Verlag: Papierverzierer Verlag Kategorie: Abenteuer, Thriller, Horror Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung The Wild Hunt - M. H. Steinmetz

Ein Serienkiller treibt in Louisiana sein Unwesen. Er überfällt Reisende und verschleppt sie in das Sumpfland des Atchafalaya Wildlife Refuge. Als Sues Familie in die Fänge des Killers gerät, muss sie mit ansehen, wie ihre Familie brutal ermordet wird. Sie selbst kann in ihrer Not gerade noch in die Sümpfe entkommen. Die Jagd auf den Serienkiller beginnt, dessen Morde mit einer Blutfehde zusammenhängen, die bis in die Zeit der amerikanischen Revolution zurückreicht. Doch in den Sümpfen lauert noch etwas weitaus Gefährlicheres als ein erbarmungsloser Killer. Es ist kompromisslos, tödlich und absolut böse!

Meinungen über das E-Book The Wild Hunt - M. H. Steinmetz

E-Book-Leseprobe The Wild Hunt - M. H. Steinmetz

Bibliografische Information derDeutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diesePublikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografischeDaten sind im Internet überhttp://dnb.dnb.deabrufbar.

Copyright ©2016 by Papierverzierer Verlag, Essen Lektorat, Herstellung, Satz: Papierverzierer Verlag

Vollständige E-Book-Ausgabe des Romans

The Wild Hunt

Alle Rechte vorbehalten. Sämtliche Inhalte, Fotos, Texte und Graphiken sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen ohne vorherige schriftliche Genehmigung weder ganz noch auszugsweise kopiert, verändert, vervielfältigt oder veröffentlicht werden.

ISBN 978-3-95962-319-3

www.papierverzierer.de

Inhaltsverzeichnis
The Wild Hunt
Titelseite
Impressum
Prolog
Sie wollen meine Meinung dazu hören?
The Hunting Company
Atchafalaya Rose
Männer aus den Bayous
Mein Gott, das gibt's doch nicht!
Begegnung im Hunters Inn
Mach dich nicht über meine Mutter lustig
Ist das etwa der ganz grosse Wurf?
Lauf!
Du wirst Cow Island nie wieder verlassen!
Brüder, im Blut vereint!
Eine uralte Legende, die durch die Zeiten wandert
Ich bin von meines Vaters Blut!
Als wäre sie herausgekrochen
Weißt du überhaupt, wo du da hineingeraten bist?
Die Tagebücher des Marquis
Erzähl ihm von dem Marquis und dem Mädchen
Das Fort
Du weißt genau, dass wir es nicht kontrollieren können
Dann bin selbst ich euer Feind!
Das ist dein gutes Recht
Beim ersten Mal ist es immer schwer
Es waren keine Menschen
Jeder weiss, was zu tun ist
Metamorphose
Die Tochter ihres Vaters
Die Dunkelheit unter der Oberfläche
Alle haben es auf mich abgesehen
Bringen wir es hinter uns
Hier stehe ich und warte auf euch!
Tiere fressen kein krankes Fleisch
Wie ein verdammter Freak!
Verrecke ...
Du musst leben!
Du weißt nicht, was ich durchgemacht habe
Bring es zu Ende
Wir gehen nach Hause!
M. H. Steinmetz

Für meine Tochter Finya

»Alle Tiere haben Mächte in sich, denn der große Geist wohnt in allen, auch in der kleinen Ameise, in einem Schmetterling, auch in einem Baum, in einer Blume und in einem Felsen.«

Petaga Yuha Mani, Sioux-Indianer

»Ich bin das Land, meine Augen sind der Himmel, meine Glieder die Bäume, ich bin der Fels, die Wassertiefe. Ich bin nicht hier, um die Natur zu beherrschen oder sie auszubeuten.

Ich bin selbst Natur.«

Squan´na´vai, Indianer

Prolog

Paddy saß hinter dem Steuer des schwarzen Dodge Durango und rieb sich die müden Augen. Er hatte gehofft, dass sie noch vor Einbruch der Dunkelheit den alten Trailer am Ufer des Lake Charles erreichen würden, doch das Wetter hatte ihnen einen dicken Strich durch die Rechnung gemacht.

Schwarze Wolken bedeckten den Himmel und entleerten sich in einem sintflutartigen Regen auf die Straße vor ihnen. Das Wetter in Louisiana war trügerisch, vor allem während der schwülen Sommertage. Tagsüber brannte die Sonne vom Himmel und verdampfte das Wasser in den Bayous. Die Folge waren heftige Gewitter und der Kreislauf begann von neuem.

Die O’Reillys waren in mit dem ersten Tageslicht in Mobile, Alabama, Richtung Westen aufgebrochen. Sie folgten der Interstate 10, die sich wie eine hässliche Narbe durch die weitläufigen Waldflächen des Bayou-Staates zog.

Das Gummi der Scheibenwischer schrammte mit einem nervtötenden Geräusch im Kampf gegen die Wassermassen über die Frontscheibe.

Charlotte saß auf dem Beifahrersitz und schlief. Ihr Kopf ruhte an der Seitenscheibe und ihr blondes Haar hing ihr wirr ins Gesicht. Paddy hätte sie am liebsten in den Arm genommen und wachgeküsst.

Auf der Rückbank schlief der achtjährige Andy in seinem Kindersitz. Mit seinen abstehenden Ohren und dem roten Haar konnte er seine irische Abstammung ebenso wenig verleugnen wie sein Vater.

Hinter dem Fahrersitz saß die fünfzehnjährige Sue, die Stöpsel ihres MP3-Players tief in den Ohren vergraben. Sie sah ihrer Mutter nicht nur zum Verwechseln ähnlich, sondern hatte zu allem Überfluss auch noch den gleichen unnachgiebigen Dickschädel. Zusammen mit den typischen Teenie-Problemen eines pubertierenden Mädchens war das eine ziemlich explosive Mischung.

Sie trug zerrissene Jeans, die in offenen Stiefeln steckten, rasierte sich die Haare an den Seiten und bleichte den verbliebenen Schopf, weil das cool war und sie keinen Bock auf das übliche Cheerleaderimage hatte.

Sie bemerkte Paddys Blick im Rückspiegel, drehte ihren MP3 Player lauter und schaute genervt aus dem Seitenfenster. Sue war stinksauer. Nicht nur, dass ihr ein langweiliger Urlaub an einem öden See bevorstand. Viel schlimmer war, dass ihr Smartphone kein Netz hatte. Somit war sie vollkommen von der Außenwelt abgeschnitten.

Paddy musste über das Verhalten seiner Tochter lächeln, weil er sich selbst darin wiederfand. Auch er wollte immer alles anders machen. Einer sein, der sich von der Menge abhob. Auch er hatte seine Erfahrungen gemacht und eine Menge Lehrgeld bezahlt, dennoch bereute er nichts. Sue würde ihre eigenen Erfahrungen machen. Genau so musste das laufen.

Er sah nach vorne auf die Straße und direkt in die grellen Scheinwerfer eines entgegenkommenden Wagens. Im gleichen Moment bemerkte er, dass er sich auf der Gegenfahrbahn befand. Ein bisschen Unachtsamkeit hatte genügt.

