Verlag: A TREE & VALLEY Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2018

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Sicherung: Wasserzeichen

E-Book-Beschreibung To Keep You Safe - Judit Müller

Aschgrau, fahlgrau, grau-grau. Innerhalb weniger Wochen ist die Welt eine andere geworden. Mit nichts als ein paar Lebensmitteln und einer verzweifelten Hoffnung im Gepäck macht sich die 17-jährige Judy mit ihren beiden jüngeren Geschwistern auf eine Reise durch das von Naturkatastrophen zerstörte Land. Weg von den Beben, weg von dem Schmerz des Vergangenen. Ein Ziel haben sie nicht. Nach einem traumatischen Zwischenfall treffen sie auf den 21- jährigen Raphael, der sich um den jungen Joe kümmert – und die ebenso verloren sind wie sie selbst. Schnell stellt die Gruppe fest, dass sie gemeinsam besser dran sind. Alles, was sie haben, ist ihr bedingungsloser Zusammenhalt, das Versprechen, niemals aufzugeben, und den Beginn einer zarten Liebe in aussichtslosen Zeiten.

Meinungen über das E-Book To Keep You Safe - Judit Müller

E-Book-Leseprobe To Keep You Safe - Judit Müller

Judit Müller

TO KEEP YOU SAFE

Warum wir leben

1. Auflage 2018

© 2018 by Verlag A TREE & A VALLEY

Inh. Stefan Funcke

Hannah-Arendt-Str. 3–7

35037 Marburg

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

 

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt.

Alle Rechte vorbehalten.

 

Umschlaggestaltung:

© Stefan Hilden, www.hildendesign.de

Umschlagmotiv:

© HildenDesign unter Verwendung der Motive von shutterstock.com:

Oleg Nesterov, Tarasenko Andrey, Amir Bajrich, Burdun Iliya

 

Lektorat: Regine Weisbrod

 

 

ISBN Epub: 978-3-947357-10-9

ISBN Kindle: 978-3-947357-11-6

ISBN Print: 978-3-947357-09-3

 

www.verlag-atav.de

Für B.

Träume werden wahr

22. November, 6 Uhr

Heute Nacht hat es begonnen.

Warum ich aufgewacht bin, kann ich nicht mehr genau sagen. Ich war einfach wach. John hat geschlafen. Ich wollte ihn nicht wecken, also bin ich ins Wohnzimmer und habe den Fernseher angemacht.

Die Nachrichten waren voll davon, dass die ersten größeren Meteoriten eingeschlagen sind, irgendwo im Indischen Ozean, in Afghanistan, Saudi-Arabien und im Osten von Russland.

22. November, 17 Uhr

Es hört einfach nicht mehr auf.

Dänemark, Italien, Namibia, vor der afrikanischen Küste im Atlantik. Als die Wissenschaftler vor ein paar Tagen vor dem Meteoritenschwarm gewarnt hatten, habe ich es nicht ernst genommen. Niemand hat das ernst genommen. Außer vielleicht die Panikmacher im Fernsehen.

Es kommt mir auch jetzt noch irgendwie unwirklich vor. Ich meine, klar, ich hab heute schon ungefähr hundertmal Nachrichten gesehen. Und die ganzen Bilder sind schrecklich. Aber es ist trotzdem so weit weg.

24. November, 19 Uhr

17 Meteoriten, bis jetzt 9 Tsunamis, 23 Erdbeben und was weiß ich wie viele Tote. Ich muss die Zahlen aufschreiben, weil ich John sonst damit verrückt machen würde. Ich muss schreiben, weil ich Angst habe, durchzudrehen.

Ich komme mir vor wie in einem Film, einem dieser Weltuntergangsfilme. Nur dass bisher die Welt anscheinend nur an anderen Orten untergeht. Klar, auf den Straßen herrscht Chaos. Alleine in der letzten Stunde gab es hier in unserer Straße sieben Autounfälle. Aber trotzdem … Und John versucht seit Stunden, seine Eltern in Philadelphia zu erreichen.

29. November, 10 Uhr

Seit Tagen herrscht Chaos. Die Ampeln sind ausgefallen, zeitweise haben wir überhaupt keinen Strom mehr.

Hier haben die Erdbeben drei Tage nach dem letzten Meteoriteneinschlag begonnen. Manchmal geht das Radio noch, manchmal nicht. Ich weiß nicht, was mir lieber ist.

Tsunamis im Indischen Ozean, Tsunamis an unserer Westküste. Inzwischen glaube ich nicht mehr daran, dass John seine Eltern noch erreichen wird. Die letzten Bilder von Philadelphia und New York, die ich im Fernsehen gesehen habe, waren furchtbar.

15. Dezember, 13 Uhr

Die Erde bebt schon wieder.

Seit Tagen habe ich das Gefühl, dass der Boden zittert, wenn ich laufe. Und von Minute zu Minute wird es stärker. Es gibt keinen Strom, kein fließendes Wasser.

Immer mehr Menschen fliehen einfach. Wir haben schon ewig nichts mehr von unseren Freunden gehört, obwohl wir in den letzten Tagen kaum anderes getan haben, als nach ihnen zu suchen. John möchte nicht weg, er sagt, wir können sowieso nirgendwohin. Wir müssen einfach hoffen, dass die Regierung Hilfe organisiert. Aber irgendwie glaube ich nicht mehr daran.

20. Dezember, 15 Uhr

Am 17. kam der bisher letzte Bericht im Radio. Es war nur eine Auflistung von Katastrophen, die letzten Erdbeben, sogar von Vulkanausbrüchen war die Rede. Und davon, dass zwei Atomkraftwerke in Florida völlig zerstört sind. Bis jetzt war ich noch nie so froh, so weit nördlich zu wohnen.

