Tiere im Rampenlicht - Christoph Kappel - E-Book

Tiere im Rampenlicht E-Book

Christoph Kappel

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13,99 €

Beschreibung

Wie man eine Fliege dressiert und andere verrückte Geschichten

Tierische Helden wie Lassie oder Flipper haben eine ganze Generation fasziniert, auch Deutschlands bekanntesten und international gefragten Filmtiertrainer Christoph Kappel. Seit über 20 Jahren trainiert er u. a. Hunde, Pferde, Katzen oder Bären. Ob für den Tatort, für „Bibi Blocksberg” oder „Nirgendwo in Afrika” – Christoph Kappel hat jedes Mal die Wünsche der Drehbuchautoren tiergerecht umgesetzt oder gegebenenfalls abgelehnt, um dem Tier nicht zu schaden. In seinem unterhaltsamen Buch gewährt er umfangreichen Einblick in die abwechslungsreiche Arbeit mit tierischen und menschlichen Schauspielern. Dabei geht es um viel mehr als nur um amüsante Anekdoten vom Set. Der Autor zeigt, wie man Tiere versteht und ihre Bedürfnisse erkennt. Ihm ist es wichtig, dass wir nicht die eigenen Emotionen auf das Tier übertragen, sondern auf Augenhöhe mit ihm kommunizieren. Ein echtes Lesevergnügen für alle tierbegeisterten Menschen, vom Teenager bis zu den Großeltern: lehrreich, humorvoll und einmalig.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 335

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Inhaltsverzeichnis

Prolog: Auf die Plätze, fertig, FredyGeneration Flipper, Lassie, Fury
Drei Katzen auf dem GlatteisFrüh übt sichAuf dem Weg zum Superstar
Tiertraining auf den Punkt gebracht
Tiere auf dem Weg zum ArbeitsamtDiscohit und Leckerli – positive BestärkungDas ABC der KörperspracheDie FilmtiertrainerzauberboxWerden Sie zum Tier!Vorsicht Kamera!Wissen ist Macht, nichts wissen macht doch was
Tiere im Rampenlicht: Wie geht es zu am Set?
Filmset – das organisierte ChaosTiere im Film? Ist das tiergerecht?Wer stiehlt wem die Show?Im Gruselkabinett der KuscheltiereMann oh Mann, die Manns!
Menschen, Tiere, Emotionen
Vermenschlichung – das Handicap für unser TierAuch wenn Ihr Hund Sie verhundlicht, sollten Sie ihn nicht vermenschlichenDie Evolution hat entschiedenInstinktverhalten – die verlässliche Größe
Von Tieren lernen
Mensch, mach’s nach!Druck erzeugt GegendruckLoslassen ist FesthaltenFokussiert aufs WesentlicheLeben im Hier und JetztInstinktiv goldrichtigEin Leben unter Tempolimit
Epilog: Fredy im ZielDanksagungCopyright

Prolog: Auf die Plätze, fertig, Fredy

Wie ein rasender Blitz kommt ein schwarz-weißes Hundeknäuel die Allee heruntergespurtet, dicht gefolgt von einer Luxuslimousine mit getönten Fensterscheiben, die offensichtlich das Ziel verfolgt, den gehetzten Vierbeiner plattzuwalzen. Im letzten Moment biegt der »fliegende« Hund in die Auffahrt einer pompösen Villa ein, rast mit wehenden Ohren auf das Portal zu, stürmt in die Halle und tritt mit der Hinterpfote die schwere Eingangstür zu, die sich perfekt der Villa Neureich anpasst. Mit einem satten Knall fällt sie in das schwere Schloss. Unbeeindruckt davon rennt der verfolgte beste Freund des Menschen in eines der unzähligen Zimmer und kommt ein paar Beller später, eine elegant gekleidete Lady am teuren Hosenbein ziehend, zurück in Richtung Tür. Er schnappt sich die Leine, die auf dem Designerstuhl neben dem Eingang liegt, und schickt einen auffordernden Blick in Richtung Hausherrin, der sagen soll: »Jetzt komm doch, bitte, lass uns endlich rausgehen!«

Erstaunt und etwas verwirrt bemerkt Fredy, dass die Lady nicht ihren gewohnten Text »Was ist nur heute wieder los mit dir?« spricht. Und nicht nur Fredy hat es bemerkt: »Cut!«, hört man lautstark aus dem Hintergrund. Oje, das ist die genervte Stimme des Regisseurs.

Wie aus dem Nichts erscheinen plötzlich vierzig hektische Menschen, die wie in einem Ameisenhaufen umherwuseln. Offenbar hat jeder eine ganz bestimmte Aufgabe zu erfüllen, Genialität und Chaos liegen auch hier eng beieinander.

Er tut mir schon leid, mein tapferer Fredy, wie er mittlerweile zum achten Mal die Allee runtergefegt, in die Auffahrt eingebogen, geschickt die Haustür zugeschlagen, die Hauptdarstellerin am Hosenbein aus dem Zimmer in den Flur gezerrt, die Leine vom Stuhl geholt hat, um dann auf den Text zu warten, der diesmal einfach nicht kam. Acht Klappen, acht fehlerfrei absolvierte Runden von Fredy – und doch acht kleine Kleinigkeiten und winzige Winzigkeiten, die nicht passten.

Beim ersten Mal hat der Stuntman mit der Limousine die Kurve zur Auffahrt nicht richtig erwischt und die großen Felsbrocken aus Pappe plattgefahren, sodass sie direkt zum Altpapier gebracht werden konnten.

Beim zweiten Mal hat der Special Effect versäumt, die Haustür mit der Fernbedienung zuknallen zu lassen, nachdem der Hund sie passiert hatte.

Das dritte Mal war fast perfekt – leider hat ein Fussel auf der Linse der Kamera vereitelt, dass es ganz perfekt war.

Beim vierten Mal hat dem Regisseur der Satz der Lady nicht so gut gefallen, dass es seinen Ansprüchen genügt hätte.

Beim fünften Mal hat die Kamera, die in diesem Bild auf Schienen geführt wird, den Hund, der seine Strecke auch bei diesem fünften Mal richtig gerannt ist, auf seinem Weg in die Villa verloren.

Beim sechsten Mal hat sich während der Szene die Sonne augenzwinkernd hinter einer Wolke versteckt.

Beim verflixten siebten Mal hat das kleine Mikro zwischen den beachtlichen Brüsten der Schauspielerin versagt. Es konnte einfach nicht mehr …

Und das achte Mal haben wir gerade miterlebt – der Darstellerin hat es die Sprache verschlagen.

