Timetravel #48: GOLEM - Die Erschaffung eines Ungeheuers - Horst Weymar Hübner - E-Book
Beschreibung

TIMETRAVEL - Reisen mit der ZeitkugelBand 48von Horst Weymar HübnerDer Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.Der Auftrag:Im Jahre 1611 machte man in Prag urplötzlich die Juden verantwortlich für politische Wirren, für soziale Ungerechtigkeiten und sogar für die Spaltung der Christenheit in Protestanten und Katholiken. Fanatiker drangen in das Judenviertel ein, um dort zu plündern und zu morden. Schlagartig zogen sie sich jedoch zurück, und sie erzählten, einem grässlichen Ungeheuer begegnet zu sein, das die Juden Golem nannten. Dieses Ungeheuer wurde nie wieder gesehen. Reisen Sie in das damalige Prag und erforschen Sie die Wahrheit über den Golem.Konsortium der Sieben

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Horst Weymar Hübner

Timetravel #48: GOLEM - Die Erschaffung eines Ungeheuers

Zeitreise-Roman

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

GOLEM – Die Erschaffung eines Ungeheuers

TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel

Band 48

von Horst Weymar Hübner

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 124 Taschenbuchseiten.

 

Der Auftrag:

Im Jahre 1611 machte man in Prag urplötzlich die Juden verantwortlich für politische Wirren, für soziale Ungerechtigkeiten und sogar für die Spaltung der Christenheit in Protestanten und Katholiken. Fanatiker drangen in das Judenviertel ein, um dort zu plündern und zu morden. Schlagartig zogen sie sich jedoch zurück, und sie erzählten, einem grässlichen Ungeheuer begegnet zu sein, das die Juden Golem nannten. Dieses Ungeheuer wurde nie wieder gesehen. Reisen Sie in das damalige Prag und erforschen Sie die Wahrheit über den Golem.

Konsortium der Sieben

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Nach einem Motiv von Joseph Wright of Derby, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Prolog

Professor Hallstrom glückte das fantastische Experiment, winzige Substanzteile zu ent- und zu rematerialisieren. Er errechnete, dass diese Substanzteile im Zustand der Körperlosigkeit mit ungeheurer Geschwindigkeit in der 4. Dimension zu reisen vermochten – also nicht nur durch den Raum, sondern auch in die Vergangenheit und in die Zukunft. Mit seinem Assistenten Frank Jaeger und dem Ingenieur Ben Crocker begann er, diese Entdeckung für die Praxis auszuwerten. Er wollte ein Fahrzeug bauen, das sich und seinen Inhalt entmaterialisieren, dann in ferne Räume und Zeiten reisen, sich dort materialisieren und nach dem gleichen Verfahren wieder an den Ursprungsort und in die Ursprungszelt zurückversetzen konnte. Nach vier Jahren musste der Professor seine Versuche aus Geldmangel einstellen.

Die superreichen Mitglieder vom „Konsortium der Sieben“ in London boten ihm aber die fehlenden Millionen unter der Bedingung an, dass sie über den Einsatz der Erfindung bestimmen könnten. Der Professor erklärte sich einverstanden, konnte weiterarbeiten und vollendete sein Werk: die Zeitkugel. Seit diesem Zeitpunkt reisen der Professor, sein Assistent und der Ingenieur im Auftrag des „Konsortiums der Sieben“ durch die 4. Dimension.

Dieser Roman erzählt die Geschichte der Ausführung eines derartigen Auftrags.

1

Das Haus war krumm und windschief und duckte sich förmlich hinter den Festungswall der Prager Altstadt. Das Schilfdach war jämmerlich anzusehen. Ganze Generationen von Stürmen hatten erfolgreich daran gezaust.

„Hier sind wir richtig“, erklärte Ben Crocker und machte eine in der Dunkelheit kaum noch wahrnehmbare Kopfbewegung in Richtung der kläglichen Behausung.