Hier gab es keine weiteren Erdbeben, nichts. Aber es regnet und es ist kalt. So verdammt kalt. Und grau. Mittlerweile ist die Stadt wie ausgestorben. Wir verbringen unsere Tage damit, nach Essen zu suchen, brechen in fremde Häuser ein. Aber es ist auch kaum jemand da, der uns davon abhalten könnte.

23. Dezember, 22 Uhr

John hat mich heute gefragt, ob es mir hilft, ab und zu ins Tagebuch zu schreiben. Ganz ehrlich? Nein. Mir ist aufgefallen, dass es bis heute keinen einzigen wirklich persönlichen Eintrag gab.

Kein „Liebes Tagebuch, ich hab solche Angst …“.

Kein Schreiben über Gefühle, keine Sorgen, nur die Fakten. Ich denke, ich will, dass das so bleibt. Angst habe ich genug.

1. Januar, 2 Uhr

John hat mir einen Antrag gemacht. Jetzt schreibe ich also doch über Gefühle. Er hat mir einen Antrag gemacht, genau um Mitternacht. Es war so schrecklich surreal. Wir standen draußen, frierend, haben den Himmel angestarrt. Dann pünktlich zu Silvester, wie um das Feuerwerk zu ersetzen, hat es begonnen, zu gewittern. Minutenlang hat es nur geblitzt, es hat nicht einmal geregnet, es hat nur geblitzt und gedonnert.

John hat mir den Ring gegeben, ohne etwas zu sagen. Und ich habe ihn genauso stumm angesteckt. Ist ein schöner Ring, nichts Besonderes, einfach ein Goldring. Jetzt bin ich also verlobt.

17. Januar, 7 Uhr

Es ist grau, seit Tagen hängen graue Wolken über der Stadt. Aber ich glaube nicht, dass es Regenwolken sind, denn geregnet hat es schon ewig nicht mehr. Es ist auch nicht mehr so kalt wie noch vor zwei Wochen, als ich Angst hatte, nachts zu erfrieren.

Ich glaube, es sind Aschewolken, weil an allem so ein dünner, schwarzer Staub klebt.

1. Februar, 22 Uhr

Es gibt etwas, worüber ich noch gar nicht geschrieben habe. Hunger. Ich habe Hunger. Ich weiß nicht mal mehr, wie es sich anfühlt, wirklich satt zu sein. Obwohl wir fast nichts anderes tun, als nach Essbarem zu suchen, gibt es nie genug.

Und wir sind ja auch nicht die Einzigen. Es sind einige Banden unterwegs. Sie kommen und verschwinden nach einigen Tagen wieder.

Komischerweise habe ich mir immer Sorgen gemacht, dass nicht genug Wasser da sein wird, aber die zwei Flüsse hier in der Stadt sind immer kurz davor, über die Ufer zu treten. Offenbar kommen sie aus einer regenreicheren Gegend.

9. März, 8 Uhr

Heute habe ich das Tagebuch wiedergefunden. Es lag irgendwo unter zwei Decken. Aber bisher habe ich es auch nicht vermisst. Warum wir noch leben, weiß ich nicht so genau. Das klingt jetzt sicher sehr depressiv und verzweifelt, und vermutlich bin ich genau das. Aber es ist doch wahr. Ich weiß es einfach nicht.

Warum haben John und ich so viel Glück? Warum wir, und nicht all die anderen, die wir täglich sehen … tot. Ich hatte eigentlich gedacht, dass die Stadt fast verlassen ist. Aber seit Tagen finden wir Leichen, jeden Tag sind es mehr. Jeden Tag sterben hier mehr Menschen. Und das nach über vier Monaten, die wir schon überlebt haben.

27. März, 20 Uhr

Es werden immer mehr Plünderer, sie kommen mit Lastern, mit Waffen und mit Angst, die sich in blinde Wut verwandelt, sobald sie auf andere Überlebende treffen. Ich will weg von hier, aber John weigert sich. Manchmal denke ich, dass er wahnsinnig wird. Er sitzt nur noch da und schweigt, egal, was ich mache. Ich habe gedroht und geweint und gebettelt, ich wollte alleine gehen und habe es nicht geschafft. Also bleibt mir nichts anderes, als neben ihm zu warten.

1. April, 13 Uhr

April, April.

Ich habe noch eine Waffe im Waffenladen zwei Straßen weiter gefunden. Warum ich sie geholt habe, weiß ich nicht. Vielleicht als letzten Ausweg.

19. April, 18 Uhr

Heute hat John mich geschlagen. Ich wollte ihn dazu bringen, zu essen. Ich kann es einfach nicht mehr mitansehen, dass er vor meinen Augen verhungert.

Ich soll ihn in Ruhe lassen, hat er geschrien, ich soll ihn sterben lassen.

26. April, 4 Uhr

Aufgeben wäre so einfach. Einfach abdrücken.

Aber irgendwie habe ich noch Hoffnung.

4. Mai, 11 Uhr

John ist tot.

John ist tot.

John ist tot.

5. Mai, 17 Uhr

Ich habe John heute beerdigt. In unserem Hinterhof, im Blumenbeet, zwischen den Rosensträuchern. Den Ring habe ich neben ihn gelegt.

Ich weiß nicht einmal, warum er gestorben ist.

Er ist gestern einfach nicht mehr aufgewacht.

14. Mai, 8 Uhr

Die Stadt brennt. Ich bin aufgewacht und konnte kaum atmen. Alles brennt, man sieht kaum die Hand vor Augen. Es ist heiß, so heiß, die Flammen fressen die ganze Luft weg.

Ich denke, jetzt ist es zu spät, um zu gehen.

Ich hoffe, ich sehe John wieder!

TO KEEP YOU SAFE

WARUM WIR LEBEN

1

In unserem Haus hatten wir viele Blumen.