Über zwanzig Jahre bin ich mittlerweile als Tiertrainer im Filmgeschäft und kann aus Erfahrung erzählen, dass diese Situation von acht Wiederholungen der gleichen Szene nicht ungewöhnlich ist. Die Gefahr, dass mein Schützling die Anforderungen nach so vielen Klappen nicht mehr erfüllen kann, ist durchaus gegeben. Doch nicht, dass Sie glauben, dass nach einem versiebten achten Mal unbedingt Schluss für den Regisseur ist! Es geht weiter. Wenn dann nach acht guten Einsätzen der Hund nicht mehr konzentriert ist oder nicht mehr mag und deshalb einen Fehler macht oder wenn er einfach am Ende ist, bleibt für mich, aber auch für das Tier, ein schaler Nachgeschmack zurück – das gilt es zu vermeiden, wenn mein vierbeiniger Star im Geschäft bleiben soll. Und perfekt gedreht werden muss die Szene sowieso. Das wird sie am Ende auch, ob es acht oder fünfzehn Klappen braucht. Geht das in Richtung Ausbeutung und Tierquälerei? Können wir das mit unserer Ethik vereinbaren? Ich antworte auf solche Fragen: Die vierbeinigen Darsteller arbeiten aus Leidenschaft für uns Frauchen und Herrchen. Sie erwarten keine Gage, abgesehen von einem gefüllten Fressnapf, sie wollen eine Aufgabe, für die es sich lohnt, im Alltag Kompromisse einzugehen. Sie wollen am Ende des Tages von einem Erfolgserlebnis gekrönt, ausgelastet, satt und glücklich einschlafen. Wird das Tier nicht überfordert und seinem Talent entsprechend gefordert, ist eine interessante Aufgabenstellung – ob beim Film oder im Alltag – eine Bereicherung in seinem Leben. Dazu werden Sie in den Kapiteln dieses Buches mehr lesen können.

Viele Menschen spüren heute, in der sich immer schneller drehenden Welt, eine tiefe, innige Zuneigung und Verbundenheit den Tieren gegenüber. Pausenlos gibt es Veränderungen in unserem Leben, sie rufen uns auf, am Puls der Zeit zu bleiben. Die Tiere hingegen haben uns etwas zu bieten, was wir sonst kaum noch finden: Sie bilden eine beinahe hundertprozentige Konstante. Auf eines nämlich können wir uns blind verlassen: Tiere waren immer so, wie sie jetzt sind, und werden es auch immer bleiben. Sie leben klare, einfache Strukturen und bleiben sich stets treu. Ihr Verhalten können wir instinktiv nachvollziehen . Damit geben sie uns eine Sicherheit, die wir in der heutigen Zeit sonst nirgends zur Verfügung gestellt bekommen. Die Tiere können für uns perfekte Lehrmeister sein. Sie können uns nicht nur wieder an unsere eigenen Instinkte heranführen, sie zeigen uns auch, wie sich das Leben recht unkompliziert gestalten – und genießen – lässt.

Zu einer solchen Sicht auf die Tierwelt lade ich Sie mit diesem Buch herzlich ein. Dabei möchte ich Ihnen meine Faszination für die Tiere vermitteln, Sie mit lustigen und berührenden, nachdenklichen und unterhaltsamen Geschichten von meinen Filmtieren anstecken – mit meiner großen Liebe für all die Tiere, die unsere Erde so bunt und interessant machen. Ich widme ihnen mein ganzes Leben, und das noch dazu in der faszinierenden, schillernden Filmbranche. Ich trainiere Tiere, wenn ein Drehbuch nach ihnen verlangt. Hunde, Katzen, Vögel, Affen, Pferde, Kühe, Schlangen, Mäuse – ja, auch Mäuse und sogar Fliegen – und viele mehr auf ihre Szenen vorzubereiten und am Set zu coachen, das ist nicht nur mein Job, sondern meine ganze Leidenschaft.

Unbestritten sind Hunde die beliebtesten Darsteller, aber längst nicht die einzigen. Da war beispielsweise der Gibbon Janosch, der im »Marienhof« sein Bestes gab. Nicht nur Dackel Bodo wackelte durch den Gelsenkirchener Barock in der Wohnung von »Hausmeister Krause«, in der Endlos-Serie von SAT1 trat auch Kamel Karim auf. Das »Forsthaus Falkenau« wird natürlich von Hardy Krüger junior, seinen Schauspielerkollegen, aber auch von meinen Wildtieren zum Leben erweckt. Meine Enten, die genauso verzweifelt auf Verona Pooth warteten wie der Schauspieler Jan Josef Liefers, wollten in »666 – Traue keinem, mit dem du schläfst« endlich zu ihrem Einsatz kommen. Hilde, mein Superferkel, und der unvergessliche Gustl Bayrhammer, bekannt aus der Serie »Pumuckl«, harmonierten, nicht zuletzt figürlich, wunderbar in den »Weißblauen Geschichten«. Der weiße Hengst Linus galoppierte in »Sterne leuchten auch am Tag« mit Veronica Ferres um die Wette, ein wunderschönes Bild auf sechs Beinen. Dann waren da die Heuschrecken, die einen haargenau vorbereiteten Flugplan einhielten, als sie durch das Oscar-prämierte »Nirgendwo in Afrika« flogen. Oder der Wolf Orca, der mit dem erfahrenen Dietmar Schönherr, den wir alle aus »Raumpatrouille« kennen, in »Der Judas von Tirol« zu sehen war und dabei so manch einem Mitarbeiter am Set ein Gänsehaut-Feeling verschaffte.

Ich könnte noch so viele mehr aufzählen. Aber lieber erzähle ich Ihnen einige meiner spannendsten Filmtiergeschichten ausführlicher und verrate Ihnen dabei das Geheimnis, das das Fundament jeder gesunden und erfolgreichen Tierausbildung bildet.

Generation Flipper, Lassie, Fury

Ich bin ein Kind der Generation Flipper, Lassie und Fury. Ein Haustier lag quasi schon in meiner Wiege und der zukünftige Beruf war festes Programm. Kein Wunder, wenn jedes Wochenende im Nachmittagsprogramm der ARD »Lassie, komm zurück!« und »Na, Fury, wie wär’s mit einem kleinen Ausritt?« gerufen wird. Ich kann mich noch erinnern, dass mein Vater hin und wieder genervt mit den Füßen wippte, da samstags zur Lassie-Sendezeit die Fußballer der Bundesliga um Tore kämpften. Er schien immer sehr erleichtert, wenn die Colliedame endlich ihren Weg nach Hause zu Herrchen Timmy gefunden hatte.

