These Broken Stars: Fantasy Romance in den Weiten des Weltraums – Alle Bände der spannenden Fantasy-Trilogie im Sammelband! - Amie Kaufman - E-Book

These Broken Stars: Fantasy Romance in den Weiten des Weltraums – Alle Bände der spannenden Fantasy-Trilogie im Sammelband! E-Book

Amie Kaufman

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Beschreibung

Die »These Broken Stars«-Trilogie: drei unglaubliche Schauplätze, drei packende Liebesgeschichten – ein gemeinsamer Feind! Es ist nur eine flüchtige Begegnung, doch dieser Moment auf dem größten und luxuriösesten Raumschiff, das die Menschheit je gesehen hat, wird ihr Leben für immer verändern. Lilac ist das reichste Mädchen des Universums, Tarver ein gefeierter Kriegsheld aus einfachen Verhältnissen. Nichts könnte die Kluft zwischen ihnen überbrücken – außer dem Schiffbruch der angeblich so sicheren Icarus. Als das Unfassbare geschieht, müssen Lilac und Tarver auf einem fremden Planeten ums Überleben ringen. Zu zweit gegen die Unendlichkeit des Alls … Diese E-Box enthält alle drei Bände der spannenden Science-Fiction-Serie: These Broken Stars − Lilac und Tarver These Broken Stars − Jubilee und Flynn These Broken Stars − Sofia und Gideon

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Amie Kaufman & Meagan Spooner: These Broken Stars

Die »These Broken Stars«-Trilogie: drei unglaubliche Schauplätze, drei packende Liebesgeschichten – ein gemeinsamer Feind!Es ist nur eine flüchtige Begegnung, doch dieser Moment auf dem größten und luxuriösesten Raumschiff, das die Menschheit je gesehen hat, wird ihr Leben für immer verändern. Lilac ist das reichste Mädchen des Universums, Tarver ein gefeierter Kriegsheld aus einfachen Verhältnissen. Nichts könnte die Kluft zwischen ihnen überbrücken – außer dem Schiffbruch der angeblich so sicheren Icarus. Als das Unfassbare geschieht, müssen Lilac und Tarver auf einem fremden Planeten ums Überleben ringen. Zu zweit gegen die Unendlichkeit des Alls …Diese E-Box enthält alle drei Bände der spannenden Science-Fiction-Serie:These Broken Stars − Lilac und TarverThese Broken Stars − Jubilee und FlynnThese Broken Stars − Sofia und Gideon

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✶ These Broken Stars. Lilac und Traver

✶ These Broken Stars. Jubilee und Flynn

✶ These Broken Stars. Sofia und Gideon

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Leseprobe

Für Clint Spooner, Philip Kaufman und Brendan Cousins,drei Männer, die in diesem sich ständig verändernden Universum schon immer Fixsterne waren.

»Wann sind Sie Miss LaRoux zum ersten Mal begegnet?«

»Drei Tage vor dem Unglück.«

»Und wie kam es dazu?«

»Zum Unglück?«

»Dass Sie Miss LaRoux begegnet sind.«

»Warum sollte das eine Rolle spielen?«

»Major, alles spielt eine Rolle.«

1

TARVER

Nichts an diesem Salon ist echt. Wenn das hier eine Party bei uns zu Hause wäre, würden in der Ecke richtige Musiker spielen. Der Raum würde von Kerzen und gedämpften Lichtern erleuchtet sein und die Tische wären aus echtem Holz. Die Leute würden einander zuhören, statt nur danach zu schauen, wer sie beobachtet.

Sogar die Luft riecht künstlich. Die Kerzen in den Wandleuchtern flackern, aber sie werden mit Strom betrieben. Tabletts mit Gläsern schlängeln sich durch die Gäste, als würden unsichtbare Kellner die Getränke servieren. Das Streichquartett ist bloß ein Hologramm – absolut perfekt und bei jedem Auftritt genau gleich.

Was gäbe ich nur für einen entspannten Abend mit meinen Kameraden. Doch leider bin ich hier in dieser nachgespielten Szene aus einem historischen Roman gefangen.

Und trotz des ganzen viktorianischen Zaubers – zurzeit der letzte Schrei – ist nicht zu übersehen, wo wir uns befinden. Draußen hinter den Bullaugen wirken die Sterne wie blasse weiße Linien, halb durchsichtig, unwirklich. Auf jemanden, der sich nicht durchs Universum bewegt, würde die Icarus genauso ausgeblichen und durchscheinend wirken, wie sie sich schneller als das Licht durch die Dimensionen des Hyperspace bewegt.

Als ich mich gegen das Bücherregal hinter mir lehne, fällt mir auf, dass zumindest etwas in diesem Raum doch echt ist – die Bücher. Ich fahre mit dem Finger über die rauen, uralten Ledereinbände, dann ziehe ich eins hervor. Gelesen werden die Bücher hier nicht; sie sind nur Dekoration. Ausgewählt wegen der prachtvollen Ledereinbände, nicht wegen des Inhalts. Niemand wird es merken, wenn eins fehlt. Und ich brauche mal ein bisschen Realität.

Für heute Abend habe ich meine Pflicht gleich erfüllt. Ich habe genug für die Kameras gelächelt, wie befohlen. Meine Vorgesetzten denken immer noch, wenn man Stabsoffiziere mit der Oberschicht zusammenbringt, würde eine Art Gemeinsamkeit entstehen, wo es keine gibt. Die Paparazzi, von denen die Icarus geradezu befallen ist, sollen sehen, wie ich, der Junge aus einfachen Verhältnissen, mit der Elite verkehre. Ich finde ja, die Fotografen haben in den zwei Wochen, seit ich an Bord bin, schon genug Bilder von mir mit einem Getränk in der Hand im Erste-Klasse-Salon gemacht, aber die scheinen das anders zu sehen.

Sie wollen eine nette »Vom Tellerwäscher zum Millionär«-Geschichte aus mir machen, obwohl ich nichts weiter vorzuweisen habe als die Orden an meiner Brust. Aber das reicht den Zeitungen. Das Militär steht gut da, die Reichen stehen gut da und die Armen haben etwas, wonach sie streben können. Seht ihr?, posaunen die Titelblätter. Auch ihr könnt Ruhm und Reichtum erlangen. Wenn sogar aus diesem Hinterwäldler etwas geworden ist, könnt ihr das schon lange!

Wäre das auf Patron nicht passiert, wäre ich jetzt gar nicht hier. Allerdings sehe ich unsere Heldentaten dort eher als tragisches Debakel. Aber mich fragt ja keiner nach meiner Meinung.

Ich beobachte das Treiben im Salon, die Grüppchen von Frauen in leuchtend bunten Ballkleidern, die Offiziere in Paradeuniformen wie meiner, die Männer in Frack und Zylinder. Das viele Hin und Her macht mich ganz unruhig – ich werde mich nie daran gewöhnen, egal wie oft ich mit diesen Leuten auf Tuchfühlung gehen muss.

Da betritt ein Mann den Salon, und erst nach einer Weile wird mir klar, warum mein Blick immer wieder zu ihm wandert. Er passt absolut nicht hier rein, auch wenn er sich größte Mühe gibt, nicht aufzufallen. Sein schwarzer Frack ist abgetragen und am Zylinder fehlt das glänzende Satinband, das gerade in Mode ist. Ich bin dazu ausgebildet, solche Kleinigkeiten zu bemerken, und in diesem Meer von chirurgisch optimierten Gesichtern sticht seines hervor. Er hat Falten um Augen und Mund, seine Haut ist wettergegerbt und von der Sonne gezeichnet. Er ist nervös, seine Haltung ist gebeugt, und er fasst immer wieder nach seinem Revers.

Mein Herzschlag beschleunigt sich. Ich war zu lange in den Kolonien, wo alles, was irgendwie seltsam ist, den Tod bedeuten kann. Ich löse mich vom Bücherregal und bahne mir einen Weg durch die Menge auf ihn zu, vorbei an zwei Frauen mit Monokeln, die sie ganz sicher nicht brauchen. Ich will wissen, warum er hier ist, aber ich kann mich nur langsam vorwärtsbewegen, schiebe mich mit quälender Geduld durch das Gedränge der Leute. Wenn ich jemanden anstoße, errege ich Aufmerksamkeit. Und wenn der Mann gefährlich ist, könnte jede noch so kleine Veränderung im Raum ihn aufschrecken.

Auf einmal wird mir eine Kamera vors Gesicht gehalten und ein gleißend heller Blitz blendet mich.

»Oh, Major Merendsen!« Drei Frauen um die Mitte zwanzig kommen von einem der Bullaugen auf mich zu. »Oh, Sie müssen sich einfach mit uns fotografieren lassen!«

Ihre aufgesetzte Art ist widerlich. Ich bin hier nicht mehr als ein dressierter Hund, der Männchen macht – die drei wissen das genauso gut wie ich, aber die Gelegenheit, mit einem echten Kriegshelden gesehen zu werden, können sie sich nicht entgehen lassen.

»Gern, ich bin sofort wieder da, wenn Sie mich –« Doch ehe ich den Satz beenden kann, haben sich alle drei mit geschürzten Lippen und gesenkten Lidern um mich herum aufgestellt. Immer schön für die Kameras lächeln. Um mich herum geht ein Blitzlichtgewitter los.

