Tisch und Bett - Wiglaf Droste c/o Finn Möhle - E-Book

Tisch und Bett E-Book

Wiglaf Droste c/o Finn Möhle

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14,99 €

Beschreibung

In »Tisch und Bett« sind Wiglaf Drostes Gedichte aus den letzten Jahren versammelt, die das Leben feiern und die Liebe, das Essen und das Trinken, von der Freude am Garten und am Fußball erzählen und – wie nicht anders zu erwarten – von den politischen Zumutungen: poetisch und polemisch, frech und fein. Behalten wir’s im Auge, dass die Welt was tauge, dass aus der schönen, alten Erde wo möglich einmal eine werde. Wiglaf Droste hatte immer die »Welt im Auge«, den privaten Alltag und »das große Ganze«, auch in diesen, seinen letzten, Gedichten. Man ist, wie Gustav Seibt in der SZ schreibt, »von Sprachklang, Satzmelodien und Witz dieses perfekten Handwerkers« gebannt, von der Poesie, mit der er den Morgen besingt oder den Süden oder die Frauen: Sie sitzt im Bett und raucht Zigarre, / ich daneben, und ich starre / schwer begeistert und verliebt:/ Dass es solche Frauen gibt! Gebannt auch von dem Witz und der Wut: Alles gut! Alles gut! / Warum ist jetzt Alles gut? / Immer, immer Alles gut!, / bis das Hirn im Hintern ruht, / sagen alle: Alles gut! Man ist entzückt von Sprachspielen, den schnellen Haikus, einem Winterliebeslied und einem Schokoladenladengedicht. Es gibt kein Recht auf Heiterkeitsverzicht, davon war Wiglaf Droste überzeugt, und so balanciert die Heiterkeit die Melancholie in Tisch und Bett aus, und wir lesen diese letzten Gedichte als eine Hommage an das Leben.

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Seitenzahl: 103

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Wiglaf Droste

Tisch und Bett

Gedichte

 

 

 

 

 

 

 

 

Verlag Antje Kunstmann

Tja

Das Leben macht immer, was es will.

Manchmal scheint es bereit, sich zum Guten zu fügen.

Aber auch damit kann man sich immer betrügen.

Ich will nicht maulen und bin jetzt mal still.

Eins

 

Ihr Duft liegt in der Luft

Sie sitzt im Bett und raucht Zigarre,

ich daneben, und ich starre

schwer begeistert und verliebt:

Dass es solche Frauen gibt!

Frauen? Nein! Was soll der Plural?

Der macht nur die Schönheit schal.

Diese Frau, ganz Singular,

ist mir einzig und ganz wahr.

Sie, die in der Arbeit schuftet,

sitzt ruich da und alles duftet

hier im Bett so schön kubanisch,

aus der Küche okzitanisch.

Denn ich stand schon früh am Herd,

als sie schlief, ich glaub ich werd

an dem Glück noch schier verrückt.

Ach, egal, ich bin entzückt.

Raucht sie doch niemals aus Müssen.

Nur aus Lust, ich will sie küssen!

Den Geruch nach feiner Zeder

atme ich und nicht ein jeder.

Lächelnd raucht die Sphinx, und dieser

Blick gleicht dem der Mona Lisa.

Rätselhaft und unergründlich

und der Ausdruck wechselt stündlich.

Selten ahn ich, was sie denkt.

Ich weiß nur, dass sie mich lenkt.

Sie pafft eine Wolke sieben

und dann heißt es: Lieben! Lieben!

So beginnen, ohne Frage,

alle allerschönsten Tage.

Und ich freue mich und harre,

bis es heißt: Sie raucht Zigarre.

 

Jeder Morgen ist ein neuer

Jeder Morgen ist ein neuer,

das ist mir zu lieb und teuer,

um in Routine zu rotieren,

die andre mir auf Brote schmieren,

die dann ungenießbar werden,

dazu bin ich nicht auf Erden.

Und jeder Morgen ist ein neuer.

 

Morgengruß

Ich hatte einen Kneipp-er-guss,

der macht so klar, ich bin im Fluss,

ich bin im Di-Da-Dichterfluss

und rede jetzt entsprechend Stuss:

Il sole lucet omnibus!

Und da ist gar nichts, das ich muss,

kein Fiskus und kein Sonstverdruss,

ich geb dir einen Dichterkuss,

du Süße!

Smick-Smack zwischen die Wangen,

was kannst du mehr verlangen

als Küsse auf den Mund?

Die Monde, schönstens kugelrund,

die werden zart und wild geküsst,

erst da-nach wird sich froh vertschüsst,

in einen zaubrisch tollen Tag.