Zum Leidwesen meiner Eltern gingen die Jahre ins Land, ohne dass ich mein Ziel aus den Augen verlor: Ich wollte Filmtiertrainer werden. Das waren die Jahre, als Flipper Einzug in unser Wohnzimmer hielt. Jeden Samstag trällerte es aus dem Fernseher: »Flipper ist unser bester Freund … «, zum Glück nicht zur selben Sendezeit wie die Fußballliga. Meine Eltern hätten mich damals gern mit Doktorhut im Auditorium Maximum einer angesehenen Universität gesehen. Ob Medizin, Jura, Germanistik, ja sogar Sportwissenschaften, alles wäre ihnen lieber gewesen als meine Pläne, Tiertrainer zu werden. Aber kein noch so ordentlicher Beruf fand Platz in meinem kleinen Sturkopf – nur Tiere, Tiere, Tiere.

Es hat sich gelohnt, so dickköpfig zu sein. Denn mittlerweile arbeite ich in meinem Traumberuf. Um Ihnen einen Einblick zu gewähren, wie es an einem Filmset zugeht und mit welchem Aufwand die Tierszenen entstehen, erzähle ich Ihnen am besten gleich mal, wie ich drei Samtpfoten aufs Eis zauberte.

Drei Katzen auf dem Glatteis

Es war einer der ersten schönen Frühlingstage, als ich einen Anruf des Produktionsleiters für den Kinofilm »Bibi Blocksberg und das Geheimnis der blauen Eulen« erhielt. Er fragte mich, ob ich eine Katze trainieren könnte, die für diesen Kinderfilm die tierische Hauptrolle des Katers Maribor übernimmt.

Mit einem braun-grau getigerten Maine-Coon-Kater namens Ohio unter dem Arm betrat ich eine Woche später das Büro des Produktionsleiters. Ich setzte ihm Ohio auf den Schreibtisch, gleich neben den PC. Nach einer kurzen Begrüßungstour bei allen Besprechungsteilnehmern machte Ohio es sich in der riesigen Obstschale, direkt auf dem Besprechungstisch, zwischen den Kaffeetassen, bequem. Die Platzwahl des wunderschönen Katers rief ausgedehnte »Aaahs« und »Ooohs« bei allen hervor.

Es ist immer das gleiche Spiel: Entweder die Regie liebt das Tier auf Anhieb, oder der Funke springt nicht über. Ist Letzteres der Fall, wird mein Vorschlag sofort zunichte gemacht und in einem zweiten Casting eine Alternative begutachtet. Aber der riesige, zottelige Ohio war alles andere als ein Abschusskandidat. Produzentin, Regisseurin und Produktionsleiter waren beeindruckt vom selbstverständlichen Verhalten des Katers, er hat alle zu hundert Prozent davon überzeugt, dass er genau der Richtige für diese Rolle ist. Und so wurde aus Ohio Maribor.

Zu dieser Figur gibt es eine Menge zu erzählen, denn sie war höchst anspruchsvoll. Genau aus diesem Grund besetzte ich Maribor gleich mit mehreren Katern, ich trat mit drei Tieren an, die ähnlich aussehen. So konnte ich die Aufgaben dem jeweiligen Talent entsprechend zuteilen. Alex zum Beispiel mag es gern wild und ist extrem menschenbezogen, er wurde zum auserkorenen Liebling des Teams. Ihn setzte ich, seinem Kuscheltalent entsprechend, für die passenden Szenen ein. Doch sein Beitrag zum Film ging noch weit darüber hinaus. Die Regisseurin Franziska Buch ist sehr temperamentvoll. In der Pferdesprache würde sie unter »vollblütig« katalogisiert werden. Während der Dreharbeiten kommt es natürlich immer wieder zu Konfliktsituationen, und daraus resultierend entsteht Stress. Kater Alex half der Regisseurin dabei, wieder ruhig und relaxt zu werden. Sie ging in kritischen Momenten, kurz vor einer drohenden oder auch nach einer erfolgten Explosion, zu ihm und beschnupperte seinen wuscheligen Bauch, was er sich gern gefallen ließ. Sie haben richtig gelesen, sie streichelte ihm nicht den Bauch, sondern sie schnupperte daran. Danach war sie wieder ruhig und gelassen, und für das gesamte Team lief die Arbeit besser weiter. Solch einen Alex sollte man an so manchen hektischen Schauplätzen zur Verfügung haben.

Zwei Monate nach dem erfolgreichen Casting saßen Ohio, Alex und ihr Kollege Dandy mit mir zusammen im Auto. Alle drei, ihrem jeweiligen Talent entsprechend, trainiert. Wir waren auf dem Weg nach Österreich, ins Dachsteingebirge. Dass sich die Tiere von mir für einen Dreh unter den für Katzen untypischsten Bedingungen positiv einstimmen lassen, setzt selbstverständlich ein ausgiebiges Pkw-Reisetraining voraus. Eine gut gelaunte Katze kann für das Budget der Filmemacher und die Nerven des Teams für den ganzen Drehtag von ausschlaggebender Bedeutung sein.

Einer der Schlüsseltricks ist ein kleines Katzenklo, das in diesem Fall tatsächlich die Katze froh macht, wenn es ihr im Auto zur Verfügung steht. Der auf der Reise normale Stressaufbau aktiviert nämlich den Stoffwechsel, und die Katze muss sich erleichtern. Kann sie das nicht, wird sie unruhig, fängt an zu miauen und steigert sich in eine unüberhörbare, durch Mark und Bein gehende Arie, der Wahnsinnsarie aus Donizettis »Lucia di Lammermoor« unter Umständen nicht unähnlich. Die Katze gerät in Nöte, da ihr ihre ausgeprägte Reinlichkeit im Wege steht und sie sich keinesfalls ohne Katzentoilette erleichtern will. Deshalb biete ich meinen Akteuren diesen Service selbstverständlich an, und bei dem, was uns diesmal bevorstand, mit jeder Menge Katzenstreu bestückt.

