Timetravel #26: Der grüne Terror - Horst Weymar Hübner - E-Book

Timetravel #26: Der grüne Terror E-Book

Horst Weymar Hübner

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Beschreibung

TIMETRAVEL - Reisen mit der ZeitkugelBand 26von HORST WEYMAR HÜBNERDer Umfang dieses Buchs entspricht 128 Taschenbuchseiten.Im Sommer des Jahres 2620 wurde das Raumschiff FARO zurückerwartet, das mit Freiwilligen an Bord gestartet war, um auf der Spur dreier uralter Schiffe die Heimatwelt der Atlanter zu finden.Zwanzig Jahre war die FARO im Raum gewesen. Sie kehrte vier Monate früher als erwartet zurück und brachte reiche Ausbeute mit, doch ohne die gesuchte Heimatwelt gefunden zu haben.Einige der galaktischen Pflanzen entwickeln sich anders als erwartet. Sie entkommen aus einem Labor und überwuchern den Küstenstrich von Florida bis New York. Der grüne Terror wütet. Städte sterben. Die Angst greift um sich.Als die Zeitspringer landen, erfahren sie, dass die FARO längst heimgekehrt ist. Noch ehe sich Vanessa Carter, Professor Hallstrom und Ben Crocker bewusst werden, dass sie zu spät gekommen sind, stecken sie mitten drin in einem Geschehen, das ihnen Rätsel aufgibt.Da sind die fliegenden grünen Pflanzenfetzen, und da ist eine Frau, die vorgibt, eine andere zu sein.

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Seitenzahl: 128

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Horst Weymar Hübner

Timetravel #26: Der grüne Terror

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Der grüne Terror

TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel

Band 26

von HORST WEYMAR HÜBNER

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 128 Taschenbuchseiten.

 

Im Sommer des Jahres 2620 wurde das Raumschiff FARO zurückerwartet, das mit Freiwilligen an Bord gestartet war, um auf der Spur dreier uralter Schiffe die Heimatwelt der Atlanter zu finden.

Zwanzig Jahre war die FARO im Raum gewesen. Sie kehrte vier Monate früher als erwartet zurück und brachte reiche Ausbeute mit, doch ohne die gesuchte Heimatwelt gefunden zu haben.

Einige der galaktischen Pflanzen entwickeln sich anders als erwartet. Sie entkommen aus einem Labor und überwuchern den Küstenstrich von Florida bis New York. Der grüne Terror wütet. Städte sterben. Die Angst greift um sich.

Als die Zeitspringer landen, erfahren sie, dass die FARO längst heimgekehrt ist. Noch ehe sich Vanessa Carter, Professor Hallstrom und Ben Crocker bewusst werden, dass sie zu spät gekommen sind, stecken sie mitten drin in einem Geschehen, das ihnen Rätsel aufgibt.

Da sind die fliegenden grünen Pflanzenfetzen, und da ist eine Frau, die vorgibt, eine andere zu sein.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author / Cover: Stokkete/123RF mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

Prolog

Am 5. Juli 1984 glückte Professor Robert Hallstrom das wahrhaft fantastische Experiment, winzige Substanzteile zu ent- und zu rematerialisieren. Und er errechnete, dass diese Substanzteile im Zustand der Körperlosigkeit mit ungeheurer Geschwindigkeit in der 4. Dimension zu reisen vermochten - also nicht nur durch den Raum, sondern auch in die Vergangenheit und in die Zukunft.

Mit seinem Assistent Frank Jaeger und dem Ingenieur Benjamin Crocker begann er, diese Entdeckung für die Praxis auszuwerten. Er wollte ein Fahrzeug bauen, das sich und seinen Inhalt entmaterialisieren, dann in ferne Räume und Zeiten reisen, sich dort wieder rematerialisieren und nach dem gleichen Verfahren wieder an den Ursprungsort und in die Ursprungszeit zurückkommen konnte. Doch nach vier Jahren musste der Professor seine Versuche aus Geldmangel einstellen.