Der Wagen raste schnell näher, blendete auf. »Verdammter Dreck, sieh dir diesen Arsch an …« Paddy trat auf die Bremse und lenkte den schweren Durango nach rechts, um wieder auf die richtige Spur zu gelangen. Die breiten Reifen verloren ihre Haftung auf dem regennassen Asphalt, der schwere Wagen schlingerte.

»Paddy, was …« Charlotte war durch den harten Ruck aufgewacht und starrte mit aufgerissenen Augen in die größer werdenden Scheinwerfer. Sie sahen wie zwei sich immer weiter aufblähende Sonnen aus.

Der Abstand schmolz in Sekundenschnelle dahin, im nächsten Moment würden sie zusammenstoßen. Paddy riss noch einmal am Lenkrad und verhinderte die Kollision um Haaresbreite. Das entgegenkommende Fahrzeug, ein schwerer Pick-up-Truck, rauschte laut hupend eine Handbreit an ihnen vorbei. Paddy zischte und hielt an. Erst dann spürte er Charlottes Hand, die sich in seinen Unterarm gekrallt hatte.

»Verdammt, das war knapp.« Paddy sah im Rückspiegel, dass der Truck ebenfalls gestoppt hatte. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Mit einem Schlag war er wieder hellwach. »Ich werde rübergehen und ihn fragen, ob alles in Ordnung ist. Muss mich entschuldigen.«

Kaum hatte er die Tür geöffnet, fuhr der Truck weiter. Paddy zuckte mit den Schultern. »Dann eben nicht.«

Doch anstatt sich von ihnen zu entfernen, wendete der Truck und rollte mit blubberndem Motor im Schritttempo auf sie zu. Paddy gab Gas.

»Der kommt hinter uns her!« Paddy blinzelte, weil ihn das Fernlicht im Rückspiegel blendete. Wie ein Paar glühende Augen strahlten ihn die Scheinwerfer an und wurden immer größer. »Was zur Hölle will der …«

»Fahr einfach weiter … », bat ihn Charlotte. Soweit sie sehen konnte, waren ansonsten keine Fahrzeuge unterwegs. Genau das machte ihr Angst.

»Hast recht, Baby, Ich werde nen Teufel tun und warten, bis der hier ist …« Er griff nach oben und drehte den Spiegel, damit er nicht mehr geblendet wurde. Der Verfolger beschleunigte weiter, der Abstand verringerte sich weiter. Paddy gab Gas. »Dieser Mistkerl fährt uns gleich in den Kofferraum!«

Charlotte drehte sich auf dem Sitz und sah nach hinten. Der Wagen war inzwischen dicht hinter ihnen. Wegen des grellen Lichts musste sie die Augen zusammenkneifen. »Der will was von uns …«

Andy wachte auf und sah sie aus müden Augen an. Charlotte erwiderte seinen Blick und versuchte, ihn mit einem Lächeln zu beruhigen. »Alles in Ordnung, kleiner Mann … Schlaf weiter, es ist nicht mehr weit …«

Der andere Wagen hatte aufgeholt, war jetzt ganz dicht an ihnen dran. »Paddy, das ist nicht normal, der spinnt doch!«

Die Interstate erstreckte sich schnurgerade durch ein Niemandsland aus dicht stehenden Bäumen, zwischen denen Wasser im Scheinwerferlicht glitzerte. Wo die Lichtkegel endeten, versank alles in einer undurchdringlichen Dunkelheit. Noch immer war kein anderes Fahrzeug zu sehen. Paddy bemerkte, wie der Wagen hinter ihnen ausscherte, als wollte er überholen, um dann wieder auf Abstand zu gehen. »Baby, ich glaube, der will uns stoppen … Bestimmt n betrunkener Penner, der beweisen will, dass er Eier hat …«Oder was viel schlimmer ist, ein stinksaurer Hillbilly, der sich provoziert fühlt, weil er denkt, dass dies seine Straße ist, und jetzt den starken Mann markieren muss, dachte er. Er kannte solche Leute und wusste, dass sie sich in einer brandgefährlichen Situation befanden.

Charlotte bedachte Paddy mit einem vorwurfsvollen Blick zu und drehte sich zu den Kindern um, die sie mit großen Augen ansahen. »Ihr braucht keine Angst zu haben. Daddy hat alles im Griff.«

»Was ist, wenn uns der Typ anhält?«, stellte Sue eine nicht ganz unberechtigte Frage.

»Sue … das wird nicht passieren …«

»Und wenn doch? Wir haben hier nicht mal Handyempfang!« Sue drehte sich in ihrem Sitz um und starrte auf den Wagen, der sie verfolgte.

Charlotte seufzte schwer und sah Paddy hilfesuchend an.

Er sah zwischen der Straße vor sich und dem Seitenspiegel hin und her. Der Wagen scherte erneut aus und beschleunigte. »Der Schwachkopf da hinten muss echt ein Problem haben … Ich habe Kinder im Wagen, verdammt!«

Paddys Augen weiteten sich vor Entsetzen. »Festhalten, der …«

Der Aufprall erfolgte mit der Wucht einer eisernen Faust von den Ausmaßen eines überzüchteten Bullen. Der fremde Wagen krachte ins Heck des Durango. Metall kreischte und Plastik splitterte. Die Kinder schrien, als sie in ihren Sitzen hin- und hergeworfen wurden. Der Durango schlingerte und drohte auszubrechen, doch Paddy bekam ihn wieder unter Kontrolle. »Um Gottes willen, Charly! … Dieser verdammte Bastard …«

Charlotte stöhnt und griff sich an die Schläfe. Sie hatte sich den Kopf an der Seitenscheibe angeschlagen. »Der will uns umbringen …«

»Daddy!«, wimmerte Andy voller Angst.

Sue klammerte sich mit bleichem Gesicht am Türgriff fest und starrte ihren Vater mit aufgerissenen Augen durch den Rückspiegel an. Aus ihrem Gesicht war jede Farbe gewichen.

Paddy gab Gas, wollte Abstand gewinnen, doch der Durango beschleunigte viel zu träge. Der Motor ihres Verfolgers röhrte auf und katapultierte den Truck beinahe auf sie zu. Er zog nach links, als wolle er überholen. Doch er hatte etwas anderes im Sinn. Der Truck erwischte sie seitlich auf Höhe des Kofferraums. Die Wucht des Aufpralls hob den Durango sogar an.

Dieses Mal hatte Paddy keine Chance. Sein Wagen brach zur Seite aus und geriet ins Schleudern. Das Gummi der Reifen kreischte auf dem nassen Asphalt.

Charlotte wurde wie eine Puppe herumgeschleudert. Ihr Kopf schlug erneut gegen die Seitenscheibe und hinterließ einen verschmierten, roten Fleck.

Paddy biss die Zähne zusammen. Das Licht der Scheinwerfer wirbelte wie leuchtende Finger zwischen den Bäumen umher. Die immense Masse war am Ende nicht mehr aufzuhalten. Schon prasselte Schotter unter den breiten Reifen. Abrupt hörte der Wagen auf, sich zu drehen. Stattdessen rutschte er mit der Front voran einen mit Gras und Gestrüpp bewachsenen Hang hinunter, der direkt in den Sumpfwald führte. Äste und Schlamm klatschten gegen die Frontscheibe und bildeten sofort einen undurchsichtigen Schmierfilm.

Paddy schrie und versuchte, seine Frau zu packen, als der Durango gegen einen Baum krachte. Die Front des Wagens verbog sich mit lautem Kreischen, Glas splitterte, dann drosch ihm der Airbag wie eine Faust mitten ins Gesicht und hämmerte seinen Schädel gegen die Kopfstütze.

