Thomas & Mary - Tim Parks - E-Book

Thomas & Mary E-Book

Tim Parks

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Beschreibung

30 Jahre sind Thomas und Mary verheiratet. Sie haben zwei Kinder, einen Hund, ein Haus im Grünen. Aber nach Jahren des Auseinanderlebens kommt es – endlich – zu einer Entscheidung. In dieser umgekehrten Liebesgeschichte erzählt Tim Parks, was passiert, wenn die Zuwendung und Hingabe, die ein Paar am Anfang füreinander hatte, sich verwandelt: in lange Spaziergänge mit dem Hund, in die Vermeidung, zur gleichen Zeit ins Bett zu gehen, in Spannungen, wer die Kühlschranktür offen gelassen oder den Tisch nicht abgeräumt hat. Zwischen Komödie und Tragödie pendelt dieser wunderbar leichte Roman, in dem 30 Jahre Ehe mit kühlem Kopf und warmem Herzen überprüft werden, die Abhängigkeiten, die Zärtlichkeit, der Verrat. Es ist die leidenschaftlich intime Chronik einer Ehe, die Tim Parks erzählt, wie sie vielen Leserinnen und Lesern bekannt sein dürfte. Und wie er die Ausläufer des schmerzlichen Verlusts schildert, der durch die ganze Familie geht, wenn das Paar im Grunde seiner Herzen beschlossen hat, dass es vorbei ist – das macht ihm keiner nach.

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Seitenzahl: 436

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ZUM BUCH

Thomas und Mary – eine Liebesgeschichte, die mit einer Trennung beginnt: zärtlich und unsentimental, mal komisch, mal tragisch. Wie das Leben.

30 Jahre sind Thomas und Mary verheiratet. Sie haben zwei Kinder, einen Hund, ein Haus im Grünen. Aber nach Jahren des Auseinanderlebens kommt es – endlich – zu einer Entscheidung.

In dieser umgekehrten Liebesgeschichte erzählt Tim Parks, was passiert, wenn die Zuwendung und Hingabe, die ein Paar am Anfang füreinander hatte, sich verwandelt: in lange Spaziergänge mit dem Hund, in die Vermeidung, zur gleichen Zeit ins Bett zu gehen, in Spannungen, wer die Kühlschranktür offen gelassen oder den Tisch nicht abgeräumt hat.

Zwischen Komödie und Tragödie pendelt dieser wunderbar leichte Roman, in dem 30 Jahre Ehe mit kühlem Kopf und warmem Herzen überprüft werden, die Abhängigkeiten, die Zärtlichkeit, der Verrat. Es ist die leidenschaftlich intime Chronik einer Ehe, die Tim Parks erzählt, wie sie vielen Leserinnen und Lesern bekannt sein dürfte. Und wie er die Ausläufer des schmerzlichen Verlusts schildert, der durch die ganze Familie geht, wenn das Paar im Grunde seiner Herzen beschlossen hat, dass es vorbei ist – das macht ihm keiner nach.

ÜBER DEN AUTOR

Tim Parks, geboren in Manchester, wuchs in London auf und studierte in Cambridge und Harvard. Seit 1981 lebt er in Italien. Seine Romane, Sachbücher und Essays sind hochgelobt und mit vielen Preisen ausgezeichnet, u.a. den Somerset Maugham, Betty Trask und Llewellny Rhys Awards. Er unterrichtet Literarisches Übersetzen an der Universität Mailand, schreibt für den New Yorker und die New Review of Books, und seine Übersetzungen umfassen die Werke von Moravia, Calvino, Calasso, Tabucchi und Machiavelli. Zuletzt erschien Worüber wir sprechen, wenn wir über Bücher sprechen (Kunstmann 2016).

Tim Parks

THOMAS & MARY

Roman

Aus dem Englischenvon Ulrike Becker

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

 

 

 

 

 

Diese Geschichte ist frei erfunden. Namen, Personen, Orte und Ereignisse entstammen entweder der Fantasie des Autors oder wurden verfremdet und auf fiktive Weise benutzt. Etliche Leser werden im Verlauf des Buches Ähnlichkeiten mit ihrem eigenen Leben oder dem Leben von Menschen, die sie kennen, feststellen. Solche Ähnlichkeiten mögen tatsächlich bestehen, doch sind sie rein zufällig. Weder Thomas und Mary noch ihre beiden Kinder, noch ihr Umfeld in den Vororten von Manchester hat es je gegeben.

RINGE

SO HAT THOMAS SEINEN RING VERLOREN. Sie waren in Blackpool am Strand und hatten beide Lust, ein Stück rauszuschwimmen, konnten aber wegen der Kinder nicht gemeinsam ins Wasser gehen, denn die konnten nicht schwimmen und hatten sowieso schon gebadet und wollten jetzt nur noch neben dem Windschutz im Sand spielen. Also vereinbarten sie, sich abzuwechseln. Er zuerst. Und weil sich seine Haut im kalten Wasser leicht zusammenzog und glitschig wurde, nahm er seinen Ring ab, damit er ihn nicht verlor. Er wollte ihn nicht verlieren. Er war aus reinem Gold. Thomas schwamm ausgiebig, kam zurück, zog sich an und fragte Mary nach dem Ring, doch sie runzelte die Stirn und sagte, sie habe ihn nicht. »Ich habe ihn dir doch gegeben«, sagte er. »Nein, hast du nicht.« Sie meinte, er müsse ihn wohl in eine seiner Taschen gesteckt haben. »Aber ich weiß es genau!« »Wieso siehst du dann in deinen Hosentaschen nach?«, fragte sie lächelnd.

Der Ring war nicht in seinen Sachen. Er war überhaupt nicht zu finden. Sie vermutete, dass er ihn vielleicht irgendwo versteckt hatte. »Wenn ich ihn versteckt hätte, müsste ich das doch noch wissen, oder?«, sagte er. Wieder lachte sie. »Du vergisst alles Mögliche!« »Vielleicht hast du ja vergessen, dass ich ihn dir gegeben habe«, sagte er. Sie schüttelte den Kopf. Im Gegensatz zu ihm vergaß sie nie etwas. Sie war nicht so. Er war der Vergessliche, der oft Zerstreute.

Thomas suchte im Sand, zuerst an der Stelle, wo er sich umgezogen hatte, dann um die Stangen des Windschutzes herum. Wenn er den Ring tatsächlich versteckt hatte, dann mit Sicherheit direkt neben einem Fixpunkt. Mary sagte, die Kinder hätten den Windschutz versetzt. War ihm nicht aufgefallen, dass der Wind sich gedreht hatte? In Thomas machte sich langsam Panik breit, denn er hatte das Gefühl, ein Ehering war etwas Wichtiges, Symbolisches, ganz abgesehen vom Geld. »Ich habe ihn extra abgenommen«, beschwerte er sich, »um ihn nicht zu verlieren.«

Er nahm eine Schaufel von den Kindern und fing an, dort zu graben, wo der Windschutz seiner Meinung nach vorher gewesen war. Da doch nicht, dachte Mary. Sie war jetzt dran mit Schwimmengehen und machte sich auf den Weg in Richtung Wasser. »Können wir mithelfen, Daddy?«, fragten die Kinder. Mark hockte sich hin und schaufelte mit den Händen den Sand zwischen seinen Beinen hinter sich wie ein Hund. »Hör auf!«, kreischte Sally. »Wisst ihr denn nicht mehr, ob ich ihn Mum gegeben oder ihn versteckt habe?«, fragte Thomas die beiden. Sie hatten keine Ahnung. Als seine Frau zurückkam, hatten sie eine Fläche von ungefähr fünf Quadratmetern umgegraben. »Mein Handtuch ist ganz sandig«, beschwerte sie sich. »Dinge können doch nicht einfach verschwinden«, jammerte Thomas. Während Mary sich abtrocknete, sagte sie kopfschüttelnd: »Irgendwie hast du es offenbar geschafft, ihn zu verlieren.«

Später sahen sie ein paar Hundert Meter entfernt einen Mann am Strand, der den Sand um die Pierpfosten herum mit einem Metalldetektor absuchte. Thomas bot ihm eine Belohnung an, wenn er seinen Ring fände, und gemeinsam gingen sie am Strand entlang zurück. »Ich dachte, ich hätte ihn meiner Frau zur Aufbewahrung gegeben«, erklärte Thomas, »aber sie meint, ich muss ihn in meinen Sachen versteckt haben. Vermutlich ist er in den Sand gefallen, aber ich kann ihn nicht finden.« Unterwegs erzählte ihm der Mann, wie viele Ringe er mit seinem Detektor bereits gefunden hatte; auch einige, die schon vor Jahrzehnten verloren worden waren. Und Münzen. Taschenmesser. Einmal sogar eine Handgranate.

