These Broken Stars. Jubilee und Flynn (Band 2) - Amie Kaufman - E-Book
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Beschreibung

Jubilee und Flynn hätten einander nie begegnen sollen. In einem Krieg, der schon seit Generationen andauert, stehen sie auf verschiedenen Seiten. Denn Lee ist Kommandantin der Armee-Einheit, die die Rebellen auf dem Planeten Avon bekämpfen soll, Flynn deren Anführer. Als er sich ins Militärlager einschleicht, wird er von Lee gestellt. Sein einziger Ausweg ist, sie gefangen zu nehmen. Doch dann fordern die anderen Rebellen ihren Tod und Flynn trifft eine Entscheidung, die ihrer beider Leben für immer verändern wird.

Alle Bände der Serie »These Broken Stars«:

These Broken Stars − Lilac und Tarver
These Broken Stars − Jubilee und Flynn
These Broken Stars − Sofia und Gideon

Die Serie ist abgeschlossen.

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Alle deutschen Rechte bei CARLSEN Verlag GmbH, Hamburg 2016Originalcopyright © 2014 by Amie Kaufman and Meagan SpoonerOriginalverlag: Hyperion, an imprint of Disney Book GroupOriginaltitel: This Shattered WorldUmschlagfotografien: Sterne: Shutterstock © nienora; Frau: Shutterstock © manfeiyang; Mann: Shutterstock © Bulin Umschlaggestaltung und -typografie: formlaborAus dem Englischen von Stefanie Frida LemkeLektorat: Dennis WohlfeilSatz und E-Book-Umsetzung: Pinkuin Satz und Datentechnik, Berlin

ISBN: 978-3-646-92894-5

Für Marilyn Kaufman und Sandra Spooner,die schon immer unsere unerschrockenen Verbündeten warenund uns bei jedem Kampf zur Seite stehen.

Das Mädchen steht auf einem Schlachtfeld. Es ist die Straße, in der sie aufgewachsen ist. Die Leute in der Stadt November wissen nicht, dass ein Krieg bevorsteht, und jedes Mal, wenn sie den Mund öffnet, um sie zu warnen, übertönt der Lärm der Stadt ihre Stimme. Ein Auto rast mit quietschenden Reifen vorbei, eine Sirene heult, Kinder lachen, auf einer Holo-Anzeigetafel hoch oben läuft immer wieder der gleiche Werbespot. Das Mädchen schreit, doch nur die Tauben zu ihren Füßen bemerken es. Erschreckt fliegen sie auf und verschwinden in dem Durcheinander aus Wäscheleinen und grellen Laternen über ihr.

Niemand hört sie.

1

Jubilee

Vom anderen Ende der Theke aus sieht mich jemand an. Ich merke es nur, weil ich mich mit den Ellbogen auf dem Tresen immer so weit vorbeuge, dass ich zu beiden Seiten an den Köpfen der anderen vorbeischauen kann. Wenn ich in den Spiegel hinter der Bar sehe, habe ich den ganzen Raum im Blick. Der Typ am anderen Ende der Theke macht es genauso.

Er ist neu. Erstens kenne ich ihn nicht und zweitens hat er diesen bestimmten Gesichtsausdruck. Definitiv ein Rekrut, der noch was beweisen will. Er ist wachsam, passt auf, nicht mit den anderen zusammenzustoßen, er kennt sie noch nicht. Er trägt ein Uniform-T-Shirt, Jacke und Tarnhose, aber die Sachen passen ihm nicht, sie sind ihm ein bisschen zu eng. Was vielleicht daran liegt, dass man ihm die Kleidung noch nicht in seiner Größe bestellt hat. Oder es ist gar nicht seine Uniform.

Trotzdem wissen selbst die Neuen spätestens nach einer Woche, dass man Captain Chase nicht anbaggert, auch nicht, wenn sie im Molly Malone’s ist. Ich bin an so was nicht interessiert. Mit achtzehn bin ich zwar eigentlich noch zu jung mich selbst vom Markt zu nehmen, aber es ist nun mal sicherer, allen vom ersten Tag an klarzumachen, was Sache ist.

Dieser Typ allerdings … hat was. Da könnte ich meine Vorsätze glatt vergessen. Dunkle, gewellte Haare, dichte Augenbrauen, gefährlich schöne Augen. Ein sinnlicher Mund, den ein heimliches Lächeln umspielt. Der Mund eines Dichters. Künstlerisch und ausdrucksstark.

Irgendwie kommt mir der Typ bekannt vor. Ich greife nach meinem Glas, das von außen ganz beschlagen ist. Nein, wenn ich ihn vorher schon mal gesehen hätte, würde ich mich an ihn erinnern.

»Alles in Ordnung?« Der Barkeeper lehnt sich auf den Tresen und blickt mich an. Diese beschissene Bar an einer beschissenen provisorischen Straße trägt den wehmütigen Namen Molly Malone’s. Sie ist nach irgendeiner Gruselgeschichte irischen Ursprungs benannt, auf den sich der spezielle Menschenschlag der hiesigen Terraformierungsgemeinde beruft. »Molly« ist in diesem Fall ein schätzungsweise hundertfünfzig Kilo schwerer, glatzköpfiger Chinese mit Chrysanthemen-Tattoo am Hals. Seit ich hier gelandet bin, bin ich einer seiner Lieblingsgäste, und das nicht nur, weil ich dank meiner Mutter zu den wenigen Leuten gehöre, die mehr als ein oder zwei Worte Mandarin sprechen.