Erst der Regen brachte Paddy wieder zur Besinnung, wusch ihm die Benommenheit aus dem Gesicht. Die Frontscheibe existierte nicht mehr und von Charlotte fehlte jede Spur. Eine imaginäre Klammer presste Paddys Brust zusammen, als er den zerrissenen Gurt sah. Er kämpfte sich benommen aus dem Stoff des Airbags und sah nach den Kindern. Seine Nackenmuskeln schmerzten, als er den Kopf drehte.

Andy weinte und streckte die Hände nach ihm aus. Sue hatte sich abgeschnallt und wollte auszusteigen. Paddy hustete und der helle Stoff des Airbags färbte sich rot. Benommen löste er seinen Gurt, öffnete die Tür und kippte nach draußen ins nasse Gras.

Heißer Dampf zischte aus einem Loch im Kühler. Ein Frontscheinwerfer war noch intakt und leuchtete in den Wald auf einen in einiger Entfernung stehenden Baum. Genau dort lag Charlotte. Sie rührte sich nicht, ihr Körper schien verdreht, auf irgendeine Weise »nicht richtig«. Paddy rief ihren Namen, doch er hörte keine Stimme.

Endlich stemmte er sich hoch, von dem unbändigen Willen getrieben, seiner Familie beizustehen. Blut lief ihm in die Augen und ein Schnitt quer über seinen Unterarm jagte schmerzhafte Schauer durch seinen Körper. Er sah, wie Sue zu ihrer Mutter lief. Andy saß in seinem Kindersitz und heulte sich die Seele aus dem Leib, die Kinder waren anscheinend unverletzt.

Oben auf der Interstate setzte der bullige Truck zurück und stoppte. Es war so einer, wie ihn die Army verwendete, wenn schwere Lasten zu bewegen waren, mit zwei Hinterachsen anstelle von einer. Der Fahrer stieg aus und blieb im Scheinwerferlicht stehen. Die vom Regen eingehüllte Gestalt trug einen langen Mantel und einen Cowboyhut.

»Dafür wirst du bezahlen«, krächzte Paddy leise. Er ging zur hinteren Tür und sah nach Andy, der ihn mit großen, verweinten Augen ansah. »Alles ist gut, Andy. Musst nen Moment warten, dann darfst du aussteigen«, versuchte Paddy, den Kleinen zu beruhigen. Die Rückbank war in dem Moment der sicherste Ort für ihn.

Ich muss Charly helfen, hämmerte es in seinem Kopf,sie ist sicher nur blöd gefallen, nichts weiter. Wenn sie erst im Krankenhaus ist, wird alles wieder gut.

Als Paddy zur Straße sah, stand der Fremde nicht mehr vor dem Truck, sondern hantierte auf der Ladefläche seines Wagens herum. Er zog einen langen Gegenstand unter der Plane hervor. Paddy wusste sofort, um was es ging.

Dieser Bastard hat ein verfluchtes Gewehr!

Alles drängte ihn zu seiner Frau, um ihr zu helfen, sie aufrichten oder wenigstens bequemer hinzulegen. Der Verbandskasten im Fond des Wagens konnte nützlich sein. Doch der Schweinehund dort oben auf der Straße hatte ein Gewehr. Es gab nur einen Grund, warum er das herausholte: Er wollte zu Ende bringen, was er oben auf der Straße angefangen hatte.

Was will dieser Bastard von uns?

Paddy erinnerte sich an den alten .38 Revolver, den er von seinem Bruder, Gott sei seiner armen Seele gnädig, geerbt hatte. Aus einem Gefühl heraus hatte er ihn in die Kühlbox gepackt, die hinten im Wagen stand. Die Waffe war nicht registriert und hatte keine Nummer. Paddy war wegen einiger kleinerer Delikte vorbestraft, ein Fehler, und die Cops würden ihn in den Knast stecken. Deswegen lag sie unter dem Eis in der Kühlbox – ein Ort, den nur ungern durchsuchen würden. Charlotte hatte sich aufgeregt, doch in diesem Moment war er froh, die Waffe mitgenommen zu haben. Sein Instinkt hatte ihn nicht im Stich gelassen.

Der Griff zum Revolver schien die einzige Möglichkeit zu sein, um diesen Wahnsinnigen zu stoppen. Paddy sah sich um. Er musste sich beeilen, denn der Fremde stieg bereits die Böschung herab, das Gewehr lässig über die breiten Schultern gelegt.

Der hat keinen Grund zur Eile. Er ist sich seiner Beute sicher.

Paddy ging nach hinten zum Heck des wuchtigen Wagens und öffnete den Kofferraum. Charlottes geblümte Reisetasche fiel ihm entgegen, gefolgt von Andys Spielzeugkiste und … endlich, die Kühlbox. Alles ergoss sich auf den vom Wasser satten Boden. Er fiel auf die Knie und wühlte in dem bunten Haufen herum. Paddy wusste, dass er sich beeilen musste, um die Waffe in der Hand zu halten, bevor ihn dieser Bastard erreichte. Ein hastiger Blick über die Schulter trieb ihn zur Eile an, denn der Fremde bewegte sich schneller. Paddy lief Regenwasser in die Augen. Es durchnässte sein Shirt, seine Hosen, drang in seine Schuhe, doch das war ihm gleich. Endlich spürte er den kalten Griff der Waffe. Seine Finger umschlossen ihn so fest, dass die Knöchel knackten.

Paddy war ein Mann von der Straße, der nie einem Kampf aus dem Weg gegangen war. Und er wusste genau, dass es in solchen Situationen darauf ankam, cool zu bleiben. Er würde mit dem Kerl kein Wort wechseln, sondern sich umdrehen und ohne zu zögern abdrücken. So lange, bis der Schweinehund am Boden lag. Er würde ihn für das, was er getan hatte, bezahlen lassen. Jetzt war der Moment, es zu tun!

Die kalte Mündung an seinem Hinterkopf machte ihm klar, dass er zu langsam gewesen war. Paddy schob die kurzläufige Waffe unter Andys Spielzeug und hob die Hände. »Mister … das müssen Sie nicht tun … hör‘n Sie? … ich kann Ihnen Geld geben!«

Gib mir eine Chance, eine winzige, klitzekleine Chance und ich leg dich um, du dreckiger Bastard!

Der Kerl sagte nichts. Die Mündung der Waffe drückte fester gegen Paddys Kopf. Paddy wusste, was das zu bedeuten hatte. Der Mann war nicht hier, um ihn auszurauben. Der Fremde wollte Blut sehen. »Ich flehe Sie an, lassen Sie wenigstens die Kinder gehen … Bitte! … Wenigstens die Kinder! Die haben Ihnen doch nichts …«

Das Mündungsfeuer brannte sich in Paddys Kopf und jagte ihm das Projektil mit einer solchen Wucht durch den Schädel, das sein Kopf explodierte. Ein Gemisch aus Knochensplittern, Haaren, Blut und Gehirnmasse verteilte sich auf den Reisetaschen und Koffern der Familie, fügte neue, bunte Farbspiele hinzu, die ihre feuchten Bahnen über das Gewebe zogen.

