Timetravel #37: Ein Volk soll aufs Schafott - Horst Weymar Hübner - E-Book
Beschreibung

TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel Band 37 von Horst Weymar Hübner Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten. Der Auftrag: König Philipp II. von Spanien ließ am 16.2.1568 durch seinen Statthalter in den Niederlanden, Herzog Alba, alle Niederländer zum Tode verurteilen. Dieses Urteil ist einmalig in der Weltgeschichte. Der Herzog richtete ein Blutbad an. Reisen Sie in das Brüssel des Februar 1568 und erleben Sie, wie sich Menschen, die so sind wie Sie und wir, einer derartigen Ungeheuerlichkeit gegenüber verhalten. Konsortium der Sieben

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Seitenzahl:139

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Horst Weymar Hübner

Timetravel #37: Ein Volk soll aufs Schafott

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Ein Volk soll aufs Schafott

TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel

Band 37

von HORST WEYMAR HÜBNER

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 131 Taschenbuchseiten.

 

Der Auftrag: König Philipp II. von Spanien ließ am 16.2.1568 durch seinen Statthalter in den Niederlanden, Herzog Alba, alle Niederländer zum Tode verurteilen. Dieses Urteil ist einmalig in der Weltgeschichte. Der Herzog richtete ein Blutbad an. Reisen Sie in das Brüssel des Februar 1568 und erleben Sie, wie sich Menschen, die so sind wie Sie und wir, einer derartigen Ungeheuerlichkeit gegenüber verhalten.

Konsortium der Sieben

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover nach einem Motiv von Lois Gallait mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Prolog

Am 5. Juli 1984 glückte Professor Hallstrom das fantastische Experiment, winzige Substanzteile zu ent- und zu rematerialisieren. Er errechnete, dass diese Substanzteile im Zustand der Körperlosigkeit mit ungeheurer Geschwindigkeit in der 4. Dimension zu reisen vermochten – also nicht nur durch den Raum, sondern auch in die Vergangenheit und in die Zukunft. Mit seinem Assistenten Frank Jaeger und dem Ingenieur Ben Crocker begann er, diese Entdeckung für die Praxis auszuwerten. Er wollte ein Fahrzeug bauen, das sich und seinen Inhalt entmaterialisieren, dann in ferne Räume und Zeiten reisen, sich dort materialisieren und nach dem gleichen Verfahren wieder an den Ursprungsort und in die Ursprungszelt zurückversetzen konnte. Nach vier Jahren musste der Professor seine Versuche aus Geldmangel einstellen.

Die superreichen Mitglieder vom „Konsortium der Sieben“ In London boten ihm aber die fehlenden Millionen unter der Bedingung an, dass sie über den Einsatz der Erfindung bestimmen könnten. Der Professor erklärte sich einverstanden, konnte weiterarbeiten und vollendete am 3. Mai 1992 sein Werk: die Zeitkugel. Seit diesem Tag reisen der Professor, sein Assistent und der Ingenieur im Auftrag des „Konsortiums der Sieben“ durch die 4. Dimension.

Dieser Roman erzählt die Geschichte der Ausführung eines derartigen Auftrags.

1

Die Felder waren zerstampft, die Zäune aus gesteckten Ästen umgebrochen und das Dach über dem gemauerten Brunnen im Hof niedergelassen. Ein totes Schwein mit aufgedunsenem Bauch lag an der Erde. Ein paar Raben hüpften auf dem Kadaver herum. Sie hatten handtellergroße Löcher in die Schwarte gepickt und schauten aufsässig und missgünstig die drei Männer an, die vorsichtig in den Hof der Schenke kamen und jetzt wie erstarrt stehen blieben.

Als die Raben merkten, dass ihnen von diesen drei Menschen keine Gefahr drohte, wandten sie sich ihrer Beschäftigung zu und hackten Speck und Fleisch aus dem stinkenden Schweinekadaver.

Professor Robert Hallstrom schenkte den Aas fressenden Raben kaum Beachtung. Seine Aufmerksamkeit galt der Zerstörung und dem heillosen Durcheinander ringsum.

