Verlag: Books on Demand Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung Therdeban - Barbara Brosowski Utzinger

"Hier in Kelderan herrschen andere Gesetze, dies ist keine Welt für dich. Lauf, kleiner Mensch, oder die Sturmfluten werden dich zerschmettern, die Pseudore dich mit ihren Messerdornen zerfleischen. Und erwarte kein Erbarmen, erst recht nicht von den Menschenfressern." Bei Nacht und Regen brechen Jäger der menschenfressenden Keilan in Francescas Zuhause ein und verschleppen sie. Als der Krieger Creel sie auf dem Sklavenmarkt kauft, hat sie nur noch eine Wahl: Entweder versucht sie zu fliehen und allein in der Wildnis der fremden Welt zu überleben - oder es erwartet sie eine ungewisse Zukunft als seine Sklavin... Mit 70 Illustrationen, gezeichnet von der Autorin.

Meinungen über das E-Book Therdeban - Barbara Brosowski Utzinger

E-Book-Leseprobe Therdeban - Barbara Brosowski Utzinger

Inhalt

Fremde in der Dunkelheit

Wer uns gesehen hat, muss sterben

Menschenweltler

Nur du und ich

Die Finger der kleinen Menschen

Gesternwald

Die Herrscher der Grünen Macht

Lebendige Legenden

Die Reise durch die Unterwelt

Auf meiner Seite

Dann kam das Wasser

Stimmen in der Unterwelt

Die Lebenden und die Toten

Rette mich vor mir selbst

Der Preis des Lebens

Der Dank der Lebenden

Reue

Für den lächerlichen Preis der Genugtuung

Du gehörst nicht in diese Welt

Vielleicht ist es besser so

Danksagung

1. Fremde in der Dunkelheit

Der Hammer lag noch unter ihrem Kopfkissen.

Francesca packte ihn und klammerte sich daran als würde ihr Leben davon abhängen. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie zur angelehnten Zimmertür.

Es war jemand im Haus.

Vorsichtig schob sie die Tür auf, bis der Spalt breit genug war, um den Kopf hindurch zu stecken. Sie hielt den Atem an und lauschte.

Die Stimme aus dem Erdgeschoss plapperte fröhlich weiter, es ging gerade um Waschpulver. Werbung im Radio.

Das war aber nicht, was sie gehört hatte.

»Warte bitte, Misch«, hauchte sie in ihr Handy. »Nicht auflegen, ja? Da war was.«

»Schon wieder?«, gähnte Michelle am anderen Ende der Leitung. »Aber nimm eine Waffe mit.«

»Klar.«

Francesca hob den Hammer auf Schulterhöhe und presste mit der linken Hand das Handy dicht ans Ohr. Es war gut, dass Michelle da war, wenn auch nur am anderen Ende der Leitung. Wenn es schlimm kam, dann könnte Michelle die Polizei rufen und…

Bum.

Da war das Geräusch wieder. Ihr Herz schlug wild gegen ihre Rippen, als wolle es herausbrechen und davonrennen. Sie spürte kalten Schweiß an der Stirn und am Rücken, ihre Hände wurden ganz feucht. Francesca umklammerte den Hammer noch fester, holte einmal tief Luft und sah um die Ecke in den unteren Stock.

Alle Lichter waren an, wie immer, wenn sie allein zuhause war. »Soll ich die Polizei rufen?«, rief Michelle.

Der Hammer entglitt Francescas feuchten Fingern, im letzten Moment fing sie ihn auf, ehe er laut auf den Boden donnerte.

»Verdammt, nicht so laut!«, zischte sie. »Jetzt warte bitte!«

Der Radiomoderator verkündete gerade die Uhrzeit. Dreiundzwanzig Uhr. Francesca versuchte zwischen Politik und Wetter herauszufinden, ob irgendjemand im Haus nach Wertsachen wühlte. Nichts war zu hören. Sie wagte sich auf den Gang, dann die Treppe hinab. Ihre Beine fühlten sich an wie Gummi, als sie sich an der Flurwand entlang in Richtung Wohnzimmer schob. Es war leer.

»Ist es irgendein böser Mann?«, fragte Michelle besorgt. In der Küche war auch nichts.

»Ist es ein gut aussehender, böser Mann?«, kam es hoffnungsvoll aus dem Handy. Ein paar Nachtfalter flatterten Francesca aus dem leeren Esszimmer entgegen. Niemand. Ein Blick genügte. Verandatüre und Haustüre waren verschlossen, die Schlüssel steckten noch.

»Uff«, atmete sie auf, »war nichts, ich hätte aber schwören können!«

Es war still am anderen Ende der Leitung.

»Misch?«

»Mhm …«

Michelles Stimme klang fern und verzerrt, übertönt durch ein Schaben und Kratzen. Natürlich, sie hatte auf laut gestellt und zeichnete wieder. Bestimmt hatte sie sich einen Filzstift in den Mund gesteckt.

Francesca spürte einen Anflug von Ärger, wenn was gewesen wäre…

Es raschelte und die Stifte knallten, als die Deckel aufgesteckt wurden. Dann war Michelles Stimme wieder fröhlich und klar direkt an ihrem Ohr. »Gestern war es genau gleich, Franny. Das war das Holz. Du weißt doch, alte Häuser sind gesprächig.«

»Ja, mach dich ruhig lustig … ich bin alleine hier!« Francesca drehte das Radio aus, ließ sich auf das Sofa plumpsen und legte den Hammer auf ihre immer noch zitternden Oberschenkel. Sie gab ungern zu, was für ein Angsthase sie war. Das war die Kehrseite von sturmfrei. Fernsehen ohne Ende, nicht abwaschen, Spaghetti Bolognese zum Frühstück und zum Abendessen, Chips. Aber nachts mit der Decke über dem Kopf und allen Lichtern an stundenlang wach liegen. Peinlich für ihr Alter.

»Sag bloß, du hast wieder einmal den Hammer mit ins Zimmer genommen!«

Michelle lachte.

»Ja sorry! Ein Messer, ich meine, Abstechen geht nicht! Nicht, dass der verblutet!«

»Franny, du oder er. So einfach.«

»Ja, sagt man mal eben so!«

Francesca schnappte sich eine Strähne ihres langen Haares und kaute darauf herum. Der Spruch konnte nur von Michelle kommen. Auf der anderen Seite der Leitung erwachten die Filzstifte wieder zum Leben. Bestimmt malte Michelle gerade einen fauchenden Drachen auf ihr Deutschheft.

»Ach Franny, ich weiß doch. Weißt du was, morgen kommst du zu mir, einverstanden? Vielleicht …bis deine Eltern zurückkommen?«

»Okay. Aber nur bis Freitag. Hier sieht es aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen.«

Francesca hob eine Tasse vom Sofatisch hoch, die einen Ring auf dem Glas hinterlassen hatte. Mit dem Fingernagel begann sie, die eingetrocknete Schokoladenmilch abzukratzen. Sie schämte sich. Es war auch jedes Mal das gleiche: Am letzten Tag auf Teufel komm raus das Haus putzen.

»He, meinst du Marco hat unser Foto in der Zeitung gesehen?«, fragte Michelle. Das Schaben von Stiften auf Papier wurde lauter. Immer wenn sie aufgeregt war, malträtierte Michelle ihre Filzstifte besonders inbrünstig. Einer von ihnen quietschte wie eine Maus in den Pfoten einer Katze. Abrupt verstummte das Geräusch.

»Bist du noch da, Franny?«

Francescas Blick war zur Decke gerichtet. War das der Wind?

»Hallo?«

»Was?«

Francesca schüttelte verwirrt den Kopf.

»Du hast nicht geantwortet! Bild. Marco.«

»Ich… sorry … ich …«

Dass sie Schritte gehört hatte, erwähnte sie lieber nicht. Wer lief schon bei strömendem Regen auf dem Dach herum? Nein, das konnte nur Einbildung sein. Plötzlich war sie sauer auf sich, sie hatte ja unbedingt die Serie mit dem Psycho sehen wollen, der sich nachts in Häuser schlich, die schlafenden Frauen beobachtete und dann erwürgte. Kein Wunder bildete sie sich nun bei jedem Geräusch etwas ein.

»Ich weiß nicht, meinst du echt, der liest AZ oder überhaupt 'ne Zeitung?«, seufzte Francesca und zwirbelte eine Haarsträhne. Sie hatte keine Lust auf die Marco-ist-süß-Geschichte.

»Wir sollten es als Profilbild bei Facebook nehmen. Solltest das rote Kleid mal zur Schule anziehen, Francescalein.«

Francesca spürte die Hitze auf ihren Wangen. Bestimmt hatte sie nun die gleiche Farbe wie das Cocktailkleid mit viel zu viel Ausschnitt.

»Ja, sicher. Damit ich aussehe wie eine Schlampe!«

Sie zippte sich den Pulli bis zum Kinn zu »Wehe du lädst es ins Netz!«

Aus der Leitung kam keine Antwort, selbst das Kratzen der Stifte war verstummt.