Als sie an der Stelle ankamen, war Thomas sich nicht mehr sicher, ob es die Stelle war. Die Flut kam schnell. Die anderen Leute waren schon gegangen. Alles sah anders aus. Doch der Metalldetektor fing praktisch sofort an zu piepen. Thomas’ Herz machte einen Satz. Der Mann buddelte die Aufreißlasche einer Coladose aus. Am Ende hatten sie ein halbes Dutzend Dosenlaschen, eine Blechschraube und einen altmodischen Dosenöffner gefunden.

Nach einer weiteren Woche Sonne und Strand war an seinem Finger keine Spur mehr von dem Ehering zu sehen. Die Kinder buddelten weiter im Sand danach, fanden aber nichts. Im selben Jahr, kurz vor Weihnachten, fiel Thomas auf, dass Mary ihren Ehering auch nicht mehr trug. »Ich dachte«, erklärte sie, »wenn du deinen nicht mehr trägst, wozu soll ich dann meinen noch tragen?« »Aber ich habe meinen verloren, ich kann ihn nicht tragen.« »Du hättest dir ja einen neuen kaufen können«, sagte sie. Sie hatte recht, dachte Thomas, aber er war sich nicht sicher gewesen, ob das das Gleiche war. »Du hast nicht gesagt, dass ich mir einen neuen kaufen soll«, stellte er fest. Sie fragte, ob man ihm das sagen musste?

Je länger Thomas darüber nachdachte, desto betrübter wurde er. Dennoch, er wollte eigentlich keinen neuen Ring kaufen. Irgendwie kam es ihm so vor, als ließe sich das Problem nur lösen, wenn er noch einmal ans Meer fahren und den alten 22–karätigen goldenen Ring, auf dessen Innenseite ihre Namen und ihr Hochzeitsdatum eingraviert waren, wiederfinden und ihn sich an den Finger stecken würde; dann würde die Welt wie von Zauberhand wieder so sein wie zuvor. Wie viele Jahre zuvor.

Das passierte nicht.

BETTZEITEN

MONTAGABEND, 22.30 UHR. Thomas sitzt mit dem Laptop auf dem Sofa und arbeitet. Mary hat bis eben mit einer Freundin geskypt.

Wenn er den ganzen Abend arbeitet, kann ich ebenso gut ins Bett gehen, denkt Mary und geht ohne ein Wort nach oben. Thomas folgt ihr um Mitternacht, als sie schon fest schläft, das Gesicht zur Wand gedreht.

Dienstagabend, 22.45 Uhr. Mary beschließt, dass der Hund, Ricky, noch einmal rausmuss. Thomas, der sich im ehemaligen Spielzimmer ein Champions-League-Spiel angeschaut hat, geht ins Wohnzimmer zurück und findet es leer vor. Wenn sie mit dem Hund spazieren ist, kann ich ebenso gut ins Bett gehen, denkt er. Mary folgt ihm um Mitternacht, als er schon fest schläft, das Gesicht zur Wand gedreht.

Mittwochabend, 23.00 Uhr. Thomas ist noch mit seinem Freund Alan beim Billard. Mary denkt, da kann sie ebenso gut gleich schlafen gehen und nimmt ihren Hund Ricky mit nach oben, damit er sich in seinen Korb auf ihrer Seite des Bettes legen kann. »Schlaf jetzt«, sagt sie zu ihm, als er seine kalte Schnauze unter die Bettdecke schiebt. »Bett, Ricky! Bett!« Thomas folgt ihr um 1.30 Uhr, als sie schon fest schläft, das Gesicht zur Wand gedreht.

Donnerstagabend, 21.30 Uhr. Thomas und Mary sitzen im Wohnzimmer und lesen, er auf dem Sofa, sie auf ihrem Platz am Tisch. Er liest einen Roman von Haruki Murakami, sie ein Buch über die Abrichtung von Cockerspaniels. Ungewöhnlicherweise kommt ihr Sohn Mark nach unten. Hier ist es wärmer, sagt er und klappt seinen Computer auf, um sich einen Film anzusehen, mit Kopfhörern. Der Junge ist vierzehn. Thomas blickt auf und sagt, er würde den Film auch gern sehen, wenn Mark nichts dagegen hat. Mark wendet ein, dass ihm der Film nicht gefallen wird, aber Thomas meint, er will wenigstens mal eine halbe Stunde reinschauen, wenn das okay ist. Mark sagt, na schön und zieht die Kopfhörer raus. Thomas fragt Mary, ob sie den Film auch mitschauen möchte. Mary meint, vor dem Laptop ihres Sohnes ist wohl kaum Platz genug für drei. Mark sagt, sie könnten den Film ja auf dem Fernseher im Spielzimmer gucken. Mary sagt, im Spielzimmer ist es zu kalt für einen ganzen Film, und beschließt, mit Ricky einen Spaziergang zu machen. Thomas findet den Film langweilig, dumm und erschreckend gewalttätig. Es ist schön, neben seinem Sohn zu sitzen, doch um 22.30 Uhr verdrückt er sich und geht zu Bett. Mary folgt ihm um 23.30, als er noch nicht schläft, aber so tut als ob, das Gesicht zur Wand gedreht.

Freitagabend, 19.30 Uhr. Mary hat sich mit ihren Freunden vom Hundeauslauf verabredet. Sie fragt Thomas, ob er mitkommen möchte. Es würde ihm bestimmt Spaß machen, ihre Freunde kennenzulernen, meint sie, und sie würden ihn auch gern kennenlernen. Thomas zögert – er möchte die Leute aus dem Hundepark nicht kennenlernen; das ist nicht seine Welt, sagt er; er wird mit Ricky rausgehen, während sie im Pub ist. Mary wiederholt, dass ihr Sohn mit dem Hund rausgehen kann, damit Thomas mit in den Pub kommen und ihre Freunde treffen kann. Er wiederholt, dass es nicht ganz seine Welt ist. Er muss auch noch arbeiten. Schließlich führt er ein langes Skype-Gespräch mit einem alten Freund. Um sich nicht wieder schlafend stellen zu müssen, denn das ist ihm unangenehm, geht er früh zu Bett. Mary folgt ihm um 23.30 Uhr und schert sich nicht darum, ob er schläft oder nicht, denn sie hat einem Mann, von dem sie glaubt, dass er eine Affäre hat, ohnehin nichts zu sagen.

Samstagabend. Mary sagt, es läuft ein guter Film in dem Kino, das nur zehn Minuten mit dem Auto entfernt ist. Sie fragt ihre Tochter, ob sie hingehen möchte, aber sie möchte nicht. Also fragt sie Thomas, ob er mitgehen will. Thomas erkundigt sich genauer, was für ein Film es ist, sie erzählt es ihm und er beschließt, dass er Lust hat, diesen Film zu sehen, also gehen Thomas und Mary ins Kino und schauen sich den Film an, der We Need to Talk about Kevin heißt, und beide finden ihn bis zu einem gewissen Punkt gut, und dann gehen sie noch auf einen Drink in eine Bar und reden ziemlich lange über den Film und über ihre Kinder und ihr Verhältnis zu ihren Kindern, denn in dem Film geht es hauptsächlich um Eltern und um die schrecklichen Fehler, die man bei der Kindererziehung machen kann, und beide stellen fest, wie schön es ist, miteinander zu plaudern, und was für eine gute Idee es war, gemeinsam auszugehen, um sich einen Film anzuschauen. Als sie nach Hause kommen, fragt Mary Mark, ob er mit dem Hund draußen war, und Mark sagt, ja, vor etwa zwei Stunden, und Mary sagt, da sie wesentlich später nach Hause gekommen sind als geplant, hat sie das Gefühl, der Hund sollte noch einmal kurz raus, und behält ihren Mantel gleich an. Sie fragt Thomas, ob er mitkommen möchte auf einen kurzen Spaziergang mit dem Hund, nur kurz einmal um den Block, aber er meint, er will lieber seine E-Mails checken, denn es gibt ein Problem mit einem amerikanischen Kunden seiner Firma, und um diese Zeit kommen die meisten Mails aus den USA, denn dort endet bald der Arbeitstag, also geht Mary alleine los. Wie sich herausstellt, ist keine Mail aus den USA eingetroffen. Thomas versendet ein paar private E-Mails und SMS und wartet auf Mary, die jeden Augenblick wiederkommen müsste, aber nach vierzig Minuten ist sie immer noch unterwegs. Thomas ist hin- und hergerissen, beschließt aber jetzt, dass er ebenso gut zu Bett gehen kann, und schläft tatsächlich schon fest, als ihm seine Frau eine halbe Stunde später folgt. »Tom«, sagt sie, um festzustellen, ob er vielleicht noch reden möchte, doch er gibt keine Antwort, er schnarcht nur mit dem Gesicht zur Wand leise vor sich hin.