Die superreichen Mitglieder vom „Konsortium der Sieben“ in London boten ihm aber die fehlenden Millionen unter der Bedingung an, dass sie über den Einsatz der Erfindung bestimmen könnten. Der Professor erklärte sich einverstanden, konnte weiterarbeiten und vollendete am 3. Mai 1992 sein Werk: die Zeitkugel. Seit diesem Tag reisen der Professor, sein Assistent und der Ingenieur im Auftrag des „Konsortiums der Sieben“ durch die 4. Dimension.

Dieser Roman erzählt die Geschichte der Ausführung eines derartigen Auftrags.

1

Heute haben sie es mit kurzen Stöcken geschlagen. Schmerzen verspürte es nicht. Aber die Behandlung empfand es als überaus unangenehm. Und auch das, was sie danach mit ihm machten.

Es hatte sich von der Kette gelöst und war durch das Wasserbecken geschwommen. Drüben hatte es die durchsichtigen Behälter mit dem grünen Inhalt untersucht und für verwertbar befunden.

Dann war es die Wand hochgeklettert und an der Decke gegangen. Bis zu den freundlichen Kuppeln, von denen so viel Helligkeit und angenehme Wärme kam.

Es hatte auch sie untersucht. Danach waren die freundlichen Kuppeln fort. Und mit ihnen die Wärme und die Helligkeit.

Und dann waren sie gekommen. Zweibeinige Wesen. Eines mit vier Augen. Sie hatten Stöcke und schlugen es.

Es war von der Decke herabgefallen. Die zweibeinigen Wesen hatten es erneut an die Kette gelegt, und jenes mit den vier Augen schnitt ein Stück aus seinem Körper und nahm es mit.

Es gefiel ihm nicht, dass man etwas von seinem Körper abtrennte. Schon die lange Reise in dem engen Gefängnis hatte ihm großes Unbehagen bereitet.

Wenn die zweibeinigen Wesen wiederkamen, musste es sie untersuchen. Vielleicht waren sie verwertbar. Und vielleicht schlugen sie dann nicht mehr mit Stöcken.

*

Lauschend hob Fletcher den Kopf. Ganz deutlich hörte er wieder das Klirren der Stahlkette hinter der Panzertür.

Er schob die Brille auf die Stirn und zog die Unterlippe zwischen die Zähne. Als Exobiologe hatte er sich längst abgewöhnt, verwundert zu sein, wenn etwas unverständlich und unbegreiflich war.

Dieses Ding dort hinter der Tür verstand er nicht. Und er begriff es nicht. Noch nicht.

Er sammelte Fakten und wissenschaftliche Beweise, aber keine Fragen.

Bei dem Ding handelte es sich um eine Existenzform, von der er bislang sagen konnte, dass sie einen unsagbar fremdartigen Metabolismus besaß.

Intelligenz?

Wohl eher der erstaunliche Instinkt einer Urform galaktischer Amöben.

Ob es sich überhaupt um eine Amöbe handelte, konnte er zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht beurteilen.

Als er das Ding vor vier Monaten ins Labor bekommen hatte, war es handtellergroß gewesen. Seitdem war es stetig gewachsen. Vor vier Wochen hatte es die Holztür beschädigt und einen Tag später ganz herausgerissen. Sie mussten eine schwere Panzertür einsetzen.

Und heute hatte es sich losgemacht, hatte das Wasserbecken durchquert und erst die Glasbehälter mit den grünen Flechten und dann die sieben Lichter an der Hallendecke aufgefressen. Genau wie damals die Holztür.

Gesehen hatte das niemand. Es war aber die einzige vernünftige Erklärung für das spurlose Verschwinden der Gegenstände.

Die Stromstöße hatten ihm offensichtlich nicht geschadet, die es beim Berühren der Kontakte in den Deckenstrahlern erhalten haben musste.

Fletcher machte sich eine Notiz.

Heute hatte er dem Ding eine große Gewebeprobe entnommen. Die Notiz diente als Gedächtnisstütze. Er musste untersuchen, ob das Gewebe in der Lage war, Elektrizität zu leiten, zu absorbieren oder zu neutralisieren.