»Misch?«

»Mama ist da«, flüsterte Michelle. »Morgen vor Eckmanns Deutschstunde in der Bibliothek? Tschüss!«

Francesca riss den Mund auf, doch aus der Leitung kam nur das Leerzeichen. Mit einem Seufzen rieb sie ihre Stirn. Sie fühlte sich einsam in dem Haus, in dem es nun ungewohnt still war. Der Regensturm schien endlich vorbei zu sein. Francesca ließ den Finger unentschlossen über dem Display des Handys kreiseln, überlegte sich, ob sie ihre Mutter anrufen sollte. Stattdessen öffnete sie den Foto-Ordner und betrachtete das Bild von sich und Michelle. Es war verschwommen, da sie es direkt aus der Zeitung abfotografiert hatte. Zwei Mädchen in langen Abendkleidern waren darauf zu sehen, hinter ihnen der Charity-Banner des Vereins, für den die Schule Spenden gesammelt hatte. Francesca wusste nicht, wie ihre beste Freundin so locker posieren konnte - selbstsicher wie ein Star im Rampenlicht. Sie selbst hingegen passte nicht auf die Bühne. Es sah aus, als würde sie die Luft anhalten oder einen Stock im …

Ein Flüstern durchschnitt die Stille. Francesca zuckte erschrocken zusammen. Aus den Augenwinkeln heraus erhaschte sie eine Bewegung, direkt an der Lampe über ihr. Ein Nachtfalter. Er versuchte gerade, auf der heißen Birne zu landen. Erleichtert atmete Francesca auf.

»Himmel, hast du mich erschreckt.«

Sie stopfte das Handy in die Hosentasche und hielt dem Falter die Hand entgegen. Das Insekt flatterte erst um ihre Finger und landete dann mit wackelnden Fühlern auf ihrer Handfläche. Francesca wölbte schützend die andere Hand über das kleine Wesen. Seine Beine kitzelten und entlockten ihr ein Lächeln. Sie schielte zwischen den Fingern hindurch und erhaschte einen Blick auf das bezaubernde, schwarzweiße Muster der Flügel. Langsam ging sie in Richtung Verandatüre. »Ich bring dich raus, ja? Das Wetter ist nicht toll, aber …«

Zwei Meter vor der Türe berührte etwas Kaltes ihre Zehen. Verwirrt blickte sie hinab. Sie stand mit den Socken in etwas Nassem. Die Motte flog davon, als Francesca in die Hocke ging und erstaunt den Fleck am Boden betrachtete.

Wasser. War das Dach undicht? Nein, der Fleck hatte eine ganz spezielle Form, vier kleine Wasserpfützen und eine große halbrunde … das kannte sie doch. Francesca stellte sich auf die andere Seite des Abdruckes - mit dem Rücken zur Verandatüre. Ein Pfotenabdruck! Ein Pfotenabdruck so groß wie ein Suppenteller. Der Anblick schnürte ihr die Kehle zu. Sie presste sich rücklings an die kalte Scheibe, den Türgriff umfasst, bereit, die Flucht zu ergreifen. Da, noch einer. Die wässrige Spur führte ins Haus hinein. Je weiter das Tier gegangen war, umso trockener wurden die Abdrücke, bis sie gänzlich verschwanden. Deswegen waren sie ihr vorher nicht aufgefallen. Was für ein Tier war das? Es gab keine Bären in ihrer Nachbarschaft, nicht mal einen Zoo in der Nähe. Und wie hätte ein Bär durch eine geschlossene Tür ...

Der Griff in ihrer Hand bewegte sich.

Mit einem Schrei wirbelte sie herum.

In der Türscheibe sah sie ein blasses Mädchen mit geweiteten Augen - ihr eigenes Spiegelbild.

Aber am Türgriff war eine Hand. Francesca erstarrte wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Die Hand gehörte zu einem dunklen Körper. Ein Riese, dessen Kopf aus einer Höhe von zwei Metern auf sie herab sah. Das Männergesicht war ausdruckslos wie eine Maske. Es war menschlich, aber es war kein Mensch. Feurige Augen fixierten Francesca, wie ein Raubtier seine Beute. Das Wesen verzog den Mund mit den kräftigen Reißzähnen zu einem Grinsen und sein heißer Atem benebelte die Scheibe.

Das riss Francesca aus der Trance. Sie holte tief Luft, schrie und rannte los. Weg bloß weg.

Sie war sich sicher, gleich warf sich das Biest gegen die Tür, um dann inmitten eines Scherbenregens auf sie zu springen und sie zu zerfleischen.

Stattdessen hörte sie ein Klopfen.

»Hä?«, entfuhr es ihr und sie riss den Kopf im Laufen herum. Sie knallte gegen die Haustür und schrie erneut auf, diesmal vor Schmerzen.

Verdammt! Keine Fragen stellen, Francesca! Weglaufen!

Wie wild drückte und zerrte sie an der Türklinke, ehe ihr einfiel, dass diese Tür abgeschlossen war.

Wieder klopfte Feuerauge an der Verandatür. Meinte er allen Ernstes, sie würde aufmachen und ihn hereinbitten?

Schritte auf der Treppe. Jemand kam vom oberen Stock herab. Verdammt, sie hatte oben nicht nachgesehen! Wer immer das war, musste schon seit einer ganzen Weile im Haus sein. Sie spürte, wie Übelkeit in ihr aufstieg. Die ganze Zeit nicht alleine gewesen …

Francesca presste sich wie ein Mäuschen in die Ecke. Die Treppe war am anderen Ende des Flurs. Sie erhaschte einen Blick auf einen dunklen Mantel und blondes Haar. Ohne sich nach ihr umzudrehen, verschwand die Gestalt im Wohnzimmer.

Francescas Herz machte einen Sprung. Er hatte sie nicht gesehen!

Hektisch tastete sie nach dem Türgriff und dem Schlüssel, ohne den Wohnzimmereingang eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Ein Klicken verriet ihr, dass die Verandatür offen war und die Eindringlinge jetzt zu zweit.

Nun hatte sie es noch eiliger, wegzukommen. Doch ihre zittrigen Finger fanden keinen Schlüssel. Wo war er?

Vielleicht war er auf dem Boden?

»Nein!«, jammerte sie, raufte sich die Haare und drehte sich auf der Stelle. Der Schlüssel war weg. Sie presste sich an die Tür und starrte zum Wohnzimmereingang. Gleich würden diese Biester kommen.

Gleich…

Nur das Trommeln des Regens auf dem Dach und ihr eigenes Herz, das gegen die Rippen hämmerte, waren zu hören. Niemand kam auf sie zugestürmt.

Und jetzt?

Hilfe holen!

Sie tastete in der Hosentasche nach dem Handy, krallte die zittrigen Finger darum und riss es hervor. In dem Moment ging das Radio an. Metallica dröhnte in voller Lautstärke durch das Haus. Francesca kreischte auf und das Handy flutschte durch ihre feuchten Finger.

Eine tiefe, männliche Stimme sang den Song mit - eine, die nicht zur Band gehörte. Wer immer es war, seine Stimme war schön und samtig genug, um Francesca eine Gänsehaut zu bescheren, und zugleich kraftvoll genug, um ein ganzes Stadion rocken zu können…und vor allem, live.

Nein, das konnte doch unmöglich eines der Biester sein. Mitten im Refrain brach die Stimme des Mannes ab. Das Radio rauschte, als der Sender gewechselt wurde. Mit einem »Pah … Schrecklich« wechselte der Eindringling von Lady Gaga wieder zurück zu Metallica. Francesca schüttelte den Kopf. Konzentrier dich! Sie brauchte zwei Anläufe um die Tastensperre ihres Smartphones zu lösen. Verdammt, wie war die Telefonnummer der Polizei? Ihre Finger rutschten über die Ziffernanzeige, drückten auf Wählen.

Leerzeichen.

Noch eines …

Wie spät war es, war die Polizei vielleicht schon…

»Feuerwehr Baden, hier Brügger, was kann ich für Sie tun?«, meldete sich eine ruhige Frauenstimme.

»Feuerwehr?«, japste Francesca, »Scheiße! Nein! Ich brauch die Polizei!«

»Wen rufst du an?«, säuselte eine tiefe Männerstimme.

Francesca blieben die Worte im Hals stecken.

Feuerauge stand am anderen Ende des Ganges. Er war riesig, höher als die Tür neben ihm. Aber nicht seine Größe war es, die Francesca die Kehle zuschnürte. Er stand auf muskulösen, überlangen Beinen, die in riesengroßen Raubtierpfoten endeten. Ein langer Schwanz schaukelte hinter seinem Rücken hin und her. Feuerauge warf den Kopf zurück, sodass sein hüftlanges, rabenschwarzes Haar tanzte. Kleider trug er keine - außer einem Stoff um die Hüften. Brauchte er auch nicht, denn er hatte ein Fell. Was war das nur? Halb Tier und halb Mensch. Als sich ihre Blicke trafen, zuckte ein Lächeln über seine Lippen.

»Hab ich dich endlich gefunden?«, schmeichelte er.

»Hallo? Sind Sie noch da? Bleiben Sie bitte ruhig. Am besten Sie sagen mir, was los ist, damit ich Hilfe losschicken kann«, erklang es aus dem Handy an Francescas Ohr.

Sie öffnete den Mund, zog stoßweise die Luft ein, brachte keinen Ton hervor, abgesehen von einem erbärmlichen Wimmern. Feuerauge schritt auf sie zu, langsam und graziös wie ein Tiger. Seine Finger strichen über die Wand, die Kommode mit den Bildern. Dann schloss sich seine Hand um einen Rahmen mit einem Bild von Francesca. Es schien ihm besonders zu gefallen, sein Zeigefinger umrandete liebkosend ihr Gesicht auf dem Bild. Die Fotografien ihrer Eltern und Großeltern wischte er mit einer Handbewegung weg, als er das ausgewählte von Francesca direkt vor seine Augen hob. Glas klirrte, als die anderen Rahmen auf dem Fliesenboden aufschlugen.

Das Geräusch durchfuhr Francesca wie ein Blitzschlag.