Ich hebe eine Augenbraue. »Du willst mich wohl betrunken machen.«

»Ich gebe die Hoffnung nicht auf, Herzchen.«

»Vielleicht ein andermal, Molly.« Ich sehe wieder in den Spiegel, beobachte den Typen. Diesmal bemerkt er es und erwidert ungeniert meinen Blick. Ich widerstehe dem Drang wegzuschauen und beuge mich weiter zu Molly vor. »Hey, Mol, wer ist der Neue am Ende der Theke?«

Molly ist so clever sich nicht nach ihm umzudrehen. Stattdessen fängt er an die Gläser zu spülen. »Du meinst den Hübschen?«

»Hmhm.«

»Er hat gesagt, er ist neu hier und versucht ein Gefühl für den Ort zu bekommen. Stellt ’ne Menge Fragen.«

Seltsam. Normalerweise kommt das Frischfleisch in Herden, ganze Züge blauäugiger, nervöser Jungs und Mädels, die sich herumkommandieren lassen. Eine leise Stimme in meinem Kopf weist mich darauf hin, dass das nicht fair ist, dass auch ich vor gerade mal zwei Jahren noch Frischfleisch war. Aber sie sind so erschreckend unvorbereitet auf das Leben hier, dass ich gegen meine Gedanken nichts tun kann.

Dieser Typ allerdings ist anders – und er ist allein. Es kribbelt in meinem Nacken. Ich sollte besser aufpassen. Hier auf Avon bedeutet anders normalerweise gefährlich.

»Danke, Molly.« Ich schnippe mit dem Kondenswasser von meinem Glas nach ihm und er weicht grinsend zurück, bevor er sich um seine anspruchsvolleren Gäste kümmert.

Der Typ sieht mich immer noch an. Sein Lächeln ist jetzt offensichtlicher. Ich weiß, dass ich ihn anstarre, aber das ist mir egal. Wenn er wirklich Soldat ist, kann ich sagen, dass ich ihn aus dienstlichen Gründen gemustert habe, um auf Warnsignale zu achten. Dass ich nicht im Dienst bin, heißt ja nicht, dass ich meine Verantwortung nicht ernst nehmen würde. Man kann schließlich nie wissen, bei wem der Furor als Nächstes zuschlägt.

Er sieht nicht viel älter aus als ich, das heißt, auch wenn er sich an seinem sechzehnten Geburtstag gemeldet hat, wird er nicht mehr als zwei Jahre Wehrdienst hinter sich haben. Genug, um sich was darauf einzubilden – nicht genug, um zu wissen, dass er endlich mal mit dem Grinsen aufhören sollte. Aber nach ein paar Wochen auf Avon wird ihm das Lachen schon vergehen. Er hat ein so schön geschnittenes Gesicht, dass ich ihm am liebsten einen Kinnhaken verpassen würde. Der leichte Schatten seiner Bartstoppeln betont die perfekten Linien nur noch. Solche Typen stellen sich letztendlich immer als Arschlöcher heraus, aber aus der Ferne ist er einfach wunderschön. Als wäre er von einem Künstler erschaffen worden.

Wenn ich solche Menschen sehe, könnte ich tatsächlich an Gott glauben.

So schöne Menschen sollten die Missionare rekrutieren, bevor das Militär sie ihnen wegschnappt. Um Leute zu erschießen, muss man schließlich nicht besonders gut aussehen. Aber wenn man andere bekehren will, ist es sicher ganz hilfreich.

Den Blick weiter auf den Spiegel gerichtet deute ich ihm mit einer Kopfbewegung an, zu mir zu kommen. Er versteht den Wink, lässt sich mit seiner Reaktion aber Zeit. In einer gewöhnlichen Bar auf einem gewöhnlichen Planeten würde das bedeuten, dass er nicht interessiert ist oder sich rarmachen will. Aber da ich nicht auf das aus bin, worauf Leute in gewöhnlichen Bars aus sind, lässt mich sein Zögern stutzen. Entweder weiß er nicht, wer ich bin, oder es ist ihm egal. Und Ersteres kann nicht sein – jeder auf diesem Planeten kennt Captain Lee Chase, egal wie neu. Doch wenn es Letzteres ist, dann ist er kein gewöhnlicher Rekrut.

Vielleicht ist er vom Kommandozentrum und kleidet sich wie wir, um nicht aufzufallen? Oder er wurde von Terra Dynamics geschickt und soll überprüfen, ob das Militär auch ordentlich aufpasst, dass es keine Rebellion gibt? Die Terraform-Unternehmen schicken gern mal Spione, um sicherzugehen, dass die Regierung sich an die Vereinbarungen hält. Was uns die Arbeit nur noch erschwert. Die Unternehmen üben ständig Druck aus, um endlich eigene Söldner anheuern zu können, aber da der Galaktische Rat die Vorstellung von Privatarmeen nicht gerade prickelnd findet, müssen sie sich mit uns Regierungstruppen begnügen. Vielleicht ist er auch selbst vom Galaktischen Rat und stellt heimlich Nachforschungen für die planetarische Prüfung an, die in ein paar Monaten stattfinden soll?

Doch ganz gleich wer er ist, es kann nichts Gutes für mich bedeuten. Warum können die mich nicht einfach meine Arbeit machen lassen?

Der Typ nimmt sein Bier und kommt auf mich zu. Er gibt sich ganz schüchtern, tut überrascht, dass ich ihn herausgepickt habe, aber ich durchschaue ihn sofort. »Hey«, sagt er zur Begrüßung. »Ich will Ihnen ja keine Angst machen, aber Ihr Drink sieht irgendwie blau aus.«

Es ist eine von Mollys Kreationen, die er mir manchmal für lau gibt, um auch mal richtige Drinks zu mixen, statt immer nur Bierkrüge zu füllen.

Schnell treffe ich eine Entscheidung. Wenn er flirten will, dann tue ich das auch. Er ist nicht gerade unattraktiv und ich bin neugierig – ich will wissen, was passiert, wenn ich mitspiele. Ernsthaft für mich interessieren kann er sich nicht. Jedenfalls nicht auf die Art, wie er es vorgibt.

Ich fische das pinkfarbene Plastikschwert mit den Cocktailkirschen aus dem Martiniglas und lutsche sie eine nach der anderen ab. Der Typ starrt wie gebannt auf meine Lippen, was mich mit einer gewissen Befriedigung erfüllt. Molly hat nicht oft die Gelegenheit, Drinks zu mixen – und ich habe nicht oft die Gelegenheit zu flirten.