Am Sonntagabend geht Thomas immer mit einem oder beiden Kindern Burger essen oder auch in ein Restaurant, je nachdem, was sie gerne möchten, und da seine Tochter heute Abend zu Hause ist, geht er mit beiden Kindern in ein Burgerlokal. Er fragt seine Frau, und die Kinder fragen ihre Mutter, ob sie mitkommen will, aber sie sagt Nein, sie will eigentlich keinen Burger essen gehen, die machen nur dick; die Kinder schlagen vor, sie könnte doch einfach einen Salat bestellen, was spricht dagegen?, und sie sagt, es hat keinen Sinn, auszugehen und Geld für einen Salat auszugeben, wenn sie den ebenso gut zu Hause essen kann, also sagen sie, dann gehen wir eben in ein richtiges Restaurant, vielleicht indisch oder japanisch, aber sie sagt, nein, geht ihr nur, sie möchte nicht essen gehen, also geht Thomas mit seinem Sohn und seiner Tochter ins Burgerlokal, wo sie fröhlich plaudern und scherzen und Burger essen und Cola trinken, und hinterher überredet Thomas die beiden noch, in ein Pub einzukehren, damit er ein Bier trinken und die Kinder sich über Musik und Freunde und Freundinnen unterhalten können, und darüber, wie man trotz der Burger und der Cola nicht dick wird, und Mark, der vier Jahre jünger ist als seine Schwester, erzählt von seinem Stress in der Schule, und Sally, die schon zu Hause ausgezogen ist, erzählt von ihrem Stress an der Uni, und sie amüsieren sich alle prächtig und lachen über ein paar Leute im Pub, von denen einer eine furchtbar schrille Stimme hat, und gegen 22.30 Uhr kommen sie schließlich nach Hause. Da es noch relativ früh ist, wundert sich Thomas, dass Mary schon zu Bett gegangen ist. Er setzt sich an seinen Computer, um seine E-Mails zu checken, während die Kinder sich ins Spielzimmer verziehen, um dort mit einem Schlafsack auf den Knien in der Kälte zu sitzen und sich einen Horrorfilm anzuschauen, und er muss lächeln, als er sie da unten kichern hört, und beschließt, ins Bett zu gehen, wo er feststellt, dass seine Frau nicht mit dem Gesicht zur Wand schläft, sondern ein Buch liest.

Thomas ist perplex. »Zufällig die gleiche Bettzeit«, sagt sie lachend, und in ihrer Stimme liegt etwas Herausforderndes. »Ein Wunder«, stimmt Thomas zu, zieht sich bis auf Unterhose und T-Shirt aus und legt sich neben sie. Sie liest im Schein der Nachttischlampe weiter, auf ihr Kopfkissen gestützt. Thomas liegt mit dem Gesicht zu ihr auf der Seite und schaut zu. Spannung liegt in der Luft. Thomas findet, dass Mary eine gut aussehende Frau ist. Sie spürt seinen drängenden Blick. »Wie kannst du nur so viele Bücher über Hunde lesen?«, fragt er schließlich. »Hunde sind interessant«, antwortet sie sofort. »Hochinteressant. Stimmt’s, Ricky?« Sie wendet sich dem Hund zu, der in seinem Korb döst und jetzt ein seidig glänzendes Ohr aufstellt. »Apropos«, sagt sie plötzlich, »er muss vermutlich noch mal Gassi gehen. Der Ärmste.« Und sie steht aus dem Bett auf und zieht sich ihre Jeans über. Thomas schaut zu. Er hat das Gefühl, er sollte Einspruch erheben, tut es aber nicht. Vielleicht wartet sie darauf, dass er Einspruch erhebt, aber wenn dem so ist, lässt sie es sich nicht anmerken. »Meinst du wirklich, er muss noch mal raus?«, fragt er schließlich, aber jetzt ist es zu spät, der Hund rennt schon in dümmlicher hündischer Aufregung im Zimmer herum, und sie sagt: »Na komm, Süßer, komm mit!« Dann ist sie aus dem Zimmer und nach unten verschwunden.

Thomas legt sich auf den Rücken. Er hat einen schönen Abend mit seinen Kindern verbracht, aber jetzt fühlt er sich ausgelaugt und verloren. Er fragt sich, ob er auf seine Frau warten und sie zur Rede stellen soll, aber es ist nur ein flüchtiger Gedanke. Im Grunde ist sie diejenige, die ihn zur Rede stellen sollte. Das sind deprimierende Gedanken, und schließlich dreht er sich zur Wand und schläft ein. Als Mary ihn vierzig Minuten später so vorfindet, verdrückt sie ein paar Tränen, ehe sie ebenfalls einschläft. Wieder ist eine Woche vergangen. Unten im Spielzimmer fragen sich die beiden Kinder, ob sie für ihre Eltern irgendetwas tun können.

EIN GEMEINSAMER FREUND

THOMAS UND MARY haben keine gemeinsamen Freunde, obwohl sie manchmal Leute zum Essen einladen. Neulich zum Beispiel hatten sie die Eltern des Freundes ihrer Tochter eingeladen und für sie Fisch zubereitet. Leider stellte sich heraus, dass Fisch das Einzige war, was die Mutter nicht aß, tatsächlich absolut nicht essen konnte. Zu schade, denn wenn Mary schon mal für Gäste kocht, dann macht sie das im großen Stil, und diesmal hatte sie eine wirklich ausgezeichnete Lachsforelle aufgetischt, dazu eine Fischsuppe und ein paar Vorspeisen mit Fisch.

»Sie mögen keinen Fisch? Ach herrje! Hätte ich das gewusst!«

Während die anderen sich an den Tisch setzten und das eine oder andere Glas tranken, lief Mary in die Küche zurück, um für die Mutter des Freundes ihrer Tochter ein ebenso elaboriertes Menü ohne Fisch zuzubereiten. Thomas wusste, Mary machte das nichts aus, denn eigentlich legt sie keinen allzu großen Wert darauf, bei Tisch mit anderen zu plaudern. Sie isst oft allein. Aber sie ergreift gern jede Gelegenheit, ihre Kochkünste und ihre Großzügigkeit zur Schau zu stellen. Folglich war es aus Marys Sicht ein recht erfolgreicher Abend. Thomas unterhielt die Gäste, Mary kochte und räumte anschließend die Küche auf. Alles bestens.