Ich spüre einen leichten Schmerz unter der Schädeldecke, der zu einem ordentlichen Kopfschmerz zu werden droht. Die Frauen drängen sich immer noch schnatternd um mich. Den Mann mit dem wettergegerbten Gesicht kann ich nicht mehr sehen.

Einer der Fotografen um mich sagt etwas, das ich nur undeutlich wahrnehme. Ich mache einen Schritt zur Seite, um an ihm vorbeizuschauen, aber von den vielen Blitzlichtern tanzen mir noch lauter rote und gelbe Flecken auf der Netzhaut. Blinzelnd sehe ich von der Bar zur Tür, zu den schwebenden Tabletts, zu den Sitznischen. Ich rufe mir in Erinnerung, wie er aussah, wie seine Kleidung fiel. Hätte er unter dem Frack etwas versteckt haben können? Ist er vielleicht bewaffnet?

»Major, haben Sie mich gehört?« Immer noch derselbe Fotograf.

»Ja?« Nein, ich habe nicht zugehört. Ich befreie mich von den Frauen, die immer noch wie Kletten an mir hängen, indem ich vorgebe, mit dem Mann reden zu wollen. Ich wünschte, ich könnte mich an ihm vorbeidrängen, oder besser noch, ihm sagen, wir befänden uns in Gefahr, und dann zusehen, wie er sich aus dem Staub macht.

»Ich sagte, es überrascht mich, dass sich Ihre Kumpels aus den unteren Decks nicht auch hier heraufstehlen wollen.«

Im Ernst? Wenn ich mich Abend für Abend auf den Weg in die erste Klasse mache, sehen mir die anderen Soldaten immer hinterher, als würde ich zu meiner eigenen Hinrichtung gehen. »Ach, wissen Sie –« Ich gebe mein Bestes, mir meine Verärgerung nicht anmerken zu lassen. »Ich bezweifle, dass die überhaupt wissen, was Champagner ist.« Ich setze ein falsches Lächeln auf, aber ich glaube kaum, dass es mir so gut gelingt wie allen anderen hier.

Der Fotograf lacht viel zu laut und wieder geht der Blitz los. Ich blinzle die Sterne weg, stolpere mich frei und recke den Hals, um zu sehen, wo der Einzige, der noch weniger hier hineinpasst als ich, abgeblieben ist. Aber der Mann mit der gebeugten Haltung und dem schäbigen Zylinder ist nirgends zu entdecken.

Vielleicht ist er ja gegangen? Aber so jemand macht sich nicht die Mühe, sich erst hier hereinzuschleichen, um dann einfach so wieder zu verschwinden. Vielleicht hat er sich inzwischen hingesetzt und versteckt sich unter den anderen Gästen. Ich sehe mir die Leute an den Tischen noch einmal genauer an.

Die Sitznischen sind brechend voll. Alle bis auf eine. Mein Blick fällt auf ein Mädchen, das ganz allein dasitzt und distanziert die Menge beobachtet. Ihre helle, makellose Haut verrät, dass sie eine von ihnen ist, aber ihr Blick gibt zu erkennen, dass sie etwas Besseres ist, über ihnen steht, unnahbar ist.

Sie trägt ein schulterfreies marineblaues Kleid, und die Farbe steht ihr tausendmal besser als jedem Marinesoldaten, dem ich bisher begegnet bin. Einen Augenblick lang bin ich ganz gefesselt von ihren nackten Schultern. Lange rote Haare. Eine kleine Stupsnase, die sie noch hübscher macht. Sie macht sie echt.

Hübsch ist nicht das richtige Wort. Sie ist umwerfend.

Ihr Gesicht kommt mir irgendwie bekannt vor, aber ehe ich weiter überlegen kann, woher, blickt sie zu mir herüber. Ich weiß ganz genau, dass ich mich von Mädchen wie ihr besser fernhalten sollte, daher verstehe ich nicht, warum ich sie weiter ansehe und dabei auch noch lächle.

Dann nehme ich aus den Augenwinkeln eine plötzliche Bewegung wahr. Es ist der nervöse Mann von eben, doch er lässt sich nicht mehr in der Menge treiben. Seine Haltung ist nicht mehr gebeugt. Den Blick auf etwas am anderen Ende des Salons gerichtet drängt er sich jetzt ziemlich schnell durch die Menge. Er hat ein Ziel – und es ist das Mädchen im blauen Kleid.

Ich verschwende keine Zeit damit, mich höflich durch die Leute zu schlängeln. Ich schubse zwei überraschte ältere Herren zur Seite und eile in Richtung der Sitznische, aber der seltsame Fremde ist schon da. Hastig beugt er sich vor und fängt an auf das Mädchen einzureden. Offenbar hat er es eilig, loszuwerden, was er zu sagen hat, bevor er als Eindringling erkannt und rausgeworfen wird. Das Mädchen schreckt zurück. Dann schließt sich die Menge vor mir und ich kann die beiden nicht mehr sehen.

Ich will schon meine Pistole ziehen, aber sie ist nicht da und leise fluchend fasse ich ins Leere. Es fühlt sich an, als würde mir eine Hand fehlen. Als ich einen Haken nach links schlage, werfe ich ein schwebendes Tablett um und alles, was darauf stand, segelt zu Boden. Die Leute weichen erschreckt zurück und endlich ist der Weg zum Tisch frei.

Der Mann hält das Mädchen beschwörend am Ellbogen. Sie versucht sich ihm zu entwinden, sieht sich um, als würde sie erwarten, dass ihr jemand zu Hilfe kommt. Da fällt ihr Blick auf mich.

Doch ehe ich die Sitznische erreiche, legt ein Mann mit der richtigen Art von Zylinder dem Fremden selbstgefällig eine Hand auf die Schulter. Er hat einen ebenso selbstgefälligen Freund dabei und zwei Offiziere, einen Mann und eine Frau. Ich kann ihnen ansehen, dass sie den schlecht gekleideten Mann, der hier augenscheinlich nicht hingehört, hinausbefördern wollen.

Der selbsternannte Beschützer des rothaarigen Mädchens reißt den Mann zurück, so dass dieser gegen die Offiziere stolpert, die ihn sofort an den Armen festhalten. Offensichtlich hat der Mann keine militärische Ausbildung, weder die vom Grundwehrdienst noch eine der amateurhaften Art, wie sie in den Kolonien üblich ist. Sonst würde er mit diesen albernen Schreibstubenhengsten problemlos fertig werden.

Die beiden Offiziere packen ihn im Nacken und drehen ihn zur Tür. Mit mehr Gewalt als nötig, wie ich finde, denn bisher scheint sein einziges Verbrechen darin zu bestehen, mit dem Mädchen im blauen Kleid geredet zu haben, aber schließlich kümmern die beiden sich nun um ihn. Eine Sitznische entfernt bleibe ich stehen, um erst einmal zu Atem zu kommen.

Da reißt sich der Mann los und wendet sich wieder dem Mädchen zu. Inzwischen sind alle im Raum ganz still geworden, so dass seine raue Stimme gut zu hören ist. »Sie müssen mit Ihrem Vater darüber reden, bitte. Ohne moderne Technik sterben wir. Er muss den Kolonisten mehr –«

Weiter kommt er nicht, denn der männliche Offizier versetzt ihm einen solchen Schlag in die Magengrube, dass der Mann sich vor Schmerzen krümmt. Ich stürze wieder los und dränge mich an den immer mehr werdenden Schaulustigen vorbei.

Doch die Rothaarige ist schneller. Als sie aufspringt, zieht sie mehr Blicke auf sich, als es das Handgemenge zuvor vermochte. Wer auch immer sie ist, sie hat die Aufmerksamkeit aller sicher.

»Das reicht!«, ruft sie mit entschiedener Stimme, die keinen Widerspruch duldet. »Captain, Lieutenant, was erlauben Sie sich?«

Ich wusste, es hat seinen Grund, dass sie mir gefällt.

Ich trete weiter vor und stelle fasziniert fest, dass die Offiziere allein durch ihren Blick, der einen ganzen militärischen Zug niederstrecken könnte, auf der Stelle erstarrt sind. Einen kurzen Moment geschieht nichts. Dann registrieren mich die Offiziere und beäugen die Sterne und Streifen auf meinen Schultern. Vom Rang mal ganz abgesehen könnten wir nicht unterschiedlicher sein. Meine Orden stehen für Erfolge im Gefecht, ihre für langjährigen Dienst und bürokratische Effizienz. Ich habe meine Dienstgrade im Kampf erworben. Sie ihre hinterm Schreibtisch. Die hatten noch nie Blut an den Händen. Aber ausnahmsweise bin ich mal froh über meinen neuen Rang. Die beiden Offiziere nehmen widerwillig Haltung an – beide sind älter als ich und es ist klar, wie sehr es sie wurmt, vor einem Achtzehnjährigen salutieren zu müssen. Schon lustig, dass ich mit sechzehn bereits trinken, kämpfen und wählen durfte, aber ich selbst zwei Jahre später noch zu jung bin, um respektiert zu werden.

Die beiden halten den ungeladenen Gast immer noch fest. Sein Atem geht schnell und flach, als befürchte er, jeden Moment aus einer Luftschleuse geworfen zu werden.

Ich räuspere mich, um mit ruhiger, klarer Stimme zu sprechen. »Wenn es ein Problem gibt, bringe ich den Herrn gern hinaus.« Und zwar ohne weitere Gewalt.