Vor ihrem inneren Auge sah sie ihre Eltern aus den Ferien zurückkehren und das Haus zerstört vorfinden. Und ihre einzige Tochter ...

Nein.

So einfach würde man sie nicht kriegen.

Feuerauge starrte mit einem verträumten Ausdruck auf das Bild.

Jetzt. Sie rannte los.

Blitzschnell ließ Feuerauge den Rahmen fallen und stürzte auf sie zu. Francesca kreischte. Der Gang war zu schmal und der Typ zu groß, sie zu langsam. Das würde nie reichen!

Wehr dich!

Francesca warf das Einzige, das sie in der Hand hatte. Ihr Handy flog durch die Luft. Feuerauge riss beide Hände schützend vor die Augen. Zu spät. Es traf ihn an der Stirn, das strahlende Display voran.

Francesca schlüpfte an ihm vorbei ins Wohnzimmer. Sie musste sich am Türrahmen festklammern, um mit ihren Socken nicht den Halt zu verlieren. Aus den Augenwinkeln nahm sie wahr, dass die Verandatür sperrangelweit offen stand und der andere nicht da war. Sie schluchzte erleichtert auf. Die Scherben am Boden knirschten, Feuerauge war knapp hinter ihr. Francesca rutschte auf Socken zum Sofa und griff nach weiteren Geschossen. Alles, was ihr in die Finger kam.

Zwei Kissen - sie prallten an seinem brettharten Bauch ab- entlockten ihm nicht einmal ein Wimperzucken. Der Bonsai des Tisches - Feuerauge grollte, als die Schale seine Schulter traf und sein seidiges Fell mit Erde bekleckerte. Das Bäumchen knackte unter seinen Riesenpfoten.

Ein Bonsai? Gegen so ein Monster?

Sie brauchte eine richtige Waffe!

Da, endlich, der Hammer!

Na warte. Hoch über dem Kopf ausholen und werfen!

Feuerauge duckte sich.

Der Hammer verfehlte ihn und zerschlug das Fenster im Esszimmer. Mit einem hellen Klirren tanzten Scherben über den Boden. Francesca fuhr eine Eiseskälte durch den Körper, als der Durchzugswind ihr verschwitztes Gesicht traf.

»Oh ja! So gefällst du mir!«, lachte Feuerauge, den Kopf gesenkt, die Augen lodernd vor Begierde. Seine Kiefermuskeln zuckten und er leckte sich die Lippen. Francesca standen die Haare zu Berge. Die Fernbedienung, die sie sich als Nächstes gekrallt hatte, fiel ihr aus den Händen. Sie rannte hinaus in die Nacht.

Es regnete in Strömen. Ihre Socken platschten durch den mit Wasser vollgesogenen Rasen. Als sie die Straße erreichte, war sie bereits bis auf die Haut durchnässt und zitterte.

Zwei, es sind zwei. Wo ist der andere?

Sie blinzelte durch den Regenschleier. Links und rechts der Straße waren dunkle Wände, ein Maisfeld und die Hecke ihres eigenen Gartens. Das Licht der Laternen bildete Kreise auf der Straße, wie sichere Inseln in der Dunkelheit. Von Feuerauge war nichts zu sehen.

Erleichtert lief Francesca weiter.

Wie er sie angesehen hatte. Lüstern, gierig. Ein Perversling.

Erst führten sie ihre Füße in Richtung des Nachbarhauses. Bis ihr einfiel, dass die alte Frau Huber halb taub war und eine Gehhilfe hatte. Feuerauge würde Hackfleisch aus ihr machen.

Den Spaziergänger bemerkte sie erst, als sie nur noch zehn Meter davon entfernt war. Er klappte seinen karierten Schirm zusammen und stützte sich lässig darauf.

»Hilfe!«, Francesca fuchtelte wild mit den Armen, als sie auf ihn zu rannte. Plötzlich schlugen ihre Instinkte Alarm und sie blieb stehen.

Irgendetwas stimmte nicht an der Gestalt im langen Regenmantel und dem Filzhut, der das Gesicht verdeckte. Das war kein Spaziergänger.

Francesca wirbelte herum und unterdrückte einen Aufschrei. Da war Feuerauge. Er durchkreuzte einen der Lichtkreise, welche die Straßenlaternen bildeten. Ein Grinsen zog sich über sein Gesicht. Er war nicht alleine. Zwei weitere Schatten marschierten neben ihm her. Sie waren alle so riesig, so unmenschlich mit ihren Pfoten und Schwänzen.

Francesca wirbelte herum, als sie ein Lachen hörte. In dem kurzen Augenblick waren zwei weitere Gestalten zum Regenmantelmann gestoßen.

Umzingelt.

»Hilfe!«, kreischte Francesca.

Der Wind trug ihre Stimme in die Nacht hinaus.

Die einzige Antwort war noch dichterer Regen, der sich mit ihren Tränen vermischte.

Irgendjemand musste sie doch hören. Irgendwer würde die Polizei rufen und dann würde man sie retten und…

Francesca schluckte. Wenn sie Glück hatte, würde die Polizei da sein ehe sie von jedem Einzelnen der sechs vergewaltigt wurde, sofern sie nicht Schlimmeres mit ihr vorhatten.

Erwürgen. Aufschlitzen.

Sie wollte nicht mit fünfzehn sterben, erst recht nicht so.

Feuerauge rief etwas, eine Sprache, die sie nicht kannte. Er hob den Arm und zeigte auf Francesca.

»Nein!«, Francesca rannte blindlings in das Maisfeld. Die gezackten Blattränder verfingen sich in ihren Kleidern und schlangen sich um ihre Beine.

Die Verfolger pflügten durch das Feld, sodass die Pflanzen knackten. Francesca schrie und schrie und trieb ihre Beine zur Höchstleistung an. Um sich herum hörte sie nur Rauschen, es war unmöglich einzuschätzen, wie weit weg und wo ihre Verfolger waren. Nur Schwärze um sie herum, die verfluchten Pflanzen und der eiskalte Regen. Sie stolperte über einen Stein und purzelte über den nassen Boden. Benommen richtete sie sich auf, schmeckte Erde und Blut. Sie tastete nach der aufgesprungenen Lippe, wimmerte, als die Wunde brannte. Über ihr schwankten die zweimeterhohen Maispflanzen sachte im Wind. Francesca schlug die Arme über den Kopf, zog die Beine an, machte sich so klein, wie sie konnte. Gleich packt dich einer, gleich …

Nichts.

Sie biss sich auf die blutende Lippe, versuchte die Kontrolle über ihr rasendes Herz und ihr Keuchen zu gewinnen. Er konnte nicht weit sein. Sie meinte seine Schritte zu hören und seinen Atem. Sofort hatte sie seinen lüsternen Ausdruck wieder vor Augen.

Aufstehen, weglaufen! Weit weg! Los!

Sie richtete sich auf, wimmerte, als ein schmerzendes Knie sich meldete. Dann biss sie die Zähne zusammen und zwang sich, weiter zu gehen. Die verfluchten Pflanzen knisterten bei jeder Bewegung. Francesca schob sich tiefer in die Wand aus Maispflanzen. Schweiß, der sich mit dem Regen vermischte, brannte in ihren Augen. Sie hielt inne, lauschte. Der Kloß in ihrem Hals kroch immer höher und sie kniff sich in den Arm, um nicht laut loszuheulen.

Bloß keinen Mucks von sich geben, wehe, dann hören sie dich…

Sie blieb an Ort und Stelle stehen und versuchte unsichtbar zu sein.

Die Zeit verstrich, der Regen ließ nach und ein kühler Wind zog auf. Francesca fror bis auf die Knochen.

Schritte. Jemand ging durch das Feld, langsam. In der Dunkelheit konnte sie die Entfernung nicht einschätzen. In ihrer Vorstellung krallten Feuerauges Hände schon nach ihrem Hals.

Sie hielt es nicht aus und sprang in die entgegengesetzte Richtung davon. Weg, bloß weg. Dieses Mal blickte sie nicht zurück. Maiskolben schlugen ihr an die Schultern und Blütenfäden blieben in ihrem Gesicht kleben. Das Seitenstechen war wie ein Messer in ihrer Taille und ließ sie schwer keuchen.

Von einem Moment zum anderen stand sie auf einer Wiese. Weit unten am Hang waren Lichtpunkte. Häuser.

Francesca spürte die Erleichterung, der schwere Stein auf ihrer Brust war weg. Nur wenige Schritte zur Sicherheit, zu einem Telefon, um die Polizei …

Der Schatten brach wie ein Ungetüm aus dem Maisfeld, packte Francesca und riss sie zurück in die Dunkelheit. Ein Arm um ihren Brustkorb, sodass sie nicht schlagen konnte. Sie wollte schreien, doch eine Hand presste sich auf ihren Mund. Ihr Gegner war stark genug, um sie mühelos hochzuheben und wegzutragen.

Nach einem Dutzend Schritte stieß er sie zu Boden und warf sich auf sie. Sie landete mit dem Gesicht im Schlamm, zappelte und trat um sich. Ein Ackerstein drückte ihr in die Rippen und Grashalme klebten an ihrer Stirn. Es roch nach nassem Fell.

Sie war sich sicher, das war Feuerauge. Ihre Gedanken rasten bei der Vorstellung, was nun geschehen würde. Wild begann sie um sich zu schlagen, mit aller Kraft, die ihr erschöpfter Körper hergab. Es gelang ihr, eine Hand freizubekommen. Sie krallte die Nägel in den Arm um ihre Taille, wollte ihn blutig kratzen. Doch ihre Finger fanden nur dichtes Fell. Was für ein haariger Typ war das?