Hier hatte der Teufel selber Kirchweih gehalten!

Dauben von zerschlagenen Fässern und Weidenreifen lagen herum. Hausrat war aus der Tür und dem Fenster daneben in den Hof geworfen. Zerfetzte und zerschlitzte Kleidung hing über den kläglichen Resten von Tischen und Truhen und bauschte sich im Wind. Ein Holzladen an mürben Lederangeln wurde vom Luftzug bewegt.

Sofort richteten sich die Blicke von Hallstrom, Frank Jaeger und Ben Crocker auf den Holzladen. Doch im Fensterloch zeigte sich niemand.

Nirgendwo gab es Anzeichen für menschliches Leben in dieser Schenke am Weg nach Brüssel.

„Lieber Himmel, was mag hier nur geschehen sein?“, murmelte der Professor. Zögernd trat er zwei Schritte tiefer in den Hof hinein.

Die Raben hüpften entrüstet vom Kadaver herunter und stolzierten an die Seitenwand der Schenke. Vor der Mauer aus Feldsteinen lagen zerfetzte Hühner und ein Hahn. Sie machten sich über das Federvieh her.

Ratten flüchteten in Mauerlöcher und lugten nach der Beute, die ihnen von den Raben streitig gemacht wurde.

„Heda, ist hier jemand?“, rief Hallstrom. Die unwirkliche Stille begann auf sein Gemüt zu wirken. Alles war so gespenstisch. Er machte noch zwei Schritte.

Aus dem Haus kam keine Antwort.

Nur der Holzladen knarrte entsetzlich, und aus den Mauerlöchern drang das schrille Fiepen der Ratten.

Frank Jaeger gefiel die Sache überhaupt nicht. Er starrte auf das Türloch der Schenke und die Fensterhöhlen. Er lauerte förmlich auf eine Bewegung.

Ein Windstoß fuhr in den Hof, bauschte die Kleiderfetzen, lüftete die Federn der Hennen und zerzauste das Gefieder der Raben. Aus dem kahlen Geäst der Eiche hinten im Hof erklang ein unwirkliches Winseln.

Ben Crocker merkte, dass sich seine Nackenhaare auf richteten.

„Mann, das zieht einem ja die Schuhe aus!“, sagte er polternd. „Die Leute müssen Hals über Kopf geflüchtet sein.“

„Sie hätten aber die Haustiere mitgenommen“, erwiderte Hallstrom. „Oder sie wären später zurückgekommen, um sie fortzuholen. Ein Schwein und ein paar Hühner stellen in diesem leer gefressenen Land ein sehr beträchtliches Vermögen dar.“

Während er das sagte, machte er wieder zwei Schritte.

Aber dann sagte er nichts mehr. Und er tat auch keinen weiteren Schritt.

Er sah die Muskete, die auf ihn gerichtet war.

Frank und Ben merkten, wie Hallstrom sich versteifte, wie er die Schultern etwas zusammenzog und den vorgesetzten Fuß langsam zurücknahm.

Blitzschnell musterten sie den hinteren Hof. Und da sahen auch sie den Musketenlauf, der genau auf den Kopf des Professors gerichtet war.

Für Hallstroms Wohlergehen hätte nur noch ein Lebensmüder die Hand ins Feuer gelegt.

2

Frank und Ben griffen gleichzeitig zur Lähmstrahlwaffe. Sie wussten, dass sie schneller waren als je zuvor.

Nur wussten sie nicht, ob das ausreichte und ob sie dem verborgenen Musketenschützen zuvorkamen. Der Kerl musste hinter dem Holzstapel sitzen, auf dem er die unhandliche Muskete in Stellung gebracht hatte. Zu sehen war er nicht. Aber zu treffen war er. Der Lähmstrahl durchdrang Holz mühelos und ohne Verzögerung.

Noch schneller als Frank und Ben reagierte diesmal Hallstrom. Sonst war er immer dafür, erst einmal abzuwarten und zu sehen, wie sich eine verfahrene Situation entwickelte.