Die Stahlkette in der Halle klirrte erneut.

Nachdenklich griff Fletcher nach der Gewebeprobe, die er in einen druckfesten durchsichtigen Behälter gelegt hatte.

Sie lebte.

Die Fasern pulsierten schwach. Es gab keine Adern, keine Nervenbahnen und kein erkennbares organisches Gebilde, das die matten Bewegungen verursachte oder steuerte.

Immerhin war die Gewebeprobe im Gegensatz zum Mutterkörper nicht gewachsen.

Amöben waren niedere Existenzformen. Fletcher stellte den Behälter zurück. Eine Riesenamöbe dieser galaktischen Art war vermutlich beliebig oft teilbar, wobei die Teile lebensfähig blieben.

Die irdische Atmosphäre, überlegte er, muss den überraschenden Wachstumsstoß ausgelöst haben.

Er erinnerte sich, dass im Bericht der FARO-Besatzung zwar nichts über Wachstumsneigungen gestanden hatte, wohl aber daran, dass der Geschmack als tintenfischähnlich gepriesen war. Die Mannschaft hatte einen Vorrat als willkommene Bereicherung des Küchenzettels an Bord genommen. Ein Exemplar hatte sie mitgebracht, die anderen waren auf dem Rückflug aus dem Epsilon-Eridani-System zur Erde verspeist worden.

Ärgerlich wandte Fletcher den Kopf, als der Summer und das aufflackernde rote Licht über der Vordertür Besuch ankündete. Er liebte es nicht, bei der Arbeit gestört zu werden.

Watson trat ein. Er lief nie anders herum als mit einem schläfrigen Gesicht. Dabei war er der geschwätzigste Mensch im gesamten Laborbereich und neugierig wie ein junger Hund. Fletchers Stirn legte sich in ärgerliche Falten.

Watson und sein Team waren beauftragt, die rapide Vermehrung der grünen Flechten zu untersuchen, die ebenfalls von der Mannschaft der FARO mitgebracht worden waren. Die Entwicklung war ähnlich verlaufen wie bei dem amöbenartigen Wesen.

Nur hatten die grünen Flechten Sporen ausgestoßen, was Watson viel zu spät gewahr wurde. Die Sporen waren in unbekannter Menge aus dem Labor entwischt. Ziemlich genau sechs Wochen nach dem Vorfall gab es im Umkreis von zweihundert Meilen diese grünen Flechten. Sie entwickelten sich zu überaus lästigen Schmarotzern und siedelten auf Bäumen und Nutzpflanzen ebenso wie an Hausfassaden und auf Leitbandstraßen.

Jemand aus Watsons Team hatte versäumt, die Anlage einzuschalten, die die Abluft aus dem Labor filterte. Aber Watson trug die Verantwortung für seine Abteilung.

Was will er?, überlegte Fletcher. Er ist in einem Jahr nicht hier gewesen!

Watsons schläfriges Gesicht verzog sich. Hohn und Schadenfreude war in seinen Augen.

„Ich hörte, Sie hatten heute Ihr erstes großes Problem mit dem Ding?“

„Das Problem liegt wieder an der Kette.“

Watson zeigte auf die Panzertür. „Da drin?“

„Gehen Sie besser nicht hinein.“

Watsons Gesicht fiel in den gewohnten schläfrigen Ausdruck zurück. „Was macht es?“

„Es wächst weiter.“

„Wie die verdammten Flechten.“ Watson seufzte. „Es könnte ein Zusammenhang bestehen.“

„Wo vermuten Sie den?“

„Derselbe Metabolismus. Derselbe Ursprungsplanet. Dieselbe Entwicklung auf der Erde. Und dennoch zwei im Aussehen grundverschiedene Lebensformen. Ich werde das Ding studieren.“

Er ging auf die Panzertür zu.

