Timetravel #45; Die Nacht des goldenen Gottes - Horst Weymar Hübner - kostenlos E-Book

Timetravel #45; Die Nacht des goldenen Gottes E-Book

Horst Weymar Hübner

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Beschreibung

TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel Band 45 von Horst Weymar Hübner Der Umfang dieses Buchs entspricht 130 Taschenbuchseiten. Der Auftrag: Die griechische Sage kennt unter dem Namen "Zug der Argonauten" eine ungewöhnliche Seereise im östlichen Teil des Schwarzen Meeres. Wir haben Grund zu der Annahme, dass Teile dieser Sage auf Wahrheit beruhen. Jedenfalls haben kürzlich Archäologen dort ein ungewöhnlich großes griechisches Boot gefunden. Wissenschaftliche Überprüfungen ergaben, dass das Schiff 1242 v. Chr. gesunken ist. Es wird vermutet, dass es den Argonauten gehörte. Reisen Sie dorthin und prüfen Sie den historischen Sachverhalt. Konsortium der Sieben

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Horst Weymar Hübner

Timetravel #45; Die Nacht des goldenen Gottes

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Die Nacht des goldenen Gottes

TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel

Band 45

von Horst Weymar Hübner

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 130 Taschenbuchseiten.

 

Der Auftrag:

Die griechische Sage kennt unter dem Namen „Zug der Argonauten“ eine ungewöhnliche Seereise im östlichen Teil des Schwarzen Meeres. Wir haben Grund zu der Annahme, dass Teile dieser Sage auf Wahrheit beruhen. Jedenfalls haben kürzlich Archäologen dort ein ungewöhnlich großes griechisches Boot gefunden. Wissenschaftliche Überprüfungen ergaben, dass das Schiff 1242 v. Chr. gesunken ist. Es wird vermutet, dass es den Argonauten gehörte. Reisen Sie dorthin und prüfen Sie den historischen Sachverhalt.

Konsortium der Sieben

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover nach einem Motiv von Pixabay, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

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Prolog

Professor Hallstrom glückte das fantastische Experiment, winzige Substanzteile zu ent- und zu rematerialisieren. Er errechnete, dass diese Substanzteile im Zustand der Körperlosigkeit mit ungeheurer Geschwindigkeit in der 4. Dimension zu reisen vermochten – also nicht nur durch den Raum, sondern auch in die Vergangenheit und in die Zukunft. Mit seinem Assistenten Frank Jaeger und dem Ingenieur Ben Crocker begann er, diese Entdeckung für die Praxis auszuwerten. Er wollte ein Fahrzeug bauen, das sich und seinen Inhalt entmaterialisieren, dann in ferne Räume und Zeiten reisen, sich dort materialisieren und nach dem gleichen Verfahren wieder an den Ursprungsort und in die Ursprungszelt zurückversetzen konnte. Nach vier Jahren musste der Professor seine Versuche aus Geldmangel einstellen.

Die superreichen Mitglieder vom „Konsortium der Sieben“ in London boten ihm aber die fehlenden Millionen unter der Bedingung an, dass sie über den Einsatz der Erfindung bestimmen könnten. Der Professor erklärte sich einverstanden, konnte weiterarbeiten und vollendete sein Werk: die Zeitkugel. Seit diesem Zeitpunkt reisen der Professor, sein Assistent und der Ingenieur im Auftrag des „Konsortiums der Sieben“ durch die 4. Dimension.

Dieser Roman erzählt die Geschichte der Ausführung eines derartigen Auftrags.

1

Professor Robert Hallstrom machte ein Gesicht wie der Chef eines Großunternehmens, der einen bedeutenden Geschäftsabschluss fünf Minuten vor Vertragsunterzeichnung platzen sieht.

„So ein verdammtes Pech!“, gab er seiner Verbitterung Ausdruck. „Als ob die beiden Termine nicht anders unterzubringen gewesen wären!“ Mit grimmiger Miene blickte er auf den Folienkalender.

Frank Jaeger und Ben Crocker fanden die Ursache für Hallstroms Groll weit weniger aufregend, am 17. Februar 1997 begann die Wintertagung der Europäischen Wissenschaftsunion und der Asiatischen Föderation, und der Professor war zum Tagungsleiter bestimmt worden. Auf den nämlichen Tag hatte das Konsortium der Sieben aber auch den Zeitsprung in das antike Kolchis gelegt.