Die Hand auf ihrem Mund lockerte sich kurz, Francesca biss zu.

Ein verärgertes Zischen und die Hand verschwand von ihrem Mund . Sie sog Luft in ihre Lungen, um so laut zu schreien, dass man sie auch am anderen Ende des Dorfes hören würde.

Zwei Hände legten sich über ihren Mund und ein heißer Atem schnaubte direkt in ihr Ohr.

»Sei verdammt noch mal still, wenn du leben willst!« Francesca hört auf zu strampeln.

Das war nicht Feuerauge, das war nicht seine Stimme, sie war sich ganz sicher. Aber das machte es noch lange nicht besser.

Francesca würgte, während Tränen aus ihren Augenwinkeln perlten.

Der Mann rüttelte sie.

»Still jetzt!«, hauchte er, »Sonst hört er uns! Bitte!«

Bitte? Sie wimmerte noch einmal und war dann still. Nicht weil sie gehorsam war, nein sie war nur zu erschöpft, um sich gegen einen Gegner zu wehren, der dreimal so viel wog wie sie. Sie brauchte eine kurze Pause, um wieder zu Kräften zu kommen. Dann würde sie ihn treten und beißen und …

Leises Rascheln. Die Blätter knirschten und die schlanken Maispflanzen bogen sich, um dem großen Körper zu weichen. Francesca konnte ihn aus ihrer Perspektive nicht sehen, aber erahnen. Dort, wo eben nasse Blätter leicht geglitzert hatten, dort leuchtete kurz etwas Helleres auf. Ein Gesicht.

Mit einem energischen Schlag wischte er eine Maispflanze beiseite, die ihn am Kinn gekitzelt hatte. Es war ein Riese von einem Mann. Francesca hatte eine düstere Vorahnung. Sie kannte diesen Schatten.

Feuerauge.

Er verharrte reglos und lauschte in die Nacht. Über sich spürte Francesca den angehaltenen Atem des Fremden. Sein Herz schlug fast so schnell wie ihres.

Sandkörner knirschten zwischen Francescas Zähnen. Sie biss die Kiefer so stark zusammen, dass es schmerzte. Es war unmöglich ruhig zu atmen, wenn ein Fels von einem Mann auf einem lag.

Endlich regte sich Feuerauge wieder.

Er stieß einen Pfeifton aus, der wie der Ruf eines Vogels durch die Dunkelheit hallte. Kurz darauf erklangen zwei Antworten, jeweils von einer anderen Seite des Feldes. Feuerauge grollte verärgert. Er schlug brutal eine Maispflanze zu Boden. Dann erwachte ein schwaches Licht zum Leben, eine Taschenlampe.

Nachdem Francesca so lange in der Dunkelheit herumgelaufen war, erschien ihr das Licht wie ein Scheinwerfer, der den Boden abgraste und jeden geknickten Halm fand. Er kam immer näher, gleich würde er die aufgewühlte Erde sehen, die Spur die direkt zu ihnen führe.

Plötzlich zuckte der Strahl hoch und leuchtete in die entgegengesetzte Richtung. Da rief jemand. Es klang wie ein Mädchen, das wimmerte.

War da noch jemand im Feld?

Wieder ein Pfeifen, gefolgt von drei Antworten.

»Hallo?«, rief Feuerauge. »Wo bist du? Wir haben ein Rufen gehört. Hallo?«

Feuerauges samtweiche Stimme, die so besorgt klang, ließ Francesca schaudern.

Das leise Weinen aus der Ferne antwortete. Feuerauge bewegte sich geräuschlos in die Richtung, bis die Finsternis den suchenden Strahl seiner Lampe verschluckte.

Francescas Festhalter wartete, bis nichts mehr zu hören war.

»Ich werde dich loslassen!«, flüsterte er an ihrem Nacken. »Bitte schrei nicht. Ich tue dir nichts.«

Langsam ließ die Hand ihren Mund und ihre Rippen los.

Francesca zappelte sich unter ihm hervor und krabbelte von ihm weg durch den schlammigen Boden. Als der Abstand groß genug war, zog sie die Beine an, bereit wegzuspringen, sollte er sich auf sie werfen.

Nichts geschah. Sie suchte die Dunkelheit ab, entdeckte ihn dann an derselben Stelle, an der sie am Boden gelegen hatte. Er kauerte bewegungslos wie eine Statue und lauschte in die Nacht.

»Sie sind auf Nahkunas Rufen reingefallen und sind nun ganz unten bei den Häusern«, sagte er leise. In der Dunkelheit erkannte sie nur die Schatten seines Körpers und die hellere Fläche seines Gesichts. Er sah sie an.

»Geht es dir gut? «

»Hä?«, stieß Francesca hervor.

»Bist du verletzt, haben sie dir wehgetan?«

Der Mann kroch näher.

»Fass mich ja nicht an!«, keifte Francesca. »Du … du …« Sie wollte bedrohlich klingen, aber ihre Stimme versagte und übrig blieb ein klägliches Jammern. Sie tastete um sich, suchte im Schlamm nach einer Waffe, irgendwas um sich zu wehren.

»Ganz ruhig. Ich tue dir nichts. Ich fasse dich auch nicht an. Ich verspreche es dir«, raunte er. »Ist alles in Ordnung mit dir?«

Francesca ließ den faustgroßen Stein in ihrer Hand wieder auf die Erde gleiten.

Alles in Ordnung? Gerne hätte sie die blöde Frage mit einem lauten Nein beantwortet. Aber die Art, wie er fragte, verriet ehrliche Sorge.

»Was willst du?«, brachte sie schließlich hervor. »Dir helfen.«

Helfen? Indem er sie im Maisfeld auf dem Boden warf? Aber genau das hatte sie gerettet, so hatten die anderen sie nicht gesehen.

»Wer sind Sie überhaupt?«, hauchte sie.

Der Fremde antwortete nicht.

»Wer sind Sie?«, wiederholte Francesca.

Wieder schwieg er.

Francesca wurde skeptisch. Wieso sagte er nichts? Verflucht wo war der Stein.

Sie fand ihn nicht.

»Ich will Ihr Gesicht sehen!«, forderte sie mit aller Entschlossenheit, die sie in ihre Stimme legen konnte.

Es dauerte eine Weile, bis er sich regte. Er schien etwas in den Taschen zu suchen, die er bei sich trug.

»Das ist eine schlechte Idee«, murmelte er dabei.

Ein trübes Licht ging an, eine kleine Taschenlampe. Sie glühte zwischen seinen Fingern hindurch, als er sie ihr entgegenstreckte. Francesca krabbelte auf den Knien zu ihm und ergriff sie, richtete den Lichtstrahl auf ihn.

Sie musste sich beherrschen, um nicht zu schreien.

Er war kein Mensch.

Vor ihr kauerte einer von ihnen, einer dieser Typen, die sie verfolgt hatten.

Er blinzelte geblendet, aber hielt geduldig still. Wie Feuerauge hatte er ein menschliches Gesicht, das erst auf den zweiten Blick seine Andersartigkeit offenbarte. Seine unnatürlich hellen Augen leuchteten wie Bernstein. An seinem Körper, mit Ausnahme der Hände und dem Gesicht, wuchs graues Fell. Er trug einen Umhang, dessen Kapuze seinen Kopf bedeckte.

»Es tut mir leid, dass ich vorhin so hart zugegriffen habe, aber es ging nicht anders. Du hast mir immer noch nicht gesagt, ob du verletzt bist.«

Francesca starrte ihn mit offenem Mund an.

»Wer sind Sie?«, brachte sie nach einer Ewigkeit hervor.

Der fremde Mann lächelte. Der Regen triefte von seinem Gesicht. Er hockte sich im Schneidersitz auf den Boden und Francescas Augen blieben einen Moment an den Tierfüßen hängen.

»Bitte sieze mich nicht. Das klingt so seltsam. Wir haben den Ausdruck in unserer Sprache nicht. Ich bekomm sonst das Gefühl, als würdest du nicht mit mir reden.« Er richtete sich im Sitzen gerade auf, zeigte mit seiner Hand auf seine Brust und fügte hinzu: »Ich heiße Antralis.«

Als Francesca nicht antwortete, räusperte er sich leise und fragte: »Und du heißt?«

»Francesca. Francesca Simmen«, sagte sie so leise, dass sie sich selbst kaum hörte.

»Hallo Francesca.«

Der Fremde, Antralis, neigte freundlich den Kopf wie zum Gruß. Sie wusste nicht, was sie darauf erwidern sollte. Wollte er vielleicht, dass sie die Hände schüttelten? Nein, lieber nicht. Seine Hände waren menschlich, aber riesig und mit dicken, spitzen Fingernägeln.

»Sie… du bist kein Mensch«, stellte sie fest.

Anstatt zu antworten, schob er die Kapuze weg und lockerte mit einem Schütteln seine nassen Haare.

»Oh mein Gott …«, entfuhr es Francesca.

Zwei spitze Katzenohren ragten aus der grauen Mähne, die sein Gesicht umgab.

»Keilan. So nennen wir uns. Gesichtsräuber oder Katzenmenschen nennt ihr uns«, erklärte er.

»Ich habe noch nie davon gehört.«

»Das ist sehr gut möglich, es gibt nicht so viele von uns hier in dieser Region.«

Während der Keilan sprach, ließ Francesca den Lichtstrahl über seinen Körper wandern. Er trug Schmuck in der Mähne, filigrane, silberne Plättchen und breite lederne Bänder an seinen Handgelenken. Ihr Blick glitt wieder zu seinen Pfoten. Lange, geschwungene Krallen waren daran. So etwas wie ihn konnte es nicht geben. Francesca war sich ganz sicher, auch wenn Biologie ihr Hassfach war - halb Mensch, halb Tier, daran hätte sie sich gewiss erinnert.