Die Macher von »Bibi Blocksberg« hatten sich so einiges einfallen lassen, was die Auswahl der Drehorte betrifft. An einem heißen Spätsommertag wurde bei Außentemperaturen von achtundzwanzig Grad in der berühmten Eishöhle am Dachstein gedreht, bei gerade mal zwei Grad. In der Talstation traf sich dazu das ganze Filmteam mit der kompletten Ausrüstung. Ab in die Gondel, hieß es für alle und alles. Ich weiß nicht mehr, wie viele Gondeln wir benötigten, um die ganze Entourage zur Mittelstation zu schaffen. Diese Aktion war an diesem Tag eine Premiere für meine Katzendarsteller, und die Tiere meisterten die Fahrt mit diesem ungewohnten Verkehrsmittel problemlos. Ganz im Gegensatz zu meiner unglaublich mutigen Mitarbeiterin, die aus Höhenangst am Boden der Gondel kauerte und sich eine Jacke über den Kopf gezogen hatte, um ja nichts von dem Schrecken um sich her mitzubekommen. Manchmal muss ich eben auch zum Menschentrainer werden: Ich beschäftigte Anna in den Drehtagen intensiv, immer wieder musste sie dabei wie zufällig die Gondel benutzen – und durch das große Verantwortungsgefühl für die Tiere, darin ist Anna nämlich super, »vergaß« sie ihre Höhenangst zeitweise völlig. Von der Station aus mussten wir bis zum Eingang der Eishöhle noch etwa dreißig Minuten steil bergauf gehen, einen sehr schmalen Saumpfad am Abgrund entlang. Der Aufstieg war extrem beschwerlich, da alle notwendigen Ausrüstungsgegenstände auf den männlichen und weiblichen Rücken des Teams geschleppt werden mussten. Unser Anblick erinnerte an eine Himalaja-Expedition, allerdings ohne Packesel. Um einen normalen Drehtag dort oben zu realisieren, werden Kameras, Schienen, Licht für mehr als eintausend Quadratmeter Eishöhle, Tonausrüstung, Kostüme, all die Utensilien für die Maske, die Ausstattung, das Catering … und last but not least auch die vierbeinigen Hauptdarsteller benötigt. Meine Samtpfoten überstanden diesen Anmarsch in ihren Transportkörben bestens. Ich versuchte, wie ein Indianer auf dem Kriegspfad zu laufen, um die Körbe möglichst ruhig zu halten. Dies trieb mir schon vor Drehbeginn den Schweiß auf die Stirn.

Der Drehort Höhle, eine bizarre Winterlandschaft im ewigen Eis, ließ uns den Sommer draußen vergessen. Die Scheinwerfer verwandelten die schummrige Eishöhle in eine funkelnde Glitzerwelt, eine Illusion, wie sie nur der Film erschaffen kann. Die Tropfsteine wurden zu Kronleuchtern und der eisige Boden zum mit Diamanten überzogenen Parkett. Fantasy satt! Für die Katzen war das natürlich eine höchst ungewohnte Atmosphäre. Ein zusätzlicher Schwierigkeitsgrad waren die Höhenmeter. Welch fremdes, eigenartiges Gefühl muss es sein, den Ohrdruck zu spüren und über lange Zeit nicht mehr loszuwerden. Wir kennen das alle aus dem Flugzeug, aber wir können Kaugummi kauen. Ich habe noch keine Katze gesehen, geschweige denn trainiert, die sich lässig einen Spearmint gönnt, wenn ihr die Ohren wehtun. Zu all diesen Hürden kam in der Höhle noch die Kälte hinzu. Auch wenn der tierische Darsteller mit seinem dicken, zotteligen Fell vor den sibirischen Temperaturen geschützt ist, spürt er den »Klimawandel« von draußen nach drinnen an Ohren, Kopf und Beinen sehr wohl. Für mein Gefühl war der Eintritt in die Eishöhle wie das Eintauchen aus einem heißen Sommertag in eine Kühltruhe. Die Königsdisziplin des Filmtiertrainings kam unaufhaltsam auf mich zu: das trainierte Pensum bei den Katzen perfekt abzurufen. Im Gegensatz zu Hunden entscheiden Katzen ohne uns zu fragen, ganz allein, ob ihnen die Situation angemessen erscheint, ordentlich arbeiten zu wollen oder nicht. In solch schwierigen Momenten mache ich meine Katzen zu Diven, Prinzen und Prinzessinnen, ich hofiere sie und vermittle ihnen den Eindruck, dass hier und heute ihre Wünsche meine Befehle sind. So tue ich alles, um sie gnädig zu stimmen, ihre Rolle bestmöglich zu spielen. Dass ich den Knopf für ihr Such- und Spielverhalten damit einschalte und den für Angst, Panik oder Ausflippen ausschalte, müssen sie ja nicht erfahren.

Das wilde Treiben des Teams in der Höhle kündigte den ersten Auftritt von Maribor, laut Drehbuch Hexe Rabias sprechender Kater, an. Meine Aufgabe war es nun, die Tiere in eine gute, uns geneigte Stimmung zu versetzen. Ich trug das jeweilige Tier, das kurz vor seinem Auftritt stand, auf meinen Armen umher. In der eiskalten Höhle verpackte ich den Kater in meinem Anorak, sodass nur der Kopf herausschaute, der dann gern mal ein Stück frisch gebratene Hühnchenbrust in Empfang nahm.

Die Aufgabe, die Dandy, das Lauftalent, erwartete, hatte es in sich, aber wir waren bestens vorbereitet. In der Höhle sollte der Kater nämlich bestimmte Wege über das Eis laufen und bei einer Verfolgungsjagd in letzter Sekunde durch eine Höhlenöffnung verschwinden. Gerade noch rechtzeitig, bevor diese sich schließt und »nur« der Schwanz eingeklemmt wird.

Meine Konzentration war bei einhundert Prozent, der Aufnahmeleiter fing an, rückwärts zu zählen, und brüllte bei »eins« angekommen ein unmissverständliches »Ruhe bitte!« in die Runde. Todesstille am Set, da kam es, das Signal für den Meister der Töne, das »Ton ab« des Aufnahmeleiters, »Ton läuft«, schrie es aus dem Hintergrund zurück. Es knisterte förmlich in der Höhle, alle standen in den Startblöcken.

»Kamera ab«, kam von der Regie, »Kamera läuft«, erwiderte der Kameramann. In diesem Augenblick war der Klappen-Assistent die gefragteste Person: »Klappe, die erste«, das Signal für die Regie, das Zauberwort auszusprechen: »Bitte!« Meinen Adrenalinspiegel wage ich für diesen Moment nicht zu schätzen. Jetzt galt es: Dandy musste es richtig machen. Auf diesen Moment hin hatte sich unser monatelanges, intensives Vorbereitungstraining konzentriert. Auf mein Kommando musste der Kater über das spiegelglatte Eis durch die Höhlenöffnung flitzen, obwohl er wusste, dass sich diese fast im selben Moment, in dem er hindurchspurtete, schließen würde. Die Schiebetür des Esszimmers bei mir zu Hause war die perfekte Simulation der Höhlentür gewesen.

Die Hauptdarstellerin Corinna Harfouch, die während dieser Dreharbeiten an den verschiedenen, abenteuerlichen Drehorten Kummer gewohnt war, spielte in Bibi Blocksberg die Hexe Rabia. Der arme Maribor wurde in dieser Szene von Rabia mit einem beherzten Ruck aus seiner misslichen Lage befreit, obwohl die Hände der Schauspielerin fast erfroren waren. Und wir wären nicht beim Film, wenn der eingeklemmte Schwanz nicht ein nachgebautes Fellbüschel gewesen wäre.

