mir, woher das Wasser kommt.«

»Wie schon gesagt, es ist vor der Terrassentür.« Ich gehe schnell das Wohnzimmer ab, wofür ich ganze drei Sekunden brauche. Die einzige nasse Stelle befindet sich vor der Terrassentür.

»Okay, das ist ein gutes Zeichen. Dann ist es wahrscheinlich kein Rohrbruch. Aber wenn es Regenwasser ist, das reinfließt, dann kann es verschiedene Ursachen dafür geben. Ist die Einfahrt geteert?«

»Ja.«

»Deine Vermieter sollten über Gullys nachdenken. Ruf sie morgen an und sag ihnen, dass sie sich darum kümmern sollen.«

»Werde ich tun.«

»Das meine ich ernst.«

»Ich sagte, ich werde es tun.« Ich weiß, dass er mir nur helfen will, aber warum muss er das in diesem Tonfall machen? Von Chad Jensen klingt alles wie ein Befehl, nicht wie ein Vorschlag.

Ich weiß, dass er kein schlechter Mensch ist. Er ist einfach bloß überfürsorglich, und irgendwann gab es da vielleicht auch einen Grund dafür. Aber ich lebe jetzt seit drei Jahren alleine. Ich kann auf mich selbst aufpassen.

»Wirst du am Samstagabend beim Halbfinale dabei sein?«, fragt Dad schroff.

»Ich kann nicht«, sage ich, und es tut mir aufrichtig leid, dass ich so ein wichtiges Spiel verpassen werde. Aber ich habe bereits vor langer Zeit andere Pläne gemacht. »Ich besuche Tansy, schon vergessen?« Tansy ist meine Lieblingscousine – die Tochter von Sheryl, der älteren Schwester meines Vaters.

»An diesem Wochenende?«

»Ja.«

»Na gut. Dann sag ihr schöne Grüße von mir. Sag ihr, dass ich mich darauf freue, Noah und sie an Ostern wiederzusehen.«

»Mach ich.«

»Übernachtest du dort?« Sein Tonfall klingt seltsam.

»Zwei Nächte sogar. Ich fahre morgen nach Boston und am Sonntag wieder zurück.«

»Tu nichts …« Er hält inne.

»Tu nicht was?« Dieses Mal klingt mein Tonfall schroff.

»Tu nichts Verantwortungsloses. Trink nicht zu viel. Pass auf dich auf.«

Ich weiß es zu schätzen, dass er nicht sagt: »trink keinen Alkohol«, aber das macht er wahrscheinlich nur, weil er weiß, dass er mich sowieso nicht davon abhalten kann. Als ich achtzehn geworden bin, konnte er mich nicht mehr zwingen, seine Regeln, was die Zeiten, zu denen ich zu Hause sein muss, angeht, einzuhalten. Und als ich einundzwanzig geworden bin, konnte er mich nicht mehr davon abhalten, ab und zu etwas zu trinken.

»Ich werde auf mich aufpassen«, verspreche ich, da das das Einzige ist, das ich ihm mit absoluter Sicherheit versprechen kann.

»Bren«, sagt er und hält wieder inne.

Ich habe das Gefühl, die meisten Unterhaltungen mit meinem Vater laufen so ab. Anfangen … innehalten. Worte, die wir sagen wollen, und Worte, die wir nicht sagen. Es ist so schwer, eine Verbindung zu ihm aufzubauen.

»Dad, können wir jetzt aufhören? Ich will noch duschen und dann ins Bett gehen. Ich muss morgen früh aufstehen.«

»Na gut. Aber sag mir morgen gleich, wie das Bewerbungsgespräch gelaufen ist.« Er hält wieder inne. Als er weiterredet, will er mir Mut zusprechen. »Du schaffst das.«

»Danke. Gute Nacht, Dad.«

»Gute Nacht, Brenna.«

Ich lege auf und tue exakt das, was ich ihm gesagt habe. Ich nehme eine ausgedehnte heiße Dusche. Der zwanzigminütige Spaziergang im kalten Regen hat mich total ausgekühlt. Meine Haut ist ganz rot, als ich wieder aus der Duschkabine komme. In meinem kleinen Badezimmer gibt es keine Badewanne, was eine Schande ist. Heiße Bäder sind das Beste überhaupt.

Ich schlafe nicht gerne mit nassen Haaren, also föhne ich sie noch schnell und suche dann in meiner Kommode nach dem wärmsten Schlafanzug, den ich habe. Ich ziehe mir eine Karohose und ein langärmliges Oberteil mit dem Logo der Briar University an. Erdgeschosswohnungen sind immer sehr kalt, heißt es, und meine ist da keine Ausnahme. Ich bin überrascht, dass ich mir in den sieben Monaten, in denen ich hier wohne, noch keine Lungenentzündung geholt habe.

Als ich unter die Bettdecke schlüpfe, ziehe ich mein Handy vom Ladekabel und sehe, dass Summer versucht hat, mich anzurufen. Ich habe das unbestimmte Gefühl, dass sie erneut versuchen wird, mich zu erreichen – wahrscheinlich fünf Sekunden nachdem ich eingeschlafen bin. Also rufe ich sie lieber zurück, bevor sie mich meines wohlverdienten Schlafes beraubt.