Lächelnd beuge ich mich zu ihm vor. »Ich mag ihn blau.«

Er öffnet den Mund, um etwas zu erwidern, doch dann muss er sich erst lange räuspern.

»Schon mit dem Sumpfbazillus infiziert?« Ich gebe mich besorgt. »Molly wird sich darum kümmern. Seine Drinks heilen alles, von Liebeskummer bis zu Blinddarmentzündung.«

»Ach ja?« Seine Stimme ist wieder da, genauso wie sein Lächeln. Und hinter der Fassade des schüchternen neuen Jungen sehe ich etwas aufblitzen: Freude. Er hat Spaß hieran.

Na, du ja wohl auch, sagt eine abfällige Stimme in meinem Kopf. Ich ignoriere sie. »Wenn Sie einen Moment warten, können wir herausfinden, ob meine Zunge auch blau wird.«

»Ist das eine Einladung zur Leibesvisitation?«

Ich sehe ein paar Leute von meinem Zug an einem Tisch weiter hinten, die mich und den neuen Typen beobachten und zweifellos darauf warten, dass hier noch etwas Aufregendes passiert. »Wenn Sie es nicht verbocken.«

Lachend lehnt er sich an die Theke. Es ist eine kleine Kapitulation, eine Pause in unserem Spiel. Ich habe den Eindruck, er versucht mir eher auf den Zahn zu fühlen, als dass er mich anbaggert.

Ich stelle meinen Drink neben die in den Tresen geritzten Initialen. Sie stammen noch aus der Zeit, bevor ich zum ersten Mal im Molly’s war, und ihr Besitzer ist schon lange fort. »Das ist jetzt eigentlich der Teil, wo Romeo sich vorstellt.«

»Um meine geheimnisvolle Aura zu zerstören?« Der Typ hebt die dichten Augenbrauen. »Romeo hat seine Maske garantiert aufbehalten, als er Jubilee kennenlernte.«

»Julia«, korrigiere ich ihn und versuche mir nichts anmerken zu lassen. Ich kann meinen Vornamen nicht ausstehen. Er muss wirklich neu sein, wenn er das noch nicht weiß. Trotzdem hat er mir einen wertvollen Hinweis geliefert. Wenn dieser Typ Shakespeare kennt, kann er nicht von hier sein. Die Sumpfbewohner können ja kaum eine Bedienungsanleitung lesen, von den Klassikern mal ganz zu schweigen.

»Oh, eine Studierte?«, antwortet er mit einem Funkeln in den Augen. »Das ist ein seltsamer Ort für eine Frau wie Sie. Bei wem sind Sie denn in Ungnade gefallen, dass Sie auf Avon festsitzen?«

Ich lehne mich mit dem Rücken gegen den Tresen, stütze die Ellbogen auf. In der Hand halte ich immer noch das Plastikschwert und lasse es durch meine Finger wandern. »Ich bin eine Unruhestifterin.«

»Solche Frauen mag ich am liebsten.« Romeo lächelt mich an, dann wendet er den Blick ab. Aber ich habe es gerade noch gesehen: Er ist nervös. Es ist nicht besonders auffällig, doch ich bin darauf trainiert, solche kaum sichtbaren Veränderungen wahrzunehmen. Ein Muskelzucken hier, eine Anspannung da. Manchmal ist das die einzige Vorwarnung, bevor sich jemand in die Luft sprengt und andere mit in den Tod reißt.

Ich beuge mich leicht vor. Das Adrenalin rauscht mir durch die Adern und schärft meine Sinne. Die Luft riecht nach verschüttetem Bier, Zigarrenrauch und Lufterfrischer – doch nichts davon ist intensiv genug, um den aufdringlichen Sumpfgeruch von draußen zu überlagern. Ich versuche das Lachen von meinem Zug im Hintergrund auszublenden, und konzentriere mich auf Romeo. In dem schummrigen Licht kann ich nicht erkennen, ob seine Pupillen geweitet sind. Wenn er neu auf dem Planeten ist, kann er sich eigentlich noch nicht mit dem Furor infiziert haben – es sei denn, er ist von woanders auf Avon hierher versetzt worden.

Mein prüfender Blick lässt ihn unruhig von einem Fuß auf den anderen treten, dann strafft er die Schultern. »Passen Sie auf«, sagt er mit energischerem Tonfall. »Ich zahle Ihren Drink und dann bin ich wieder weg.«

Er durchschaut mich. Er spürt mein Misstrauen.

»Nicht so eilig.« Ich fasse ihn am Arm. Es ist nur eine sanfte Berührung, aber ich halte ihn fest. Wenn er jetzt wegwill, muss er sich losreißen. »Sie sind kein Soldat«, sage ich schließlich. »Und kein Einheimischer. Ganz schön rätselhaft. Sie werden mich doch nicht so unbefriedigt stehenlassen, oder?«

»Unbefriedigt?« Sein Lächeln lässt nicht eine Sekunde nach. Er ist gut. Er muss ein Spion von einem Konkurrenten von TerraDyn sein. Von NovaTech oder SpaceCorp oder einem der anderen Unternehmen, die auf Avon Gebiete beanspruchen. »Das ist aber ziemlich unhöflich, Captain Chase.«

Ich gebe das Spiel auf. »Ich habe Ihnen doch noch gar nicht gesagt, wer ich bin.«

»Als ob Eiskönigin Chase sich vorstellen müsste.«

Obwohl niemand aus meinem Zug mich so nennen würde – jedenfalls nicht in meiner Anwesenheit –, hat der Spitzname sich nach meinen ersten Tagen hier wie ein Lauffeuer verbreitet. Ich antworte nicht, betrachte den Typen nur und überlege, warum er mir so bekannt vorkommt. Vielleicht ist er ein gesuchter Straftäter und ich habe sein Foto in der Datenbank gesehen.