Alle können hören, wie ich klinge: nach dem ungehobelten und unkultivierten Provinzjungen, der ich bin. Ich registriere vereinzeltes Lachen; der gesamte Salon ist jetzt auf unser kleines Drama konzentriert. Das Lachen ist gar nicht boshaft – nur amüsiert.

»Merendsen, ich bezweifle, dass dieser Kerl wegen eines Buchs hier ist.« Der selbstgefällige Typ mit Zylinder grinst mich schief an.

Da erst merke ich, dass ich immer noch das Buch aus dem Regal in der Hand halte. Genau – weil dieser Mann arm ist, kann er wahrscheinlich noch nicht einmal lesen.

»Er wollte sicherlich gerade gehen«, sagt das Mädchen und wirft dem Zylinder-Typen einen eisigen Blick zu. »Und Sie sicherlich auch.«

Auf so eine Abfuhr waren sie allesamt nicht gefasst, und ich nutze die Schrecksekunde, um den Offizieren ihren Gefangenen abzunehmen. Das Mädchen hat sie einfach so aus dem Salon verwiesen – wieder frage ich mich, woher ich sie kenne, wer sie ist, dass sie so eine Macht hat. Ich lasse den vieren den Vortritt, bevor ich meinen neuen Freund sanft, aber bestimmt zur Tür geleite.

»Ist noch alles heil?«, frage ich, als wir draußen sind. »Was ist denn in Sie gefahren, da reinzugehen, an so einen Ort? Ich dachte schon, Sie hätten vor, den Laden in die Luft zu jagen.«

Der Mann sieht mich lange an; sein Gesicht ist jetzt schon älter, als die meisten Leute da drinnen jemals aussehen werden.

Dann wendet er sich ohne ein weiteres Wort ab und geht mit hängenden Schultern davon. Wie viel von dieser Begegnung mit dem Mädchen im blauen Kleid wohl für ihn abhing?

In der Tür stehend beobachte ich, wie die Leute ihre Aufmerksamkeit wieder anderem zuwenden, jetzt wo das Spektakel vorbei ist. Langsam kommt wieder Leben in den Salon, die schwebenden Tabletts fliegen umher, die Gespräche werden lauter, perfekt einstudiertes Lachen erschallt hier und dort. Ich sollte eigentlich noch eine Stunde hierbleiben, aber vielleicht kann ich ja dieses eine Mal schon eher verschwinden.

Doch dann sehe ich wieder das Mädchen in der Sitznische – und sie beobachtet mich. Sie zieht sich ganz langsam einen Handschuh aus, einen Finger nach dem anderen. Ihr Blick ist dabei die ganze Zeit auf mich gerichtet.

Das Herz schlägt mir bis zum Hals. Mir ist bewusst, dass ich sie anglotze wie ein Idiot, aber ich weiß einfach nicht mehr, wie meine Beine funktionieren. Da formen sich ihre Lippen zu einem leichten Lächeln. Doch irgendwie wirkt ihr Lächeln nicht so, als würde sie sich über mich lustig machen, und schließlich schaffe ich es, mich in Bewegung zu setzen.

Als sie den Handschuh fallen lässt, beuge ich mich vor und hebe ihn auf.

Ich kann sie nicht fragen, ob alles in Ordnung ist – dafür ist sie viel zu beherrscht. Also lege ich den Handschuh auf den Tisch und sehe sie einfach nur an. Blaue Augen. Zu denen das Kleid gut passt. Ob Wimpern von Natur aus so lang werden können? Bei den vielen perfekten Gesichtern hier ist es schwer zu sagen, wer chirurgische Eingriffe hinter sich hat und wer nicht. Aber wenn sie etwas in der Richtung unternommen hätte, wäre die Entscheidung sicher auf eine klassische, gerade Nase gefallen. Nein, sie sieht echt aus.

»Warten Sie auf einen Drink?« Meine Stimme ist beinah ruhig.

»Auf meine Freundinnen«, sagt sie und senkt die unglaublichen Wimpern, bevor sie zu mir hochblickt. »Captain?«, fragt sie, als wäre sie sich unsicher, was meinen Rang angeht.

»Major«, sage ich. Sie weiß ganz genau, was meine Abzeichen bedeuten. Ich habe ja gerade erst mitbekommen, wie sie die beiden anderen Offiziere mit Dienstgrad angesprochen hat. Solche wie sie, Mädchen aus der High Society, sie kennen sie alle. Für sie ist es ein Spiel. Ich gehöre vielleicht nicht dazu, aber eine Spielerin erkenne ich. »Ob das so schlau von Ihren Freundinnen war, Sie alleinzulassen? Jetzt müssen Sie sich mit mir herumschlagen.«

Dann lächelt sie, und als ich ihre Grübchen sehe, ist es um mich geschehen. Es liegt nicht nur an ihrem Aussehen – obwohl das allein schon ausreichen würde. Nein, trotz ihres Aussehens, trotz dessen, wo ich ihr begegnet bin, ist dieses Mädchen bereit, gegen den Strom zu schwimmen. Sie ist keine von diesen hohlen Marionetten. Es kommt mir vor, als wäre ich nach Tagen der Isolation endlich einem anderen Menschen begegnet.

»Wird es zu einem intergalaktischen Eklat kommen, wenn ich Ihnen Gesellschaft leiste, bis Ihre Freundinnen auftauchen?«

»Ganz und gar nicht.« Sie legt den Kopf etwas schief und deutet auf die andere Seite der Sitznische. Die Bank ist in einem Halbkreis geschwungen. »Aber ich sollte Sie vielleicht vorwarnen, dass es eine Weile dauern kann. Meine Freundinnen sind nicht gerade für ihre Pünktlichkeit bekannt.«

Lachend lege ich das Buch neben ihren Handschuh und nehme ihr gegenüber Platz. Das Kleid hat einen riesigen Rock, ganz nach der neuesten Mode, und als ich mich setze, streifen meine Beine den Stoff. Sie rückt nicht ab. »Sie hätten mich als Kadetten sehen sollen«, sage ich, als wäre das länger her als gerade mal ein Jahr. »Pünktlichkeit war so ziemlich das Einzige, wofür wir bekannt waren. Nie fragen, wie oder warum. Hauptsache, die Sache ist schnell erledigt.«

»Da haben wir etwas gemeinsam«, sagt sie. »Wir werden auch nicht gerade ermutigt, nach dem Warum zu fragen.« Keiner von uns beiden fragt, warum wir zusammensitzen.

»Ich habe das Gefühl, von mindestens einem halben Dutzend Kerlen beobachtet zu werden. Mache ich mir gerade Todfeinde? Noch mehr, als ich bereits habe?«

»Würde es Sie davon abhalten, sich mit mir zu unterhalten?«, fragt sie und zieht sich schließlich auch den zweiten Handschuh aus, den sie neben den anderen auf den Tisch legt.

»Nicht zwangsläufig«, antworte ich. »Aber es wäre gut zu wissen. Es gibt ziemlich viele dunkle Gänge auf diesem Schiff, wenn man Rivalen hat, die einem hinter jeder Ecke auflauern könnten.«

»Rivalen?«, fragt sie und hebt eine Augenbraue. Ich weiß, dass sie mit mir spielt, nur kenne ich die Regeln nicht und sie hat alle Karten auf der Hand. Aber es ist mir egal, dass ich verliere. Wenn sie will, ergebe ich mich sofort.

»Ich könnte mir vorstellen, dass es einige Herren gibt, die sich als solche verstehen«, sage ich schließlich. »Die dort drüben zum Beispiel sehen nicht aus, als wären sie besonders erfreut über mich.« Ich nicke in Richtung einer Gruppe von Typen in Fräcken und Zylindern. Zu Hause sind wir ein einfacheres Volk, da nimmt man den Hut ab, wenn man reinkommt.

»Dann machen wir es doch mal noch schlimmer«, sagt sie, ohne zu zögern. »Lesen Sie mir aus dem Buch vor und ich werde Ihnen wie gebannt zuhören. Sie können mir auch einen Drink bestellen, wenn Sie wollen.«

Ich sehe auf das Buch, das ich aus dem Regal gezogen habe. Massentod: Eine Geschichte fehlgeschlagener Feldzüge. Innerlich zusammenzuckend schiebe ich es beiseite. »Vielleicht bestelle ich Ihnen besser etwas zu trinken. Ich war eine ganze Weile nicht auf den hellen Lichtern, daher bin ich etwas eingerostet. Und über blutige Todesfälle zu reden ist bestimmt auch nicht die charmanteste Art.«

»Dann muss ich mich wohl mit Champagner zufriedengeben.« Als ich die Hand hebe, um eins der schwebenden Tabletts heranzuwinken, fährt sie fort: »Habe ich da eben eine Spur von Verachtung in Ihren Worten gehört, Major? Ich komme von diesen hellen Lichtern. Verachten Sie mich deswegen etwa?«

»Ich könnte Sie niemals wegen irgendetwas verachten.« Die Worte überspringen mein Gehirn einfach komplett. Meuterei.