»Bist du sauer auf mich?«, begrüßt sie mich.

»Nein.« Ich lege mich auf die Seite und habe das Handy auf meiner Schulter liegen.

»Obwohl ich dich mit Jules verkuppeln wollte?« Ihre Stimme ist voller Schuldgefühle.

»Ich bin erwachsen, Summer. Du hast mich nicht dazu gezwungen, Ja zu sagen.«

»Ich weiß. Aber ich fühle mich schlecht. Ich kann nicht glauben, dass er nicht gekommen ist.«

»Mach dir keine Gedanken. Ich bin nicht sauer. Wenn überhaupt, bin ich noch mal davongekommen.«

»Okay, gut.« Sie klingt erleichtert. »Ich werde jemanden finden, der noch besser zu dir passt.«

»Das wirst du auf keinen Fall tun«, sage ich in fröhlichem Tonfall. »Du bist offiziell von deinen Verkupplungspflichten entlassen – die du dir übrigens selbst auferlegt hast. Glaub mir, Süße. Ich habe keine Probleme damit, Männer kennenzulernen.«

»Ja, beim Kennenlernen nicht. Aber beim Daten? Darin bist du nicht gut.«

Ich protestiere sofort. »Weil ich keine Lust habe auf ein richtiges Date.«

»Warum denn nicht? Es ist toll, einen festen Freund zu haben.«

Klar, vielleicht wenn der Freund Colin Fitzgerald heißt. Summer ist mit einem der anständigsten Kerle zusammen, die ich kenne. Intelligent, nett, clever und noch dazu verdammt scharf.

»Läuft es zwischen dir und Fitzy immer noch so gut?«

»Fantastisch. Er kommt gut damit klar, dass ich ein bisschen verrückt bin, und mir macht es nichts aus, dass er manchmal ein Nerd ist. Außerdem haben wir den besten Sex der Welt.«

»Ich wette, Hunter findet das ganz großartig«, sage ich trocken. »Ich hoffe, dass du beim Sex nicht laut bist.«

Hunter Davenport ist Summers und Fitzys Mitbewohner, der bis vor Kurzem noch in Summer verschossen war. Sie hat zugestimmt, mit ihm auf ein Date zu gehen, nur um dann zu realisieren, dass ihre Gefühle für Fitz zu stark sind, um sie zu ignorieren. Hunter hat das gar nicht gut verkraftet.

»O Gott, du hast ja keine Ahnung, wie schwer es ist, leise zu sein, wenn Fitz seine Magie an meinem Körper anwendet«, sagt Summer seufzend.

»Seine Magie?«

»Ja, seine Magie. Aber falls du dich fragst, ob Hunter jede Nacht in seinem Bett liegt, uns beim Sex zuhört und sich dabei in den Schlaf heult, dann kann ich dich beruhigen. Er bringt jeden Abend ein anderes Mädchen mit nach Hause.«

»Schön für ihn.« Ich muss kichern. »Ich wette, Hollis ist ganz grün vor Neid.«

»Ich bin mir nicht sicher, ob Mike das überhaupt merkt. Er ist zu beschäftigt damit, dir nachzutrauern.«

»Immer noch?« Verdammt, ich hatte gehofft, dass das inzwischen vorbei sei.

Ich schließe kurz die Augen. Ich habe in meinem Leben schon viele dumme Sachen gemacht, aber mit Mike Hollis ins Bett zu gehen steht auf dieser Liste ganz oben. Wir waren beide total betrunken, also haben wir angefangen, miteinander rumzumachen. Ich bin dann eingeschlafen, während ich ihm einen runtergeholt habe. Das war weder einer meiner besten Momente noch einer, den ich in Erinnerung behalten will. Ich habe keine Ahnung, warum er das wiederholen will.

»Er ist verliebt«, sagt Summer.

»Er wird drüber hinwegkommen.«

Sie kichert, ist aber sofort wieder ernst. »Hunter benimmt sich uns gegenüber total mies«, gibt sie zu. »Wenn er nicht gerade mit allem, was einen Rock anhat, ins Bett geht.«

»Ich nehme an, er war wirklich sehr verliebt in dich?«

»Soll ich ehrlich sein? Ich glaube nicht, dass es um mich geht. Ihm geht es um Fitz.«

»Das kann ich verstehen. Er wollte mit Fitz ins Bett«, sage ich trocken. »Ich meine, wer will das nicht?«

»Nein, du dumme Kuh. Fitz hat ihm ins Gesicht gelogen, als Hunter ihn gefragt hat, ob er auf mich steht. Hunter sieht das als Bruch des Verhaltenskodex.«

»Ehrlichkeit ist wichtig«, muss ich zugeben. »Vor allem unter Mannschaftskollegen.«

»Ich weiß. Fitz sagt, beim Training ist die Stimmung sehr angespannt.« Summer stöhnt auf. »Was, wenn es ihre Leistung beim Halbfinale beeinflusst, Bee? Das würde bedeuten, dass Yale ins Finale einzieht.«

»Mein Dad wird ihnen den Kopf schon zurechtrücken«, versichere ich ihr. »Und du kannst über Hunter sagen, was du willst, aber er will seine Spiele gewinnen. Er wird nicht zulassen, dass die Abfuhr von irgendeinem Mädchen – entschuldige bitte – ihn vom Gewinnen ablenkt.«

»Sollte ich …«

Ein Vibrieren an meinem Ohr unterbricht ihre Frage.