Ich mal ihn mir, wie ich ihn mag,

und grüße!

 

Morgenhauch

Es soll dich, Süße, stets ein sanfter Kuss aufwecken;

ich möchte nicht, dass rohe Wecker dich erschrecken.

Die Tiefe wie die Zartheit der Empfindung

sind weder männliche noch weibliche Erfindung.

Und so will ich mich nicht länger weigern,

mich ganz und gar in dich hineinzusteigern.

 

Amor, Pfeil und Bogen

Was du mit mir machst? – Ich sag’s dir ungelogen:

Ich fühle mich wie ein Pfeil im Flitzebogen.

Wahrheit zeigt Wirkung:

Pfeilspitzenschmerz.

Wirkung schafft Wahrheit.

Lieb nicht zum Scherz.

 

Morgenröte (1)

8. März 2017, 06 Uhr 34

Es ist gleich früh um sieben,

Morgenröte sagt mir,

dass wir uns lieben,

so spricht die schöne Morgenröte:

als ob sie Sorgen töte,

als gäb’s nicht Not noch Nöte,

nur sie, die Morgenröte,

die sich uns anerböte,

schon morgens früh um sieben

die Sache mit dem Lieben

doch nicht zu versieben

und auch die Lebens-Schlachten

kein bisschen zu verachten,

weder hi-ha-hochnäsig

noch bri-bra-brumm-bräsig.

Wenn des Kummers Gift langsam träufelt,

sind wir doch nicht verzweifelt,

nicht vereinzelt oder ver-ein-zellt,

sondern vereint unterm Sternhimmelszelt,

wie es uns und der Morgenröte gefällt.

Johann Goethe

spielt Flöte,

spielt Triller,

auf Friedrich Schiller sei’m Piller.

– Dank an F.K. Waechter

für dieses Kulturgelächter –

Wenn uns das nicht den Tag erhellt.

Wenn uns das nicht am Leben erhält.

 

Morgenröte (2)

zum 8. März

Frauentag und Morgenröte,

und ein kleiner Mann im Ohr

flüstert dir was Schönes vor.

Das kommt vor und ist Komfort.

Ja, Comfort and Joy

sind mir nicht neu.

Aus dem Schakal

wird ein Chagall.

Frauentag und Mörgenröte,

das kommt vor, das kommt vor.

Und ich bin’s in deinem Ohr,

flüstre dir was Schönes vor.

Denn was ich flüster,

ist dein Gelüst.

 

Sorgen, Morgen, Pillepalle

Mach dir, Süße, bitte nicht so viel Sorgen

über das Morgen und Übermorgen.

Grad das Übermorgen ist fürchterlich.

Es ist das grässliche Über-Ich

unter den existierenden Zeiten.

Lass dich von diesem Quark nicht fehlleiten.

Wenn ich das Eso-Gelalle vom »Hier und Jetzt«

anhören muss, bin ich schier entsetzt.

Wer nur das »Hier und Jetzt« hat, kennt keine Zeit,

keine Zukunft und keine Vergangenheit.

Trotz alledem: Du musst dich nicht sorgen,

du musst weder betteln, noch musst du borgen.

Lebe, du Schöne, dein ganzes Leben.

Was ich dazugeben kann, das will ich dir geben.

 

Glück und Ketten

»Ich bin gerade so glücklich und das will ich genauso behalten!«,

sagt der Glückliche. »Nichts soll sich ändern und alles beim Alten

bleiben.« Er beginnt, das Glück in Dosen und Gläsern zu konservieren,

in Formalin einzulegen, dann kann, denkt er, ihm nichts mehr passieren,

und das, was er hatte und wegsperrt, vermodert, zerfällt und erstickt,

bis das Glück sich verdünnisiert hat, das ist ihm sauber geglückt.

Auch ich wünschte, dass du mich immerzu küsstest, streicheltest, kraultest.

Doch wer Glück zementieren will, der verscheucht und vergrault es.

 

Heiraten

(geschrieben am 228. Jahrestag des Sturms auf die Bastille)

Heiraten ist eine seltsame Sache.

Ich weiß genau, warum ich das nicht mache.

Weder will ich mich fügen,

noch dass man über mich verfügt.

Will auch nicht (mehr) lügen, betrügen.

Oder dass man mich belügtrügt.

Ich möchte in Freiheit leben und lieben.

Ich kann das nicht trennen, ich kann das nur so.

Freiheit und Liebe, und das nicht versieben.

Mit wem geht das, wie, wann und wo?

Man muss weibliche Ängste geduldig auffangen.

Eigene auch, es gibt viel Angst auf Erden.

Fänger im Roggen sein könnte mir langen.