Auf das Kompliment hin senkt sie immer noch lächelnd den Blick. »Sie sagen, Sie wären fernab der Zivilisation gewesen, Major, aber Ihre Schmeichelei verrät Sie. So lange kann es nicht gewesen sein.«

»Wir sind äußerst zivilisiert draußen an der Front«, entgegne ich gespielt beleidigt. »Wir müssen zwar ständig durch Schlamm robben und Kugeln ausweichen, aber ab und zu machen wir auch mal eine Pause und laden zum Tanz ein. Mein alter Ausbilder sagte immer, dass man nirgendwo so gut Quickstepp lernt wie auf einem Boden, der gerade unter einem nachgibt.«

»Das glaube ich gern«, sagt sie, als auf meine Bestellung hin summend ein Tablett auf unseren Tisch zukommt. Sie nimmt sich ein Glas Champagner und prostet mir leicht zu, bevor sie einen Schluck nimmt. »Verraten Sie mir Ihren Namen oder ist der unter Verschluss?«, fragt sie, als wüsste sie es nicht.

Ich nehme das zweite Glas und schicke das Tablett wieder weg. »Merendsen.« Auch wenn es nur gespielt ist, es ist schön, mal mit einer Person zu reden, die nicht von meinen außerordentlichen Heldentaten schwärmt und sofort mit mir fotografiert werden will. »Tarver Merendsen.« Sie guckt mich an, als würde sie mich nicht erkennen, dabei war ich wochenlang in allen Zeitungen und Holovids zu sehen.

»Major Merendsen.« Sie probiert den Namen aus, summt die Ms, dann nickt sie zufrieden. Der Name genügt ihren Anforderungen, zumindest fürs Erste.

»Ich bin als Nächstes auf einem der hellen Lichter stationiert. Auf welchem davon sind Sie zu Hause?«

»Auf Corinth, natürlich«, sagt sie. Dem hellsten Planeten von allen. Natürlich. »Obwohl ich mehr Zeit auf Schiffen wie diesem verbringe als auf Corinth. Eigentlich ist die Icarus schon fast mein Zuhause.«

»Aber selbst Sie müssen von der Icarus beeindruckt sein. Das Schiff ist größer als jede Stadt, in der ich bisher war.«

»Die Icarus ist das größte Schiff von allen«, sagt sie, senkt den Blick und spielt mit dem Stiel der Champagnerflöte. Auch wenn sie es gut versteckt, es muss sie langweilen, über das Schiff zu reden. Das ist hier wahrscheinlich das Äquivalent zum Reden übers Wetter.

Komm schon, Mann, reiß dich zusammen. Ich räuspere mich. »Die Aussichtsdecks sind das Beste. Ich war ja schon auf vielen Planeten mit wenig Umgebungslicht, aber der Ausblick hier ist noch mal etwas ganz anderes.«

Sie begegnet kurz meinem Blick – dann formen sich ihre Lippen zu einem ganz leichten Lächeln. »Ich glaube, ich habe den Ausblick auf dieser Reise noch gar nicht richtig gewürdigt. Vielleicht können wir –« Doch dann schaut sie zur Tür und hält inne.

Ich hatte ganz vergessen, dass wir in einem Raum voller Menschen sind. Erst als sie wegsieht, stürzen die Musik und der Lärm von den vielen Unterhaltungen wieder auf mich ein. Ein Mädchen mit rotblonden Haaren – sicherlich eine Verwandte, obwohl ihre Nase gerade und perfekt ist – kommt mit einem kleinen Gefolge auf uns zu.

»Lil, da bist du ja«, sagt sie in scheltendem Ton und hält ihr einladend-auffordernd die Hand hin. Mich ignoriert sie natürlich. Das Gefolge versammelt sich hinter ihr.

»Anna«, sagt meine Tischgefährtin, die jetzt einen Namen hat. Lil. »Darf ich dir Major Merendsen vorstellen?«

»Hocherfreut«, antwortet Anna geringschätzig. Ich nehme das Buch und mein Glas. Ich weiß, wann es an der Zeit ist, zu gehen.

»Entschuldigen Sie, ich glaube, ich sitze auf Ihrem Platz«, sage ich. »Hat mich sehr gefreut.«

»Ebenso.« Lil ignoriert Annas Hand und blickt, den Stiel ihres Champagnerglases umklammernd, zu mir herüber. Der Gedanke, dass sie das Ende unserer Unterhaltung ein bisschen bedauern könnte, gefällt mir.

Dann erhebe ich mich und mit einer leichten Verbeugung, die nur Zivilisten vorbehalten ist, verabschiede ich mich und gehe. Als ich mich noch einmal umblicke, sieht mir das Mädchen im blauen Kleid hinterher.

»Und das nächste Mal sind Sie ihr wann begegnet?«

»Am Tag des Unglücks.«

»Und was waren zu diesem Zeitpunkt Ihre Absichten?«

»Ich hatte keinerlei Absichten.«

»Warum nicht?«

»Sie machen Witze, oder?«

»Major, wir sind nicht hier, um Sie zu amüsieren.«

»Ich wusste inzwischen, wer sie war. Und dass es vorbei war, bevor ich überhaupt Hallo gesagt hatte.«

2

LILAC

»Weißt du, wer das war?« Anna deutet mit dem Kopf auf den Major, der gerade den Salon verlässt.

»Hmm.« Ich lasse mir nichts anmerken. Natürlich weiß ich es – er war wochenlang auf jedem Holoscreen zu sehen. Major Tarver Merendsen, Kriegsheld. Auf den Fotos ist er jedoch nicht besonders gut getroffen. Zum einen sieht er in echt viel jünger aus. Vor allem hat er auf den Fotos aber auch immer eine ganz ernste Miene.

Annas Begleitung für den Abend, ein junger Mann im Smoking, fragt, was wir trinken wollen. Ich kann mir die Namen von Annas Dates nie merken. Meistens stellt sie die Typen auch gar nicht erst vor, sondern drückt ihnen bloß ihre Handtasche und den Fächer in die Hand, bevor sie mit jemand anderem abzischt, um zu tanzen. Er geht mit Elana zur Bar und Swann folgt ihnen, nachdem sie mich mit einem langen Blick bedacht hat.

Ich werde nachher noch Ärger bekommen, weil ich meinem Bodyguard entwischt und einfach schon allein hierhergekommen bin, aber es hat sich gelohnt. Swann trägt ein Messer unter dem Rock, das man unter den Falten des Stoffes nur erahnen kann, wenn man weiß, dass es da ist, genauso wie die kleine Betäubungspistole in ihrer Handtasche. Es gibt Witze darüber, dass die LaRoux-Prinzessin niemals ohne ihre kichernden Freundinnen irgendwo hingeht – dass die Hälfte von ihnen aus hundert Metern Entfernung jemanden erschießen könnte, weiß allerdings keiner. Noch nicht einmal die Präsidentenfamilie hat solche Bodyguards.

Eigentlich sollte ich ihnen von dem seltsamen Mann von vorhin erzählen, aber dann würde Swann mich sofort aus dem Salon scheuchen und ich müsste den restlichen Abend in meinem Zimmer verbringen, während sie überprüft, ob der Mann mit dem billigen Hut mir auch wirklich nichts antun wollte. Doch ich wusste gleich, dass er ungefährlich ist. Es war ja nicht das erste Mal, dass mich jemand gebeten hat, bei meinem Vater Fürsprache für ihn zu halten. All seine Kolonien wollen mehr, als er ihnen geben kann, und es ist kein Geheimnis, dass der mächtigste Mann des Universums seiner Tochter jeden Wunsch erfüllt.

Aber Swann müsste mich wirklich nicht vor diesem Mann verstecken. Als er vom Major hinausgeführt wurde, konnte ich schon an seiner Körperhaltung erkennen, dass er es nicht noch einmal probieren wird.

»Ich hoffe, du weißt, was du tust, Lil.« Überrascht blicke ich auf. Sie redet immer noch von Major Merendsen.

»Lass mich doch auch mal meinen Spaß haben.« Ich schütte den Rest Champagner in mich hinein und Anna muss grinsen.

Doch sie setzt sofort wieder eine strenge Miene auf, die eigentlich eher zu Swann passen würde. »Onkel Roderick würde ziemlich sauer sein, wenn er das wüsste«, schimpft sie, während sie sich neben mich in die Sitznische gleiten lässt, so dass ich gezwungen bin, ein Stück zu rücken. »Egal wie viele Orden der Major erkämpft hat – er ist und bleibt der Sohn eines Lehrers.«

Dafür dass Anna mehr Nächte in einem anderen als ihrem eigenen Zimmer verbringt, ist sie ganz schön prüde, wenn es um mich geht. Ich frage mich, was mein Vater ihr wohl dafür versprochen hat, auf dieser Reise ein Auge auf mich zu haben – oder was er ihr angedroht hat, sollte sie versagen.

Ich weiß, sie versucht bloß, mich zu beschützen. Und da ist sie mir lieber als meine Bodyguards, die keinen Grund haben, irgendetwas zu beschönigen, wenn sie meinem Vater Bericht erstatten. Anna ist einer der wenigen Menschen, die wissen, wozu Monsieur LaRoux in Bezug auf mich fähig ist. Sie hat mitbekommen, was mit Männern passiert, die mich auch nur falsch ansehen. Es gibt natürlich Gerüchte. Die meisten Typen sind schlau genug, sich von mir fernzuhalten, aber Anna weiß, wie es wirklich ist. Und trotz ihrer ständigen Ermahnungen bin ich froh, dass sie bei mir ist.