Das war nicht immer so. Wenn Thomas’ Mutter zum Beispiel zu Besuch kam, vor allem zu Ostern oder zu Weihnachten, dann wollte sich die ältere Frau ständig nützlich machen. »Um Himmels willen, Mum! Setz dich hin«, hörte man Mary dann oft sagen. »Ruh dich aus, du bist doch im Urlaub.« Und die jüngere Frau machte sich an die Arbeit. Thomas hätte auch gern ein bisschen gekocht, mit Mary oder mit seiner Mutter oder auch alleine, aber die Küche gehörte Mary. Wenn das (elaborierte) Mittagessen dann verzehrt wurde, war die Atmosphäre am Tisch leicht angespannt. Warum? Es war einfach so. Fast das Einzige, was gesagt werden durfte, war, wie gut das Essen schmeckte. Sehr gut, wie immer. Jenseits solcher Bemerkungen lauerte der Abgrund. Mary trug auf, lief zwischen Küche und Wohnzimmer hin und her, denn wenn sie Besuch hatten, aßen sie immer am großen Tisch im Wohnzimmer. Nur ab und zu setzte sie sich auch kurz hin, ehe sie erneut aufsprang. Die Kinder schlangen das Essen hinunter und liefen eilig wieder an ihre Computer. Oft saßen alle Mitglieder der Familie stundenlang in ihren jeweiligen Zimmern vor ihren jeweiligen Computern. Dann war es friedlich im Haus.

Doch genug von Essensgästen! Wir sprachen über gemeinsame Freunde. Hatten Thomas und Mary je gemeinsame Freunde?

Ganz früher vielleicht?

Nun, Bekannte sicherlich schon. Joey zum Beispiel, durch den sie sich kennengelernt hatten. Thomas hatte Joey beim Gang durch die College-Bar an einem Tisch mit mehreren Mädchen entdeckt. Das war vor fünfundzwanzig Jahren in Durham gewesen. Joey wohnte damals im Wohnheim für Doktoranden im Zimmer gegenüber von Thomas. Hinterher bat Thomas Joey um Marys Telefonnummer, aber Joey wollte sie ihm nicht geben, denn er meinte, Mary sei seine Freundin. Am selben Abend rief Mary Thomas an, und als er fragte, woher sie seine Nummer habe, sagte sie, von Joey. »Deinem Freund«, bemerkte Thomas. »Aber nein«, sagte sie entschieden. »Wie kommst du denn darauf!« Danach hatten sie sich, soweit er sich erinnern konnte, nie mehr zu dritt getroffen, nicht mal, wenn noch andere dabei waren. Obwohl Mary sich manchmal allein mit Joey traf, und Thomas sich auch manchmal allein mit Joey traf, und sie bei diesen Gelegenheiten jeweils gut miteinander auskamen. Joey schien es nie zu stören, dass aus ihnen ein Paar geworden war. Verstehe das, wer will.

Ansonsten hatte Mary zu der Zeit, als sie sich kennenlernten, noch zwei Freundinnen, Patty und Liz – alte Schulkameradinnen aus Glasgow, in deren Gesellschaft sie ganz sie selbst sein und hemmungslos kichern konnte. Aber Mary und Thomas gingen nicht gemeinsam mit den beiden aus, oder höchstens ein, zwei Mal. Vielleicht drei Mal. Das heißt, zu Anfang hatten sie sich ein paar Mal zum Essen getroffen, aber irgendwie verstanden sie sich nicht. Vielleicht fand Mary, dass Thomas Patty ein bisschen zu viel Aufmerksamkeit schenkte. Patty verfügte über üppige Rundungen. Vielleicht hatte Thomas das Gefühl, die drei kicherten zu viel über ihn. Ständig machten sie sich über ihn lustig. Thomas war manchmal ein bisschen empfindlich. Vielleicht hatten Patty und Liz das Gefühl, dass es Zeit wurde, selbst einen Freund zu finden, statt immer nur zuschauen zu müssen, wie Mary mit ihrem herumstolzierte. Doch als sie schließlich Freunde hatten, funktionierte das Ausgehen zu viert oder zu sechst auch nicht sehr gut. Liz’ Mann war wesentlich älter und wirkte gelangweilt. Er ging auf die fünfzig zu. Pattys Freund war sensibel und fühlte sich schnell angegriffen. Ein ehrgeiziger junger Ingenieur. Und tatsächlich lästerte Mary gern über ihn, wenn sie später mit Thomas im Bett lag. Sie hatte an beiden Männern etwas auszusetzen. Ihre Freundinnen hatten eine schlechte Wahl getroffen, fand sie. Thomas pflichtete ihr bei und lästerte mit. Nicht nur über die Männer, auch über die Frauen. Es machte ihm Spaß, ihre kichernden Freundinnen herunterzuputzen. Thomas und Mary amüsierten sich köstlich. Tatsächlich ging es, wenn sie zusammen waren, oft darum, über ihre gemeinsamen Bekannten herzuziehen, was vielleicht der Grund ist, warum aus diesen Bekannten keine gemeinsamen Freunde wurden. Nachdem sie Durham verlassen hatten, fand Mary nie wieder solche Freundinnen wie Patty und Liz, schloss nie wieder Freundschaften, in denen sie ganz sie selbst sein konnte. Das musste doch etwas bedeuten.

Andere, aus denen ebenfalls keine gemeinsamen Freunde wurden, oder höchstens für sehr kurze Zeit, waren seine alten Kumpel aus dem Jugendklub der Kirchengemeinde in Bristol, wo sie kurz nach ihrer Hochzeit ungefähr ein Jahr lang gewohnt hatten. Nigel und Jenny und Timothy und Kate waren schon seit einiger Zeit feste Paare, als Mary sie kennenlernte. Thomas war mit Jenny aus dem einen und mit Timothy aus dem anderen Paar befreundet. Nicht sehr eng. Nur locker befreundet. Die Sache mit den gemeinsamen Freunden schien hier also möglich zu sein, denn weder musste Mary befürchten, dass sich diese Freundschaften gegen sie richten könnten – die beiden hatten Thomas ja nicht an sie verloren, so wie Patty und Liz vielleicht Mary an Thomas verloren hatten –, noch musste Thomas befürchten, dass Mary sich mit ihnen verbünden und über ihn lustig machen könnte. Sie waren einfach keine Menschen, die sich über andere lustig machten. Aber weil Mary und Thomas ständig über die anderen lästerten, wie sie es eigentlich mit allen Leuten, die sie trafen, machten, war die Atmosphäre dennoch getrübt. Nicht, dass sie ihnen ins Gesicht gesagt hätten, was ihnen missfiel. Sie sprachen darüber nur, wenn sie allein waren. Doch irgendetwas muss sich trotzdem vermittelt haben. Nigel war ein Wichtigtuer und Jenny war wankelmütig, Timothy war nicht minder wankelmütig, wenn auch auf andere Art, während Kate immer alle herumkommandierte, und Nigel und Jennys Küche war total chaotisch und sie kochten irgendwie schludrig und immer zu viel, aber nie genug Fleisch (ein Hähnchen für sechs Leute!), und Kates Küche – denn Timothy hatte in der Küche eindeutig nichts zu melden – war nicht direkt verwahrlost, aber irgendwie eklig, und sie kochte so trostlos und asketisch, dass man an Armee-Rationen und ungeheizte Schlafzimmer denken musste, und Timothy stellte die Weinflasche immer auf den Fußboden neben das Tischbein, sodass man sich nicht selbst bedienen konnte. Das Seltsame war, dass Thomas und Mary diese Freunde wirklich gernhatten und die gemeinsamen Abende ehrlich und aufrichtig genossen. Sie trafen sich nur nicht besonders oft mit ihnen.