Fletcher öffnete den Mund, sagte dann aber doch nichts. Es war nicht ratsam, Watson in eine Diskussion zu verwickeln. Oder sich von ihm darin verwickeln zu lassen. Er redete für sein Leben gern und pflegte nach kurzer Zeit jedes Gespräch rücksichtslos an sich zu reißen und allein zu bestreiten. Er war dann so wenig zu stoppen wie ein Gebirgswasserfall nach der Schneeschmelze im Frühjahr.

Mit einem dumpfen Schlag fiel die Panzertür zu. Achselzuckend wandte sich Fletcher zum Arbeitstisch um und griff nach dem druckfesten durchsichtigen Behälter.

Er baute eine Versuchsanordnung auf, trennte ein paar Fasern aus der Gewebeprobe und legte Messsonden an.

Selbst die Fasern lebten weiter.

Er jagte einen Stromstoß in die Fasern und las die Werte ab. Er war viel zu sehr Wissenschaftler, um in Panik zu verfallen. Er hatte ein Problem, dem es auf die Spur zu kommen galt.

Gewissenhaft notierte er die Werte und tippte sie dem Rechner ein.

Die Fasern leiteten den Strom nicht, sie absorbierten ihn auch nicht - sie neutralisierten ihn.

Er baute den Versuch um und legte Sonden zur Messung des Widerstandes an.

Die Anzeigen blieben tot.

Fletcher verschloss die gebrauchten Fasern in einem druckfesten Behälter und zupfte neue aus der Gewebeprobe. Bedächtig arrangierte er sie unter dem Rastermikroskop. Zweifelsfrei waren sie halbkristalliner Natur.

In zeitraubender Prozedur löste er mehrere halbkristalline Körner aus einer Faser und brachte sie in ein Magnetfeld, dessen Stärke er laufend erhöhte.

Weder die Halbkristalle innerhalb der Körner noch die Körner richteten sich nach den Feldlinien aus.

Er schaltete das Magnetfeld ab und ordnete einen Hitzeversuch an. Zufällig blickte er nochmals durchs Rastermikroskop. Die Körner hatten sich in die Lage ausgerichtet, die sie in der Faser eingenommen hatten.

Das Ergebnis erschien Fletcher unwahrscheinlich. Vielleicht war er gegen das Mikroskop gestoßen. Eine geringe Erschütterung nur!

Er nahm eine frische Faser, färbte vier Körner ein, löste sie heraus und unterzog sie dem Magnetfeldversuch. Keine Reaktion. Als er abschaltete, begannen die Körner zu wandern. Sie ordneten sich in exakt der Reihenfolge, die sie in der Faser eingenommen hatten.

Fletcher wiederholte diesen Versuch mehrmals. Er begriff, dass die halbkristallinen Körner ein Erinnerungsvermögen besaßen, eine Art Gedächtnis, das sie befähigte, sich richtig einzuordnen und die Reihenfolge herzustellen.

Von diesem Ergebnis angespornt, fuhr Fletcher in seinen Experimenten fort und lernte bemerkenswerte Eigenarten kennen.

Der Hitzetest erbrachte, dass die Körner bei einer Temperatur von 827 Grad Celsius das Erinnerungsvermögen verloren und nach der Abkühlung nicht wiedererlangten.

Erst bei einer Temperatur von 1497 Grad verbrannten sie. Ein rötlicher Staub ohne erkennbare Eigenschaften blieb zurück.

Dieser Zwang der halbkristallinen Körner, sich einordnen zu müssen, brachte ihn auf den Einfall, ein paar Fasern in winzige Stücke zu zerteilen. Er rührte die Masse kräftig durcheinander.

Nach wenigen Augenblicken begannen sich die Trümmerstücke zu ordnen und zu Fasern zusammenzufügen. Sie hatten dieselbe Form und Länge wie vor der Zerteilung.

Er unternahm diesen Versuch nochmals mit sieben verschieden eingefärbten Fasern.

Aus dem farbenprächtigen Gemenge der winzigen Stücke begannen sich die Fasern zu bilden. In keiner Faser befand sich ein andersfarbiges Stück.

Er testete die Reißfestigkeit der wiedererstandenen Gebilde. Die Stücke hatten sich nicht nur in der richtigen Reihenfolge zusammengefügt, sondern auch wieder fest miteinander verbunden.

