Timetravel #38: Der Weise aus dem Morgenland - Horst Weymar Hübner - E-Book
Beschreibung

TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel Band 38 von Horst Weymar Hübner Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten. Der Auftrag: Der Kalif Harun al Raschid, der mit Kaiser Karl dem Großen in Verbindung stand, war so schillernd, dass sich Hunderte von Anekdoten um ihn rankten. Fest steht, dass er weise war. Überlieferungen sagen, dass er mit Witz Gnade vor Recht ergehen ließ. Andere Zeugnisse dagegen sprechen von seiner Grausamkeit. Das sind klare Widersprüche. Reisen Sie in das Jahr 803 n. Chr. und ergründen Sie in Bagdad, wer und was Harun al Raschid wirklich war. Konsortium der Sieben

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Seitenzahl:130

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Horst Weymar Hübner

Timetravel #38: Der Weise aus dem Morgenland

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

DER WEISE AUS DEM MORGENLAND

TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel

Band 38

von HORST WEYMAR HÜBNER

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

 

Der Auftrag: Der Kalif Harun al Raschid, der mit Kaiser Karl dem Großen in Verbindung stand, war so schillernd, dass sich Hunderte von Anekdoten um ihn rankten. Fest steht, dass er weise war. Überlieferungen sagen, dass er mit Witz Gnade vor Recht ergehen ließ. Andere Zeugnisse dagegen sprechen von seiner Grausamkeit. Das sind klare Widersprüche. Reisen Sie in das Jahr 803 n. Chr. und ergründen Sie in Bagdad, wer und was Harun al Raschid wirklich war.

Konsortium der Sieben

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Cover nach einem Motiv von Louis C. Tiffany mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Prolog

Am 5. Juli 1984 glückte Professor Hallstrom das fantastische Experiment, winzige Substanzteile zu ent- und zu rematerialisieren. Er errechnete, dass diese Substanzteile im Zustand der Körperlosigkeit mit ungeheurer Geschwindigkeit in der 4. Dimension zu reisen vermochten – also nicht nur durch den Raum, sondern auch in die Vergangenheit und in die Zukunft. Mit seinem Assistenten Frank Jaeger und dem Ingenieur Ben Crocker begann er, diese Entdeckung für die Praxis auszuwerten. Er wollte ein Fahrzeug bauen, das sich und seinen Inhalt entmaterialisieren, dann in ferne Räume und Zeiten reisen, sich dort materialisieren und nach dem gleichen Verfahren wieder an den Ursprungsort und in die Ursprungszelt zurückversetzen konnte. Nach vier Jahren musste der Professor seine Versuche aus Geldmangel einstellen.

Die superreichen Mitglieder vom „Konsortium der Sieben“ in London boten ihm aber die fehlenden Millionen unter der Bedingung an, dass sie über den Einsatz der Erfindung bestimmen könnten. Der Professor erklärte sich einverstanden, konnte weiterarbeiten und vollendete am 3. Mai 1992 sein Werk: die Zeitkugel. Seit diesem Tag reisen der Professor, sein Assistent und der Ingenieur im Auftrag des „Konsortiums der Sieben“ durch die 4. Dimension.

Dieser Roman erzählt die Geschichte der Ausführung eines derartigen Auftrags.

1

Verblüfft schaute Professor Robert Hallstrom auf die kleine Kamelkarawane, die aus sechs sehr hellen Tieren und vier Männern bestand. Die Männer waren abgesessen, ihre weiten Umhänge wurden vom Abendwind gebauscht. Sie führten die beladenen Kamele vom Karawanenweg herunter auf einen Einschnitt zwischen zwei kahlen Sandhügeln zu.

Der Einschnitt war eine Sackgasse. Als Lagerplatz war er schlecht gewählt. Der einzige Nutzen, den er zu versprechen schien, war der Schutz vor der eiskalten Nachtluft aus der Wüste.