Frank rieb sich nachdenklich das Kinn. „Ein Beinbruch ist es ja nicht“, sagte er und spielte auf eine Zeitreise an, die ohne seine Mitwirkung stattgefunden hatte. „Seien wir also folgsam und nehmen Vanessa mit, damit die honorigen Gentlemen vom Konsortium erkennen, dass wir jeden Auftrag ausführen. Unter welchen Bedingungen auch immer.“

„Sehr ungern“, meinte Hallstrom. „Ausgerechnet der Kolchis-Auftrag! Das ist ein außerordentlich gefährliches Unternehmen. Jedenfalls geht das aus den Unterlagen hervor, die man uns freundlicherweise überlassen hat.“

Er klatschte einen Packen Folien auf den Tisch.

Ben war froh, dass das Thema Dr. Vanessa Carter nicht vertieft wurde. Er hatte der hochkarätigen und überdies unverschämt hübschen Wissenschaftlerin in völliger Unkenntnis den Spitznamen Nessie angehängt. Vanessa war mit der Selbstsicherheit einer schönen Frau darüber hinweggegangen, aber Frank und auch der Professor waren weidlich darauf herumgeritten und hatten spitzfindige Betrachtungen über Zusammenhänge des Ungeheuers von Loch Ness und der Wissenschaftlerin angestellt.

Mit fast übertriebener Hast griff Ben darum jetzt nach den Folien und legte sie auseinander. Er las mit gesammelter Aufmerksamkeit.

„Diese Laborarchäologen sind die reinsten Wunderknaben“, sagte er anerkennend. „Die sind eines Tages auch in der Lage, genau zu sagen, an welchem Tag wer einen Schnupfen hatte. Selbst wenn das vor viertausend Jahren war.“

„Ganz so weit brauchen wir ja nicht in die Vergangenheit zu reisen“, meinte Frank Jaeger.

„Sehr viel fehlt nicht mehr daran“, brummte Ben. „Hier - was die Laborhechte alles angestellt haben! Röntgenuntersuchungen des Schiffsfundes, Spektrometrie und Neutronenaktivierung. Zusätzliche Zeitbestimmung mit der Radiokarbon und der Thermolumineszenz-Methode.“ Er ächzte angegriffen und legte drei Folien beiseite.

Frank hatte sich einige andere Datenträger gegriffen. „Die Burschen haben sogar eruptiven Vulkanstaub von Thera in diesem seltsamen Schiff gefunden. Und hier schreiben sie, dass dieser Ausbruch des Vulkans im Januar 1242 vor der Zeitwende stattgefunden hat.“

„Das ist doch einleuchtend“, meinte Hallstrom, machte aber weiter ein unfrohes Gesicht. „Der Vulkanstaub trieb langsam mit dem Wind aus dem östlichen Mittelmeer in großer Höhe über die Türkei nach Norden und ist dann im Kaukasus ausgefallen. Wahrscheinlich mit dem letzten Schnee, der am Elbrus niederging. Mit der einsetzenden Schneeschmelze und dem abfließenden Wasser kam der Vulkanstaub zu Tal und an die Küste ...“

„... wo in der Mündung des Flusses Phasis angeblich das Schiff Argos lag“ unterbrach Ben ihn.

Vielleicht wollte Ben damit unter Beweis stellen, dass er sich bereits intensiv mit der antiken Geschichte Griechenlands befasst hatte.

Hallstrom bedachte ihn mit einem nadelscharfen Blick. „Wenn der ehrwürdige Heinrich Schliemann vor nunmehr einhundertsechsundzwanzig Jahren ebenfalls gedacht hätte, dass es nur angeblich mal einen Kampf zwischen Griechen und Trojanern gab und alles in Wahrheit eine Erfindung des guten Homer sei, dann wäre Troja wohl heute noch nicht gefunden. Tatsache immerhin ist, dass der heutige Fluss Rioni der antike Fluss Phasis ist und die heutige Stadt Poti auf den Trümmern der Hauptstadt des Landes Kolchis errichtet ist. Die Kolcher, das haben andere Funde ergeben, waren gar nicht in der Lage, sehr große Schiffe zu bauen. Ihre Boote hatten höchstens zwanzig Ruderbänke. Niemals fünfzig. Wenn Sie also keine besseren Einwände vorzubringen haben, dann schweigen Sie, Ben. Das Schmelzwasser vom Elbrus muss im Mai oder Juni des zweifelsfrei ermittelten Jahres sehr überraschend und mit der Heftigkeit einer Katastrophe dieses große Schiff erreicht und versenkt haben. Wenn es die Argos war, wie sind dann die Griechen aus Kolchis fortgekommen? Hier sagt nämlich die Sage etwas ganz anderes. Ich bedauere sehr, dass mir diese Reise versagt ist.“