Über Prag, die goldene Stadt an der Moldau, begann sich die Nacht zu senken. Die Wächter in den Turmstuben der vielen Kirchen und Torburgen riefen die erste volle Nachtstunde aus. Die leiernden Rufe verloren sich mit dem lauen Wind.

Professor Robert Hallstrom konnte sich beim Anblick des erbärmlichen Hauses eines unguten Gefühles nicht erwehren. Das Anwesen stand schon etwas abgesondert von den übrigen Häusern hinter dem Wall. Gerade, als hätten die damaligen Nachbarn peinlich darauf geachtet, dass der Erbauer des Hauses einen respektvollen Abstand zu ihren Gebäuden wahrte.

„Soll das ein Scherz sein?“, fragte Hallstrom unfroh. „So ähnlich wohnen die Henker und Scharfrichter. Sie müssen sich von den übrigen Bürgern absondern.“

Ben bog die Schultern leicht nach hinten. „Hier wohnt kein Henker, sondern ein Mann mit Namen Premysl“, sagte er. „Jedenfalls hat mir der Ratsschreiber den Weg und dieses Haus beschrieben. Für zwei Prager Silbergroschen hat sein Gedächtnis erstaunlich präzise gearbeitet.“

„Sie haben ihm diese Information abgekauft?“, fragte Hallstrom recht verwundert. „Zwei Silbergroschen für den Anblick einer schäbigen Hütte! Wenn das kein Geschäft für den Schreiber war, dann verstehe ich nichts vom Wert des Geldes.“

„Ich habe auch noch den Namen bekommen, vergessen Sie das nicht!“, erinnerte Ben. Er sprach mit der milden Nachsicht, wie man sie einem begriffsstutzigen Zeitgenossen gegenüber walten lässt.

„Und was haben wir von deinem Informationseinkauf?“, erkundigte sich Frank Jaeger, der dritte Mann des Teams. Ben war nämlich am späten Nachmittag von einem Alleingang aus der Stadt zurückgekehrt, hatte ein geheimnisvolles Gesicht gemacht und schließlich zu verstehen gegeben, sie müssten nach Einbruch der Dunkelheit einen Besuch machen und würden einen sehr wichtigen Mann kennenlernen. Dann hatte er sie tatsächlich quer durch die Altstadt geschleppt und zu diesem windschiefen Gebäude geführt, das aussah, als würde es bestenfalls von Hexen bewohnt. Wenn es überhaupt bewohnbar war. Licht brannte jedenfalls keines. Und aus dem Steinkamin jagten auch keine Funken, die Rückschlüsse auf die Anwesenheit von Menschen zugelassen hätten.

Ben stieß ruckartig die Schultern nach vorn.

„Dieser Premysl“, sagte er, „war vor einem Monat sozusagen eine Berühmtheit in der Stadt. Er hat zwar einen denkbar schlechten Ruf als Schuldenmacher, aber wer hat schon einen guten, wenn er immer nur vom Schnorren, von der Bettelei und dunklen Geschäften lebt? Premysl trieb sich vor vier Wochen betrunken und nächtens in der Nähe der Synagoge herum und hatte einen Zusammenstoß mit dem sagenhaften Golem!“

Jetzt war die Katze aus dem Sack. Ben fühlte sich wohler und genoss es, die harten Atemzüge von Hallstrom und Frank zu hören.

Des Golems wegen hatten sie diesen Zeitsprung in die Vergangenheit gemacht. Seit ihrer Ankunft in Prag vor drei Tagen hatten sie überall vorsichtig herumgehört. Zu ihrem Erstaunen wussten einige Leute, dass es den Golem gab. Jedenfalls behaupteten sie das. Angeblich jedoch kannten sie niemand, der dieses Fabelwesen schon mal zu Gesicht bekommen hatte. Zudem gingen die fantasievollen Schilderungen über Aussehen und Gestalt des Golems sehr weit auseinander. Der eine sagte, er sei ein unglaublich hässlicher Zwerg, ein anderer behauptete, er sei der Schuhmacher Wenzel von der Karlsbrücke, der sich in Vollmondnächten in den Golem verwandeln müsse, und noch ein anderer meinte, er steige alle paar Wochen zu einer bestimmten Nacht aus den Fluten der Moldau, wandle durch die Stadt und sei darauf aus, die Leute zu Tode zu erschrecken. Und zudem sei er von großer und schreckhafter Gestalt und besitze zwei Köpfe.