Jetzt aber war er der schnellste Mann von allen. Er war nicht erpicht darauf, mit dem Musketenknall eine Bleikugel in den Kopf zu bekommen.

Hallstrom schnellte sich aus dem Stand nach vorne, kugelte sich in der Luft zusammen, überschlug sich am Boden zweimal und war vorerst aus der Schussrichtung.

Allerdings behinderte er jetzt Frank und Ben, denn er befand sich genau zwischen ihnen und dem Holzstapel.

Und nun richtete er sich auch noch keuchend auf und machte die Behinderung vollständig.

Frank atmete sehr flach, Ben fluchte unterdrückt.

Eine knotige Hand tauchte über dem Holz auf, packte die Muskete und hob sie mühsam herum. Es war eine sehr ungeübte Bewegung. Dann tauchte auch ein Haarbusch über dem klobigen Donnerrohr auf.

Es war wirres und ungepflegtes Haar. Stroh hing darin.

Ben wunderte sich, wie so viel Stroh in so wenig Haar hängen bleiben konnte. Denn der Haarbusch bedeckte offensichtlich nicht den ganzen Schädel des Burschen, der sich hinter dem Holz verborgen hielt. Er wirkte wie ein übrig gebliebenes Büschel, um das herum alles abgeschnitten war.

Jetzt wurde auch die Stirn sichtbar. Und ein Auge, das versuchte, über den Musketenlauf hinweg eine Peilung vorzunehmen.

Frank, der seinen Paralyzer schussbereit in der Hüfte hielt, zögerte absichtlich, den Kontakt auszulösen, als er die mühsamen Versuche des Unbekannten bemerkte, die Muskete neu auszurichten.

Ben machte rasch einen Schritt zur Seite, um den Mann besser sehen zu können und Hallstrom nicht zu gefährden, falls dieser eine hastige Bewegung machen sollte.

Der Kopf des Mannes hinter dem Holz kam höher, das Gesicht wurde sichtbar.

Verblüfft senkten Ben und Frank die Waffen, als sie die gewaltigen Anstrengungen des Mannes erkannten. Es war ein Mann, daran bestand kein Zweifel. Er war ein Greis mit mindestens tausend Runzeln im Gesicht und einer feuerroten Narbe, die sich von der linken Stirnecke über den Nasenrücken zum rechten Kinnwinkel hinzog. Und er hatte nur ein Auge.

Zur Verwunderung der Zeitreisenden versuchte er, ausgerechnet mit dem nicht vorhandenen Auge über den Musketenlauf hinwegzuschauen.

Die drei Männer aus einer anderen Zeit begriffen, dass dieser Greis des Schießens unkundig war und mit der Muskete überhaupt nicht umgehen konnte.

Mochte der Teufel wissen, wie er an die Waffe gekommen war und wie er sie hierher zu dieser Schenke gebracht hatte. Überall streiften die Horden der Spanier herum, die Tercios, die Söldner des spanischen Königs Philipp II., die mächtig aufpassten, dass die Bewohner der spanischen Niederlande sich nicht mit Kriegsgerät versorgten und es auch benützten.

„He, Bursche, schieß uns nur nicht aus Versehen den Kopf herunter!“, rief Ben und trat schnell nach vorn. Er stellte sich neben Hallstrom und hob die Hände bis in Schulterhöhe, um seine friedliche Absicht zu unterstreichen.

Der Greis scherte sich nicht darum. Entweder war er schwerhörig oder er traute den Friedensbekundungen nicht. Er brachte auch seine rechte Hand ins Blickfeld der Zeitreisenden, die ebenso knotig und ungelenk war wie die linke.

Ben begann zu grinsen, was Hallstrom sehr verdrießlich stimmte, weil er genau in diesem Augenblick hersah und es bemerkte. Ein Treffer aus einer Muskete war keine Kleinigkeit. Eine Kugel aus so einem Rohr hatte ein unverschämtes Kaliber und war in der Lage, einem Ochsen den Schädel platzen zu lassen. Und Ben grinste.

„Sie haben Nerven!“, knurrte Hallstrom ergrimmt.