Paddy kippte nach vorne und rutschte langsam nach unten, um mit dem Gesicht voran ins nasse Gras zu fallen. Aus dem faustgroßen Loch in seinem Hinterkopf stieg Rauch auf, ein Geruch aus verbranntem Fleisch und versengten Haaren vermischte sich mit dem von nassem Laub und frischen Gräsern.

Der Fremde verschwendete keinen Blick auf den toten Körper zu seinen Füßen. Ein fröhliches Liedchen pfeifend ging er um den Wagen herum und lächelte, als er den kleinen Andy stocksteif im Fond des Wagens sitzen sah. Er stellte das Gewehr beiseite und zog ein langes, gezacktes Messer.

Andy schrie nach seiner Mutter. Der Fremde beugte sich in den Wagen und schien den Innenraum mit seiner Masse auszufüllen. Das Messer verrichtete sein grausames Werk und die Schreie des Jungen erstarben. Alles versank in einem grellen Rot.

Am Waldrand, im Scheinwerferlicht …

»Mam … bitte komm hoch, wir müssen abhauen!« Sue kniete neben ihrer Mutter im Dreck. Sie hatte den Fremden gesehen, wie er zu ihrem Vater gegangen war. Dann den Schuss, Paddys fallenden Körper. Andy hatte geschrien, als der Fremde zu ihm ins Auto gestiegen war. »Ich glaube, der Verrückte hat Paddy umgebracht!«

»Was …« Charlotte versuchte, sich zu bewegen, doch es ging nicht.

In Charlottes Haaren glänzten blutbeschmierten Glasscherben. Blutige Rinnsale liefen ihr vom Scheitel über das Gesicht und leuchteten im künstlichen Licht des Scheinwerfers wie Farbe.

Charlotte hustete und spuckte Blut, als Sue sie voller Verzweiflung nach oben zog. Ihre Lider flackerten.

»Mam, er ist bei Andy im Wagen! Mam …« Von einer Sekunde zur nächsten war aus dem rebellierenden Teenie wieder das Kind geworden, das dieser Situation nicht gewachsen war.

»Mein Kopf … etwas ist mit meinem Kopf nicht in Ordnung …« Charlotte wimmerte auf. Sie lehnte an der rauen Rinde und suchte die Hand ihrer Tochter. »Sue … bitte … hol … hol Paddy, er … wird wissen, was zu tun ist.« Der Regen wusch ihr das Blut aus dem Gesicht. Das Blut und die Tränen, alles wurde eins und löste sich im Wasser zu einem Nichts auf. Charlotte wusste, dass ihr Paddy nicht mehr helfen konnte. Sie wollte ein letztes Mal seine Hand spüren, in seine schönen, sanften Augen sehen, ihn riechen.

»Daddy ist tot, Mam … Verstehst du mich denn nicht? Daddy ist tot!« Sue packte ihre Mutter bei den Schultern und schüttelte sie. Eben hatte der Fremde das Auto verlassen und kam auf sie zu. Andy schrie nicht mehr.

Beim Aufprall war Charlottes Gurt gerissen. Sie war durch die Windschutzscheibe und dann gegen den Baum geflogen. Dabei war irgendetwas Wichtiges zerbrochen, weswegen sie ihre Beine nicht mehr spürte. Eins davon war gebrochen. Sie konnte den offenen Bruch sehen, spürte ihn aber nicht – da waren kein Kribbeln und kein Schmerz.

Das mit ihrem Kopf war wesentlich schlimmer. Mit ihm hatte sie das Glas durchschlagen. Es hatte sich angefühlt, als hätte ihr jemand mit dem Vorschlaghammer auf den Schädel gedonnert. Sie fühlte Knochensplitter, die sich bewegten und in ihr Hirn bohrten. Sie spürte, wie ihr Flüssigkeit aus dem Kopf lief.

Ich sterbe, dachte Charlotte,am Rand dieser verfluchten Interstate, im verdammten Louisiana, mitten im Nirgendwo.

Sie ergriff die Hand ihrer Tochter. »Lauf! …«

»Was … ich …« Sue verstand nicht, was ihre Mutter genau meinte. »Dein Bein … ich kann es vielleicht richten …«

»Nein, du kannst mir nicht helfen. Lauf weg … so schnell und so weit du nur kannst … bleib nicht stehen, egal was geschieht. Lauf, Sue, Lauf!« Ihre Finger krallten sich schmerzhaft in den Arm ihrer Tochter.

Sue wurde von Panik ergriffen. Das Flehen in den Augen ihrer Mutter tat ihr in der Seele weh. »Mam …«, flüsterte Sue an Charlottes Ohr. »Ich … ich hab dich lieb!«

Charlottes Lippen zitterten, aus ihrem Mundwinkel lief ein dünner, roter Blutfaden und vermischte sich mit dem Wasser auf ihrem Gesicht. Er floss aus ihr heraus, wie ihr verdammtes Leben. »Sue … du musst überleben!«

Der Fremde kam unaufhaltsam näher, während sich Sue an etwas klammerte, das bald nicht mehr sein würde.

»Lauf, Sue, lauf um dein Leben!«, flehte Charlotte ihre Tochter ein letztes Mal an.

Sue wand sich aus dem Griff ihrer Mutter und stand auf.Du darfst jetzt nicht die Nerven verlieren … denk nach, verdammt noch mal, denk nach! Du musst entkommen!

Der Fremde war schon ganz nah. Sein Umriss war im Scheinwerferlicht deutlich zu erkennen, in der einen Hand das Gewehr, in der anderen das lange, gezackte Messer, den triefenden Cowboyhut weit ins Gesicht gezogen.

Ein Blitz schlug mit lautem Krachen in einen Baum in der Nähe, gefolgt von einem wütenden Donnern. Sues Herz setzte für einen Moment aus, als sie das Holz bersten hörte.Lauf um dein Leben, Sue … Lauf so schnell und so weit du nur kannst!

»Du bekommst mich nicht, du verdammtes Schwein«, schrie sie dem Fremden durch den tosenden Regen entgegen. Sue warf sich herum und fing an zu laufen, so schnell wie nie zuvor, hinein in den Wald, der sie wie eine dunkle Masse in sich aufnahm. Verschluckte, als wäre sie nie da gewesen. Sue spürte nicht, wie ihr die Zweige in die Haut schnitten und Dornen an ihrer Kleidung zerrten. Sie spürte nicht das Wasser in ihren Schuhen. Wenn sie stürzte, rappelte sie sich wieder auf und rannte weiter …

Sie wollen meine Meinung dazu hÖren?

»Verdammt soll der Tag sein, der mich in dieses moskitoverseuchte Drecksnest geführt hat.« Angewidert musterte Mason das zerdrückte Insekt zwischen seinen Fingern. Da klebte der dicke Blutstropfen aus dessen Hinterleib. »Und gelobt sei der, an dem ich die Story meines Lebens finde. Also los!« Mason schnippte die Reste des Insekts aus dem offenen Fenster seines alten Honda Civic.

Er hatte den halben Tag gebraucht, um von Buton Rouge über die Interstate 10 nach Butte la Rose zu gelangen. Mitten im Atchafalaya National Wildlife Refuge war die Interstate die einzige befestigte Straße, die in diese Wildnis aus dichten Wäldern und sumpfigen Bayous führte, und in denen trübes, stinkendes Wasser stand. Er parkte vor der Polizeistation und schwitzte sein letztes Hemd nass, denn die Luft war schwül und flimmerte über dem heißen Asphalt. Den Wolken nach zu urteilen, würde es bald einen gehörigen Regenguss geben.