Da ein »One Take Wonder«, also ein beim ersten Versuch geglückter Dreh, zu den Raritäten bei Dreharbeiten zählt, musste der Kater mehrfach seinen Weg über das kalte Element wiederholen. In der Eishöhle bewältigte er sieben Mal die Strecke durch die sich schließende Öffnung. Dandy lief seinen Parcours vorbildlich, die Spannung fiel schließlich von mir ab und ich war stolz auf meinen Kater. Jedes Mal, wenn er am Ziel angekommen war, belohnte ich ihn mit einem kleinen Stück Hühnchenbrust, das liebevoll in Olivenöl angebraten war. Ich habe mir und meinen Nerven erlaubt, auch ab und an eine Kleinigkeit davon zu beanspruchen. An dieser Stelle muss ich unbedingt das Cateringteam erwähnen, das Tag und Nacht für die Crew da ist und sich auch nicht ziert, wenn es in der größten Hektik zwischendrin heißt: »Bitte einmal medium anbraten für Kater Maribor.«

Katzen verbringen ihr Leben gewöhnlich nicht auf dem Eis, und sollten sie je in die unangenehme Situation kommen, diesen viel zu kalten und viel zu glatten Untergrund betreten zu müssen, würden sie es angewidert und mit äußerster Vorsicht und Zurückhaltung tun. Aber nur, wenn es wirklich unbedingt sein müsste. Es ist und bleibt ungewöhnlich für ein Samtpfötchen, eine solch »eiskalte« Szene – und das mehrmals – zu absolvieren. Im Training musste es deshalb darum gehen, das Ganze zu einem Spiel werden zu lassen, das niemals mit einem Schreck, Stress oder irgendeiner negativen Stimmung verbunden wird. Während der gesamten Vorbereitungen musste ich strengstens darauf achten, dass das Tier in bester Stimmung blieb. Sobald sich der Kater am Set an das positiv besetzte Spiel dieses Vorbereitungstrainings und an die damit verbundene Aufgabe erinnert, ist es eine Leichtigkeit, das Trainierte auch in der fremdartigen Umgebung abzurufen. Gewisse Elemente muss er natürlich wiedererkennen: Ich bin da, meine Zeichen und die »vereinbarten« Hinweise sind da, und natürlich der bestens bekannte, mit Heizkissen präparierte Transportkorb, in den er einsteigen kann, sobald der Parcours geschafft ist. Diesen Korb hatte ich beim Üben schon dabei. Da die Eishöhle nicht zur Verfügung stand, habe ich das Eislauftraining in eine Eislaufhalle verlegt, die ich ganz allein für die Samtpfoten und mich gemietet hatte. Wochen vor dem Dreh haben wir uns immer wieder zum Training auf das Eis begeben. Wird es dem Esel zu wohl, geht er aufs Eis – an dieses Sprichwort dachten sicher die Betreiber der Eislaufbahn, als ich mit meinen Katzen auf dem Eis herumrutschte, um den Tieren Vertrauen für dieses neue Gefühl der Fortbewegung zu vermitteln. Die Komfortzone ist für Katzen enorm wichtig. Bevor eine der Katzen also die Kälte des Eises an ihren Ballen negativ verspüren konnte, motivierte ich sie, schnell in den präparierten, kuschelig warmen Transportkorb zu steigen. In der Eishöhle erinnerten sich die Tiere sofort an dieses positiv besetzte Ende der Rutschpartie. Unbegrenztes Wohlfühlen auch in einem ungewohnten, neuen Element.

Und genau das sollte das Trainieren von Filmtieren auch für mich werden. Wenn ich heute zurückdenke, weiß ich, dass nie etwas anderes in Frage kam.

Früh übt sich

Während zu Beginn meiner »Karriere« im zarten Alter von fünf Jahren Schildkröten, Meerschweinchen und Mäuse ihre Aufgaben gegen Belohnungen wie Tomaten, Petersilie und Käse erfüllen sollten, entwickelte ich bald schon umfangreiche Trainingspläne für Hase, Huhn und Generationen von Wellensittichen, Kanarienvögeln und Zebrafinken in meinem kleinen Köpfchen und setzte diese zielstrebig in die Tat um.

Von Kindesbeinen an habe ich das Verhalten der Tiere studiert. Schon im Kinderwagen lag ich nicht einfach nur auf der Windel, sondern ausgiebig auf der Lauer, um genau zu sehen, was die Marienkäfer auf meiner Hand trieben. Zu jeder Zeit waren Tiere in meinem Fokus: Auf Mamas Schoß, im Kindergarten, in der Schule, draußen im Ort und in der Natur – ständig habe ich sie beobachtet und mich gefragt: Warum tun sie dies, weshalb tun sie das? Schon immer war es mir wichtiger, die Tiere und ihr Verhalten mit ihresgleichen zu beobachten, als sie zu streicheln und mich in ihre Beziehungen untereinander einzumischen. Ich habe damals schon versucht, das Leben aus der Sicht der Tiere zu verstehen, was bestimmt dazu beigetragen hat, meine Eltern zumindest in der Hinsicht zu entlasten, dass ich sie nicht mit Fragen über den sonstigen Ablauf der Welt gelöchert habe.

Nein, mich hat interessiert, wieso die Wachhunde vom Schrottplatz gleich neben dem Tennisplatz so böse waren, oder weshalb Tante Dranacher ihren Zwergdackel Elfi immer und überall herumgetragen hat, obwohl er doch selbst laufen konnte. Warum war der allseits gefürchtete Schäferhund von Frau Sackmann überhaupt nicht mehr furchterregend, wenn er ohne Leine unterwegs war? Wieso kamen die frei lebenden Enten von Herrn Reinl jeden Abend freiwillig in ihren Stall zurück, aus welchem Grund nutzten meine Hamster Nummer eins, zwei und drei tatsächlich unermüdlich das Laufrad im Käfig, und weshalb erlaubt ein Pferd, das über große Kräfte verfügt, uns »kleinen Menschen«, ihm ein Metallteil, das die Reiter Gebiss nennen, zwischen seine Zähne zu schieben? Warum nur haben die Nymphensittiche bei Lächners gebrütet, aber nicht bei meiner Cousine, die es doch so lange versucht hat? Wie kam es, dass mein weißes Kaninchen Schnuffi sechs braune und ein schwarzes Kaninchenbaby geboren hat? … Sie sehen, ich war bereits in der Kindheit vollkommen damit ausgelastet, mich auf meinen beruflichen Weg vorzubereiten.