»Und ... und ... und …« sie wusste nicht, wie sie es sagen sollte, »das ist kein Kostüm, oder?«

Antralis sah sie an, dann grinste er.

Die Zähne ließen Francesca hart schlucken. Raubtier.

»Ich bin echt, Francesca«, sagte Antralis und senkte seinen Kopf zu ihr. »Du kannst es gerne testen. Versuch mal, ob du meine Perücke abbekommst.«

»Was?« Erstaunt leuchtete Francesca sein Gesicht an, das keine dreißig Zentimeter von ihrem entfernt war.

»Na los!«, forderte Antralis munter.

Einem fremden Mann, ein fremdes Wesen, anzufassen war eigentlich undenkbar, aber ihre Neugierde war zu groß. Ihre Finger glitten durch sein seidiges Haar. Mit der Taschenlampe beleuchtete sie die Stelle, an der Mähne in die samtige Gesichtshaut überging, dann stupste sie das Katzenohr an. Es zuckte und sie zog rasch die Hand zurück. Antralis grinste.

»Oh verdammt… du bist wirklich echt!«, murmelte sie.

Für einen Moment wusste sie nicht, was besser war. Ein Mensch in einem Tierkostüm oder ein fremdes Wesen.

Erinnerungen an Horrorfilme flackerten kurz in ihrem Kopf auf, genmanipulierte Wesen, die Dörfer terrorisierten.

Sie sah in Antralis Gesicht. Wache und intelligente Augen blickten zurück. Kostüm oder Wesen war eigentlich egal, was eine Rolle spielte, war, ob er böse war oder nicht. Francesca stellte fest, dass sie ihn, wenn sie seine Erscheinung ignorierte, eigentlich freundlich fand.

Antralis stand auf und sah sich um. Francescas gutes Gefühl schwand. Er war sehr groß, verdammt groß. Jemand, der ein Mädchen wie sie über die Schulter werfen und dann abhauen könnte. So große Leute mussten doch auffallen, wenn sie rumliefen. Aber sie hatte noch nie etwas von Keilan oder etwas ähnlich Aussehendem gehört. Werwölfe hatten zwar Fell am Körper wie er - nein es war nicht Vollmond. Und sowieso, Werwölfe waren Fantasy und …

»Hast du mich gehört?«, fragte Antralis.

»Hä, sorry? Was?«, erwiderte sie.

»Folge mir. Ich bringe dich in Sicherheit und dann vergisst du alles, was du gesehen hast. Verstanden?«

Etwas zuckte an der Seite seines Umhanges. Francesca klappte das Kinn herunter.

»Du hast einen Schwanz!«

Kaum hatte sie es gesagt, biss sie sich auf die Lippen. Ein winziges Lächeln zuckte am Mundwinkel des großen Keilan, aber er behielt seinen ernsten Ausdruck bei, wartete auf ihre Antwort.

»Ja«, flüsterte sie und rappelte sich auf. Sie sah sich um, versuchte zu erraten, in welche Richtung die Zivilisation hinter den Maispflanzen lag. Er wusste es bestimmt. Aber sollte sie ihm folgen? Einem Mann mit Fell, der sie eben nachts im Maisfeld gepackt hatte?

Antralis zupfte an seinem Hals, löste seinen Umhang und legte ihn zu Francescas Erstaunen um ihre Schultern. Der vorgewärmte Stoff tat gut. Erst da bemerkte Francesca, wie kalt ihr gewesen war. Der Umhang roch nach Rauch, Tannennadeln und Wald.

Die Geste, ihr seinen Mantel zu geben, wärmte Francesca nicht nur die erfrorenen Glieder, sondern auch ihr Herz.

»Danke«, flüsterte sie, als der Keilan ihr mit ernstem Ausdruck die Kapuze des Umhanges über den Kopf zog. »Aber nun frierst du.«

Er klopfte sich auf die nassen Oberarme. »Ich habe mein Fell. Komm, bleib direkt hinter mir.«

Er knipste das Licht der Taschenlampe aus und sie tasteten sich leise zum Ende des Maisfelds. Dort blieb Antralis stehen und horchte in die Dunkelheit.

»Wo sind …«, begann Francesca.

»Still!«, unterbrach er sie.

Sie biss sich auf die Zunge.

Antralis steckte den Kopf aus dem Feld, sah sich um. Dann winkte er Francesca zu sich.

Sie spähte die Wiese hinab. Da, weit unten, war ihr Haus.

Sehnsucht erfüllte Francesca. Hineingehen, ins Bett kriechen und die Decke bis über den Kopf ziehen.

Schatten huschten über die Quartierstrasse, flink sprangen sie über den Holzzaun und verschwanden im Garten von Francescas alter Nachbarin.

»Da! Hast du das …«

»Pst!«, zischte Antralis.

Francesca schluckte den Rest des Satzes hinunter. Sie konnte ihren Blick nicht von dem Backsteinhaus mit den grünen Läden abwenden. Sie meinte vor ihrem inneren Auge zu sehen, wie Feuerauge die knarrende Holztreppe hochstieg, vorbei an den vergilbten Fotografien und gehäkelten Blumen, hoch in das Schlafzimmer der alten Nachbarsfrau.

Reifen quietschten. Ein blau gestreiftes Auto schob sich langsam die Quartierstrasse hoch. Mit träge blinkendem Blaulicht und im Kriechtempo passierte es Haus um Haus.

Dann schien es die passende Hausnummer gefunden zu haben und hielt keine drei Häuser von Francescas Heim entfernt an. Hätte Antralis ihr nicht geholfen, die Polizei wäre jetzt auf jeden Fall zu spät gekommen. Aber nun waren sie da, sie konnte zu ihnen gehen. Entschlossen raffte sie den Umhang und machte einen Schritt nach vorne.

»Wohin gehst du?!«

Seine Worte waren kaum hörbar, aber seine Finger bohrten sich in ihren Arm, als er sie zurückhielt.

»Au!«, winselte sie und wollte schon lauter protestieren, als sie seinen warnenden Blick sah.

Sie senkte ihre Stimme auf ein Flüstern: »Aber die Polizei, wir können zu ihnen gehen ...«

»Oh ja, sicher. Zu ihnen laufen. Meinst du, du schaffst es lebend über die Wiese? Und selbst dann denkst du, sie machen vor zwei Polizisten halt? Hast du eine Ahnung, was wir sind?«

»Ich weiß nicht…Au! Mein Arm!«

Antralis lockerte seinen Zangengriff und wischte sich Regenwasser von der Stirn.

»Tut mir leid!«, brummte er.

Einer der Polizisten ließ die Wagentüre so laut zuknallen, dass Francesca und Antralis zusammenzuckten. Die beiden Beamten suchten die unmittelbare Umgebung mit Taschenlampen ab. Erst die Gärten, dann die Wiese. Sie zögerten. Es sah nicht so aus, als ob sie sich die Füße nass machen wollten. Bestimmt fragten sie sich, was in dem kleinen Bauerndorf überhaupt geschehen konnte, damit man sie mitten in der Nacht hinbestellte.

Auf einmal drückte sie Antralis ins hohe Gras hinab.

In der Wiese, etwa hundert Meter weiter vor ihnen, hatte sich ein Schatten erhoben. Das konnte nur einer dieser Keilan sein. Francesca meinte ein längliches Objekt im Gegenlicht zu erkennen, dass er nun hob und spannte. Ein Bogen!

Der Schütze zielte, war bereit jederzeit einen der Polizisten zu durchlöchern. Aber Pfeil und Bogen? Wer benutzte denn noch so etwas Altmodisches?

Unwissend, dass jemand sie längst im Visier hatte, tapsten die Polizisten die Straße hoch. Die Lichtkegel ihrer Taschenlampen beschrieben irrende Zickzackmuster. Ein paar Minuten später stiegen sie in ihr Auto. Es fuhr die Straße hoch, die Polizisten nahmen noch jedes Haus in Augenschein, setzten dann den Blinker und verschwanden in der Nacht. Francesca unterdrückte den Drang, ihnen laut nachzurufen.

»Diese faulen Säcke, die haben nicht mal richtig …«, fluchte Francesca, da drückte Antralis ihren Kopf nach unten.

Der Schütze in der Wiese hatte sich in Richtung Maisfeld gedreht. Auf einmal war ihre Wut verflogen, war ersetzt worden durch ein wild flatterndes Herz in ihrem Brustkorb.

Antralis' Arm lag über ihrer Schulter, die Hand noch auf ihrem Kopf. Angespannt sah er den Schützen an.

Aus den Augenwinkeln bemerkte Francesca ein Glänzen. Antralis hielt ein fast dreißig Zentimeter langes Messer mit einer gewellten Schneide in der Hand. Das kannte sie doch.

Ein Brotmesser?

»Nicht…be… wegen!«, hauchte er.

Vogelpfeifen durchschnitt die Stille der Nacht.

Der Schütze lauschte, schulterte den Bogen und antwortete, beide Hände über um den Mund gelegt. Dann schlich er die Wiese hinab.

Erleichtert atmete Francesca aus. Brotmesser gegen Bogen, sie wollte nicht wissen, wie das endete.

Sie blickte zu den Häusern hinab und konnte ihres erkennen. In einem Zimmer ging das Licht aus, dann ging es in einem anderen wieder an.