Seltsam war auch, dass Thomas und Mary gar nicht auf die Idee kamen, die anderen könnten womöglich auch über sie herziehen. Vielleicht gingen sie einfach davon aus, dass alle Paare über andere Paare herzogen, und es war daher ihnen egal. Vielleicht hatten sie recht. Einmal, Jahre später, schafften sie es, mit Timothy und Kate zusammen eine Ferienreise nach Cornish zu machen, zu einer Zeit, als beide Paare zwei kleine Kinder hatten, vielleicht weil sie hofften, dass die wachsenden Spannungen zwischen ihnen – zwischen Thomas und Mary – sich in Gesellschaft anderer legen würden, aber da das nicht der Fall war, wiederholten sie das Experiment nicht. Das Problem zu viert bestand darin, sich über das Einkaufen, Kochen und Essengehen zu einigen. Timothy wollte nie essen gehen, obwohl er von ihnen allen am meisten verdiente. Und er sträubte sich dagegen, guten Wein zu kaufen. Mary fand, dass Kate zu streng mit ihren Kindern war. Sie ging nicht zu ihnen, wenn sie abends im Bett weinten. Das war Wahnsinn. Und Thomas versuchte, sich Timothy anzuvertrauen und ihm von seinen Eheproblemen zu erzählen, sogar von dem Mädchen aus der Buchhaltung, das ihm äußerst gut gefiel, aber Timothy wollte sich nicht auf solche Gespräche einlassen. Definitiv nicht. Vielleicht waren beide Paare, Nigel und Jenny und Timothy und Kate, Thomas und Mary aus dem Weg gegangen, weil sie spürten, dass es in deren Beziehung kriselte, und sich vor Ansteckung fürchteten. Doch alle freuten sich immer, auch als längst keine Verabredungen zu viert mehr stattfanden, wenn sie Thomas oder Mary alleine trafen. Das war seltsam. Und wenn sie von den nun getrennt stattfindenden Treffen zurückkamen, brachten Thomas und Mary, beziehungsweise Thomas oder Mary, genug Infos über diese alten Freunde mit nach Hause, um wie gewohnt über sie herzuziehen, und das schien mittlerweile das Einzige zu sein, was Thomas und Mary noch zusammenhielt. Nigel war ein Wichtigtuer vor dem Herrn. Timothy ließ sich von Kate nach Strich und Faden herumkommandieren. Alle außer Thomas und Mary schienen alles falsch gemacht zu haben.

All dies war sehr lange her. Eigentlich kaum zu glauben, dass es je passiert war. Heute, nach dem Umzug nach Manchester und seiner Beförderung auf einen äußerst repräsentativen Posten, hat Thomas seit über zehn Jahren nur noch einen einzigen engen Freund, mit dem sich Mary allerdings nicht treffen will. Thomas weiß, dass Mary Alan für ihren Feind hält. In Wirklichkeit stimmt das nicht. Im Gegenteil, Allan sorgt sich um sie und hat zugleich ein bisschen Angst vor ihr. Aber wie dem auch sei, es ist jedenfalls undenkbar, dass die drei sich auf einen Drink oder zum Essen treffen oder einfach zusammen einen entspannten Abend vor dem Fernseher verbringen. Thomas würde denken, dass Mary denkt, dass Alan über alles Mögliche Bescheid weiß, was Thomas ihr nicht erzählt. Und so ist es auch. Thomas und Alan spielen zusammen Tennis, trinken Bier und reden über Frauen. Manchmal dient einer dem anderen als Alibi. Von diesen fragwürdigen Entlastungen scheint die Ehe von Thomas und Mary mittlerweile weitgehend abhängig zu sein. Man stelle sich vor, sie würden einen Abend zu dritt verbringen und alles würde herauskommen. Nicht, dass Mary es nicht schon wüsste, denn irgendwie weiß sie es sicher, aber es darf unter keinen Umständen ausgesprochen werden. Ein gemeinsamer Freund könnte fatal sein.

In der Zwischenzeit hat Mary sich angewöhnt, sich mit Leuten anzufreunden, die jünger sind als sie oder charakterlich schwächer oder einfach auf einer anderen Ebene. Subaltern ist das Wort, das Thomas manchmal in den Sinn kommt, wenn er über dieses Phänomen nachdenkt. Wer sind diese Leute? Eine Putzfrau, die Schwimmlehrerin ihres jüngsten Kindes, die Frau eines Kunden, für den Mary freiberuflich arbeitet, ein Mädchen, das sie im Pilateskurs kennengelernt hat. Niemanden von ihnen würde man je zum Abendessen einladen, und umgekehrt würde man von ihnen auch nicht zum Abendessen eingeladen werden. Mary trifft sich mit ihnen zum Kaffee, zur Aerobic oder zum Spazierengehen. Oft hilft sie ihnen irgendwie. Fast so, als wären sie Kinder. Sie sind ihr dankbar. Oft macht sie ihnen Geschenke. Sie ist ein großzügiger Mensch. Aber Thomas hat so gut wie nichts mit diesen Leuten zu tun, sie interessieren ihn kein bisschen und er kann mittlerweile mit ziemlicher Genauigkeit vorhersagen, wann auch Mary von ihnen genug haben und sie wieder fallen lassen wird. So ist es nämlich. Eine Weile verhält sich Mary ihnen gegenüber extrem freundlich und großzügig, dann verliert sie urplötzlich das Interesse und beklagt sich vielleicht sogar noch, dass man ihre Freundlichkeit ausgenutzt hat. Vielleicht stimmt das auch. Thomas versucht gar nicht mehr, diese Mechanismen zu verstehen. Er hat inzwischen das Gefühl, dass sie beide Hilfe brauchen. Sie müssen vor sich selbst geschützt werden, vor welchem Gift auch immer, das ihr Eheleben so schwierig macht. Andererseits kann man auch sagen, alles geht seinen üblichen Gang, er hat den einen guten Freund, sie ihre vielen schattenhaften, unaufdringlichen Freundinnen, eine nach der anderen.

Bis sie den Hund anschaffte. Und das – ich meine den Hund – war, so könnte man sagen, der erste gemeinsame Freund, den Thomas und Mary je hatten. Obwohl es nicht von Anfang an so war.

Eines Tages verkündete Mary, sie habe beschlossen, sich einen Hund anzuschaffen. Thomas brauchte in dieser Angelegenheit offenbar nicht gefragt zu werden. Tatsächlich protestierte er nicht. Alles was Mary glücklich machte, erklärte er Alan, war ihm recht, verschaffte ihm mehr Zeit zum Tennisspielen, oder vielleicht für eine kleine Affäre, oder einfach für die Champions-League. Die Champions-League und ein paar Flaschen Beck’s waren nicht die schlechteste Art, einen Abend herumzukriegen. Solche Dinge sagte Thomas zu Alan. Doch gleichzeitig war er stinkwütend. Er wollte auf keinen Fall einen Hund.

Mary wollte einen Hund, weil sie noch nie einen gehabt hatte. Das war Grund genug. Sie hatte sich nicht schon früher einen angeschafft, weil sie es nicht für gut hielt, mit kleinen Kindern einen Hund im Haus zu haben. Hunde übertrugen Krankheiten. Aber inzwischen war Mark ein Teenager. Also wurde es Zeit für einen Hund. Nach längerer Recherche im Internet stieß Mary auf eine Cockerspaniel-Züchterin mit einem frischen Wurf. In Devon. Einen Monat später wurde Thomas gebeten, sie und ihren Sohn die vierhundert Kilometer dorthin zu fahren, damit sie sich einen Welpen aussuchen konnten. Thomas kam solchen Bitten meist pflichtschuldig nach, um sich an anderen Stellen Freiheiten herausnehmen zu können. Jeder, der sie an diesem Abend in dem Restaurant des kleinen Hotels, in dem sie übernachteten, sah, dürfte sich gefragt haben, was um alles in der Welt dieses Paar noch zusammenhalten könnte, wenn der Sohn erst aus dem Haus war. Die Antwort hieß Ricky.

Vielleicht wäre alles anders gekommen, wenn Mary den Welpen genommen hätte, den sie eigentlich haben wollte. Als sie in der Bauernküche saßen und zuschauten, wie ein halbes Dutzend Tiere übereinanderpurzelten, war Mary sofort von dem kampflustigsten, lebhaftesten Welpen angetan, dem, der herumsprang und seine Geschwister an den Fersen und hinter den Ohren zwickte, der als Erster am Futternapf und an der Trinkschale war, dem streitbaren Draufgänger und Platzhirschen. Die Züchterin hingegen zeigte auf ein flauschiges, schläfriges Knäuel im Wurf. Als dieser Welpe zur genaueren Betrachtung herausgeholt wurde, leckte er Mark mit träger Zuneigung die Finger. Der andere Hund war für einen unerfahrenen Besitzer eine zu große Herausforderung, fand die Züchterin. Mary bat um eine halbe Stunde Bedenkzeit und erklärte draußen auf dem Hof, die Züchterin wolle sie ihrer Meinung nach um den besten Hund betrügen und ihnen stattdessen eine Niete verkaufen. Mark sagte: »Mum, du bist echt komisch.« Thomas meinte, die Züchterin wolle ihnen einfach einen guten Rat geben. »Dieses andere kleine Monster wird die Teppiche zerfetzen, die Vorhänge herunterreißen und die Rosenbeete umgraben.« Auf der Fahrt nach Hause wurde der schläfrige Welpe getauft: Ricky.