Im Frühling Tulpen, im Sommer Sonnenblumen, das ganze Jahr über Orchideen, doch die sind alle verblüht. Als das Wetter sich verschlechtert hat und Wolken tagelang die Sonne verdeckt haben, waren die kleinen weißen Orchideen die ersten, die eingegangen sind. Ich kann sie deutlich vor mir sehen, jede Nacht, in meinen Träumen. Ich sehe sie und wünsche mir, sie noch einmal, nur ein einziges Mal wiederzusehen. Aber wenn ich aufwache, weiß ich, dass das unmöglich ist.

Ich schrecke hoch. Mein Herz pocht unnatürlich laut, und es dauert einen Augenblick, bis ich realisiere, dass ich nur geträumt habe. Um mich zu beruhigen, taste ich neben mich und spüre im anderen Schlafsack die warmen Körper meiner Geschwister. Sie schlafen noch. Natürlich. Es gibt keinen Grund, aufzustehen.

Die Sonne ist noch nicht aufgegangen. Wahrscheinlich wird sie auch nicht aufgehen. Die Aschewolken, nur abgelöst von Regenwolken, lassen es selten zu, dass man den neuen Tag an etwas anderem als den unterschiedlichen Abstufungen der Helligkeit erkennt.

Ich stütze mich auf den Boden. Vertrocknete, verbrannte Erde. Überall Asche. Und wenn wir einen Flecken aschefreies Land gefunden haben, ist da nur Gras. Da ist nichts anderes mehr. Nichts Schönes.

Nur Grau.

Hellgrau.

Dunkelgrau.

Aschgrau.

Wolkengrau.

Nebelgrau.

Verbrannte-Bäume-Grau.

Verlassene-Häuser-Grau.

Leichengrau.

Grüngrau.

Blaugrau.

Graugrau.

Ich überlege, unser kleines Batterieradio anzumachen, doch davon würden Hope und Luke aufwachen. Also lehne ich mich an einen kahlen Baumstamm und ziehe die Beine an. Erinnerungen drohen mich zu überwältigen. Meine Mutter, wie sie in der Blumenwiese tanzte. Das Lächeln meines Vaters. Das ganze Glück.

Ich springe auf und beginne, im Kreis herumzulaufen. Einfach, um etwas zu tun zu haben. Nach meiner Uhr ist es kurz nach fünf. Heute ist der fünfte Mai.

Es ist auf den Tag genau einen Monat her, dass wir unser Zuhause verlassen haben.

Ich gehe zu unseren Rucksäcken und ziehe ein Buch heraus, eines der wenigen, die wir mitgenommen haben. Zum Lesen ist es viel zu dunkel, also blättere ich langsam die Seiten durch, Seite für Seite. Augenblick für Augenblick.

Um halb sieben, als es allmählich heller wird, beschließe ich, die zwei Kleinen zu wecken. Ich gehe zu Luke hinüber und streiche ihm sanft über den Arm.

„Guten Morgen, du Schlafmütze.“ Er schlägt die verquollenen Augen auf, und ich weiß, dass er wieder geweint hat. Ich umarme ihn, dann wecke ich auch Hope.

Ich bin so stolz auf die beiden. Luke ist erst zehn, doch er hält sich bestimmt tapferer als die meisten Erwachsenen. Sein dünner Körper verschwindet fast in seinem Anorak. Früher hat er ihm gepasst. Aber jetzt … nun ja, genug zu essen hatten wir alle schon lange nicht mehr.

Und Hope, unsere süße, fünfjährige Hope … nun, zumindest ist sie noch gesund. Ich mache mir Sorgen um sie. Sie spricht nicht mehr. Sie hat seit Wochen keinen Ton mehr von sich gegeben. Sie lacht nicht, sie weint nicht. Sie würde auch nicht essen, wenn ich sie nicht dazu überreden würde. Sie ist apathisch, lethargisch … fast leblos.

Luke hilft ihr beim Schuhebinden, während ich nach den Keksen krame, die heute unser Frühstück werden sollen. Vor ein paar Tagen habe ich sie aus einem Automaten an einem kleinen Bahnhof geholt. Der kleine Schnitt an meiner Hand zeugt von meinen letztendlich erfolgreichen Versuchen, das Glas mit einem Stein zu zertrümmern.

Wir reden kaum, und viel gibt es ja auch nicht zu sagen. Es ist jeden Morgen das gleiche Spiel.

Nachdem wir die wenigen Kekse stumm gegessen haben, packen wir unsere Sachen auf den Fahrradanhänger. Luke holt sein Fahrrad. Ich nehme Hope an die eine Hand, mit der anderen ziehe ich den Wagen. Ich hänge mir meinen Bogen und den Köcher mit Pfeilen über den Rücken. Dann gehen wir, ohne unser Nachtlager auch nur eines Blickes zu würdigen.

2

Wir haben Pennsylvania, den Eriesee und auch Ohio hinter uns gelassen, inzwischen sind die Straßenschilder und Autokennzeichen die von Indiana. Das Unbehagen, das mich schon so lange begleitet, verstärkt sich mit jedem Meter, den wir zurücklegen. Denn tief in meinem Inneren weiß ich, dass wir nie wieder nach Hause zurückkommen werden. Die Straße, der wir seit ein paar Tagen folgen, ist gesäumt von Büschen und Ahornbäumen und öffnet sich in eine weite Gras- und Feldlandschaft. Wir nehmen immer Straßen. Ich will mich nicht im Nirgendwo verlaufen. Obwohl ich weiß, dass es gefährlich ist, obwohl ich weiß, dass wir, wenn wir Pech haben, auf Räuberbanden und ähnlich Schlimmes treffen. Denn all das haben wir in den wenigen Wochen schon erlebt. Menschen, die aus Verzweiflung andere Menschen um das Wenige berauben, was sie haben. Erwachsene, die alles nur Erdenkliche tun würden, um ihre Kinder zu ernähren.