»Ich fass es nicht! Die sind in meinem Zimmer, wie können sie es wagen mein … Ich hoffe sie hinterlassen noch mehr scheiß Pfotenabdrücke, dann ruf ich gleich die Bullen an und dann …«

Antralis lachte düster. »Vergiss das lieber. Jäger hinterlassen keine Spuren.«

»Und was tun die hier?«

»Jagen.«

»Ja klar, aber …«, sie kaute an ihrer Lippe, »aber wieso?«

»Weil sie mich gern ärgern und auf meinem Territorium rumtrampeln.«

In seinem Territorium.

Also wohnte er hier? Oder wohnte sie auf seinem Territorium?

Antralis verstaute sein umfunktioniertes Küchenutensil, mit einem Finger auf dem Mund bedeutete er ihr, ganz still zu sein und bahnte sich einen Weg durch das Maisfeld. Francesca folgte ihm, bis sie den Kiesweg erreichten und es den Hang hochging.

Der Keilan wollte in den Wald.

»Moment …«, Francesca blieb stocksteif stehen. »Können wir nicht zur Polizei gehen? Oder zur nächsten Kabine, damit wir sie anrufen können?«

Antralis rieb sich die Stirn. Es sah so aus, als überlege er, was er ihr antworten könnte. Schließlich ging er in die Hocke, damit er mit ihr auf Augenhöhe war.

»Hör zu«, erklärte er, »die suchen dich bei den Häusern. Nicht im Wald. Wir finden ein Versteck für dich und dann kümmere ich mich um sie. Du musst mir vertrauen.«

Eine Krähe krächzte. Ein rauer Ton in der Nacht.

Francesca duckte sich. So viel hatte sie gelernt: Die anderen kommunizierten mit Vogelgeräuschen. Antralis schob sich vor sie. Etwas an der Selbstverständlichkeit, wie er sie in Schutz nahm, bewegte sie.

»Komm, verschwinden wir aus der Sicht!«, sagte Antralis, als die Nacht wieder still war.

Francesca holte tief Luft, dann folgte sie ihm.

Den Wald bei Nacht und Regen zu durchwandern war einfacher gesagt als getan. In Socken war es noch schlimmer. Wie eine Schleppe schleifte der Umhang hinter ihr her und verhedderte sich in Ästen. Antralis kannte den Wald, fand mit seinen Pfoten selbst auf glitschigem Laub Halt.

An einer Stelle, an der die Bäume so dicht standen, dass wenig Regen durchdrang, hielt er an. Francesca sah sich keuchend um. Bäume und Gestrüpp, wohin man blickte. Sie hasste die Natur mit dem kratzenden Buschwerk und all den Insekten. Vor allem Spinnen. Sehnsüchtig sah sie zurück. Wenn der Wind blies, schimmerte hin und wieder ein Licht durch das Geäst. Die Zivilisation war weit weg.

Antralis scharrte im Laub. Verdutzt beobachtete sie den Keilan, wie er Blätter unter einer kleinen Tanne zu einem Hügel häufte und sich dann zu ihr wandte.

»Hier, setz dich hin.«

Francesca blinzelte den Haufen an.

»Ne, das ist voller Krabbelviecher. Zecken und so. Von denen kriegt man Hirnfieber.«

»Hirnhautentzündung«, korrigierte er, »und das kriegt man in dieser Region kaum. Viel eher kriegst du eine Lungenentzündung, wenn du nicht aus dem Regen gehst. Na komm.«

Francesca stakste auf den Laubhaufen zu und drehte sich wie eine Katze mehrere Male im Kreis, ehe sie sich niederließ. Sie zerrte so lange an dem Umhang, bis die eklig knisternde Laubmasse davon bedeckt war. Das Letzte, was sie wünschte, war ein Tausendfüßler, der ihr das Hosenbein hochkrabbelte. Antralis verwischte mit einem Zweig ihre Spuren auf dem Boden. Er ging dafür sogar einen Teil des Weges zurück und wirkte für einen absurden Moment wie eine Hausfrau, die hier und da etwas abstaubte, etwas anhob und umstellte. Francesca fragte sich, woher er so viel wusste, von Spurenverwischen bis hin zu Krankheitsbildern. Er war nett genug um ihr Vertrauen zu haben, aber viele Zweifel blieben. Wer war dieser Mann mit dem Katzenschwanz und dem Brotmesser?

Antralis war so in die Arbeit versunken, dass der Schatten hinter seinem Rücken unentdeckt blieb.

»Da! Pass auf!«, rief Francesca und winkte wild in die Richtung.

Antralis blieb ruhig. Ein warmes Lächeln ließ seine Augen leuchten.

»Ich weiß, das ist meine Frau«, sagte er.

Unter einer Ehefrau hatte sich Francesca etwas anderes vorgestellt, nicht die Gestalt, die graziös auf sie zuschritt. Geschickt verschmolz sie mit dem Schatten der Bäume und ihre Pfotenfüße erzeugten nicht das geringste Rascheln. Ein dünner, knielanger Umhang bedeckte ihren Körper und die Kapuze verbarg ihr Gesicht.

Mit etwas Abstand blieb die Keilan stehen und stemmte die Hände in die Hüften. Sie war zierlicher und kleiner als Antralis. Aber sie stellte sich mit solch einer Selbstsicherheit neben ihn, dass sie größer erschien. Ohne zu blinzeln starrte die Keilanfrau Francesca an, die in diesem Moment, Insekten hin oder her, am liebsten komplett im Laubhaufen untergetaucht wäre.

Antralis öffnete den Mund, doch seine Frau winkte einmal wirsch und brachte ihn zum Schweigen. Sie besah sich Francesca nochmals von Kopf bis Fuß und dann zeterte sie los wie ein Rohrspatz.

Francesca verstand kein Wort, sie war sich nicht einmal sicher, ob es eine Sprache war. Spanisch oder Arabisch oder etwas anderes Ausländisches. Antralis antwortete mit ruhiger, erklärender Stimme auf die Predigt seiner Frau. Francesca konnte nur anhand seiner Miene in etwa erahnen, worum es ging. Am liebsten hätte sie die Keilan gebeten, Deutsch zu sprechen. Aber sie traute sich nicht.

Die Keilanfrau schielte immer wieder zu Francesca, deute hierhin und dahin und stampfte mit dem Fuß auf, um ihr Argument zu unterstreichen. Antralis warf einen besorgten Blick auf Francesca und die Umgebung, konterte dann mit immer noch ruhiger Stimme. Das Ganze schien sich zu einem regelrechten Ehestreit aufzubauschen. Am liebsten wäre Francesca aufgestanden und weggelaufen.

Ein lautes Poltern unterbrach die Diskussion der beiden. Sofort sprangen sie vor Francesca, jeder eine Waffe gezückt. Ein Schwert und ein Brotmesser.

Ein massiger Schatten donnerte über den Kiesweg am Waldrand unter ihnen. Schnauben und Hufgeräusche ließen Francesca an ein Pferd denken, aber es war zu dunkel um Genaues zu erkennen.

»Was war das denn?«, fragte sie.

Als Antwort bekam sie nur eine eindeutige Geste von Antralis: Finger auf den Mund gelegt. Still sein. Francesca traute sich nicht, zu atmen.

Das Poltern verschwand in der Ferne. Das Pferd oder was immer es war, war nun weit weg.

Die Frau steckte das Schwert, ein echtes und kein entfremdetes Küchenutensil, wieder in eine Halterung hinter ihrem Rücken. Dann diskutierte sie weiter in der fremden Sprache. Der Klang war nicht mehr so hitzig wie vorher, dennoch drehte Francesca den Kopf weg.

Ja, ist doch klar, über wen ihr redet, auch in diesem Kauderwelsch. So was von unfair.

Schließlich seufzte Antralis und wandte sich zu ihr. »Bleib schön in deinem Versteck, Francesca. Ich komme gleich wieder. Nahkuna bleibt bei dir.«

Die Frau schnaubte. »Nein, Nahkuna komm mit dir. Wer dir sonst den Rücken frei halten? Wir sind nur zwei. Wensemit und Speckle keine Hände um Waffen halten!«

Francesca hob erstaunt die Augenbrauen.

Sieh an, die Frau kann auch so reden, dass ein Mensch sie versteht.

Es war sehr schlechtes Deutsch, komplett falsch betont. Seltsam, dass Antralis so klang, als ob er schon immer Deutsch geplappert hatte.

Wahrscheinlich redete die Frau, Nahkuna, nur die Keilan Sprache. Keilanesisch oder so.

»Wensemit ist eine Waffe, Schatz«, sagte Antralis mit einem Schmunzeln. Diese rollte die Augen und warf eine Antwort auf Keilanesisch zurück.

Währenddessen grübelte Francesca über die paar deutschen Sätze, die sie gesagt hatten, nach.

Wer war dieser Wensemit? Und wieso hatte er keine Hände?

»Francesca, Nahkuna wird dir ihre Lampe geben«, erklärte Antralis.

Nahkuna rollte mit den Augen, unterstrich ihre Begeisterung, indem sie die Luft einsog und wieder ausschnaubte. Sie schnippte eine Lampe an und ging neben Francesca in die Hocke.

Das Erste, was Francesca auffiel, war der Schnitt an ihrem Ohr. Als hätte sie sich mit jemandem geprügelt. Sie war hübsch mit ihrem weinroten Haar, wenn sie auch gerade sehr ernst und böse drein blickte.

Im selben Moment, als Nahkuna Francesca im Licht besser betrachten konnte, huschte Mitleid über ihr Gesicht. Es sah fast so aus, als ob Nahkuna ihr etwas Aufmunterndes sagen wolle. Dann verzog sie ihren Mund wieder zu einem Strich, schnippte die Lampe aus und reichte sie ihr.