Aber die vier Männer da unten dachten gar nicht daran, ein Lager aufzuschlagen.

Sie verschwanden mitsamt den Kamelen in einem der Hügel!

Diese Beobachtung war es, die Hallstrom in so maßlose Verblüffung versetzte.

Als könnte er seinen eigenen Wahrnehmungen nicht trauen, wischte er sich über die Augen und kniff sich danach in den Arm. Er spürte den Schmerz - und er sah den leeren Einschnitt.

Demnach konnte er nicht gut träumen.

Er wandte sich zu Ben Crocker und Frank Jaeger um, seinen beiden Ingenieuren, Helfern, Reisegefährten und Streitgenossen, und fragte mit ächzender Stimme: „War das nun eine Einbildung oder ist das eine Episode aus Tausendundeiner Nacht im wundersamen Märchenreich des Kalifen Harun?“

Die nicht minder verblüfften Gesichter der beiden Männer verrieten, dass auch sie das rätselhafte Verschwinden der Kamele und der vier Leute beobachtet hatten.

„Ich denke nicht, dass wir uns etwas einbilden“, sagte Frank. „Die sind regelrecht in diesem Berg verschwunden.“

Ben Crocker reckte das massige Kinn vor. „Was heißt hier Berg?“, sagte er. „Das ist ein kümmerlicher Hügel, mit dem etwas nicht stimmt.“

„Seien Sie nicht so kleinlich im Anlegen von Maßstäben“, erwiderte Hallstrom. „In dieser ansonsten topfebenen Gegend erscheinen die paar Hügel hier herum tatsächlich wie Berge.“

Sie standen selber auf einem Hügel. Sie waren auf seine Spitze geklettert, weil sie Ausschau nach einer Karawanserei oder einem Dorf halten wollten, das Schutz für die Nacht und vor dem kalten Wind versprach. Ein Gemäuer oder ein paar Lehmhütten hatten sie nicht zu Gesicht bekommen, aber sie hatten diese kleine Karawane beobachtet, die auf geheimnisvolle Weise gerade verschwunden war.

„Gut“, sagte Ben, „dann ist es eben ein Berg, wenn Sie darauf bestehen. Mit Ihnen streite ich mich nicht schon wieder.“ Er grinste auf eine Art, die Hallstrom nicht sehr gefiel, denn wenn er so lachte, hatte er meist schon eine nichtsnutzige Idee ausgebrütet, wie der Professor das nannte. „Vielleicht haben wir eben Ali Baba und einige seiner Spießgesellen gesehen, wie sie in ihrem geheimnisvollen Schatzberg untergetaucht sind ...“

Weiter kam er nicht, denn Hallstrom unterbrach ihn entrüstet: „Dachte ich mir's doch, dass Sie nur Blödsinn im Schädel haben! Wenn ich besser bei Kräften wäre, würde ich Sie mit der blanken Faust niederschlagen! Ali Baba — ha!“ Er lachte gallig und maß Ben mit verächtlichen Blicken. „Wenn ich vorzeitig graue Haare bekomme, dann können Sie das auf Ihr Schuldkonto buchen, Sie Witzbold!“

Frank forderte mit einer energischen Handbewegung Ruhe. „So abwegig ist Bens Geistesblitz gar nicht“, sagte er.

„Fangen Sie jetzt auch noch an?“, bellte Hallstrom dazwischen.