Ab und zu kommen wir an kleinen Dörfern oder großen Farmen vorbei. Meist sind sie ausgebrannt, eingestürzt, zerstört durch die vielen Erdbeben und Stürme. Manchmal sind sie einfach nur verlassen – dann wage ich es, nach Vorräten zu suchen. Aber oft sind es auch Gräber.

Hopes kleine Finger flattern in meiner Hand wie die Flügel eines Kolibris, und ich halte sie noch fester, als wir an den ersten toten Körpern vorbeikommen. So viele Tote – und niemand da, der sie begräbt.

„Nicht hinschauen, Prinzessin“, flüstere ich ihr zu.

Aber natürlich sieht sie trotzdem hin.

Einmal sehen wir links von uns die Ausläufer einer Erdspalte, die bei den Beben entstanden sind. Es ist eine kleine Spalte, eine von tausend kleinen Wunden, die die Erdbeben in den Boden geschlagen haben. Die Beben. Die Katastrophen. Der Tod. Ich versuche, die unguten Gedanken abzuschütteln, doch es will mir nicht recht gelingen.

Inzwischen sind wir schon mehrere Stunden unterwegs, und ich merke, dass Hope allmählich müde wird. Kaum zu glauben, aber ich musste in den letzten vier Wochen feststellen, dass ein Kind, das sowieso schon keinen Ton von sich gibt, trotzdem noch verstummen kann.

„Luke, warte mal“, sage ich.

„Was ist los?“

„Lass doch Hope mal eine Weile mit dem Fahrrad fahren“, bitte ich ihn. Manchmal schaffe ich es so, Hope zum Weitergehen zu ermuntern. Und manchmal auch nicht. Luke befolgt meine Bitte, ohne zu murren, und dafür bin ich dankbar. Wir machen das Seil los und sie fährt los, ein Stückchen vor uns.

„Bleib in der Nähe“, rufe ich ihr hinterher, denn obwohl es hier so flach ist, dass man andere Menschen schon von weitem sehen würde, mache ich mir Sorgen. Hope könnte verloren gehen. Jemand könnte uns angreifen. Luke, der mir beim Ziehen hilft, blickt mich nachdenklich an.

„Wir haben seit einer Woche niemanden mehr gesehen“, stellt er fest. „Glaubst du, dass wir alleine sind?“

Als ich nicht antworte, hakt er nach. „Glaubst du es?“

Ich überlege, was ich ihm sagen soll. Ich habe doch auch keine Antworten.

„Unsinn, natürlich sind wir nicht alleine … Wir haben doch auch schon oft viele Leute an einem Tag gesehen. Jetzt sind wir einfach nur ein Stück von all diesen Leuten entfernt. Außerdem, um ehrlich zu sein, Luke, ich möchte die meisten gar nicht sehen.“

Er nickt. „Ich auch nicht.“

Und ich weiß, dass er an die Gruppen von hoffnungslosen, halbtoten Menschen denkt, die nur noch auf ihre Erlösung warten. Und an die Räuber, die ihnen auch noch den letzten Besitz abnehmen. Wir haben sie alle gesehen. Und wir sind jedes Mal so weit weggelaufen, wie wir nur konnten.

„Wir hatten bis jetzt wahnsinniges Glück“, stelle ich fest. Warum sollte ich Luke auch anlügen. Hier, in dieser Welt, ist er kein Kind mehr. Und wir hatten wirklich eine Menge Glück. Denn ohne die eingelagerten Vorräte aus dem Keller des Bauernhofs unserer Nachbarn wären wir weit schlimmer dran. Als wir gegangen sind, haben wir sämtliche Reste mitgenommen. Nicht unendlich viel, aber doch genug, um nicht zu verhungern. Ich habe nicht daran gedacht, dass wir so ein lohnendes Ziel für Räuber abgeben würden. Ich habe nur an unser Überleben gedacht. Und bis jetzt ist – und ich danke allen mir bekannten und unbekannten Göttern dafür – auch alles gut gegangen.

Ein richtiges Ziel haben wir nicht. Weg von zu Hause, weg von Kummer und Schmerz. Irgendwann haben Luke und ich uns für Südwesten entschieden. Im Süden ist es wärmer, habe ich gesagt, aber Luke wollte unbedingt ans Meer. Der Hoffnung hinterher, dass die Katastrophen dort nicht so schwer gewütet haben.

Nach einer Weile dreht Hope um und fährt auf uns zu. Ich sehe ihren kleinen, zierlichen Körper in der leichten Frische zittern, die den Abend ankündigt. Sie trägt einen schmutzig-braunen Anorak, der irgendwann einmal beige gewesen ist, und auf dem Kopf eine rote Weihnachtsmannmütze – eine mit Sternen, die früher geblinkt haben. Sie setzt diese Mütze niemals ab, obwohl sich im roten Stoff an einigen Stellen schon Löcher bilden. Vielleicht ist es eine Art Schutz für sie, diese Mütze, die ich ihr vor so langer Zeit geschenkt habe. Ein Stück Normalität.

Hope starrt mich nur stumm an, wie immer, aber ich weiß, dass sie nicht mehr weiterwill. Es scheint mir allerdings nicht klug, mitten auf freier Strecke zu lagern.

„Hope, nur noch ein bisschen, ja?“, sage ich entschuldigend. Wenigstens bis zum nächsten halbwegs geschützten Platz, füge ich in Gedanken hinzu. Der Blick aus ihren großen, blauen Augen ist wie ein Dolchstoß in mein Herz. Ihr hellbraunes Haar ist verfilzt, und sie hat ein paar Dreckspritzer auf der linken Wange, direkt unter ihren süßen Sommersprossen. Alles in allem eine jämmerliche Erscheinung, denke ich und hasse mich sofort selbst für diesen Gedanken. Ich bin schuld daran. Jetzt, wo unsere Eltern tot sind, … jetzt sollte ich für Luke und Hope sorgen.