Halbherzig versucht er seinen Arm aus meinem Griff zu befreien, offenbar um zu testen, wie ernst ich es meine. »Ich will Ihnen bloß einen ausgeben. Lassen Sie mich das doch einfach tun, und wir beide gehen wieder unserer Wege und träumen davon, was alles hätte sein können.«

Ich beiße die Zähne zusammen. »Hör zu, Romeo.« Ich umklammere seinen Arm fester, spüre seine harten Muskeln. Er ist kein Schwächling, aber ich bin besser trainiert. »Ich würde vorschlagen, dass wir unser Gespräch im Hauptquartier fortsetzen.«

Seine Unterarmmuskeln zucken und ich blicke auf seine Hand. Sie ist leer – aber dann verlagert er das Gewicht und auf einmal drückt er mir mit der anderen Hand etwas in die Seite. Er hatte eine Pistole unter dem Shirt versteckt. Verdammt. Sie ist uralt, ein angelaufenes Ding, für das man noch Patronen braucht, ganz anders als die elegante Gleidel, die ich trage. Kein Wunder, dass er trotz der Hitze hier drin eine Jacke anhat. Die langen Ärmel verdecken sein Tattoo, die Gen-Spirale, die alle Einheimischen bei der Geburt auf den Unterarm tätowiert bekommen.

»Tut mir leid.« Er beugt sich weiter zu mir vor, um die Pistole zwischen uns zu verbergen. »Ich wollte wirklich bloß Ihren Drink bezahlen und dann von hier verschwinden.«

Hinter ihm sehe ich meine Leute, wie sie lachend die Köpfe zusammenstecken und immer wieder zu uns herüberschauen. Obwohl die Hälfte von ihnen schon weit über zwanzig ist, benehmen sie sich immer noch wie ein Haufen Teenager. Mori, eine meiner ältesten Soldatinnen, blickt mich kurz an – aber sie sieht schon wieder weg, bevor ich ihr ein Zeichen geben kann. Alexi mit seinen rosa hochgestylten Haaren scheint gerade total fasziniert von der Wand zu sein. Wahrscheinlich denken sie alle, ich würde mich von dem Typen betatschen lassen. Eiskönigin Chase hat auch endlich mal was am Laufen. Die Truppen werden auf Avon so oft ausgetauscht, dass meine Soldaten alle nur den Waffenstillstand der letzten Monate kennen – ihre Sinne sind nicht durch den Krieg geschärft. Sie sind nicht misstrauisch genug.

»Soll das ein Scherz sein?« Meine eigene Waffe steckt in meinem Hüftholster, aber wir stehen so nah beieinander, dass er mich längst erschossen hätte, bevor ich auch nur mit der Hand in ihre Nähe gekommen wäre. »Du glaubst ja wohl nicht, dass das funktioniert.«

»Sie haben mir keine andere Wahl gelassen.« Er sieht hinab auf den Gurt an meiner Hüfte. »Ich finde, Sie sind etwas overdressed, Captain. Legen Sie die Pistole auf den Hocker da. Langsam.«

Ich blicke zu Molly, aber er trocknet an den Tresen gelehnt Gläser ab und schaut aufs Holovid am Ende der Bar. Ich versuche mit jemand anderem Blickkontakt aufzunehmen – egal wem– , aber sie ignorieren mich alle geflissentlich, weil sie ganz wild darauf sind, hinterher Geschichten darüber erzählen zu können, wie Captain Chase sich im Molly Malone’s hat abschleppen lassen. Als ich nach der Gleidel fasse und sie auf den Hocker lege, schirmt mich mein Entführer geschickt ab. Dann legt er mir eine Hand um die Taille und dreht mich zur Tür. »Wollen wir?«

»Du bist ein Idiot.« Ich balle die Hände zu Fäusten und das pinkfarbene Plastikschwert bohrt sich mir in die Handfläche. Dann drehe ich mich zur Seite und wehre mich zum Schein etwas, um zu testen, wie gut er mich festhält und wie seine Balance ist. Aha – er beugt sich ein bisschen zu weit vor. Ich spanne die Muskeln an und mit einem Ruck lehne ich mich zurück und verdrehe mir dabei den Arm. Es tut höllisch weh, aber –

Er ächzt und drückt mir den Pistolenlauf noch fester in die Rippen. Er lässt mich nicht los. Er ist gut. Mist, Mist, MIST.

»Sie sind nicht die Erste, die das sagt.« Immerhin geht sein Atem etwas schneller.

»Au! Ich komm ja schon mit.« Ich lasse mich von ihm zur Tür führen. Ich könnte es drauf ankommen lassen, aber wenn er so dumm ist, eine Pistole mit in eine Militärbasis zu bringen, dann wird er sie vielleicht auch benutzen. Und wenn das hier zu einem Feuergefecht wird, könnte jemand von meinen Leuten verletzt werden.

Außerdem wird uns schon irgendwer aufhalten. Mit Sicherheit Alexi – er kennt mich gut genug, um das hier nicht geschehen zu lassen. Irgendjemand wird meine Pistole auf dem Barhocker liegen sehen, irgendjemand wird sich daran erinnern, dass Captain Chase nicht mit seltsamen Typen die Bar verlässt. Sie verlässt mit niemandem die Bar. Irgendjemand wird doch merken, dass da was nicht stimmt.

Aber nein. Als die Tür hinter uns zufällt, höre ich Pfeifen und Johlen, und mein ganzer Zug fängt an zu gackern wie die Hühner. Schweinebande, denke ich. Ich werde euch morgen früh so viele Runden laufen lassen, dass ihr euch wünschen werdet, IHR wärt von einem Rebellen entführt worden.

