Timetravel #29: Er wollte ein Vogel sein - Horst Weymar Hübner - E-Book
Beschreibung

TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel Band 29 von Horst Weymar Hübner   Der Umfang dieses Buchs entspricht 132 Taschenbuchseiten.   Der Auftrag: Der sagenhafte Bildhauer und Erfinder Dädalos, wegen eines Mordes zum nicht minder sagenhaften König Minos nach Kreta geflohen, galt als erfundene Figur klassischer griechischer Dichter. Dokumente aus der Regierungszeit des ägyptischen Pharao Thutmosis IV. besagen jedoch, dass es diesen König Minos wirklich gegeben hat und dass er einen Baumeister besaß, der ihm ein Labyrinth errichtete, aus dem es kein Entrinnen gab, der ihm einen Zwinger für ein gehörntes Ungeheuer erbaute und ein Bassin für einen Meeresteufel und der ihm eines Tages vogelgleich mit gewaltigen Schwingen an den Armen entflog. Reisen Sie nach Kreta und überprüfen Sie, ob Dädalos dieser Baumeister des Königs Minos war. Konsortium der Sieben

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Seitenzahl:138

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Horst Weymar Hübner

Timetravel #29: Er wollte ein Vogel sein

Cassiopeiapress Science Fiction

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

ER WOLLTE EIN VOGEL SEIN

TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel

Band 29

von HORST WEYMAR HÜBNER

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 132 Taschenbuchseiten.

 

Der Auftrag: Der sagenhafte Bildhauer und Erfinder Dädalos, wegen eines Mordes zum nicht minder sagenhaften König Minos nach Kreta geflohen, galt als erfundene Figur klassischer griechischer Dichter. Dokumente aus der Regierungszeit des ägyptischen Pharao Thutmosis IV. besagen jedoch, dass es diesen König Minos wirklich gegeben hat und dass er einen Baumeister besaß, der ihm ein Labyrinth errichtete, aus dem es kein Entrinnen gab, der ihm einen Zwinger für ein gehörntes Ungeheuer erbaute und ein Bassin für einen Meeresteufel und der ihm eines Tages vogelgleich mit gewaltigen Schwingen an den Armen entflog. Reisen Sie nach Kreta und überprüfen Sie, ob Dädalos dieser Baumeister des Königs Minos war.

Konsortium der Sieben

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author / Cover: Nach einem Motiv von Herbert James Draper mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Prolog

Am 5. Juli 1984 glückte Professor Hallstrom das fantastische Experiment, winzige Substanzteile zu ent- und zu rematerialisieren. Er errechnete, dass diese Substanzteile im Zustand der Körperlosigkeit mit ungeheurer Geschwindigkeit in der 4. Dimension zu reisen vermochten – also nicht nur durch den Raum, sondern auch in die Vergangenheit und in die Zukunft. Mit seinem Assistenten Frank Jaeger und dem Ingenieur Ben Crocker begann er, diese Entdeckung für die Praxis auszuwerten. Er wollte ein Fahrzeug bauen, das sich und seinen Inhalt entmaterialisieren, dann in ferne Räume und Zeiten reisen, sich dort materialisieren und nach dem gleichen Vorfahren wieder an den Ursprungsort und in die Ursprungszelt zurückversetzen konnte. Nach vier Jahren musste der Professor seine Versuche aus Geldmangel einstellen.

Die superreichen Mitglieder vom „Konsortium der Sieben“ In London boten ihm aber die fehlenden Millionen unter der Bedingung an, dass sie über den Einsatz der Erfindung bestimmen könnten. Der Professor erklärte sich einverstanden, konnte weiterarbeiten und vollendete am 3. Mai 1992 sein Werk: die Zeitkugel. Seit diesem Tag reisen der Professor, sein Assistent und der Ingenieur im Auftrag des „Konsortiums der Sieben“ durch die 4. Dimension. Dieser Roman erzählt die Geschichte der Ausführung eines derartigen Auftrags.