Nur will ich von Angst nicht gefressen werden.

Dann lieber von einem wilden Tier.

Wie, du bist eins? Heiraten wir?

 

Immer

Es ist immer schön,

wenn du da bist;

mir geht es hinterher

immer besser als vorher,

egal, worüber wir sprechen,

richtig ernst oder albern

oder egal, jedenfalls alles.

Seltsam, diese Vertrautheit,

dieses Vertrauen, kein Limit,

es ist einfach da, als wären wir

damit geboren worden,

und jedes Mal ist es schön,

dich zu sehen,

und immer geht es dir

hinterher besser als vorher.

 

Morgenfreuden

Mein Körper roch etwas abgestanden,

ich wusste, so kann er bei dir nicht landen,

so muffig und fade

und das wär doch schade!

So schleifte ich ihn zur Wanne

und badete ihn

und das volle Kanne

in Extrakten aus Rosmarin.

Zurück aus dem Bade –

nicht wieder dösen!

Folge pfeilgrade

dem Ruf der Natur!

Wie? Ich soll mich jetzt »lösen«?

Nein, Bart ab und Vollrasur!

 

Morgendichtung

Morgens zwischen sechs und sieben

hab ich ein Gedicht geschrieben.

Ach, das war ein großer Spaß

und ich machte mich fast nass,

weil das Teil so komisch war,

furchtbar ulkig, wunderbar!

Worum es ging in dem Gedicht?

Tut mir leid, das sag ich nicht.

 

Esto es

Schon der Morgen trägt den Schimmer

von »Heut wird’s ein Tag für immer«

und, man glaubt es selber kaum:

Wenn ich träume, bin ich Traum.

Zwei

 

Heimgereist und heimgeleuchtet oder: Och je, ihr Armen!

Den Bürgern Germaniens zugespielt

Wie sie hetzen, hecheln, zischeln, fälschen, intrigieren, prahlen und krakeelen

aus »Wir-als-Deutsche-müssen-wieder-alles-zahlen!«-Geizgeil-Kehlen.

Wie sie dann jammern, janken und beim Andre-Völker-Unterdrücken bitter klagen,

sie hätten auf der Welt, was für ein Unrecht!, hier und schier rein gar nichts mehr zu sagen.

Wie sie die Gier und den Besitzstandsaufbewahrungsschiss als »große Sorge« tarnen,

und kleinkariert Karrierehände ringend oder reibend, mahnend vor der »Welt da draußen« warnen.

Wie sie in dicken Knatterkarren, tausendfach-millionenhoch versichert,

sich durch ein Land bewegen, in dem kein Mensch einfach nur so mal erbsig kichert.

Wie sie sich bier-und-angstbefüllt in ihre Hässlichhemden und in ihre Freizeithosen machen

und humus-und-humorfrei empathielos über grundegales Elend ihnen Fremder lachen.

Wie sie Porter-Monnaie-Genuss ausstellen und stets unzufrieden nie La Vie genießen,

um dann als unbefriedbar rohes Zeug von Vieh noch zu versuchen, alles Frohe zu verdrießen.

Wie sie stets maulen, meckern, motzen, doch niemals sich wirklich wehren,

nichts lernen, aber aller Welt die Säure eines Sauertopfs und Laberkopfs bescheren.

Wie sie, Europas Oberlehrer, sich für keinen Euro-Cent genieren,

den Kontinent zu mobben und ihm Vorschriftsregeln zu diktieren –

Kann man auch Lehren ziehen aus den Sich-die-Taschen-die-bis-zu-den-Socken-runtergehn-Vollstopfern?

Man kann. Es muss viel mehr von ihnen geben, insbesondre, wie es dann medjaal verbreitet wird, »unter den Opfern«.

 

Aus Land und Gau

Ein Kinderlied

Hinterm Stacheldrahtverhau

dirigiert der Super-Gau,

intrigiert und interniert,

bis der Welt das Herz gefriert.

Sauland-Gauland, gib mal Ruhe

in der ›ZEIT‹- und Fernsehtruhe.

Träumst von kernseifenen Gauen,

wo man blonden deutschen Frauen

Germaspenden von Spermanen

reindrückt bis zum Gottserbarmen,

bis sie, denn das wär das Grauen,

nicht mehr nach den Fremden schauen,

die höchst wohlaussehend sind.

Gau-Land braucht kein Mischlingskind!

Keinen armen Paria,

Waschmittel heißt Arier!

Hilft auch gegen den Islam,

der muss raus, selbst wenn er zahm

wie das Christentum geworden

ist: Islam will nichts als morden,

wie die Schar der Christenhorden,

die im Süden wie im Norden

alles andre massakrierte,

bis man sie zivilisierte.