„Bringen Sie ruhig mal die Meinungen und Interessen der Europäer und der Asiaten unter einen Hut. Wir werden das Kind in Kolchis schon schaukeln“, sagte Frank, ohne von den Datenfolien aufzublicken. „Im Übrigen haben wir eine hervorragende Amme zur Seite.“

„Dr. Carter ist Wissenschaftlerin und keine Amme!“, entrüstete sich Hallstrom. „Ich werde sie bitten, ein sehr wachsames Auge auf Sie beide zu haben. - Frank, grinsen Sie nicht so überheblich! Sie scheinen sich noch immer keinen rechten Begriff von der Gefährlichkeit der Reise zu machen. Kolchis war nach dem Wortlaut der Sage eine unermesslich reiche Stadt.“

„Kunststück! Im Kaukasus gab es eine Menge Gold“, brummte Frank.

Hallstrom hatte zu einer längeren Erklärung angesetzt und ließ sich durch Franks Einwand nicht aus dem Konzept bringen.

„Dieser Reichtum lockte Glücksritter und Diebe, Freibeuter und Halunken an wie ein Licht die Motten. Die Kolcher hatten allen Grund, stets misstrauisch und übervorsichtig zu sein. Denn was an ihrer Küste landete, waren wohl überwiegend Seeräuber und weniger Händler oder gar harmlose Seefahrer. Wir haben bei gemeinsamen Zeitreisen in die Vergangenheit immer wieder feststellen müssen, dass allen Sagen ein wahrer Kern innewohnt. Und nach der Argonautensage hatten die Kolcher allerlei schreckhafte Einrichtungen, um unerwünschte Besucher auf grausame Art und Weise umzubringen. Aus dem antiken Kolchis soll vor den Argonauten nie einer nach Griechenland zurückgekehrt sein, den es nach den Schätzen dort gelüstet hatte.“

Ben grinste und legte die Folien beiseite. Er schaute den Professor von der Seite an. „Mit den schreckhaften Einrichtungen meinen Sie bestimmt diese feuerspeienden Stiere, die eiserne Klauen gehabt haben sollen. Oder jene erdgeborenen Drachenkrieger, die aus einer Ackerfurche wuchsen wie Radieschen aus sonnenbeheiztem Treibhausboden, was?“, fragte er.

„Sie sollten sich das Lachen bereits jetzt abgewöhnen, Ben, dann fällt es Ihnen in Kolchis nicht so schwer“, sagte Hallstrom weise. „Natürlich kann es keine feuerschnaubenden Stiere geben, Drachenkrieger oder Lindwürmer, die in einem Hain einen besonders kostbaren Schatz bewachen. Der Hinweis, den die Sage uns aber gibt, sollte Anlass dafür sein, sich auf teuflisch funktionierende Erfindungen und Einrichtungen einzustellen. Die Kolcher, auch das ist erwiesen, pflegten enge Handelsverbindungen mit einem Volk auf der Krim, das sich hervorragend auf Eisengewinnung und Eisenverarbeitung verstand. Und Eisen ist bekanntlich ein Material, mit dem man sehr viel anstellen kann.“

„Das bestreitet auch kein Mensch“, erwiderte Ben. „Vielleicht haben die Kolcher eiserne Geräte besessen, mit denen sie jedem Fremden einen ordentlichen Hokuspokus vormachen konnten.“

„Das ungefähr wollte ich andeuten“, stimmte der Professor zu. „Ein Hokuspokus allerdings, den sie als Götterwerk ausgegeben haben und dem vermutlich alle damaligen Seefahrer zum Opfer fielen, die nach Kolchis gelangten. Seien Sie auf der Hut und bedenken Sie immer, dass eine Frau Ihre Begleitung ist.“

„Darüber braucht man nicht erst nachzudenken, das kann man mit einem flüchtigen Blick bereits erkennen“, sagte Ben und schaute nach der grünen Anzeige über der Tür, die rhythmisch aufleuchtete. Jemand, der die Sicherheitseinrichtungen in Hallstroms weitläufigem Labortrakt kannte und sie ordnungsgemäß nacheinander neutralisierte, hatte das Gelände betreten.