1

Aus dem Papyrus des Pharao Thutmosis IV.:

Im Meer weit vor der Küste unseres Reiches liegt eine Insel, die man Kaftiu nennt und die neunzig blühende Städte zählt. Ihre Reichtümer und Schätze sind nicht zu benennen, und um ihre Städte sind keine Mauern geführt. Der König von Kaftiu gebietet über eine Flotte, die so gewaltig ist, dass sie weithin das Meer bedeckt und jedem Feind verwehrt, die steilen Küsten zu besteigen. Darum sind die Städte ohne Mauern, denn die Schiffe sind die Mauer. Auch gibt es Gebäude wundersamer Art, dem König von einem barbarischen Baumeister errichtet, darinnen der König, Minos geheißen, gewaltige Ungeheuer gefangenhält ...“

2

Angespannt starrten Professor Robert Hallstrom, Frank Jaeger und Ben Crocker in den Himmel hinauf. Von den nördlichen kretischen Küstenbergen her näherten sich im Blau des Himmels zwei schwarze Punkte. Sie hielten, soweit das jetzt schon abzuschätzen war, genau auf die Steilküste zu, in deren unübersichtlichem Gewirr von Klippen und Schroffen die drei Männer vor wenigen Minuten mit ihrer Zeitkugel gelandet waren.

Die Kugel war nicht mehr sichtbar. Sie war aus dem Zeitgefüge spurlos verschwunden.

Aber die dreiköpfige Besatzung war vorhanden und schaute verwundert auf die rasch größer werdenden Punkte.

Hallstrom kratzte sich am Kinn. Das geschah selten, verriet aber den Grad seiner Verblüffung. Frank Jaeger teilte seine Aufmerksamkeit zwischen den durch die Lüfte heraneilenden Punkten und dem Professor.

„Was meinen Sie?“, fragte er. „Adler oder uns unbekannte Tiere?“

Hallstrom war überfordert. Die Schärfe seiner Augen reichte für diese Entfernung nicht aus. „Wir wollen besser keine voreiligen Schlüsse ziehen“, meinte er mit der Zurückhaltung des seriösen Wissenschaftlers.

Ben Crocker grinste niederträchtig. Er spürte, dass Frank und Hallstrom um eine Sache herumredeten, derentwegen sie diesen Zeitsprung in die Vergangenheit überhaupt gemacht hatten.

„Sagt doch gleich, dass ihr nicht wisst, ob da Dädalos und Ikaros auf künstlichen Schwingen angesaust kommen“, spottete er. „Ihr hofft es natürlich, aber ihr seid zu bescheiden, das zuzugeben.“

Wütend fuhr Hallstrom zu ihm herum. „Und ich frage mich, warum ich mir immer wieder Ihre garstigen Bemerkungen anhören muss? Womit habe ich das nur verdient?“

„Mein Gehirnschmalz und meine Einfälle sind unersetzlich“, erwiderte Ben zufrieden. „Und nicht zu vergessen meine Fäuste. So etwas wie mich finden Sie nicht noch mal!“

„Selbsterkenntnis lässt immerhin auf Besserung schließen!“, murmelte Frank. Er machte dabei ein ausdrucksloses Gesicht.

Hallstrom aber fuchtelte Ben vor der Nase herum und meinte gallig: „Das kann ich unterschreiben! Sie sind in der Tat einmalig!“

Ben gewann das dumpfe Gefühl, dass Hallstrom das in abwertender Form meinte. Bevor er aber dem Professor noch ein paar nadelspitze Freundlichkeiten unter die Haut jagen konnte, zeigte Frank ostwärts über die Schroffen und Klippen.

Alarmiert blickten Ben und Hallstrom in die angezeigte Richtung.

Danach fluchte Hallstrom besorgt. „Verdammt, man muss unsere Landung beobachtet haben! Sie kommen und suchen uns!“

Hoch oben war der Himmel blau, über den Klippen und der Steilküste jedoch lag Dunst, eine Folge der Hitze und der Tatsache, dass Kreta vom Meer umgeben war.

Die diesige Sicht mochte schuld daran sein, dass Frank die Leute erst jetzt entdeckt hatte. Sie kletterten über Zacken und Schroffen an der Kante der Steilküste und waren schon verteufelt nahe.

Ihr Ziel schien eine ins Meer vorspringende Klippe zu sein, die die Form eines Adlerkopfes hatte.