Denn das ist er. Ich weiß nicht, woher er Shakespeare kennt oder wieso er so gut ausgebildet ist, aber er muss eine von den Sumpfratten sein. Sie nennen sich die Fianna – Krieger –, aber es sind alles bloß blutdurstige Verbrecher. Wer würde es sonst wagen, mit nichts weiter als einer Pistole, die aussieht wie aus dem letzten Jahrtausend, in unsere Militärbasis einzudringen? Wenigstens besteht keine Gefahr, dass er komplett Amok laufen könnte, denn von Avons tödlichem Furor werden bloß Nicht-Einheimische befallen. Ich habe also nur die ganz alltägliche Gewalt zu befürchten, die von den Sumpfbewohnern so gern angewendet wird.

Er zerrt mich von der Straße und in die Dunkelheit zwischen der Bar und dem angrenzenden Vorratsschuppen. Plötzlich wird mir klar: Ich werde morgen früh niemanden Runden laufen lassen. Ich bin eine von einem Rebellen gefangen genommene Offizierin. Ich werde meine Truppen wahrscheinlich nie wiedersehen, weil ich bis zum Morgen tot sein werde.

Knurrend schlage ich mit der Faust nach unten und ramme dem Typen das pinkfarbene Cocktailschwert tief in den Oberschenkel. Bevor er reagieren kann, breche ich den Griff ab, so dass die Klinge in seinem Bein steckenbleibt.

Zumindest werde ich mich nicht kampflos in mein Schicksal ergeben.

Die Jungen spielen in der Gasse mit Knallkörpern, die sie aus dem Tempel geklaut haben. Das Mädchen beobachtet sie durch ein Loch in der Mauer, das Gesicht gegen die bröckelnden Steine gepresst. Gestern war noch der Pastor im Tempel, aber morgen ist eine Hochzeit, und dann wird ihre Mutter das kleine Gebäude am Ende der Straße so schmücken, dass es an die fast vergessenen traditionellen Zeremonien auf der Erde erinnert.

Die Jungen wollen herausfinden, wer sich traut die roten Knallkörper am längsten in der Hand zu halten, bevor sie wie Schüsse in der Luft explodieren. Das Mädchen zwängt sich durch ein Loch in der Mauer, rennt auf den größten der Jungen zu und reißt ihm einen angezündeten Böller aus der Hand. Von dem Zischen und der Hitze der Zündschnur bekommt sie eine Gänsehaut, aber sie lässt nicht los.

2

Flynn

Der Schmerz schießt mir ins Bein und eine Sekunde lang halte ich sie nicht richtig fest. Schon ist sie weg.

Ich muss schnell reagieren, sonst bringt sie mich um. Sie holt aus und ich springe zurück, dann zerreißt ein Schuss die Stille der Nacht. Ein Schuss aus meiner Pistole. Keuchend fällt Jubilee in den Schlamm, aber ich habe keine Zeit, darüber nachzudenken, was ich angerichtet haben könnte. Der Schuss wird überall auf der Basis zu hören gewesen sein, und auch wenn er durch das Echo zwischen den Gebäuden nicht sofort zu lokalisieren ist, wird man mich schon bald finden.

Ich will gerade nach ihr sehen, da bewegt sie sich schon wieder; entweder ist sie nicht schlimm verletzt oder vom Adrenalin aufgeputscht. Sie tritt mich so heftig gegen den Arm, dass ich vom Ellbogen abwärts nichts mehr fühle und mir die Pistole aus der Hand fliegt.

Wir stürzen ihr beide hinterher. Sie rammt mir den Ellbogen in den Bauch und verfehlt knapp den Solarplexus – zum Glück bin ich also nicht halb tot, sondern nur am Keuchen. Ich zwinge mich weiterzukämpfen. Sie ist schon ein ganzes Stück vor mir und ich greife nach ihrem Knöchel, um sie in den Matsch zu ziehen, bevor sie die Pistole zu fassen bekommt oder nach Hilfe ruft.

Sie hat vielleicht eine gute Ausbildung, aber ich kämpfe für meine Familie, mein Zuhause, meine Freiheit. Sie kämpft bloß für ihr gottverdammtes Gehalt.

Eine Weile ist nur unser abgehackter Atem zu hören, während wir um die Wette durch den Schlamm robben. Ich schaffe es, einen Vorsprung zu gewinnen, dann umschließe ich den vertrauten Griff der Pistole meines Großvaters. Ich stoße den Ellbogen nach hinten, und sie weicht mir geschickt aus, aber das reicht mir, um mich umzudrehen und die Pistole auf sie zu richten.

Sie erstarrt.

Schockiert und völlig außer Atem blicke ich in ihre dunklen, wütend funkelnden Augen. Langsam hebt sie die Hände, sie ergibt sich.

Da höre ich auch schon das Rufen der Soldaten, die durch den Schuss alarmiert nach Eindringlingen suchen. Ich habe keine Zeit. Ich muss sie zu meinem Curragh bekommen – wenn ich sie hierlasse, wird man sie zu schnell finden und dann habe ich nicht genug Zeit, im Sumpf zu verschwinden.

Mit einem Wink mit der Pistole bedeute ich ihr aufzustehen. Ich drehe ihr den Arm auf den Rücken und drücke ihr die Pistole ins Kreuz.

Meine Finger sind nass und kleben von ihrem Blut, doch es ist zu dunkel, um zu sehen, wie viel es ist. Ich weiß, dass ich sie getroffen habe, ich habe sie fallen sehen. Aber sie ist wieder auf den Beinen, die Wunde kann also nicht besonders schlimm sein. Die Kugel hat sie wohl nur gestreift.

Ich versuche ruhig zu atmen und lausche nach den Soldaten. Von der Basis wieder zu verschwinden wird jetzt nicht mehr so leicht sein, und leider bleibt mir auch keine Zeit, mich mit Schlamm zu tarnen. Captain Chase’ dunkle Haut ist in dem schummrigen Licht kaum zu sehen, aber meine ist durch das Leben auf einem permanent wolkenbedeckten Planeten fast weiß. Ich leuchte praktisch im Dunkeln.