Kappel junior und die Aufklärung

Die Aufklärungsphase im Biologieunterricht machte mich zum besten Schüler der Klasse. Ich war kein Streber, habe keine »Bravo« gelesen und wurde auch nicht vorzeitig von meinen Eltern anhand der Bienenwelt über das Thema »Wo kommen die Babys her?« informiert. Ich hatte ganz einfach während meiner Studien in der Tierwelt verstanden, wie »es« geht. Ich habe den Enten, Kaninchen, Kühen, Katzen und Hunden zugeschaut, wie sie sich paaren und was die balzenden Vogelmännchen oder die werbenden Vierbeiner alles anstellen, um das Weibchen gnädig zu stimmen. Dass das alles nicht so fern von unserem menschlichen Verhalten ist, habe ich dann später erfahren, als ich alt genug war, selbst zu balzen.

Für die Tiere ist es völlig normal, sich auch unter Beobachtung zu paaren. Sie verstecken sich nicht, sie schämen sich nicht und werden auch nicht rot. Die Antriebsfeder für die Fortpflanzung ist die Erhaltung der Spezies. Und so habe ich der Biologielehrerin meine Beobachtungen und Empfindungen freudig vor der versammelten Klasse geschildert und gestaunt, dass ihre Wangen erst einen zarten Rosaton annahmen, der gegen Ende meiner Ausführungen zu einem tiefen Rot geworden war. Selbstverständlich war ich auch Beobachter im Kreißsaal der Tiere, von der Kuh bis zur Maus – immer habe ich miterlebt, wie die Tierkinder zur Welt kommen. Die ganze Klasse bestürmte mich mit Fragen. Ich konnte sie alle beantworten. Eigentlich hätte ich einen Preis bei »Jugend forscht« bekommen müssen!

Mir selbst gingen die Fragen auch nie aus: Wieso laufen die Schafe von Walter allesamt einem Schaf hinterher, und jedes Schaf weiß, wer wer ist, obwohl sie doch alle gleich aussehen? Und wieso lassen sie sich von Walters Hunden herumtreiben, vor denen sie doch offensichtlich keine Angst hatten? Weshalb haben Opas Bienen nicht gestochen, wenn er seine Pfeife geraucht hat? Warum konnten sie anhand einer Farbmarkierung in Rot, Blau, Gelb oder Weiß den Eingang ihres Bienenstocks erkennen? Waren Opas Bienen besonders schlau? Und meine Mäuse, die ich heimlich unter der Schulbank hatte, sind im Religionsunterricht bei Frau Krieg nie weggelaufen – warum nicht? Weil Frau Krieg Frau Krieg hieß und trotzdem Religionsunterricht gab?

All meine Fragen konnte ich mir durch meine ausdauernden Beobachtungen in den Jahren meiner Kindheit und Jugend beantworten. Die gute Frau Krieg war nicht schuld, und Opas Bienen waren nicht klüger als alle anderen. Natürlich hätte auch ein Lexikon viele meiner Fragen beantwortet, aber sehr viel langweiliger, das Tier als eine Sache beschreibend und für mich nicht eindringlich genug. Die wesentlichen Fragen beantworteten mir die Tiere letztlich selbst. Sie waren es, die mich interessierten – ich konnte nicht anders. Unbewusst habe ich mit meinen frühen Beobachtungen schon den Grundstein gelegt, die Bedürfnisse und das Verhalten von Tieren zu verstehen und zu nutzen.

So war es nur ein natürlicher nächster Schritt, die Tiere zu trainieren. Schon bald konnte ich ihnen vermitteln, was ich von ihnen wollte, und verstehen, welches Anliegen sie an mich hatten. Wir verstanden uns – und verstehen uns bis heute. Ich habe gelernt, zu begreifen, wie ein Tier die Welt sieht, die Sprache, die Körpersprache der Arten, ihre Wege, mit den Anforderungen ihres Alltags umzugehen.

Oh ja, Tiere haben auch einen Alltag, es sind die Aufgaben, die sich Tag für Tag wiederholen. Sie als Mensch lesen morgens die Zeitung und trinken einen Kaffee dazu, dann gehen Sie mit Ihrem besten Freund Gassi: Und nun ist er dran mit »Zeitunglesen«, er ermittelt mit seiner Nase überall die Neuigkeiten und pinkelt selbst News dazu. Danach freut sich Ihr Vierbeiner auf seine hoffentlich völlig überfüllte Futterschüssel. Anschließend muss er Sie unermüdlich beobachten und aufpassen, dass es Ihnen gut geht. Fühlen Sie sich ruhig observiert, denn Sie sind es.

Jedes Schicksal hat seinen Blumenstrauß

Es war ein schrecklicher Tag damals vor vielen Jahren, als mein Leben aus den Fugen geriet. Von diesem Tag an war alles anders. Meine Schwester war nach einem schweren Unfall nie mehr so wie vorher, weder ihr Körper noch ihr Geist. Nach diesem heißen Tag im August war die Unbeschwertheit der ersten siebzehn Jahre meines Lebens vorbei. Es war still geworden in unserer Familie, keine Worte, kein Lachen, kein Schimpfen mehr drang an meine Ohren, nur die schwere, traurige, stille Einsamkeit war um mich. Und da waren meine Tiere, bei ihnen fand ich Zuflucht.

Das Vertrauen, das mir die Tiere in dieser schwersten Zeit meines Lebens schenkten, hat mich geprägt und mich für immer mit ihnen zusammengeschweißt. Die Tiere wurden zu meinen engsten Vertrauten, sie wurden zu meiner Ersatzfamilie. Sie waren immer zu einem »Gespräch« aufgelegt. Es waren natürlich Monologe meinerseits, meine Zuhörer schauten mich aus treuen Tieraugen an. Sie konnten meine Schmerzen und mein Hadern nicht kommentieren, doch sie waren da, und ohne mir je eine Antwort auf meine Fragen zu geben, boten sie mir mit ihrem vertrauten Verhalten eine Konstante in dieser Zeit. Ohne dass es mir damals bewusst war, dienten mir meine Tiere als Menschenersatz.

In dieser Zeit wurde mir etwas Wesentliches klar: Wenn die Tiere mir eine Familie sein können, dann kann ich das ja genauso für sie sein. Wir Menschen können Tieren, die wir bei uns aufnehmen, die Familie ersetzen. Erziehen wir sie, sind wir die Eltern. Spielen unsere Kinder mit ihnen, sind sie deren Geschwister. Tiere sind immer in Familienverbänden organisiert, selbst die, die wir als typische Einzelgänger bezeichnen. Nun waren sie mein Familienverband und ich Teil des ihren. Mit diesem Wissen habe ich eine Methode entwickelt, die das Tier leicht in unserer Familie ankommen lässt. Der kleine oder große einsame tierische Kerl findet einen Platz in seiner neuen Menschenfamilie. Das Grundlegende eines solchen Systems ist ihm von seiner ursprünglichen Tierfamilie bekannt. Daher lebt er sich gut ein, und es ist möglich, erfolgreich mit ihm zu arbeiten.