„Runter!“, zischte Hallstrom.

Sie tauchten alle drei unter wie der Teufel, der in den Kasten fährt. Angestrengt lauschten sie. Sie konnten von den Leuten, die dort hinten auf den Felsen herumkletterten, nichts hören.

Ben lehnte sich mit dem Rücken gegen einen sonnenwarmen Stein und hielt wieder Ausschau nach den heranfliegenden Punkten.

„Teufel noch mal!“, stieß er hervor. „Seht euch das an! Unser viel gerühmter Dädalos, den wir zu finden hoffen, ist das nicht. Sieht mir eher wie zwei jämmerlich gerupfte Vögel aus! Wenn das die Größe der hiesigen Brathähnchen ist, dann verspreche ich mir von unserem Aufenthalt eine ganze Menge!“

„Verfressener Sack!“, kommentierte Frank.

Hallstrom sagte nichts. Ihm hatte es die Sprache verschlagen.

Deutlich waren mit bloßem Auge schon die beiden heranfliegenden Tiere zu erkennen. Es waren in der Tat keine Adler – und schon gar nicht zwei Menschen, die sich auf künstlichen Schwingen bewegten. Die Tiere rührten die Flügel überhaupt nicht. Sie hielten sie weit gespreizt, als könnten sie nur auf diese Weise den nötigen Auftrieb bekommen. Die Schwingen sahen aus, als seien die Motten hineingeraten. Es fehlten eine ganze Menge Federn. Den Tieren waren auch Schwanzfedern abhanden gekommen, denn sie hatten offensichtliche Schwierigkeiten, ihren Flug korrekt zu steuern.

Ihr Flug war kein schönes Gleiten, sondern ein ruckartiger und verzögerter Fall.

Am meisten verwirrte ihr fast nackter Hals. Entweder hatten die seltsamen Vögel die Mauser – oder jemand hatte sie ganz erbärmlich gerupft!

Ben, der blitzschnell überlegte, ob und wo er schon mal solche Tiere gesehen hatte, bemerkte, dass die hässlichen gerupften Vögel tatsächlich den Klippenrand als Ziel auserkoren hatten.

Sie senkten sich immer mehr herab.

Hallstrom griff nervös nach seiner Lähmstrahlwaffe, dem Paralyzer, als er die vorgereckten Greiffüße der Tiere sah und die mörderisch scharfen Krallen. Alles deutete darauf hin, dass die Tiere gleich landen würden.

Und zwar hier! Genau auf dieser Klippe!

Aber da merkten die Vögel, dass die Klippe schon besetzt war, und zwar von drei Menschenwesen, die sich hinter Steinbrocken gekauert hatten.

Hastig, erschrocken und nervös trennten sich die großen Vögel. Sie flatterten davon wie gewaltige Putzlappen.

Der an der Steilküste heraufstreichende Wind griff unter die löchrigen Schwingen und gab den Tieren Auftrieb. Sie begannen ungelenk zu kreisen – zwanzig Meter hoch über der schäumenden Brandung und den andonnernden Wellen, aber nur wenige Armlängen von den drei Zeitreisenden entfernt. Ihre heiseren, gierigen Rufe übertönten den Lärm der Brandung in der Tiefe.

„Mich laust der Affe vierhändig!“, stieß Ben hervor. „Das sind Geier, wie ich sie nie zuvor in dieser Größe sah! Denen hat man aber sauber die Federn ausgezupft! Gerade so viele, dass sie halbwegs noch fliegen können.“

„Geier?“, fragte Hallstrom skeptisch. „Sind Sie ganz sicher?“

Und Frank meinte spöttisch: „Ich dachte, es seien kretische Brathähnchen, die man nur noch an den Spieß zu stecken braucht.“

Trübsinnig nickte Ben. „Hackt nur auf mir herum! Mit mir könnt ihr's ja machen und ...“ Er verstummte und zog blitzschnell den Kopf ein, denn dicht über den Steinen tauchte einer der Geier im unsicheren Flug auf und angelte mit den Krallen nach seinem Haupt.

Haarscharf verfehlten die Krallen Bens Stirn.