»Was war das?«

»Eine Textnachricht«, erkläre ich ihr. »Tut mir leid. Sprich weiter. Was wolltest du sagen?«

»Ich frage mich, ob ich noch mal versuchen sollte, mit ihm zu reden.«

»Ich glaube nicht, dass das etwas ändern würde. Er ist ein Sturkopf. Aber er ist schon ein großer Junge und wird darüber hinwegkommen.«

»Das hoffe ich.«

Wir unterhalten uns noch ein bisschen, bis meine Augenlider schwer werden. »Summer, ich muss jetzt schlafen. Ich habe doch morgen das Bewerbungsgespräch.«

»Okay, ich ruf dich morgen an. Hab dich lieb.«

»Ich dich auch.«

Ich will gerade die Nachttischlampe ausmachen, als mir die Nachricht wieder einfällt. Ich klicke sie an und kneife die Augen zusammen, als ich McCarthys Namen lese.

Hey, B. Es war wirklich toll, Zeit mit dir zu verbringen, aber ich muss eine Weile kürzertreten. Zumindest, bis die Play-offs vorbei sind. Ich muss mich auf die Spiele konzentrieren, verstehst du? Ich melde mich wieder bei dir, wenn sich die Lage beruhigt hat, okay? XO

Mir klappt die Kinnlade runter. Soll das ein Witz sein?

Ich lese die Nachricht noch einmal, aber nein, der Inhalt bleibt derselbe. McCarthy hat die Sache zwischen uns gerade beendet.

Es scheint, als hätte mir Jake Connelly soeben den Krieg erklärt.

Kapitel 4 – In den meisten …

Brenna

In den meisten Situationen habe ich mich unter Kontrolle. Ich mache mir selten Sorgen, und es gibt eigentlich nichts, wovor ich Angst habe – nicht einmal vor meinem Vater, der dafür bekannt ist, dass er erwachsene Männer mit einem Blick zum Weinen bringt. Das ist keine Übertreibung – ich habe es einmal mit eigenen Augen gesehen.

Aber heute Vormittag sind meine Handflächen schwitzig, und in meinem Magen verspüre ich ein unangenehmes Kribbeln – dank des Vorsitzenden von HockeyNet, Ed Mulder, der es mir vom ersten Moment an schwer macht. Er ist groß, glatzköpfig und Furcht einflößend. Und nachdem er mir die Hand geschüttelt hat, hat er mich sofort gefragt, warum ein hübsches Mädchen wie ich sich für einen Job hinter der Kamera bewirbt.

Ich versuche, seine sexistische Bemerkung zu ignorieren. Einer meiner Tutoren am College – Tristan – war hier einmal Praktikant und hat mich gewarnt, dass Mulder ein totaler Idiot ist. Tristan hat allerdings auch gesagt, dass keiner von den Praktikanten direkt mit Mulder zu tun haben würde. Ich werde mich also nach diesem Vorstellungsgespräch nicht mehr mit ihm rumärgern müssen. Er ist nur ein Hindernis, das ich überwinden muss, um diesen Praktikumsplatz zu bekommen.

»Wie ich ja in meinem Bewerbungsschreiben schon erwähnt habe, würde ich gerne Live-Reporterin werden, aber ich möchte auch Erfahrungen hinter der Kamera sammeln. Meine Hauptfächer am College sind Rundfunk und Journalismus, wie Sie wissen. Und nächstes Jahr werde ich ein Praktikum …«

»Das hier ist kein bezahltes Praktikum«, unterbricht er mich. »Dessen sind Sie sich bewusst, oder?«

Was soll das denn jetzt? Meine Handflächen sind feucht, als ich sie aneinanderreibe, also lege ich sie auf meine Knie. »Ähm … ja. Dessen bin ich mir bewusst.«

»Gut. Ich habe das Gefühl, männliche Bewerber kommen hierher und kennen alle Details, während die weiblichen oftmals erwarten, bezahlt zu werden.«

Okay, jetzt ist er nicht mehr nur sexistisch, sondern auch unverschämt. Und diese Bemerkung ergibt auch nicht besonders viel Sinn. In der Jobanzeige auf der Homepage von HockeyNet stand klipp und klar, dass es sich um ein unbezahltes Praktikum handelt. Warum sollten Männer das eine erwarten und Frauen das andere? Will er damit sagen, dass Frauen die Anzeige nicht richtig lesen können? Oder dass wir überhaupt nicht lesen können?

Mir bricht der kalte Schweiß aus. Ich fühle mich hier gar nicht wohl.

»Also, Brenda, erzählen Sie mir von sich.«