So war aus dieser schweren Zeit zumindest etwas Gutes für mich erwachsen. Wie meine Mutter immer sagte: Jedes Schicksal hat seinen Blumenstrauß. Meine neu gewonnenen Einsichten konnte ich bald für das Training meiner Tiere und speziell für einen ganz besonderen Hund einsetzen.

Auf dem Weg zum Superstar

Graue Wildschweinborsten, ein struppiger Bart im hellbraunen Gesicht mit frechen braunen Augen, ein Steh- und ein Schlappohr in Schwarz und eine immer wedelnde Rute: Siebzehn Jahre lang hat Pelzchen mich tagaus, tagein begleitet. Gute Zeiten und schlechte Zeiten haben wir erlebt, durch dick und dünn sind wir gegangen, in wichtigen Lebensphasen war sie an meiner Seite, und wir sind ganz sicher nicht immer einer Meinung gewesen. Dieser kleine, ganz große Hund hat es mir wirklich nicht immer leicht gemacht. Aber gerade deshalb habe ich diese Hundepersönlichkeit tief in mein Herz geschlossen. Ich habe als Mensch und Tiertrainer meinem Pelzchen sehr viel zu verdanken. Nun aber der Reihe nach:

Dieser Hund braucht eine Aufgabe

Geboren wurde Pelzchen in einem Tierheim, neben sieben Geschwistern und mit dem Herz einer Löwin ausgestattet. Sie war die alleinige Herrscherin im Wurf, die Geschwister hatten lediglich die Aufgabe, als Sparringspartner anwesend zu sein. Die Rechnung folgte unweigerlich nach acht Wochen, als die Herrscherin ohne Untertanen allein im Zwinger des Tierheims saß, während Brüder und Schwestern allesamt bereits von ihren netten Familien ausgesucht waren und es sich auf irgendeiner Couch gemütlich machen konnten.

Es war damals offensichtlich Liebe auf den ersten Blick, als ich vor dem Zwinger stand, in dem ein kleiner Hund mit einem ohrenbetäubenden Jaulen, Winseln und Bellen erfolgreich auf sich aufmerksam machte. An diesem wichtigen Samstag hatte ich die Zeitung durchgesehen, wie an jedem Samstag. Alles hatte ich gelesen, politische Nachrichten, das Feuilleton, den Sportteil, den Wetterbericht, Immobilienanzeigen, Langweiliges und Langwieriges im Regionalteil – und dann war plötzlich dieses Bild aufgetaucht: ein kleines graues Etwas, auf den ersten Blick hässlich wie die Nacht finster, aber auf den zweiten Blick einfach außergewöhnlich und zum Knutschen: mein Pelzchen!

Schon raste ich auf der Suche nach meinem Autoschlüssel durch die Wohnung und gleich darauf zu besagtem Tierheim. Kurz vor Ladenschluss, zwei Polizeikontrollen und eine gefährliche und zudem teure Geschwindigkeitsüberschreitung später drückte ich auf die Klingel der Anlage. Ungeduldig und abgehetzt wartete ich, bis endlich aufgeschlossen wurde und ich vor einer absolut unterforderten Nervensäge stand: eine Hand voll Hund, der seinen kleinen Zwinger zur großen Bühne machte. Ganz großes Kino – schon im Alter von neun Wochen! Ja, endlich, ich hatte meinen Hund gefunden!

In den nächsten Monaten ging es für den Welpen nur darum zu wachsen, zu fressen und viel zu ruhen … im neuen Königreich. Einen jungen Hund in Ruhe heranwachsen zu lassen und dabei lediglich seine Präge- und Sozialisierungsphase zu bedienen, ist ganz nach meinem Geschmack. Völlig unbeschwert sollte er seine Tage verbringen. Zugleich braucht ein Welpe einen Ersatz-Familienverbund, so wie ich ihn selbst mit siebzehn Jahren, in der schwierigsten Zeit meines Lebens, bei den Tieren gefunden hatte. Die Sozialisierung zum »Familienmitglied« ist das Fundament, das später entscheidet, welchen Zugang das Tier dem Menschen zu sich gewährt. Hunde haben ein extrem soziales Verhalten, und da sie uns immer gefallen wollen, schauen sie sich viel von uns Menschen ab. Diese Nachahmung unseres Verhaltens trainieren sich die Tiere dabei oftmals selbst an. Pelzchen war ein wahrer Meister darin, mich zu scannen. Mit jedem Schmunzeln, mit jeder Freude von mir fühlte sie sich bestätigt, sie war glücklich, weil ich es war. Das ist kein Anflug von Vermenschlichung, es ist die klassische Struktur des Hundes. Kein anderes Tier reagiert so extrem sensibel auf all das, was wir Menschen tun.

Allerdings habe ich in Sachen »Ruhezeit als Jungtier« mit Pelzchen, nicht unbedingt freiwillig, eine Ausnahme gemacht. Sie zwang mich in ihrer Jugend regelrecht dazu, ein Exempel zu statuieren und sie zu beschäftigen. Die Kleine war nämlich eine Nervensäge, wie sie im Buche steht, ohne Arbeit unausgelastet und ständig auf der Suche nach neuen Tätigkeiten und Tätlichkeiten, die bei mir nicht unbedingt Freudentränen hervorriefen. Sie schien nichts auszulassen, um mir zu beweisen, dass sie unterfordert war. Tiere, die mit so viel Talent gesegnet sind und viel Energie und Tatkraft zur Verfügung haben, können im Alltag schnell negativ auffallen, wenn man diese Fähigkeit nicht kanalisiert. Ein kleiner Auszug aus einer durchaus längeren Liste von Taten beweist den Einfallsreichtum und die virtuose Art, mit der die kleine Hundedame mit den Dingen des Lebens umzugehen pflegte: Teppichleisten perforieren, Topfpflanzen ausgraben, Schuhe verkosten und apportieren, aber erst dann, wenn sie wirklich zerstört waren, das war an der Tagesordnung. Eine ihrer besonderen Fähigkeiten war die Spezialbehandlung teurer Antiquitäten: Das wertvolle Holz wurde von ihren kleinen scharfen Zähnen sorgfältig bearbeitet, was den Wert des Mobiliars deutlich, nun ja, veränderte. Durch diese Aktivitäten konnte Pelzchen viel lernen, ihr Gehirn konnte mit den Impulsen wachsen und ihr Repertoire wurde immer größer. Sie war nicht gerade ein Rundumsorglospaket, ich war ein wenig gestresst, obwohl ich durchaus wusste, dass der freche Zwerg einfach nur eine Aufgabe suchte. Am Rande eines möglicherweise bevorstehenden Nervenzusammenbruchs stellte ich also ein Alltagstrainingsprogramm zusammen – entgegen meiner eigentlichen Überzeugung, Welpen in Ruhe heranwachsen zu lassen, bevor ich auch sie für den Ernst des Lebens zu üben beginnen lasse. Dieses Programm sorgte dafür, dass dem nun ausgelasteten Wunderhund fast keine Schandtat mehr über die Schnauze kam. Auf diese Art wurde der Weg für den Start einer Filmkarriere geebnet, nach der sich so mancher alle vier Pfoten lecken würde.