Während ein gewaltiger Luftzug über Ben hinstrich, fluchte Hallstrom erschrocken, und Frank fuhr heftig zusammen. Der Angriff des Geiers war zu plötzlich und geradezu überfallartig erfolgt.

Das andere Tier schien nicht so mutig. Es kreiste unbeholfen ein Stück vom Klippenrand entfernt im Aufwind und äugte in auffälliger Weise her.

Ben hatte vorsichtshalber den Paralyzer herausgenommen, weil er keine Lust verspürte, sich Kopf oder Schultern von dem angriffslustigen Geier zerfleischen oder sich von ihm über den Klippenrand reißen zu lassen.

Er spähte scharf nach dem Tier aus, konnte es jedoch nicht mehr entdecken. Gerade wollte er sich hinter seinem Stein vorsichtig erheben, als ihm das auffällige Benehmen des zweiten Geiers bewusst wurde.

Warum äugte das Tier mit dem hässlichen nackten und faltigen Hals so wild her? Hatte es sich ebenfalls zu einem stürmischen oder hinterhältigen Angriff entschlossen?

Ein mächtiger Schatten glitt über Ben, Hallstrom und Frank hin. Sie duckten sich alle drei und hörten das Rauschen der Geierschwingen. Das erste Tier war wieder da und versuchte, die drei Störenfriede von der Klippe zu vertreiben.

Wachsam verfolgte Ben den Flug der beiden Tiere, die draußen umeinanderkreisten und sichtlich Mühe hatten, nicht zusammenzustoßen. Ihre Bogen und Schleifen waren eng.

Ein böser Verdacht stieg in Ben auf. Er brachte die Hartnäckigkeit der beiden gerupften Geier mit dem Auftauchen der Leute zusammen, die dort hinten über dem Klippenrand erschienen waren und jetzt schon in der Nähe sein mussten.

War dies vielleicht ein Fütterungsplatz für die beiden Geier? Wurde hier etwa ein grausiges Opfer dargebracht, und die Geier warteten bereits ungeduldig, um sich ihren Anteil zu holen?

Ben schaute so verblüfft Hallstrom an, dass es diesem reichlich mulmig wurde.

„Ist etwas, Ben?“, erkundigte sich der Professor mit belegter Stimme.

„Ich fürchte, wir sind an einem Opferplatz gelandet!“, meinte Ben vorsichtig. „Entweder wollen uns die Geier vertreiben – oder sie halten uns für eine Beute, die man hier für sie deponiert hat!“

„Hören Sie mit Ihren verdammten Witzen auf!“, entrüstete sich Hallstrom, der nichts anderes dachte, als dass Ben wieder eine seiner absonderlichen Ideen unters Volk bringen wollte.

„Ich bin aber gar nicht spaßig aufgelegt“, erwiderte Ben gekränkt.

Frank ließ ihm Hilfe und Unterstützung angedeihen. „Die Sache hat Hand und Fuß, Ben. Vielleicht bringen die Knaben da hinten auf den Klippen wirklich ein Opfer angeschleppt. Die Geier mit ihren scharfen Augen müssen das von den Küstenbergen aus gesehen haben und sind sofort hergeflogen, um keine Sekunde zu verlieren. - Moment mal, ich sehe nach, was die Burschen treiben und wo sie jetzt sind!“

Er reckte sich und peilte vorsichtig über den Rand des verwitterten Felsens, hinter dem er eine etwas dürftige Deckung gefunden hatte.

Währenddessen fragte Hallstrom, der sich Bens Worte hatte durch den Kopf gehen lassen: „Meinten Sie etwa Menschenopfer, Ben?“

„Nichts anderes“, bestätigte der. „Anders kann ich das Verhalten der verfluchten Geier nicht deuten! Sie müssen mit einem Menschenopfer rechnen – hier an dieser Stelle! Sonst hätten die hässlichen Vögel uns doch nicht angegriffen! Da – der eine Bursche versucht es schon wieder!“

Tatsächlich hatte der eine Geier eine enge Schleife gezogen und flog einen neuerlichen Angriff. Diesmal galt er Frank, der den Kopf zu weit aus der Deckung gehoben hatte.