Mason klappte die Sonnenblende nach unten und musterte sein Gesicht im Spiegel. Die blaugrauen Augen wirkten müde, die halblangen, dunklen Haare waren zerzaust, die Wangen unrasiert, trotzdem nickte er zufrieden. Mit seinen fünfundzwanzig Jahren war er zu jung, um als Journalist ernst genommen zu werden, dennoch hatte er die für seinen Beruf wichtige Eigenschaft, Vertrauen zu erwecken. Wer mit ihm sprach, sah in ihm keine Bedrohung, sondern jemanden, dem er gerne sein Herz ausschütten würde. Das lag zum größten Teil an Masons jugendlichem Alter, und das war zugleich sein größter Trumpf. Das, und dass er ein sehr ehrgeiziger Mann war, der für gute Recherchen sogar in die Hölle gegangen wäre.

Das hier war der erste, ernsthafte Job. Man hatte ihm einen großzügigen Vorschuss und zwei Wochen Zeit gegeben, eine Story abzuliefern, die es wert war, gedruckt zu werden. Die gut genug war, um es auf die Titelseite des Wochenmagazins zu schaffen. Eine Story um einen Serienkiller, der auf der Interstate 10 ahnungslose Reisende von der Straße drängte und sie verschleppte. Wer in seine Fänge geriet, verschwand auf Nimmerwiedersehen. Männer, Frauen, Kinder, der Täter machte da keine Unterschiede. Zurück bleiben die verlassenen, im Straßengraben liegenden Fahrzeuge. Manchmal waren die Koffer durchwühlt, doch immer gab es eine Menge Blut. Leichen hatte man bisher keine gefunden, aber das viele Blut hinterließ eine eindeutige Botschaft: Es waren Menschen gestorben. Abgeschlachtet, weil sie zur falschen Zeit auf der falschen Straße unterwegs gewesen waren!

Das Atchafalaya National Wildlife Refuge war ein unübersichtliches Areal, das genügend Nahrung für die wildesten Fantasien bot. Während von offizieller Seite nichts außer Schweigen zu erwarten war, versuchten sich die Nachrichtensender gegenseitig, mit immer neuen Schauermärchen zu überbieten. Es war von Menschenhandel die Rede, von zur Prostitution gezwungener Frauen und natürlich, oh Wunder, von dem berühmten Serienkiller aus dem Sumpf, dem Hillbilly, der in Inzucht gezeugt worden war, und ohne Verstand töten musste, weil ihn seine Gene dazu zwangen. Ein lokales Blatt berichtete obendrein von einem abstrusen Sumpfmonster, das die Leute ins Wasser zerrte, um sie dort zu verspeisen, zur einen Hälfte Mensch und zur anderen Alligator. Deswegen seien keine Leichen zu finden. Mason glaubte nicht an diesen Quatsch und war in den Süden gefahren, um vor Ort auf Spurensuche zu gehen. Eine Kombination aus Reporter und Detektiv, das war er, das war genau sein Ding. So konnte er sich sein Leben gut vorstellen.

Die Opfer waren allesamt auf der Interstate 10 unterwegs gewesen, um im Niemandsland zwischen Lafayette und Buton Rouge auf den oder die Verbrecher zu treffen. Das Problem an der Interstate war allerdings, dass der er schnurgerade durch die Bayous des Wildlife Refuge verlief und unzählige Wege von ihm abgingen, die in keiner Karte verzeichnet waren. Es war nahezu unmöglich, in diesem Labyrinth aus Wäldern, Kanälen, sumpfigen Flächen und Wasserläufen eine brauchbare Spur zu finden. Erschwerend kam hinzu, dass sich die örtlichen Sheriffs in klassischer Manier gegen eine Zusammenarbeit mit dem FBI wehrten.

Mason war, wie gesagt, ausnehmend hartnäckig, wenn es darum ging, einen guten Job abzuliefern. Das hier war seine Chance, um auf der Leiter den ersten Schritt nach oben zu kommen. Womöglich war es seine einzige Chance, also legte er sich richtig ins Zeug. Er klapperte jeden Truckstopp, jede Tankstelle, sogar jeden verdammten Diner entlang der Interstate ab; er schäkerte mit dem Personal und sprach mit den Tankwarten und Truckern. Eine Menge Geld wanderte zu kleinen Briefchen gefaltet über die abgewetzten Tresen der Diners.

Doch er war schon drauf und dran gewesen, nach Buton Rouge zurückzufahren, als er endlich fündig wurde. Bis dahin sprach man in den Nachrichten davon, dass es nur Durchreisende getroffen hätte, ahnungslose Leute, die von A nach B unterwegs waren. In einem Diner namens Pecan Hole erzählte ihm eine Bedienung hinter vorgehaltener Hand, dass es vor etwas mehr als einer Woche zwei Jäger aus Butte la Rose erwischt habe. Und genau deswegen stand Mason nun vor der Polizeistation der Kleinstadt. Er wollte herausfinden, ob es einfach nur ein Zufall war oder ob ein System dahintersteckte. Er übte sich ein letztes Mal in seinem Lächeln und klappte die Sonnenblende nach oben.

Als er das Sheriffs Office betrat, begann es gerade zu regnen. Das Wasser fiel auf den heißen Asphalt und Dampf stieg auf. Die Feuchtigkeit machte das Atmen unerträglich, und jede Bewegung wurde zur Qual. Mason beeilte sich, ins Trockene zu gelangen. Über der Tür des Office war eine altmodische Klingel angebracht, die mit ihrem schrillen Klang das junge Mädchen hinter dem Tresen aufschreckte.

»Hi Sir, kommen direkt aus dem verflixter Regen, hm? … Was kann ich für Sie tun?« Ihre Stimme hatte einen etwas zu hellen Klang, der schnell nervig werden würde. Mason setzte sein bewährtes Lächeln auf, mit dem er bereits auf der Highschool die Mädchenherzen gewonnen hatte. »Hi … tolles Wetter habt ihr hier …« Er wischte sich mit einer lässigen Bewegung das Regenwasser aus dem Gesicht. »Mein Name ist Mason Asthley. Ich hab mit Sheriff Carter telefoniert, hab nen Termin bei ihm … es geht um diese Überfälle auf der Interstate.«

Das rothaarige Mädchen lächelte ihn an. »Ist eben August, da ist es verdammt heiß … ist der Gewittermonat, jeden Tag das gleiche Spiel.« Sie stand auf. »Setzen Sie sich doch. Ich gehe eben zum Chief und sag, dass Sie da sind.« Mason sah ihr nach, während sie nach hinten zu Carters Büro ging. Sie trug eine nette, geblümte Bluse, enge Jeans und Cowboystiefel.Wir sind in den verdammten Bayous, ging es Mason durch den Kopf.

Er nahm auf der harten Bank an der Wand Platz. Hier im Wildlife Refuge tickten die Uhren anders, langsamer eben. An der Wand hing eine alte, vergilbte Landkarte der Gegend. Unten am Rand stand Juli 1965. Ein Wasserspender blubberte in unregelmäßigen Abständen vor sich hin, die Luft roch nach aufgewärmtem Kaffee. In einem der Zimmer lief ein Radio oder ein Fernsehgerät – es ging um die Jagdsaison, die am vorangegangenen Wochenende begonnen hatte.