Aber Frank ließ sich nicht stören und fuhr fort: „Eine Sage oder vielleicht auch ein Märchen geht meist auf einen wahren Kern zurück. Wir haben das mehrmals bereits festgestellt, Sie können das also nicht abstreiten, Professor. Vielleicht hat wirklich mal jemand ein paar Leute mit Kamelen oder Pferden oder anderen Tieren in einem Berg verschwinden sehen - so wie wir. Nur hat er nicht nach einer natürlichen Erklärung gesucht, sondern die Geschichte als geheimnisvolles Wunder angesehen. Im Laufe der Zeit wurde die Erzählung ausgeschmückt und ausgestattet, bis sie völlig unglaubwürdig war. Ich für meinen Teil habe nie an Wunder geglaubt, und ich sehe auch jetzt nicht ein, warum ich meine Ansicht ändern soll. Die Burschen da unten sind vermutlich in einem Stollen untergetaucht, in den der Nachtwind nicht hineinbläst.“ Er machte eine Handbewegung zu den Sandhügeln hin. „Je länger ich die Erhebungen ansehe, desto mehr drängt sich mir die Vermutung auf, dass sie aufgeschüttet sind. Vielleicht gab es hier früher mal eine Mine. Immerhin ist das uraltes Kulturland. Hier haben die Sumerer gelebt, die Babylonier, die Perser und andere Völker, und sie haben die Erde weidlich ausgeplündert.“

Hallstroms ärgerliches Gesicht glättete sich und begann Wohlwollen zu verbreiten. „Das ist genau die richtige Überlegung, Frank. Eine alte Mine und nichts anderes.“ Er wandte sich an Ben. „Nehmen Sie sich ein Beispiel an Frank und verschonen Sie mich künftig mit hirnlosen Späßen.“ Er wandte sich um und fasste den Einschnitt zwischen den beiden Hügeln ins Auge. „Wir werden uns den geheimnisvollen Hügel aus der Nähe ansehen. Die Männer mit den Kamelen scheinen ortskundig zu sein, und wir finden in dem Stollen sicher auch noch ein Nachtquartier. Vielleicht bieten uns die Leute sogar einen Platz an ihrem Feuer an. Im Morgenland wird die Gastfreundschaft großgeschrieben.“

Ben bemühte sich, ein todernstes Gesicht zu machen, als er sagte: „Ihr Wort in Allahs Ohr, Professor! Wenn wir aber Ali Baba oder einem anderen Räuberhauptmann in die Finger fallen, haben wir keinen warmen Platz an einem Feuer zu erwarten, sondern ein Messer, das uns die Kehle durchschneidet.“

Hallstrom riss erschreckt den Kopf herum und griff unwillkürlich nach seinem Hals, als sei dort schon das Messer angesetzt.

„Sie haben eine unnachahmliche Art, einem die Freude an einem Zeitabenteuer zu vergällen“, sagte er ergrimmt. Damit schritt er wütend los.

Bei jedem Schritt klirrte und schepperte es dezent unter seinem leichten Baumwollumhang hervor, der überhaupt keine Ähnlichkeit mit den Überwürfen der Araber hatte.

Dies war jedoch beabsichtigt, denn Hallstrom hatte sich eine großartige Idee einfallen lassen, die ihm und seinen beiden Gefährten dazu verhelfen sollte, geradezu mühelos bis zum Hofe des märchenhaften Kalifen Harun in Bagdad vorzudringen.

2

„Mist!“, sagte Ben Crocker und zeigte auf den Kameldung, der noch frisch und gut erhalten aussah.

Frank schnupperte in den Abendwind, der schon verdächtig kühl von der Wüste herüberwehte, sich in dem Hügeleinschnitt aber nicht entfalten konnte. Es roch schwach nach Rauch. Irgendwo in der Nähe brannte ein Feuer.

Aber weder der Flammenschein noch die Rauchwolke war zu sehen.

Hallstrom folgte den Kamel und Fußspuren, die im Flugsand nur noch mangelhaft zu erkennen waren. Das Tageslicht schwand beängstigend schnell und schuf blaue Schatten zwischen den Hügeln.

Frank folgte wiederum Hallstroms Spur. Nur Ben musterte eingehend die Sandhügel, die ihren Ursprung im Vorhandensein einer uralten Mine haben sollten.

Er stutzte. Die Sandhügel waren zu steil, als dass sie von Menschenhand hätten aufgeschüttet sein können. Viel zu steil.