Ich wische den Dreck von Hopes Wange und wünsche mir in diesem Moment nichts sehnlicher, als dass alles wieder so ist wie früher.

Luke spürt sie auch, diese namenlose Verzweiflung, die in Wellen von unserer kleinen Schwester auszugehen scheint.

„Wenn du willst, kann ich dich ein Stück tragen“, sagt er. Er wartet nicht auf irgendeine Reaktion, sondern legt das Fahrrad auf den Anhänger und nimmt Hope huckepack. Dann läuft er los und ich folge ihm. Er ist so klug und mutig. Und er ist gut für uns, weil ihn der Mut nie verlassen hat. Zumindest bis jetzt nicht. Ohne ihn, denke ich oft, hätte mich Hopes Kummer längst angesteckt. Er ist wie eine Mauer, die mich vor der Verzweiflung schützt. Aber gleichzeitig weiß ich, dass ich das nicht von einem zehn Jahre alten Jungen verlangen sollte.

Es wird langsam dunkler. Irgendwann muss Hope wieder laufen, bis ich sie zurück auf den Wagen setze. Und endlich, nach einer weiteren halben Stunde, finden wir einen guten Platz. Luke und ich nehmen die Vorräte aus dem Fahrradanhänger und legen ihn seitlich hin, damit wir einen Windschutz haben. Ich wage es nicht, ein Feuer anzuzünden, da man uns so viel leichter entdecken könnte, und so essen wir nur jeder ein bisschen sehr hartes Brot, das ich vor ein paar Tagen versucht habe zu backen. Es ist ein kläglicher Versuch gewesen, doch wir hatten in einem völlig zerstörten Haus etwas Mehl gefunden. Im Grunde habe ich mit Wasser und einem winzigen Rest Hefe einen klebrigen Teig hergestellt, und Luke hat das Ganze mit Stöcken über dem Feuer gebacken.

Einen Preis fürs Kochen gewinnt keiner von uns.

3

6. Mai

Hellgrau.

Das Licht dringt durch meine Augenlider, und ich richte mich gähnend auf. Luke ist schon wach. Er sitzt neben Hope, fest in seine Jacke gewickelt und weint. Ganz leise, so als wolle er uns nicht wecken. Als ich seinen Namen flüstere, zuckt er zusammen. Noch bevor ich ihn erreichen kann, stürzt er zu mir rüber und schmiegt sich an mich. Ich schlinge die Arme um ihn. „Was ist los, Kleiner?“

„Ich habe geträumt! Mama war da, Mama …“, schluchzt er.

„Luke, alles ist gut. Es ist gut … es wird …“ Ich rede nicht weiter. Es wird eben nicht alles gut. Ich kann ihn nicht vor seinen Träumen bewahren. Und ich kann ihm unsere Eltern nicht wieder zurückbringen. Also halte ich ihn einfach fest, küsse seinen blonden Schopf, lasse ihn weinen und bleibe stumm.

„Weißt du“, sage ich nach einer Weile, „ich bin wahnsinnig stolz auf dich. Du bist so tapfer, mein Kleiner. Was meinst du, wie viele schon aufgegeben haben?“

Er blickt mich mit tränennassen Augen an. „Wir nicht!“, flüstert er schließlich.

Ich nicke. „Wir nicht. Wir geben nicht auf. Wir finden einen Platz, an dem alles besser wird. Aber bis dahin müssen wir stark sein. Auch ich.“

„Aber du bist doch stark. Du bist doch schon erwachsen und ich nicht und Hope auch nicht.“

Ich weiß nicht, was ich sagen soll. „Jeder ist stark. Auch du. Nur ist jeder anders stark. Der eine träumt vielleicht schlecht, dafür ist er so stark, dass er seine kleine Schwester fast eine Stunde lang tragen kann.“

Luke lächelt schwach, und zu meiner Freude sehe ich einen Funken Stolz in seinen Augen aufblitzen. Dann: „Ist Hope auch stark?“

„Natürlich. Wir sind alle stark. Und wenn wir einander helfen, sind wir noch viel stärker. Aber wir zwei müssen eben auf Hope ein wenig aufpassen, weil sie noch so klein ist. Es ist schwieriger, für andere stark zu sein, wenn man noch so klein ist wie Hope. Okay?“

Er schnieft. „Okay.“

Ich drücke ihm einen Kuss auf den Kopf und lächle, obwohl ich mich so kläglich fühle wie lange nicht mehr.

„Dann hilf mir jetzt bitte. Wenn wir heute auf unserem Weg ein sicheres Lager finden, können wir da vielleicht einen Tag länger bleiben.“

Luke nickt. Dann wecken wir Hope.

4

Wir laufen.

Auch den nächsten Tag. Denn natürlich ist da kein sicherer Ort, der auf uns wartet. Aber Luke ist tapfer. Er kümmert sich um Hope. Er trägt sie. Und Hope schweigt.

Wir sehen Trümmerteile, ausgebrannte Wagen, Leichen, verlassene Häuser. Immer weiter, sage ich zu mir, einfach weiterlaufen, an andere Orte, dann passiert bestimmt etwas Gutes.

Am zweiten Abend erzähle ich Geschichten, doch auch die können nichts von dem, was passiert, leichter machen. Das Radio ist nicht zu gebrauchen, die Batterien sind leer. Und auch unsere Vorräte neigen sich dem Ende zu – etwas, das ich zwar bemerkt, aber noch nicht so ganz realisiert habe.