»Da. Verlier nicht. Und nicht fuchtle damit rum, das sieht man kilometerweit.«

»D…Danke«, erwiderte Francesca.

»Hör zu«, sagte Antralis dann zu ihr, »ich schaue nach, was die Idioten in deinem Haus und meinem Revier treiben. Du wartest hier, bis wir zurückkommen. Reagier auch auf keinen ihrer Locktricks. Verstanden?«

Er wartete, bis sie nickte.

Die beiden wechselten noch ein paar Worte in ihrem Keilanesisch, dann tauchten sie in der Dunkelheit ab, wie zwei Schatten, zwei Wesen in ihrem Element.

Francesca starrte lange in die Richtung, in welche sie verschwunden waren und versuchte Ruhe zu bewahren. Immer wieder sagte sie sich, dass Antralis ihr geholfen hatte. Wenn er Böses im Sinn hatte, Chancen genug hätte er gehabt. Wer konnte ihr besser helfen als eines dieser Viecher persönlich?

Aber wer waren sie und was wollten sie? Wie kam es, dass sie noch nie von ihnen gehört hatte? Versteckten sie sich vielleicht in den tiefen Wäldern und jagten dort mit Pfeil und Bogen?

Je länger sie daran dachte, umso absurder schien es. Francesca zog die Kapuze des Umhangs enger und legte den Kopf auf die Knie. Sie zupfte sich eine Haarsträhne aus dem Pferdeschwanz und lutschte gedankenversunken daran, verzog dann das Gesicht, als Sand auf ihren Zähnen knirschte. Mit einem Seufzen rieb sie sich die Stirn. Sie war so müde. Der Boden war weich, der Umhang warm.

Nur kurz die Augen schließen.

2. Wer uns gesehen hat, muss sterben

Ein Donnern riss sie aus ihrem Schlummer.

»Was?«, entfuhr es Francesca, während ihre Hände die Umgebung absuchten. Aber sie fanden weder Nachttisch noch Handy. Für eine Sekunde wurde alles taghell, ein Blitz, der durch die Dunkelheit über ihr zuckte. Mit einem Schlag wurde Francesca bewusst: Das war gar nicht ihr Zimmer.

Wie die Erinnerung an einen schlechten Traum dämmerte es ihr. Sie war mitten in einem Albtraum, mitten im Wald, verfolgt von seltsamen Wesen.

Francesca zog den Umhang zu, bis nur noch ein Schlitz für Nase und Augen offen war.

Der Wind raunte durch die Äste. Ein Schaudern zog sich über ihren Rücken, sie hatte ein seltsames Gefühl im Nacken.

Als würde sie jemand beobachten. Als wäre sie nicht alleine.

Das bildete sie sich bestimmt nur ein, das war nur, weil sie nichts sah.

Moment, die Taschenlampe.

Hektisch grub sie mit den Händen durch das nasse Laub, wollte unbedingt Licht. Endlich berührte sie Metall und Plastik.

Sie leuchtete ihre unmittelbare Umgebung ab. Die Wassertropfen glitzerten im flatternden Schein der Lampe, aber außer nassen Bäumen entdeckte sie nichts.

Erleichtert lehnte sie sich an den Baumstamm hinter ihr, warf einen prüfenden Blick auf ihre Armbanduhr. Die schwach leuchtende Anzeige verriet ihr, dass es kurz nach ein Uhr war. Francesca hatte keine Ahnung, wie lange es dauern würde, bis die anderen zurückkamen. Ob sie überhaupt zurückkamen.

Trotz des warmen Stoffes, den sie wie ein Zelt um sich geschlagen hatte, bildete sich Gänsehaut auf ihren Armen. Sie drückte die Taschenlampe eng an sich, sodass der Strahl den Boden vor ihren Füßen erhellte. Die Bäume knackten und ächzten im Wind.

»Oh Gott, was tue ich nur hier?«, jammerte sie.

War es nicht besser, einfach heimzulaufen? Die Häuser waren nicht weit.

Nein, besser sie wartete, bis es etwas heller wurde. Dann würde sie immerhin sehen können, ob jemand mit Pfeil und Bogen auf…

»Wusste doch, dass du nicht alleine bist«, erklang eine helle Stimme.

Francesca blieb das Herz stehen. Sie wagte es kaum, die Augen zu bewegen oder zu atmen. Da war jemand.

Aber wo?

Blätter waren vor die Taschenlampe geweht und verdunkelten den Strahl. Wenn sie danach griff, würde man sofort wissen, wo sie sich befand. Lieber mucksmäuschenstill sein, dann sah man sie bestimmt nicht.

»Ganz alleine. Ganz alleine im dunklen Wald um diese Uhrzeit!«, sang jemand in der Dunkelheit. Es klang, als wäre die Person direkt neben ihr.

Wie von der Tarantel gestochen sprang Francesca auf, schnappte die Taschenlampe und leuchtete das Wurzelwerk hinter ihr an.

Da war niemand.

Ein leises Lachen mischte sich unter den Wind.

Francesca zuckte herum, ihre Lampe tanzte über Blätter und Baumstämme.

»Wo bist du?«, fauchte sie. »Los, zeig dich!«

»Hier oben«, kam es als Antwort.

Der Anblick ließ sie erstarren.

Er thronte in einer Astgabel über ihrem Versteck, wie ein großer Kauz mit goldgelben Augen. Der Schwanz, der zwischen Buchenblättern hin und her tanzte, verriet, was er war. Einer dieser Keilan. Er breitete seinen Umhang aus wie Flügel.

»Du solltest nicht einschlafen, wenn du verfolgt wirst!«, gurrte er, während er sie von oben bis unten musterte. »So einfach könnte dich einer packen und verschleppen, vergewaltigen und dir die Eingeweide herausreißen ...«

Erst als er sich von Baum fallen ließ, ergriff Francescas Verstand wieder Macht über ihren erstarrten Körper. Sie lief, so schnell sie konnte.

Sie kam keine fünf Schritte weit.

Der Umhang riss ihr am Hals, sie rutschte auf dem Laub aus und landete auf ihrem Hintern.

Francesca japste vor Schmerz und Schreck, rappelte sich rasch auf, nur um wieder den Halt zu verlieren und hinzufallen.

Der blöde Umhang hatte sich irgendwo verfangen.

Francesca grub ihre Finger in den Stoff und riss mit aller Kraft.

Verdammt, woran hing der bloß? Welche blöde Wurzel …

Nein. Ein Schwert.

Es steckte im Umhang und pinnte sie an den Boden. Kreischend zerrte sie daran, hörte, wie der Stoff zwar riss, aber sie kam nicht frei.

Wo ist er hin?

Die Taschenlampe wie eine Waffe vor sich haltend, leuchtete Francesca um sich. Er stand nicht mehr hinter ihr.

Sein helles Gesicht blitzte direkt neben ihr auf.

Francesca schrie.

Flink zog er das Schwert aus dem Umhang und wischte die Erde ab. Francesca taumelte ein paar Schritte zurück, die Lampe auf ihn gerichtet. Die Art, wie er sie aus den Augenwinkeln betrachtete und mit den Fingerspitzen über die Schwertschneide strich, sagte alles: Du entkommst mir nicht.

Das nächste Mal würde er bestimmt nicht in den Umhang stechen.

Ein frischer, blutiger Schnitt verlief auf seiner Wange, direkt unter den Augen. Und was für Augen er hatte. Wie flüssiges Gold, wie zwei strahlende Sonnen am Horizont, wie…

»Was starrst du so?«, grollte er und bleckte Zähne wie ein Wolf.

Ehe sie antworten konnte, schlug er ihr die Taschenlampe weg, packte sie am Kragen ihres Pullovers und drückte sie gegen den nächsten Baumstamm.

Die umgekippte Taschenlampe am Boden erleuchtete ihn geisterhaft. Er lehnte sich ganz nah zu ihr heran.

»Wieso helfen dir auf einmal diese anderen? Wer sind sie überhaupt? Sie gehören nicht zu uns!«

Seine Frage klang wie ein gedrillter Befehl.

Francesca strampelte, doch der Keilan war sehr stark, obwohl er sie nur um einen Kopf überragte.

Sie hämmerte mit der Faust an seine Schulter, spürte hartes Metall unter seinem Umhang. Er trug eine Rüstung.

»Nein!«, jammerte Francesca. »Bitte lass mich los, ich …«

Er hielt sein Schwert vor ihre Kehle, gerade so, dass sie das kalte Metall an der Haut spürte.

»Das ist nicht die Antwort, die ich hören wollte«, meinte er mit einem tadelnden Kopfschütteln.

Francesca schloss die Augen, wollte ihn nicht sehen. Aufgeschlitzt im Wald, so würde sie also enden.

Ein Vogelruf durchschnitt die Nacht, surreal fröhlich zwischen dem Donnergrollen des sich entfernenden Gewitters. Der Griff um ihren Hals lockerte sich, seine Hand rutschte tiefer.

Francesca öffnete die Augen, sah, wie der Keilan in die Nacht horchte.

War das einer der Seinen?

Plötzlich entfuhr ihr ein Aufschrei.

»Was?!«, entfuhr es dem Keilan genervt, bis er ihren entsetzten Ausdruck bemerkte.

Er hielt sie an ihren Brüsten gegen den Baum gepresst.

Blitzschnell zog er beides zurück, sein Schwert und seine Hand. Wie ein kleiner Junge, der etwas Peinliches getan hatte, sah er für einen Moment beschämt auf seine Katzenfüße.