Er entdeckte sogar eine fast senkrechte Abbruchkante. Und als er scharf hinblickte, erkannte er verwittertes Mauerwerk aus Lehmziegeln. Wind und Wetter hatten daran genagt, und der Flugsand hatte sich in die Ritzen gesetzt. Unzweifelhaft war das aber eine Mauer, die einstmals gigantische Ausmaße besessen haben musste.

„He, Professor!“, rief Ben. „Schauen Sie sich das nur mal aus der Nähe an. Die Theorie mit dem Stollen scheint überholt zu sein.“

Unwillig drehte Hallstrom sich um. Er war dem Rätsel des urplötzlichen Verschwindens der kleinen Karawane auf der Spur und wähnte sich unmittelbar vor der Aufdeckung des Geheimnisses. Der Rauch des Feuers war immer deutlicher zu riechen. Was wollte jetzt Ben schon wieder? Hatte er wieder eine verunglückte Idee auf Lager?

Ben steuerte schon dem entdeckten uralten Mauerwerk zu und blickte nicht einmal her, ob Hallstrom und Frank ihm auch folgten. Jetzt war er ganz Forscher, in dem der Entdeckerdrang die Oberhand gewonnen hatte.

Die Lichtverhältnisse waren inzwischen abenteuerlich schlecht geworden. Ben war mit sich zufrieden, als er bestätigt fand, dass das Mauerwerk wirklich aus uralten Lehmziegeln bestand. Vielleicht war es schon tausend Jahre alt, möglicherweise auch noch älter. Wer konnte das auf Anhieb schon sagen?

Die Hügel waren nichts anderes als Reste vergangener gewaltiger Bauten, auf denen sich der Sand nach Tonnen abgelagert hatte.

„Fantastisch!“, bemerkte Hallstrom, als er sich davon überzeugt hatte, dass Ben keinem Hirngespinst aufgesessen war, sondern wirklich eine großartige Entdeckung gemacht hatte. „Vielleicht stehen wir hier vor den Resten einer sumerischen Residenz oder einer Befestigungsanlage.“

Frank musterte den Hügel, der nichts anderes als ein Mauerberg war. „Ein Minenstollen wäre nur eine von mehreren Möglichkeiten gewesen“, sagte er. Damit wandte er sich um. Und da sah er es.

Das unerklärliche Verschwinden der kleinen Karawane war kein Wunder, sondern eine sehr natürliche Sache. Auch der gegenüberliegende Hügel hatte die Form eines schon vor Urzeiten verfallenen großen Bauwerkes. An der vom angewehten Sand gebildeten Flanke befand sich eine Einbuchtung, die bis an eine gut erhaltene Lehmziegelmauer heranreichte. Sie hatten sie weder von ihrem alten Ausblickspunkt noch vom Eingang zu diesem Einschnitt her sehen können, weil sie im toten Winkel lag.

In der Mauer klaffte ein Tor, breit und hoch genug, um auch einem voll bepackten Kamel Einlass zu gewähren, wenn es den Kopf etwas herunternahm.

Das Tor war sehr gut erhalten. Es wurde von drei kunstvoll zugehauenen Steinen gebildet. Der oben liegende Stein, der den Sturz darstellte, trug in der Mitte ein Ornament — ein Tier. In der rasch hereinbrechenden Dunkelheit war nur nicht mehr zu erkennen, um was für ein Tier es sich handelte.

„Dann wollen wir Ali Babas geheimnisvollem Schatzberg doch mal unsere Aufwartung machen“, erklärte Frank und setzte sich in Bewegung.

Gespannt folgten ihm Hallstrom und Ben, wobei der sich nicht verkneifen konnte, mit ganz besonderer Betonung zu sagen: „Ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn, Professor.“

Hallstrom reagierte nicht. Er besaß im Notfall ein sehr dickes Fell und war im Übrigen gegen Bens Sticheleien meist unempfindlich.