Nur zwei Aussagen waren von den Zeitreisenden für etwas gewichtiger gehalten worden. Eine ehrbare Frau hatte erzählt, die Jesuiten hätten den Golem gemacht, um die böhmischen Protestanten für ihren Abfall von der katholischen Kirche und ihre Ketzerei zu strafen.

Und ein einäugiger Geldwechsler, der in einem Gewölbe einen ordentlichen Geschäftsbetrieb führte, hatte sich zu der Andeutung herabgelassen, der Golem müsse etwas mit den Juden der Stadt zu schaffen haben. Oder die Juden mit dem Golem.

Mehr wusste der Mann nicht. Oder er wollte nicht mehr sagen.

Hallstrom atmete noch immer hart und stoßweise. „Sie haben für einen aufgelegten Schwindel zwei Silbergroschen bezahlt, Ben. Das nenne ich Vergeudung.“ Es gelang ihm nicht, den Groll in der Stimme zu unterdrücken.

„Sie urteilen hart, Professor“, fand Ben und fügte hinzu: „Außerdem habe ich die faule Stelle selber sofort gefunden, als der Ratsschreiber den Namen Premysl nannte. Wir haben drei Tage lang herumgefragt und uns schon fast unbeliebt gemacht, und niemand konnte einen konkreten Namen nennen. Von diesem Schuster Wenzel einmal abgesehen. Der Schreiber aber hatte einen Namen und den passenden Mann sofort zur Hand ...“

„Als er Ihr Geld sah“, schränkte Hallstrom ein.

„Der Anblick hat ihn beflügelt“, stimmte Ben zu. „Das Fazit der Geschichte: Niemand kann oder will uns einen Menschen nennen, der den Golem gesehen hat. Dieser Premysl aber wird fast zu einer städtischen Berühmtheit, weil er dem Golem begegnet ist.“

„Dein Scharfsinn schlägt alle Rekorde“, sagte Frank sarkastisch.

„Bildet euch nur nicht ein, ich hätte dem Schreiber diese Ungereimtheit nicht sofort unter die Nase gerieben“, erläuterte Ben. „Der Mann wusste glaubhafte Gründe anzuführen, dass man den Namen Premysl rasch wieder vergessen hat.“

„Und die wären?“ Hallstrom wandte sich gespannt Ben zu. Das hatte den Vorzug, dass er das unheimliche, geisterhaft öde Haus nicht mehr sah.

„Erstens ist dieser Premysl als Aufschneider und als allgemein schräger Vogel bekannt. Zweitens war er betrunken. Drittens war es stockdunkel in jener Nacht. Viertens verlautete aus dem Hradschin aus der Umgebung des Kaisers, dass man jeden drakonisch bestrafe, der den Namen eines Bürgers in Verbindung mit dem Golem nenne. Und fünftens haben nach Premysl noch zwei Leute angeblich den Golem gesehen.“ Ben hatte jede Silbe betont.

„Ach?“, machte Hallstrom begierig. „Lassen Sie hören!“

„Die Silbergroschen waren demnach doch gut angelegt“, sagte Ben und feixte in der Dunkelheit. „Ich habe Sie selten so voll gesammelter Aufmerksamkeit bemerkt, Professor. Also, der eine war ein Holzknecht, ein Ungar, der vor zehn Jahren oder so nach Prag kam. Er hatte seine Begegnung vierzehn Tage nach Premysls Erlebnis, demnach vor zwei Wochen. Schon in der folgenden Nacht stürzte er in den Fluss und ertrank. Am Wasserrad einer moldauabwärts gelegenen Pulvermühle blieb er hängen.“

„Reichlich seltsam“, fand Hallstrom.