Außer dem Professor, Frank und ihm selber kannte nur Dr. Vanessa Carter sämtliche Sicherheitssperren.

2

Vor dem Zeitsprung, den sie, wie sie hofften, in zeitgemäßen Kostümen gemacht hatten, war Ben und Frank wenig Gelegenheit beschieden gewesen, sich mit Vanessa abzugeben.

Jetzt aber, als die Zeitkugel entmaterialisiert hatte und sich in einer übergeordneten Dimension befand, in der sie nicht ertastbar und demzufolge auch von Unberufenen nicht aufspürbar war, betrachteten die beiden wohlgefällig ihre Begleiterin.

Vanessa hatte sich in ein ärmelloses griechisches Gewand mit üppigem Faltenwurf gekleidet. Das Gewebe bestand aus feinem weißem Leinen. Ein fingerbreiter Gürtel aus braunem Tuch hielt in der Taille die ganze Herrlichkeit zusammen.

Viel verbarg das Gewand nicht. Vanessas Formen wurden vom weißen Leinen umschmeichelt, und der landwärts stehende Seewind drückte den Stoff gegen ihren Körper und modellierte den sanften Schwung ihrer Oberschenkel.

Frank schaute hingerissen. Dann aber meinte er mit einem Anflug von Besorgnis: „Sie ist zu langbeinig für diese Zeit. Sie wird auffallen.“

„Das werden wir alle. Die Leute sind wenigstens einen Kopf kleiner. Schon darum werden sie uns angaffen wie ein Weltwunder“, sagte Ben und wandte keinen Blick von der Gestalt. „Hallstrom wäre in diesem Gewand nicht halb so reizvoll.“

„Witzbold!“, knurrte Frank. „Verdammt, ich fürchte, sie hat drunter gar nichts an!“

„Du kannst sie ja fragen. Aber ich sage dir, du kannst dich jetzt schon als geohrfeigt betrachten. Sie hat nämlich Haare auf den Zähnen.“

„Sie steht genau vor der Sonne!“, murrte Frank. „Alles schimmert durch.“

„Im Altertum trug man nichts drunter“, sagte Ben. „Sie hat sich genau an die Historie gehalten, schätze ich.“

„Von der wir verdammt wenig wissen. Von diesem großen Schiff griechischer Bauart einmal abgesehen. Vielleicht ist es Sitte, dass man, wenn man als Fremder in dieses Land kommt, dem Herrscher oder sonst einem wichtigen Kopf eine Frau zum Gastgeschenk macht und der Bursche sie dann seinem Harem einverleibt“, tat Frank seine Sorgen kund.

„Dann möchte ich in diesem Falle nicht Herrscher sein“, erklärte Ben trocken. „Ich sagte dir doch eben, dass sie Haare auf den Zähnen hat.“

Genau in diesem Augenblick drehte sich Dr. Vanessa Carter vor der untergehenden Sonne um. Sie zeigte lächelnd zwei Reihen perlweißer Zähne und sagte: „Ben, Sie vergaßen den Hinweis, dass ich auch sehr gut höre.“

„Da hast du’s!“, zischte Ben seinem Gefährten zu. Und dann grinste er auf entwaffnende Art, weil er erst gar nicht die Gefahr eingehen wollte, ein Gewitter aufziehen zu lassen. Wenn Vanessa freundlich lächelte, war das ein warnendes Vorzeichen. Er hatte das bei einem Abenteuer im Mammutland feststellen müssen.