Dann, als hätte er sich erinnert, warum er hier war, richtete er sein Schwert wieder auf ihre Kehle.

»Nein! Nein bitte nicht!«

»Hör auf zu zappeln!«, kam es barsch von ihm. »Sei froh, dass ich dich gefunden habe! Ich spiele nicht und hole keine Jungen … Oh ja. Besonders Niver quält solche wie dich gern…«

Und nun sollte sie ihm etwa danken?

Die Schneide drückte an ihre Haut. Sie hatte Angst zu schlucken. Gleich würde er ihr den Kopf absäbeln.

»Also, wer sind sie? Wieso haben sie dich vor unserer Nase aus dem Feld geschnappt? Und wieso lebst du noch?« Sein Gesicht kam nah an ihres heran und sie schloss die Augen.

Auf welche Frage sollte sie nun zuerst antworten?

Was sollte sie überhaupt sagen?

»Ich weiß nicht!«, piepste sie.

Sein Atem war auf ihrem Gesicht. Francesca hatte sich immer vorgestellt, Mörder würden nach Tabak, Alkohol und abgestandenem Schweiß stinken. Das Wesen vor ihr roch nach Harz und nach Lagerfeuer. Neugierig öffnete sie wieder die Augen und fand die seinen nur Zentimeter von ihr entfernt.

Seine Iris, sie leuchtete wie flüssiger Honig im Sonnenlicht. So schöne Augen konnten doch unmöglich böse sein.

Der Regen löste einen roten Tropfen von dem Kratzer an seiner Wange.

»Du bist verletzt …«, stellte Francesca fest. Dann biss sie auf ihre Unterlippe.

Ja, Francesca. Biete dem Feind doch gleich ein Pflaster an.

Er starrte sie an. Sein Gesicht war wie eine Maske, es sprach von jahrelang gedrillter Professionalität.

Ob er ein Auftragskiller war?

»Bitte tun Sie mir nichts!«, flehte sie.

Der Keilan zog die Luft scharf ein und stieß sie mit einem ungeduldigen Schnauben wieder aus. Das Schwert verschwand von ihrem Hals und er trat einen Schritt zurück, drehte prüfend den Kopf, als habe er im Wald etwas gehört.

»Es ist verflucht schwer, wenn ihr redet …«, grollte er, mehr zu sich als zu ihr.

Francesca war erleichtert, eine winzige Spur Sympathie hatte sie in ihm geweckt. Vielleicht hatte sie eine Chance davonzukommen. Er sah in die andere Richtung.

Sie machte nur einen Schritt nach links.

Sofort versperrte er ihr den Weg, seine Waffe schwebte Millimeter vor ihrer Nasenspitze.

»Hab ich dir gesagt, dass du gehen darfst?«

»N… nein … ich wollte nicht … ehrlich …«, flehte sie, als die Klinge hinab auf ihre Brust wanderte und durch ihren Pullover drückte. »Bitte lass mich gehen!«

»Gehen?« Er lachte laut, dann fügte er mit rau gewordener Stimme hinzu: »Wer uns gesehen hat, muss sterben.«

Francescas Unterlippe zitterte, ihre Beine wurden ganz weich.

»Bitte …«, wimmerte sie.

»Ich will nichts hören, du …« Auf einmal verstummte er und sah Francesca entsetzt an.

Francesca verstand nicht. Was war denn nun schon wieder los?

Dann entdeckte sie den Pfeil. Er steckte tief in der Hüfte des Keilan. Aus dem Nichts war er aufgetaucht und hatte sich in sein Fleisch gebohrt.

Irgendjemand schoss auf sie!

Der Keilan reagierte blitzschnell. Während Francesca immer noch hypnotisiert die blauschwarze Federspitze des Pfeils anstarrte, riss er ein zweites Schwert hinter dem Rücken hervor.

Mit einem Satz war er bei der kleinen Buche. Dort waren Schritte zu hören und ein Schatten huschte vorbei. Holzsplitter flogen durch die Luft, als der Keilan zuschlug.

Er musste verfehlt haben, denn er wirbelte sofort wieder herum und schnaubte die Schatten an wie ein wildgewordener Stier.

Francesca sah die Gestalt, die sich hinter einer Tanne duckte. Sie wollte »da« schreien, doch der Keilan hatte ihn ebenfalls entdeckt. Er stürmte darauf zu. Auf der Hälfte der Strecke versagten seine Beine, er strauchelte und blieb stehen. Den Kopf gesenkt, das Gesicht unter den Haaren verborgen, schwer atmend. Er schwankte, fing sich im letzten Moment und ließ die Schwerter durch die Luft zischen, als hätte ein Schwarm Fliegen ihn attackiert.

Was war nur los mit ihm?

Francesca wollte weglaufen, doch sie konnte den Blick nicht loseisen. Sie schnappte sich die Taschenlampe vom Boden und richtete den Strahl auf den Keilan. Nun riss er sich auch noch den Pfeil aus und warf das blutige Ding zu Boden. Francesca meinte das Reißen von Fleisch zu hören, als er es tat. Keuchend sah er sich um. Dann schrie er. Ein Kriegsschrei, eine Herausforderung an den Feind in der Dunkelheit.

Auf einmal zeigte der Keilan mit blutverschmierten Fingern auf Francesca.

»Du!«

Was?

Francesca schüttelte wild den Kopf. Sie hatte genug, arbeitete sich Schritt für Schritt rückwärts, den Keilan im Auge behaltend.

Plötzlich berührten ihre nach hinten ausgestreckten Finger nasses Fell. Sie leuchtete mit der Taschenlampe hinter sich. Ein furchterregendes Gesicht voller Erde und Blätter schwebte in der Dunkelheit hinter ihr.

»Ah!«, schrie Francesca.

»Geh, versteck dich!«, sagte das Gesicht.

»A…A…Antralis?« Francesca konnte ihn unter all dem Schmutz kaum erkennen.

»Los!«, befahl er und stieß sie aus dem Weg, gerade als etwas über ihren Köpfen vorbei surrte. Der Keilan mit den goldenen Augen hielt das zweite Messer bereit, schwankte aber wie ein Besoffener, während er die beiden anvisierte. Mit Anlauf rempelte Antralis ihn an und nietete ihn um. Er krachte in ein Feld aus Farnwedeln. Doch der Keilan mit den goldenen Augen war zäh. Obwohl er angeschossen war und benommen schwankte, war seine Wurfgenauigkeit immer noch gefährlich. Antralis duckte sich und das Messer sauste um Haaresbreite an seinem Hals vorbei.

Messer schien der mit den goldenen Augen zur Genüge zu haben, eines nach dem anderen zog er hinter seinem Rücken hervor. Drei zählte Francesca in seinen Händen und Antralis … der vertraute auf sein Brotmesser. Gerade als Francesca eine Warnung rufen wollte, surrte etwas durch die Luft. Ein zweiter Pfeil bohrte sich in den Keilan. Er klappte zusammen und bewegte sich nicht mehr.

Schnell war Antralis bei ihm, entriss ihm die Waffen und stemmte einen Fuß auf seinen Nacken.

Francescas Hände zitterten, als sie mit der Lampe beide anleuchtete. Hinter ihnen bewegte sich der Boden, das Laub zog sich wie eine Decke zusammen und eine Gestalt erhob sich. An dem Zetern, das auf Antralis niederprasselte, erkannte Francesca, wer es war - Nahkuna. Ein kleiner Bogen glitzerte in einer Hand, mit der anderen griff sie nach einem neuen Pfeil und spannte ihn auf die Sehne. Mit einem grimmigen Ausdruck auf ihrem mit Erde verschmiertem Gesicht sicherte sie die Umgebung.

»Weg Licht!«, zischte sie.

Francesca brauchte einen Moment, um zu verstehen, was und wen sie meinte. Sie suchte mit zittrigen Fingern nach dem Schalter, und als es zu lange dauerte, bedeckte sie die Lampe einfach mit ihrer Hand. So konnte sie im spärlichen Schein noch erkennen, was die beiden taten.

Antralis betastete den Hals des Keilan und fesselte ihn dann. Also war er nicht tot. Ein klein wenig erleichterte es Francesca. Nun erkannte sie auch, wie zierlich die Pfeile waren. Bestimmt war irgendein Gift an ihren Spitzen.

Antralis hievte nun Laub auf ihn.

»Was…was macht ihr da? Wieso begrabt ihr ihn?«, fragte Francesca.

»Ich erkläre es dir später. Tut mir leid, wir mussten warten, bis wir schießen konnten, damit er es nicht merkt oder wir dich erwischen …«, stieß Antralis zwischen den Zähnen hervor, als er Zweige und Äste herbei zerrte.

Wie bitte? Sie waren also die ganze Zeit …

Plötzlich hob Nahkuna die Hand. Ein Warnsignal. Antralis' Scharren verstummte.

Unten am Waldrand knackte es.

Es war unmöglich zu sagen, ob es ein kleiner Ast in der Nähe oder ein großer in der Ferne gewesen war.

Francesca presste die Hand fester gegen die Linse, die Verlockung war groß, in die Schatten zu leuchten. Oder wegzulaufen.

Aber Nahkuna war ja bewaffnet und stand direkt neben…

Sie war weg.

Antralis auch.

»Hallo?«, piepste Francesca. »Antralis? Wo seid ihr?«

Niemand antwortete.

Wo waren sie plötzlich hin?

Ihr Herz raste, als sie sich umsah und in den Schatten der Bäume etwas zu erkennen versuchte.

»Das ist nicht lustig!«, entfuhr es ihr.