„Das sagte ich mir auch“, fuhr Ben fort. „Nicht minder geheimnisvoll erging es dem zweiten Mann, einem Reiter des Neustadt-Regimentes. Er war drüben auf der Kleinseite unterhalb des Hradschins, zechte mit ein paar Kameraden und geriet wegen einer Weibsperson mit einem polnischen Kavalier in Streit, sodass der Wirt ihn und seine Kameraden vor die Tür setzen musste. Die Wache der Torburg auf der Karlsbrücke jedenfalls konnte sich entsinnen, dass die bezechte Gesellschaft eine Stunde vor Mitternacht von der Kleinseite herüberkam und passierte. Als die Soldaten in den Niederungen der Altstadt einen Platz überquerten, drang aus einer Gasse ein schreckliches Geräusch. Der Reiter ging nachsehen, seine Kameraden ermahnten ihn zur Vorsicht. Wenig später sahen sie ihn aus der Gasse hervorstürzen. Dabei soll er etwas von einem fürchterlichen Ungeheuer gebrüllt haben. Die Burschen vergaßen ihren militärischen Beruf und stoben in alle Winde davon. Als sie glücklich in ihrem Festquartier wieder beisammen waren und Stunde um Stunde vergeblich auf den Reiter warteten, gingen sie mit Verstärkung zurück. Ihr Kamerad lag inmitten von Unrathaufen mit zerschmettertem Schädel auf dem Platz unweit jener Gasse.“

Durch die nachfolgende Stille gewannen Bens Worte geradezu beschwörenden Charakter. Hallstrom streifte den Bann schließlich ab und sagte: „Das klingt ja fast, als sei der Schreiber dabei gewesen.“

„Das habe ich ihn tatsächlich auch gefragt“, erklärte Ben. „Der Bursche hat nachsichtig gelächelt und darauf verwiesen, dass es immerhin sein Beruf sei, auch solche Begebenheiten niederzuschreiben. Das und nichts anderes habe er gemacht.“

„Hat er’s wirklich so niedergeschrieben?“, fragte Frank.

„Keine Ahnung“, brummte Ben. „Ich habe ihn nicht im Schreibhaus getroffen, sondern in einer Schenke gegenüber, wo man einen verteufelt guten Wein ausschenkt.“

„Zufällig?“, bohrte Frank.

„Ein Kleiderhändler, an den ich bei meiner Herumfragerei geriet, gab mir den Tipp.“

„Für ebenfalls zwei Silbergroschen?“, fragte der zur Sparsamkeit neigende Hallstrom. Diese Eigenschaft hatte er sich in der Primärzeit zugelegt, als die Zeitkugel, seine grandiose Erfindung, ihrer Vollendung entgegenging und unversehens seine Geldmittel restlos erschöpft waren. Krasser ausgedrückt, seine Kasse hätte an Auszehrung gelitten und war schließlich ausgetrocknet. Das Konsortium der Sieben, ein privater Interessenverein wirtschaftsbeherrschender Industriemagnaten, hatte immense Zuschüsse beigesteuert und den Professor und sein Projekt wieder flottgemacht. Hallstrom hatte sich als Gegenleistung mit Haut und Haaren dem Konsortium verkauft. Aus dieser Episode rührte seine geizige Sparsamkeit. Er hatte das Fremdgeld genau einteilen müssen und gelernt, höllisch knappe Kalkulationen aufzustellen.

„Er hat es umsonst gemacht“, erwiderte Ben und war sicher, dass Hallstrom jetzt nur noch behagliches Wohlwollen für ihn empfand.

„Dann muss der Bursche aber ein erstaunliches Gedächtnis haben“, meinte Frank.