Während die Sonne im Westen im Schwarzen Meer zu versinken schien, kam Vanessa zu den beiden Männern herüber, die sich auf einer Felsenplatte eingerichtet hatten. Sie lehnte sich an einen Steinbrocken und sagte: „Ihre Fantasie sollte sich nicht daran entzünden, was ich trage und dass Professor Hallstrom in einem solchen Gewand weit weniger reizvoll erscheinen mag. Richten Sie Ihr Interesse mehr auf die Stadt dort drüben und auf den Besuch, den wir ihr morgen abstatten werden.“

Sie machte eine knappe Kopfbewegung.

Hinter ihr, in einem weiten Tal, war der gewundene Lauf eines Flusses zu sehen. Das war der Phasis. Der Fluss mündete trichterförmig ins Schwarze Meer. Ungefähr einen Kilometer landeinwärts lag am Fluss eine Stadt. Leider auf dem jenseitigen Ufer, also nach Norden.

Entweder hieß die Stadt Phasis wie der Fluss. Oder sie hieß Kolchis. Die Zeitreisenden hatten das noch nicht nachprüfen können.

Unter dem Reich der Kolcher hatten sich Ben und Frank eigentlich mehr vorgestellt. Was sie bislang zu Gesicht bekommen hatten, war nichts anderes als ein Stadtstaat, wie es sie zu dieser Zeit überall an den Küsten gab.

Auch diese Stadt dort drüben war offensichtlich ein solcher Stadtstaat, denn im Hinterland und am Fluss waren nur ein paar kleine Ansiedlungen und Gehöfte zu erkennen. Auf den Feldern im Tal schien gerade das an landwirtschaftlichen Erzeugnissen produziert zu werden, das den Bedarf der Stadt deckte.

An den sanften Hängen und rund um ein paar Hügel gab es Weinfelder, und auf einer Art Hochfläche, die wie beginnende Steppe mit ihrem braunen Gras aussah, stand eine Ziegenherde. Weit hinter der Stadt und jenseits der verdorrten Hochfläche begann ein Baumgürtel.

Noch mehr entfernt hoben sich sanft Bergflanken aus dem Land und führten hinauf zu den Schroffen und Gipfeln des Kaukasus, die im blauen Dunst schwammen. Die Schneekappe des 5633 m hohen Elbrus leuchtete im Schein der untergehenden Sonne wie pures Gold. Ein paar umliegende Berggipfel trugen schmutzige Schneereste.

Die Schmelze hatte bereits eingesetzt. Das war auch in der Flussmündung zu sehen. Schäumende Wirbel trieben dort in lehmbrauner Brühe. Die Schmutzwasser des Phasis zogen weit hinaus ins Schwarze Meer, wo sie schließlich unter die tintenblaue Oberfläche sanken. Ganz einfach deshalb, weil sie aus dem Gebirge von den Gletschern und Schneefeldern kamen und kälter waren als das Meerwasser. Bekanntlich ist kaltes Wasser schwerer als warmes.

Der Stadtstaat schien seine Wohlhabenheit aus dem Handel mit anderen Küstenvölkern zu schöpfen. Auf dem lehmbraunen Fluss waren dicht am Stadtufer jede Menge Schiffe vertäut. Einige waren sogar aufs Land gezogen. Sehr groß waren diese Boote allesamt nicht.

Dass die Stadt wohlhabend war, ging aus dem Umstand hervor, dass rings um die Ansiedlung eine mächtige Mauer aufgeführt war. Lediglich auf der Flussseite gab es keine Befestigung. Zudem waren in die Mauer nur drei Tore eingefügt, nach jeder Seite eines und an klobigen Tortürmen erkenntlich.

In der Stadt gab es zahlreiche Tempel und auf der höchsten Erhebung der Stadt eine Ansammlung auffallend großer und stattlicher Gebäude. Ohne Zweifel war das der Palast des Herrschers.

Außerhalb der Stadt, dicht bei der Mauer zum Gebirge hin, waren noch zwei Tempel zu sehen. Aber dort stieg kein Rauch auf. Auch keine Gestalten bewegten sich.

Vielleicht waren die Gottheiten, zu deren Ehren die Tempel einmal errichtet worden waren, in Vergessenheit geraten.

An diese Tempel schloss sich ein rechteckiges Feld an, das aus der Entfernung wie eine verlotterte Kampfbahn aussah.

Vereinzelt hatten sich schon Büsche angesiedelt.