Aber Frank Jaeger hatte aus den Augenwinkeln jede Bewegung der Tiere verfolgt und tauchte genau in dem Moment weg, als der Geier seine Fänge in seine Schultern schlagen wollte.

Der fehlgegangene Angriff ließ den Vogel taumeln und auf einen hochstehenden Stein zusegeln, der wie eine verkantete Tischplatte aussah.

Mit knapper Not rauschte das Tier an dem gefährlichen Hindernis vorbei und geriet jenseits der Steilküste wieder in den Aufwind, der es hochhob.

Frank hatte sich mit dem Rücken wieder gegen den Stein gelehnt und wischte sich über die Stirn, auf der der Schweiß perlte.

„Man sollte einen ordentlichen Prügel zur Hand haben und dem Kerl seine letzten Federn ausklopfen!“, sagte er entrüstet. „Er hat mich beinahe erwischt! - Unsere Theorie scheint nicht ganz zu stimmen.“ Er deutete mit dem Daumen über seine Schulter. „Die Burschen da hinten kommen nicht näher. Ich habe sie gezählt – sechs Männer, wenn mich meine Augen nicht getäuscht haben. Sie suchen mit Bienenfleiß etwas und stochern in Löchern und Felsspalten herum.“

Hallstrom rieb sich über die Augen. „Sind Sie ganz sicher, Frank? Haben sie nicht eine gefesselte Person dabei oder jemand, der als Opfer für diese beiden Geier zu betrachten ist?“

„Absolut nicht“, bekräftigte Frank. „Die Geier greifen sie auch nicht an. Vielleicht bewirken das die Stöcke und Stangen.“

Ben konnte sich auf diese Geschichte keinen Reim machen und erhob sich, um sich mit eigenen Augen davon zu überzeugen, was die Kreter trieben. Die beiden Geier schwebten jetzt ein ganzes Stück weiter draußen. Von ihnen drohte in diesem Augenblick keine Gefahr, wenn auch die Tiere nahezu unverwandt herschauten.

Ben spähte nicht über seine Felsendeckung hinweg, sondern schob sich an dem Stein entlang, bis er um die Kante sehen konnte.

Tatsächlich, sechs Männer, bekleidet mit kurzem, rockähnlichem Gewand, einem bauschigen Kittel mit Pluderärmeln und mit bis zu den Waden hochgeschnürten Sandalen, kletterten drüben an der Kante der Steilküste herum. Sie waren nicht näher gekommen. Und wenn, dann war es unbeträchtlich.

Sie schienen sich auch nicht um die hässlichen Geier zu kümmern, die mit ihrem gerupften Aussehen einen höchst befremdlichen Anblick boten. Entweder waren die Kreter daran gewöhnt, oder ihre Beschäftigung nahm sie derart in Anspruch, dass sie keinen Blick für ihre Umgebung übrig hatten.

Es musste an dem sein, denn anders konnte sich Ben nicht erklären, dass sie von den Kretern vorhin nicht entdeckt worden waren und dass inzwischen zwei oder drei Mann herübergeklettert waren, um nachzusehen, wer hier an der Steilküste herumturnte.

Mit Feuereifer stocherten die Männer in Spalten, schauten auch an der zerklüfteten Steilwand zur Brandung hinab und fuchtelten dann enttäuscht herum.

Ihrer Suche schien keinerlei Erfolg beschieden zu sein.

Ben schob sich noch ein wenig weiter vor. Der Wind, der von unten heraufblies, brachte feinen Salzwasserstaub mit und besprühte ihn. Das Salz biss in den Augen. Zudem spürte Ben auch das kräftige Rütteln der Windstöße. Der Aufwind war keine gleichmäßig wehende Einrichtung der Natur, und er konnte sich jetzt die Schwierigkeiten ausmalen, mit denen die lädierten und vieler Federn beraubten Geier zu kämpfen hatten, um nicht herumgebeutelt zu werden.

Er zog sich zurück, nachdem er nicht Sinn und Zweck der Suchaktion jener sechs Kreter ergründen konnte und sein Sprachtransformer nicht einen Ton hergab. Der Suchtrupp war zu weit weg, die dort geführten Gespräche waren zu leise und konnten von dem Gerät nicht aufgenommen werden, und Brandung und Wellenschlag in der Tiefe waren zu laut.