Am Morgen des dritten Tages haben wir endlich Glück. Bei den Ruinen einer verlassenen Farm gelingt es mir, mit Pfeil und Bogen einen streunenden Hund zu erlegen. Es ist ein wilder Hund. Die meisten Hunde haben sich nach den Katastrophen zu Rudeln zusammengeschlossen und jagen alles, was sie kriegen können, aber dieser hier ist allein. Zum Glück!

Da die Farm von Hügeln geschützt ist, beschließen wir, bis zum nächsten Tag dort zu bleiben. Luke und Hope sammeln Holz für ein Feuer, während ich mich daran mache, den Hund zu zerlegen. Es ist blutig und widerlich, aber immerhin ist es leichter als beim ersten Mal.

Ein paar Tage nach unserem Aufbruch sind wir im Wald von einem abgemagerten Schäferhund angegriffen worden, und ich habe ihn getötet. Ich musste uns verteidigen, doch danach habe ich eine halbe Stunde lang geweint, weil ich ein Lebewesen getötet hatte. Bis Luke irgendwann gefragt hat, ob man Hunde essen könne. Seitdem habe ich bei jeder Gelegenheit versucht, eines der umherstreunenden Tiere zu töten. Und ich muss sagen, Hund ist auch nicht besser oder schlechter als Rind.

„Aber es gefällt mir immer noch nicht!“, sage ich laut, wie um mir zu versichern, dass mir mein altes Leben noch nicht ganz gleichgültig geworden ist.

Luke schichtet das Holz fein säuberlich auf, zündet ein Feuer an und verschwindet dann, um die Ruinen des Hauses zu durchsuchen. Hope setzt sich neben mich, als ich beginne, die fettigen Fleischstücke des überraschend wohlgenährten Hundes zu braten. Zumindest für die nächsten Tage sollten wir damit versorgt sein.

Hope lehnt den Kopf gegen meine Schulter.

„Hey, Süße“, sage ich und schaue sie von der Seite her an. Sie ist dünn, so wahnsinnig dünn. Man muss fast Angst haben, dass sie durchbricht. „Meinst du nicht, es ist an der Zeit, mal wieder etwas zu sagen?“

Ich weiß, dass es sinnlos ist. Ich weiß, dass sie nichts sagen wird, nichts sagen kann.

„Schaut mal!“, schreit Luke plötzlich vom Wohnhaus rüber. Ich erschrecke so sehr, dass ich das Fleisch fast ins Feuer fallen lasse. Er rennt zu uns, einen Gegenstand in der Hand. Es ist ein Glas mit etwas drin, doch ich kann es nicht so richtig erkennen. Erst als ich es fast auf die Nase gedrückt kriege, so aufgeregt fuchtelt Luke damit vor meinem Gesicht herum, erkenne ich es: Nutella! Ein volles, unbeschädigtes Glas Nutella! Er springt begeistert umher – so begeistert, dass ich ihm seinen Fund sofort abnehme, nicht, dass noch ein Unglück geschieht – und rennt dann wieder auf Schatzsuche. Hope folgt ihm, die rote Mütze auf dem Kopf, zögerlich zwar, aber mit einem Funken Freude in den Augen.

Ich brate weiter das Hundefleisch und sortiere dann unsere Vorräte. Das habe ich mir in den letzten Wochen angewöhnt. Komisch eigentlich. Ordnung, Systeme, es war mir nie besonders wichtig, ob alles an seinem Platz ist. Aber da es oft das Einzige ist, was ich machen kann …

Zuerst die Klamotten. Viel mehr als das, was wir am Leibe tragen, ist es nicht. Ein paar Pullis und T-Shirts, zwei sehr kaputte Jacken, wenig Unterwäsche. Einen Mantel, der Luke noch etwas zu groß ist, aber als die Nächte noch kälter waren, haben wir ihn als zusätzlichen Schutz gut gebrauchen können.

Es ist erstaunlich, wie schnell Kleidung kaputtgeht, wenn man sie Tag für Tag anziehen muss. Ohne Waschmaschine, ohne die unerschöpflichen Alternativen eines Kleiderschranks. Aber als ich gepackt habe, war mir klar, dass wir alles, was wir mitnehmen, eben auch tragen müssen.

Und dann ist da noch mein Kleid. Ein kurzes, rotes Kleid. Ich habe es zum siebzehnten Geburtstag geschenkt bekommen. Es ist für den Abschlussball gewesen, für den Ball, auf den ich nie gehen werde, für den einen Jungen, mit dem ich zusammen gewesen bin und der jetzt tot ist. Mein Herz zieht sich schmerzhaft zusammen und mir steigen Tränen in die Augen. Schnell lege ich das Kleid wieder zur Seite.

Zwei Schlafsäcke. Zwei Decken. Dann der Rucksack mit unseren persönlichen Sachen. Ich öffne ihn und sehe das Familienfoto, das ganz oben liegt. Es versetzt mir einen schmerzhaften Stich, als ich die lächelnden Gesichter meiner Eltern sehe. Und Hope, die damals noch ein Baby war, so sicher und glücklich in meinen Armen. Dann ein Fotoalbum, das ich, wenn ich nicht schlafen kann, immer und immer wieder durchblättere.

Der Herr der Ringe, mein Lieblingsbuch. Mamas Bibel. Eine Märchensammlung, die Hope unbedingt hat mitnehmen wollen. Ich mag keine Märchen. Als ich klein war, hatte ich immer wahnsinnige Angst davor. Aber Hope liebt solche Geschichten. Vielleicht ja, weil es am Ende immer „Ende gut, alles gut“ heißt. Oder „Und wenn sie nicht gestorben sind …“.

Dann sind da noch die bunten Glasmurmeln, die keiner von uns seit Wochen auch nur eines Blickes gewürdigt hat. Warum haben wir sie überhaupt mitgenommen? Diese Frage geistert mir eine Weile durch den Kopf, bis mir wieder einfällt, dass es wegen der Farben gewesen sein muss. So schön bunt. Ich vermisse die Farben so sehr, dass es fast schmerzt.