Ben zeigte sich nicht beeindruckt. Er machte mit seinen noch immer erhobenen Händen eine knappe Bewegung zu dem Greis hinter dem Holzstapel hin.

„Es ist eine Luntenmuskete“, sagte er aufgeräumt. „Aber der alte Mann hat keine brennende Lunte zur Hand. Vielleicht ist er nicht ganz richtig im Kopf!“

„Und wenn’s eine Feuersteinwaffe ist und ein Schuss losdonnert, sind wir die Angeschmierten“, erwiderte Hallstrom. Die Anspannung ließ seine Stimme heiser klingen.

Ben wandte nicht eine Sekunde lang den Blick von dem Greis. Überraschen lassen wollte er sich nicht. Vielleicht war der alte Mann besser, als es den Anschein hatte.

Der Greis hatte erhebliche Mühe, überhaupt die knotigen Finger zu krümmen und die gewichtige Waffe richtig zu packen. Ben deutete die Verdickungen an den Fingergelenken als Gichtknoten.

Der Alte grinste jetzt. Die Narbe quer über seinem Gesicht verschob sich, die blutarmen Lippen inmitten des Stoppelbartes klafften auseinander und ließen Ben, Hallstrom und Frank erkennen, dass er nicht einen Zahn mehr im Munde hatte.

Das runzlige Gesicht verzerrte sich zu einer furchterregenden Grimasse.

Dann brabbelte der Mann los. Doch die auf Betrieb geschalteten Sprachtransformer der Zeitreisenden produzierten nur eine Folge von Tönen. Einen Sinn ergaben sie nicht und ein verständliches Wort auch nicht.

„Wir sind friedliche Reisende auf dem Weg nach Brüssel“, sagte Ben langsam und deutlich, einen neuen Verständigungsversuch unternehmend.

Unwillig brummte der Alte. Er schüttelte den Kopf, dass Strohhalme aus seinem Haarbüschel flogen, und er zerrte unverdrossen an der Muskete herum.

Aus den Augenwinkeln gewahrte Ben eine Bewegung, die anders war als das Wedeln der zerfetzten Kleidungsstücke und das Flattern der Hühnerfedern und Rabengefieder. An der hinteren Ecke der Schenke war etwas, dicht bei den zertrampelten Bienenstöcken, die man aus Stroh geflochten hatte.

Ruckartig wandte Ben den Kopf.

Der Wind blies gegen die derbe Kleidung einer drallen jungen Frau und presste ihr den Rock, die Bluse und ein dick wollenes Schultertuch derart gegen den Körper, dass sich die ordentlichen Rundungen deutlich hervorhoben.

Ben schmunzelte. Hier war alles richtig und ordentlich an seinem Platz.

Der Rock reichte fast bis auf die Knöchel. Unterhalb des Saumes waren wollene Socken auszumachen; die Füße steckten in grob gehauenen Holzschuhen mit leicht hochgezogener Spitze.

Eine junge Frau oder ein Mädchen um die zwanzig, taxierte Ben vorsichtig. Er hatte noch nie besonders gut geschätzt, wenn es darum ging, das Lebensalter einer Frau nur annähernd zu bestimmen.

Der kalte Wind aus Westen presste wieder die Kleidung an den Körper der Frau.

Doch sie fröstelte nicht. Sie hatte ein Stück Tuch muffartig zusammengerollt und die Hände rechts und links hineingesteckt. Nur ihr pausbäckiges Gesicht war gerötet und verriet die Kälte, die der Wind mitbrachte.

Alles an dieser jungen Frau war derb - die Kleidung, die dralle Figur, das Gesicht, sogar die Frisur, die unter einer beschmutzten Tuchhaube hervorlugte.

Vielleicht die Wirtsfrau aus dieser Schenke, dachte Ben. Oder die Tochter der Wirtsleute. Sie kann aber auch von einem Hof hier herum stammen. Bloß haben wir seit unserer Ankunft noch keinen Hof zu Gesicht bekommen. Nur diese verwüstete Schenke hier, die wie eine Insel in einem winterlichen Land auf uns gewirkt hat.