„Von einem Ratsschreiber kann man das erwarten“, sagte Ben. „Er hat mich auch nicht belogen, wenn dieser Verdacht aufkommen sollte. Er hat dieses erbärmliche Haus genau beschrieben. Und er wusste auch, dass Premysl zwischen der ersten und zweiten Nachtstunde kommt. Ich soll nur warten, bis das Licht angezündet wird.“

„Ah, du hast ihm nichts von uns erzählt?“, fragte Frank. „Dieser – wie heißt der Kerl überhaupt?“

„Premysl. Das sage ich doch die ganze Zeit“, maulte Ben.

„Der Ratsschreiber.“

„Der? Luschin.“

„Also gut, der Schreiber Luschin hat dir das Haus beschrieben, und es ist wirklich vorhanden. Erster Pluspunkt“, sagte Frank. „Die Türmer haben zum ersten Mal gerufen, was bedeutet, dass wir uns zwischen der ersten und zweiten Nachtstunde befinden. Zweiter Pluspunkt. Wenn Premysl tatsächlich auch kommt und ein Licht anzündet, gibt es weitere Punkte. Was aber ist, wenn Premysls Begegnung mit dem Golem nichts weiter als das aufschneiderische Geschwätz eines Trunkenbolds ist?“

„Wenn dem so wäre, dann würde ich mich nicht über Premysl wundern, sondern über Luschin und seine Kenntnisse zu diesem Fall. Ich konnte mich nämlich des Eindrucks nicht erwehren, dass er sich in diese Sache ordentlich hineingekniet hat.“

„Um dir, einem hergelaufenen Fremden, der sich zufällig als spendabel erweist, seine Erkenntnisse auf die Nase zu binden? Ganz abgesehen davon, dass das, was er gemacht hat, ein astreiner Verstoß gegen den kaiserlichen Wunsch darstellt, gefälligst den Schnabel zu halten und niemand mit dem Golem ins Gerede zu bringen.“

„Geld war schon immer ein seltsamer Stoff. Dem einen dient’s als Pflaster, dem anderen löst’s die Zunge“, sagte Ben. „Zufällig konnte ich in Erfahrung bringen, dass die Schreiber der Stadt ganz beschissen bezahlt werden. Luschin wird die Gelegenheit gern beim Schopf ergriffen haben, sich ein kleines Zubrot zu verdienen.“

„Hm“, machte Frank. Es klang weder ablehnend noch zustimmend. „Wir werden sehen. Ich hoffe nur, dass dein Schreiber richtig informiert ist und Premysl sich nicht auf einer Sauftour befindet.“

Ihr Gespräch schlief ein. Sie drückten sich in den Windschatten des Walles. Früher war das Bollwerk die äußere Befestigungsanlage gewesen. Jetzt trennte der Wall die Altstadt von der anschließenden, moldauaufwärts entstandenen Neustadt. Beide Stadtteile, auf der rechten Flussseite gelegen, beherbergten rund siebzig Prozent der Prager Bevölkerung. Die restlichen dreißig Prozent, zu denen die reichen Bürger, die Adeligen, die Kaufleute und der gesamte Hofstaat Kaiser Rudolfs II. zählten, waren drüben auf der Kleinseite und auf dem Hradschin zu finden.

Von dort blinkten die meisten Lichter herüber. Dort saß das Geld. Durch die Entfernung wirkten die Kleinseite, der umbaute Schlossberg und der Hradschin, das prächtige Schloss mit seinen vielen Türmen und Zacken selber, ungemein friedlich.

Aus den Niederungen der nahen Altstadt, aus dem Gewirr von Gassen und Plätzen, und aus der Neustadt jenseits des Walles drang weniger Lichtschein, dafür aber ein Summen und Brausen, als seien Kirchweih und Markt auf einen Tag und eine Nacht zusammengekommen.