»Und?«, keucht sie. »Wie wirst du mich erschießen? Du könntest wenigstens den Anstand haben, aufs Herz zu zielen statt auf den Kopf. Das wäre bei meiner Beerdigung ein schönerer Anblick.«

»Sie haben sie doch nicht mehr alle, Captain«, sage ich und halte sie dicht vor mir fest. Ihre schwarzen Haare lösen sich aus dem Pferdeschwanz, kitzeln mich im Gesicht und geraten mir in die Augen. »Zu so etwas sollten Sie in dieser Gegend besser niemanden auffordern.«

»Als ob du eine Aufforderung bräuchtest«, knurrt sie, und obwohl sie total ruhig ist, kann ich beinah spüren, wie sie vor Wut schäumt. Ich darf sie nicht entkommen lassen. Sie würde mich niemals entkommen lassen. Plötzlich stößt sie mich grob zurück und wieder schießt mir der Schmerz durchs Bein.

Ich umklammere die Pistole, drücke sie ihr fester in den Rücken.

Die neuen Rekruten zum Reden zu bringen war nicht schwer, auch wenn die Sicherheitsvorkehrungen der Basis viel zu streng sind, um irgendwelche brauchbaren Informationen aus ihnen herauszubekommen. Doch Captain Chase ist eine ganz andere Nummer. Was habe ich mir nur dabei gedacht? Sean würde mich auslachen, wenn er mich jetzt sehen könnte: der größte Pazifist der Fianna, der Avons berüchtigtste Soldatin mit der Waffe bedroht.

»Dein schönes Gesicht werde ich auf jeden Fall überall wiedererkennen, das ist dir doch wohl klar.« Neben ihrer Wut höre ich eine selbstgefällige Zufriedenheit in ihrem Ton. Als wäre Recht zu haben das Einzige, was zählt, auch wenn es bedeutet, dass sie am Ende tot ist. »Das Problem musst du irgendwie loswerden.«

»Póg mo thóin, trodaire«, murmele ich und verstärke den Griff um ihren Arm. Leck mich am Arsch, Soldatin.

Captain Chase antwortet mit einer Reihe von Flüchen, die ich nicht verstehe, weil ich die Sprache nicht kenne. Sie sieht nicht gerade aus, als hätte sie irische Wurzeln, von daher wird sie wahrscheinlich keine Ahnung haben, was ich gesagt habe. Aber sie hat es an meinem Ton gemerkt, genau wie ich an ihrem höre, dass sie mich auf … Chinesisch beschimpft? Ihrem Aussehen nach zu urteilen könnte sie chinesischer Abstammung sein, aber bei den Leuten, die nicht von hier sind, ist das immer schwer zu sagen. Sie versucht sich mir zu entwinden, aber es gelingt ihr nicht und sie keucht vor Schmerzen, als die Bewegung an ihrer Wunde zerrt. Ein Glück, dass meine Kugel sie erwischt hat, sonst könnte ich sie wahrscheinlich nicht unter Kontrolle halten. Sie ist noch stärker, als sie aussieht.

Meine Gedanken rasen. Es ist noch nicht vorbei. Wenn ich mir schnell etwas einfallen lasse, kann ich das hier immer noch zu meinem Vorteil wenden. Die Rekruten in der Bar wussten vielleicht nichts von der versteckten Anlage im Osten, aber jetzt habe ich einen Captain, und zwar einen, der schon länger auf Avon ist als jeder andere Soldat. Wer wäre besser geeignet mir Informationen darüber zu beschaffen als das Wunderkind der Armee?

Die Anlage macht mir zu viel Angst, als dass ich sie ignorieren könnte. Bis vor ein paar Stunden hatte ich sie noch nie gesehen. Keine Ahnung, wie man so eine Anlage überhaupt geheim halten kann. Auf einmal war sie da, mit Zäunen und Scheinwerfern drum herum. Von außen war nicht zu erkennen, was sich darin befindet: Waffen, neue Drohnentechnologie oder was auch immer sie ausgeheckt haben, um uns Fianna zu vernichten. Bis wir wissen, warum die Anlage da ist, bedeutet jede Minute Gefahr.

Ich stoße Captain Chase weiter vorwärts, in Richtung der Außengrenze der Basis. Wir halten uns im Dunkeln, fern von den Überwachungskameras. »Schon mal die Schönheit der äußeren Sümpfe gesehen?«

»Da wird man meine Leiche wohl nie finden. Ganz schön clever.«

»Weiß Ihr Armee-Psychiater eigentlich von Ihrer Todesbesessenheit?«

»Ich wollte nur helfen«, grummelt sie. Wir sind nicht weit von der Stelle entfernt, an der ich mich durch den Zaun geschlichen habe. Auf einem technisch weiter entwickelten Planeten wäre die Basis garantiert mit Lasern und sechs verschiedenen Alarmsystemen gesichert, aber hier am Rande der Zivilisation müssen sich die Soldaten mit Drahtzäunen und Fußpatrouillen begnügen. Das Kommandozentrum gibt so wenig Geld wie möglich für die Ausrüstung aus und das sieht man. Noch dazu haben die letzten Monate des Waffenstillstands die Soldaten faul werden lassen. Ihre Patrouillen sind längst nicht mehr das, was sie mal waren.

Von der anderen Seite des Geländes höre ich die Rufe der Suchtrupps, aber hier, wo sich die Militärbasis an die Stadt schmiegt, ist es ruhig. Die Soldaten denken immer, die Rebellen würden aus dem Sumpf kommen. Als wären wir zu dumm, um die Basis herumzulaufen und von der Stadtseite einzudringen, wo sie weniger gut geschützt ist.

Jubilee denkt offenbar im selben Moment an die Suchtrupps – sie holt tief Luft, vermutlich um zu schreien, und ich drücke ihr warnend den Pistolenlauf in den Rücken. Einen langen, angespannten Moment stehen wir beide still, während sie anscheinend noch mit der Entscheidung ringt, loszuschreien oder nicht. Ich bete zu Gott, dass sie es nicht tut. Schließlich schnaubt sie frustriert.