Jede Faser riss bei einem Zug von zwei Kilopond.

Helligkeit begann das Labor zu füllen. Irritiert schaute Fletcher auf.

Die automatische Regleranlage hatte die Beleuchtung eingeschaltet. Es war Abend.

Fletcher tippte die letzten Werte in den Rechner ein, baute seine Versuchsanordnungen ab und verschloss alle Fasern in druckfesten Behältnissen.

Der Kopf schmerzte ihn, die Schläfen brannten, und der Nacken war steif wie ein Brett.

Ächzend rollte er die Schultern, knetete die Muskulatur um die Nackenwirbel und ging zur Vordertür. Als er die Hand nach dem Knauf ausstreckte, fiel ihm Watson ein.

War er gegangen, während er voll konzentriert über seinen Versuchen gesessen hatte?

Er konnte sich nicht entsinnen, das öffnen und vor allem das Schließen der Panzertür bemerkt zu haben. Und es entsprach auch gar nicht Watsons Art, sich wortlos davonzumachen.

Verwundert ging Fletcher zur Panzertür. Als er sie aufzog, hörte er ein Plätschern und sah nur Dunkelheit.

Er drückte auf die Platte und schaltete die sieben Deckenstrahler ein, die nach dem Vorfall neu installiert worden waren. Blendende Helligkeit flutete durch die Halle.

Der Eisenpflock steckte drüben in der Wand. Die Stahlkette lag am Boden.

Vorsichtig schaute Fletcher durch die Türöffnung und dahinter an der Wand hoch. Vielleicht war es wieder hinaufgeklettert.

Es war nicht an einer Wand und hing auch nicht an der Decke.

Watson war ebenfalls nicht da.

Das Wasser rauschte im Becken. Misstrauisch trat Fletcher näher. Das Ding tauchte vom Grund des Beckens hoch und breitete sich behäbig wie eine müde Qualle an der Oberfläche aus.

Die Wandlung, die im gleichen Augenblick vor sich ging, war gespenstisch. Das Ding begann sich zu recken und zu dehnen. Eine Kuppe hob sich, die Quallenform wurde verschwommen.

Aus hervorquellenden Augen starrte Fletcher auf das zuckende, sich abzeichnende Gebilde, das sich bemühte, einen menschlichen Körper nachzuahmen.

Der Anblick war grauenhaft.

Mit entsetzlicher Klarheit begriff Fletcher, dass Watson nicht weggegangen war.

Er warf sich keuchend herum, rannte hinaus verriegelte die Panzertür und stürzte zum Videophon.

Seine Alarmmeldung mobilisierte die Leitung des Laboratoriums.

Zehn Minuten nach seiner Entdeckung wurde die autonome Regierung informiert.

Nicht einmal eine Stunde danach gab die Vereinigte Regierung der Erde Fahndungsalarm.

Gesucht wurden die 23 Freiwilligen, die mit der FARO ins System Epsilon Eridani vorgestoßen und nach 20 Jahren, 2 Monaten und 17 Tagen Abwesenheit von der Erde vor vier Monaten zurückgekehrt waren. Jeder der 19 Männer und jede der 4 Frauen hatten eine fantastische Prämie erhalten. Nach Ableistung der vierwöchigen Quarantänezeit hatten sie sich in alle Winde zerstreut und hauten derzeit wahrscheinlich das Geld auf den Kopf.

Zwanzig Jahre schaffen einen enormen Nachholbedarf.

*

Sie fühlte Beklemmung aufsteigen, als es gegen das Fenster pochte.

Die Zimmer lagen im 43. Stockwerk des Hotels. Balkone gab es nicht, und die Fassade war so glatt, dass auch ein Kletterer ohne Nerven niemals den Aufstieg schaffte.