»Mr. Mason … der Chief erwartet Sie.« Mason erschrak, denn er hatte nicht bemerkt, dass das Mädchen zurückgekommen war. Er nickte ihr zu und stand auf. Ihr Haar duftete nach Vanille.

»Danke …«

Sheriff Carter war ein kräftiger Mann mit kantigem Kinn und stoppeligem Haarschnitt, der an grobkörniges Schleifpapier erinnerte. Als Mason eintrat, machte er sich nicht einmal die Mühe, aufzustehen, sondern blieb hinter seinem gigantischen Teakholzschreibtisch sitzen und hielt ein Glas Eiswasser in der Hand. Hinter ihm an der Wand hingen Bilder, die ihn nach erfolgreicher Jagd mit seiner Beute zeigten. Alligatoren, Hirsche, Wildschweine, sogar ein Bär war dabei, aber das musste an irgendeinem Ort oben im Norden gewesen sein.

»Asthley … richtig?« Mason nickte und der Sheriff fuhr fort. »Sie sind spät dran, wollte schon los … Ist wohl nicht ganz einfach, aus der Großstadt hier herzufinden, hm?« Seine Stimme klang schroff und abweisend. Er stellte mit seinen Worten klar, dass er kein Interesse hatte, mit Journalisten zu sprechen, vor allem, wenn sie nicht aus der Gegend kamen.

»Sorry, Sheriff Carter … Danke, dass Sie sich für mich Zeit nehmen. Ich weiß, Sie sind sicher viel beschäftigt und …«

»Kommen Sie zur Sache. Okay?«, schnitt ihm Carter das Wort ab.

Mason hätte sonst was für ein Glas des Eiswassers gegeben, aber es war im Moment so unerreichbar für ihn wie der Gipfel des Mount Everest. Also räusperte er sich, um seinem trockenen Hals entgegenzuwirken. »Ich werde versuchen, es so kurz wie möglich zu machen … Wie ich bereits am Telefon erwähnte, bin ich wegen der beiden Jäger hier, die an der Interstate 10 verschwunden sind … Hab herausgefunden, dass sie aus Butte la Rose stammen. Also Jungs von hier, Sheriff. Die Highway Patrol hat ne Menge Blut bei ihrem Wagen gefunden, Haare sogar … Haare, an denen Hautfetzen hingen.« Er machte eine Pause und wartete auf eine Reaktion des Sheriffs, in dessen Gesicht jedoch nicht ein Muskel zuckte.

»Hat nen komischen Klang, wenn einer wie Sie von Jungs von hier spricht … Aber ja, die kamen in der Tat aus Butte la Rose, … waren gute Kerle, da lass ich nichts drauf kommen. Verstehen Sie, was ich meine?«

Mason nickte. »Schon klar, aber mich würde dennoch interessieren, warum der Killer dieses eine Mal von seiner bekannten Vorgehensweise abwich … Warum überfällt er zwei bewaffnete Männer, die ihm gefährlich werden können und nicht wie bisher, unbedarfte Reisende. Was meinen Sie, Sheriff Carter?«

»Was ich meine? Sie interessiert, was ich denke? … Ich sage, dass es nur ein verdammter Zufall war und dieses perverse Schwein einen groben Fehler gemacht hat, sich an jemandem von hier zu vergreifen … Sehen Sie sich um, hier kennt jeder jeden. Passiert eine Schweinerei wie die an der 10, wird das schnell zu etwas Persönlichem … Mag sein, dass die Highway Patrol auf der Interstate zuständig ist, aber das Land, durch das diese verfluchte Straße führt, gehört mir!« Carters Gesicht nahm eine rötliche Färbung an. »Genau das hab ich den Anzugträgern vom FBI gesagt, als die hier rumgeschnüffelt haben … erst gestern waren sie wieder da, wegen einer neuen Sache. Haben bestimmt davon gehört, hm?«

»Sorry Sheriff, es ist mein Job, nachzufragen … ich wollte damit niemandem auf die Füße treten. Sie sagen, es hat nen neuen Überfall gegeben?« Mason wusste natürlich von der Sache, doch mitunter war es besser, sich dumm zu stellen.

Der Sheriff musterte ihn misstrauisch und rieb sich das Kinn. Es gab ein schabendes Geräusch. »Dieses Mal hat es ne ganze Familie erwischt. Sie waren in nem alten Dodge Durango Richtung Westen unterwegs … Wieder dieselbe Masche. Erst hat man sie von der Straße gedrängt und … nun, es gab jedenfalls ne Menge Blut. Vater, Mutter, Tochter und Sohn, alle spurlos verschwunden … Das FBI sagt, dass wenigstens einer erschossen wurde, was bei den Fällen die Ausnahme bildet.« Sheriff Carter legte seine massigen Hände auf die polierte Tischplatte und sah Mason aufmerksam an.

Mason war der Blick des Sheriffs unangenehm. Es war dieses Mustern und Prüfen, als säße er in einem Verhörzimmer und nicht auf der anderen Seite des Schreibtischs. Mason wollte das Gespräch auf die beiden Jäger lenken, denn deswegen war er schließlich anwesend. »Kommen wir zu den Jägern aus Butte la Rose zurück. Können Sie mir etwas über die beiden Männer sagen? … Wie waren sie, was hat sie ausgemacht, irgendetwas, was mir weiterhelfen könnte?«

Carter stellte sein Glas ab und beugte sich nach vorne. »Sie meinen etwas Persönliches? Wie sie gelebt haben und so?«

Mason nickte. »Vielleicht etwas, was die Menschen mitfühlen lässt.« Im gleichen Augenblick wusste er, dass er einen Fehler gemacht hatte.

»Damit Sie es in Ihrem Schmierblatt breittreten können, hm? Ist es das?« Der Sheriff knurrte wie ein wütender Hund und sah Mason aus zusammengekniffenen Augen warnend an. »… ich sage nur eins: Die Jungs waren ehrliche, aufrichtige Kerle, die sich für keine Arbeit zu schade waren und ein geregeltes Leben führten. Alles andere geht Sie und Ihre Leser einen feuchten Scheißdreck an … Habe ich mich klar genug ausgedrückt?« Carters Stimme wurde gefährlich leise. Leise und schneidend. »Und jetzt stehlen Sie mir nicht mehr meine Zeit, ich habe Polizeiarbeit zu erledigen!«

Mason schluckte. »Schon gut, Sheriff.« Er stand auf und nickte. »Danke für Ihre Zeit.« Er wusste genau, wann es besser war, keine Fragen mehr zu stellen.

»Einen Rat habe ich noch«, sagte Carter und stand auf. »Nehmen Sie sich ein Zimmer und genießen Sie das Wochenende in Butte la Rose … Gehen Sie meinetwegen angeln oder sehen Sie sich die verdammten Schildkröten im Sumpf an. Aber halten Sie sich aus unseren Angelegenheiten raus!« Er kam um seinen Schreibtisch herum und reichte Mason die Hand. »Kommen Sie mir nicht in die Quere und wir zwei haben kein Problem miteinander … andernfalls …« – Masons Finger knackten im schraubstockartigen Griff des Sheriffs – »… lernen Sie den vollen Umfang der Gastfreundschaft Louisianas kennen.«

Es dauerte eine ganze Weile, bis sich Mason beruhigt hatte. Er stand draußen vor dem Office, lehnte an seinem vom Regen nassen Wagen und zündete sich eine Zigarette an. Er mochte diese Typen nicht, die sich wie Platzhirsche aufführten, nur weil sie durch ein Amt gewisse Macht besaßen. Das ging ihm total gegen den Strich. Aber da war noch etwas. Dieses »Alles andere« von Sheriff Carter hatte Mason stutzig gemacht. Es hörte sich an, als würde der Sheriff etwas verschweigen.