Ich trete gegen den Drahtzaun, bis ich die Stelle mit dem Loch finde, und schon sind wir außerhalb ihres Territoriums. In der Dunkelheit vor uns erstreckt sich der Sumpf, tausend sich langsam fortbewegende Bäche und Flüsse und dazwischen Felsen und Schlamm. Das Wasser ist genauso schlammig wie das Land und zu großen Teilen von umhertreibenden Schilfgrasklumpen und verrottenden Algen bedeckt. Nur die Einheimischen wissen, wo man auf festen Grund treten kann. Die Wasserwege verändern sich ständig, mal werden sie tiefer, mal flacher, und verbinden sich immer wieder neu, während Schlamm und Algen ihnen träge folgen.

Der Sumpf ist jetzt pechschwarz, die permanente Wolkendecke schirmt jedes bisschen Licht von den Sternen ab. Es heißt, es gäbe auch ein paar Monde irgendwo da oben, die das Wasser mal in diese, mal in jene Richtung fließen lassen. Aber ich habe sie noch nie gesehen – nur die Wolken, immer nur die Wolken. Avons Himmel ist nie blau.

Mein Curragh liegt in der Nähe des Zauns ans matschige Ufer gezogen. Das flache Boot aus robustem Plastin steht im krassen Gegensatz zu den Patrouillenbooten vom Militär, aber ich gelange damit völlig geräuschlos an Orte, von denen die Soldaten noch nicht einmal wissen, dass es sie gibt.

Ich stoße Captain Chase vor mir her und sie knurrt wortlos. »Die meisten Leute finden mich sehr charmant«, sage ich, in der Hoffnung, sie damit von möglichen Fluchtgedanken abzulenken. »Sogar Sie wirkten vorhin in der Bar, als wären Sie scharf auf mich, Jubilee.« Sie schnaubt. Anscheinend mag sie es nicht, wenn ich sie mit dem Vornamen anrede – gut. Noch eine Möglichkeit, sie aus dem Konzept zu bringen. »Vielleicht müssen Sie mir einfach eine zweite Chance geben.«

Ich schubse sie ins Curragh und trete den Deckel des Benzinkanisters ab. Das Benzin, das wir auf Avon verwenden müssen, ist so giftig, dass ich es bis hierher riechen kann, aber ich packe sie am Kragen und drücke ihren Kopf zum Kanister runter. Sie holt Luft, um zu protestieren, und atmet dabei die Dämpfe ein. Als sie begreift, was ich vorhabe, hat sie bereits genug inhaliert, dass ihr Körper ihr nicht mehr gehorcht. Sie versucht mich wegzustoßen, aber da geben ihre Beine auch schon unter ihr nach und sie fällt auf den Bootsboden.

Kurz sehen wir uns in der Dunkelheit an. Mit wildem Blick kämpft sie darum, bei Bewusstsein zu bleiben, versucht sich auf den Ellbogen zu stützen. Dann ist sie weg und ihr Kopf knallt gegen den Bootsrumpf. Vorsichtig beuge ich mich vor und ziehe ihre Augenlider hoch, doch sie ist tatsächlich ohnmächtig. Sie wird entsetzliche Kopfschmerzen haben, wenn sie aufwacht, aber das ist besser, als ihr eins überzuziehen und dabei meine Kraft womöglich nicht richtig einzuschätzen. Ich will sie schließlich nicht umbringen.

Ich beeile mich die Pistole zu sichern und in den Hosenbund zu stecken, dann stoße ich uns vom Ufer ab. Das Curragh gleitet schnell und still übers Wasser. Solange ich die Suchschweinwerfer der Militärbasis hinter uns tanzen sehe, kann ich nicht riskieren ein Licht anzumachen, also hole ich die Stange unterm Dollbord hervor und steuere nach Gefühl, indem ich immer wieder leicht vor und neben dem Boot ins Wasser steche, damit wir auf Kurs bleiben, uns von der Gefahr entfernen.

Die ganze Zeit rechne ich damit, eine Hand am Knöchel zu spüren oder von Captain Chase in die Magengrube getreten zu werden, aber sie rührt sich nicht.

Als ich die Lichter der Basis nicht mehr sehe und keine Rufe mehr übers Wasser dringen, zünde ich die Laterne an. Wir tarnen unsere Laternen immer mit Algen, die dem Licht eine unheimliche grün-braune Färbung geben. Falls die Soldaten mal eins unserer Boote oder Signallichter sehen, werden sie es für eins der Irrlichter halten, die sie so fürchten.

Allerdings würde niemand, der schon mal ein richtiges Irrlicht gesehen hat, unsere Laternen damit verwechseln.

Ich hänge die Laterne an den Haken am Bug und wende mich wieder der bewusstlosen Trodaire zu. Aus dieser Nummer komme ich nicht mehr raus. Ganz gleich ob sie das, was im Niemandsland östlich der Basis vor sich geht, erklären kann: Sie weiß jetzt, wie ich aussehe. Sie kennt vielleicht noch nicht meinen Namen, aber wenn sie erst einmal die Verbindung zu meiner Schwester hergestellt hat, wird sie mich wahrscheinlich so lange jagen, bis sie meinen Kopf auf dem Silbertablett präsentieren kann – und sie müsste noch nicht mal ihren sogenannten Furor als Entschuldigung heranziehen, um mich in Stücke zu reißen.

Sollten dagegen wir Captain Chase töten, wäre das ein herber Schlag für die Trodairí und ein Triumph für uns. Mir fallen auf Anhieb mindestens zwei Dutzend Fianna ein, die sie sofort erschießen würden und heute Nacht trotzdem ruhig schlafen könnten. Wenn ich mit ihrer Leiche zurückkäme, wäre ich ein gefeierter Held.