Sie drehte die Dusche ab, streifte die Wasserperlen von ihrer samtweichen Haut und wickelte sich in ein exotisch duftendes Tuch. Auf nackten Füßen tappte sie aus dem Bad, ergriff das Gerät, das sie mit den anderen Dingen auf das modische Konturenbett gelegt hatte, und sagte, indem sie es dicht vor den Mund hielt und vermied, zu den Fenstern zu blicken: „Ben, es ist schon wieder da! Diesmal träume ich wirklich nicht, glaube mir.“

Vor einer Stunde hatte sie ihn bereits herübergebeten, nachdem ein hartes Pochen sie aufgeschreckt und zum Nachschauen veranlasst hatte. Fenster in dieser Höhe waren so konstruiert, dass sie nicht geöffnet werden konnten.

Vorsorglich hatte sie das Licht ausgeschaltet und den Außenbereich des Fensters beobachtet. Da war absolut nichts gewesen.

Zu einem anderen Ergebnis war auch Ben dann nicht gekommen. Mehr zu ihrer als zu seiner eigenen Beruhigung war er sogar hinuntergefahren und hatte von der Straße aus die Hotelfassade in Augenschein genommen. Durch An- und Ausschalten des Lichtes hatte Vanessa die Lage ihres Zimmers signalisiert.

Außer ein paar grauen Flecken an der Gebäudewand - die Wirkung von Licht und Schatten - hatte er nichts bemerken können. Das hatte er ihr auch sehr nachdrücklich erklärt. Unter seinen kritischen Blicken war sie ziemlich kleinlaut geworden.

Und jetzt pochte es wieder!

Ihr Verstand sagte ihr, dass graue Flecken, die aus dem Wechselspiel von Licht und Dunkelheit entstanden, niemals an Hotelfenster pochen konnten.

„Soll ich bei der Hotelleitung nachhören, ob das ein Spiel ist, mit dem die Gäste unterhalten werden?, erkundigte er sich sarkastisch.

In diesem Augenblick ertönte erneut das unrhythmische Pochen. Vanessa reckte das Gerät dem Fenster entgegen.

„Und nun?“, fragte sie.

„Ich komme.“ Ein Knurren begleitete das Versprechen.

Sie löste das hochgebundene Haar und schüttelte es aus, weil sie eitel wie alle Frauen war.

Eine Minute darauf war Ben zur Stelle. Er sah das Tuch, das Nessies betörende Figur umhüllte, und schnupperte den exotischen Duft, der dem Tuch entstieg. Ein Lächeln nistete sich in seinen Augenwinkeln ein. „Mir scheint, ich komme zum rechten Zeitpunkt.“

„Unterstehe dich!“, drohte sie. Es klang mehr kokett und weniger ernst gemeint.

Es pochte schon wieder.

Ben bewegte sich mit der plötzlich ausbrechenden Wildheit eines angreifenden Panthers. Mit wenigen Schritten war er am Fenster.

Draußen gab es nicht einmal ein Gesims. Er konnte weder ein Gesicht noch eine Hand entdecken. Ratlos hob er den Blick.

Er registrierte eine schwache Bewegung am oberen Fensterrand. Verblüfft trat er aus dem Licht, damit mehr Helligkeit das zappelnde Etwas traf.

Ein zerfranstes grünes Tuch war es, ein schäbiger alter Lappen, der draußen vom Wind gebeutelt wurde!

In dieser Höhe erreichten die Windgeschwindigkeiten eine respektable Größenordnung. Von den heftigen Stößen wurde der Lappen bewegt und gegen das Fenster geschlagen. Ein Fetzen löste sich und trudelte davon.

„Ein nachlässiger Betrieb“, brummte Ben. „Der Fensterputzer hat was hängen lassen.“

Stoff raschelte sanft und verführerisch. Nessies warmer Atem streifte seinen Nacken. Sie war hinter ihn getreten und sah dem Spiel des tanzenden grünen Fetzens zu. Aufwind schoss an der Gebäudefassade hoch und blies ihn nach oben. Er verschwand aus dem Blickfeld.

„Wenn du dich gestört fühlst, sage ich Bescheid, damit das Ding morgen entfernt wird.“ Er wandte sich um.

In ihren Augen las er die stumme Bitte.