Dicht dahinter gab es einen Hain. Die Bäume verbargen dort fast zur Gänze ein Bauwerk. Lediglich ein Mauerstück war erkennbar.

„Alles schön und gut, werte Dame“, sagte Ben jetzt. „Ich möchte auf unseren Besuch morgen in der Stadt keinesfalls verzichten. Aber können Sie mir verraten, wie wir hinüberkommen sollen? Die Segnungen der hiesigen Zivilisation liegen leider allesamt auf dem anderen Ufer. Vom Durchschwimmen des reißenden und eiskalten Flusses rate ich aus mancherlei Gründen dringend ab.“

Vanessas rosarote Zungenspitze erschien zwischen den Zahnreihen und fuhr langsam über die Oberlippe.

„Wir brauchen wohl nicht zu schwimmen“, sagte die Frau dann bedächtig. „Ich überlegte gerade, dass wir uns ein Floß zimmern könnten. Doch auch das erübrigt sich. Ich habe einen besseren Einfall.“

Frank schien davon nichts zu halten, denn er blickte erschrocken und sagte: „Weibliche Einfälle pflegen eine kostspielige Angelegenheit zu sein.“

„Machen Sie sich nicht lächerlich!“, wies Vanessa ihn zurecht. „Ich habe nicht die Absicht, Sie und Ben mit unangemessenen Forderungen in Kosten zu stürzen.“

„Kosten ist gut!“, lachte Ben. „Wir haben kein Geld dabei, weil wir keine Ahnung haben, was hier im Umlauf ist. Nur etwas Goldgeschmeide für den Notfall.“

„Sondern?“, fragte Frank und machte eine ärgerliche Handbewegung zu Ben hin, während er neugierig auf Vanessa schaute.

Die Wissenschaftlerin hob leicht die Hand und wies zum Strand hinunter. „Wir marschieren morgen früh den Strand entlang zum Fluss und dann diesen hinauf. Man wird in der Stadt neugierig werden und uns bestimmt ein Boot herüberschicken, das uns abholt.“

„Ihr Gottvertrauen ist vermutlich nicht zu überbieten“, meinte Frank.

„Und was wollen wir den Leuten erzählen?“

Sie lächelte verhalten. „Wir sind Schiffbrüchige. Unser Schiff ist irgendwo da unten gestrandet. Wir sind einen Tag und eine Nacht gewandert, bis wir auf diesen hinderlichen Fluss stießen. Dann ist es auch glaubwürdig, dass wir ohne Gepäck reisen.“

„Für Schiffbrüchige sehen wir aber noch sehr nobel aus“, gab Ben zu bedenken. „Vielleicht kaufen uns die Leute die Geschichte von vornherein nicht ab. Oder sie holen uns in die Stadt, schicken aber jemand aus, der nach unseren Schiffsresten Ausschau hält. Wenn die rausfinden, dass wir sie angeschmiert haben, stecken sie uns womöglich in einen finsteren Verschlag, bis ihnen eine passende Bestrafung eingefallen ist. Oder sie degradieren uns zu Sklaven. Die dritte Möglichkeit erwähne ich lieber nicht.“

Vanessa Carter bekam begehrlich blickende Augen. „Die wäre? Reden Sie schon, Ben. Zartgefühl ist nicht Ihre starke Seite.“

„Wenn Sie durchaus darauf bestehen. Aber fallen Sie nicht in Ohnmacht. - Die Kolcher können uns auch in irgendeinen Tempel schleppen und feierlich abschlachten. Menschenopfer sind in dieser Zeit durchaus üblich.“

„Wir werden uns zu wehren wissen“, sagte Vanessa. Sie zeigte nicht einmal Erregung oder Furcht. „Hauptsache, wir gelangen in die Stadt. Uns wird schon etwas einfallen.“

„Irgendwann muss ja dieses verdammte griechische Großschiff mit den fünfzig Ruderbänken eintreffen“, sagte Ben. „Hoffentlich erleben wir den Tag auch noch.“

Er reckte vorsichtshalber noch einmal den Kopf und spähte erst zur Stadt und zum Fluss, dann zur Mündung und zum Meer hinüber. Von einem großen Schiff war weit und breit nichts zu sehen. Nicht einmal ein Segel oder die Mastspitze.

Der Seewind frischte auf und brachte feuchte Abendkühle mit.