Trotzdem lässt es mir keine Ruhe. »Eine kurze Unterhaltung«, murmele ich. »Das war alles, Anna. Müssen wir das jedes Mal von neuem durchkauen?«

Anna lehnt sich an mich, hakt den Arm bei mir unter und legt den Kopf auf meine Schulter. Als wir noch klein waren, war das meine Geste – aber wir sind gewachsen und jetzt bin ich größer als sie. »Ich will dir nur helfen«, sagt sie. »Du weißt doch, wie Onkel Roderick ist. Du bist nun mal sein Ein und Alles. Ist es denn so schlimm, dass dein Vater dich liebt?«

Seufzend lege ich den Kopf auf ihren. »Wenn ich mich ohne ihn nicht einmal ein bisschen amüsieren kann, wozu verreise ich dann überhaupt allein?«

»Major Merendsen sieht zugegebenermaßen schon zum Anbeißen aus«, gesteht Anna leise. »Hast du gesehen, wie perfekt die Uniform an ihm saß? Für dich ist er natürlich nichts, aber vielleicht sollte ich mal seine Zimmernummer in Erfahrung bringen.«

Der Magen zieht sich mir leicht zusammen. Eifersucht? Bestimmt nicht. Dann muss es die Bewegung des Schiffes sein. Obwohl das Reisen mit Überlichtgeschwindigkeit so ruhig vonstattengeht, dass es sich anfühlt, als bewegten wir uns gar nicht.

Anna hebt den Kopf, sieht mich an und lacht. Es ist ein charmantes, gut einstudiertes glockenhelles Lachen. »Oh, schau mich nicht so an, Lil. Das war doch nur ein Scherz. Triff ihn einfach nicht wieder, sonst muss ich es deinem Vater sagen. Ich will es nicht, aber ich kann es ihm auch nicht einfach verschweigen.«

Elana, Swann und der namenlose Smokingträger kehren mit einem schwebenden Tablett voller Drinks und Kanapees zurück. Die Mädchen haben Anna genug Zeit gelassen, mich zu schelten, und strahlen über das ganze Gesicht, als sie sich zu uns setzen. Anna schickt den Smokingträger noch einmal zur Bar, weil sich in ihrem Drink ein Rührstäbchen mit Ananas statt mit Kirschen befindet, und sie und die anderen Mädchen kichern drauflos, während sie dem Smokingträger hinterhersehen. Es ist offensichtlich, warum Anna ihn ausgesucht hat – er macht dem Major ganz schön Konkurrenz, wenn es darum geht, einen Anzug perfekt auszufüllen.

Anna erzählt gerade von seinen enthusiastischen Bemühungen, ihr den Hof zu machen, sehr zur Erheiterung von Elana und Swann. Manchmal ist diese Art der Unterhaltung alles, was ich will – eine einfache, leichte und noch nicht einmal ansatzweise gefährliche Unterhaltung. Jetzt stehe nicht mehr ich im Mittelpunkt, sondern Anna, und ich muss nichts weiter tun, als zu lächeln und an den richtigen Stellen zu lachen. Normalerweise würde ich vor Lachen inzwischen schon fast am Boden liegen. Doch heute Abend fühlt sich das Ganze irgendwie leer an, und es fällt mir schwer, mich fallenzulassen.

Immer wieder blicke ich zur Tür, die schon Dutzende Male auf- und wieder zugegangen ist, aber nie war es Tarver Merendsen, der hereinkam. Er kennt die Regeln bestimmt genauso gut wie ich, und es gibt nicht eine Person an Bord, die nicht wüsste, wer ich bin. Dass er überhaupt mit mir geredet hat, ist schon ein Wunder. Auch wenn mein Vater es als etwas ganz Besonderes darstellt, mich zu meinem Geburtstag allein nach New Paris reisen zu lassen, ist er in Wahrheit doch auf die eine oder andere Weise immer anwesend.

Einen kleinen Trost gibt es allerdings. Wenigstens ist der Major aus freien Stücken gegangen und ich musste ihn nicht vor meinen Freundinnen abservieren. Doch auf einem Schiff mit über fünfzigtausend Passagieren ist die Wahrscheinlichkeit, Tarver Merendsen mit seinem schiefen Lächeln und der gefährlich schönen Stimme noch einmal zu begegnen, leider ziemlich gering.

Die nächsten zwei Abende gehen Anna und ich nach dem Essen nicht in den Salon, sondern gleich aufs Promenadendeck. Wir flanieren Arm in Arm und besprechen Annas Klatsch und Tratsch. Anna hat die Suite direkt neben meiner und sie wird auch noch die ganze Nacht an meinem Fußende liegend weiterreden. Ihr scheint der Schlafmangel nichts auszumachen, aber ich wache morgens immer mit tiefen Augenringen auf, die auf meiner hellen Haut wie blaue Flecken wirken. Doch das nehme ich gern in Kauf, denn außer auf diesen Reisen können Anna und ich nie so viel Zeit zusammen verbringen. Hier können wir sein wie Schwestern.

Wir flanieren also. Swann ist natürlich wie immer dabei – ich kann ja kaum aus dem Bett aufstehen, ohne dass sie mir gleich am Ellbogen hängt –, aber sollte sie uns zuhören, behält sie ihre Meinung auf jeden Fall für sich.

Anna hat den Major zwar nicht mehr erwähnt, aber ich muss trotzdem ständig an ihn denken. Die meisten Leute aus den unteren Schichten tun so, als wären sie mir ebenbürtig, wenn sie mit mir sprechen. Sie scharwenzeln um mich herum und benehmen sich so übertrieben, dass es wehtut. Aber der Major war ehrlich, natürlich, und sein Lächeln wirkte überhaupt nicht gekünstelt. Er schien meine Gesellschaft wirklich zu genießen.

Wir betreten die große künstliche Rasenfläche am Heck des Schiffes, als die Lichter, ganz auf die Uhrzeit des Schiffes abgestimmt, langsam vom Sonnenuntergang zur Dämmerung übergehen. In den Aussichtsfenstern wechselt das Bild von einem sonnigen Himmel mit Wolken über Gold, Orange und Pink, bis schließlich ein Sternenhimmel prächtiger als auf jedem Planeten zu sehen ist. Zu Hause auf Corinth gibt es keine Sterne, nur das schwachrosa Leuchten der von der Atmosphäre reflektierten Stadtlichter und die Feuerwerke, die in holografischen Bildern gegen die Wolken geworfen werden.

Ich höre Anna nur mit halbem Ohr zu, während ich das Schauspiel hinter den Fenstern beobachte. Da bleibt sie auf einmal so abrupt stehen, dass ich stolpere. Zum Glück kann ich mich gerade noch fangen. Mit dem Gesicht voran auf dem künstlichen Rasen zu landen würde mich eine Woche lang in die Schlagzeilen bringen.

Doch Anna beachtet mich gar nicht. Ihr Blick ist auf etwas – oder vielmehr jemanden – etwas weiter entfernt gerichtet. Mir rutscht das Herz in die violetten Satinschuhe.

Major Merendsen.

Ob er uns gesehen hat? Er unterhält sich mit einem anderen Offizier und hört ihm mit gesenktem Kopf zu – vielleicht ist er abgelenkt genug, dass er mich gar nicht bemerkt. Ich wende den Blick ab, hoffe, dass er mich nicht erkennt. Hätte ich doch nur keine roten Haare, damit muss ich ja auffallen! Und warum wollte ich unbedingt das smaragdfarbene Kleid anziehen? Wenn ich gekleidet wäre wie die anderen Mädchen, wäre ich vielleicht eher zu übersehen.

Mein Vater würde ihn garantiert in die tiefste Provinz versetzen lassen, sollte Anna ihm erzählen, dass ich mit dem berüchtigten Major Merendsen, Lehrerssohn, Stipendiat, klassenloser Kriegsheld, verkehre. Und der Major könnte schon von Glück sagen, wenn er mit einer Versetzung davonkommt.

»Himmel, er kommt tatsächlich her«, murmelt mir Anna mit aufgesetztem Lächeln ins Ohr. »Was in aller Welt denkt er sich dabei? Ich meine, leidet er an irgendeiner Geistes-«

»Guten Abend, Major«, unterbreche ich ihre Flut von Beleidigungen gerade noch rechtzeitig, bevor er sie hören kann. Hoffe ich.

Der andere Offizier wartet respektvoll in einiger Entfernung und mein Herz rutscht noch tiefer. Anna kennt die Regeln, also entschuldigen sie und Swann sich und gehen mit dem Vorwand, aus dem Fenster schauen zu wollen, ein Stück vor. Als sie am Major vorbei sind, dreht Anna sich mit besorgter Miene noch einmal nach mir um.

Tu es nicht, scheint ihr Blick zu sagen. Lass ihn ziehen. Ich meine zwar auch einen Funken Mitgefühl darin zu erkennen, aber das ändert nichts an der Botschaft.

Noch in Hörweite bleiben die beiden stehen und vermitteln damit nur die Illusion von Privatsphäre. Swann lehnt sich an die Reling und blickt zu uns herüber. Doch sie sieht eher belustigt als besorgt aus. Sie mag zwar knallhart sein, wenn ich mich in Gefahr befinde, aber sie ist trotzdem noch eine von den anderen, kichert über den Klatsch und Tratsch und die Irrungen und Wirrungen der Gesellschaft. Anna ist an die wechselnden Bodyguards gewöhnt und nimmt sie so bereitwillig in unseren Kreis auf wie jede andere unserer Freundinnen. Mit Swann hat mein Vater eine gute Wahl getroffen.