Zu Anfang sieht es ganz danach aus, als würde Ricky die Ehe endgültig zum Scheitern bringen, statt sie zu retten. Da die Kinder nicht mehr viel Betreuung brauchen und Mary ihre freiberufliche Tätigkeit schon seit Langem nur noch eingeschränkt ausübt, schenkt sie dem Tier ihre ganze Aufmerksamkeit. Sie kauft Spielzeug und Leckerli und Pflegeprodukte. Sie liest Bücher. Der Hund muss draußen schlafen. Eine Hundehütte wird gekauft. Der Hund muss seine Nase in die Erde stecken dürfen; sie brauchen hinten im Garten einen Zwinger. Thomas verbringt ein volles Wochenende mit dem Bau eines Zwingers, doch kaum ist Ricky darin, jault und heult und kratzt er wie wild, bis er rausgelassen wird, woraufhin er seine Nase in die Erde der Blumenbeete steckt. Für die Blumenbeete ist Thomas zuständig. Er liebt Blumen, Büsche, Gartenscheren und Kompost. Ricky verwüstet die Blumenbeete.

Jetzt steht in einem anderen Buch, junge Hunde seien einsam, wenn man sie alleine schlafen lässt, also muss der Hund von nun an drinnen schlafen. Allerdings besteht das Problem der Alarmanlage; der Hund darf nicht im Erdgeschoss bleiben, denn dort sind die Sensoren des Einbruchalarms. Also wird der Hundekorb auf den Treppenabsatz vor dem Badezimmer gestellt und ein kindersicheres Gitter aus dem Keller geholt, mit dem der Zugang zur Treppe verschlossen wird, damit Ricky nicht nachts nach unten laufen und den Alarm auslösen kann. Um zwei, drei Mal pro Nacht ins Badezimmer zu gelangen, muss Thomas über den Hund hinwegsteigen, der davon aufwacht, ihm die Fersen leckt oder hinter ihm hertapst und ihm beim Pinkeln zuschaut.

Wie anstrengend das alles ist, denkt Thomas. Er hatte definitiv keinen Hund gewollt. Er hat in diesem teuren Haus, das seine lebenslange Arbeit eingebracht hat, nichts zu sagen. Sowohl seine Frau als auch sein halbwüchsiger Sohn sind vollkommen von einem sich zuspitzenden Konkurrenzkampf um die Zuneigung eines kleinen Vierbeiners absorbiert. Immerhin ist Ricky ein schönes Tier, und eine wahre Frohnatur. Seine schwanzwedelnde Fröhlichkeit ist ansteckend. Mary geht mit ihm morgens, nachmittags und abends Gassi. Sie entdeckt unbekannte Wege in der Umgebung. Sie findet neue, wie immer unscheinbare Freunde im Hundepark auf einem nahe gelegenen Gutshof. Im Handumdrehen wird sie die Königin der Hundeparkgemeinde. Sie unterhält Thomas mit Geschichten von anderen Hundehaltern und den Opfern, die sie für ihre Haustiere bringen. Die Geschichten sind interessant. Leute, die einen Hund haben, sind im Grunde genommen viel menschlicher als Leute, die keinen Hund haben; davon ist Mary überzeugt. Thomas kapiert, dass er zur Kategorie der Nichthundehalter gehört. An kalten Tagen nimmt sie eine Thermoskanne Tee mit in den Park. Sie bleibt stundenlang draußen. An warmen Abenden eine Flasche Wein. Sie kann Mark nicht von der Schule abholen oder zum Karatetraining bringen, weil sie mit dem Hund draußen ist. Sie geht mit Ricky zum Hundesport. In einer dreißig Kilometer entfernten Stadt. Sie geht mit ihm zum Tierarzt. Sie kann den Termin beim Tierarzt nicht absagen, nur um Thomas zum Flughafen zu bringen. Thomas nimmt ein Taxi. Er findet, der Hund ist auch so schon sportlich genug, und gesund genug auch. Wenn sie am Sonntagvormittag zusammen ins Café gehen, bestellt Mary ein Milchbrötchen, obwohl sie nie Milchbrötchen isst, und gibt es Ricky. Nicht Mark oder Thomas, der sehr gerne süße Brötchen isst. Der Hund leckt die klebrigen Krümel von ihren Fingern. Sie hebt seinen Kot von der Straße auf. Mark tollt mit Ricky auf dem Teppich herum. Mutter und Sohn streiten sich über Hygienefragen. Neuerdings jault der Hund nachts auf dem Treppenabsatz, mit dem Ergebnis, dass Mark ihn in sein Zimmer lässt. Ricky schläft auf seinem Bett; doch dann entscheidet Mary, dass Ricky bei ihnen im Schlafzimmer schlafen soll, nicht bei Mark – es ist nicht gut für einen Jungen, mit einem Hund im Bett zu schlafen. Thomas will ein Machtwort sprechen und protestieren; das nervöse Hin-und-Herlaufen des Hunds zwischen Korb und Bett, oder vielmehr Marys Hand, die sie einladend über die Bettkante schiebt, erschwert ihm das Einschlafen, und wenn er dann doch endlich eingeschlafen ist, wird er sogleich wieder von einer warmen Zunge geweckt, die über seine Nase fährt. Als er sich darüber beschwert, lacht Mary nur, und es ist dasselbe Lachen wie damals mit Patty und Liz, ein höhnisches Lachen, denkt Thomas. Also schläft Thomas unten im ehemaligen Zimmer ihrer Tochter. Mary scheint nichts dagegen zu haben. Es ist das Ende der Heuchelei, der Vortäuschung eines üblichen Ehelebens. Ist es der Anfang vom Ende?

Ab und zu geht Thomas mit dem Hund raus. Entweder hat Mary eine andere Verabredung, die sie nicht verpassen darf, oder sie muss ihre kranke Mutter oben im Norden besuchen. Sie ist ein paar Tage weg. Ricky ist klug und gehorcht Thomas besser als Mary oder Mark. Zwar hat Mary Ricky einige Kunststücke beigebracht, etwa Pfötchen geben, die Schnauze an der Hand reiben, sich auf den Rücken rollen und alle viere in die Luft strecken und andere närrische Vorführnummern. Doch wenn es ums Stillsitzen geht, oder darum, auf Rufen sofort zu erscheinen, hört er viel besser auf Thomas. Es ist schon eine Weile her, seit Thomas Gelegenheit hatte, jemandem Anweisungen zu erteilen. Selbst bei seinen Affären haben meistens die Frauen das Sagen. Es macht ihm Spaß.

»Hierher, Ricky!«

Da Thomas sich beharrlich weigert, Hundekot aufzuheben – dazu ist er zu zimperlich –, geht er mit dem Hund im Gelände spazieren, denn schließlich wohnen sie am Ortsrand von Pendlebury, wo hundert Meter hinter dem Haus die Wiesen und Felder anfangen. Dabei merkt er, wie gerne er in der Natur unterwegs ist. Auch das ist lange her. Er muss an seine Kindheit denken, als es immer einen Hund gab. Er mag das Wetter, die Landschaft, alle Wetterlagen, den Geruch der Erde, den Tau auf den Blättern, die Sonne auf den Steinen. Er mag das Leben. Ricky saust davon, kommt aber zurück, wenn er gerufen wird. Thomas schaut ihm zu. Der Hund lebt durch die Nase. Er ist vollkommen mit der Erde und dem Wind verbunden. Er ist Teil des Lebens, Teil von allem. Jetzt schlägt er sich ins Gebüsch, verfolgt einen Igel. Thomas bleibt stehen und beobachtet die Szene. In einem Gewirr aus Ästen und Zweigen kläfft der Hund den zusammengerollten Igel an. Beide Tiere sind völlig im Hier und Jetzt, das eine erregt, das andere verängstigt. Beide sind glücklicher, denkt Thomas kopfschüttelnd, als ein Mann, der sich gefangen fühlt und nicht in der Lage ist, einen Entschluss zu fassen. Ein Feigling.