Pelzchen ganz groß in Fahrt

Sie erinnern sich an den Anfang des Buches? Fredy musste ein neuntes Mal laufen, die Klappe war ein neuntes Mal gefallen und diesmal klappte alles. Die Verfolgungsjagd zur Villa hatte ein Ende. Die Szene war im Kasten, so wie sie sein sollte. Doch für alles gibt es Steigerungen und Superlative: Bei der Verfilmung von »Crazy Race« mit Ingolf Lück und Katy Karrenbauer hatte Pelzchen einen schweren Stunt zu bewältigen: Ein Pkw mit Wohnwagen und, wie kann es anders sein, niederländischem Kennzeichen, hat noch ein zusätzliches Gefährt angekoppelt, auf dem eine Hundehütte mit einem kleinen Vorgarten aufgebaut ist. Vor dieser Hütte thront das selbstbewusste Pelzchen auf dem Plastikrasen mit den bunten Plastikblumen. Das Gespann ist gerade dabei, eine Kreuzung zu überqueren, als plötzlich ein selbst ernannter Rennfahrer heranrast und gerade noch in allerletzter Sekunde mit seinem Flitzer der Marke »Ich bin aufgemotzt und trotzdem hässlich« eine Kollision mit Pkw und Wohnwagen verhindern kann. Dafür aber – mit diesem Anbau hatte er nicht gerechnet – erwischt der Wahnsinnige den Hänger mit der Hundehütte und der kleinen Hündin. Der Anhänger geht entzwei, der Teil ohne Hütte und ohne Hund wird in hohem Tempo mit dem Auto mitgerissen. Selbstverständlich überlebt unser Hündchen diesen Unfall und setzt die Reise auf dem halbierten Anhänger fort. Der »Rennfahrer« ist natürlich ein erfahrener Stuntman, und der Anhänger hat eine Sollbruchstelle, die während der Aufnahmen garantiert Mensch und Tier unbeschadet lässt.

Soweit die Theorie beziehungsweise das Drehbuch. Unglaubliche zehn Mal wurde dieser Unfall wiederholt. Die kleine Hundedame wurde dabei immer mutiger und wahrscheinlich auch wütender auf diesen ungehobelten Verkehrsteilnehmer. Ganz und gar nicht damenhaft hat Pelzchen in Eigenregie entschieden, dass sie den untalentierten Fahrzeuglenker mit Nachdruck lautstark ankläffen und ihn so aus ihrem Hoheitsgebiet entfernen muss. Das ist mein Pelzchen: Bei den weiteren Wiederholungen des Zusammenstoßes hat sie das heranrasende Auto angebellt, als wäre sie ein wütender Kettenhund. Es war wundervoll! Die Regie war begeistert, das Drehbuch wurde an dieser Stelle umgeschrieben und alle lobten den tollen Tiertrainer. Ich aber konnte nur stolz auf meinen kleinen Superhund verweisen, eine echte Vollblutschauspielerin, die wieder einmal genau wusste, wie die Szene am besten rüberkommt.

Besonderes Mitgefühl hatte ich in diesem Fall übrigens mit dem Team der Ausstattung, das dafür verantwortlich war, nach jeder erfolgten Kollision den ramponierten Anhänger wieder zusammenzuflicken und sommerlich geschmackvoll das Arrangement mit Plastikrasen und Plastikblumen erneut so zu dekorieren, als wäre nichts gewesen.

Natürlich hat auch Pelzchen Superstar etwas kleiner angefangen. Die allererste tragende Rolle hatte die Hundedame im Film »Die Traumnummer« mit Ingo Naujoks, den wir aus dem »Tatort« neben Maria Furtwängler als Kriminalautor kennen. In »Traumnummer« spielte er ebenfalls seine erste Hauptrolle. Sozusagen zwei Neuentdeckungen. Der damals frisch verheiratete Ingo saß für diesen Film im Rollstuhl und war Pelzchens Herrchen. Während der menschliche Darsteller mehrere Wochen lang das Rollstuhlfahren trainierte, lernte, wie schnelle Richtungswechsel funktionieren, wie man einen Hochstart hinlegt, eine Vollbremsung auf dem Asphalt macht oder das Hindernis Treppe bewältigt, hatten auch wir einen Rollstuhl zu Hause. Denn die Aufgabe des Hundes in diesem Film war es, den behinderten Ingo zu beschützen. Mal ist Pelzchen mit hoch erhobenem Kopf im Rollstuhl mitgefahren, mal war sie seine Begleiterin auf vier Pfoten, seine Feinde schlug sie in die Flucht, und selbst bei seinem Liebesleben konnte sie nachhelfen. All das musste natürlich geübt werden. Die Hündin sollte sich ganz sicher fühlen, wenn sie auf Ingo Naujoks Schoß saß, während der etwas beschwerlich und vor allem wackelig Treppen hinter sich brachte. Alle Berührungsängste mit dem Vollbremsungen vollführenden Rollstuhl mussten abgelegt werden, da dieses Gefährt ja gewissermaßen ein Teil des Film-Herrchens war. Ingo ist ein Pfundskerl, mit dem das Drehen die reine Freude war. Die perfekte Chemie zwischen ihm und Pelzchen war auch im Film deutlich zu spüren. Sechs Wochen lang waren die beiden vom Drehbuch festgelegte Freunde, dirigiert vom »Schwarzwaldklinik«- und »Traumschiff«-Regisseur Hans-Jürgen Tögel.

Bevor Pelzchen so dick ins Filmbusiness einstieg, tingelte sie in kleinen Gastrollen durch die Lande, mit Horst Tappert und Fritz Wepper immer wieder in »Derrick«, mit Rolf Schimpf in »Der Alte«. Sie fand Leichen, war ein total verwilderter Köter oder brillierte als kläffender Nachbarshund, der allen auf die Nerven ging. Die erste Episodenrolle erhielt sie in »Dr. Stefan Frank – der Arzt, dem die Frauen vertrauen« mit