»Guten Abend«, sagt Major Merendsen. Hinter ihm flüstert Anna Swann etwas zu, die daraufhin laut zu kichern anfängt. Doch der Major lässt sich davon nicht beirren, er lächelt bloß ein bisschen. »Entschuldigen Sie, ich wollte den Abend mit Ihren Freundinnen nicht stören. Ich konnte sie nur vorgestern gar nicht mehr fragen, ob wir mal zusammen auf die Aussichtsdecks gehen wollen. Sie sagten, Sie waren dort noch nicht oft.«

Anna starrt mich mit ihren grünen Augen an. Ihr Blick ist nicht mehr mitfühlend, sondern nur noch warnend. Dass nicht einmal meine beste Freundin meine Geheimnisse für sich behält, ist eine Tatsache, der ich gerade lieber keine Beachtung schenken würde. Besonders, da das Traurige daran ist, dass ich es ihr gar nicht zum Vorwurf machen kann. Es gibt niemanden, der sich der Macht meines Vaters erwehren könnte. Nicht Anna – und auch nicht ich.

Und ganz sicher nicht Tarver Merendsen. Wie hochmütig ist dieser Typ eigentlich? Vielleicht denkt er ja, es lohnt sich. Männer tun doch alles für die Aufmerksamkeit eines reichen Mädchens. Wenn er nicht von sich aus aufgibt, tja – ich mache das nicht zum ersten Mal. Da hilft nur die absolute, vernichtende Niederlage. Ich muss den Moment sorgfältig wählen, um den größten Effekt zu erzielen.

»Sie erinnern sich daran.« Ich schaffe ein Lächeln, fühle, wie es sich wie eine widerliche Grimasse auf meinem Gesicht ausbreitet, und wende meine Aufmerksamkeit wieder dem Major zu. »Ich glaube, meine Freundinnen werden es mir verzeihen, wenn ich mich ihnen einen Abend entziehe.«

Anna hinter dem Major erstarrt. Sie sieht richtig verängstigt aus. Ich würde ihr gern sagen, dass sie doch erst einmal abwarten soll, dass sie nicht gleich in Panik ausbrechen muss. Aber das würde mich verraten.

Sein Gesichtsausdruck verändert sich leicht, das vorsichtige Lächeln wird breiter und seine Anspannung lässt nach. Es trifft mich wie der Schlag, als mir klar wird, dass er nervös war. Dass er mich tatsächlich, wirklich fragen wollte. Seine Augen, die den gleichen Braunton wie seine Haare haben, sind direkt auf meine gerichtet. Oh Gott, wenn er doch nur nicht so gut aussehen würde. Mit alten, dicken Männern ist es viel leichter.

»Haben Sie heute Abend noch etwas vor? Wie wäre es mit jetzt?«

»Sie verschwenden keine Zeit, was?«

Grinsend verschränkt er die Arme hinterm Rücken. »Das lernen wir mit als Erstes beim Militär. Schnell zu handeln und hinterher darüber nachzudenken.«

Das ist mal eine Abwechslung zu den Kreisen, in denen ich verkehre, mit den überlegten Spielen und berechnenden Versprechern. Anna formt die Lippen, als wollte sie mir etwas sagen, aber ich bekomme nur noch das Ende mit. Irgendetwas mit sofort.

»Hören Sie, Major –«

»Tarver«, korrigiert er mich. »Und Sie sind mir gegenüber immer noch im Vorteil, Miss …?«

Ich brauche ein paar Sekunden, um zu begreifen, was er meint. Gespannt beobachtet er mich mit erhobenen Augenbrauen.

Dann kapiere ich es. Er weiß nicht, wer ich bin.

Einen langen Augenblick sehe ich ihn einfach nur an. Ich kann mich gar nicht mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal mit jemandem geredet habe, der nicht wusste, wer ich bin. Eigentlich kann ich mich an kein einziges Mal erinnern. Sicherlich war es früher so, als ich noch klein war, bevor ich der Liebling der Medien wurde. Aber das kommt mir vor wie ein Film, den ich vor einer Ewigkeit gesehen habe.

Ich wünschte, ich könnte das Ganze anhalten, diesen Moment auskosten. Es genießen, mit jemandem zu sprechen, der mich nicht als Lilac LaRoux, Erbin von LaRoux Industries, reichstes Mädchen des Universums sieht. Doch ich kann es nicht aufhalten. Ich kann es nicht zulassen, dass dieser törichte Soldat ein zweites Mal mit mir zusammen gesehen wird. Irgendjemand wird es meinem Vater erzählen, und ob nun unwissend oder nicht, das hat Major Merendsen nicht verdient.

Ich habe es schon oft genug getan. Warum fällt es mir denn jetzt so schwer, die richtigen Worte zu finden, um ihn zu vernichten? »Ich muss Ihnen neulich den falschen Eindruck vermittelt haben«, sage ich leichthin und setze ein amüsiertes Lächeln auf. »Ich gebe mir immer solche Mühe, höflich zu sein, wenn ich zu Tode gelangweilt bin, aber manchmal erziele ich damit wohl die falsche Wirkung.«

Zuerst ist ihm kaum eine Reaktion anzumerken, aber dann sehe ich, wie das Strahlen seine Augen verlässt, seine eben noch lächelnden Lippen sich zu einer dünnen Linie formen. Ich verspüre eine irrationale Wut ihm gegenüber, dass er überhaupt so dumm war, mich anzusprechen.

Du hast ihn zuerst angelächelt, sagt eine leise Stimme in mir. Und du hast ihn deinen Handschuh aufheben und dir einen Drink bestellen lassen und ihn aufgefordert, sich zu dir zu setzen. Anna und Swann hinter ihm können sich vor Lachen kaum halten und ich merke, wie sich meine Wut in etwas anderes verwandelt.

Beende es, jetzt. Bring ihn dazu, dass er geht. Bevor deine Fassade anfängt zu bröckeln.

»Haben Sie mich nicht verstanden?« Ich werfe die Haare zurück. Sollte mir meine Abscheu vor mir selbst anzusehen sein, kann ich nur hoffen, dass er es als Abscheu vor ihm interpretiert. »Das liegt wohl daran, dass Sie etwas langsam sind. Was bei Ihrer … Herkunft ja kein Wunder ist.«

Er sagt nichts. Sein Gesicht ist absolut ausdruckslos. Er sieht mich nur an und die Sekunden ziehen sich in die Länge. Dann macht er einen Schritt zurück und verbeugt sich. »Ich werde Ihre Zeit nicht weiter in Anspruch nehmen. Wenn Sie mich bitte entschuldigen?«

»Aber natürlich, Major.« Ich warte nicht erst ab, bis er geht, sondern rausche an ihm vorbei zu Anna und Swann, die ich in der Bewegung gleich mitreiße. Ich will nichts lieber, als mich noch einmal umzublicken, um zu sehen, ob Major Merendsen immer noch da steht, wo ich ihm den Vernichtungsschlag verpasst habe, ob er wütend davonstürmt, ob er mir folgt, ob er mit dem Offizier spricht, mit dem er vorher zusammenstand. Doch weil ich mich nicht umblicken kann, stelle ich mir ein Dutzend Möglichkeiten vor – ich erwarte, jeden Moment seine Hand an meinem Ellbogen zu spüren oder ihn aus den Augenwinkeln an den Fahrstühlen stehen zu sehen, die vom Promenadendeck wegführen.

»Ach, das war genial, Lil«, keucht Anna, die immer noch lacht. »Hat er dich ernsthaft gefragt, ob du mit ihm aufs Aussichtsdeck gehst? Um die Sterne anzusehen? Oh Gott, was für ein Klischee!«

Die Vibrationen des Reisens mit Überlichtgeschwindigkeit, die normalerweise gar nicht wahrnehmbar sind, bereiten mir Kopfschmerzen.

Er wusste nicht, wer ich bin. Er war nicht hinter meinem Geld her, ihn interessierten nicht die Geschäftsbeziehungen meines Vaters. Er wollte nichts weiter, als den Abend mit mir zu verbringen.

Annas hysterisches Lachen geht mir auf einmal ziemlich auf die Nerven. Auch wenn es geholfen hat, den Major zu vertreiben, auch wenn sie mein Zögern bemerkt und verstanden hat, auch wenn sie nur ihr Bestes tut, um mich davor zu bewahren, dass noch einmal etwas Undenkbares passiert – es ändert nichts daran, dass ich dem armen Kerl geradezu eine Ohrfeige verpassen musste und sie sich jetzt über ihn lustig macht.

»Wenn du eifersüchtig bist, such dir doch deinen Smokingträger der Woche und amüsier dich mit dem«, fahre ich sie an.

Ich lasse Anna und Swann mit offenen Mündern stehen und stürme auf den nächsten Fahrstuhl zu. Darin warten bereits zwei Techniker in blinkenden, mit Schaltsystemen versehenen Anzügen darauf, dass die Türen sich schließen. Als ich mich zu ihnen geselle, flüstert einer dem anderen etwas zu, woraufhin sie, eine Entschuldigung murmelnd, hastig wieder aussteigen und mich allein lassen.

Während die Fahrstuhltüren zugleiten, reime ich mir die Worte des Technikers zusammen. Ich war schon oft genug in einer solchen Situation, dass ich, ohne ihn verstanden zu haben, ganz genau weiß, was er gesagt hat.