An einem Sommerabend legt er sich ins Gras und schließt die Augen. Ricky kommt und leckt ihm das Gesicht. Der Hund wirkt nachdenklich, ein bisschen beunruhigt. Sein Herrchen hat sich noch nie auf die Wiese gelegt. Schließlich lässt sich das Tier neben Thomas nieder und legt den Kopf auf dessen Knöchel. Das Fell unterhalb der Kehle hat einen edlen, seidigen Glanz. Man muss schon sagen, Mary pflegt ihr Haustier bestens. Der Hund hechelt leicht und jault. »Was hältst du eigentlich von Mary?«, fragt Thomas Ricky. Seine Augen sind noch geschlossen. Der Hund zuckt, sucht vermutlich den Horizont nach etwas ab, das sich bewegt, reckt witternd die Nase in die Luft. »Sie hat viele gute Eigenschaften, findest du nicht? Wir haben so vieles zusammen gemacht.« Der Hund ist ruhig, aber äußerst präsent. Durch das warme Fell hindurch spürt Thomas das Summen des Lebens. »Ich liebe sie nicht mehr«, verkündet er. Der Hund hört zu. »Wir machen uns gegenseitig verrückt.«

Plötzlich springt Ricky auf und flitzt hinter irgendetwas her. Seine Krallen zerkratzen Thomas den Knöchel. Thomas setzt sich abrupt auf, um den Schaden zu begutachten. Der Hund rennt an einer Hecke entlang; sein goldbrauner Körper hat etwas wunderbar Zielgerichtetes an sich, wie er dort durch das staubige Grün stürmt. Thomas schüttelt den Kopf. Als Ricky zurückkommt, packt er den Hund bei den Ohren und schaut ihm in die Augen. Sein Hecheln wirkt wie Lachen. Sein Atem ist freundlich und faul. Der Blick ist fragend, optimistisch. »Was soll ich tun?«, will Thomas wissen. »Sag mir, was ich tun soll, Ricky.« Der Hund bellt kurz, schüttelt den Kopf, um sich zu befreien, schüttelt sich, als komme er gerade aus dem Wasser, wendet sich dann aber wieder um und schiebt seinem Herrchen die feuchte Schnauze in den Nacken.

»Du bist eine Trophäe«, sagt Thomas vorwurfsvoll. »Die Siegestrophäe meiner Frau. Die mich ersetzen soll. Mit der sie mir sagen will, dass sie inzwischen einen jüngeren Hund vorzieht.«

Ricky lächelt. Er weiß Bescheid.

»Was denkt sie, Ricky? Komm schon, sie ist deine Freundin. Ich wette, sie redet offen mit dir. Will sie, dass ich ausziehe? Was will Mary wirklich?«

Der Hund sitzt hechelnd da. Thomas steht auf, um nach Hause zu gehen.

»Es ist kindisch, nur wegen des Hundes woanders zu schlafen«, sagt Mary ein paar Tage später. »Im Grunde hast du ihn genauso gern wie wir. Er dient dir nur als Ausrede.«

Thomas antwortet nicht. Er bleibt im ehemaligen Zimmer seiner Tochter. Aber er verspürt den Drang, in sein altes Bett, ihr gemeinsames Bett, zurückzukehren. Genauer gesagt verspürt er den Drang, so zu tun, als sei alles in Ordnung. Neuerdings kommt der Hund, wenn er merkt, dass Thomas nicht die zweite Treppe hinauf in das gemeinsame Schlafzimmer geht, wieder herunter und kratzt an seiner Tür. Thomas macht nicht auf. Er hört, wie sowohl Mary als auch Mark in ihren jeweiligen Schlafzimmern lachen. Es ist dieses Lachen.

Oder vielleicht ist es mein Problem, denkt er.

Manchmal bleibt Mary bis elf oder noch länger mit ihrem jungen Hund und ihren unscheinbaren Freunden im Hundepark. Ricky wirkt erschöpft, wenn sie nach Hause kommen. Er schläft sofort ein. Manchmal begleitet Mark seine Mutter, aber meistens ist der Junge mit seinem Computer beschäftigt.

»Mum übertreibt es manchmal ein bisschen mit dem Hund, scheint mir«, bemerkt Thomas.

»Ricky ist ein treuer Freund«, sagt Mark trocken. Thomas betrachtet ihn eingehend. Wie viel weiß der Junge? Warum ist der Hund in ihrem Leben so wichtig geworden?

Achtzehn Monate nachdem sie den Welpen heimgebracht hatten, ist Thomas eines Abends schon fast eingeschlafen, als er Mary schreien hört. »Er wurde vergiftet. Er stirbt!«

Sie war mit dem Hund noch spät draußen gewesen, auf einem Grünstreifen unten am Hügel. Ricky hatte dort irgendetwas gefressen; und jetzt muss er sich übergeben. Er zuckt unkontrolliert. Mark kommt aus seinem Zimmer gelaufen. Es ist Sonntag, kurz nach Mitternacht. Thomas hievt sich aus dem Bett und geht die Treppe hinauf ins eheliche Schlafzimmer. Ricky hat alle viere von sich gestreckt und wird von heftigen Krämpfen geschüttelt. Planlos schnappt sich Thomas den Hund und trägt ihn nach unten. »Such im Netz nach dem tierärztlichen Notdienst!«, ruft er seinem Sohn zu. Als er am Zimmer des Jungen vorbeikommt, sieht Mark, wie sich der Hund auf dem Arm seines Vaters heftig windet.

»Er stirbt«, schreit der Junge verzweifelt. »Ricky stirbt!«

Der mittlerweile ausgewachsene Hund wirft sich in Thomas’ Armen hin und her. Mit erstaunlicher Kraft rollt er den Kopf nach hinten.

»Such nach einem Tierarzt in der Nähe«, sagt Thomas zu Mark. »Der Nachtdienst hat.«

Unten denkt er nicht an die Alarmanlage, und der Alarm geht los. Huihuihuihui.

Thomas überlässt das Problem seiner Frau und schleppt den Hund durch die Hintertür nach draußen, damit das Tier frische Luft bekommt, aber es befreit sich aus seinem Griff und bleibt hechelnd und jaulend auf dem Boden liegen. Thomas kniet sich auf den Rasen und steckt eine Hand in das Tiermaul, um festzustellen, ob dort etwas ist, oder vielleicht auch, damit der Hund sich übergibt, falls er kann. Der Hund windet sich und beißt zu. Er verletzt Thomas an der Hand. Im Halbdunkel kann man vor lauter Fell und Speichel rein gar nichts sehen. Plötzlich hört Thomas das Schluchzen hinter sich. Sein Sohn steht in seinem blauen Schlafanzug an der Hintertür und schüttelt wie wild den Kopf: »Er stirbt, er stirbt. Das ist ja furchtbar!«

»Ich hab doch gesagt, schau im Netz nach!«

Huihuihui, heult die Alarmanlage.

Mark ist außer sich. Wer hätte gedacht, dass ihm der Hund so wichtig ist? Thomas lässt den Hund los, packt seinen Sohn bei den Schultern und schüttelt ihn heftig.

Drinnen schaltet seine Frau den Alarm ab, und Marks Stimme klingt plötzlich noch lauter.

»Ricky ist tot, Dad, er ist tot, er ist tot!«

Thomas gibt dem Jungen eine Ohrfeige. »Such im Internet, verdammt noch mal! Jetzt. Tierärztlicher Notdienst. Nach Postleitzahl. Los!«

Mary kommt nach draußen. Thomas liegt auf den Knien und versucht, den Hund zu beruhigen, der jetzt würgt und den Kopf hin und her wälzt. Sie sind im Garten, auf dem Rasen, das Licht aus der Küche fällt durch die Äste des Apfelbaums. Der Hund rollt die Augen. Sie sind gelb. Er verkrampft sich, dann wird er steif und still, unheimlich still. Seine Frau weint. »Er war so ein lieber Hund, das hat er nicht verdient, er war so lieb. So ein liebes Hündchen. Das hat er nicht verdient. Wirklich nicht.«

»Fahr den Wagen aus der Garage. Und hol eine Decke.«

»Er war so ein lieber Hund. Das hat er nicht verdient.«

Thomas betrachtet den Hund, der stocksteif auf dem Rasen liegt. Ist er tot? Er hockt sich neben ihn, dreht ihn auf den Rücken und legt ein Ohr an seine Brust. Das Herz schlägt schnell. Er riecht nach Hund. Nicht ganz unglücklich über die Situation läuft Thomas ins Haus und findet seinen Sohn am Computer vor. Er hat eine Adresse.