Vor der Einbuchtung fand Frank die schwache Spur der Kamele und Männer wieder. Dem Aufzug nach waren es Händler gewesen, Kaufleute, die vor Anbruch der Nacht nicht mehr die nächstgelegene Karawanserei erreicht hatten, die sich in diesem Land aber auskannten und Plätze wussten, an denen man unterkommen konnte.

Oder waren es gar keine Kaufleute? Waren es vielleicht Räuber, die es an den Wegen zu Hunderten gab, wie die alten Überlieferungen berichteten?

War dies kein Unterschlupf, sondern das Versteck einer Räuberbande?

Frank hatte keine Ahnung, ob sich ehrbare Kaufleute und Räuber in der Kleidung unterschieden. Zudem war die Entfernung zu groß gewesen, aus der sie die kleine Karawane gesichtet hatten.

Im Eingang zu den unzweifelhaft vorhandenen unterirdischen Räumen und Kammern blieb Frank stehen und lauschte. Rauch stach ihm jetzt unangenehm in die Nase. Es musste jedoch noch einen anderen Abzug geben, denn er konnte keine Rauchwolken erkennen, die sich aus dem Tor wälzten.

Wenn sie hier eindrangen, mussten sie gewaltig auf der Hut sein. Dieses uralte Gemäuer unter dem Sandberg schien voller Überraschungen zu stecken.

Er blickte sich nach Hallstrom und Ben um, die draußen stehen geblieben waren.

Hallstrom hatte ungeniert und gänzlich unbekümmert seine Körperlampe eingeschaltet und richtete den Lichtstrahl auf den Sturzstein mit dem Ornament.

„Der sumerische Löwe!“, verkündete Hallstrom. Sein heftiges Atmen verriet, wie ergriffen er ob dieser Entdeckung war. „Dies sind die spärlichen Überreste einer sumerischen Anlage, die vermutlich vor zweieinhalbtausend Jahren ihre Hochblüte hatte. Jetzt deckt der Sand die Zeugen einer gewaltigen Kultur zu.“

„Da sehen Sie mal wieder, wie vergänglich die Welt ist“, brummte Ben. Er warf noch einen Blick auf den sumerischen Löwen, der kaum noch als solcher zu erkennen war, weil Sand und Sturm und Hitze an ihm genagt hatten. Vielleicht war es gar kein Löwe, sondern ein Ziegenbock oder etwas anderes.

Seine Zweifel behielt er jedoch für sich. Wozu sollte er mit Hallstrom schon wieder streiten? Wichtig war allein, dass sie so ganz nebenbei dem Kern des Ali-Baba-Märchens auf den Grund gekommen waren und eine geschützte Bleibe für die Nacht gefunden hatten.

Hallstrom löschte die Lampe und verstaute sie unter dem Umhang, steckte schnüffelnd die Nase in den Wind und sagte entschlossen: „Dann wollen wir mal in die Unterwelt vordringen, meine Herren!“

Ben machte einen Schritt, noch einen — und dann blieb er wie angeschmiedet stehen.

Ein dumpfes Rumoren drang an seine Ohren, das sehr fern klang. Er drehte sich um und hielt den Kopf in den fächelnden Wind, der jetzt spürbar aufgefrischt hatte.

Der Wind brachte das ferne Rumoren mit. Das Geräusch blieb konstant.

„He, wartet mal!“, sagte Ben, als Frank und Hallstrom eben Anstalten trafen, durch das Tor zu verschwinden. „Da kommt etwas. Hört doch!“

Sie kamen heraus und lauschten mit ihm.