Wieder fuhr ein Windstoß aus der Tiefe herauf und versprühte Wasserstaub über Ben und den Felsen.

Aber er brachte nicht nur Wasserstaub mit, sondern auch einen bestialischen Gestank nach Tod und Verwesung.

Also doch ein Opferplatz!, schoss es Ben durch den Kopf. Ich habe die richtige Eingebung gehabt!

Er legte sich auf den Bauch, schob sich mit dem Oberkörper über die Felskante und spähte forschend hinunter.

Genau unter seinem Lageort ragten breite Zacken aus der zerklüfteten Wand. Sie bildeten eine Dreierformation, waren aber nicht künstlich geschaffen. Eine Laune der Natur hatte sie vor der Verwitterung bewahrt und ihnen ihr jetziges Aussehen verliehen. Vielleicht bestanden sie auch aus härterem Gestein.

Auf dem mittleren Zacken, der die Form einer umgekehrten Nase hatte, lag ein Mensch!

Seine Haltung war derart verkrümmt, dass Ben nicht zu sagen vermochte, ob er bereits tot gewesen war, als man ihn hinabstieß, oder ob er da unten erst zu Tode gekommen war.

Einem Unfall konnte er nicht zum Opfer gefallen sein, denn seine Hände waren ihm vor dem Leib zusammengebunden.

Der Tote lag auf dem Rücken. Er war unbekleidet. Nur dadurch konnte Ben sehen, dass es ein Mann war. Das Gesicht, das es ihm auch noch hätte verraten können, war nicht mehr vorhanden. Seevögel, allen voran wahrscheinlich Möwen, hatten dem Toten die Augen ausgehackt und das Gesicht zerfetzt.

Ben schüttelte sich und wunderte sich, über die Lehmreste, die er an den Beinen, am Hals und am linken Arm des Toten bemerkte. Der ganze Körper schien ursprünglich in dünnflüssigen Lehm oder eine ähnliche Substanz getaucht gewesen zu sein. Die getrocknete Masse war beim Aufprall auf der Felsnase von den meisten Körperpartien abgeplatzt. Ben konnte die Reste unten auf dem Fels sehen. An einigen Körperteilen jedoch war der trockene Lehm nicht abgegangen.

War es auf Kreta zu dieser Zeit üblich, Tote an Geier zu verfüttern, oder war jemand bei der Beseitigung einer Leiche nicht umsichtig genug vorgegangen?

Ben kroch behutsam zurück und schaute nach den Geiern, ob der eine einen neuen Angriff wagte.

Von den Tieren drohte keine Gefahr. Sie kreisten immer noch draußen über der Brandung, aber sie zogen ihre Schleifen jetzt tiefer und näherten sich unverkennbar dem Toten auf der mittleren Felsnase. Jedenfalls beäugten sie ihn aus allen möglichen Flugwinkeln.

Mit einer gewissen Erleichterung stellte Ben das fest. Der Angriff des einen Vogels war lediglich eine Abwehrreaktion gewesen, mit der das Tier einen vermeintlichen Störenfried von der Beute vertreiben wollte.

Es lag nicht in Bens Absicht, den Geiern den Toten da unten streitig zu machen.

Als er sich wieder gegen den sonnenwarmen Stein lehnte und frische Luft tief in seine Lungen sog, merkte er, dass hier etwas faul war.

Etwas stimmte nicht! Es wurmte ihn, dass er nicht sofort draufgekommen war.

„Du machst ein Gesicht, als ob dich jemand tödlich beleidigt hat“, sagte Frank. „Was gibt es da unten zu sehen?“

„Da liegt ein Toter“, stieß Ben hervor. „Das ist merkwürdig. Er ist schätzungsweise schon drei Tage tot.“

„Sie haben eine Art am Leib, einem unangenehme Eröffnungen zu machen!“, beschwerte sich Hallstrom.

„Wo soll er sie denn sonst haben?“, warf Frank ein. Ben machte eine ärgerliche Handbewegung.