Es war nur ein Gefühl, dem Mason folgte, als er beschloss, dazubleiben. Er hatte vor, den Einwohnern von Butte la Rose etwas auf den Zahn zu fühlen. Irgendeiner würde reden. Irgendeiner redete immer. Er erinnerte sich an die Worte eines alten Hasen der Zeitung, für die er arbeitete. Er hatte ihm einst den Rat gegeben, immer in den örtlichen Bibliotheken mit den Recherchen zu beginnen. Nur dort würde er die Wahrheit finden, denn in den Archiven waren die Wurzeln einer jeden Gemeinde begraben. Mason beschloss, genau damit anzufangen.

The Hunting Company

»Anderson, hör endlich auf, aus dem Fenster zu starren, und komm an den Tisch. Wir haben etwas zu besprechen!«

»Nur kein Stress, Butch. Wir haben ne ziemlich heiße Spur, der wir leicht folgen können, da kommt es auf ne Stunde mehr oder weniger nicht an. Hetzten wir uns ab, fangen wir an, Fehler zu machen, und das will doch keiner, oder?« Anderson strich seinen roten Bart glatt. »Unsere Beute ist selbstsicher geworden und das macht sie unvorsichtig. Ich denke, das wird dieses Mal eine schnelle Jagd.« Anderson zog den Vorhang zu.

Draußen gab es sowieso nichts zu sehen. Auf dem sandigen Parkplatz des Motels standen nur ihre beiden Fahrzeuge und der Wagen des Kerls, der die Rezeption machte. Kein Wunder, denn an diesen Ort verirrten sich nur wenig Reisende. Das Motel lag abgelegen mitten im Wald an der Parish Road, die entlang des Bayou La Rose verlief und eher einer Schotterpiste als einer Straße glich.

Wer sich hier ein Zimmer nahm, wollte nicht gestört werden. In dem maroden Bau aus den Siebzigern gab es weder Internet noch Zimmertelefone. Der einzige Apparat hing an der Rezeption, wo dieser ungewaschene Kerl von Hotelier den ganzen Tag auf seinem faulen Arsch saß, in der Nase bohrte und im Fernsehen uralte Schwarz-weiß-Cartoons ansah. Er stellte keine Fragen und nahm Bargeld anstelle von Kreditkarten. Einfach gesagt: Das Hunters Inn war der ideale Ort, in dem Männer abstiegen, die ungestört sein wollten und keinen Wert darauf legten, gestört zu werden.

»Sei nicht so selbstgefällig und komm her«, beschwerte sich Butch. »Es gibt einiges zu besprechen … Ich will, dass jeder genug Magazine dabeihat. Und ihr verwendet ausschließlich unsere eigene Munition, habt ihr verstanden?«

Anderson grunzte etwas Unverständliches in seinen roten, dichten Bart. Er streckte seine breiten Schultern, bis die Knochen in den Gelenken knackten.

Neben ihm und dem schlecht gelaunten Butch hielten sich vier weitere Männer im Zimmer auf: der rattengesichtige Hawk, Miller, Perkins und der schweigsame Hendershot, der sich nie von seinem zerknautschten Cowboyhut trennte. Ein Typ mit eiskalten Augen, den man besser in Ruhe ließ. Dem Anschein nach waren sie alle typische Jäger, wie man sie jedes Wochenende in den Wäldern der Vereinigten Staaten antreffen konnte. Männer, die unter der Woche einem normalen Job nachgingen, jedoch am Wochenende die Limousine gegen den Truck tauschten, sich die Tarnklamotten überstreiften und die Gewehre aus den Waffenschränken holten. Ihr Haar war lang und die Bärte wild und struppig.

Doch wenn man genauer hinsah, unterschieden sie sich von diesen Hobbyjägern, die wild in der Gegend herumballerten und zumeist nicht einmal ein Scheunentor trafen, wenn es sich direkt vor ihrer Nase befand. Es waren die Details, die sie von der Masse abhoben. Allein die Art und Weise, wie die Männer ihre Waffen anfassten, zeugte von einer tödlichen Präzision, wie sie nur ausgebildete Schützen hatten. Es waren zärtliche Berührungen, die man den groben Händen nicht zutrauen mochte.

Sie kannten sich alle von ihrer gemeinsamen Zeit bei den Navy Seals und hatten hundert Mal zusammen in der Scheiße gesessen. In ihrer Freizeit gingen sie auf die Jagd, wo immer die Armee sie hinschickte. Es war die Sucht nach der Waffe, dem Gewehr, das immer griffbereit und geladen sein musste, immer in Reichweite.

Doch dann war ihre Dienstzeit zu Ende gewesen und sie standen auf der Straße. Es gab eine Verabschiedung, eine ansehnliche Rente und eine zusammengefaltete Flagge, die sie in die Schubladen ihrer Schlafzimmerschränke legten. Mit dem Schließen dieser Schubladen war ihr Leben zu Ende, es hatte jeden Sinn verloren. Die Armee hatte für sie gesorgt und ihnen die alltäglichen Dinge vom Leib gehalten, doch am Ende mussten sie jüngeren Männern Platz machen. Sie fanden nicht mehr ins normale Leben zurück mit all diesen gewöhnlichen Dingen, die getan werden mussten. Sie waren Fremde im eigenen Land geworden.

Anderson hatte die Idee gehabt, um die Männer – vor allem aber sich selbst – aus dem Abgrund zu holen. Er gründete die Hunting Company und führte zusammen mit dem alten Team reiche Angeber in die Wildnis, damit sie ihren ersten, eigenen Bock schießen konnten. Die Idee brachte jede Menge Geld aber keine Befriedigung. Es fehlte der Kick, die Gefahr, in der sie schweben mussten. Oder es war einfach das falsche Wild, hinter dem sie herjagten.

Anderson fing an, Aufträge abzulehnen. Nur die Gefährlichsten kamen in Frage. Die Jobs, bei denen sie superreiche Russen in Krisengebiete führten, um besonders exquisite Tiere abzuschießen oder gewisse Geschäfte abzuwickeln. Dazwischen verkrochen sie sich in den heruntergekommenen Spelunken französischer Hafenstädte und ertränkten ihren Lebensfrust mit Alkohol. Die Armee hatte sie auf den Boden gespuckt und niemand war da, um sie aufzuwischen. Sie lagen am Boden und trockneten aus, bis nichts mehr an sie erinnern würde, als ein alter, dunkler Fleck.

Eines Tages tauchte Butch auf. Er betrat die Absteige in Le Havre, die zu ihrer temporären Heimat geworden war, und setzte sich zu ihnen an den Tisch, ohne um einen Platz zu bitten. Butch war ein alter und verdammt zäher Knochen, der sein Leben lang nichts anderes gemacht hatte, als zu jagen. Er begriff sofort, wie es um die Hunting Company stand und was für Männer das waren. Hinzu kam, dass sich Anderson und Butch sofort verstanden. Butch war an einer ganz großen Sache dran und brauchte ein Team, auf das er sich hundertprozentig verlassen konnte. Er suchte Profis, die nicht zögern würden abzudrücken und die keine Fragen stellen würden, schlichtweg Männer, die vor Mord nicht zurückschreckten.