Oh, Mist. Das ist LaRoux’ Tochter. Wenn uns jemand mit ihr hier drin erwischt, sind wir tot, Mann.

Ich lehne mich gegen die Kunstholzvertäfelung und blicke auf das Symbol auf den Fahrstuhltüren. Der griechische Buchstabe Lambda, für LaRoux Industries. Die Firma meines Vaters.

Lilac Rose LaRoux. Unberührbar. Todbringend.

Meine Eltern hätten mich besser Efeu oder Fingerhut oder Belladonna nennen sollen.

»Das nächste Mal sind Sie ihr also begegnet, als sich der Zwischenfall ereignete?«

»Das ist korrekt.«

»Und haben Sie versucht herauszufinden, was los war?«

»Sie sind nicht beim Militär, Sie verstehen nicht, wie wir operieren. Wir hinterfragen nichts. Ich habe einfach die Anweisungen befolgt.«

»Und was für Anweisungen waren das?«

»Wir haben die Pflicht, Zivilisten zu beschützen.«

»Es gab also keinen speziellen Befehl, der Ihrem Handeln zu Grunde lag?«

»Jetzt werden Sie aber kleinlich.«

»Wir sind präzise, Major. Und wären Ihnen sehr verbunden, wenn Sie es auch wären.«

3

TARVER

Mit einem Schlag entweicht mir die Luft aus der Lunge, als ich auf die Übungsmatte pralle. Der andere Typ fällt auf mich, denn ich halte ihn immer noch am T-Shirt fest. Ich atme ruckartig ein, drehe mich über die Seite und setze mich auf ihn.

Ich kann es nicht fassen, dass ich mich heute Abend dermaßen zum Idioten gemacht habe. Jeder im Universum kennt Lilac LaRoux. Hätte ich doch mal eine der lausigen Nachrichtensendungen oder eine von diesen verdammten Klatsch-Shows geguckt, dann hätte ich gewusst, wie sie aussieht. Ich bin garantiert der Einzige, der es bisher nicht wusste.

Normalerweise würde man mich noch nicht einmal mit einem Pistolenlauf im Nacken in die Nähe eines derart reichen und privilegierten Mädchens bekommen. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Überhaupt nichts habe ich gedacht. Ich habe nur auf ihre Grübchen und die roten Haare und –

Der Typ unter mir will mich an der Schulter packen, aber ich drücke sie schnell nach hinten, so dass er sie nicht zu fassen bekommt. Ich setze ein Knie auf seine Brust und hole aus. Meine Faust ist schon auf halbem Weg zu seinem Gesicht, als er sie schnappt und mir derart den Arm verdreht, dass ich mich zurückwerfen muss, um mich loszureißen. Der Typ kommt mir grinsend hinterher.

»Ist das alles, was du kannst, Kleiner? Gib dir mehr Mühe«, keucht er.

Das bekomme ich ständig gesagt. Ist das alles, was du kannst? Gib dir mehr Mühe. Du bist zu arm. Du bist zu dumm. Du weißt ja nicht einmal, welches verdammte Besteck das richtige ist. Du musst reden wie wir. Du musst denken wie wir.

Ihr könnt mich alle mal.

Von den vielen Leuten in Tarnklamotten um uns herum ist ein Gewirr aus Schreien und Flüchen in mindestens einem Dutzend verschiedener Sprachen zu hören. Der einzige Offizier hier unten ist der Sergeant, der das Kampftraining beaufsichtigt, und unsere Ausdrucksweise interessiert ihn nicht. Na ja – der einzige Offizier abgesehen von mir. Aber das wissen die anderen nicht. Nur oben erkennen mich alle aus ihren Magazinen und Zeitungen und Holovids.

Trotzdem wette ich, dass alle hier Lilac LaRoux erkannt hätten.

Ich muss die ganze Zeit an sie denken. Ob sie es wohl lustig fand, vor ihren Freundinnen so mit mir zu spielen?

Als ich auf einmal zuschlage, überrascht es uns beide. Es knirscht und dann rollt der andere Typ sich weg, die Hand vorm Gesicht. Blut quillt zwischen seinen Fingern hervor. Ich hole tief Luft, doch ehe ich mich bewegen kann, hält der Sergeant die Hand zwischen uns. Er zeigt mir die Handfläche – der Kampf ist zu Ende.

Heftig atmend lehne ich mich zurück auf die Ellbogen und sehe zu, wie er dem Typ auf die Beine hilft und ihn dann einem seiner Kumpels übergibt, der ihn ins Krankenzimmer bringt. Dann wendet sich der Sergeant wieder mir zu. Er verschränkt die Arme vor der breiten Brust und sieht mich von oben herab an.

»Junge, noch so eine Nummer und du kommst mir hier nicht mehr auf die Matten, verstanden? Wenn du dir noch einmal so was leistest, rede ich mit deinem befehlshabenden Offizier.«

Hier unten tragen alle einfache Tarnklamotten, kakifarbene T-Shirts und Hosen, und ohne meine Uniform mit den Sternen und Streifen kann ich so tun, als wäre ich ein einfacher Soldat. Hier unten bin ich nur achtzehn, kein Offizier, kein Kriegsheld. Der Sergeant kommt nicht einen Moment auf die Idee, dass ich Major sein könnte. So ist es mir auch lieber. An manchen Tagen wünschte ich, es wäre tatsächlich so. Dass ich meine Streifen in der normalen Ausbildung hätte erkämpfen können, statt draußen auf dem Schlachtfeld, wo einen ein Fehler mehr kostet als einen Vermerk in den Akten.

»Ja, Sergeant«, antworte ich immer noch aus der Puste, während ich vorsichtig aufstehe. Ich will noch länger hierbleiben.

Das Militärquartier ist schlicht und funktionell, das Metallgerippe des Schiffes ist zu sehen, aber hier unten fühle ich mich eher zu Hause. Von den vielen schwitzenden Körpern ist die Luft ganz feucht und die Klimaanlage läuft pausenlos, ohne groß etwas zu bewirken. Die Jungs und Mädels hier sind auf dem Weg zu einer der Kolonien, um den jüngsten Aufstand niederzuschlagen. Nähme man mir meine Orden und die Beförderung durch meine Verdienste auf dem Schlachtfeld weg, würde auch ich hier unten untergebracht sein und demnächst auf terraformierte Wunder und wütende Rebellen treffen. Schön wär’s.

Der Sergeant taxiert mich noch einen Moment, dann dreht er den Kopf und brüllt wie auf dem Paradeplatz: »Corporal Adams, vortreten! Sie sind die Nächste.«

Sie ist ein paar Jahre älter als ich, einige Zentimeter kleiner und hat kurze, abstehende blonde Haare. Sie grinst mich kurz an, als sie die Arme ausschüttelt und sich bereitmacht, und ich atme tief ein und gehe in Abwehrhaltung. Ich werde hier unten bleiben, bis ich müde genug bin, um zu schlafen.

Sie ist ziemlich schnell, verlagert geschickt ihr Gewicht, während wir einander umkreisen. Das ist ein Mädchen ganz nach meinem Geschmack, flink und direkt, keine Spur von dem intrigenhaften Verhalten auf dem Oberdeck. Ihre Bewegungen erinnern mich an eine Zeile aus einem Gedicht von meiner Mutter. Flüchtiges Silberlicht und wirbelnder Staub.

Wieder lächelt sie und eine Sekunde lang sehe ich Lilac LaRoux’ Lächeln und ihre blauen Augen.

Doch als Nächstes blicke ich auf das Metallgestänge an der Decke. Corporal Adams drückt mir ihren nackten Fuß an die Kehle und es ist vorbei. Ich hebe vorsichtig die Hände, überlege kurz, sie am Fußknöchel zu packen, aber zeige ihr stattdessen die Handflächen. Sie hat mich erwischt. Ich hätte mich besser konzentrieren sollen.

Sie nimmt ihren Fuß von mir, hält mir die Hand hin und ich lasse mich von ihr hochziehen.

Jetzt macht mich Miss LaRoux also auch schon beim Kampftraining fertig. Gibt es eigentlich irgendeinen Bereich meines Lebens, den dieses Mädchen nicht durcheinanderbringt?

Ich verschränke die Hände hinterm Kopf und strecke mich, bis die Dehnung an meinen brennenden Muskeln zieht. Der Sergeant kommandiert die Unteroffizierin zur nächsten Matte und kommt auf mich zu.

»Junge, ich weiß nicht, was dich gerade beschäftigt, aber vielleicht bist du am Schießstand besser aufgehoben«, fängt er an.

Ich will aber nicht schießen. Ich will jemanden, den ich angreifen kann, hier, von Angesicht zu Angesicht. »Sergeant, bitte, ich –«

Der Boden unter mir ruckt und schwankt, und wir stolpern beide rückwärts. Einen kurzen Augenblick lang denke ich, jemand hätte mich von hinten angegriffen, doch es ist das Schiff, das unter uns erzittert.

Ich stelle mich breitbeiniger hin, für den Fall, dass es noch eine Erschütterung gibt. Die Icarus war in den Wochen, seit ich mich auf dem Schiff befinde, immer absolut stabil. Auf einmal ist es unheimlich ruhig in der Halle, alle blicken nach oben und warten auf Informationen aus den Lautsprechern.