Darunter liegen fünf Kassetten, die wir jetzt nicht abspielen können, weil wir keine Batterien mehr für das tragbare Radio haben. Deshalb liegt das auch ganz unten, direkt neben ein paar Stiften und einem Block, dessen Blätter alle leer sind. Nur ganz vorne habe ich einen Kalender gemalt, um den Überblick zu behalten. Außer ein paar Tierfiguren ist der Rucksack jetzt leer. Schnell packe ich alles wieder ein. Unser Erste-Hilfe-Set lege ich gleich zur Seite. Bis auf ein paar Kratzer ist uns noch nichts weiter passiert.

Nun ist das Essen an der Reihe. Wir haben noch drei volle und vier leere Wasserflaschen – ‚frisches Wasser suchen‘, notiere ich mir in Gedanken –, etwas hartes Brot von meinen Backversuchen. Ein bisschen Mehl. Müsliriegel. Süßigkeiten aus dem Automaten, den ich an dem Bahnhof aufgebrochen habe. Ein paar Konserven, die ich aber so lange wie möglich aufsparen möchte. Die letzten zwei Packungen Nudeln. Es sind Schmetterlingsnudeln, meine Lieblingssorte, alleine schon wegen des Namens. Dann sind da noch einige leere Dosen, in die ich das gebratene Hundefleisch hineinstopfe. Jede Menge Zitronenmelisse, die gut ist für Tee, wenn wir mal wieder Wasser zum Abkochen finden. Und Löwenzahn, den wir in unserem einzigen Topf gesammelt haben. Löwenzahn, den ich in den letzten Wochen richtig zu schätzen gelernt habe. Und plötzlich wird mir klar, dass es doch noch Farben gibt. Löwenzahnblütengelb. Löwenzahn ist unverwüstlich.

Das Nutellaglas wickle ich erst in ein Tuch, dann lege ich es zuoberst. Alles in allem nicht sonderlich viel, aber zum Glück haben wir jetzt das Fleisch, sage ich mir, während ich alles wieder zusammenpacke. Zum Schluss nehme ich mir den Beutel mit den anderen Dingen vor, die man zum Überleben benötigt. Darin stecken drei Messer, doch das eine ist schon ziemlich stumpf. Drei Taschenlampen, bei zweien sind die Batterien schwach, sieben Kerzen, ein leeres und ein halbvolles Feuerzeug und drei Schachteln Streichhölzer. Nadel und Faden, obwohl ich nicht wirklich nähen kann, und drei ramponierte Zahnbürsten und eine Haarbürste. Ich versuche zumindest, darauf zu achten, dass wir nicht ganz verwahrlosen.

Luke ruft mich, doch diesmal klingt seine Stimme nicht freudig, sondern voller Angst. Ich greife nach meinem Bogen, der Köcher hängt wie immer über meinem Rücken, dann renne ich zum Haus.

Ich finde meine Geschwister hinter einer Wand, die früher einmal zum Wohnzimmer geführt haben muss. Hope steht ein paar Meter von mir entfernt, die Augen fest zusammengepresst, vor ihr ein kleiner Stapel mit Dingen, die sie im Haus gefunden haben müssen. Luke deutet kreidebleich und mit zitternder Hand auf einen Trümmerhaufen. Darunter liegt die Leiche eines Mannes, die Augen angstvoll aufgerissen, eine Hand in Richtung eines zertrümmerten Schrankes ausgestreckt. Auf der Stirn hat er ein Einschussloch. Ich habe schon so viele Tote gesehen und dieser Mann ist ein Fremder, doch in meinem Kopf beginnt es zu arbeiten. Ich kann seine Verletzung sehen. Keine Anzeichen von Verwesung, keine ekligen, kleinen, Leichen fressenden Käfer. Er kann noch nicht lange tot sein. Wobei ich nicht weiß, wie lange es tatsächlich dauert, bis ein Mensch zu verfaulen beginnt. Und ich will es auch nicht wissen.

„Wir müssen weg von hier“, höre ich mich sagen. „Vielleicht ist noch jemand in der Nähe. Luke, pack das Zeug auf den Wagen.“ Als mein Bruder nicht reagiert, wiederhole ich die Anweisung mit einer gewissen Schärfe in der Stimme, die ihn dazu bringt, das zu tun, was ich sage. Er nimmt die Fundsachen an sich, die immer noch vor Hopes vor Angst erstarrter Gestalt liegen, und rennt zurück.

Ich senke den Blick, starre in die Richtung, die mir die Hand des Toten weist. Und dann sehe ich sie. Zwischen den Holzteilen des Schranks liegt eine Pistole. Ich habe keine Ahnung von Waffen, aber sie scheint mir nicht allzu groß zu sein, schmutzig und mit unzähligen Kratzern übersät. Ich beuge mich vor und hebe die Waffe auf. Es ist eine ziemlich alte Waffe, das kann sogar ich erkennen. Ich versuche, den Abzug nicht zu berühren, halte die Pistole von uns weg, denn ich habe wahnsinnige Angst, dass ich etwas falsch machen und das Ding losgehen könnte. In einer Pappschachtel, die unter einem Regalbrett liegt, finde ich ein gefülltes Magazin und stecke es ein. Die Waffe macht mir Angst, und gleichzeitig fühle ich mich unbeschreiblich mächtig. Ich beschließe, sie mitzunehmen, und wickle sie vorsichtig in einen staubigen Kissenbezug. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wie man schießt.

Dann drehe ich mich um. Hope steht noch immer an derselben Stelle, die Augen weiterhin geschlossen. Vorsichtig gehe ich auf sie zu.