Als sie schließlich während einer Probejagd erfuhren, um was es dem alten Mann wirklich ging, sagten sie auf der Stelle zu. Für die harten Männer war es eine Art Erhörung, ein eherner Auftrag, der sich nicht nur finanziell lohnte, sondern durch den sie etwas bewirken konnten, was einen Sinn ergab. Sie durften die Welt von Menschen befreien, die es nicht verdient hatten zu leben. Butch benutzte dafür den Begriff Bereinigung und bezog sich gerne auf die sieben Todsünden, die ihren Zielpersonen wie Scheiße am Schuh klebten. Die Welt war auf einmal wieder in Ordnung.

Fünf volle Jahre hetzten sie ihrer Beute nun schon hinterher. Was es mit Butch sonst auf sich hatte, erfuhren sie erst viel später. Eins war von Anfang an jedoch klar: Butch hätte der Teufel persönlich sein können und dennoch wären sie ihm blind gefolgt. Sie sahen in ihm den gefallenen Engel, der zur Waffe griff, um sich selbst zu helfen, weil ihm der Himmel jede Unterstützung versagte.

Anderson setzte sich zu dem grauhaarigen Butch und nahm eine der handgemachten Patronen vom Tisch. »Verdammt, hier stinkt es wie in nem Pumakäfig.« Die Patrone glänzte silbern zwischen seinen Fingern. Das Metall fühlte sich glatt an. Glatt, kalt und absolut tödlich. Die Patronen waren aus einer speziellen Legierung gefertigt, als Basis diente panzerbrechende Munition, die anhand ihrer verstärkten Treibladung eine größere Durchschlagskraft als normale Patronen entwickeln konnte. Hinzu kam die besondere Zutat, die das Projektil zu etwas Besonderem machte. »Hast dieses Mal ne ganze Menge mehr von den Dingern gemacht, hm?«

Butchs Mund verzog sich zu einem grimmigen Grinsen, das jedoch seine Augen nicht erreichte. »Wir haben jahrelang auf diesen einen Augenblick hingearbeitet … und jetzt, kurz vor dem Ziel, da will ich einfach nur sichergehen, dass alles läuft, wie wir uns das vorstellen … sie dürfen nicht die geringste Chance haben!«

Butch war der Älteste in der Gruppe. Sein zerfurchtes Gesicht zeugte von einem langen, harten Leben. Über seine linke Wange verlief eine tiefe Narbe, die sich vom Kinn ausgehend über sein Auge bis zum Haaransatz fortsetzte. Nur wer genauer hinsah, konnte sehen, dass das Auge nicht echt war.

Mit rauer, tiefer Stimme sprach er weiter. »Wir werden in den nächsten Nächten auf die Jagd nach einem ganz besonderen Wild gehen … dieses Wild ist gefährlich und wird sich nicht leicht geschlagen geben … und wenn wir es gestellt haben, wird es um sein Leben kämpfen!« Butch sah sich um. »Das sollte jedem von euch klar sein. Leisten wir uns nur den kleinsten Fehler oder lassen wir die Beute sogar entkommen, werden wir schnell selbst zu den Gejagten!«

Anderson schob die Patrone in das Magazin des Busmaster ACR Sturmgewehrs. »Du machst dir zu viele Gedanken. Wir sind vermutlich die einzigen echten Profis, die in den Bayous um diese Zeit auf die Jagd gehen, auch wenn es auf den ersten Blick nicht so aussehen mag: Wir werden der Spur folgen und am Ende erfolgreich sein. So wird die Sache laufen und nicht anders … So läuft die Sache immer!«

»Da ist noch eine Sache, über die wir reden sollten.« Butch stand auf und sah Anderson auffordernd an. Anderson verstand und gemeinsam verließen sie das stickige Zimmer. Draußen zündete sich Butch eine Zigarette an und lehnte sich gegen einen der Pfosten des Verandadachs. »Die Sache mit Hendershot läuft aus dem Ruder, Mann!« Butch warf Anderson einen ernsten Blick zu.

Der sah zu Boden und nickte. »Ja, ist problematisch.«

»Yeah«, bestätigte Butch. »Er hat sich nicht mehr unter Kontrolle. Das wird uns noch alle den Arsch kosten.«

Anderson sah auf. »Wenn du auf die beiden Typen aus dem Ort anspielst … das habe ich mit Hawk schon vor ein paar Tagen geregelt. Aber das weißt du!«

»Waren zwei gute Kerle, kannte sie aus Bees Diner, hab mich manchmal mit ihnen unterhalten. Hatten Familie«, sagte Butch.

Anderson schnaufte genervt. »Sie hätten ihre Nasen eben nicht in unsere Angelegenheiten stecken sollen.«

»Stell es nicht so hin, als wäre es ihr Fehler gewesen«, knurrte Butch. »Ich will nicht darauf herumreiten, aber Hendershot ist dein Mann. Du trägst für ihn die Verantwortung!« Butch kam Anderson sehr nah. »Also mach ihm eins klar: Wenn er sich das nächste Mal ein Auto von der Interstate greift, muss er sich sicher sein, dass er keine Zuschauer hat!«

Anderson spukte einen kläglichen Rest Kautabak auf den Boden. »Wird nicht wieder vorkommen, Boss!«

»Das will ich um deinetwillen hoffen«, knurrte Butch und schüttelte den Kopf. »Wenn er nicht so ein verdammt guter Schütze wäre, dann …«

»Er ist der beste Schütze, den ich kenne. Wir können nicht auf ihn verzichten, nicht jetzt, so kurz vor dem Ziel!« Anderson spielte nachdenklich in seinem roten Bart und dachte an die Krankheit, die man bei Hendershot diagnostiziert hatte. »Wenn wir damit fertig sind, kümmer ich mich darum.«

Damit war alles gesagt. Die beiden Männer nickten sich zu und gingen wieder zu den anderen ins Zimmer. Anderson winkte alle zu sich. »Kommt her, Männer! Trinken wir auf unsere bevorstehende Jagd, verdammt noch mal! Trinken wir auf das Blut, das wir heute Nacht vergießen werden!« Anderson nahm sein Glas vom Tisch, leerte es mit einem Zug und schmetterte es zu Boden. Alle taten es ihm gleich. Sie lachten, umarmten einander und rammten die Magazine in ihre Waffen.

Der Geist des Krieges war erwacht. Er hatte nur geschlummert und auf den richtigen Augenblick gewartet, um mit seiner kompromisslosen Zerstörungswut an die Oberfläche zu brechen. Die Hunting Company würde ihn in die Sümpfe tragen und entfesseln, denn das war es, wofür sie lebten.

Atchafalaya Rose

»Hätten wir hier nicht rechts abbiegen sollen?« Nina tippte mit dem Finger auf die Straßenkarte.

Der Fahrer des Dodge Avenger schüttelte den Kopf und grinste breit. »Klar hätten wir. Wir wären allerdings vier Stunden auf der langweiligen Interstate 10 immer stur geradeaus gefahren und hätten nicht die Bohne vom Wildlife Refuge gesehen … Ich dachte mir also …«