Der dumpf brausende Lärm war jedoch keine Ausnahmeerscheinung. Jeden Tag und jede Nacht quirlte und pulste das Leben in den Gassen Prags.

Seit den Hussitenkriegen waren fast zweihundert Jahre vergangen. In dieser Zeitspanne war Böhmen reich und behäbig geworden. Ganz besonders aber hatte sich der Reichtum auf Prag gehäuft, das darum auch ehrenvoll das goldene Prag genannt wurde.

Seit einiger Zeit jedoch zogen ringsum im Lande die drohenden Schatten eines Krieges auf, der sich an der Religionsfrage zu entzünden drohte. Weite Teile Böhmens waren protestantisch, der Landadel war es. Namhafte Vertreter des reichen und einflussreichen Stadtadels hatten sich ebenfalls der protestantischen Sache angeschlossen.

Demgegenüber stand der Anspruch, dass die Habsburger Erblande und somit auch Böhmen wieder dem katholischen Glauben zugeführt werden müssten. Führende Vertreter der Compania Jesu, des Jesuitenordens, waren die eifrigsten Fürsprecher dieser zu vollziehenden Änderung. Als Beichtväter und Berater der führenden Herzöge und des Kaiserbruders Matthias fanden sie allemal aufnahmebereite Ohren.

Mittendrin zwischen diesen Interessenblöcken saß wie ein Korn zwischen Mahlsteinen der wunderlich gewordene greise Kaiser Rudolf II., den nicht wenige Leute respektlos auch als spinnert bezeichneten. Rudolf war einer gewaltsamen Änderung der Religionszugehörigkeit seiner Untertanen abhold, denn in seinen wenigen lichten Momenten erkannte er, dass dies Krieg bedeuten würde. Er fühlte sich als katholischer Kaiser inmitten des halb protestantischen Böhmen und seiner nicht minder durchsetzten Stadt Prag ganz wohl und lebte seinen Spintisierereien. Hauptsache, man ließ ihn in Ruhe.

Aber der Kaiser war alt und ausgebrannt, eine wandelnde Mumie. Das Volk wusste es und war ständig gewärtig, die Nachricht vom Tode Rudolfs zu hören. Was danach kam, war allen klar: Krieg.

Der katholische Block würde unter Führung der Jesuiten alsbald versuchen, die Oberhand zu gewinnen und die Protestanten, all diese Ketzer, Abtrünnigen und Fehlgeleiteten, der heiligen Kirche und dem Stuhle Petri zurückführen wollen, sozusagen als reuige Sünder.

Genauso sicher war, dass die Protestanten sich mit aller Macht gegen diese Bestrebungen zur Wehr setzen würden.

Diese angespannte Lage beeinflusste das Prager Leben nachhaltig, trieb es an und ließ die Menschen in einer gewissen Hektik leben. Man genoss den Frieden in vollen Zügen, solange er noch währte. Der Krieg würde grausam sein.

Darum brauste und rumorte es in den Gassen und auf den Plätzen vom frühen Morgen bis Mitternacht, wenn die Türmer die Stadtruhe ausriefen und herumgehende Wachsoldaten dafür sorgten, dass die Ruhe auch eingehalten wurde. Die Zeit dazwischen nutzten die Prager für Geschäfte, um den Reichtum zu mehren und für das Vergnügen.

Doch selbst nach Mitternacht war immer noch Bewegung in den Gassen. Selbst die Wachsoldaten konnten es nicht verhindern. Denn wo gewaltiger Reichtum angehäuft ist, findet sich auch bittere Armut.

Vom Glanze der Stadt Prag angelockt, waren immer wieder hoffnungsvolle Naturen zugezogen, um dann kläglich zu stranden und in den Abschaum abzusinken. Wie sich der Reichtum der Wohlhabenden auf der einen Seite mehrte, so vergrößerte sich auf der anderen das Heer der Diebe, Räuber, Bettler und Strolche. Lichtscheues Gesindel machte zur Nachtzeit die Gassen unsicher.