Die Augen der jungen Frau passten nicht recht in das Gesicht, sie passten nicht einmal zu der ganzen Erscheinung. Sie hatten einen bäuerlich listigen Ausdruck.

Ben probierte es mit einem freundlichen Lächeln. Er behielt die Hände oben in Schulterhöhe, machte mit dem Kopf eine bezeichnende Bewegung zu dem Alten hinter dem Holzstoß und der Muskete hin und sagte: „Wir sind ganz zufällig hier in den Hof geraten, aber er hat wohl etwas gegen uns und hantiert mit dem Feuerrohr herum. Vielleicht versteht er uns nicht. Kannst du ihm sagen oder klarmachen, dass wir nichts von ihm wollen?“

Er wartete gespannt auf die Wirkung seiner Worte, bis er begriff, dass das Zuwarten Zeitverschwendung war. Sein Sprachtransformer hatte keine Anhaltspunkte für die Sprache dieser Leute und konnte demzufolge auch nicht übersetzen.

Wenn die junge Frau auch die Worte nicht verstand, immerhin begriff sie aber, dass die Stimme freundlich und gut klang. Zutrauen aber fasste sie darum noch lange nicht.

Sie stieß geradezu aufsässig die Hände tiefer in die Stoffrolle hinein, schürzte die Lippen und sagte, und jetzt sprachen alle drei Sprachtransformer sofort an: „Wir sahen euch auf dem Weg kommen und hofften, ihr würdet die Schritte vorbeilenken.“

„Nun, das ist eine Schenke. Wir hofften auf eine Erfrischung“, sagte Ben und nahm langsam die Arme herunter. Die Haltung begann ungemütlich zu werden.

Die junge Frau studierte die Kleidung der drei Fremden, die weit besser war als das, was sie selber auf dem Leib trug. Hallstrom hatte vor dem Zeitsprung eingehend zeitgenössische Bilder studiert und danach Kleidung anfertigen lassen.

Sie musste eine Spur zu gut und zu vornehm ausgefallen sein. Jedenfalls ließen die Blicke der jungen Frau diesen Schluss zu.

Um das vorhandene Misstrauen zu zerstreuen, zeigte Ben auf den gesprungenen Henkelkrug aus Ton, der auf einen derben Stock gesteckt war und oben neben den Taubenkästen am Giebel aus einem kleinen Fensterloch ragte.

Die Frau nickte, aber dann sagte sie: „Das war eine Schenke. Man nannte sie das 'Silberne Hufeisen'. Das war, bevor die dreimal verfluchten Spanier vor einer Woche herkamen und den calvinistischen Prediger fanden, der sich in einem leeren Bienenkorb versteckt hatte. Sie haben alle umgebracht.“

„Wen alles?“, fragte Ben, der nun zu verstehen begann.

„Die Wirtsleute, das Gesinde, den Prediger. Sogar das Vieh haben sie abgestochen. Sie lassen uns nichts. Wir leben schlimmer als die Tiere im Feld.“ Wieder schürzte sie die Lippen.

Aus Franks Richtung hörte Ben einen schnappenden Atemzug. Sofort schaute er zum Holzstapel hin.

Dem Alten war es endlich gelungen, die Muskete in die neue Richtung zu dirigieren. Wenn er jetzt allerdings losballerte, traf er niemand. Der Lauf zeigte zwischen Hallstrom und Frank durch hinaus ins Land.

Vielleicht versprach sich der Greis von dieser Demonstration seines Mutes eine mehr moralische Wirkung denn eine effektive.

Die junge Frau war Bens Blickrichtung gefolgt. Sie lächelte fast mitleidig und machte plötzlich ein paar Schritte von der Hausecke weg.

Sofort sah der Greis zu ihr hin. Sie zog die linke Hand aus ihrem Stoffmuff und winkte besänftigend.

Ben hoffte, dass es ihr gelang, den streitbaren Großvater zu beschwichtigen.

Die Wirkung der Handbewegung war überwältigend.