Langsam atme ich aus und fahre mit dem Daumen über die Pistole in meinem Hosenbund. Doch das wäre der Weg in denselben Abgrund, aus dem es schon meine Schwester nicht mehr herausgeschafft hat.

Ich habe über Captain Chase bereits mehr Geschichten gehört als über zehn andere Trodairí zusammengenommen. Angeblich ist sie die Einzige, der das, was die Soldaten Avons Furor nennen, nichts anhaben kann. Wahrscheinlich weil sie es nicht nötig hat, den Furor als fadenscheinige Ausrede zu benutzen, um Gewalt gegen mein Volk zu verüben – den Geschichten zufolge ist die Gewalt ihr praktisch zur zweiten Natur geworden. Es heißt, sie hätte die Widerstandszelle an der Südgrenze des TerraDyn-Territoriums ganz allein ausgemerzt. Dass ihre Soldaten am schnellsten reagieren, immer als Erste da sind, die erbarmungslosesten Kämpfer sind. Dass Captain Chase Rebellen bei lebendigem Leibe häutet.

Was das Letzte angeht, war ich mir nicht so sicher, ob es wirklich stimmt – bis ich meine Pistole auf sie gerichtet und ihren Blick gesehen habe. Aber mindestens eine der Geschichten ist wahr. Eine Woche nachdem sie das Kommando übernommen hatte, wurde meinem Cousin Sean beinah von jemandem aus ihrem Zug der Kopf weggepustet. Und als ich ihn fragte, wie Captain Chase so wäre, hat er gesagt, sie würde wahnsinnig heiß aussehen. Womit er Recht hat. Wenn sie doch nur keine Auftragsmörderin wäre.

Ich hoffe, sie verrät mir, was sie über die Anlage weiß – vielleicht kann sie mich sogar hineinschmuggeln –, und dann muss ich sie irgendwie loswerden. Zumindest werde ich einen Vorsprung haben, wenn die Jagd beginnt.

Ich reiße den Blick von ihr und konzentriere mich wieder auf das Staken des Bootes. Das Curragh gleitet ruhig durchs Wasser, das nur vom schwachen Schein der grünen Lampe beleuchtet wird. Ich müsste mich eigentlich mit jedem Meter, den ich mich von den Lichtern der Basis entferne, besser fühlen, aber ich weiß, dass das hier kein Sieg ist. Sobald die Soldatin in meinem Boot aufwacht, wird sie sich durch nichts davon abhalten lassen, mich umzubringen. Und wenn der Rest der Fianna erfährt, dass ich Captain Chase habe, werden sie sich durch nichts davon abhalten lassen, Captain Chase umzubringen. Der Waffenstillstand wird vorbei sein und meinem Volk ein Krieg aufgezwungen, den wir nicht gewinnen können.

Ich muss mich beeilen.

Diesmal besteht der Traum nur aus Bruchstücken, aus rasiermesserscharfen Splittern, die nicht zusammenpassen und ihre Erinnerung in Stücke schneiden. Das Mädchen ist auf Paradisa und sie klettert eine Wand hoch. Die Zeit ist um, ruft der Sergeant, und ihre Arme zittern vor Erschöpfung, ihre Füße suchen auf dem Plastin nach Halt.

Sie würde gern loslassen und sich fallen lassen. Doch wenn sie hinunterblickt, steht da ihre Mutter, wie immer müde seufzend, einen leicht enttäuschten Ausdruck auf dem Gesicht. Ihr Vater ist da, die Hände schmutzig von Motoröl, im Kopf ein Einschussloch.

Wieder schreit der Sergeant sie an, dass sie aufgeben soll, und diesmal schreit sie zurück und verwendet dabei ein Wort, für das sie später eine Woche lang Schützengräben ausheben darf.

Da unten sind zu viele Geister, um loszulassen.

3

Jubilee

Ich habe einen höllischen Kater. So wie mein Kopf dröhnt, muss ich gestern Abend bei Molly ganz schön viel getrunken haben. Aber das ist unmöglich. Meinen ersten und letzten Kater hatte ich, als ich drei Wochen vor meinem sechzehnten Geburtstag endlich zur Grundausbildung zugelassen wurde und eigentlich noch gar nicht trinken durfte. Aber nachdem ich drei Jahre lang erfolglos versucht hatte zur Armee zu kommen, indem ich log, was mein Alter anging, drückte man jetzt ein Auge zu. Was waren schon drei Wochen? Ich würde wahrscheinlich sowieso innerhalb des nächsten Jahres sterben. Da kann man dem Kanonenfutter auch vorher ein paar Biere gönnen.

Aber einmal hat mir gereicht. Dabei war es gar nicht das Betrunkensein an sich oder der Kater danach – was mir nicht gefallen hat, war, dass ich an meinem ersten Ausbildungstag keine volle Leistung bringen konnte. Damals hieß das nichts weiter, als bei meinen Ausbildern nicht den besten Eindruck zu hinterlassen und von meiner Sparringspartnerin in weniger als einer Minute auf den Boden gedrückt zu werden. Keine große Sache also.

Aber hier draußen kann nicht hundertprozentig da zu sein den Tod bedeuten. Und seitdem habe ich mir nie mehr als ein paar Drinks am Abend genehmigt.

Warum ist mir dann so schlecht, dass ich mir meinen Mageninhalt am liebsten noch mal durch den Kopf gehen lassen würde?

Der Boden unter mir schwankt und meine Augenlider fühlen sich an wie aus Sandpapier. Trotzdem öffne ich sie. Über mir sehe ich die leere, grauschwarze Weite von Avons immer gleichem Nachthimmel. Als ich mich aufsetzen will, falle ich gleich wieder um und der Boden unter mir schwankt noch heftiger; meine Hände sind irgendworan festgebunden. Ein heftiger Schmerz fährt mir in die Seite und da fällt mir wieder ein, dass ich von einer Kugel getroffen wurde.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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