„Hope, wir müssen weiter“, sage ich und hebe sie hoch. Sie presst das Gesicht an meine Brust und ich spüre ihr Zittern. Ich trage sie zu Luke, der neben seinem Fahrrad steht. Er starrt mich an. Ich lese eine Mischung aus Angst, Verzweiflung und Wut in seinem Blick.

„Ich will nicht weiter“, sagt er, ganz ruhig und beherrscht.

„Aber wir müssen!“ Ich klinge fast schon verzweifelt. Bitte nicht, kleiner Bruder, bitte nicht auch noch du.

Luke schüttelt den Kopf. „Ich gehe aber nicht!“ Hope starrt ihren Bruder mit großen Augen an.

„Luke, bitte!“, flehe ich und versuche, ihn zu seinem Fahrrad zu schieben. Er tritt ein paar Schritte zurück und presst die Lippen zusammen.

Ich fühle mich leer. In diesem Augenblick will ich nichts weiter, als ganz weit weg sein. Ich will das doch auch nicht mehr. Ich will mich nicht mehr um die beiden kümmern. Ich will mich nicht mehr um mich kümmern. Ich will keine Leichen und keine Zerstörung mehr sehen. Ich will nach Hause. Ich will meine Eltern wiederhaben.

Du kannst das nicht mehr! Unvermittelt und plötzlich ist der Gedanke da. Wie ein Schlag gegen die Brust. Auch ich trete zurück, stolpere, Hope fällt aus meinen Armen auf den Boden. Ich stürze über einen Ast und finde mich auf der Erde wieder. Einige Sekunden ist alles still. Dann beginnt Luke zu weinen.

„Das wollte ich nicht“, schluchzt er, „ich will das alles nicht mehr!“

„Ich weiß“, antworte ich tonlos.

Hope läuft zu Luke und schlingt die Arme um ihn. Er hebt sie hoch und versucht, sie herumzuwirbeln. Dann stehe ich langsam wieder auf. „Wir sollten jetzt los“, sage ich so ruhig ich kann, aber meine Stimme zittert. Mein ganzer Körper zittert. Hope setzt sich auf den Wagen, ihre rote Mütze fest umklammert. Luke nimmt sein Fahrrad, und dann gehen wir weiter. Immer weiter.

Am Abend zeigt mir Luke, was sie alles in dem zerstörten Haus gefunden haben. Stolz steckt er mir eine große Klammer ins Haar. Ein paar der Zähne fehlen und die Spange hat ihre rote Farbe fast vollständig verloren, doch ich freue mich trotzdem wahnsinnig darüber. Hope hat eine Kette gefunden, deren Band aus Silber ist und an der ein in Silber eingefasster Onyx hängt. Dann sind da noch zwei Bonbondosen ohne Inhalt. Die eine nimmt Hope an sich und legt die Kette hinein, nachdem sie die Dose mit Gras ausgepolstert hat. Irgendwann bittet mich Luke, etwas zu singen. „Um die dunklen Wolken zu vertreiben“, sagt er. Doch ich weiß, dass die größten Wolken tief in uns drinnen stecken. Und um sie loszuwerden, bräuchten wir ein Wunder.

5

10. Mai

Wir wandern und singen. Ich singe, bis ich keine Stimme mehr habe. Ich singe alles Mögliche – Kinderlieder, Kirchenlieder, Lieder von den Beatles und von U2, von Queen und noch unendlich viel mehr. Ich singe alles, woran ich mich erinnern kann – ich singe, damit ich die Melodien und Texte, die mich seit meiner Kindheit begleitet haben, nicht vergesse. Ab und zu singt Luke mit.

Hope schweigt.

Natürlich.

Sie klagt nie, sie stolpert immer weiter, bis ich sage, dass es reicht. Es ist, als würden wir vor irgendetwas weglaufen, das uns irgendwann ohnehin wieder einholen wird. Was, wenn es nie besser wird? Was, wenn dieser Wahnsinn nie aufhört und der Traum vom Paradies niemals Wirklichkeit wird? Tagsüber versuche ich, nicht an so etwas zu denken. Ich muss stark sein, wie ich es zu Luke gesagt habe. Aber am Abend kommen alle ungebetenen Gedanken zu mir zurück, schweben über mir und lassen mich nicht schlafen.

So kindisch es auch sein mag, aber das Einzige, was mich in diesem Moment aufmuntern kann, ist das Glas Nutella in unserem Rucksack. Ich weiß, es wird irgendwann auch leer sein, aber es macht auch Luke ein wenig glücklicher. Und darüber bin ich froh, denn ich könnte es nicht ertragen, wenn er sich auch so zurückzieht wie Hope.

Hope. Wie viele Sorgen kann ich mir noch machen, bevor es mich zerreißt? Seit einer Weile verweigert sie wieder das Essen – Bissen für Bissen muss ich ihr aufzwängen. Nachts drängt sich mir die Frage auf, ob man an Kummer sterben kann.

Obwohl das Wetter mit jedem Tag besser wird und sich der Sommer mit den ersten milden Nächten ankündigt, kann mich das nicht über unsere ausweglose Situation hinwegtrösten. Ich weiß, dass ich immer und überall nach einem Platz suche, an dem wir irgendwann einmal bleiben können. An dem wir sicher sind. Aber ich wage nie, mich konkret zu fragen, was genau ich erwarte. So kann ich auch nicht enttäuscht werden. Ich bin es trotzdem.

Wir kommen an zerstörten Dörfern und Städten vorbei, ausgebrannt, von Gräben durchzogen. Erdbeben haben ganze Häuserzüge verschlungen. Es hat seit Wochen nicht geregnet und der einzige Fluss, der unseren Weg gekreuzt hat, ist kaum mehr als ein braunes, schlammiges Rinnsal. Wir brauchen dringend Wasser! Wir brauchen Hilfe!