Zivilisiert wird Gauland nie,

wenn er auch so tut, und wie!,

kriegt man Vaterlands-Phobie,

Deu-und-Gautschland-Allergie

gegen völkisches Bläh-Bläh

und Identitäterä,

die man aber, einfach so,

runterspült auf jedem Klo,

sei’s von Villeroy und Boch

oder gleich ein braunes Loch.

So, nun halt den rechten Rand,

AfD, After für Deutschland.

 

Bürgernähe

Wir sind jetzt noch näher

am Bürger!

Frohlocken die Späher

und Würger.

 

Wunsch und Welt

Das Schein-statt-Sein der Häppchen und der Schnäppchen,

der vollgedopten Grinsies auf dem Siegertreppchen,

das muss ja irgendjemand finanzieren,

der Laden soll doch, bittschön, funktionieren.

Die einen kann man kaufen, kann man schmieren,

so sie nach einem Kuchenstückchen gieren,

den andren sagt man: »Ihr habt zu parieren!«

Man will sich schließlich kostengünstig amüsieren.

Doch gibt es auch noch Sand statt Öl im Weltgetriebe,

das sind die guten Leute, die ich liebe.

Sie trotzen fröhlich dem Medialgelärme,

denn eine reibungslose Welt wär eine ohne Wärme.

Beliebtsein ist beliebig; social-media-geliked,

beachtet statt geachtet bleibt, wer schweigt, nicht streikt.

Es gibt weit schlechtere Loko-Motive,

wie auch zum Arbeitskampf keine Alternative.

 

Neid auf den Flüchtling

Ich bin so neidisch auf den Flüchtling als solchen,

er darf in Gruppen und in Turnhallen schlafen.

Und ich als armer Molch unter Molchen

muss allein in meinen Single-Haushalt-Hafen.

Muss die Sitzung von Pegida erdulden,

A-f-D ertragen bis zum Geht-nicht-mehr.

Dazu kommen noch die vielen Bankschulden,

die hat kein Flüchtling, ich beneide ihn sehr

Um sein freies Leben am Feuer,

gemeinsam mit Frau und Kleinkind.

Für mich ist das Leben nur noch teuer,

weil hier die Verhältnisse so sind.

Ich wär gern frei

wie ein Asylant,

schlug ihn deshalb zu Brei

und hab ihn abgebrannt.

Tat das alles mit eigener Hand

für mich, Gott und deutsches Vaterland,

dessen Muttersprache ich unfähig bin.

Sagt doch selbst: Worin liegt da der Sinn?

Seht ihn an, den Flüchtling, der kann reisen,

wohin immer sein Herz es beliebt.

Ich kann’s mir bei den hiesigen Preisen

nicht leisten, weil mir keiner was gibt.

Der Flüchtling aber kriegt es reingeschoben,

all das Geld, das ich nicht hab und nicht bezahl.

Gibt es eigentlich noch unten und oben,

oder ist auf dieser Welt alles egal?

Wir sind doch Deutsche!, werden dafür geschlagen,

mit der Nazi-Keule bei Tag und bei Nacht.

Ich kann das nicht länger ertragen,

darum hab ich mich im Fremden umgebracht.

Ich wär gern frei

wie ein Asylant,

schlug ihn deshalb zu Brei

und hab ihn abgebrannt.

Tat das alles mit eigener Hand

für mich, Gott und deutsches Vaterland,

dessen Muttersprache ich unfähig bin.

Sagt doch selbst: Worin liegt da der Sinn?

 

Welchem soll man sich noch widmen?

Welchem soll man sich noch widmen

in den Vollkaputtnik-Welten?

Wo erklingen noch die Rhythmen,

die dies Wort zum Singular erhellten?

Manche gehen einfach stiften,

lassen ihre Fraun sich liften:

»Botox to go« für die Kurfürstendame in Berlin.

Mir reicht der Name, es gibt so unerquickliche Quick-Phantasien.

Man setzt auf Kohle, Penunze, auf Geld und Zaster.

Und is noch was übba, stöhnt der glotzende Rest:

»Boah, watt verpasst der?!«

Nichts, ihn überrollt, mit 30 Tonnen, sein eigener Laster.

(Sie können statt »eigener« auch »eigenes« schreiben.

Wenn Sie nicht mögen, lassen Sie’s bleiben.)

Ich bleibe bei Ihnen und halt Ihre Hand

und sag Ihnen, trennbar niemals sind Gefühl und Verstand.

Ja, die Äpfel und die Pflaumen,

wild bewegen sie den Gaumen,

und verführn den alten Mann