Das Bartgestrüpp des Alten klaffte auseinander, ein meckerndes Lachen drang aus dem zahnlosen Mund, und dann war in den Augen des Mannes nur noch Ergebenheit, ja geradezu hündische Unterwürfigkeit zu lesen. Vor dieser jungen Frau hatte er offensichtlich einen gewaltigen Respekt. Oder er verehrte sie über die Maßen.

Jedenfalls begann er nach seinem merkwürdigen Gelächter an der Muskete zu zerren, bis er die klobige Waffe vom Stapel herunter hatte. An seinen Bewegungen war zu erkennen, dass er sie dort gegen das Holz lehnte. Schließlich kam er hinter seiner Deckung hervor.

Er humpelte, als ginge er auf Kieselsteinen oder rohen Eiern. Dazu kam noch ein watschelnder Entengang.

In unterwürfiger Haltung näherte der Greis sich der jungen Frau, zeigte dann auf die drei Zeitreisenden und machte eine Bewegung um den Hals, die überall auf der Welt als das Zeichen für Hängen verstanden wird.

Etwas entrüstet betrachteten die Zeitreisenden den Kerl, der völlig zerlumpt war und dessen Kleidung überwiegend aus Löchern bestand, die von ein paar kläglichen Fetzen Stoff zusammengehalten wurden. Schuhe besaß er überhaupt keine. Er hatte schmutzige Lappen um die Füße gewickelt. Darum wohl ging er so seltsam.

Zum Teufel, sie hatten diesem seltsamen Menschen doch nichts getan! Wie kam er dann dazu, das Zeichen fürs Aufhängen zu machen und zu ihnen herüberzuzeigen?

Die junge Frau schüttelte den Kopf, dass die Tuchhaube verrutschte. Sie sah den Unwillen und das Befremden im Gesicht der drei Männer und sagte an sie gewandt: „Das ist Henk, mein Bruder. Er hat früher einem Hugenottenprediger den Hof umgetrieben und das Haus und die Kirche in Ordnung gehalten,“

„Dein Bruder?“, fragte Ben. Er hatte es gehört, aber er wollte es nicht glauben. Dieses dralle junge Weib und der steinalte runzlige Greis sollten Geschwister sein?

Er konnte sich das nicht vorstellen. Da lagen ja fast zwei Generationen dazwischen.

„Mein Bruder“, sagte die junge Frau nachdrücklich. Und dann fügte sie mit sehr viel Trotz in der Stimme hinzu:

„Eines Tages kamen die spanischen Blutsauger und suchten einen Kirchenschatz, den es nicht gab. Der Vogt unseres Dorfes machte gemeinsame Sache mit ihnen, weil er auf gute Belohnung hoffte.“

„Aber den Schatz gab es gar nicht?“, fragte Ben begierig, als die Frau schwieg.

Sie nickte fast geistesabwesend und schaute, als könnte sie durch ihn hindurchblicken.

„Der Vogt hatte es beschworen, also suchten sie unermüdlich. Zwei Tage lang. Sie brannten fast alle Häuser ab und verbannten die Leute aus der Grafschaft bei Strafe für Leib und Leben auf zehn Jahre. Den Prediger hängten sie an den Daumen an seiner Glocke auf, und als es nicht half und ihm das Versteck des Kirchenschatzes nicht einfallen wollte, banden sie ihn mit den Füßen nach oben an der Glocke fest und läuterten sie, bis ihm der Kopf platzte vom Blut. Henk aber nahmen sie nach Brüssel mit, damit er bei der scharfen Folter gestehen sollte, dem falschen Glauben anzuhängen, einem Hugenottenketzer gedient und diesem geholfen zu haben, den Schatz an einem geheimen Ort zu versenken. Sie behielten ihn ein paar Wochen im Kerker in Brüssel und konnten nichts aus ihm herauspressen, und darum schickten sie ihn bald auf einem Sünderkarren nach Malines, wo er beim langsamen Feuer auf dem Platz verbrannt werden sollte. Wir hörten von dieser Reise und ließen den Karren eine schlechte Fahrt machen.“

„Ich verstehe, ihr habt ihn befreit“, sagte Ben.