Hallstrom hob nach einer Weile die Achseln. „Ich kann mir nicht helfen, aber es klingt wie das Rumpeln von Lastwagen! Natürlich weiß ich, dass das unmöglich ist, schließlich schreiben wir das Jahr 803 nach Christus, und da gab es noch nirgendwo Motoren. Haben Sie eine Lösung anzubieten, Ben? Sie liegen mit Ihren ausgefallenen Deutungen ja oft genug richtig.“

Ben sagte überhaupt nichts, er legte sich auf den Boden und drückte ein Ohr auf den Sand.

Das Rumoren kam auch aus der Erde!

Stirnrunzelnd erhob er sich, schüttelte Dreck aus den Schläfenhaaren und bohrte ein paar Sandkörner aus dem Ohr.

„Für Lastwagen würde ich das nun nicht gerade halten, selbst wenn es denkbar wäre“, sagte er bedächtig. „Das klingt nach Pferden - nach sehr vielen Pferden. Da scheint eine ganze Armee im Anmarsch zu sein.“

„Hierher etwa?“, fragte Hallstrom besorgt.

Ben hob die Schultern. „Bin ich ein Hellseher?“, kam er mit der Gegenfrage. „Warten wir es ab, dann sind wir schlauer. Aber wenn sie hierherkommen, scheint mir der Platz dort in diesem Hügel nicht der rechte Ort zu sein. Weiß der Teufel, was die Reiter im Schilde führen. Ich habe ein Gefühl, das nichts Gutes bedeuten kann.“

„Sie müssen ja immer gleich den Teufel an die Wand malen“, erboste sich Hallstrom. „Wer unterhält in diesem Lande schon eine berittene Armee? Doch nur der Kalif! Wir haben gar nichts zu befürchten. Vorausgesetzt, es sind wirklich Pferde und Reiter, die Sie gehört haben.“

„Die Reisen, die ich mit Ihnen zusammen unternommen habe, haben bewirkt, dass ich den Glauben an das Gute im Menschen längst begraben habe“, verkündete Ben. „Da - jetzt wird es lauter! Der Teufel soll mich holen, wenn es nicht genau hierherkommt!“

„Wir sollten besser Fersengeld geben und hinter einem dieser Hügel Deckung suchen und von dort aus zusehen, was sich entwickelt“, schlug Frank vor.

Doch davon wollte Hallstrom wieder nichts wissen. Die verschwundene Karawane hatte es ihm angetan und die Entdeckung dieser alten unterirdischen Räume.

Er meinte, er würde etwas verpassen, wenn er jetzt nicht hineinkam.

„Wir werden da drin schon eine Möglichkeit finden, notfalls von der Bildfläche zu verschwinden“, sägte er.

„Hoffentlich ist es uns auch vergönnt, wieder aufzutauchen“, versetzte Ben und fuhr im selben Augenblick herum. Das dumpfe Trommeln und Rumoren war in deutlich hörbaren Hufschlag und in hetzende Rufe vieler Reiter übergegangen.

Auch Frank und Hallstrom wirbelten herum.

Verdammt, für eine Flucht hinter einen dieser Hügel war es zu spät.

Im letzten Licht des Tages war eine Reiterhorde zu sehen, die vom Karawanenweg her in diesen Einschnitt vordrang, aus dem es keinen Ausweg gab. Die nickenden Pferdeköpfe waren dicht bei dicht. Die Reiter lärmten, und ein Mann mit einer grollenden und sehr unfreundlichen Stimme sagte deutlich: „Beim Barte des Propheten, sie sind wirklich dort untergekrochen. Oder kannst du ihre Kamele sehen?“

Jemand antwortete, dass er keine Kamele ausmachen könne. Es sei überhaupt nichts zu erkennen.

Der Bursche mit der unfreundlichen Stimme lachte gewalttätig.

„Siehst du, so führt man fremde Kaufleute an der Nase herum, wenn sie sich nicht freiwillig von ihren schönen Waren trennen wollen! Los, mir nach! Wir ziehen sie wie Zibetkatzen aus den Löchern!''

Ein Pferd wurde aus der Phalanx der Tiere hervorgetrieben.