Doch nichts durchbricht die Stille. Ich wechsele einen Blick mit dem Sergeant. Er schüttelt langsam den Kopf und zuckt leicht mit den Schultern. Wo bleibt die Durchsage?

Oben wird es mehr Informationen geben. Den Reichen sagt man bestimmt, was los ist. Das wird dort erwartet. Schnell salutiere ich und springe in meine Stiefel.

Als ich durch die Türen der stillen Trainingshalle trete, kommt mir das Geflecht von Gängen dahinter wie eine andere Welt vor. Oben ist alles luxuriös und weitläufig, doch hier unten wird kein Cent zu viel ausgegeben.

Die Gänge verlaufen über- und untereinander wie Fäden in einem Spinnennetz und sind bevölkert von Technikern, deren Anzüge im Takt der Musik um uns herum blinken, Emigranten auf dem Weg in neue Kolonien, Touristen, die die billigste Art, zum nächsten Planeten zu reisen, gewählt haben, Leuten, die den langen Weg auf sich nehmen, um ihre Familie zu besuchen. Links von mir schnappe ich ein paar besorgte Worte auf Spanisch auf, irgendwo in der Nähe flucht jemand auf Irisch. Ein paar Missionare, die den noch nicht erleuchteten Rebellen auf den neuen Planeten Trost und Unterstützung zukommen lassen wollen, beobachten das rege Treiben, als hätten sie den sicheren Boden ihres Heimatplaneten zum ersten Mal im Leben verlassen. In dem Durcheinander ist nicht ein einziger Zylinder oder ein einziges Korsett zu sehen.

Schritte scheppern über das Metallgerüst, Stimmen in einem Dutzend Variationen des Standard, vermischt mit niederen Sprachen, sind zu hören. Alle wollen wissen, was hier vor sich geht, aber niemand weiß es.

Auf grell leuchtenden Bildschirmen flackern Werbesendungen. Sie bedecken Wände und Decken, Wörter und Musik und Jingles plärren aus den Lautsprechern. Während ich mich durch die Menge zur Treppe kämpfe, erscheint vor mir ein Hologramm – eine Frau in pinkem Catsuit breitet die Arme aus, um mich in einen Club auf dem Achterdeck einzuladen. Ich gehe einfach durch sie hindurch.

Mein Magen krampft sich zusammen, als wäre ich spacekrank. Und ich bin nicht der Einzige, dem es nicht gut geht – eine Menge andere Leute sind ziemlich blass im Gesicht.

Ich kann nicht spacekrank sein. Ich bin bereits auf Schiffen durchs Universum geschickt worden, die so schlecht austariert waren, dass man über das Tuckern kaum die eigene Stimme gehört hat, und immer habe ich mein Inneres bei mir behalten. Ich muss es in der Trainingshalle etwas übertrieben haben.

Der Metallboden unter mir vibriert von den Hunderten von Schritten, aber darunter ist noch etwas anderes – ein Zittern, das sich einfach nicht richtig anfühlt. Auf einmal frieren die Bilder auf den Bildschirmen ein, die Jingles und Hintergrundkommentare verstummen und stattdessen kommt aus den Lautsprechern auf den Gängen eine angenehme, sachliche Frauenstimme.

»Ich bitte alle Passagiere um Aufmerksamkeit. In einigen Minuten werden die Hyperspace-Motoren der Icarus gewartet. Es handelt sich um eine Routinekontrolle, bei der einige kleinere Vibrationen auftreten können. Vielen Dank für Ihr Verständnis. Wir werden diese Routinekontrolle so schnell wie möglich abschließen.«

Sie klingt ganz ruhig, aber ich würde das Wort Routinekontrolle nicht zweimal in einer Durchsage verwenden, es sei denn, die Leute sollen nicht mitbekommen, dass es sich eben nicht um eine solche handelt. In den zwei Jahren, die ich jetzt schon durch den Weltraum reise, habe ich es erst einmal erlebt, dass bei einem Schiff während der Fahrt die Motoren überprüft werden mussten. Das war vor ungefähr sechs Monaten, in der Nähe von Avon. Als wir schließlich landeten, konnten wir von Glück sagen, dass das Schiff noch nicht in seine Einzelteile zerlegt worden war.

Aber das hier ist die Icarus. Das modernste Schiff, das jemals aus einem orbitalen Dock hervorgegangen ist, mit der neuesten, ausgefeiltesten Technik und von dem einzigen Unternehmen in der Galaxie gebaut, das groß genug ist, ohne die Mitarbeit anderer Unternehmen ganze Planeten zu terraformieren. Und Roderick LaRoux hat sich beim Bau der Icarus garantiert nicht auf sein Glück verlassen.

Ich renne den Gang hinunter, ignoriere meine nach dem Training schweren Beine und laufe die nächste Treppe hoch – zur Sicherheit mit einer Hand am Treppengeländer. Was eine gute Entscheidung war, denn die nächste der »kleineren« Vibrationen setzt ein, als ich die Treppe gerade zur Hälfte hinter mir habe.

Diesmal bebt das Schiff so gewaltig, dass eine Welle durch den Boden unter mir geht. Ich kann die Fortbewegung der Welle anhand der Zivilisten beobachten, die schreiend und mit weichen Knien nach den Geländern greifen.

Die Leute werden panisch. Ich dränge mich durch eine Lücke und renne auch die nächste Treppe empor. Oben angekommen presse ich die Handfläche auf die ID-Kontrollplatte und geräuschlos öffnet sich die Tür.

Ich eile über die mit prachtvollem Teppich ausgelegten Flure meines Decks. Lilac LaRoux’ Decks. Es ist voller als sonst und immer mehr Leute kommen aus ihren Kabinen, als würde es draußen auf den Fluren eine Art kollektive Weisheit zu entdecken geben. Unter anderen Umständen würde ich stehen bleiben, um die Frauen zu bewundern, die ihre unbegrenzten Budgets für Nachtwäsche zur Schau stellen, aber jetzt bin ich in Eile.

Ich biege gerade um die Ecke zu meiner Kabine, als drei scharfe Alarmtöne die sanfte Musik auf den Fluren unterbrechen. Dieselbe Frauenstimme wie eben erklingt, aber diesmal ist sie ganz hoch vor Angst und angespannt durch das Bemühen, sich die Angst nicht anmerken zu lassen.

»Ladies und Gentlemen, ich bitte um Ihre Aufmerksamkeit. Es ist ein Problem mit den Hyperspace-Motoren aufgetreten und die Icarus hat durch die dimensionale Verdrängung schweren Schaden erlitten. Wir versuchen das Schiff im Hyperspace zu halten, aber in der Zwischenzeit möchten wir Sie bitten, den Leuchtstreifen auf dem Boden zu folgen und sich sofort zu Ihren jeweiligen Rettungskapseln zu begeben.«

Die Leute rennen wild durcheinander los. Es ist klar, dass die meisten von ihnen ihre jeweilige Rettungskapsel nicht einmal dann erkennen würden, sollte sie herangerollt kommen, sich vorstellen und zum Tanz auffordern. Ich dagegen gehöre zu denen, die immer sobald wie möglich die Sicherheitsinformationen lesen. Das gewöhnt man sich schnell an, wenn man erst einmal eine Evakuierung mitgemacht hat, die keine Übung war, und davon hatte ich mehr als eine.

Wir vom Militär reisen immer mit einem Notfallrucksack. Darin sind nur die Sachen, die man im Falle einer Evakuierung braucht, Überlebensnotwendiges. Davon ist hier im tiefsten Weltraum natürlich nichts brauchbar und dieses Schiff ist nirgendwo anders unterwegs. Es wurde im Orbit gebaut. Setzte man es der Schwerkraft aus, würde es wie ein Wal auf dem Trockenen von seinem eigenen Gewicht erdrückt werden. Trotzdem mache ich kehrt, bevor ich noch darüber nachdenken kann.

Durch die mir entgegenkommende panische Menschenmenge kämpfe ich mich zu meiner Kabine durch. Dort angekommen lege ich die Handfläche über den Türöffner, die Tür geht auf, und hastig nehme ich den Rucksack vom Haken an der Innenseite. Es ist ein einfacher, ziemlich kleiner Rucksack aus meiner Kadettenzeit. Ich zögere kurz, dann nehme ich noch die Jacke.

Ich muss erst drei Flure nach rechts, dann nach links und weiter geradeaus, aber da die Leute immer mehr und immer lauter und unruhiger werden, wird es eine Weile dauern. Auf dem ersten Flur komme ich an der Tür zum Aussichtsdeck vorbei. Ich werfe einen flüchtigen Blick hindurch.

Ich kenne die Aussicht, wie sie normalerweise ist – und zwar anders als jetzt. Die Sterne hinter den Fenstern verschwimmen, dann gibt es einen Ruck und auf einmal sind sie ganz klar.

Es sind keine langen, elegant geschwungenen Linien, wie sie im dimensionalen Hyperspace eigentlich zu sehen sind. Einen Augenblick lang sind es klare, weiße, winzige Lichtpunkte, dann sind sie wieder verschwommen. So etwas habe ich noch nie gesehen – offenbar versucht die Icarus immer wieder, zurück in den Hyperspace zu gelangen, schafft es aber nicht. Ich weiß nicht, was passiert, wenn sie zu früh hinausgerissen wird, aber ich bin mir sicher, dass es nichts Gutes sein wird.