Der Junge hat sich beruhigt. Er schaut seinen Vater jetzt anders an. »Wird er sterben?« Seine Stimme zittert.

»Keine Ahnung«, sagt Thomas und geht eilig in sein Zimmer, um seine Schuhe zu holen. Die Adresse ist am anderen Ende von Salford.

Thomas fährt schnell und effizient. Der Hund liegt zuckend auf dem Rücksitz, in eine Decke eingewickelt. Seine Frau sitzt weinend neben ihm und wiederholt ununterbrochen, was für ein lieber Hund er war. »Nicht sterben, Ricky. Bitte stirb nicht. Du darfst nicht sterben.« Das ist doch Wahnsinn, denkt Thomas. Als wäre das Tier ein Kind. Er ist kurz davor, in Lachen auszubrechen. Mache ich das alles, um den Hund zu retten, fragt er sich, oder um meiner Frau und meinem Sohn zu zeigen, auf wen in dieser Familie im Notfall Verlass ist? Es ist kein Verkehr, und das Auto rast durch die Straßen, ohne die Warnungen vor den Blitzeranlagen zu beachten. Die Adresse führt zur Haustür eines Wohnhauses zwischen zwei Geschäften. Sie müssen zweimal klingeln, ehe hinter einem der Fenster ein Licht angeht und kurz darauf der Türöffner summt.

Der Tierarzt ist ein verschlafener Inder Mitte dreißig. Er zieht sich einen weißen Kittel über, spritzt dem Hund ein Beruhigungsmittel, legt ihn auf einen Tisch und bereitet einen Tropf vor. Während er arbeitet, Fell abrasiert, ein Gummiband um ein Bein bindet, redet Mary pausenlos davon, was für ein außergewöhnlicher Hund Ricky ist, wie verspielt er ist, wie gutmütig. Hätte er bloß nicht dieses Zeug gefressen, das dort herumlag. Wer macht denn so etwas! Giftiges Essen an einem Ort wegzuwerfen, wo Hunde herumlaufen!

Thomas staunt über die Intensität der Gefühle, die seine Frau für den Hund hegt. Wie viel Liebe sie hat! Nur für Thomas nicht. »Er begrüßt mich immer ganz aufgeregt, wenn ich nach Hause komme«, erklärt sie jetzt, so als würde das den Tierarzt auch nur im Geringsten interessieren. »Er freut sich richtig, mich zu sehen.« Sie weint. Sie wischt sich die Tränen aus den Augen und putzt sich die Nase. »Er hat einen so wunderbaren Charakter.« Der Tierarzt beachtet sie gar nicht, während er eine Nadel in das Bein des Hundes einführt und die Tropfgeschwindigkeit einstellt. Thomas versteht, dass sie damit sagen will, dass er, Thomas, sie nie so begrüßt, dass sie beide sich nie freuen, einander zu sehen. Sie spricht mit dem Tierarzt, meint aber ihn. Urplötzlich überkommt ihn eine tiefe, mitfühlende Traurigkeit. Ein Gefühl des Mitleids mit ihr, aber auch mit sich selbst. Er wird die Liebe, die sie dem Hund gibt, nie zu spüren bekommen. Auch nicht die Zuneigung, die sie für ihre unscheinbaren Freunde empfindet. Er wird ihr nie die tiefe Zuneigung entgegenbringen können, die er seinen Freundinnen schenkt. Er wünschte, er könnte es. Ganz ehrlich. Aber es geht nicht. Aus irgendeinem Grund ist es unmöglich. Auf dem Tisch zuckt ihr gemeinsamer Freund Ricky. Er lebt noch. Im Tropfbeutel steigen Blasen auf. Der Tierarzt runzelt die Stirn und streift seine Handschuhe ab.

»Das wär’s. Morgen wissen wir mehr. Rufen Sie gegen Mittag an.«

Mary bedrängt ihn. »Wird er überleben? Wissen Sie, was er gefressen haben könnte?«

Der Tierarzt schüttelt den Kopf. »Wenn er morgen früh noch lebt, wird er vermutlich durchkommen«, sagt er.

Als sie gegen drei Uhr nach Hause kommen, greift Mary nach Thomas’ Handgelenk und sagt schnell: »Danke, Tom. Du warst großartig.« »Schon gut«, sagt er. Nachdem er Mark versichert hat, dass es für Ricky noch Hoffnung gibt, bleibt er kurz auf dem Treppenabsatz stehen, zögert und steigt dann die Treppe zum Eheschlafzimmer hinauf. Es ist ein Fehler, aber einer, den er machen muss, glaubt Thomas. In der Nacht, als er aufsteht, um pinkeln zu gehen, fragt er sich, ob es nicht besser gewesen wäre, wenn der Hund gestorben wäre. Besser für ihre Beziehung, für das Ende ihrer Beziehung. Als Thomas den Hund zwei Tage später nach Hause holt, macht Mary eine Party und lädt ihre Freunde aus dem Hundepark ein. Sie bewirtet sie fürstlich. Sie hat alle möglichen feinen Sachen gekocht und zubereitet. Niemand scheint von Thomas Notiz zu nehmen. Mark tollt mit Ricky auf dem Rasen umher. Der Hund scheint alles vergessen zu haben. Schon bald werden auch sein Sohn und seine Frau vergessen haben, wie es war in jener Nacht, wie hysterisch sie waren, und wie effizient er gewesen ist, als es darauf ankam. Als er oben im Schlafzimmer ankommt, lässt seine Frau sich gerade von Ricky die Augenlider lecken. »Na komm schon, drück ihn doch mal«, fordert sie ihren Mann auf. »Er will, dass du zugibst, dass du ihn liebst, nicht wahr, Ricky?«

VIERSTERNE-FRÜHSTÜCK

»DEN KNABEN WIRST DU ZUM FRÜHSTÜCK verspeisen und noch vor dem Mittagessen wieder ausspucken.«

So lautete der Kommentar, den Marys Mutter ihrer Tochter an dem Tag aufbürdete, als Thomas ihr vorgestellt wurde. Mrs Keir, die aus Glasgow kam, war berühmt für ihre Redegewandtheit.

Es gab noch andere unheilvolle Vorzeichen: den Mann, der in Durham, als sie sich grade zwei Monate kannten, vor ihnen auf der Straße stehen blieb und sagte: »Jetzt seid ihr verliebt, aber in zehn Jahren werdet ihr euch hassen«; das astrologische Liebeslexikon in einem Buchladen in Leeds, in dem jede mögliche Kombination von Geburtsdaten enthalten war und ihre Beziehung als eine sich anbahnende Katastrophe bezeichnet wurde.

War es etwa auch ein Omen gewesen, dass Mary Thomas auf Pattys Weihnachtsparty das schmutzige Abwaschwasser über den Kopf gegossen hatte, weil er mit der großen Russin flirtete, die behauptete: »Ich werde dich unter den Tisch trinken«? Wenn ja, dann hatten sie das damals jedenfalls nicht erkannt. Sie waren sich ganz sicher gewesen und hatten im Bett über die dummen Astrologen gelacht und sich über die Fieslinge amüsiert, die junge Paare auf der Straße belästigten. Aus Neid. Weil sie verliebt waren.

Doch zurück zu dem aufschlussreichen ersten Treffen mit Marys Eltern. Mr Keir hatte geschäftlich in Newcastle zu tun und seine Frau mitgenommen. Die beiden trafen am Nachmittag ein; Mr Keir hatte Termine, danach ein Essen mit alten Freunden. Am Tag darauf mussten sie zum Mittagessen wieder in Edinburgh sein. Die einzige Gelegenheit, sich mit ihrer Tochter zu treffen, war folglich eine Frühstücksverabredung im Grey Street Hotel in der Nähe des Bahnhofs. Da sie ihnen erzählt hatte, dass es ihr mit diesem neuen Freund ernst war, konnten sie es kaum erwarten, ihn kennenzulernen.